Die rücksichtslose Energie des, mit dieser Namens-Unterschrift versehenen Briefes, macht uns höchst begierig etwas Näheres über die Leistungen eines Poeten zu erfahren, der Goethe’n so kurz und entschieden abfertigt; der mit den Unglücklichen, welche Goethe für einen Dichter zu halten, und von ihm günstig zu sprechen wagen, eben so wenig Umstände macht, als mit Schinkel und solch armen Leuten. — Es gelang unserenNachforschungen, nur eines Büchleins habhaft zu werden, welches 1833 in „Fr. Heinr. Brothe’s Verlagshandlung (?) zu Breslau“, alserstesBändchen, unter dem Titel: „Altdeutsche Schauspiele. Ihrer Schönheit wegen für die Bühne unserer Zeit bearbeitet von Karl Halling“ das Drama: „Fioretto“ enthält. Im Vorworte wünscht der Bearbeiter sich und dem Publikum Glück zu diesem aus tiefer Vergessenheit ins Leben gerufenen Funde! So etwas ist geeignet, beim Leser große Erwartungen zu wecken. Doch schon auf den ersten Seiten zeigte sich, daß dieser „Fioretto“ genannte Fund nichts anderes sey, als die aus Christian Weise’s keinesweges „vergessenem“ Zittauschen Schultheater entnommene: „Triumphirende Keuschheit!“ daß die „Bearbeitung“ in nichts weiter bestehe, als die Weglassung einiger allzuderben Ausdrücke! Solches Schauspiel für darstellbar auf öffentlichen Bühnen zu halten, setzt mindestens Ansichten voraus, die mit der Existenz des Theaters unverträglich sind.Aus der H.’schen Vorrede ist zu entnehmen, daß jenes „glückhafte Schifflein“ welches er (siehe die erste Zeile des Briefes) an T. sendet, auf eine 1828 in Tübingen verlegte Edition sich bezieht, unter dem Titel: „Joh. Fischarts glückhaftes Schiff von Zürich; in treuem Abdruck erläutert, mit bevorwortendem Beitrage von Ludwig Uhland begleitet.“ —AuchsollHerr H. in den Jahren 1833–35 sich in Breslau aufgehalten haben!
Die rücksichtslose Energie des, mit dieser Namens-Unterschrift versehenen Briefes, macht uns höchst begierig etwas Näheres über die Leistungen eines Poeten zu erfahren, der Goethe’n so kurz und entschieden abfertigt; der mit den Unglücklichen, welche Goethe für einen Dichter zu halten, und von ihm günstig zu sprechen wagen, eben so wenig Umstände macht, als mit Schinkel und solch armen Leuten. — Es gelang unserenNachforschungen, nur eines Büchleins habhaft zu werden, welches 1833 in „Fr. Heinr. Brothe’s Verlagshandlung (?) zu Breslau“, alserstesBändchen, unter dem Titel: „Altdeutsche Schauspiele. Ihrer Schönheit wegen für die Bühne unserer Zeit bearbeitet von Karl Halling“ das Drama: „Fioretto“ enthält. Im Vorworte wünscht der Bearbeiter sich und dem Publikum Glück zu diesem aus tiefer Vergessenheit ins Leben gerufenen Funde! So etwas ist geeignet, beim Leser große Erwartungen zu wecken. Doch schon auf den ersten Seiten zeigte sich, daß dieser „Fioretto“ genannte Fund nichts anderes sey, als die aus Christian Weise’s keinesweges „vergessenem“ Zittauschen Schultheater entnommene: „Triumphirende Keuschheit!“ daß die „Bearbeitung“ in nichts weiter bestehe, als die Weglassung einiger allzuderben Ausdrücke! Solches Schauspiel für darstellbar auf öffentlichen Bühnen zu halten, setzt mindestens Ansichten voraus, die mit der Existenz des Theaters unverträglich sind.
Aus der H.’schen Vorrede ist zu entnehmen, daß jenes „glückhafte Schifflein“ welches er (siehe die erste Zeile des Briefes) an T. sendet, auf eine 1828 in Tübingen verlegte Edition sich bezieht, unter dem Titel: „Joh. Fischarts glückhaftes Schiff von Zürich; in treuem Abdruck erläutert, mit bevorwortendem Beitrage von Ludwig Uhland begleitet.“ —
AuchsollHerr H. in den Jahren 1833–35 sich in Breslau aufgehalten haben!
Berlin, amerstenTage des Frühlings 1829.
Wohlgeborener Herr!Innigst verehrter Herr!
Glücklich wird hoffentlich mein glückhaftes Schifflein in Ihre Hände gekommen sein, als Sie von Ihrer Reise durch die Schweiz zurückgekehrt. Mein Geist segelte mit ihm, den Mann zu begrüßen, der schon seit meinen frühesten Jahren mir mein Inneres abgewann, und ich beneidete oft mein Büchlein um den Gruß, war oft mismüthig auf meinen Reisen, daß mich mein Weg nie zu Ihnen führen wollte, Sie von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, da ich außer Oesterreich so ziemlich ganz Deutschland und auch Sachsen durchwandert bin, aber leider in früheren Jahren nach Dresden kommen mußte, wo ich Ihnen aus Schüchternheit vorüberging.
Jetzt vergraben unter Büchern, scheint der Sonnenstrahl noch fern, welcher mich hervorrufen wird zu einer Wanderung nach Dresden, Sie zu begrüßen, und oft in Mußestunden erhoben und gestärkt durch Ihre herrlichen vaterländischen Werke, kann ich dem inneren Drange nicht widerstehen, der mit nothwendig macht, wenigstens schriftlich Ihnen, dem Manne, den ich von Tage zu Tage mehr bewundern lerne, näher zu treten.
Es wurde dieser Brief schon zu einem Gelübde an mich, als ich heimgekehrt zu Tübingen Ihren Sternbald wiederlas, der mich mit seligen Erinnerungen auf das Dürersfest nach Nürnberg, an das Grab unseres großen Meisters, vor seinSelbstgemälde, zurückzauberte, und dieses Gelübde löse ich jetzt.
Ich wollte Ihnen damals, innigst verehrter Herr, beikommende Gedichte zur gütigen Beurtheilung mittheilen, aber ich bin jetzt kühner, da mich kürzlich ein Freund aufgefodert, meine Gedichte einzeln in Zeitschriften erscheinen zu lassen, und zwar mit den Worten: „Glauben Sie mir, das Gute, Verdauliche muß wahren Heißhunger erregenbei denen, die sich an dem süßlichen Gesäure den Magen verdorben. Meinen Vorschlag nicht für ungut! (er kennt meinen Widerwillen gegen diese zeitliche Schriften) denn ganze Liedersammlungen wird man nicht mehr los.“ Ich bin jetzt kühner, da ich Ihre Ausgabe der Schriften Lenzens gelesen, die herrliche Einleitung bewundert, und die heute noch tauben Geschlechtern predigenden Worte mir tief ins Herz geschrieben habe.
Sie sagen daselbst, innigst verehrter Herr: „Ginge man mit demselben eifernden Glauben zur Sache (wie wir alle um das Alterthum kennen und schätzen zu lernen daran gehen müssen) um unsere Zeit, unser Vaterland, Eigenthümliches, und das Ehrwürdige unserer Geschichte und des neuen Lebens kennen zu lernen, so würde sich eine Gesellschaft von ächtenPatrioten bilden, die wohl einen Gegensatz zur Secte jener früheren Philologen (auch wohl noch der heutigen) machen könnte!“ — Wollte Gott!
Ich ward kühner durch dieses Wort, kühn genug Ihnen, innigst verehrter Herr, diese meine ersten dichterischen Versuche zu übersenden, mit der Bitte um ein streng richtendes Urtheil, und sollte es so günstig ausfallen, mit der Bitte um ein Vorwort.
Keimt nicht in der Brust jedes Jünglings der Wunsch, nicht spurlos der Welt vorübergehen? Ist nicht Mittheilung das erste Bedürfniß der jugendlichen Brust? Reicht man nicht manchem — unbekannten Bettler eine milde Gabe von seiner reichbesetzten Tafel? Ist nicht mancher schwache Arm stark unter Leitung eines weisen Führers, und ich daher vielleicht würdig unter Ihrer Fahne zu kämpfen, einzutreten in die heiligen Reihen jener Patrioten, die für Vaterland und deutsche Kunst leben und sterben wollen? wenigstens mich unter ihr dazu zu bilden?
Tollkühnheit und halben Wahnsinn möchte Mancher, der nie Wünsche und Regungen einer jugendlich stürmischen Seele kennen lernte, aus diesem Briefe erlesen, Sie nicht, innigst verehrter Herr, der Dichter nicht.
Vor drei bis vier Jahren schon hatte mein dermaliger Lehrer, Franz Horn, fast alle diese beigelegten Gedichte drucken zu lassen mir erlaubt, aber ich fühlte damals, was ich später erkannt: daß unsere Kunst heute kein Vaterland hat, darum war mein Entschluß, nicht eine Zeile eher drucken zu lassen, als bis ich der Welt das Vaterland meiner Lieder gezeigt, und bis heute habe ich es gehalten. Nur Hr. G. Schwab hat ohne mein Wissen das Lied „Wenn sie lächelte“ (Morgbl. 13. Febr. 1828) abdrucken lassen. Seither wie früher wiegten mich jene süße Zeit der Minne, jenes starke Heldenalter, jene wundervolle Mährchenwelt in selige Träume, Luther weckte mich,Hutten zeigte mir die Wunden meiner Jugendseele, Fischart heilte meinen Trübsinn: deutscher Himmel, Dürer und deutsches Volkslied waren meine Bildner, Göthe der Zügel wilder Fantasien, Shakespeare der Zauberspiegel der schönen Natur, wird so nichts aus mir — das fühle ich — so liegt es an meiner Kraft, nicht an meinem Willen.
Aber erproben muß jeder Jüngling seine Kraft, denn ohne Selbstvertrauen giebt es keinen Künstler und keine Kunst, und darum mit Hutten, ich habs gewagt! — —
Ich lege Ihnen zugleich, innigst verehrter Herr, zwei andere Kinder bei, die in der Zeit der Sehnsucht, die blaue Ferne des lieben deutschen Vaterlandes zu erschauen, entstanden sind. Sie mögen Ihnen meine Ansicht bewähren, mit der ich meine größeren Wanderungen antrat, und diese Ansichten reiften mehr und mehr bei mir. Ich sah die Weihequelle deutschen Gesanges, und die übrigen deutschen Blüthenländer, und es ward mir klarer, wie ein Dichter, der nicht im Geiste seines Volkes dichtet, kein wahrer Dichter sein kann. Wo ich hinüberschaute über die Gränze, hinter der unsere deutsche Sprache verhallt, fand ich eine andere Luft wehn. Ich vernahm, wie unser deutsches Land in allen Gegenden einen Grundcharakter hat, des Traulichernsten, der sich nirgends verleugnen kann, vernahm, daß unser deutsches Land das Gemüth Europas, das Herz Europas ist, und im Herzen erwacht die Kunst. Weil Europas Haupt mit dem ewig winterlichen greisen Silberhaare des Nordens umziert ist, weil sein Fuß zu leichtbeschwingt nach den Blüthenmelodien seines Himmels gaukelnd tanzt, darum muß im ewig reifen und ewig jugendlichen Herzen die höchste Kunst entkeimen und erblühen können, und zwar die romantische Kunst, die vom Fuße den reicher duftenden Blüthenstaub schütteln muß, um den Blick ernster, freier zu den Sternen zu schwingen. Shakespeare hätte in Italien nicht Shakespeare sein können.
Verschieden aber einstimmig zum schönsten Einklange stellen sich die deutschen Lande in ihrem Charakter dar, und können doch nur verschiedene Töne den Einklang bilden! Der Naturcharakter schafft den in ihm athmenden menschlichen, er ist der Erzeuger desselben, des eigenthümlichen Volkscharakters, Volksgeistes, und wie dieser der Einklang der einzelnen Seelen des Volkes, so ist jener Naturcharakter auch mehr im Einklange als in seinen einzelnen Tönen wahrnehmbar, und daher die Aehnlichkeit beider, daher muß jeder wahre Künstler ein Priester seines Volkes sein, seines Himmels, muß im Geiste seines Volkes dichten, wenn er bei der ewigen Meisterin des Schönen, der Natur, wie Shakespeare in die Schule gegangen. Wer das nicht kann, hat wahrlich nicht in ihr die weite empfängliche Knabenseele mit schönen Keimen gefüllt, um sie als Jüngling oder Mann erblühen zu lassen, auszuhauchen, sondern er hat wie drei Jahrhunderte Deutschlands mit dem Siebe der Danaiden Wasser geschöpft, und wußte es nicht, oder ist wie Göthe auf dem rechten Pfade ermüdet. (!) Warum ist der Baier nicht Schwabe, der Preuße nicht Rheinländer, und doch sind alle Deutsche? Man besteige in München den Frauenthurm, in Schwaben den Hohenstaufen und die Waldburg am Bodensee, den Niederwald bei Bingen, den Marienthurm in Berlin, die Koppe in Schlesien, schaue hinaus in die blaue Ferne, und man wird das Räthsel gelöst finden. Wie seine Sprache so muß der Geist anders tönen, aber immer ein Deutscher. Wer Griechenland nie sah, nie das Hochland der Schotten, nie die Wiege der Eddalieder und der Nibelungen, wird diese, den Ossian, den Homer, nur halb bewundern, geschweige in ihrem Tone dichten, aber dennoch, fehlten alle örtlichen Beziehungen in jenen Werken, würde man jeden Gesang in seinem Vaterlande suchen. Und weßhalb? deßhalb, weil jene ersten Sängernurden Einklang ihrer Mutter Natur zu Meistern hatten. Hätte Deutschlandnichts von Rom und Griechenland, von seinem Himmel, seinen Blüthen gewußt, wäre der Pfaffenschwindel nicht einst Meister geworden des deutschen — Gemüthes, hätten wir die ersten uns übrigen Stimmen seines Gesanges, seiner Malerei, die Natur im Blicke weiter gesungen, weiter gebildet, es sollte heute die Welt diesen Künsten wie unserer Musik huldigen. Der Form und alter Ueberbleibsel entbehrend,konnte sie weniger nachäffen, und darum reifte Mozart in unserem Vaterlande. Heut zu Tage zwingt sie sich dazu, und darum fällt sie von ihrem Gipfel. Wenn unsere Maler den reinen Spiegel der entkeimenden Knabenseele an Italienischen Fluren und Gemälden nährten und färbten, möchte es ihnen vielleicht gelingen, und doch nur vielleicht, Raphael zu copiren (weiter wollen sie nichts); die schon begehrende mannbare Jünglingsseele (wie die Sternbalds) verliert sein züchtiges Vaterland aus den Augen vor den üppigen Hüften, vor dem schwellenden Busen Italiens, und mit ihm die jugendliche Weihe zum Künstler. Kaum erträgliche Zeichner und Kopisten, die Italien umschlingen möchten, Deutschland nicht lassen können, solche Halbheiten, solche Zwittergestalten sendet uns Italien zurück, und das Modegeschlecht unserer heutigen Welt läßt sich kitzeln durch das tanzende Farbenspiel, da es selbst nur ein halbes Geschlecht ist. Sternbald könnte vielleicht noch gerettet werden, weil er das Traumbild seiner Einbildungskraft in Rom selbst findet, weil das seine lüsterne Seele in vorige Schranken bringen kann, und es ihm unter deutschen Blüthen entkeimte. Göthe ward der Meister des deutschen Herzens selbst in der verbildetsten Zeit, Gemeingut des deutschen Volkes bis er nach Italien ging. Bis dahin war der deutsche Himmel der Hintergrund seiner Gemälde, und der verbildetste Mensch kann da, wo es Mode gestattet, die Mutterbrust seines Vaterlandes, die ihn wachsen ließ, nicht lieblos von sich weisen. Seit er zurückgekehrt aus Italienfindet man seine Schriften nur im Zimmer der panartigen Gelehrten im Golde des Herzens gebunden, und das wird ihr Loos sein bis an der Welt Ende. Mozarts Opern, und Shakespears Schauspiele haben stets ein volles Haus, Zuhörer und Bewunderer vom Berliner Lampenputzer bis zur Krone hinauf. Das ist das größte Lob eines Kunstwerks. Shakespeare ist ganz Britte, und darum ein den Deutschen verwandter Geist, darum die Sonne, die allen künstlerischen Gestirnen Licht geben soll. Eine Gemeinbildung der Kunst wird es erst dann geben, wenn es keine Natur mehr giebt.
Mit solchen Gedanken wanderte ich, kehrte ich heim, besuchte Franz Horn und sprach ihm eines Abends in einer Damengesellschaft meine Ansicht aus, da der Lauf des Gespräches uns darauf führte. Mein obiges Wort über Göthe war ihm Ketzerei, und ohne ein Wort zur Widerlegung, gebot mich seine Autorität zur Ruhe, meine falsche Ansicht einzusehen. Ich ihres Schwertes entwöhnt entgegnete, freilich mit einem zu rauhen Studentenausdrucke, der als solcher nicht so gewichtig sein konnte: es sei doch unleugbar in der neuesten Ausgabe seiner Schriften erbärmliches Zeug enthalten. Horn donnerte: „wie können Sie sich unterstehen mir das Wort auszusprechen!“ Ich sagte kalt: „man kann nie willkürlich jemandem seinen Verstand unterordnen.“ Er fühlte sich getroffen und schwieg. Seine Frau Gemahlin nahm auf meine Antwort jetzt sehr unzeitig das Wort und sagte: „dann sind sie nicht Horns Schüler, dann sollten sie Horns Kreis meiden.“ Ich ging, er ließ mich gehen, und ich freue mich heute, daß der Nebel, in den Dankbarkeit mir den Mann hüllte, fallen durfte, um mich noch früh genug über die geistige Größe des Mannes belehren zu lassen.
Hier habe ich Ihnen, innigst verehrter Herr, die Hauptcharakterzüge unserer Berlinischen Kritik über Kunst gegeben. Wen nun nicht Göthe entweder durch Misverständniß seinerSchriften fesselt, oder wie Horn, durch zugesendete Exemplare zu geistigen Sclaven macht (wirklich empfing Horn 1825 ein Exemplar des neu aufgelegten Werther zum Andenken) den macht heuer Hegel kopfverdreht theils durch den Dunstkreis seiner philosophischen Terminationsausdrücke, theils durch manche wirklich vortreffliche Ansichten, die aber wiederum einseitig und starkgläubig an Göthes späterer Richtung (nach der Mittagstunde) kleben, und um, wie es scheint, in diesem Halbjahre ganz Berlin mit Sturm für Göthe zu erobern, las er (Göthische) Philosophie der Kunst, und ein milchbärtiger Schüler von ihm, HerrDr.Hotho, einpublicumdirect über Göthe, und hatte ungefähr ein Auditorium von 400 Personen. Da ist denn auch, innigst verehrter Herr, Ihre Einleitung zum Lenz übel weggekommen, doch war sein Urtheil milchbärtig wie sein Kinn. Junge Leute pflegen nur zu vergöttern oder zu verdammen, und geht es mir selbst vielleicht doch manchmal so. Aber schlimm ist es, schlimm fürwahr! Denn zehn Sperlinge überschreien doch wohl eine Nachtigall. Wer nicht Göthe vergöttert, weil es einmal hergebracht, sondern ruhig bei sich denkt, was hätte dieser große Mann durch sein Genie seinem Volke werden können, seinem Vaterlande, seiner Kunst ohne Wanken nützen können, wer nicht wie Hegel und Hotho unsere alten heiligen Gesänge verdammt, kommt in den Verdacht, so wenig jenen als diese verstanden zu haben, und davor hütet sich die eitle Welt. Viel gelehrte Worte, wenn auch nur ein Gänsehirnchen dahinter, thut nichts! Der große Schnabel muß alles verdecken.
So sind unsere Maler, nicht viel besser unsere Bildner, aber am abgeschmacktesten der vom Olymp selber stammende Baumeister Schinkel. Wenn der gute Mann von der ganzen Griechischen Kunst mehr weiß, als wie ungefähr jonische Säulen mögen ausgesehen haben, so laß ich Kopf und Kragen. Und dieser Verkleisterer des Schönen schwingt sich auf denFittigen des Ruhmes durch alle Lande! Was ist dieses Würmchen gegen die Meister des Domes zu Köln, der Kirche zu Oppenheim, des Münsters zu Straßburg, und ihre Namen sind fast vergessen! was ist diese Säulenflickerei gegen jene Werke, dieser Säulenfabrikant gegen jene Meister? Mein Gefühl beim Schauen dieser Riesenwerke spricht Sternbald aus. Darum kein Wort als „Heil uns Deutschen,“ denn nur ein deutscher Geist vermochte sie zu ersinnen, zu erschaffen, vermochte Millionen Töne, jeder würdig das Leben eines Künstlers auszufüllen, zu einer, einer großen Himmelsharmonie zusammen zu stimmen. Nur ein Deutscher vermochte es, weil unsere heidnischen Väter durch die Natur gedrungen, in ihrer Religion schon Himmel und Erde versöhnten; denn in ihren heiligen Hainen rauschte und wehte der ernste Gott, wie später in den Münstern des Mittelalters.
Zurück zu Schinkel. Weil man nie ein Wohnhaus in deutschem Style sah, da jede Stadt selbst wehrhaft den Raum sparen mußte, in jedem Kriege ein kostbares Werk der Zerstörung Preis gegeben sah, glaubt dieses Baumeister-Gewürm, nur Kirchen gezieme der Styl (gothischer genannt), hält diesen auch wohl noch für katholisch, erzkatholisch, und drum heute unbrauchbar, und denkt nicht an das Capital der Säule im Münster zu Straßburg, was den freieren Geist des gewaltigen Erwin von Steinbach aussprach, von ihm gleichsam zum Verständniß des ganzen Werkes, ein kräftiges Epigramm auf die Pfaffen seiner Zeit, hingestellt war. Heute ist es zerstört, da Fischart den Sinn des Meisters vor das Auge der großen Welt führte, aber es war doch da. Wer ein solches Werk schaffen konnte, mußte Gott anbeten im Geist und in der Wahrheit. Sollte diese Bauart von einem — denkenden Künstler auf weltliche Bauwerke nicht anzuwenden sein, da in unsere Eichenhaine doch auch der freundliche Sonnenstrahldringt, und jedes Blatt den Fuß zu heiterem Tanze schwingt? Ist das nicht möglich, so ist jene Gothisch genannte Baukunst auch keine deutsche, und paßt nicht zu unserem Himmel. Lernten doch unsere Künstler erst selber denken, dann ginge alles und würde alles gut!
Weil wir in einem militärischen Staate leben, so scheint es, glaubt der große Schinkel auch seine Kunst der militärischen Disciplin überantworten zu müssen. Denn um an seinem Museum die Kahlheit des oberen Gesimses zu verbergen, setzt er auf die Vorderseite eine Reihe Adler hin, die in Reihe und Glied, Augen rechts, Augen links, wie die Soldaten im Lustgarten aufgepflanzt stehen, und aus ihrer dreijährigen Militärischen Dienstzeit was profitirt zu haben scheinen. Hätte er ihnen nur Patrontaschen, Säbel und Gewehre umgehängt, dann wären dieses Creaturen doch für polnische Rekruten als Vorbild brauchbar. Das ist Schinkels griechische Kunst!!! Ich wollte im Herbst schon einmal in hiesigen Zeitungen wohlthätige Beiträge sammeln, um den armen nackten Wesen oben auf dem Museum bei hereinbrechendem Winter Hosen und Wams machen zu lassen, damit sie nicht erfrören oder sich erkälteten in unserem Klima. Denn wahrlich es friert einen, wenn man sie anschaut, wie sie sich mit ihren Rossen tummeln möchten und doch nicht können. Unsere Väter fühlten unser Klima und stellten ihre Figuren immer unter ein kleines Dach von Verzierungen.
Unser Theater giebt meistens aus dem Französischen übersetztes schales Zeug, oder Opern wie Spontinis, wo alle Mittel ersonnen werden, dem Hörer (nicht durch Musik) die Ohren zu stopfen, so daß eine ehrbare hiesige Bürgerfrau, die aus einer der Opern kommend, den Tambour gegenüber trommeln hört, ausruft: „Gott sei Dank, doch einmal wieder vernünftige Musik.“ — Der Don Juan ist über ein Vierteljahrnicht gegeben worden. — Nur Devrient ergötzt mich manchmal in Shakespearschen Rollen, für die er geboren ist, wie die Rollen für ihn.
In Gesellschaften darf man von solchen meinen Ansichten nicht eine Silbe fallen lassen. Rings um mich her kein Freund, der dächte wie ich, oder den Hegel nicht abwendig machte, und doch ist Mittheilung das erste Bedürfniß der menschlichen Natur. Da sitze ich nun vergraben unter meinen Büchern, und suche und finde nur Freude und Stärkung in Ihren und Herrn von Schleges (?) Schriften. Aber die Quelle braucht ein Bette um zu strömen, der Gedanke das Wort. Was Wunder! wenn meine jugendliche Brust die hemmenden Felsen wogend zerschmettert, die meiner Kühnheit drohn, mich fern halten von Ihnen. Sollten Sie um deswillen nicht Nachsicht mit mir haben? Gewiß! Sie haben den Sternbald geschrieben. Und muß sich doch heute jeder junge Autor gleich beim ersten Auftreten zu einer Partei bekennen, wenn er nicht gleich von den orthodoxen, starkgläubigen aber schwachverständigen Göthianern als Spion an den ersten besten Baum aufgeknüpft werden will, oder sich von ihren zahnlosen Gebissen (nicht zerfleischen) aber angnurren, und wacker zausen lassen mag, daß ihm Hören und Sehen dabei vergeht.
Und unter solchen widrigen Gestirnen soll und muß sich meine Seele in einem größeren Dichtwerke ergießen, das nach vier Lehr- und Wanderjahren endlich gereift, muß sich ergießen, da mir die Seele überhoch angeschwollen. Und dieses Werk, das beinah fertig, und von meinen Bekannten trotz ihrer abweichenden Ansichten von Kunst zu meiner großen Freude doch einstimmig gelobt wird (ich habe noch kein Urtheil über dasselbe) dieses Werk möchte ich mit meinen Gedichten gern anmelden, wenn diese nämlich ganz reif sein sollten.
Wie würde mich daher ein verzeihendes Wörtchen ausIhrem Munde, meine Kühnheit milde richtend, in meiner Einsamkeit emporrichten! wie vollends erquicken, wenn diese Lieder, trübe Klänge aus meinem Jugendleben, in ihm einiges Lob erhielten, wie beseligen, wenn sie würdig wären mit Ihrem weihenden segnenden Vorworte (der milden Gabe an einen unbekannten Bettler) schön bekränzt in die Welt zu treten! Jede jugendliche Brust wogt heute auf in mächtigem Selbstvertauen, und füllt sich morgen mit Strömen von Unmuth, von Zweifeln an seiner Kraft, Misfallen an seinen Erstlingen, bis sie einen Stab fand ruhigeren Schrittes zu wandern, und so die meine. Drum kann ich nur mit wenigen Blättern hervortreten, obwohl junge Autoren gern starke Bücher schreiben. Ich muß es daher (um nicht zu wenig jung zu erscheinen) durch weitläuftigen Druck und starkes Papier er erzwingen suchen. So würden sie ja wohl ein Bändchen füllen.
In der That fehlte oft nicht viel, ich hätte die meisten der Lieder, unwürdig ihres Gegenstandes, zerstört, nur seit Herr Prof. Gustav Schwab das erwähnte Lied hat drucken lassen, und zwar mit lobendem Motto, gewann ich dauernderes Vertrauen.
Darum bitte ich nochmals um Verzeihung für meine Kühnheit, und um ein recht strenges Urtheil, wenn Ihre gemessene Zeit es Ihnen, innigst verehrter Herr, gestatten sollte.
In tiefster innigster Verehrung und Hochachtung empfiehlt sich voll ängstlicher Erwartung verharrend
Euerer Wohlgeborenganz ergebenster DienerStud.Karl Halling.Alexanderstraße Nr. 27. beim Hauptmannv. Frankenberg wohnhaft.
Euerer Wohlgeboren
ganz ergebenster Diener
Stud.Karl Halling.
Alexanderstraße Nr. 27. beim Hauptmannv. Frankenberg wohnhaft.