Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als Landesgerichtsrath in Düsseldorf.Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine eigensten Wegeeingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht. Die Prinzen von Syrakus (1821) — Das Thal von Ronceval — Edwin — Petrarca (1822) — König Periander (1823) — Das Auge der Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) — Das Trauerspiel in Tyrol (1827) — Ein Morgenscherz — Die schelmische Gräfin — Kaiser Friedrich II. (1828) — Alexis (1832) - Merlin — Die Opfer des Schweigens — Die Verkleidungen — Die Schule der Frommen - Gedichte (1830) — Tulifäntchen — Die Epigonen (1836) — Münchhausen (1838) — u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe, des Romanes, der Lyrik!Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben wir alleunverändertaufgenommen; auch diejenigen worin er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten. Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?) Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.
Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als Landesgerichtsrath in Düsseldorf.
Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine eigensten Wegeeingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht. Die Prinzen von Syrakus (1821) — Das Thal von Ronceval — Edwin — Petrarca (1822) — König Periander (1823) — Das Auge der Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) — Das Trauerspiel in Tyrol (1827) — Ein Morgenscherz — Die schelmische Gräfin — Kaiser Friedrich II. (1828) — Alexis (1832) - Merlin — Die Opfer des Schweigens — Die Verkleidungen — Die Schule der Frommen - Gedichte (1830) — Tulifäntchen — Die Epigonen (1836) — Münchhausen (1838) — u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe, des Romanes, der Lyrik!
Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben wir alleunverändertaufgenommen; auch diejenigen worin er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten. Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?) Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.
Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.
Düßeldorf, 18. Julius 1831.
WohlgebornerHochverehrter Herr Hofrath!
Ich erlaube mir, Euer Wohlgeboren beifolgend ganz ergebenst ein dramatisches Gedicht mitzutheilen, von dem ich wohl wünschte, daß es vor dem Erscheinen im Druck dargestellt werden möchte. Insofern Sie glauben, daß es für die Bühne sich eigne, würde ich daher diesen Wunsch auch in Beziehung auf die dortige hiemit ausgesprochen haben. Nach dem, was mirdurch öffentliche Nachrichten über Ew. Wohlgeboren Verhältniß zum Dresdner Theater bekannt ist, hoffe ich durch die unmittelbare Überreichung meiner Arbeit an Sie, mich nicht zu weit von der Ordnung des Geschäfts entfernt zu haben; jedenfalls wird man wohl den Verstoß entschuldigen, wenn ich hierin irrte. Es war natürlich, daß ich mein Gedicht am liebsten in die Hände des Dichters legen mochte.
Lassen Sie mich indessen, mein Hochverehrter Herr! diesen Worten sogleich hinzufügen, daß mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor Ihrer höchst würdigen Stellung in der Literatur der Gegenwart mehr angetrieben hat, Ihnen mein Werk vorzulegen, als ein leidenschaftliches Verlangen, dasselbe auf den Brettern zu sehn. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre müssen uns soweit belehrt haben, daß wir uns, selbst im glücklichsten Falle eines sogenannten Erfolges, einer ungetrübten Freude kaum überlassen dürfen, die doch nur gerechtfertigt wäre, wenn die scenische Wirkung uns den dramatischen Werth des Dargestellten noch verbürgen könnte.
Mein Wunsch bezieht sich ohnehin eigentlich nur auf die ersten beiden Theile. Obgleich ich auch den dritten dramatisch zu bilden, wenigstens beabsichtigt habe, so würden doch die Schauspieler, wie sie nun einmal jetzt sind, schon in der feierlichen Form und in den künstlichern Maaßen desselben unübersteigliche Schwierigkeiten finden. Mir ergab sich die Form aus der Natur des Stoffs.
Wenn in den ersten Theilen der Gegenstand mehr von der Seite der Abnormität gegriffen wurde, so war es die Sache des letzten, diese Anomalien unter die allgemeinen Gesetze des Daseins auch sichtlich zu ordnen, und das früherhin vorherrschende Charakteristische in die Schönheit aufzulösen. Die innere Öconomie sowohl, als die äußere Gestaltung mußte sich daher in gewissem Sinne der Antike annähern, in welcher diese Art der Behandlung hervorsticht. Von der Geschichtebin ich verschiedentlich abgewichen. Die sogenannte Verschwörung von Susdal, welche den ersten Theil bildet, gedieh nicht zu der abgeschloßenen Gestalt, wie sie bei mir bekommt; bei der Katastrophe des Alexis traten die Gegensätze wenigstens sichtbar nicht so schroff und seltsam auf, wie in meinem zweiten Stücke, und die Fabel des dritten Theils liegt, den Treubruch der Katharina und die Verzweiflung der letzten Lebenstage Peters abgerechnet, ganz im Gebiete des nur Mythischmöglichen.
Sie haben sich zuweilen gegen die Willkühr bei der Behandlung der Geschichte erklärt, auch der verewigte Solger äußerte sich, wenn ich nicht irre, gelegentlich auf dieselbe Weise. Ich muß gestehn, daß ich dem Dichter gern die höchste Freiheit bei der Behandlung des historisch Gegebenen bewahren möchte. Zeigt sich freilich in seinem Werke statt der lebenskräftigen Idee, ein hohles verblasenes Wesen, oder ist in Erzeugnissen höherer Art doch hie und da eine Schwäche fühlbar, dann muß es erlaubt sein, aus dem Gedichte hinaus in die Geschichte zu blicken, und die Befangenheit zu rügen, der vielleicht die größten und gründlichsten Motive nicht erkennbar würden. Immer aber wird, wie ich glaube, der Tadel von der Poesie auszugehn haben. Und so habe ich Sie auch nur verstanden, da Ihr Urtheil, wo es auf das Historische Bezug nahm, in der That immer sich an die Auffindung dichterischer Mängel knüpfte.
Macht man aber aus dem, was nur im einzelnen Falle Geltung hat, ein allgemeines Prinzip, tritt man, wie es jetzt wohl zu geschehen pflegt, von außen mit dem historischen Maaßstabe an das poetische Werk hinan, so scheinen noch die ersten Erfordernisse einer ästhetischen Erkenntniß zu fehlen. Wozu es der Poesie noch bedürfe, wenn die Geschichte schon Alles enthält, läßt sich nicht wohl absehen.
Der Stoff, welchen der Historiker darzureichen meint,möchte auch wohl für den Dichter erst dann zu existiren beginnen, wenn ihn die Phantasie nach ihren ganz eigenthümlichen Gesetzen bereits ergriffen, verknüpft und umgestaltet hat. In diesem neuen vornehmen Kleide zeigt sich dann nur wieder der alte antikünstlerische Geist der gemeinen Naturbetrachtung, der im 18. Jahrhundert sich als psychologische Anforderung, Verlangen nach Wahrscheinlichkeit u. s. w. gebärdete.
Was meinen Stoff betrifft, so wurde ich in meinem Innern davon nur berührt und erschüttert, insofern er mir das Schauspiel eines großen und ungeheuren Irrthums darbot.
Vielleicht hat nie ein Mensch tiefer das Unendliche, welches im Menschen liegt, gefühlt, als Peter der Große, und vielleicht war nie Einer durch die Schranken seines Wesens und durch eine feindliche Umgebung unglückseliger gefesselt. Aus Slaven, denen von jeher das geistig Zeugende fehlte, will er ein weltbestimmendes Volk machen; er bleibt selbst ein Slave, dem die Aufgabe auf Nachahmung und Aneignung hinausläuft — die Muster aber muß er aus seiner Zeit nehmen, der schlechtesten, die es geben konnte, weil sie allen organischen Zusammenhang in Kirche, Staat und Lebensgestaltung verloren hatte.
So schafft das gewaltigste Wirken ein äußres Gehäuse von Macht und Größe, dem die Seele fehlt, und welches den Schöpfer selbst am Abend seines Lebens mit Widerwillen und Grausen erfüllt.
In diesen Gefühlen und Anschauungen ging mir der Gegenstand auf, und danach hat sich freilich alles Einzelne bei mir umgebildet. In denBojarenzeigte sich mir der Held, unwiderstehlich siegreich, so lange er es mit dem Elemente und der auch schon in sich zerfallenen Alt-Russischen Magnatenwelt zu thun hat, Kraft gegen Kraft zerstörend geht; wo es aber, wie imGericht von St. Petersburg, einen lebendigen, sittlichenAct galt, da sank er mir immer tiefer in die lächerlich-fürchterlichen Widersprüche seines eigenen Machwerks. Der Sohn wird geopfert um etwas, dessen Nichtigkeit der Vater selbst zu ahnen beginnt, und die schlechteste Gestalt gängelt diesen am Faden eines armseligen dürren Begriffs, den er denn aber doch nicht entbehren kann, will er bleiben, was er ist. Die Harmonie dieser Dissonanzen fand ich endlich in dem völligen Zerfallen dessen, was zu einem Scheindasein zusammengefügt worden war, wie es der dritte Theil hinstellt.
Ich muß sehr um Verzeihung bitten, daß ich, ohne das Glück Ihrer nähern Bekanntschaft[4]zu genießen, gewagt habe, so weitläuftig zu sein. Indessen entsprang aus dem Muthe, Ihnen das Gedicht zu senden, auch nothwendig der, über den Gegenstand zu reden, der mich eine lange Zeit hindurch gefesselt hat. Ich hoffe, Sie werden mir die Ausführlichkeit meiner Bemerkungen vergeben, welche freilich gegen das Conventionelle streitet. Vor Allem wünsche ich, daß Sie in dem Gesagten keine eitle Meinung über meine Arbeit erblicken mögen. Daß ich mich lange und ernsthaft damit beschäftigt habe, weiß ich; wie aber das Resultat zu stehn gekommen ist, darüber bin ich ganz im Dunkeln. Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen meinen aufrichtigsten Dank für den Genuß zu sagen, den mir der zweite Theil Ihres Dichterlebens gewährt hat. In den beiden Shakespeare-Novellen ist mir das geheimnißvolle Schaffen Ihrer wunderthätigen Phantasie am klarsten geworden, und ich kann den Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, nicht anders bezeichnen, als indem ich sage, daß wenn es nicht so zugegangen ist, es doch nothwendigso hätte zugehen müssen. Mögen die Zeitereignisse und die dortigen Verwickelungen Ihnen Heiterkeit und Freiheit lassen, uns ferner zu erfreuen und zu belehren.
Ich werde vermuthlich im October Dresden auf einer Reise berühren, wo es mir dann eine höchst angenehme Pflicht sein wird, persönlich meine Verehrung zu bezeugen.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung
Ew. Wohlgeborenganz ergebensterImmermann.
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster
Immermann.
N. S. Der beigelegte Scherz wurde vor einigen Jahren geschrieben. In unsrergroßenZeit konnte Däumchen wohl auch einmal ritterlich und heldenhaft auftreten.
Düßeldorff, den 28. Novbr. 1831.
Halten Sie es nicht für Undank für genoßne Güte, wenn ich Ihnen, mein Hochverehrter, erst jetzt schreibe. Theils zögerte sich meine Rückreise hin, theils habe ich hier erst eine totale Unlust zu aller Äußrung und Mittheilung überwinden müssen. Ein Zustand, in den man wohl versinkt, wenn der Wechsel der Eindrücke mit einem stillren Lebensgange wieder zu vertauschen ist.
Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke mich in der Stille immer mehr in meiner Ansichtüber ihn, die Sie eine ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden, und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe — mit wenigen Ausnahmen — aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt, bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.
Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht. Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.
Hier fand ich Uechtritz fleißig an einer neuen Arbeit, um welche er den Spartacus wieder zurückgelegt hat. Sie soll: Die Chaldäer in Jerusalem, heißen, und die Katastrophe des Volks unter Zedekia behandeln. Was ihr in meinen Augen den eigentlich poetischen Kern giebt, sind die Messias-Ideen, die verhängnißvoll unter dem Volke umhergehn, sich besondersim Könige und einer falschen Prophetin, die den König liebt, und dieses Gefühl für religiöse Begeisterung nimmt, ausprägen und die Katastrophe herbeiführen helfen. Ich kenne noch nichts von dem Gedichte, was mir aber U. vom Plane mittheilte, läßt mich etwas sehr Gutes und Eigenthümliches hoffen. Vielleicht sind diese orientalischen Stoffe, in ihrer mehr symbolischen und typischen Natur seinem Talente am angemessensten. — Noch von etwas Andrem kann ich Ihnen erzählen, was aus unsrem Örtchen hier hervorgehn, und Sie, wie ich meine, erfreuen wird. Ich sprach zu Ihnen dort, wie ich denke, schon von einem philosophischen Freunde, den wir hier besitzen. Er arbeitet gegenwärtig an einem Werke über Architektur und bildende Kunst, dessen Keim in Reise-Erinnerungen aus Holland und Belgien lag, welches sich aber über das ganze Gebiet jener Künste in metaphysischer und historischer Hinsicht verbreiten wird. Er hat mir jetzt einige Fragmente der Arbeit mitgetheilt, die auf mich den schönsten Eindruck gemacht haben. Hier ist einmal wieder etwas Andres, als das leere Geschwätz, oder die todte Abstraction, die uns seit Jahren auf diesem Felde ermüdet hat. Alles wird aus der Natur der Sache deducirt, und der Weg, den er geht, die einzelnen Kunsterscheinungen in ihrer historischen Nothwendigkeit nachzuweisen, scheint mir der einzig richtige und fruchtbare zu seyn. Sein Name ist Schnaase, er steht auch an unsrem Justiz-Hofe, an dem sich durch einen sonderbaren Zufall drei Leute zusammen gefunden haben, die so wenig, als ihnen nur möglich ist, an Recht und Gerechtigkeit denken.
Möchten doch meine Worte etwas über Sie vermögen, daß Sie zweierlei vollendeten, den jungen Tischlermeister und den Aufsatz über die Alt-Englische Bühne! — Je mehr ich in der Stille nachher über den Tischlermeister gedacht habe, desto eindringlicher ist mir das Feine und Schöne dieser Composition geworden. Es wird, ohne Frage, eins Ihrer bestenWerke. Die milde abendsonnenhelle Beleuchtung des Sternbald ist auch darin, an Originalität und Gehalt steht es aber, nach meinem Gefühle, weit über diesem. Ich bin überaus gespannt auf den Punkt, der durch das ganze Werk indicirt ist, den ich aber hier nicht nennen will, weil Ihnen mein Wort gegen die Fülle der poetischen Anschauung, nur mager und ungenügendvorkommen könnte.
Wenn Sie uns nun durch Ihren liebenswürdigen Handwerker einen Gefallen thun, so ist dagegen der theoretische Aufsatz eine Art Gewißenspflicht. Es sind viele Indizien vorhanden, daß das theatralische Unwesen sich einmal wieder auf einige Zeit legen wird. Raupach stellt wirklich ein Pessimum dar, nach menschlichem Begriff läßt sich nicht tiefer kommen, das Korn ist in der Mühle vollkommen durchgeschroten, und dieser jüngste Meister verkauft, um aufzuräumen, noch die Kleyen in den Säcken. Selbst die Berliner Comödianten fangen an, sich in seinen Rollen zu langweilen, was doch viel sagen will. Nun aber kommt in unsrem Deutschland die Praxis immer nach der Theorie, und nur erst, wenn den Leuten einmal demonstrirt worden ist, wie schon unser Gerüst dazu führt, das Elende und Schwache zur Evidenz zu bringen, wird man anfangen, sich zu besinnen.
Von mir selbst kann ich Ihnen noch nichts berichten. Ich habe mir jeden Tag vorgenommen an den Merlin die Hand zu legen, und sie immer in einer Art von Verzweiflung sinken lassen. Ich leide nicht an dem Zweifel, an der Dunkelheit, was ich noch zu machen habe; im Gegentheil steht mir dieß zu deutlich vor der Seele, und dieß eben entmuthigt mich. Ich habe ein Gefühl, wie der Gemsenjäger, der sich zwischen Klippen verstiegen hat; er sieht den Pfad ganz bestimmt vor sich, aber die Füße eines Menschen sind nicht gemacht, ihn zu wandeln. Nie habe ich eine solche Kluft zwischen dem Gegenstande und meinen Organen empfunden. Ob unter diesenAuspicien noch irgend etwas Poetisches zu Stande kommen kann, oder ob ich nicht im glücklichsten Falle nur ein transcendentales Ungeheuer erzeugen werde, muß die Zeit lehren. Es wäre ein Unglück für mich, wenn ich daran scheiterte, denn ich habe bei diesem Wagniß einen bedeutenden Theil meiner Lebenskraft eingesetzt.
Von Ihren Verwandten habe ich nur die Schwägerin zu sehn bekommen. Herr Möller war nicht zu Hause. Wie ich aus den mir gethanen Äußerungen abnehmen konnte, scheint es doch mit dem jungen Institute so ziemlich zu gehn. Nur hindert auch hier die Cholerafurcht manche Eltern, ihre Kinder aus dem Hause zu geben. Aufrichtig gesagt, ich bin wegen der Zukunft bange. Diese Pestscheu wird mit ihrem heimlichen, nagenden Einfluße noch den letzten Rest der Regsamkeit und des Muthes, der in den Menschen geblieben war, aufzehren. Ein sonderbarer Zufall ist es, daß in jeder Epidemie zu Berlin der Philosoph sterben muß; Fichte am Typhus, Hegel an der Cholera. Ist es wahr, was man sagt, daß eine Indigestion die Sache veranlaßt hat, so liegt in dem Ereigniße eine Ironie, die kein gemachter Ernst hinwegtilgen kann. Da dem Preußischen Staate nunmehr der Begriff fehlt, so möchte man ihm rathen, es einmal zur Abwechslung mit der schlichten Natur zu versuchen.
Die Tage in Dresden sind mir eine sehr theure Erinnerung. Ich habe Ihr Bild ganz rein und gut mit mir genommen, und bedaure nur, daß ich Sie für mein Bedürfniß viel zu wenig gesehn und gesprochen habe. So manches, was sich nur in einer gewißen Folge verhandeln läßt, klang bloß an; Andres, worüber ich Ihre Meinung so gern vernommen hätte, ist kaum berührt worden. Zuweilen gehn doch auch vernünftige Wünsche in Erfüllung, und so hoffe ich, daß ich mich dießmal früher, als in andern zehn Jahren, Ihnen wieder nahen werde.
Ihr Tadel, der gegen den Schluß des zweiten Theils des Alexis geht, ist ganz richtig, der Fehler steckt aber, wie ich glaube, im fünften Acte überhaupt. Dieser muß nach einem nothwendigen Gesetze (was Shakespeare überall befolgt hat) kürzer seyn, als die früheren; er soll nur die schlagenden Resultate deßen enthalten, was bis dahin mit einer gewißen Ausführlichkeit vorzubereiten, wohl erlaubt ist. — Mein 5. Act ist grade der längste, es ist viel zu viel hineingepackt worden, und so kommt es, daß die Sachen sich gegen das Ende stopfen und einander hemmen. Leider ist dieß ein Fehler, der durch die ganze Öconomie des Stücks herbeigeführt wird, den ich also nicht mehr abzuändern vermag. Ich würde, wenn es irgend zu machen wäre (was freilich sehr schwer ist, da zu der Gerichtsszene die ganze Tiefe des Theaters genommen werden muß) für eine Aufführung vorschlagen, den vierten Act erst mit dem letzten Monologe der Katharina zu schließen. Poetischer und dramatischer wäre diese Abtheilung auf jeden Fall.
Möchten Sie diese Zeilen recht frisch und froh treffen! Wegen der Altspanischen Sachen habe ich in Cöln und Belgien Verbindungen angeknüpft, ich wünsche, daß meine Commißionaire etwas Ihnen Erfreuliches finden mögen. Alte Romanzeros und Schauspiele würden Ihnen, denke ich, am angenehmsten seyn.
Ich bitte, den Damen mich angelegentlichst zu empfehlen, und ihnen meinen Dank für die mir erwiesene Huld und Güte zu bringen. Sehr glücklich würde es mich machen, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas von Ihnen vernähme, doch darf ich wohl nicht darauf hoffen, da Briefschreiben Ihnen unangenehm ist.
Mit aufrichtiger Gesinnung
Ihrtreu ergebnerImmermann.
Ihr
treu ergebner
Immermann.
Haben Sie die Morgenländischen Dichtungen von Oehlenschläger gelesen? Der erste Theil der Fischerstochter und Vieles in den Drillingen von Damascus hat mir so wohl gefallen, wie der Aladdin. Er ist in den Orientalischen breiten, lockern und bunten Stoffen recht in seiner Sphäre, und hätte nie nach dem Tiefen und Bedeutsamen sich abmühn sollen.
Düsseldorf, 27. Januar 32.
Ich habe neulich in der Zerstreuung vergeßen, Ihnen, mein Hochverehrter, den Baierischen Noah, den Sie mir so gütig mitgaben, zurückzusenden, und bin erst jetzt durch den Anblick des Buchs an meine Pflicht erinnert worden. Mit dem aufrichtigsten Dank hole ich das Versäumte nach, und bitte Sie, meinen Fehler entschuldigen zu wollen.
Ich habe unterdeßen Ihren Hexen-Sabbath gelesen, und bin davon auf eine ungemeine Weise getroffen worden. Die Kraft der Dichtung ist sehr groß, und der Eindruck steigert sich vom Leichten, Heiteren, Anmuthigen bis in das ganz Erschütternde. Mir scheint dann immer die höchste Gewalt der Poesie hervorzutreten, wenn sie das beschränkt Historische auffaßt, dieß auch in seiner Begränzung läßt, und es dennoch zur vollkommnen Gestalt zu bringen weiß. Im Hexensabbath sind nichts als einmal so und nicht anders dagewesene Flandrisch-Burgundische Figuren, die Zeit ist in ihrem singulairen Kostüm ganz fest gehalten, nirgends wird darauf hingearbeitet, das sogenannte allgemeine Menschliche hervorzuheben, und dennoch ist Alles allgemein verständlich, und wirkt vollkommen dichterisch.
Wie mich individuell die Sache berühren mußte, werden Sie fühlen. In der That sind wir auf eine sonderbare Weise in einem Punkte zusammengetroffen. Mir war Satan,Luzifer, Beelzebub, oder wie man sonst das Wesen nennen will, welches uns auf jedem Schritt und Tritt fühlbar wird, nie das Ungeheuer mit Klauen und Schweif, oder der listige Kammerdiener, der seinem Herrn die Dirne schafft. Es ging mir vielmehr mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, und um die Ketzerey mit einem Worte auszusprechen: Der Teufel war mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Act sich selbst in seiner Einheit verloren hatte. Weil aber dieser Zustandeodem momento, wo er geboren war, sich in Gott wieder aufheben mußte, so war mit der Manifestation als Satan, zugleich die als Logos verbunden, oder vielmehr beide fielen zusammen. Die Function des letztern war mir nun, das Vielfache, Vergängliche, in den Abgrund des Einen und Unvergänglichen hinunterzustürzen; Gott pulsirte für mich in jedem Augenblicke nach beiden Richtungen durch das Weltall. Hierdurch war mir Sünde und Tod, der Satz des Widerspruchs und das Werk der Erlösung erst verständlich. Ich wurde mit den Geheimlehren der Kirche bekannt, Spinoza kam hinzu, und so rann aus Fremdem und Eignem der Demiurgos zusammen, der im Merlin auftritt.
Sie stehn nun freilich gegen mich im großen Vortheil. Dergleichen problematische und eigentlich unaussprechliche Sachen halten sich in den Grillen eines Labitt mehr innerhalb der Grenzen der Poesie, als wenn sie, wie sie bei mir mußten, schwer, trüb und ernsthaft sich hinstellen. Ich fürchte, daß dieser Ernst meine Arbeit zu einer ganz undichterischen gemacht hat.
In den ersten Tagen des Jahrs habe ich den Merlin zu Ende gebracht. Ich hätte das gröste Verlangen, Ihnen denselben mitzutheilen, es fehlt mir aber ein Schreiber, der eine correcte und schöne Copie liefern kann, und ich möchte Sie nicht durch ein häßliches Manuscript von vornherein zurückschrecken. Es ist daher wohl besser, daß ich Ihnen erst das gedruckte Buch sende. Ich werde es bald publiciren, da ich fühle, daß ich daran nichts ändern kann, und daß es durch Feilen nur abgeschwächt werden würde.
Nehmen Sie nur nicht übel, daß ich Ihnen allerhand unerbetne Mittheilungen mache, die sich auf dem Papier vielleicht sonderbar ausnehmen. Sie haben aber einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich immer noch Ihrem lieben belebten Antlitz gegenüber sehe, wenn ich auch nur den todten Briefbogen vor mir habe.
Indem ich bitte, den Damen mich bestens zu empfehlen, verharre ich in treuer Gesinnung
aufrichtig ergebenstImmermann.
aufrichtig ergebenst
Immermann.
Düsseldorf, d. 8. October 1832.
Ich sage Ihnen, mein hochverehrter Herr und Freund, den aufrichtigsten Dank für Ihren theilnehmenden Brief, den ich zu meiner großen Freude und Erquickung vorfand, als ich von einer Reise in die Ahr- und Lahngegend und durch Hessen zurückkehrte. Mit meiner Gesundheit hat es allerdings im letzten Jahre nicht besonders gestanden, ich litt an Nervenzufällen, über die ich sonst, wenn ich davon reden hörte, nur als über schwächliche Einbildungen lachte, und war in aller Thätigkeit und Lebensfreude sehr gehemmt. Jetzt aber ist es besser; die Reisebewegung hat noch das Ihrige gethan, und ich hoffe, daß der Dämon wieder von mir gewichen ist.
Eine wahre Stärkung ist mir gewesen, was Sie über meine Sachen sagen. Ich muß Ihnen nur gestehn, daß mich in den letzten Zeiten bei der allgemeinen Dumpfheit und Kälte, und bei dem Hohne ungezogner Buben, den ich beijeder Gelegenheit zu erdulden hatte, oft ein Verzagen überschleichen wollte, daß ich mehr als je das Bedürfniß fühlte, mich in fremdem Urtheile wiederzufinden. — Ihre Worte über den Merlin sind ganz meinem Sinne und Wunsche gemäß; ich könnte Ihnen über Manches, was dunkel erscheinen mag, auch nichts weiter sagen, als daß es mir so in einer Anschauung vorgeschwebt hat, und ihm kein bestimmter Satz, oder eine besondre Wahrheit zum Grunde liegt. Die allgemeine Anregung, von welcher Sie reden, ist also grade die Stimmung, aus welcher wenigstens bei mir die Arbeit hervorgegangen ist, und die ich gern überall bei Andern wieder sehen möchte. Ein ins Spezielle gehendes Deuten würde meine Absicht nicht treffen.
Ich will Ihnen nun die beiden Fragen, die Sie mir stellen, so gut ich kann, beantworten. Der Unbekannte in der Zueignung ist mein hiesiger Freund Schnaase, deßen ich ja wohl schon gegen Sie Erwähnung gethan habe, und von dem Sie vermuthlich jetzt durch Uechtritzens Vermittlung den Aufsatz „über Genremalerei“ gelesen haben werden. Das Entstehen unsres näheren Verhältnißes fiel grade in die für mich sonderbare und unvergeßliche Zeit, wo der Merlin in mir zu werden begann. Er war der Erste, der von der Idee erfuhr, und nahm auf eine Weise Theil daran, ohne welche ich sie vielleicht nicht auszuführen vermocht hätte. Ich hoffe, dieser schöne, vielseitige und tiefe Geist wird Ihnen nicht lange mehr unbekannt bleiben.
Bei der zweiten Frage muß ich etwas weiter ausholen. Sie fragen: ob die letzten Worte Merlins auch die wahre eigentliche Meinung des Autors sagen. — Anfangs verstand ich Sie nicht, nachher habe ich mir die Sache aber so ausgelegt, daß Sie damit auf einen Zwiespalt in dem Gedichte haben hinweisen, und eine Erwartung, die durch das Ende nicht erfüllt wird, haben andeuten wollen. Habe ich Sierecht gefaßt, so trifft Ihre Einwendung allerdings den wichtigsten Punkt, und ich muß Ihnen in gewisser Beziehung Recht geben.
Wie mir die Entfaltung der Welt durch das Christenthum vorkommt, so hat jener einfache und eigentliche Geist desselben, der das Menschengeschlecht aus den Fesseln des äußern Naturgesetzes befreite, nur die ersten, apostolischen Zeiten beherrscht, sehr bald nahm dieses Gesetz, diese Gewalt der Mannigfaltigkeit, diese Herrschaft des Irdischen, oder wie man es sonst nennen will, wieder Besitz von den Gemüthern der Menschen, und die folgenden Jahrhunderte stellen nur den Kampf der beiden, wenigstens auf Erden unvereinbaren Dinge in Volk und Individuo dar. Die Kirche sucht sie durch einen schönen Traum zu versöhnen, die Reformation giebt dafür einen andern Traum, als könne man zu jener Schlichtheit und Einfalt des Urchristenthums zurückkehren. Er dauert aber nicht lange, bald tritt die Doppeltheit und der nie zu schlichtende Zwiespalt immer größer und gewaltiger auf, treibt auf dieser Seite zu neuen Heiden, die denn doch nichts wären ohne das Christenthum, auf jener Seite zu Christen, welche ohne die Ausstattung durch Natur und Alterthum auch zusammenschrumpfen würden, und erscheint endlich in seiner Spitze da, wo nun selbst die heißeste Andacht, die tiefste, unmittelbarste Sehnsucht nach dem Göttlichen, so von ihrer eignen irdischen Fülle durchdrungen, verdichtet und verkörpert wird, daß die Gnade von diesem Drange sich abwendet, und das Heilige vor dem Gebete erschrickt. Ich kann, um mich deutlich zu machen, hier Spinoza nennen, obgleich das Beispiel nicht ganz paßt, da seine Natur noch einen Schritt weiter gegangen ist.
Vor jenem modernen, unbeschreiblichen, in seinem Reichthume unseligen Geiste hatte auch ich in mir manchen Schauder verspürt, und Merlin wurde mir der eminente Repräsentant desselben. Hier war von keiner psychologischen Unwissenheit, von keinem Unglück durch Sünde, nicht von Schuld und Buße die Rede, nein, das Elend an sich, die Andacht ohne Gott, der Untergang der vollkommnen Dinge, eben weil sie die vollkommnen sind — dieses Alles hatte mich ergriffen. Was soll also, kann man fragen, diese Unterwerfung unter Gott ohne Zweck, dieser Schluß, der nichts schließt und nichts löst, und von dem Drucke der vorangegangenen Katastrophe das Gemüth nicht zu befreien vermag?
Wirklich sollte das Ende erst ganz anders seyn. Der ganze Merlin war in seiner ersten Anlage viel bunter, figurenvoller, psychologischer. Im Nachspiele sollten aus dem Hades herauf die Gesänge der Schatten der Tafelrunde erschallen, deren Inhalt eine Art wehmüthigen Glückes war, Merlin selbst sollte als Geisterstimme das Ganze epilogisiren, sich zum weltlichen Heiland erklären, und aussprechen, daß weil nun einmal alle Freude und aller Schmerz der Erde ineinemIndividuo durchgefühlt worden sei, der Fluch sich erschöpft habe, und jeder Künstler in der Grotte des Dulders Trost finden könne. — Ohne darüber zu reflectiren, wurde ich aber genöthigt, das Gedicht in der einfacheren, mehr symbolisirenden Form zu schreiben, und den Schluß so populair und beschränkt zu fassen, wie beides nun vorliegt.
Vielleicht war etwas, was eine Darstellung des obersten und letzten Widerspruchs seyn soll, nur durch den Widerspruch, durch die Inconsequenz dichterisch abzuschließen, ein vollerer, metaphysischerer Klang hätte vielleicht das Ganze in die Dogmatik und Philosophie getrieben. Die Kräfte des Himmels und der Hölle haben sich bewegt, das Übermenschliche hervorzubringen, eine Figur, die die beiden Pole zusammenknüpft, und es kommt doch in letzter Instanz nur zu einem Beschränkten, Anthropologischen. Mich dünkt, der Künstler mußte sich auf diese Sphäre resigniren.
Ich wünschte, ich hätte Ihnen das Alles mündlich sagen können, ich schreibe nicht gern über meine Motive, man bekommt da immer etwas Prätiöses.
Auf Ihre Novelle freue ich mich sehr, Ihre Arbeiten, die im Herbste zu erscheinen pflegen, sind mir immer ein schöner Segen dieser Zeit, die mir die liebste im Jahre ist. Noch ist die Urania nicht hier. — Im letzterschienenen Bande des Shakespeare hat mich der Timon mächtig gefesselt, ich kannte dieses außerordentliche Werk noch gar nicht. Ich muß ihn noch mehrmals lesen, bevor ich sagen kann, daß ich ihn bewältiget habe. Auf seine eigne Weise hat S. hier wieder das Hauptmotiv: den schwärmerischen Sinn Timons für Männerfreundschaft, leicht hingehaucht, es eigentlich nur errathen laßen. Er verfährt oft so. Die Übersetzung paßt in ihrer schweren Art sehr für den Stoff, nur hätte ich hier, wie in manchen Stücken der Sammlung eine veränderte Wortstellung gewünscht. Es ist oft nicht möglich, die richtigen Redeaccente scharf herauszuheben, wie die Worte jetzt stehn — was bei dem mündlichen Vortrage sich sehr merklich macht.
Uechtritzens Chaldäer haben mich ebenfalls ungemein beschäftigt. Nur soll mich wundern, wie er mit der motivirenden psychologischen Form den Stoff durchführen wird, der sich nach meinem Gefühle mehr zu einer lyrisch Aeschyleischen Auffassung qualifizirt hätte. Auf die gedruckte Rosamunde bin ich auch sehr neugierig. Ich habe vielleicht gegen diese Dichtung Unrecht, und sehe sie nun mit andern Augen an, da sie mir ferner und fremder geworden ist.
Die sogenannte romantische Schule der Franzosen macht freilich seltsame Sprünge. Sobald diese Art sich auszubreiten begann, hatte ich gleich die Ahnung, daß wir an unsern Verächtern nunmehr durch Ausbrüche ihres kalten Wahnsinns vollständig gerächt werden würden. Da ich von dort nie Poesie erwarte, so amüsiren mich die artigen Sachen doch,weil immer ein gewißes Geschick, eine Art von hasenfüßiger Zierlichkeit darin sichtbar ist. Louis XI. vonde la Vignez. B. ist allerliebst gemacht.
Eine curiose Neuigkeit, die Sie vielleicht noch nicht kennen, las ich vor wenigen Tagen: die mehreren Wehmüller und Hungarischen National-Gesichter von Cl. Brentano. — Das Burleske finde ich hübsch darin, das Ernsthafte ist wie immer abscheulich.
Sie erkundigen sich nach meinen Arbeiten. Ich habe im Sommer eine vollständige Revision meiner ältern und neuern kleinen Gedichte vorgenommen, manches Neue gemacht, und eine gereinigte Sammlung zusammengestellt. Jetzt liegt derHofervor mir, den ich umarbeiten will. Das Kleinliche und Sentimentale soll hinaus, und das Ganze wird auf ein einfaches, großes, historisches Motiv gebaut werden.
Außerdem beschäftigen mich drei neue Aufgaben — dieEpigonen, ein Roman, von dem ich Ihnen aber keine Andeutung geben kann, weil diese zu weitläuftig werden würde; das mythische Gedicht: derSchwanenritter, dessen Eingangsstanzen ich im vorigen Herbste Ihnen abschrieb und dann: derTristan, dessen Plan und Eintheilung auch bereits fertig ist. — Diese drei Stoffe sind ein wahres Unglück für mich, denn weil sie mich auf gleiche Weise anziehn, so fühle ich mich oft in ihrer Mitte völlig paralysirt.
Machen Sie nur Ihre Zusage wahr, im künftigen Jahre hierher zu kommen. Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie hier begrüßen dürfte. Man kann Ihnen freilich hier nichts Fertiges zeigen, aber es regt sich doch Manches, was in gutem Wetter und Sonnenschein vielleicht einmal fertig wird. Schadow, der Sie sehr verehrt, wollte Sie im October auf der Heimreise von Berlin besuchen, und freute sich sehr darauf, Sie zu mahlen.
Interessant würde es mir seyn, die Übersetzung desAlexis kennen zu lernen. Vielleicht macht mir der Herr, der sich damit beschäftigt, einmal wohl eine Mittheilung.
Mit inniger Hochachtung und Verehrung
Ihrganz ergebensterImmermann.
Ihr
ganz ergebenster
Immermann.
Frankfurta/M., 5. September 1833.
Nur wenige Worte kann ich in der Unruhe der Reise dem Buche beifügen, welches ich Ihnen, mein Hochverehrter, als meinen Vorgänger zuschicke. Ich werde nämlich auf der Reise, die ich morgen von hier über Stuttgart, München, Tyrol und Wien weiter fortsetze, auch durch Dresden kommen, wo ich Sie etwa am 9ten oder 10ten k. M. gesund und wohl zu treffen hoffe.
Das Buch fand ich hier fertig und wünschte es Ihnen doch gleich mitzutheilen. Sagen mag ich über diese Composition nichts weiter; sie commentire sich selbst. Nur Eins: daß in den Stellen über Sie, das innigste Gefühl für Sie gesprochen hat.
In der für mich beglückenden Aussicht des Wiedersehns
IhraufrichtigsterImmermann.
Ihr
aufrichtigster
Immermann.
Düsseldorf, d. 4. Mai 1834.
Sie werden mich für sehr undankbar gehalten haben, theurer Meister, weil ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben,Ihnen nicht meinen Dank sagte für die große Güte, deren ich mich abermals im verwichnen Herbst von Ihnen zu erfreuen hatte. Zum Theil bin ich unschuldig — ich durfte nach meiner Rückkehr erwarten, daß sich hier etwas begeben würde, was ich Ihnen gern mittheilen wollte und harrte darauf Tage, Wochen, Monate lang. Eine Zeit lang bin ich auch krank gewesen und zwar ziemlich ernstlich.
In Berlin lernte ich zwar Ihren Freund Steffens kennen, sah ihn aber für meinen Wunsch zu wenig, wie das in der großen Stadt, wo Jeder nur in seinem Kreise sich bewegt, bei kurzem Aufenthalte zu geschehen pflegt. Das jetzige Treiben dort hat mir wenig gefallen, ich glaube auch kaum, daß es Ihnen behagen würde. Es fehlt durchaus an einem großen durchgreifenden Interesse, sei es für Gegenstände des öffentlichen Lebens, sei es für Kunst und Wissenschaft. Was man jetzt dort Liebe zur bildenden Kunst nennt, ist auch so weit nicht her, wenigstens klagten grade die ersten Künstler, die mir über diesen Punkt ihr Vertrauen schenkten, über Mangel an erwärmenden Begegnungen in dieser Sphäre. Hier, wie in den übrigen ist nichts sichtbar als eine gewiße unruhige Lebendigkeit, eine Beschäftigung mit den Dingen ohne Glauben und Enthusiasmus. Was die sogenannten Dichter und Literatoren betrifft, so sind sie unter aller Kritik; diese Leute halten von sich und von Andern nichts; damit ist ihr Wesen hinreichend bezeichnet.
Der Sinn für Poesie und ein gewißer freierer Literaturgeist könnte sich der Natur der Sache nach nur durch ein bedeutendes Theater, welches sich wunderbare, neue, tiefsinnige Aufgaben stellte, wieder erwecken lassen. Und da ist nun, wie ich glaube, auf zwei Menschenalter hin, methodisch verwüstet worden. Die Berliner Bühne hat keine Fehler mehr, sie ist negativ geworden, sie stagnirt. Ich habe Manches gesehen, was ganz gut gespielt ward, aber Alleswar Routine, Dienst, Reglement, und nirgends konnte ich den Funken eines Talents, welches sich auf eigenthümliche Weise Luft machen wollte, erblicken. Einiges, wieWallensteinundKaufmann von Venedigwar so schlecht und geistlos, daß ich mich schämen würde, es hier so mit meinen Anfängern zu produciren. Im Kaufmann gab Rott den Shylock, von dem er ja wohl damals bei Ihnen sagte, er spiele ihn ganz hoch und ernst, noch mehr als zerkniffnen Schacherjuden, als weiland Devrient.
Dieser Zustand der Dinge ist um so beklagenwerther, als eigentlich die ganze Stadt ein Bedürfniß nach einem guten Theater hat, ohne welches sie ja auch weniger als eine andre existiren kann. Die Häuser sind voll und man nimmt auf Berlinische Weise Theil, selbst an der gegenwärtigen Mittelmässigkeit. Es ließe sich also wohl hoffen, daß wenn die Anstalt die Sache aus dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen deutschen Cultur griffe, für eine Reihe von Jahren wieder etwas Beßeres dort entstehen könnte.
Mein hiesiges Theaterproject, dessen Realisirung ich Ihnen eben gern melden wollte, und leider noch nicht melden kann, beruht grade darauf, die Literatur und Poesie wieder mit der Bühne in Verbindung zu setzen. Es ist dieß nicht unmöglich, wenn man die Sache leise anfaßt, und nicht zuviel auf einmal von den Leuten verlangt. Hin und wieder muß man sich auch accommodiren können; wenn man aber das thut, so weiß ich durch selbstgemachte Erfahrungen, daß die Menschen nicht so unempfänglich für Feineres und Tieferes sind, als sie gemacht werden. So werde ich z. B. wenn mein Theater zu Stande kommt, gleich im ersten Winter Ihren Blaubart bringen und bin über den Erfolg ganz ruhig. Ich werde mich aber nach der Lehre des Katers richten, gar nicht thun, als ob dieß etwas Besondres wäre, es mit dem übrigen Repertoir sacht herandringen lassen, und die neueSpeise soll genossen seyn, ehe man noch gewußt hat, daß sie zubereitet worden ist.
Bis mir die Wirkung im Ganzen vertraut wird, fahre ich fort, hier im Einzelnen thätig zu seyn. Ich habe nach meinen IdeenEgmont,Nathan,Braut von MessinaundAndreas Hoferin die Szene gesetzt, wobei mir Seydelmann aus Stuttgart sehr hülfreich war, der eine Zeitlang hier gastirte. Ich habe Sie nie von ihm sprechen hören; wenn Sie ihn nicht kennen, so thut es mir leid. Mir ist er eine neue und wahrhaft künstlerische Erscheinung gewesen, die durch harmonisches Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, Präcision und weise Beschränkung immer etwas höchst Wohlthuendes hat. Sein Carlos in Clavigo ist nach meinem Gefühle ein Meisterstück, wie man nur eins auf der Szene sehn kann. Groß und sonderbar, abweichend von der gewöhnlichen Darstellungsweise, faßt er den Mephistopheles, und in leichten komischen oder historischen Masken ist er unübertrefflich.
Da Ihnen zu meiner großen Freude Hofer in seiner gegenwärtigen Gestalt gefällt, so wird es Sie vielleicht interessiren, wenn ich Ihnen sage, daß das Stück sich auf der Bühne gut ausnimmt, und hier eine vollständige Wirkung hervorgebracht hat. Was am meisten eindrang, war: die Mystification des Herzogs von Danzig im I. Act. Die heroischen Szenen von Hofer im II. Act. Die diplomatische Szene — Die Szene zwischen dem Vicekönig und Hofer. Der Schluß des 4ten Acts und der ganze 5te.
Obgleich dieser Erfolg in einer kleinen Stadt für mich keinen weitern Vortheil haben kann, so hat er mich doch sehr gestärkt und beruhigt. Ich kann nicht bergen, daß ich schon seit Jahren und namentlich seit dem Erscheinen des Alexis einen großen Mißmuth über die völlige Geringschätzung, womit mich die sogenannte reale Bühne bei Seite liegen läßt,empfinde. Hieran reihten sich peinigende Zweifel über meinen Beruf. Ich habe aber nun an der Aufführung des Hofer gesehen, daß es wenigstens meine Schuld nicht ist, wenn meine Sachen nicht gegeben werden.
Wie oft dachte ich der guten Stunden, die ich im Herbst mit Ihnen zubringen durfte und wünschte mir sehnlichst die Wiederkehr auch nur einer derselben! Sind Sie denn jetzt auch recht gesund? Werden Sie in diesem Jahre ins Bad gehn, und wohin? Ich könnte, wenn ich es bei Zeiten erführe, vielleicht auch dorthin auf einige Tage kommen, denn Sie hier in Düsseldorf zu sehn, ist doch wohl nur eine vergebliche Hoffnung. Ihr: „Tod des Dichters“ hat überall, wo ich darüber mit Jemand sprechen konnte, einen schönen Eindruck hervorgebracht. Mit dem gestiefelten Kater gelang es mir, hier eine Gesellschaft von achtzig Personen, vor der ich wieder wie früher, im Winter einige dramatische Gedichte vortrug, in ein unauslöschliches anderthalbstündiges Gelächter zu setzen.
Ich bitte Sie, wenn Sie über Ihre Reise entschieden sind, mir ein Paar Zeilen zu schreiben, oder Fräulein Dorotheen zum Bruch ihres Gelübdes, nie etwas Schriftliches an einen Mann zu erlassen, zu vermögen. Ich sehe Sie dann, wenn es mir irgend möglich ist.
Die Handschrift des neuen Hofer habe ich nicht geschickt, weil er bald gedruckt in den 4 ersten Bänden meiner Schriften erscheint, die ich Ihnen gleich nach deren Erscheinung überreichen werde. Ich wußte doch vorher, daß er dort nicht aufgeführt werden würde.
Gegenwärtig bin ich emsig an meinem Romane: die Epigonen, und hoffe noch im Sommer diese Arbeit zu vollenden. Ich bin seit 11 Jahren damit beschäftigt; ist er also fertig, so wird mir eine große Last abgenommen seyn. — Haben Sie die Güte, Ihrem ganzen Hause, wozu ich auchFrau Solger zähle, mich auf das angelegentlichste zu empfehlen. Mit aufrichtigster Gesinnung