Kerner, Justinus.

Geb. den 18ten Sept. 1786 zu Ludwigsburg, gestorben 1860.Romantische Dichtungen (1817). — Gedichte (1826). — Die Seherin von Prevorst, 2 B. (1829). — Bilderbuch aus der Knabenzeit (1839). — Der letzte Blüthenstrauß (1853).Es erweckt eigenthümliche Betrachtungen, hier zu lesen, wie vertraulich und hoffnungsvoll der liebe, sanfte Mensch sich an Tieck wendet, mit einem Herzen voll Wehmuth, wegen seiner „Somnambüle,“ wegen all’ des Hohnes, der ihn jenes Buches halber getroffen; — und dann zu bedenken, daß Immermann, Tiecks vertrauter Freund, diese wunde Stelle am weichen Justinus gerade so verletzend berührte! Wie stand Tieckzwischen beiden? Auf wessen Seite neigte er sich, seinem innersten Wesen nach? — Das bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, für Alle, die ihn bei verschiedenartigen Seelenstimmungen beobachtet haben. Wir meinen nicht zu irren, wenn wir muthmaßen: Tieck hat Beiden Recht gegeben, weil er Jeden von Beiden nahmwie er war!

Geb. den 18ten Sept. 1786 zu Ludwigsburg, gestorben 1860.

Romantische Dichtungen (1817). — Gedichte (1826). — Die Seherin von Prevorst, 2 B. (1829). — Bilderbuch aus der Knabenzeit (1839). — Der letzte Blüthenstrauß (1853).

Es erweckt eigenthümliche Betrachtungen, hier zu lesen, wie vertraulich und hoffnungsvoll der liebe, sanfte Mensch sich an Tieck wendet, mit einem Herzen voll Wehmuth, wegen seiner „Somnambüle,“ wegen all’ des Hohnes, der ihn jenes Buches halber getroffen; — und dann zu bedenken, daß Immermann, Tiecks vertrauter Freund, diese wunde Stelle am weichen Justinus gerade so verletzend berührte! Wie stand Tieckzwischen beiden? Auf wessen Seite neigte er sich, seinem innersten Wesen nach? — Das bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, für Alle, die ihn bei verschiedenartigen Seelenstimmungen beobachtet haben. Wir meinen nicht zu irren, wenn wir muthmaßen: Tieck hat Beiden Recht gegeben, weil er Jeden von Beiden nahmwie er war!

Weinsberg, d. 18ten Feb. 30.

Verehrungswürdigster!

Sie werden Sich vielleicht meiner nicht mehr — aber wohl des Stuhles erinnern, auf dem Sie auf dem alten Thurme zu Weinsberg saßen und auf dieGebirgesahen. —

Indiesenist nun das Grab jener unglücklichen Frau, die Sie damals mit Ihrem Besuche erfreuten. Ihre Geschichte, aus der ich Ihnen damals einige Blätter vorlas, ist inzwischen auf dem Markte erschienen. AusserEschenmayer,Schubertund Friedrich v.Meyerwill diese in Deutschland kein schreibender Mensch verstehen.

Ich hätte sieIhnenzugesandt, allein ich denke, Sie können sie in Dresden häufig finden. Ich denke mir, daß Sie sie gelesen. Ich muthe keinem Menschen zu, den zweyten Theil so zu nehmen, wie ich und Eschenmayer ihn nahmen — aber sehr schmerzhaft müßen mir so verschrobene,entstellendeUrtheile seyn, wie Sie sie in Hrn.Dr.MenzelsLiteraturblatt von ihm und einem Hrn. Carové aus Frankfurth, lesen können und inzwischen durch alle Tageblätter Deutschlands hindurch.

Ich liebe Sie unsäglich und ich traue aufSie. Wäre es Ihnen nicht möglich, nureinWort über diese Geschichte öffentl. zu sprechen?? Nur den Eindruck zu bezeichnen, den diese Frau auf Sie machte. Darum bitt’ ich auch Ihre Tochter, die auf uns alle tiefen Eindruck hinterließ, — sie soll denVater darum bitten. Sagen Sie ihr, daß die verstorbene Frau nach ihrem Weggehen noch vieles vonihrgesprochen, was ich ihr gern sagen möchte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Sie und Ihre Lieben einmal im Leben wieder zu sehen — wie glücklich würde mich das machen! — Dann mündlich, was ich nicht schreiben mag!

Ich will auch nichts mehr schreiben, Sie nicht von Besserem abzuhalten. Ihre lieben Hände mit den kurzen Fingern drücke ich herzlich und wir alle in dem kleinen Hause grüßen Sie und die Lieben, die mit Ihnen in ihm waren, innigst, vertrauensvollst!

EwigIhr Verehrer und FreundDr.Justinus Kerner.

Ewig

Ihr Verehrer und Freund

Dr.Justinus Kerner.

d. 16ten April 30.

Dieser Brief blieb 3 Monate lang liegen, weil ich immer dachte, es seye unbescheiden von mir, Sie mit ihm zu beschweren. Inzwischen mehrten sich recht sehr die Gegner wie die Freunde der Seherin von Prevorst. Unter letztern zeichnet sichGörreshauptsächlich aus, auch der SohnFichtesschrieb über sie günstig. Durch die Schrift, „das Bild zu Sais,“ wird diese Frau für wahnsinnig erklärt. Das will ich gelten lassen: denn es giebt auch einengöttlichenWahnsinn, in dessen Kreisen vor allen auchSieleben.So meiniches.Der Verfasser (ein junger Mann in Stuttgardt) zeigt zu seinem Lobe überall einen Brief von Ihnen. Er kennt mich nicht, sah diese Frau nie und schwatzt wie ein Blinder von der Farbe.

VonEschenmayererscheint in den nächsten Wochen eine eigene Schrift über die Seherin und die Einwürfe, die die Verstandesherren dem Buche machen, und das bin ich sofrey, Ihnen zuzusenden, wofern Sie Sich meiner noch erinnern. Wachend und in Träumen sehr oft bei Ihnen!

IhrKerner.

IhrKerner.

Weinsberg, d. 24ten Feb. 41.

Verehrungswürdigster!

Sie werden sich meiner wohl noch als des Wunder- und Geistersüchtigen erinnern, der Ihnen doch wenigstens einigen Spaß machte? Ich wage Ihnen hier einen jungen Landsmann zuzusenden, der ausHegelsSchule ist und an keine Geister glaubt. Er bringe Ihnen meine innigsten Grüße und die Versicherung meiner Verehrung und Liebe.

Ihr ergebensterDr.Justinus Kerner.

Ihr ergebenster

Dr.Justinus Kerner.

Weinsberg, d. 14. Juny 41.

Verehrungswürdigster!

Sie hatten die Liebe mir zu erlauben, Ihnen nach Baden-Baden schreiben zu dürfen.

VonMörickeerhielt ich einen Brief, in welchem er schreibt: „So innig ich beklage, den herrlichenTieckdamals nicht haben sprechen zu können, so ganz unmöglich war es durch mein Übelbefinden. Empfehlen Sie mich demselben, sagen Sie ihm, wie wohl die günstige Meinung, die er von mir zu hegen scheint, mir thue. Ach! wäre ich gesund und nicht von aussen immer so gehetzt und beengt, wie viel zufriedener sollten meine Freunde mit mir seyn. So aber muß ich ihnen öfters undankbar, als ein launischer Hypochonder erscheinen. Ich weiß das Alles anders und kann es doch nicht ändern.“ —

M. dauert mich unendlich. Er schreibt auch noch: daß das Schicksal seines ältesten Bruders ihn ganz niederdrücke, sowie auch ökonomische Dinge nach dem Tode seiner Mutter. Denkt man sich dabey nun seinen zerrütteten Nervenzustand, die schlechte Pfarrey, auf der er noch einen Vikar, die Brüder und eine Schwester, zu erhalten hat, — so sieht man leicht ein, wie ihm nach und nach alle Saiten von derLeyerspringen müßen. —

Ich weiß für ihn nureinenTrost und der sind Sie und Ihr Erkennen seiner. Ich bitte innigst — das auszuführen, wovon Sie so gütig sprachen, — ein paar Blätter überMörikespoetische Leistungen zu schreiben. Es wäre Ihnen gewiß auch ein Kleines, eine Quelle zu finden, durch die er unsrem König empfohlen würde, durch Nennung Ihres Namens, was allein Gewicht hätte. DurchMünchsTod, der in Stuttgardt für —nichtseinen großen Gehalt bezog, fiel eine gute Besoldung in die Finanzkasse zurück, die Hälfte davon würde hinreichen, diesen vortrefflichen Menschen für immer aus seinem Jammer zu retten und wieder für die Kunst zu gewinnen.

Kämen Sie nachEmsund träfen Sie dort die Töchter des Königs (die von der Catharina), die GräfinNeipperg, die jetzt dort ist und die Prinzessin von Oranien, die später dahin kommt, — so vergessen Sie nicht, zu ihnen ein Wort von M. zu sprechen. Ich that es bey der erstern schon früher mit gutem Erfolg, aber Ihr Wort hat größeres Gewicht. —

Und nun muß ich Ihnen noch meinen unsäglich innigen Dank sagen für die große Liebe, die Sie mir und meiner ganzenFamilie in Heilbronn erwiesen und die ich nicht verdiente. Wir leben alle in freudiger Erinnerung Ihrer, der gütigen Frau Gräfin und der herrlichen Tochter. Für letztere lege ich, nebst den herzlichsten Grüßen von uns Allen, hier ein paar schwache Gedenkblättchen bey.

Ich wünsche nur, daß Ihnen und der verehrten Frau Gräfin die Bäder recht gut bekommen und die Wetterveränderung, die sich inzwischen so schlimm einstellte, keinen Schaden bringen möge!

Verlassen Sie mich nicht ganz — Gedenken Sie meiner auch zuweilen noch in Ihrem reichen Geist und Herzen!

Der Himmel schenke Ihnen Gesundheit und inneren Frieden!

Ewig mit der innigsten Verehrung und LiebeIhr ganz ergebenerJ. Kerner.

Ewig mit der innigsten Verehrung und Liebe

Ihr ganz ergebener

J. Kerner.


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