Dramatischer Schriftsteller, als dessen bedeutendstes Werk die Tragödie: Tiberius Grachus genannt wird. Er soll, wie wir vernehmen, jetzt in Dresden leben.Seine Briefe, von denen besonders der erste Zeugniß giebt des allgemeinen Vertrauens, welches die poetische Jugend zu dem heitern Greise nach Dresden zog, gehören als Lichtpunkte in dieses, aus vielfachen Zuschriften hervortretende Bild Meister Ludwig Tieck’s.Es sind übrigens drei Briefe Herrn H.’s aufbewahrt; den mittleren, die geistreichste Schilderung einer in Hamburg stattgehabten Repräsentation enthaltend, haben wir unterschlagen zu müssen geglaubt, weil er Darsteller, Publikum und den Verfasser eines „vaterländischen Schauspiels“ mit all zu bittrem Humor, wenn gleich noch so witzig, geißelt. Wär’ es uns gelungen, des Briefstellers Adresse zu erhalten, dann würden wir uns die Erlaubniß von ihm dafür erbeten haben; ohne diese wagen wir die öffentliche Mittheilung nicht.
Dramatischer Schriftsteller, als dessen bedeutendstes Werk die Tragödie: Tiberius Grachus genannt wird. Er soll, wie wir vernehmen, jetzt in Dresden leben.
Seine Briefe, von denen besonders der erste Zeugniß giebt des allgemeinen Vertrauens, welches die poetische Jugend zu dem heitern Greise nach Dresden zog, gehören als Lichtpunkte in dieses, aus vielfachen Zuschriften hervortretende Bild Meister Ludwig Tieck’s.
Es sind übrigens drei Briefe Herrn H.’s aufbewahrt; den mittleren, die geistreichste Schilderung einer in Hamburg stattgehabten Repräsentation enthaltend, haben wir unterschlagen zu müssen geglaubt, weil er Darsteller, Publikum und den Verfasser eines „vaterländischen Schauspiels“ mit all zu bittrem Humor, wenn gleich noch so witzig, geißelt. Wär’ es uns gelungen, des Briefstellers Adresse zu erhalten, dann würden wir uns die Erlaubniß von ihm dafür erbeten haben; ohne diese wagen wir die öffentliche Mittheilung nicht.
Dresden, d. 30. März 1842.
Hochgeehrter Herr Hofrath!
Es muß befremden, wenn ein ganz unbekannter junger Mensch ohne irgend welche Empfehlung es wagt, sich schüchtern Ihnen zu nahen, und vielleicht läßt sich diese Kühnheit nur durch die tiefe Begeisterung rechtfertigen, die ihn fast wider Willen zu Ihnen getrieben. Findet doch auch der Dürftige ein Gehör beim Reichen und blickt doch der einsame Wanderer viel sehnender nach der Sonne als tausend Andere; lacht sie doch Allen gleich; nur freilich in dem Einen blos behagliche Wärme, in dem Andern glühende Kraft weckend! Gewiß Sie grollen mir nicht! Ihre Werke haben mich zu sehr entzückt, und trotz aller Demüthigung so erhoben und begeistert, daß ich Dresden nicht verlassen kann, ohne Ihnen, wäre es nur einmal, die liebe wunderspendende Hand gedrückt zu haben! Aufzuweisen habe ich nichts, als ein warmes für Poesie und deren gegenwärtigen Choryphaen glühendes Herz! Ahnen und Empfehlungsbriefe verlangt nur der Alltagstroß. Ich stehe nach vielen Kämpfen auf einer Bahn, die ich trotz aller Schwäche nie verlassen werde. Zwei Jahre studierte ichJura— es war unmöglich — lieber einen Trunk Wasser in den Wonnegärten der Poesie, als Weinschläuche und Goldkisten im dürren Sand! Unter Stürmen gedeiht keine zarte Blume. Gedichte in Masse — Entwürfe, aber nichts Ganzes! Fester Wille wühlt erst das Bett dem Strom, auf dem dann leicht und tönend die Wellen hüpfen! Aus tiefster Einsamkeit nahe ich Ihnen, vielleicht daß Sie mir später wehrend oder ermunternd ein Wort von Ihnen gönnen! Ich fühle ganz meine Kühnheit — doch der Jüngling ist einmal kühn! Veröffentlicht habe ich noch nichts, werde es auch sicher sehr spät thun— doch der Strebende lauscht in der Einsamkeit nach dem Himmel — ein Gottesurtheil zu hören! Ein Wort von Ihnen wiegt Millionen Andrer Worte auf! Bei mir habe ich leider gar nichts. Vor der Hand studiere ich in Leipzig, sehne mich aber fort — meine Umstände sind nicht schlecht — Musik allein kann mich einstweilen ernähren, wenn die Poesie durch Sie mich noch jetzt aus ihrem Tempel weist — bürgerliche Verhältnisse widern mich an — frei und ungebunden — oder todt! Gegen Leichtsinn schützen Erfahrungen und frühe Krankheit. — Literarische Bekanntschaften habe ich gar nicht. Bin zum Mitsprechen noch zu jung, zum Journalklimpern zu alt, was doch mehr Eitelkeit als wahres Streben verräth. Ich studiere Philosophie und wünschte später die Bühne zur Bühne. Schwache Versuche dazu wage ich noch nicht, Ihnen zu zeigen. Vor ganz kurzer Zeit war ich Zeuge des vielleicht schönsten aller Feste, des 80. Geburtstags eines edlen rüstigen Greises im Kreise seiner Enkel. Jeder Enkel wollte etwas bringen, die Kräfte sind sehr schwach — viele Rücksichten — ein Kunstwerk kann da nicht werden. Doch da ich dies Einzige bei mir habe, so erlaube ich dies prosaische Heftchen beizulegen. Darf ich es Freitag 4 Uhr abholen? Und nun die Hauptbitte und der nächste Zweck dieser kühnen Zeilen: darf ich vielleicht ein Eckchen mir erbitten, um einer Ihrer Vorlesungen — oder vielmehr ihren Poesienströmen zu lauschen? Was hat doch der glückliche Empfohlne vor dem einsamen Enthusiast voraus. Nur einmal Sie sehen und hören! Es staunen ja so Viele den Lenz an — doch wie verschieden sind der Staunenden Empfindungen dabei! Nicht Neugier — die tiefste Begeistrung treibt mich, die Sie für Ewigkeiten in mir genährt haben!
IhrSie tiefverehrenderMoritz Heydrich,st. ph.
Ihr
Sie tiefverehrender
Moritz Heydrich,st. ph.
Hamburg, 30. October 1846.
Hochverehrter Herr!
Mit innigstem Entzücken erhielt ich so eben Ihr freundliches Schreiben, in dem Sie meinen Wunsch wegen Durchlesung des Mspt. so herablassend erfüllen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie bei Ihrer so vielseitigen Thätigkeit und Beanspruchung sich meiner Sache annehmen würden, und da ich ein Engagement in die Nähe Bremen’s nach Bremerhaven angenommen, so gab ich das Mspt. einem Freunde, der es gern lesen wollte, und mir Aussicht wegen eines Verlegers versprach. Jenes Zigeunerkünstlerengagement in Bremerhaven ist in meinem so höchst contrastreichen Leben des Allerseltsamste, und wiewohl diese etwas excentrische Reise mir jezt an Erfahrungen und Bildern eine wahre Humorfundgrube ist, so war sie doch in der Gegenwart ein wahrhaft grauenvoller Anblick des Lebens und Treibens reisender Bühnen. Wann wird diese schmachvolle Theatermisère in Deutschland einmal enden? Wann wird eine wahrhaft kunstsinnige Leitung junger Talente ähnlich wie in Frankreich auch bei uns eine anständige Theaterschule begründen? Ja wären es noch Sheakspearische „Zettels“ diese Schneider und Schuster-Directoren — aber es sind eben nur Gauner und Gaukler. Ich habe dort freilich Rollen genug zu spielen gehabt, auch mit 5 Musikern und 1½ Singstimme den Freischütz dirigirt, aber das Kunstinstitut widerte mich schon am ersten Tage namenlos an. Die Methode des Spielens war ziemlich holzhackermäßig. Früh 6 Uhr bekam man eine Rolle von 2–12 Bogen, die Probe war 10 Uhr und die Vorstellung davonam nämlichen Tage. Dennoch spielten sie Alle so, als wären sie Ludwig Devrient’s, und Einige versicherten mich, ihr Genie werde schrecklich verkannt. Gott sieht das Herz an! würde Sancho bei ihrem Spiele gesagt haben, die Polizei steckte aber den Einen ein, weil er Gaunerrollen im Leben studirte. Dabei behauptete der Director, seine Bühne sei eine Kunstbühne, und versprach mir, mich zu bilden; als ich beim Hinausgehen gerührt nach meinem Taschentuche suchte, war es leider verschwunden. Und solcher Bettelbanden giebt es hunderte, bei denen oft gute Talente und Grund und Boden, in Schlamm und Koth versinken. Ich hätte mich verachten müssen, wäre ich bei dem Packe geblieben, gebe aber die Anschauungen dieser ewigdenkwürdigen Reise nicht verloren, sondern denke, sie einst zu gestalten. Wiewohl ich Aussichten nach Schleswig habe, so ist doch das Verhältniß dort etwas unsicher, und den Weg durch Winkelbühnen gebe ich entschieden auf. Lieber die kleinsten Rollen, aber nur bei einer anständigen Bühne. Da ich Gottlob Mittel habe, um neben Klavierstunden anständig zu leben, so wird sich wohl früher oder später etwas Solides für mich finden. Inzwischen wird es mir beinahe Lebensbedürfniß über mein Buch einen Aufschluß zu bekommen. Ich hab’ es sogleich hieher zitirt, und schicke es dann sogleich, mag es nun zum Feuertode oder zum Drucke verdammt werden. Sie müßten meine Verehrung für Sie, großer, tiefsinniger Meister, kennen, das namenlose dithyrambische Jauchzen, das Ihr einziger Humor mir verursachte, so oft seine Töne meinem Ohre erklangen, Sie würden dann gewiß meine Scheu und Verlegenheit selbst hinter meiner unbescheidnen Bitte erblicken. Gleichwohl mußte ich’s wagen, um nur etwas klar über mich, d. h. über mein Buch zu sehen. Es ist eine musikalische Symphonie, und wenn Sie ihr „Nein“ aussprechen, gilt es mir mehr, als wenn sämmtliche so genannte moderne Humoristen und Dichter es für den Druck reif sprächen. O wer doch den Zauber Ihrer wunderbarschönen tiefsinnigeinfachen Sprache hätte — den Zauber Ihrer Formenwelt — o was sind gegen Ihren ewig jungen Genius diese sämmtlichen modernen deutschen Humorepigonen. Soviel weiß ich entschieden, daß Sie mein ganzes Wesen schon aus meinem flüchtigen Briefe divinirt haben, denn wenn mit irgend einem Menschen, so treiben Selbstbewußtsein und bewußtloser Humor, Vorsatz und Absichtslosigkeit mit mir tolle Scherzotänze. Alle diese Widersprüche zur Harmonie zu leiten, ist Aufgabe meines Lebens, folglich auch meines Buch’s. Dringend bitte ich Sie, es wie ein Vater zu lesen, dem ein unmündiges Kind sein erstes selbstgeschaffnes Spielwerk zeigt — o schon tausendmal habe ich Ihre lieben, lieben Zeilen durchlesen mit heiligem Entzücken, wie wohl thun sie mir, der geistig so ganz, ganz allein steht. Nicht als ob ich mir irgend wichtig vorkäme, aber in meinem Elemente mögte ich bald mehr leben als bisher, und das will im Grunde doch jeder Mensch. Nur der lichte Farbenbogen des luftigen Humor’s, der hell auf dunkler Wolke steht, entschädigt mich mit seinem Wunderglanze für tausend geistige Leiden — und wie selig würde ich sein, wenn der Humorrausch, der all mein Wesen mitten in Wüsten frisch und rege erhält, wirklich aus dem reinen Urdasee mir emporschäumte und nicht aus dumpfem Sumpfe voll Irrlichter! Haben Sie nochmals tausend, tausend Dank für die freundliche Bereitwilligkeit und Herablassung und verzeihen Sie einem aufrichtigen Verehrer Ihres Genius seine Kühnheit. Möge die Mutter Natur Ihnen Ihre wunderbar-schöpferische Jugendfülle unversehrt erhalten, und mögten Sie in den Herzen derer, die Ihre Werke innig verehren, Ersatz finden für tausend Leiden, die ein unkünstlerisches Zeitalter oft Ihrem wunderseltsamen Geiste verursachen mag. Dankbarküsse ich Ihre seegnende Hand, und bin mit aufrichtiger tiefer Verehrung und Dankbarkeit
Ew. WohlgeborenergebensterMoritz Heydrich,Schauspieler.
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Moritz Heydrich,
Schauspieler.
Addr.Louis Gabain, Deichstraße 58, Hamburg.