Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai 1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich, weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann, wie sich beim Lesen ergiebt.Was den Inhalt anlangt, somußteMancherlei weggestrichen werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus seinemHerzenkamen, sondern lediglich einer, allerdings nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit zugezogen, den er darum doch nicht verdient.Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so verschieden sein konnten.Wilhelm, der Diplomat, der Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt, wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.Alexander, den sein selbst erwählter Lebensweg über Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der bis zum TodeFreiheitundWahrheitpredigte; der rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen keinen Anstand nahm; — Er gilt für falsch, und seinen fast schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen, ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?
Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai 1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich, weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann, wie sich beim Lesen ergiebt.
Was den Inhalt anlangt, somußteMancherlei weggestrichen werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus seinemHerzenkamen, sondern lediglich einer, allerdings nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit zugezogen, den er darum doch nicht verdient.
Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so verschieden sein konnten.Wilhelm, der Diplomat, der Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt, wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.
Alexander, den sein selbst erwählter Lebensweg über Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der bis zum TodeFreiheitundWahrheitpredigte; der rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen keinen Anstand nahm; — Er gilt für falsch, und seinen fast schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen, ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!
Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?
Potsdam, 10. Juni 1846.
Ich eile Ihnen, zu melden mein edler Freund, daß ich im Auftrag des Königs, (ich muß hinzusezen der Königinn, die vor Ihrer Abreise am 15. Juli noch gern Sich Ihrer Nähe zu erfreuen wünscht), 2 Conferenzen mit dem Schloßbaumeister H. gehabt, auch vor wenigen Stunden alle Zimmer Ihrer Wohnung unter Leitung der weinerlichen, allen Maurern und Staubmenschen feindlichen Hausfrau inspicirt habe. Es ist schlechterdings nichts im Inneren berührt worden, bloß in ihrem Schlafgemach ist die Wand übermalt: ich rathe daher vielleicht: in der ähnlichen Kammer rechts wo Schränke standen zu schlafen. Der Schloßbaumeister H. wünscht, daß Sie in 10, die Frau Kastellanin (item Hausfrau), daß Sie in 14 Tagen von heute an kommen. Die Meubles werden allebis dahin hereingebracht, Graf Keller, der einen herzlichen Antheil an Ihrer Rückkehr nimmt, hat in meiner Gegenwart die nöthigen Befehle an den Hofstaatssecretär wegen der Meubles gegeben. Die Gerüste werden Sie abgerissen finden. Die Communication mit dem heidnischen Tempelsitze wird erst im Spätherbst hergestellt. Das Parquettiren der scheußlichen Fußböden scheint mir nothwendiger als die Dorischen canellirten Säulen, die man dem Hause gegeben.Povera e nuda va la Filosofiasagen wir beide, aber auch
Mit alter Verehrung
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Die Königin von Sachsen kommt mit Carus in den lezten Tagen des Monats. Der Gemal holt sie ab, die Baiern werden auch wohl sich entfernen, nicht so die holländischen Medusenhäupter.
Potsdam, den 25. Juni 1846.
Der König und besonders auch die Königin sehen nach Ihren Fenstern und betrüben sich. Beide möchten dem Sächsischen Hofe (Könige reisen vermummt, fast eisig verpuppt..) zeigen, daß wir stolz sind, Sie zu besizen. Geben Sie, theurer Freund, der Bitte aber nur nach, wenn Sie gewiß sind, daß die Reise Ihnen nicht schade.
Mit alter Verehrung
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
B., Donnerstags.
Wie sehr bedaure ich, daß Sie mich, verehrter Freund, gestern in meiner transatlantischen Wohnung verfehlt haben.Diese Zeilen enthalten eine Bitte: schenken Sie einige Augenblicke einem sehr talentvollen jungen Manne, 21 Jahre alt, Übersezer eines wunderbar nüchternen allegorischen indischen Dramas, das man zur Erholung nach dem Saul und David aufführen könnte. Der junge Mann heißt Goldstücker und will in Paris über indische Philosophie arbeiten.
Mit alter Verehrung
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Donnerstags.
Erlauben Sie, theurer Freund und College, daß ich Ihrem Schuze einen sehr angenehmen jungen spanischen Litteraten, Enrique Gil empfehle, der mir freundliche Briefe von dem Dichter — Präsidenten und Minister Martinez de la Rosa gebracht. Herr Gil ist Legations-Secretär, aber hier bloß mit commerciellen und Zollsachen, nicht mit Diplomatie beschäftigt. Ich komme vor meiner nicht sehr nahen Abreise gewiß Sie, verehrter Freund, noch eingesponnen in Ihrer Winterheimath zu umarmen und der liebenswürdigen Gräfin meine herzliche Verehrung zu bezeigen.
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Sonntag.
Hier die wunderbare Neugier der Frau von Woltmann über diegeneratio spontaneap. 169, über Göthep. 36, Planetenbildungp. 116, Evap. 160und Concentration im Christenthum! Malebranche ahndete die Natur-Philosophie, wenn er sagte:toute philosophie nait de ce que nous avons l’esprit curieux et la vue courte.
Ich lege Ihnen bei: in der Staats-Zeitung ein Umlaufschreiben von Mnr. Rochow, der diePhysiognomiedes Staats zu ergründen hofft, eine Redaction voll litterarischer Prätension, wie man sie wohl kaum je gesehen im Polizei-Amte!
Grimms Brief geben Sie mir, theurer hochverehrter Freund, bei Tische wieder, um denteutschenKönig zu heilen.
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Potsdam, Sonnabend.
Ich werde, mein theurer edler Freund, mir eine Freude daraus machen, dem Könige das romantische Drama des Herrn Eckardt selbst zu überreichen. Lieber würde Er es gewiß aus Ihrer Hand empfangen haben, wenn leider Ihr Unwohlsein Sie izt nicht von dem „historischen Hügel“ entfernt hielte. Der Dichter nennt das Publikum eine „geistreiche und gesellige Dame.“ Als solche zeigt es sich weniger, nördlich vom Thüringer Waldgebirge. Ich glaube mehr an einen geistreichen jedem geistigen Bestreben holden König. Mit alter Verehrung und Herzlichkeit
IhrAl. Humboldt.
Ihr
Al. Humboldt.
Donnerstag.
Hier, mein liber, haben Sie einige leere Phrasen wie man sie selbst deutsch schreiben kann.
Der König hat den Johanniter Ritter ser freundlich, lächelnd aufgenommen. „Wenn es Tiek gern sit, so thue ich es wohl, Sie mussen es im aber allein noch sagen.“
Da mich die Eckardtsche Schreibart etwas genirt, so sage ich in gewöhnlich christlicher Weise, daß König und KöniginunbändigeFreude über Ihre so schön fortschreitende Besserung geäußert haben. Da ich es sehr nöthig halte, den König an den Ritter zu erinnern, und zwar schriftlich, so bitte ich Sie mir schreiben zu lassen: ob er nicht ein Bären-Kammerherr (nach Bettina, eine heraldische Bestie) von Anhalt-Dessau ist, ob Sie wissen wer der Vater sei oder war? Solche Probleme sind zu lösen, wenn man nicht das Glük hat, ein Ulahnen-Lieutenant von der Garde zu sein und nur altenglisches Schauspiel kennt. Die Albernheiten des Lebens bannt kein königlicher Geist.
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Freitags, Oranienburger Str. Nr. 67.
Ob Sie, Verehrter Freund, mir gleich nichts über den Vater unseres Bülow in Dresden geschrieben haben (eine Auskunft, die der König wünschte) so freut es mich doch unendlich, Ihnen zu sagen, was Sie vielleicht auf anderen Wegen bereits erfahren haben, daß Herrn von Bülows Ernennung zum Johanniter-Ritter ganz gewiß ist. Der König hat mir aber befohlen, den G. C. R. Müller daran zu erinnern, was ich auch schriftlich gethan. Ich muß Sie aber nun bitten, mir recht bald zu schreiben wegen der Bezeichnung:
1) wie sein Vornahme ist?
2) ob er Herz. Anhalt-Dessauer Kammerherr ist?
Mit alter Verehrung
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Potsdam, 16t. Oct.
Ich habe vorgestern (14ten) mit tiefer Rührungtheurer Freund, Ihren liebenswürdigen Brief erhalten und die Einlage am 15t. Morgens sogleich dem König eigenhändig im Marmorsaal übergeben. Der Brief ist hastig in meiner Gegenwart erbrochen und vonbeidenMajestäten mit dem lebhaftesten Ausdruck schmerzlicher Theilnahme gelesen worden. Von der herzlichen Zuneigungbeiderbrauche ich Ihnen nichts zu sagen, es ist mehr als die Huldigung eines Geistes, der groß und wohlthätig auf sein Zeitalter gewirkt, es ist bei König und Königin das unverbrüchlichste unwandelbarste Anerkenntniß der Anmuth der Sitten, der tiefen Achtung des Charakters, der Zartheit der Gefühle, welche sich durch Gebehrde und Stimme verkündigen. Herrn Altmannaus der Fernedes Hallischen Thores und den violett-sammtnen brieflosen Herrn Eckardt, der laut der Vorrede sich das Publikum als den „Salon einer geistreichen Dame“ denkt, vergesse ich auch nicht. Was mich aber neben dem so rein menschlichen Antheil des Königs und der Königin an Ihren Leiden im innersten bewegt sind die erhebenden, freundlichen Worte, die Sie an mich richten. Wie soll ich meinen Dank dafür aussprechen: er ist enthalten in den wärmsten Wünschen, die ich zum Himmel schicke. MeinefesteHofnung ist Ihre herrliche kräftige Constitution.
A. Hdt.
A. Hdt.
Meine Verehrung der vortreflichen Gräfin.In Eile.
Sonnabend früh.
Sie müssen nicht glauben, mein edler Freund, daß ich Sie verrätherisch in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner sehr ungewissen Abreise nach der großen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und sticht, Sie gewiß noch umarmen. Eine plötzliche sehr heftige Erkältung und der große Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plötzlich hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen, der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren — eine Tugend, die dem industriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist.
Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den dieser Weltgeist so wenig ergriffen, daß er, bei einem gewiß viel Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen vorgestellt zu werden. Herr B. von L., verwandt mit dem Adjutanten des Pr. Heinrich in Rom, soll Ihnen, (darum flehe ich) eine Ode über das Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14. Sept.) geschenkt. Die großen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.
Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Ich denke den König noch zu erwarten.
Sonnabend.
Ich komme, mein theurer Freund, wie ich versprach um von Ihnen Abschied zu nehmen. Ich reise morgen oder übermorgen nach der ewigen Babel nicht über Weimar, wo die Sphinxe am Wege liegen, sondern über Hannover, wo man uns beide hängen möchte. „Du hast doch niemand von die verfluchte Landstände vor Dich gelassen?“ So reden sich — — an. Ich bitte, daß Sie mir erlauben, nach 2 Uhr Sie bei erneuertem Sonnenlichte (auch eine Naturbegebenheit!)heute zu besuchen. Auf den Fall, daß der junge Mann aus der Caserne von Kaiser Franz, den Sie so freundlich empfangen (ohne Rache für dieLangeweile des Überlangen Onkelgeschlechts) Ihnen das Gedicht, in dem er das Weltall und mich hat verherrlichen wollen, nicht vor seiner abermaligen gestrigen Abreise hat zu senden gewagt, biete ich Ihnen ein Exemplar dar. Härten der Sprache, fast gesuchte, und Schwierigkeit der Construction (der Relativa) abgerechnet ist doch nicht gewöhnliche dichterische Ader in so einem preußischen Exercierlieutenant! Werfen Sie doch auch einen Blick auf die ganz geognostische Mythe des Aufsteigens des Vulcans von Ischia.
Mit alter Verehrung und Anhänglichkeit
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Potsdam, Donnerstag 9ten.
Da ich von Paretz nach Berlin muß zu einer Hochzeit bei dem Geh. Leg. R. Borck, so benuze ich die wenigen Augenblicke der Durchreise, um Ihnen zu sagen, theurer Freund, wie dankbar der König für „Ihren schönen herzlichen Brief“ ist. Er trägt mir auf, es Ihnen zu sagen, auch hat er mir gedankt, daß ich Sie abgehalten zu erscheinen da „Ihre Gesundheit ihm und der Königin über alles theuer sei.“ Wir waren im langweiligen Paretz 130 Personen zu Mittag, mit den Leuten an 300 Personen!
IhrA. H.
Ihr
A. H.
Der König kommt heute Morgen und geht Sonnabend auf 1 Tag nach Berlin.
Sonnabend.
Ob Sie mich werden lesen können?
Ich will Ihnen Reue einflößen, mein theurer, edler Freund: ich will die geistreiche Gräfin zu Hülfe rufen, damit Sie mich beschüze. WährendDr.Ruthenberg, den die Polizei verfolgt, in der polytechnischen Gesellschaft meinen Kosmos, als eine „Naturbibelund als eininspirirtesErbauungsbuch“ vorliest, versagen Sie mir die Hülfe, um die ich flehe. Ich flehte um Bezeichnung durch einen symbolischen Seidenfaden, ohne allen schriftlichen Commentar (Schriftsteller schreiben bekanntlich ungern) von zwei Stellen desCalderonund eines gewissenShakespeare, den Sie vielleicht auf dem Tische haben, in denen sichNaturgefühlund ein Hang zuNaturbeschreibungfinden. Im Calderon soll dergleichen wunderschön,en boca de Segismundo, en la Vida es sueñostehen: „Los peces y las aves que gozan de la libertad son come rayos de un astro oscurecido etc.“ Das alles weiß man in der Oranienburger Straße, aber mein Flehen wiederholend, will ich kommen, Ihnen dehmütigst zu danken, wenn Sie den Zauber lösen wollen[1].
Mit alter Verehrung
der wüthendeA. v. Humboldt.
der wüthende
A. v. Humboldt.
Oranienburger Str.Nr. 67.
Oranienburger Str.
Nr. 67.
Meine Verehrung der theuren Gräfin.
Meine Unterhaltungen sind jetzt:zu begraben; du armer Wach! — und zu christnen (?) in Charlottenburg (2 Stunden Ehrenberg!). Da ist der Kampf der beiden Hofprediger in der Athalie,veuve Soram, doch unterhaltender.
Ein Prediger T., einst Pfarrer bei Chemnitz, der den Heiland in meinem Kosmos sucht und ihn vermißt, mir aber doch viel langweiliges über die Kartoffel-Seuche schreibt (Dresden, Lange Gasse Nr. 10 vier Treppen) trägt mir auf Sie innigst zu grüßen. Ich thue es um mich für Ihr Stillschweigen zu rächen.
Potsdam, Sonnabend.
Der König und auch die Königin fragen immer so ängstlich und so liebevoll nach dem Tage, wo wir endlich Sie hier besizen können, daß ich wohl das Stillschweigen brechen und Sie, hochverehrter Freund und College, bitten muß, mireinige vertrauliche Worte zu schreiben. Sie wissen, daß die leiseste Furcht, die Übersiedelung könne Ihrer theuren Gesundheit oder der der Gräfin nachtheilig werden, jeder Anfrage ein Ende machen wird. Das Wetter ist warm und schön, viel schöner wird es ja in dem Scythen Lande nie. Der Hof ist freilich nicht so allein, als Sie und ich es wünschen möchten, aber Sie wissen ja, daß Sie nicht alle Tage bei Tische zu erscheinen brauchen, ja daß der Tyrann allen Freiheit läßt und Freiheit ehrt! Der König sagte heute „er glaube, Sie müßten nach Töpliz gehen.“ Könnten Sie denn nicht vorher einen kleinen Aufenthalt in Syracus machen? Die Kaiserin kann sich erst am 26. Juni entscheiden, es ist wahrscheinlicher, daß sie gar nicht kommt. Mit inniger Verehrung und Liebe
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
In dem heute angekommenenJournal des Debatssteht ein Artikel von Jules Janin (?) über die Antigone voll Freundlichkeit für Sie.
Montag früh.
Ich gebe Ihnen, theurer Freund die frechen, unverständlichen, unehrlichen Aphorismen Schellings zurück. Um den „Jug“ (?) (—unlesbar—) den er gemacht zu haben sich rühmt, beneide ich ihn nicht. S. XLIV lesen Sie die verruchtesten Säze über das Recht der Staatsgewalt, auch giebt es S. XLII „ein Christenthum vor dem Christenthum.“ Zwischen den Citationen von Luthers Tischreden und der Kirchenzeitung bin ich auchp.X citirt und des „Zurücknehmens“ beschuldigt. Empfangen Sie noch meinen freundlichsten Dank für lange Geduld, die Sie mir gestern geschenkt.
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Sonntag Nacht.
Herr Tholuck, religiöse Dinge, Family Prayers, oder gar Thierquälerei, mein edler Freund, sind Dinge dievon mirkommend, bei dem König und der Königin nur Lächeln erregen müssen. Sie können denken, wie gern ich Sie von dergleichen gern befreien möchte, aber da Briefe die nicht an den König oder die Königin gerichtet sind, ungelesen bleiben, da alles was man darüber mündlich vorbringt, spurlos verhallet, so giebt es für Sie und mich nur ein Mittel der Befreiung von solchen theologischen und thierischen Anmuthungen; das Mittel ist: Briefe zu fordern, die manversiegeltundunterzeichnetübergeben wird.
Ich lebe mit den Toten, erst B. und die Pflichten, die eine Familie von 5 Kindern mir auflegt: heute hab’ ich wieder eine Leiche: Der junge talentvolle spanische Litterator, Enrique Gil, Verf. des Romansel Sr. de[2]....., ist heute morgen 29 Jahr alt an der Schwindsucht hier gestorben. Ich bin morgen mit seinem Begräbniß beschäftigt. Das sindmeineBeschäftigungen. Bülow’s Dedication wird gewiß dem König angenehm sein. Der König und die Königin sind immerdar mitIhnenliebevoll beschäftigt wie
IhrunverbrüchlichtreuerA. v. Humboldt.
Ihr
unverbrüchlich
treuer
A. v. Humboldt.
Zürnen Sie mir heute nicht. Meine Verehrung der theuren Gräfinn.
Montag Nacht.
Verzeihen Sie die Unvorsicht der verkehrt angefangenen Seite!
Mein verehrter Freund!
Ich habe den König heute in Bellevue, wo man neben dem blühenden Treibhause speiste, an die „Novellen des Hrn. v. Bülow“ erinnert. Er trägt kein Bedenken, die angebotene Dedication anzunehmen. König und Königinn haben mir bestimmt aufgetragen, Ihnen das innigste Bedauern auszudrücken, wieder des ganzen Wertes Ihres Umganges beraubt gewesen zu sein. Beide bitten Sie inständigst, doch ja fortzufahren, troz der Frühlingslüfte Ihre Gesundheit schonend zu pflegen. Ich arbeite trübe an dem zweiten Theil des Kosmos, von dem ich nächtlichst (denn die gesellschaftlichen, deprimirenden Störungen sind endlos gewesen) doch die Hälfte fast schon gedruckt sehe. Das tragische Unglück meiner Familie, der Tod des armen Spaniers Enrique Gil den ich pflegte, ein 4tägiger Blutsturz von H. Ackermann, der lungenkrank Berlin und die Werke Friedrichs II. auf immer verlassen muß, die trostlosen, Unglück bereitenden Polnischen Zustände... haben mich so wenig aufheitern können, als der heutige litterarische Artikel der Staatszeitung, in dem man durch 16 Verse, die unter den 1660 Versen des Agamemnon ausgewählt werden, meinen Bruder zu züchtigen hofft. Die Spener’sche (?) Zeitung wird morgen meine Antwort enthalten. Ich handle nach demPrincip der Polnischen Insurgenten, die zeigen wollen, daß sie noch existiren. Mit alter Anhänglichkeit
IhrgehorsamsterA. v. Humboldt.
Ihr
gehorsamster
A. v. Humboldt.
Potsdam, 10. Mai 1848.
Wenn ich Ihnen, mein theurer, verehrtester Freund und College so spät auf Ihre freundlichen Zeilen antworte, so ist es nur weil ich erst gestern Abend von Illaire die sichere Nachricht empfangen habe, daß der so vielbegabte, sprachgelehrte L. wirklich den erbetenen Geldvorschuß vom König erhalten wird. Das Gelingen, so elend klein auch die Summe noch ist, war wie ein Wunder, da seit dem Erd- und Staatsbeben vom 18ten Merz im Geh. Cab. alles abgeschlagen wird und der Minister keiner die Schwachheit hat zu glauben daß Kunst und Wissenschaft etwas noch die constitutionelle Monarchie veredelndes haben. In einem eigenen schriftlichen Berichte über L. hatte ich mich neben Grimm und dem hier heilig glänzenden Namen Beckedorf ganz besonders auf Ihre Gunst gestützt, auch wieder aus Joh. Damascenusetwasvorgelesen. Ich sage etwas, denn außer der nüchternen neuen Staatszeitung und den langweiligen meerumflossenen Schleswiger Berichten (parturiunt montes!) ist in dem zahlreichen Familienkreise, in dem allbewohnten Cellulargebäude, das man das Schloß nennt, an eigentliches litterarisches Vorlesen nicht zu denken! Über Sich Selbst mein theurer Freund, und die Gesinnungen, die für Sie hier herrschen, müssen Sie nicht irren. Ihr Name wird bei König und Königin immer mit Zärtlichkeit genannt. Wie die Wohnungsangelegenheit durch Andere behandelt worden ist, weißich leider! nicht, aber bei König und Königin habe ich ununterbrochen die freundlichsten Äußerungen über Sie vernommen. Der König, den ich nach dem unbeantworteten Gedichte zum Geburtstag befragt, war tief betrübt darüber: er ist aber wirklich ohne Schuld, weder er, noch die Königin, noch Illaire haben je das Gedicht gesehen. Alle antworten: wie können Sie voraussezen, „man würde sich nicht eines Gedichtes von Ludwig Tieck erinnern?“ Wer, theurer Freund, soll es übergeben haben? Schicken Sie mir ja eine Abschrift davon für die Königin: sie legt großen Werth darauf, auch der König, dessenheiterste,sorgenloseLiebenswürdigkeit dieselbe geblieben ist. Wie — — — (?) elende Wahlen! auch unser Friedrich Raumer nicht! Dazu daserblicheKunstwerk von Dahlmann und den 50 Dilettanten in Frankfurth, die unberufen den Bundestag regieren und Preußen mediatisiren! Könnten Sie denn nicht einmal hier bei dem Könige speisen? Es würde große Freude machen. Manwagtes nicht, Sie einzuladen, in der Furcht die ich auch theile, Ihnen zu schaden.
Mit alter Liebe und VerehrungIhrA. v. Humboldt.
Mit alter Liebe und Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
Meine Gesundheit ist nur erträglich, aber ich habe mich eifrigst in die Arbeit geworfen. Kosmos Th. III. und eine neue (3te) sehr vermehrte Auflage der Ansichten der Natur. Ich möchte auch alsArbeiterGeld gewinnen, da uns noch einige unsanfte Blutungen bevorstehen mögen.
Sonntags.
Mein theurer, verehrter Freund! Eine starke Erkältung, die mir die nothwendigen und häufigen Eisenbahnreisen zuziehen, hindert mich heute wieder, Ihnen das „Hohe Lied“ selbst zu bringen. Ich habe heute wieder aufmehrereBriefe und Zusendungen des vortreflichenDr.Böttcher freundlichst geantwortet. Der Mann träumt poetische Vorlesungen, da, wo es sich um „Sein und Nicht Sein“ handelt — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Ich gehe unter. Sie rettet geistig Ihre Einsamkeit. Mit alter unverbrüchlicher Verehrung
IhrA. v. H.
Ihr
A. v. H.
Rückert’s Festgedicht ist wenigstensdurch michnicht an die Königin gelangt.
Dienstag.
Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden, seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern, den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat, wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich lasse immer 8–10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern Manuscripte,variantes lectiones, auffinden kann. Ich rühme mich Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen, aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.
Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.
Ich bitte innigst, daß Sie mirin die Wohnung von Fr. Lenz schreiben, damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter Verehrung und Freundschaft
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.
Freitags.
Wie soll ich Ihnen lebhaft genug für Ihren freundlichen Brief danken. Ossa und Pelion bedecken längst den Spuck, dessen Lösungswort Sie, Böser, mir immer noch vorenthalten. Stand etwa in den Correcturbogen „der tiefste, geistreichste aller.....“ Das wäre immer noch schwach gewesen, gegen das, was die Welt empfindet. Ich schreibe noch aus’m Bette. Es ist ein kleines Schnupfenfieber, das wie eine Natter auf dem kalten Boden schleicht. Mit dankbarer Liebe,
IhrA. v. Humboldt.
Ihr
A. v. Humboldt.