Hegner, Ulrich.

Geb. 1759 in Winterthur, gest. am 3. Jan. 1840 in Zürich, als Regierungs-Mitglied. —Dessen 1812 erschienene Erzählung: die Molkenkur hat wohl die meiste Verbreitung gefunden. Ueber „Saly“ gingen die Urtheile sehr auseinander; Solger z. B. stimmte mit Tieck’s günstiger Meinung wenig zusammen.Seine „Gesammelten Schriften“ sind in fünf Bänden (1828) ausgegeben worden.

Geb. 1759 in Winterthur, gest. am 3. Jan. 1840 in Zürich, als Regierungs-Mitglied. —

Dessen 1812 erschienene Erzählung: die Molkenkur hat wohl die meiste Verbreitung gefunden. Ueber „Saly“ gingen die Urtheile sehr auseinander; Solger z. B. stimmte mit Tieck’s günstiger Meinung wenig zusammen.

Seine „Gesammelten Schriften“ sind in fünf Bänden (1828) ausgegeben worden.

Winterthur, 17. August 1831.

Ihr Brief, mein verehrter Freund, (wer meine Kinder liebt, ist mein Freund, und verehrt war mir der Name Tieckschon lange) hat mir große Freude gemacht; ich hab ihn erst den 28. Juli erhalten, und seitdem einige kleine Reisen unternommen, die mich an der Antwort hinderten. Aber was soll ich Ihnen antworten, lieber möchte ich Sie sehen und sprechen, da wollten wir uns bald verstehen! Denn wenn ich Ihnen jetzt von dem wohlthätigen Eindruck schreibe, den Ihre Schriften, besonders Sternbalds Wanderungen, vor Jahren auf mich gemacht haben, so sieht das aus, wie ein schuldiges Gegencompliment, weil unsre nähere Bekanntschaft erst angeht und wir einander noch persönlich zu fremde sind. Und doch ist es wahr, ein köstlicher Fund war mir damals jenes Buch, so wie die Phantasien über die Kunst und Phantasus. Die schöne, einfache Sprache, echte Empfindung, der zarte originelle Sinn, und die menschliche Schätzung des Höheren, die ich darin fand, waren mir tröstende Erscheinungen in einer düstern Lage, wo ich mich gerade von dem Gegentheil jener schönen Eigenschaften umgeben glaubte. Daher ist mir der Handschlag, den Sie mir bieten, höchst willkommen, und an mir soll es nicht fehlen, denselben auf das freundschaftlichste zu erwiedern.

Sie verlangen einige Aufschlüsse über die Entstehung von Saly. — Bis zu unserer Revolution bekleidete ich eine Stelle, die schon seit bald dreyhundert Jahren auf meiner Familie beruhte, und mich mit Hohen und Niedern bekannt machte, die Landschreiberey der Grafschaft Kyburg. Durch die politische Veränderung hörte dieß sogenannte aristokratische Privilegium auf, ich kam von der Stelle weg, und nach Zürich in das Appellationsgericht, das damals wie beynahe alle andre Behörden größtentheils mit Revolutionsmännern besetzt war. Da lernte ich nun alle politischen Partien (ich war von keiner, weil beyde extravagirten) und ihr geheimes Treiben ziemlich genau kennen, um so viel besser, da ich drey Jahre im Hause und am Tische Lavaters lebte, dessen thätiger Geistund Vielwirksamkeit von allen Seiten in Anspruch genommen ward. So drängte sich in mir ein klares Bild jener merkwürdigen Tage zusammen, und ließ mir keine Ruhe, bis ich es auf’s Papier warf, als einen Spiegel jener Menschen und Zeiten, wobey ich aber, alle Porträte sorgfältig vermeidend, es in den Roman einkleidete, der, wie seine Anlage zeigt, weiter ausgeführt werden sollte. Allein als ich bis zum wirklichen Ausbruche der Umwältzung und der neuen stürmischen Organisation kam, fiel mir die Feder aus der Hand, weil ohne individuelle Bezeichnungen, und dadurch unausbleibliche Störungen meiner Ruhe, das Geschichtliche nicht weiter hätte fortgeführt werden können. So blieb das Bruchstück mehr als zehen Jahre lang liegen, und kam nur in die Hände weniger Freunde, bis es endlich, nachdem die erste Molkenkur schon lange erschienen war, den Weg unter die Presse fand. In der Schweitz wurde es häufig gelesen, in Pallästen (hätte ich bald gesagt, wenn wir welche hätten) wie in Hütten; aber nie wäre mir ein Gedanke daran gekommen, (weil es so ganz örtlich und vaterländisch ist) daß es auch auswärts theilnehmende Leser fände. Desto besser, weil unerwartet — und eine große Ehre und Freude für mich, daß selbst ein Tieck dem Werklein seinen Beyfall gibt. — Meine Absicht war, und spuckt mir noch zuweilen im Kopf herum, den alten christlichen Weltweisen in Brem (weggerissen).... aus der aufgestörten Schweitz hinweg und mit einigen (abermals weggerissen)... nach Holland ziehen zu lassen, und Klara sollte ein Tagebuch darüber führen. Aber wie es geht, wenn man eine Arbeit lange beyseits gelegt hat, man fängt unterdessen andre an, und kann und mag nicht mehr an die alte gehen.

So viel von mir. Jetzt wünschte ich aber hinwiederum auch etwas von Ihnen zu hören, das heißt, von Ihrem Leben und Treiben. Ich glaubte, Sie lebten in Berlin, jetztsehe ich, daß Sie in Dresden sind; wollen Sie mich nicht auch etwas von Ihrer persönlichen Lage wissen lassen? Ich lebe hier in einer kleinen Handelsstadt, wo ich (ich weiß nicht, soll ich sagen leider oder nicht) gar keinen litterarischen Umgang habe, und nichts von vorzüglichen Menschen erfahre, als was ich aus Journalen herausbringe. — Gibt es kein gestochenes Bild von Ihnen, damit ich mir auch eine leibliche Vorstellung von Ihnen machen könne? Begreift der angekündigte Shakespear seine sämmtlichen Schauspiele und eine ganz neue Uebersetzung? Sind die Gedichte schon heraus? — Kurz wenn Sie mich mit einem Briefe erfreuen wollen, so thun Sie es bald, und lassen mich auch so genannte Kleinigkeiten von Ihnen wissen, denn diese sind von Männern, die man schon lange im Großen kennt und schätzt, nie unbedeutend.

Herzlich grüßendder IhrigeU. Hegner.

Herzlich grüßend

der Ihrige

U. Hegner.

Addr.:V. Hegner zum Frieden(denn es giebt hier noch mehrere meines Geschlechts — ohne weitern Titel).

Hrn. Brekling bitte zu grüßen. Er schreibt mir zuweilen, gibt mir aber seine Addresse nie, so daß ich nicht antworten kann.

Winterthur, 17. Febr. 1829.

Ich habe, Verehrtester, etwas auf dem Herzen, das ich abladen muß. Schon Herr Reimer schrieb mir aus Dresden, daß Ihr Aufenthalt allhier Sie nicht nach Erwartung befriedigt habe, und Hr. Follen hat mir dieß neulich noch des weitern bestätigt. Da es mir nun schmerzlich wehe thäte, mein liebevoller Tieck, etwas von Ihrer Achtung zu verlieren, sofühle ich mich zu einiger Erklärung meinerscheinbarenZurückhaltung gedrungen.

Von Kindheit an war ich ein sehr einsamer Mensch, wodurch ich mir eine anfängliche Verlegenheit unter Fremden zugezogen habe, die ich mir nicht mehr abgewöhnen kann. Sie hingegen sind ein in Gesellschaft verbreiteter Mann, von leichtem Umgange. Sie sprechen sehr gut; ich kann gar nicht sprechen, das macht mein Reden mir selbst langweilig, (weggerissen)... andern. Und so geht, ehe ich zum vertraulichen Worte komme, gewöhnlich die Zeit verloren.

Hätte ich Sie nur ein paar Tage allein bey mir, so würden unsreopposita, alsdannjuxta se posita, statt schroffer sich zu zeigen, wahrscheinlich bald in Einklang kommen; denn im Grunde sind wir doch Eines Geistes (wenn auch nicht quantitativ), und der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch äußerlicher Angewöhnung ist wenig nütze, ist Unkraut, das wenn es auch heute noch stände, schon morgen in den Ofen geworfen seyn würde.

Ich hätte freylich auch gewünscht, länger mich mit Ihnen unterhalten zu können, aber da Sie äußerten, daß Sie nach Tische verreisen wollten, so mußte ich doch vor Tische gehen; ich besorgte überdies die Frauenzimmer zu geniren. Hätten Sie mir nur ein Wort vom Bleiben gesagt, wie gerne wär ich geblieben!

Nehmen Sie diese Herzenserleichterung auf, wie sie gemeint ist, theurer Mann, als den Wunsch, nicht in Ihrem freundschaftlichen Andenken verloren zu haben, und lassen Sie mir dasselbe ferner gewähren!

Ulrich Hegner.

Ulrich Hegner.


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