Koester, Hans.

Geb. in Mecklenburg-Schwerin; seit seiner Verheirathung ganz in Preußen, zuerst in Breslau, dann auf seinem Landgute, später in Berlin, jetzt in Weimar lebend. Die Bühnen beider Städte haben mehrere seiner dramatischen Dichtungen zur Aufführung gebracht.K.’s poetische Thätigkeit war immer auf große Vorwürfe gerichtet, wie schon die Titel der Stücke: Conradin — Maria Stuart — Lucia Amadei — Ulrich von Hutten — Hermann der Cherusker — der große Kurfürst &c. bekunden. In neuerer Zeit scheint er sich der Erzählung zuwenden zu wollen, wofür er mit dem in Tieck’scher Novellenform gehaltenen Buche: „Lieben und Leiden“ einen schönen Beruf entwickelt.Von seiner Zuschrift an T., welche durch ihre klare und sichere Weltanschauung bei einem Jüngling, wie er damals gewesen, gewiß frappiren darf, haben wir uns genöthiget gesehen, beinah die Hälfte wegzulassen, weil sich in derselben, mit allerdings recht interessanten litterarischen Notizen, Familiennachrichten verbanden, zu deren Veröffentlichung wir uns nicht berechtiget glaubten.

Geb. in Mecklenburg-Schwerin; seit seiner Verheirathung ganz in Preußen, zuerst in Breslau, dann auf seinem Landgute, später in Berlin, jetzt in Weimar lebend. Die Bühnen beider Städte haben mehrere seiner dramatischen Dichtungen zur Aufführung gebracht.

K.’s poetische Thätigkeit war immer auf große Vorwürfe gerichtet, wie schon die Titel der Stücke: Conradin — Maria Stuart — Lucia Amadei — Ulrich von Hutten — Hermann der Cherusker — der große Kurfürst &c. bekunden. In neuerer Zeit scheint er sich der Erzählung zuwenden zu wollen, wofür er mit dem in Tieck’scher Novellenform gehaltenen Buche: „Lieben und Leiden“ einen schönen Beruf entwickelt.

Von seiner Zuschrift an T., welche durch ihre klare und sichere Weltanschauung bei einem Jüngling, wie er damals gewesen, gewiß frappiren darf, haben wir uns genöthiget gesehen, beinah die Hälfte wegzulassen, weil sich in derselben, mit allerdings recht interessanten litterarischen Notizen, Familiennachrichten verbanden, zu deren Veröffentlichung wir uns nicht berechtiget glaubten.

Paris, 7. September 1841.

Hochwohlgeborner,Hochgeehrtester Herr Hofrath!

Sie erlaubten mir bei meinem Abschiede von Baden, Ihnen fernere Nachrichten von mir geben zu dürfen; es war mir der frohste Trost, den die trübe Stunde überhaupt bieten konnte. Die Abreise des Königs nach Schlesien führt Sie gewiß bald nach Dresden zurück; — so bin ich denn vorschneller da, als ich vielleicht sollte; wenn es mich nicht mit ganzer Seele zum Schreibtische zöge, gewiß, ich würde Sie nicht belästigen!Sie glauben nicht, mit welcher Gewalt gerade mein Aufenthalt in Paris die Erinnerung vergangener Zeit in mir zurückruft. Das Gewühl, welches mich umgiebt, greift oft so betäubend in meine Sinne ein, daß ich fast glauben muß, ich sei erst hier zur Wirklichkeit erwacht und habe sonst nur in der Stille meiner Träumereien gelebt. So gehe ich fremd dem Lande, fremd den Menschen, umher und suche voller Sehnsucht alles auf, was mich auf Augenblicke wenigstens die Leere und Unbehaglichkeit der Gegenwart vergessen läßt. — Ich ging ungerne nach Paris und meine Ahnung hat mich nicht betrogen; mein hiesiger Aufenthalt ist kaum etwas anderes für mich, als eine lange, lange Sprachstunde. Das hiesige Leben entbehrt gewiß nicht großartiger Elemente und es liegt wohl nur in meiner jetzigen Stimmung, daß ich nicht geschickt bin, sie mit Gerechtigkeit aufzufassen und zu würdigen. Wie überall, so auch hier ein ruhloses Ringen und Jagen nach einer mehr oder minder wohlhäbigen Existenz; nur scheint es mir hier mehr hervorzutreten, als in irgend einem Lande, wo ich bisher war. Die Franzosen nennen es „Fortschreiten der Civilisation;“ mir scheint der Ausdruck verfehlt. Wenn Civilisation Geld und Genuß im Gelde und durch das Geld ist, so schreitet man allerdings in Frankreich fort; — giebt es aber eine Civilisation ohne jene Vorzüge der Frömmigkeit, der bürgerlichen Tugenden, der Vaterlandsliebe? muß das alleinige Vorwiegen des Interesses nicht die Völker in eine Barbarei zurückführen, die wohl wilder und gefühlloser sein dürfte, als die mittelalterliche, die man so gerne im Munde führt? Wenn man untersucht, wo denn eigentlich die Keime der Revolutionen in Frankreich stecken, so kommen wir in neuerer Zeit gewiß mehr auf selbstsüchtige, als auf politische Gründe; sie finden sich im Ganzen nur in der Klasse, die mit ihrer gegenwärtigen Existenz unzufrieden ist; — von jener Treue der Meinung aber, von wahrer Gesinnung, die in der Überzeugung wurzelt und ohne egoistische Rücksicht nur für diese strebt, kann ein für allemal nicht die Rede sein. Es ist Schade, daß der tüchtige Kern, den das Volk noch immer in sich trägt, nicht besser genährt und gepflegt wird; es fehlt den Franzosen nicht an einem gewissen Edelmuthe, an einer Aufopferung, die zu großen Dingen geschickt macht; Napoleon aber hat diesen Nationalvorzügen in dergloireeine für die Ruhe von ganz Europa gefährliche Richtung gegeben und so die Zeit der Selbsterkenntniß in eine Ferne gerückt, die allein die harten Lehren der Geschichte vermindern können, unter deren Gewichte Frankreich jetzt schon lange seufzt.

Mit der neuern Kunst scheint es hier zu gehen, wie in Italien; man dient der Mode, weil man zu keinem selbstständigen Geschmack kommen kann. Die letzten Anlagen reihen sich im buntesten Wechsel des Stils an einander; der Concordienplatz übertrifft darin selbst noch die Münchner Mustercharte. Jetzt ist das Griechische an der Tagesordnung, vor einigen Jahren glaubte man gothisch zu bauen. Von wahrer Liebe zur Sache, von jener ernsten und innigen Durchführung, die uns bei mittelalterlichen Bauten so begeisternd hinreißt, findet man keine Spur. Ich war oft beim ersten Anblick von dem Umfang und von der Pracht der neuern Anlagen überrascht; wenn man aber anfängt sich in sie hineinzudenken, so wird man nur zu bald seine Täuschung gewahr; sie gleichen jenen Menschen, die viel und mancherlei gelernt haben, ohne etwas zu wissen: — alles ist leidiger Effect ohne inneres Bewußtsein. Der Architect hat Riß und Anschlag gemacht, die Entrepreneurs ihre Pflicht nach dem Buchstaben des Contractes erfüllt; — wie soll uns das aber Hingebung abgewinnen, was ohne Hingebung aufgefaßt und ausgeführt ist? —

Ich besuche ziemlich regelmäßig die Theater, besonders dastheâtre français. Beim Drama kommt mir Ihre Kritik der Georges — ich weiß nicht, ob ich den Namen recht schreibe —nicht aus dem Sinne. Ich glaube kaum, daß Talma der sogenannten classischen Tragödie einen sonderlichen Dienst geleistet hat, indem er Puder und Perrücke verdrängte; der Zopf ist geblieben, ob er nun vorne oder hinten hängt, ist am Ende einerlei; — man muß den Fleiß und die Schule bewundern, das Ganze bleibt am Ende aber doch nur eine Caricature der lieben Menschheit. — Das Lustspiel hingegen hat mich wahrhaft erfreut. Man darf freilich in den neuern Producten keine Poesie suchen, die kalte Frivolität der Salons aber versteht man in der That vortrefflich nachzuahmen. Und wie gut sprechen die Leute! trotz meiner mangelhaften Kenntniß der Sprache, entgeht mir wenig; den Franzosen mag es in Deutschland nicht so gut werden. — Dann der Reichthum des Repertoirs auf demtheâtre français; — ich sah während meines Hierseins vieles von Corneille, Racine und Voltaire und fast sämmtliche Stücke von Molière. Dabei spielte man nicht vor leerem Hause, wie es bei uns zu sein pflegt, wenn man die Meisterwerke unserer Dichter aufführt; — um einen Platz im Parterre zu erhalten, muß man queue machen und die Ränge sind meistentheils vollständig besetzt. Der Vorwurf der Veränderlichkeit, den wir den Franzosen so gerne machen, möchte wenigstens in dieser Beziehung auf uns zurückfallen.

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Ich empfehle mich viel tausendmal der Gräfin Finkenstein und Ihrer Fräulein Tochter. Ich habe Ihnen ohne Umschweife mein ganzes Herz ausgeschüttet, verehrter Herr Hofrath; Ihre Güte hat mich verwöhnt und man glaubt so gerne Rechte zu haben, wo man sein Herz hat! — Mit den innigsten Wünschen für Ihr Wohlsein, mit warmer Verehrung

Ew. Hochwohlgeborenganz gehorsamsterHans Koester.Rue St. Pierre Mont-Martre 15.

Ew. Hochwohlgeboren

ganz gehorsamster

Hans Koester.

Rue St. Pierre Mont-Martre 15.


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