Der letzte Brief Immermanns an Tieck ist einige Wochen vor seinem unerwartet raschen Tode geschrieben; am 15. Juli hatte er noch einmal mit seinem theuren Meister und Freund vertraulich aus der Ferne geplaudert, — am 26. Aug. lag er auf der Bahre. An dieseseineletzte Zuschrift schließt sich, obgleich beinah ein Jahr dazwischen, doch recht unmittelbar die erste der zurückgebliebenenWittwe, die einen ganzen Reigen nachfolgender beginnt, jede voll von Geist, Seele, wahrhaft weiblichem Gemüth. Wie Marianne Immermann zu ihrem Verstorbenen steht; wie sie gleichsam nur in ihm, durch ihn, mit ihm fortlebt; wie dies aus jeder Zeile hervortritt — das verklärt seine dichterische und menschliche Bedeutung mit mildem, wohlthuendem Glanze.Wir haben, obgleich schweren Herzens, das Opfer gebracht, diejenigen Briefe zu beseitigen, die nach irgend einer Seite hin hätten verletzen können; weil sichgedrucktbisweilen kränkend zeigt, was eine edle Frau dem väterlich-vertrauten Freunde offen und rücksichtslos mittheilen durfte, ohne Furcht, ihrer redlichen Gesinnung für andere Freunde treulos zu werden. Doch schon die vier aufgenommenen Episteln thun genugsam dar, welch’ eine Lebensgefährtin in dieser Frau der Himmel Tieck’s edlem Freunde zugeführt!
Der letzte Brief Immermanns an Tieck ist einige Wochen vor seinem unerwartet raschen Tode geschrieben; am 15. Juli hatte er noch einmal mit seinem theuren Meister und Freund vertraulich aus der Ferne geplaudert, — am 26. Aug. lag er auf der Bahre. An dieseseineletzte Zuschrift schließt sich, obgleich beinah ein Jahr dazwischen, doch recht unmittelbar die erste der zurückgebliebenenWittwe, die einen ganzen Reigen nachfolgender beginnt, jede voll von Geist, Seele, wahrhaft weiblichem Gemüth. Wie Marianne Immermann zu ihrem Verstorbenen steht; wie sie gleichsam nur in ihm, durch ihn, mit ihm fortlebt; wie dies aus jeder Zeile hervortritt — das verklärt seine dichterische und menschliche Bedeutung mit mildem, wohlthuendem Glanze.
Wir haben, obgleich schweren Herzens, das Opfer gebracht, diejenigen Briefe zu beseitigen, die nach irgend einer Seite hin hätten verletzen können; weil sichgedrucktbisweilen kränkend zeigt, was eine edle Frau dem väterlich-vertrauten Freunde offen und rücksichtslos mittheilen durfte, ohne Furcht, ihrer redlichen Gesinnung für andere Freunde treulos zu werden. Doch schon die vier aufgenommenen Episteln thun genugsam dar, welch’ eine Lebensgefährtin in dieser Frau der Himmel Tieck’s edlem Freunde zugeführt!
Düsseldorf, den 27. April 1841.
Wie oft und seit wie langer Zeit habe ich Ihnen in Gedanken geschrieben, mein theuerer, innig verehrter Freund! Ihr schöner Brief, Ihre liebevoll gütige Aufforderung, und mein eigenes Herz trieben mich zu Ihnen, und doch fehlte mir der Ausdruck, der Ihnen gesagt hätte, was ich empfand, die Kraft von dem Nächstliegenden zu reden, und der Muth bei andern Dingen anzuknüpfen. Es giebt Stimmungen, die sich in Worte nicht fassen lassen, wenn auch das Herz zu brechen droht an der stummen Last, mit der sie es erfüllen, denen man geduldig still halten muß, bis die himmlische Gnade uns mit leiser Hand auch über die wegführt. Es waren die meinigen in der verflossenen Winterzeit und sie ließen mich lange nicht zu Ihnen kommen. — Vor einiger Zeit war ich nun wirklich im Begriff Ihnen zu schreiben, da vernahm ich Ihr Geschick und wollte nicht mit Worten an Ihren Kummer rühren. Ich weiß zu wohl an meinem eigenen Herzen, wie die treuste Meinung in ihrer Äußerung oft Mißklänge in den Saiten desbewegten Inneren hervorbringt, weil unser Gefühl augenblicklich nicht mit des Andern Stimmung harmonirt, und wollte um Alles in der Welt Ihre Betrübniss nicht schärfen. Drum sag’ ich auch heute nichts weiter. Sie wissen, welches schöne reine Bild Ihre Tochter in meiner Seele gelassen, wissen, wie meine innige Liebe und Verehrung Ihren Tagen das Schönste und Heiterste gewünscht hätte, und fühlen, daß der Schmerz, an dem ich trage, mich jedes andere Leid tiefer mitempfinden läßt, als es ein vom Kummer unberührtes Herz vermöchte. Möge des Himmels gnädigster Beistand über Ihnen und über Ihrem Hause seyn! —
Und nun lassen Sie mich Ihnen danken, mein verehrter Freund, recht innig und von ganzem Herzen danken für die Güte, mit der Sie meine Zeilen aufgenommen und erwiedert haben, mit der Sie meinen Wünschen entgegengekommen sind. Sie haben mir eine große Liebe erwiesen, die ich immer gleich lebhaft anerkennen werde, selbst wenn die nun eingetretenen Umstände Ihnen die Erfüllung Ihres gütigen Versprechens unmöglich machten, wie mich mein Gefühl fast fürchten läßt. — Ich komme mir recht unbescheiden vor, wenn ich heute Sie wieder an dasselbe erinnere, und ständen die Sachen nicht so, daß ich Andern Unrecht thäte, wenn ich meine Scheu nicht überwände, so würde ich den Muth zu meiner heutigen Bitte und Anfrage nicht finden. Als Sie mir im November schrieben, gaben Sie die Hoffnung, daß das Werk mit Ihren Zusätzen zu Ostern erscheinen könnte. Der Verleger, der Immermann bereits einen Theil des Honorars bezahlt hatte, trieb zur Herausgabe, und der Druck, der um Weihnachten begonnen, ist so weit vollendet, daß ich heute den letzten Gesang „Branyane“ nach Leipzig geschickt habe und die nächste Woche bis auf Ihre Beigaben alles zum Erscheinen bereit seyn wird. Von allen Seiten fragt man darnach, der Buchhändler erinnert unaufhörlich, so daß ich gar zu gern vonIhnen baldmöglichst wüßte, ob Ihr Versprechen Ihnen überhaupt nicht leid ist, und ob es vielleicht möglich wäre, mir vor Ihren Sommerreisen aus der Verlegenheit zu helfen? Es thäte mir und Allen, die sich mit mir über Ihren Vorsatz freuten, unendlich leid, wenn wir das Buch ohne Ihre Ausstattung in’s Publikum geben müßten, und es wäre gar schön, wenn Sie den Gedanken, etwas über I.’s Talent und Bestreben hinzuzusetzen, ausführten, doch will ich gewiß nicht unbescheiden dazu drängen, und werde begreiflich finden, wenn Ihnen die Arbeit jetzt unmöglich seyn sollte, so betrübt es mir auch wäre. Denn freilich geht einerseits dem Gedichte viel verloren und dann wäre die Meinung eines Freundes wie Sie über I. ein wahrer Schatz neben manchem Verkehrten und Unerschöpfenden, was über ihn laut geworden. Doch lassen Sie mich davon aufhören, mein Wunsch möchte mich immer unbescheidner machen, und es ist doch meine ernste Absicht, Sie nicht zu quälen, sondern nur Sie zu bitten, Ihren Entschluß mich irgend wie in einer Zeile wissen zu lassen, damit wir uns darnach richten können. Darf ich darauf wohl hoffen und darf ich vor allen Dingen hoffen, daß Sie mir nicht böse sind?
Wenn ich Ihnen nun noch Einiges über unsern hiesigen Zustand, über den Kreis sagen soll, der Ihnen zum Theil bekannt, so haben Sie leider nicht viel Frohes zu hören. Ich glaube zwar wohl, daß mir der Blick für Manches geschwächt ist, seit ich nicht mehr mit befriedigtem Herzen an den Dingen Theil nehme, indessen, daß es anders geworden ist, als es war, empfinden auch wohl meine Freunde. Das Leben geht seinen stillen Weg, Jeder nimmt Theil andemSchönen, das es bietet; aber es fehlt oft die Kraft, die es uns schuf oder wenigstens belebend nahe brachte, und weil man verwöhnt war, fühlt man den Mangel desto drückender. Mir wenigstens tritt er immer näher, und je mehr ich wieder Kraftgewinne, mit dem äußern Leben anzuknüpfen, desto tiefer empfinde ich die Mißstellung, in die mich mein Geschick versetzt hat. Das macht mich gewiß nicht undankbar gegen den Himmel, ach nein, je ärmer mir Anderer Leben um mich erscheint, gegen das was ich genossen, desto jubelnder freue ich mich meiner heiligen Erinnerungen und desto muthiger fühle ich mich, in ihnen die Gegenwart zu ertragen; aber eiskalt überläuft es mich dazwischen, wenn ich über heute und morgen wegsehe, und immer das Unvermögen in mir finde, durch mich selbst anzueignen, was, eine Himmelsgabe, mir die Liebe bescheerte. Was im Glück uns Frauen der höchste Segen ist, das eigene Daseyn nur in einem Zweiten zu empfinden, das macht uns so tief unglücklich, wenn uns das Geschick allein in das Leben schickt, und wir Alles nur um unsrer selbst willen thun können. Warum ich Ihnen das Alles schreibe? Weil ich ein unbeschreibliches Vertrauen habe, von Ihnen auch indemverstanden zu werden, was Andere leicht für Hochmuth oder Prätension halten könnten, und weildasVertrauen so wohl thut. Ich weiß gewiß, daß mir noch Vieles Gute tagtäglich zu Theil wird; aber ich kann den Schmerz nicht hindern, mit dem ich nach dem Schönen sehe, was vielleicht nur ein so hohes Dichtergemüth, wie mir nahe war, in unendlicher Fülle uns zu reichen vermag. Weinen und klagen kann der Schmerz selten; aber er macht, daß alle Gegenwart sich nur durch die Erinnerung beleben kann. —
In voriger Woche war Ihr Freund Loebell bei Schnaases. Das gab manchen Verkehr unter den Freunden, und daß Ihr Name oft genannt ward, können Sie denken. Besonders haben wir uns noch gemeinsam mit Ihrer Vittoria beschäftigt, denn das schöne Gedicht hatte uns Alle hoch erfreut, und je mehr wir uns damit in Gedanken beschäftigten, desto tiefer empfanden wir den Reichthum und die unendliche Fülle der Poesie, von der Alles in dem Buche durchweht ist. Sie habenden Deutschen ein herrliches Geschenk gemacht, und die schnelle zweite Auflage zeigt Gott sei Dank einmal, daß auch das größere Publikum es so begriffen. — Mir hat es außer der allgemeinen Erhebung, die Poesie uns giebt, in mancher bangen Stunde Kraft gegeben, denn oft, wenn Alles um mich her zu verschwinden schien, habe ich mir einige gar zu schöne Stellen wiederholt, in denen Sie Vittorias Schmerz und ihre Haltung schildern und daran mich selbst zu stärken gesucht. —
Vielen Dank habe ich Ihnen außerdem im Stillen gesagt. Ich habe den ganzen Winter sehr häufig Novalis Schriften, durch Sie uns zugänglich, gelesen; und mich zu keinem Anderen immer aufs Neue so innig hingezogen gefühlt. Alles habe ich freilich nicht verstanden; aber Vieles ist mir unendlich nahe getreten. Da fand ich oft in Worten wieder was mich durchzog, und mit dem schmerzerfüllten Dichter konnte ich auch von den Klängen der Wehmuth mich zu heitereren Gebieten wenden und mich darin erquicken. —
Hier beschäftigt man sich bereits mit Festgedanken für den erwarteten Besuch unseres Königs. Schadow wird in Bildern die Geschichte der deutschen Poesie darstellen. Mir ist das Ganze noch nicht recht klar, nur das habe ich als etwas Bestimmtes gehört, daß den Beschluß die Aufführung Ihres Gartens der Poesie machen soll. Uechtritz hatte an Bilder aus der deutschen Geschichte gedacht, jetzt aber den Plan für hier aufgegeben und beabsichtigt ein ausgeführtes Festspiel daraus zu machen, was etwa in Berlin gegeben werden könnte, gelegentlich. Der Plan hat uns Alle sehr angesprochen. Den 3ten Theil seines Buches über Düßeldorf scheint er vorläufig aufgegeben zu haben; wenigstens wünscht er einen Aufsatz über Schiller und dessen Nachfolger unter dem Titel, Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters, in Raumers historisches Taschenbuch zu geben, und läßt einen kleinen Aufsatz über Immermann, der für jenen bestimmt war, in denBlättern für literarische Unterhaltung drucken. Letzterer hat mir bis auf einige Einzelheiten sehr wohl gefallen.
Wenn Sie es noch nicht wissen, freut es Sie vielleicht, daß vom Münchhausen nächstens die 2te Auflage erscheint. Es wäre ein wahres Glück gewesen, wenn es I. erlebt hätte, denn es würde ihm Muth und Zutrauen zu sich und der Welt gegeben haben, was ihm noch bis zuletzt oft fehlte; nun ist es für mich auch immer eine große Freude.
Mein Töchterchen ist, so klein es ist, schon ein treues Abbild des Vaters und giebt mir unzählige Freuden, und neben allem Trüben was auch Ihre Verlassenheit in mir weckt, die einzige Aussicht in der Zukunft, an der ich mich halten kann. Möge der Himmel sie mir erhalten!
Was werden Sie zu meinem langen Briefe sagen? Böse dürfen Sie nicht über das viele Schwatzen seyn, denn Sie haben mir erlaubt, mit vollem Vertrauen zu Ihnen zu reden, und deßhalb schrieb ich weiter, als mir unter dem Schreiben wohl wurde. — Nun bitte ich nur noch, mich der Frau Gräfin und Ihrer lieben Tochter zu empfehlen, wünsche Ihnen von Herzen ein Lebewohl und bitte mir die Gesinnungen zu bewahren, die mich so sehr erfreuen.
Mit innigster Verehrung
Die IhrigeMarianne Immermann.
Die Ihrige
Marianne Immermann.
Düsseldorf, den 2t. Sept. 1841.
Indem ich Ihnen, mein innig verehrter Freund, beifolgend ein Exemplar des Tristan übersende, lasse ich mir das Vergnügen nicht nehmen, es mit einigen Worten zu begleiten, die Sie nöthigen, sich einen Augenblick mit mir zu beschäftigen. Das Glück, mich Ihnen nahen zu dürfen, ist mir zu lieb und bedeutsam, als daß ich eine Gelegenheit dazuunbenutzt vorüber gehen lassen könnte, und es ist keine Redensart von mir, wenn ich sage, daß ich es recht eigentlich unter die unschätzbaren Hinterlassenschaften meines geliebten Mannes rechne. Die Tage, die wir in Ihrem Hause zubrachten, sind mir unvergeßlich, und so frohe Stunden, wie ich durchlebte, wenn Sie und Immermann in ewig lebendigem Gespräch überall das Feinste und Höchste der Dinge berührten, kommen wohl für mich auf dieser Erde nicht wieder. Darum such ich mein Glück in der Erinnerung, und bin bedacht, alle ihre Bilder mir frisch vor der Seele zu erhalten; und wenn ich, wie im Gespräch mit Ihnen, mich der Segnungen bewußt werde, die nicht mit den flüchtigen Minuten verschwinden, so sind das meine besten Stunden.
Den Tristan erhalten Sie in der Gestalt, die ihm nach Ihrem letzten Bescheide allein zu geben war. Als uns Loebell in Ihrem Namen mittheilte, was ich längst erwartet und natürlich gefunden hatte, war Schnaase so gut, die wenigen einleitenden und beschließenden Worte zu schreiben, und rieth dringend, das was ich im Herbst an Notizen für Sie gesammelt, ohne Weiteres drucken zu lassen, wie es nun auch geschehen. Es war mir anfänglich ängstlich, indessen tritt das Geschriebene so anspruchslos auf, daß es dem Buche nicht viel schaden kann, wenn es ihm auch nicht viel nützt, und es war mir daher immer noch weniger bedenklich als eine sorgsamere Ausführung, die dem Geiste des Dichters vielleicht nicht ganz entsprochen hätte. Das Gedicht selbst wieder zu lesen, habe ich noch nicht vermocht, besonders in diesen Tagen und Wochen, wo ich die Schreckensstunden des verwichenen Jahres wieder mit neuer Lebendigkeit vor mir sehe, und mich vor Aufregung zu hüten habe. Andere Stimmen aus dem Publikum sind mir auch noch nicht zugekommen über den Eindruck des Ganzen, weil man hier in Düsseldorf nie seine Theilnahme allzu lebhaft zeigt.
Während Sie in Baden waren, haben wir uns mit der leisen Hoffnung getragen, Sie möchten einmal den Rhein bis zu uns herab befahren, und haben sie nicht eher ganz aufgegeben, bis uns die Zeitungen meldeten, Sie seien in Berlin angekommen. Seitdem suche ich nun immer zuerst nach den Artikeln aus Berlin und nach Ihrem theuern Namen, und freue mich herzlich, wenn ich auf’s Neue höre, wie man Sie dort liebt und ehrt, und wie Ihnen das Leben in so mancher geistiger Anregung und Aufmunterung gut thun muß. Ich wollte, Sie blieben recht lange dort, vielleicht immer; es müßte sich Ihnen nur so recht allmählig machen, daß Sie den Übergang nicht viel empfänden, den Entschluß alte langjährige Gewohnheiten und Umgebungen gegen neue zu vertauschen, der freilich immer schwer ist. — Vor einiger Zeit sah ich bei Uechtritz dessen Cousine Frau v. Buttlar aus Dresden, die ich auch die Möglichkeit nach Ihnen und den Ihrigen ausgefragt habe, die aber leider besonders aus der letzten Zeit nicht viel wußte. Sie unterhielt uns hübsch mit ihren anmuthigen kleinen Bildchen, die aber freilich alle weichen mußten, sobald wir Dorotheens wohlgelungnes Portrait sahen, das ein gar schöner Spiegel Ihres Wesens ist. — Außer diesem Besuch haben wir den ganzen Sommer nichts von Fremden gesehen. Düsseldorf liegt schon gar zu sehr am Ende von Deutschland und kriegt wenig ab von den gewöhnlichen Rheinreisenden. Die Sommermonate sind daher für das gesellige Leben sehr unangenehm, denn da ein großer Theil der Einheimischen abwesend ist, so giebt es überall Lücken, und da keine Veranlassung von außen hinzutritt, sehen sich die Zurückgebliebenen denn eben auch nicht. — In diesem Augenblick sind von meinen Freunden eigentlich nur Uechtritzens hier, mit denen der Verkehr bei seiner Kränklichkeit und Beider Ängstlichkeit für ihre Gesundheit auch nicht ganz leicht ist. — Solche absolute Einsamkeit hat freilich ihre Schattenseiten,und man durchlebt manche Stunde trüber als sonst, indeß hat sie auch ihre Vortheile und ich suche durch fleißige Beschäftigung sie möglichst daraus zu ziehen. — Für die Bände zurückgelaßner Schriften Immermann’s giebt es mancherlei zu ordnen und abzuschreiben, woran ich fleißig bin, und außerdem habe ich in allen Gebieten der Literatur noch so wenig Kenntnisse, und bin ich auch in andern Dingen so schlecht unterrichtet, daß ich viel nachzuholen habe, wenn ich meiner Tochter künftig einmal in irgend einer Sache nützlich seyn will. Mein Vater sagte immer, ein Mädchen brauche nichts zu lernen, man gab mir also wenig Unterrichtsstunden, und ich lernte eigentlich nur, wozu mich bisweilen eigner Eifer und Lust trieben. Daß das aber bei einem jungen unruhigen Mädchen nicht viel, am wenigsten etwas Geordnetes war, können Sie wohl denken. So lange Immermann lebte, habe ich diesen Mangel oft drückend empfunden, weil ihm das ewige Fragen und Antworten mitunter lästig seyn mußte, jetzt sehe ich auf die unbekannten Gebiete mit mehr Ruhe und freue mich sogar der Schätze, die mir über manches Schwere forthelfen werden durch die Bereicherungen, die sie mir geben müssen. — Besondere Erquickung geben mir häufig gute Geschichtswerke, und in dieser letzten Zeit hat mir keine Unterhaltung die Stunden angenehmer verkürzt, als die Lectüre von Rankes Päpsten. Es war das erste Werk dieses Schriftstellers, was ich las, und ich wählte es vorzugsweise, weil es mich in die Zeit führte, die mir durch Ihre Vittoria so nah und anders belebt erscheint als manche sonst.
Durch weiteres Reden über mich und meine Angelegenheiten darf ich aber Ihre kostbare Zeit gewiß nicht in Anspruch nehmen, und so will ich nur noch im Allgemeinen zufügen, daß mir der Himmel mein süßes Kind wohl und kräftig erhält, und mir in dem Gedeihen und geistigen Entwickeln des kleinen Engels unzählige Freuden schenkt. Sie ist äußerlich aufwunderbar auffallende Weise das Bild des Vaters, und wenn ich einst sehen werde, daß er ihr seine Seele und einen Funken seines Geistes vererbt hat, so erfüllt sich mir Alles, wonach mich noch auf Erden verlangt. — Der rechte Lebensmuth und Lebenslust will mir nicht wiederkehren, und unendlich oft zieht mich die Sehnsucht gewaltig dem geliebten Manne nach. Doch blicke ich getrost zum Himmel, der mir noch immer geholfen, und denke er wird mir auch ferner beistehen. — —
Uechtritz hat mir freundliche Grüße für Sie aufgetragen, im nächsten Jahre denkt er wieder nach Berlin und Schlesien zu gehen, jetzt ist er sehr mit dem Plan zu einem Roman beschäftigt, den er, glaube ich, schon seit Jahren mit sich herumträgt. Schnaase ist mit seiner Frau im Harz. Daß Ihr Freund Loebell vor einigen Tagen seine Reise nach Italien angetreten, wissen Sie vielleicht auch noch nicht.
Der Frau Gräfin bitte ich mich zu empfehlen, und Fräulein Agnes freundlich zu grüßen. Wenn ich sie auch nicht persönlich kenne, habe ich doch so viel von ihr gehört, um mich ihr bekannt zu fühlen. Und nun sage ich Ihnen Lebewohl, mein theurer verehrter Freund und Dichter, möge es Ihnenrecht recht wohl ergehen, und Sie immer eine freundliche Erinnerung bewahren
Ihrerinnig ergebenenMarianne Immermann.
Ihrer
innig ergebenen
Marianne Immermann.
Düsseldorf, d. 2. September 45.
Als ich mich im vergangenen Winter von Ihnen trennte, mein theurer, innig verehrter Freund, da glaubte ich nicht, daß ich so lange gegen Sie schweigen würde, als nun geschehen. Mein Herz war so voller Dankbarkeit, für alles Schöne, wasmir im Umgange mit Ihnen geworden, daß ich meinte, Ihnen diese wenigstens bald aus der Ferne aussprechen zu müssen. — Da kamen Unruhen und Unwohlseyn mancher Art, mein Gefühl blieb dasselbe; aber der ruhige Ausdruck desselben wollte sich nicht finden. Hoffentlich habe ich durch mein spätes Kommen nicht in Ihren Augen das schöne Recht, mich Ihnen vertraulich zu machen, eingebüßt, das Ihre Freundlichkeit mir bisher einräumte, und das ich so gern unter die kostbaren Vermächtnisse meines geliebten Mannes rechne. — Die Trennung von Ihnen trug recht eigentlich im vorigen Winter dazu bei, mir den Abschied von Berlin schwer zu machen, und ich würde es für ein gar großes Glück achten, wenn mir vergönnt würde, noch einmal längere Zeit in Ihrer Nähe zu weilen. Sie sind der einzige Dichter, dem ich außer Immermann im Leben begegnete, und Ihnen gegenüber finde ich so Vieles wieder, was sonst mit ihm für mich begraben ist. Was das ist, das wissen Sie selbst am Besten, in der Klarheit des Besitzes, mir ist es ein unsäglich, ewig Schönes mich erquicklich Belebendes, das ich mit durstiger Lippe trinke — die Poesie. Es ist ein Stück des göttlichen Schaffens, vom gütigen Genius in des Dichters Brust gelegt, womit er uns gestaltet wiedergiebt, was wir ahnend zu ihm tragen, womit er nicht allein und immer Neues zum Geschenke reicht, sondern auch in uns selbst zu wecken weiß, was irgend Bestes die Natur in uns versenkt. Mir wenigstens ist immer so dem Genie gegenüber gewesen, was mich nicht einschüchterte, weil ich seine Größe so gern anerkannte, und in seiner Nähe Schwingen an den Schultern fühlte, während das Gewöhnliche und Dumme mich leicht zu seiner Kleinheit herabzog. Die Natur hat mir Vieles versagt, womit sie Andere freundlich ausstattet, namentlich alles ausübende Talent, mich dafür aber mit einer lebhaften Empfänglichkeit beschenkt, durch die ich das Glück einer reichen und spendenden Natur, wie der Ihrigen, zu begegnen, voll und ganz zu würdigen weiß. Darum bitte, nehmen Sie mich immer gütig auf, wenn ein freundlicher Stern mich zu Ihnen führt, und lassen Sie mich Theil nehmen an Ihrem Reichthum, an dem ich mich auch in der Ferne immer aufs Neue herzlich erfreue. Sie haben mich schon vor Jahren einmal freundlich aufgefordert mich Ihnen, wie einem alten längst gekannten Freunde zu nahen, so daß ich dadurch noch immer ein Recht an Sie zu haben meine und dieses in Anspruch nehme, bis Sie es mir ausdrücklich entziehen. Drum rede ich auch heute unbefangen von meinen kleinen Erlebnissen, weil längst das Herz mich zu Ihnen trieb.
Es war um Weihnachten, als ich Berlin verließ, mit der Hoffnung dahin zurückzukehren, ehe ich im Frühling wieder an den Rhein ging. Vorher sollten aber in Magdeburg, Halle und der Umgegend Familienbesuche gemacht werden, und während derselben rührten sich die, seit meinem Wochenbett nie ganz überwundnen Nervenleiden auf eine Weise, die mich nöthigte, den lieben Plan aufzugeben. Gegen Pfingsten reiste ich nach Düsseldorf, mit großem Verlangen nach häuslicher Ruhe, fand aber gleich manchen Trouble durch die Vorbereitungen zum Rheinischen Musikfest, das wir in diesem Jahre hier feierten. Die Musik an und für sich ist nun schon angreifend, man setzt sich jedoch der Ermüdung, die sie bringt gern aus, wo sie durch ihre Vollkommenheit wahren Genuß bringt, bei diesen Pfingstfesten hat sie aber das böse Gefolge vieler gleichgültiger Menschen. Der Übersetzer der spanischen Dramen, die ich einmal auf Ihrem Tische sah, Dohrn, war unter diesen der Einzige, der durch eine frische, volle Persönlichkeit und den wunderhübschen Vortrag von Volksliedern für sich interessirte.
Wäre nun wenigstens nach dem Musikfeste Ruhe gekommen! Aber nie habe ich so viel Fremde hier gesehn, nie bin ich so viel von Kleinigkeiten in Anspruch genommen worden,als diesen Sommer. Da war es denn nicht zu verwundern, daß die Gesundheit auf keinen grünen Zweig kam, und die schon gereizten Nerven mir keine Ruhe ließen, und ich mußte mich entschließen, einem oft wiederholten ärztlichen Rathe zu folgen und ein Seebad zu gebrauchen. Die Reise nach Ostende, die als die leichteste erschien, ist mir sauer genug geworden, denn sie nöthigte mich zu Ausgaben, die meine Verhältnisse übersteigen, und es war das erste Mal, daß ich mich in der Fremde selbst beschützen mußte. Aber da ich zu oft empfunden, wie ich nur gesund das Schwere meines Lebens ertragen und mich des Guten freuen kann, so überwand ich Alles, und machte mich mit meinem Kinde auf den Weg. Die Bäder haben mich gestärkt, und jetzt denke ich gern an den Verkehr mit dem köstlichen Elemente, das ich habe kennen lernen, so wie an die mancherlei Anschauungen, die mir das interessante Land bot. Das Meer hat mich mit unendlichem Zauber umfangen, und manche stille Stunde habe ich in lautlosem Gespräch mit den schäumenden Wogen zugebracht, obgleich der erste Eindruck fast eine Enttäuschung war. An einem stillen sonnigen Tage, bei vollständiger Ebbe betrat ich zuerst den Quai, und die ruhige Wasserfläche, deren Endlosigkeit mein kurzsichtiges Auge nicht weit verfolgen konnte, imponirte mir viel weniger, als ich vermuthet hatte. Aber immer wachsend hat sich mir die eigenartige Pracht erschlossen, die mich lange Zeit wachend und träumend schaukelte, und mich bei meiner Rückkehr ganz sehnsüchtig stimmte. Je öfter ich der brausenden Fluth Anschwellen beobachtete, oder die sanften Kreise des scheidenden Wassers verfolgte, dem tobenden Sturm zusah, oder die Sonne in die klaren Fluthen sinken sah, desto andächtiger, größer ward mir zu Muthe.
Auf der Rückreise hielt ich mich 8 Tage bei Freunden in Brüssel auf, und lernte durch diese Gent, Antwerpen und das Schlachtfeld von Waterloo kennen, auf dem Immermann vormeiner Geburt in den Reihen der Kämpfenden gestanden, und wo sich ein mächtiges Blatt der Geschichte vor meinem Geiste ausrollte. — Sonst waren natürlich die Eindrücke, die ich durch die alte Niederländische Kunst, besonders Rubens, erhielt die bedeutendsten, indessen interessirte mich auch Manches, worin sich die Verschiedenheit des Landes und der Menschen von uns, ihren Nachbarn zeigte, die sonderbare politische Stimmung u. s. w. Bei meiner Rückkehr hatte ich Muße zum Ausruhen, denn im Herbst fliegt hier Alles auseinander, und man hat so gut wie keinen geselligen Verkehr, der sich erst seit einigen Wochen wieder consolidirt hat. Für mich hauptsächlich durch die Rückkehr von Schnaases und Uechtritzens, obgleich ich durch meine jüngste an einen hiesigen Maler verheirathete Schwester, jetzt mehr als sonst in den Künstlerkreisen lebe, in denen ich mich ganz wohl fühle. Diese Künstler sind ein eigner Schlag Menschen, und eigentlich nur genießbar, wenn sie ganz unter sich, und dadurch ganz unbefangen sind. So wie sie mit Andern, besonders bedeutenden Persönlichkeiten zusammentreten, werden sie entweder schweigsam oder ästhetisch, und Beides steht ihnen schlecht, denn bei den Meisten stehen glückliche Anlagen in gar keinem Verhältniß zu ihrer Ausbildung.
Daß Schnaases in Oberitalien waren, wissen Sie wohl durch Uechtritz. Sie sind Beide befriedigt, aber nicht sehr wohl zurückgekehrt, und augenblicklich etwas unruhig durch die Aussicht zu einer Versetzung nach Berlin, die ihm sehr erwünscht seyn würde. Für uns Hiesige wäre das ein großer Verlust, freilich aber das längst Erwartete. Auf der Reise hat er viel Studien zur Fortsetzung seines Buches gemacht, klagt aber, daß die Erschöpfung ihn jetzt an kein eigentliches Arbeiten denken lasse, auch wenn er amtlich weniger in Anspruch genommen wäre, als es leider der Fall ist.
Uechtritz spricht gern und angenehm von seinem BerlinerAufenthalt, lobt besonders das Theater, und hat mir von Ihnen, verehrter Freund, erzählen müssen, was er nur irgend konnte, wodurch ich denn lebhaft an die schöne vorjährige Zeit erinnert ward. Leider fand er Sie zuerst unwohl; aber bei seiner Abreise so entschieden auf der Besserung, daß Sie sich hoffentlich jetzt, unterstützt von den schönen frühlingswarmen Tagen, ganz gut befinden. — Durch Ue. habe ich gehört, daß Sie sich mit der Redaction einer Briefsammlung beschäftigen, ja fast damit fertig sind, und ich freue mich sehr auf dies interessante Geschenk. Die Briefe von Dorothea, die Sie zu lesen wünschten, läßt Uechtritz jetzt abschreiben, und Sie werden sie nächstens erhalten, ich lernte schon vor einigen Jahren etwas davon kennen, und kann nicht sagen, wie es mich ergriffen und erfreut hat. Es ist ein so durchaus schöner, ernster, edler Sinn, der überall durchgeht, und uns erfasst, auch wo man einzelne Stimmungen nicht in der Weise theilt, z. B. in den religiösen Ansichten, in denen mich die Natur einen andern Weg geführt hat, worüber ich mich neulich mit Uechtritz förmlich gestritten habe, weil er meinen Standpunkt als unweiblich angriff. Das kann ich nicht beurtheilen, es kann mich aber auch nicht ändern, denn ich muß vor allen Dingen erfassen, was für mich wahr ist, und wenn das nicht weiblich ist, so kann ichs nicht ändern. Übrigens brauchen Sie meine Ansichten nicht in abstracten modern philosophischen Begriffen, oder in wüstem Pantheismus zu suchen, ich glaube, sie als durchaus christliche vertreten zu können, nicht grade als Uechtritzsche, und mein Hauptverbrechen war Strauß Leben Jesu gelesen zu haben, von dem ich nicht durch die wiederholte Versicherung frei gesprochen wurde, daß ich des Verfassers Consequenzen durchaus nicht durchgehend theile, im Gegentheil sehr häufig gegen ihn sei. Er verlangte, ich müsse jetzt Feuerbach und Gott weiß was lesen, ohne zu hören, daß ich darnach keinerlei Verlangen habe, sondern eben jetzt nach Dingen verlange, in denen etwas für mich Positives läge. Übrigens kann man vieles von ihm lernen, und ich schätze seine Kenntnisse in vielen Dingen sehr hoch, und wünsche mir sehr oft wenigstens einen Theil seiner Geschichtskenntnisse zu besitzen, zu deren Erlangung mir mein Gedächtniß wenig behilflich ist. — Es ist ein wahres Unglück, so schlecht unterrichtet zu werden, als ich es bin, und in spätern Jahren sich an dem zu plagen, was einem so leicht hätte können in der Kindheit gegeben werden. Davor mein Töchterchen zu bewahren, strebe ich redlich nach Erweiterung meines Wissens, und freue mich am meisten der ruhigen Zeiten, in denen mir das Glück des Lernens wird, wie die jetzige eine ist. Freilich entbehre ich auch dabei unausgesetzt der leitenden Hand, die mir Im. bot, und an der mir oft zuflog, was ich jetzt mühsam suchen muß; aber auch dies Suchen hat sein Gutes, und wenn mir bisweilen ist, als ob ich in dieser oder jener Erkenntniß einen Schritt weiter gethan, so trage ich diesen Segen dankbar zu der Erinnerung an den, der mir meinen Weg gezeigt, und auch nach seinem Scheiden mein höchstes Glück bringt.
Mein Brief ist länger geworden, als ich vermuthet, es ward mir so wohl mit Ihnen, mein theurer Freund. Nun muß ich Ihnen noch eben sagen, daß mich Ihre dramaturgischen Blätter und Shakespeares Vorschule nach Ostende begleiteten, und mich sehr erfreut haben. Ganz vorzugsweise beschäftigt und interessirt hat mich die Vorrede zu Sh. V. und fast unwillkührlich drängt sich da eine Frage nach dem Werke über den großen Dichter hervor. — Nun genug für heute. Ich denke die nächste Pause ist nicht so lang. Möge es Ihnen wohl und heiter ergehen, und mögen Sie, verehrter Freund, bisweilen einen Gedanken freundlicher Erinnerung schenken
IhrerSie innig verehrendenMarianne Immermann.
Ihrer
Sie innig verehrenden
Marianne Immermann.
Düsseldorf, d. 31. Oct. 46.
Sie wissen, verehrter Freund, wie hoch ich das Recht halte, Ihnen vertraulich zu nahen, und werden daher nicht verwundert seyn, wenn ich auch ohne besondere Veranlassung einmal wieder zur Feder greife, um mich wenigstens im Geist in Ihre unmittelbare Nähe zu versetzen. Sie haben mir einmal gesagt, daß Ihnen meine Briefe immer angenehm wären, und was man gern hört, das glaubt man auch gern, und so schreibe ich weil die Aussicht, Sie einmal wieder persönlich zu begrüßen, sich in stets weitere Ferne schiebt. Es ist recht lange her, daß ich nichts Näheres von Ihnen gehört habe, denn was mir Ihr Freund Waagen vor einigen Wochen in Frankfurt mittheilte, gründete sich doch auch nicht auf persönliches Sehen. Aber im Frühling brachte dieser uns gute Nachrichten von Ihnen und freundliche Grüße, die mit großer Freude empfangen sind. Möchte es Ihnen doch auch ferner so wohl gehen, als ich es von Herzen wünsche, und wir uns noch lange Ihrer schönen geistigen Frische erfreuen können. Über das, was Sie Ihren Freunden und dem Publikum im Allgemeinen noch zu geben denken, hört man bisweilen lockende Gerüchte, besonders versprach Uechtritz im vorigen Herbste mit einiger Sicherheit eine Briefsammlung, die Sie im Begriff seien, zu arrangiren; aber leider ist es vorläufig bei dem Versprechen geblieben, und wir sehen noch immer hoffend aus. Nun freilich haben Sie ein Recht zu ruhen, und wenn die Rückkehr zu den köstlichsten Quellen Ihrer Poesie auch den Wunsch nach immer Neuem aus Ihrem reichen Geiste sehr natürlich erweckt, so ist doch das Gefühl der Dankbarkeit für das Gegebene immer das Vorherrschende. — Dies Gefühl habe ich besonders lebhaft empfunden, als ich im Frühling mich einmal wieder indie wundersame Welt des Cevennenaufstandes vertiefte, der mir immer als eine Ihrer eigenartigsten Schöpfungen erscheint.
Jetzt ist es fast zwei Jahre, daß ich so glücklich war, Sie in Berlin zu sehen. Einige ruhige Stunden des Gespräches in denen mir der ganze Vorzug einer Dichternatur reich entgegentrat, die wunderschöne Vorlesung des Octavian, der ich beiwohnen durfte, werden mir unvergeßlich seyn. Früher rechnete ich darauf, in diesem Winter meine damalige Rundreise zu wiederholen; aber die Verhältnisse in meinen beiden Heimathstädten Halle und Magdeburg, werden immer weniger anziehend für mich, und doch kann ich nicht daran denken, in die dortige Gegend zu kommen, ohne an beiden Orten einen mehr als flüchtigen Aufenthalt zu machen. Dennoch würde ich wohl gereist seyn, wenn nicht im Juny dieses Jahres meine gute Schwiegermutter gestorben wäre, welche fortgesetzt die lebhafteste Sehnsucht nach meinem Töchterchen hatte. Nun habe ich mich hier in Düsseldorf für die nächsten sechs Monate gefesselt, und werde während dieser Zeit die 14jährige Tochter einer Freundin bei mir haben, mit der ich mich ein wenig geistig zu beschäftigen versprochen habe. Das ist freilich in vielen Beziehungen eine Gene; aber es füllt das Leben auch wieder aus, und die äußern Verhältnisse sind hier allmählig so dürr und unerquicklich geworden, daß man sich fast gänzlich auf das eigne Haus und seine Beschäftigungen angewiesen sieht. Im vergangenen Winter nahm mir der Tod meine geliebte Freundin, die auch von Ihnen anerkannte Frau v. Sybel, mit ihr die Hauptstütze meines hiesigen Lebens. Da trat einen Augenblick der Wunsch mir nahe, Düsseldorf zu verlassen; aber er verlor sich in der Frage: Wohin? und in der Furcht vor allen eigenmächtigen Entschlüssen, die uns Frauen nun einmal schwer fallen. Hier denke ich, hat mich die Hand des Schicksals hingeführt, und trage in diesem Gedanken leichter die Entbehrungen, die mich treffen, als inselbstgewählter Umgebung. Auch hat der Rhein einen unsäglichen Reiz für mich, und viel heimathlichern Klang in meinem Herzen als mein philiströser Geburtsort. Hier habe ich gelebt und geliebt, schon das allein macht mir die Wege lieb, durch die ich wandre, auch wenn sie meinem Auge nur grüne Hecken und Saatfelder bieten. Überdieß lernt man ja immer mehr sich selbst Freude verschaffen, und wenn ich nicht grade mich unter langweiligen Leuten quälen muß, so bin ich in meinem eignen Hause, mit meinem lieblich heranwachsenden Kinde, und meinen Beschäftigungen ganz zufrieden. Der Reiz des Lernens ist ein immer frischer, immer wachsender, je mehr man sich in die gewaltigen Blätter der Geschichte vertieft und den großen Zusammenhang aller Dinge übersehen lernt, je mehr die Natur uns in ihr geheimes Walten blicken läßt und die Poesie ihre ewige Jugend in alten und neuen Schöpfungen ihrer Lieblinge offenbart, desto mehr empfindet man den Reichthum des Daseyns, auch wenn das Leben uns frühe Entbehrungen zutheilte. Der kurze Liebeslenz, mit dem der Himmel meine Jugend schmückte, ist freilich schnell verklungen; aber wir verlieren ja Nichts, was wir einmal wahrhaft besessen, und obgleich die Sehnsucht nach dem Vergangnen nicht mehr heftig in den Frieden meiner Seele schneidet, so lebe ich doch mit meinem geliebten Manne fort, wie mit der Luft, die mich umgiebt, und erkenne in Allem, was mich erfreut, dankbare Frucht des von ihm in meine Seele gestreuten Samens. — Was hier entschieden fehlt, sind Anschauungen der Kunst, und nach einem guten Schauspiel, nach Werken der bildenden Künste, die dem Geiste wirklich Nahrung geben, habe ich allerdings häufig Verlangen. Als ich vor einigen Wochen das Städelsche Institut besuchte, fühlte ich recht lebhaft, wie ein einziger der dortigen schönen Abgüsse mehr für mich war, als was ich hier in der Dauer vieler Monate zu sehen bekomme. — Den Schätzen Berlins sende ich auch manchen Gedankenzu; aber den Wunsch, dort zu leben, der eine Zeitlang durch meine Seele zog, habe ich ganz aufgegeben, und könnte ich jährlich mit Bequemlichkeit dort einige Wochen zubringen so wäre ich ganz zufrieden.
In diesem Sommer habe ich ganz neue Zustände kennen lernen, indem ich einige Monate in Marburg im Hause des Prof. v. Sybel zubrachte, wo man meinen Beistand für ein zu erwartendes Wochenbett wünschte. Da ist man in vieler Beziehung noch in der Kindheit, besonders bewegt sich das gesellige Leben in Formen, vor denen man sich hier am Rhein entsetzen würde, die aber dennoch viel Gemüthliches, und darum mir Ansprechendes haben. Freilich mögen sie sich im Winter, und in den unschönen Räumen der alten winkligen Häuser weniger gut ausnehmen, als während der Sommer sich in der überaus lieblichen Gegend erging, und einen reizenden Rahmen um Alles zog. Ich war nie so dauernd in einer schönen Gegend wie jetzt, und habe den Segen derselben recht voll genossen. Nun ist aber auch die Marburger Umgebung besonders anziehend, denn sie stellt sich nirgend in prätentiöse Ferne, und verlangt Anstrengungen für den Umgang mit ihr. Nein, in jedes Fenster schaut sie vertraulich herein, wie ein Freundesgesicht, und wo man den Fuß aus der Thüre setzt, tritt sie in immer neuen Ansichten dem Auge entgegen. Einen besondern Schmuck erhält sie überdieß durch die schöne Kirche, die man von allen Seiten in neuen Umgebungen wiederfindet. Mit Vergnügen lernte ich manchen Anhänger Immermanns kennen, und fand die Freude am Münchhausen, der erst kürzlich bis in diese Hügel gedrungen war, ganz allgemein. Unter den Professoren sind wenig bedeutende Persönlichkeiten. Mir am interessantesten war die Bekanntschaft eines jüngern Theologen, des Prof. Thiersch, ein Sohn des Münchner Philologen, den ich auch habe kennen lernen. Ich bin ihm durch die Beschäftigung mit einem kürzlichvon ihm erschienenen Buche nahe getreten: Vorlesungen über Katholicismus und Protestantismus. Es ist von ganz orthodoxem Standpunkte aus, aber so wenig aus abgeschlossenem Protestantismus hervorgegangen, daß man dem Verfasser den Vorwurf des Katholisirens gemacht hat, gewiß mit Unrecht, denn er übersieht nur mit unbefangenem Auge die Mängel und Vorzüge beider Confessionen, und sieht eine letzte und höchste Entwickelung der Kirche in der Einheit Beider. Man sagt, unsere Königin interessire sich sehr für ihn, und es soll davon die Rede gewesen seyn, ihn an Marheineckes Stelle nach Berlin zu rufen; aber er ist ein wenig Antiberliner, und ich fürchte auch, daß er sich dort nicht ganz wohl fühlen würde, denn es würden ihn manche als den ihrigen betrachten, zu denen er nicht eigentlich gehört. Er ist eben so duldsam in Betreff fremder Meinungen, als von der eignen durchdrungen, und weit entfernt sich im Verkehr oder Urtheil durch die herausgekehrte Seite irgend eines Bekenntnisses bestimmen zu lassen. Wenn man übrigens eine Zeitlang gesehen hat, was in Hessen die Kleinlichkeit der Polizei und Verwaltung, trotz der Constitution hervorzubringen vermag, so freut man sich, wenn man wieder in die Staaten seiner Preuß. Majestät gelangt, trotz manches Geschreis, was in denselben laut wird.
Es wird Sie wohl interessiren, ein Wort von Uechtritz zu hören, verehrter Freund. — Ich habe viel Sorge für ihn gehabt, und finde seinen Zustand noch immer wenig erfreulich. Den vorigen Winter hat er viel gelitten, und war geistig oft auf die beängstigendste Weise absorbirt und zerstreut. Nun hat er Marienbad gebraucht, und das Gespräch mit ihm ist wieder viel leichter. Er holt mich bisweilen gegen Abend zum Spazirengehen ab, und da habe ich mannichfache Gelegenheit, mich seines vielseitigen Wissens und seines feinen Verständnisses gewisser Dinge zu erfreuen. Das letzte Mal war er ganz voll von Ihrem jungen Tischlermeister. — An seinem Romane arbeitet er fort. Könnte man ihm ein drei Mal schnelleres Schaffen anwünschen, so wär es gut, und erwürde hier vielleicht das Beste leisten, dessen er fähig ist. Aber wann wird er fertig werden, oder wird er’s überhaupt vollenden? Schnaase war im Herbst in Holland und Belgien, wohl nicht ohne bestimmte Kunstabsichten. Die Fortsetzung seines Buches ist etwas hinausgeschoben, denn er ist sehr unzufrieden mit dem, was er dafür gethan hat, und will Alles noch einmal umarbeiten. Jetzt hat er einen Freund bei sich, der beschäftigt ist, das Vollendete ins Französische zu übersetzen, eine Arbeit, deren Anfänge Schn. für sehr gelungen erklärt. Ich habe diesen Sommer erst seine Niederländischen Briefe kennen lernen, und sie mit ungemeinem Vergnügen gelesen. Bisweilen ist für meinen Verstand der Gegenstand nicht fasslich genug behandelt; aber man wird immer für die Mühe belohnt, und erkennt recht, mit welchem fein organisirtem Geiste man zu thun hat.
Ehe ich schließe, muß ich Ihnen noch erzählen, daß mein Carolinchen nun schon ein ganz großes Mädchen wird, und ihre ersten Studien begonnen hat. Wir malen mit nicht geringer Anstrengung verschiedne Buchstaben auf die Tafel und lesen ohne Kopfbrechen einzelne Worte. Leider ist das Kind sehr träge, so wenig sie dumm ist, und ich weiß nicht, wofür mich der Himmel mit dieser bedenklichen Anlage strafen will, denn Faulheit ist nicht mein schlimmster Fehler. Übrigens ist die Kleine doch sehr liebenswürdig, gesund und kräftig und die Quelle unsäglicher Freude für mich.
Nun finden Sie nur nicht, daß ich allzu geschwätzig war, mein theurer und gütiger Freund, sondern nehmen Sie mich freundlich auf, die ich mit immer gleicher Verehrung bin
Ihreherzlich ergebeneMarianne Immermann.
Ihre
herzlich ergebene
Marianne Immermann.