Geb. zu Berlin am 15. September 1786, gestorben zu Bonn am 13ten Juli 1863. Er begann sein Lehramt als Historiker bei der Kriegsschule in Breslau, übernahm auf kurze Zeit die Redaktion der Brockhausischen Litteraturblätter in Leipzig, kehrte dann nach Breslau zurück, stieg in seiner Eigenschaft als Docent der Geschichte zum Professor höherer Militair-Unterrichtsanstalten in Berlin, und wurde von dort im Jahre 1831 als ordentlicher Professor an die Universität in Bonn berufen, wo er zweiunddreißig Jahre hindurch lehrte, und ohne sich peinlich an sein Hauptfach zu binden, auch außerhalb der akademischen Hörsäle für litterarische und poetische Bildung in großen Kreisen von segensreichem Einflusse war. Die mehrmalige Be- und Umarbeitung der Becker’schen Weltgeschichte hat seinen Namen und seine Verdienste weitaus verbreitet. — Sein eigenstes historisches Hauptwerk ist die gelehrte Schrift über „Gregor von Tours und seine Zeit,“ welche ihm auch vielfache Anerkennung französischer Historiker gewann.Wie sein intimes Verhältniß zu Tieck nach und nach entstand, zeigen die (verhältnißmäßig) wenigen Briefe, die wir aus überreichem Vorrathe wählten. Wir dürfen nicht verschweigen, daß wir uns genöthiget gesehen, viele zu unterschlagen, die wahrscheinlich höheres Interesse geboten hätten — lediglich aus leidigen Rücksichten auf Verhältnisse und noch lebende Personen. Wir gestehen das ein, mit einem schweren Seufzer über die von so unzähligen Vorsichtsmaßregeln und Besorgnissen behinderte Ausübung dieser — voreilig übernommenen, im ersten Anlaufe nicht für so schwierig gehaltenen — Redaktion.Das letzte Schreiben, welches sich überhaupt vorfand, datirt vom November 1846. — Ein kurzes, aber tief eingehendes, fast erschöpfendes Wort vonihm überTieck, findet sich als Anhang zuRud. Köpke’sbiographischem Werke unter der Aufschrift: „Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser.“
Geb. zu Berlin am 15. September 1786, gestorben zu Bonn am 13ten Juli 1863. Er begann sein Lehramt als Historiker bei der Kriegsschule in Breslau, übernahm auf kurze Zeit die Redaktion der Brockhausischen Litteraturblätter in Leipzig, kehrte dann nach Breslau zurück, stieg in seiner Eigenschaft als Docent der Geschichte zum Professor höherer Militair-Unterrichtsanstalten in Berlin, und wurde von dort im Jahre 1831 als ordentlicher Professor an die Universität in Bonn berufen, wo er zweiunddreißig Jahre hindurch lehrte, und ohne sich peinlich an sein Hauptfach zu binden, auch außerhalb der akademischen Hörsäle für litterarische und poetische Bildung in großen Kreisen von segensreichem Einflusse war. Die mehrmalige Be- und Umarbeitung der Becker’schen Weltgeschichte hat seinen Namen und seine Verdienste weitaus verbreitet. — Sein eigenstes historisches Hauptwerk ist die gelehrte Schrift über „Gregor von Tours und seine Zeit,“ welche ihm auch vielfache Anerkennung französischer Historiker gewann.
Wie sein intimes Verhältniß zu Tieck nach und nach entstand, zeigen die (verhältnißmäßig) wenigen Briefe, die wir aus überreichem Vorrathe wählten. Wir dürfen nicht verschweigen, daß wir uns genöthiget gesehen, viele zu unterschlagen, die wahrscheinlich höheres Interesse geboten hätten — lediglich aus leidigen Rücksichten auf Verhältnisse und noch lebende Personen. Wir gestehen das ein, mit einem schweren Seufzer über die von so unzähligen Vorsichtsmaßregeln und Besorgnissen behinderte Ausübung dieser — voreilig übernommenen, im ersten Anlaufe nicht für so schwierig gehaltenen — Redaktion.
Das letzte Schreiben, welches sich überhaupt vorfand, datirt vom November 1846. — Ein kurzes, aber tief eingehendes, fast erschöpfendes Wort vonihm überTieck, findet sich als Anhang zuRud. Köpke’sbiographischem Werke unter der Aufschrift: „Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser.“
Breslau, den 30. Januar 1822.
Schwerlich werden Sie sich noch eines Mannes erinnern, dem es im Herbste 1810 in Heidelberg verstattet war, einige Worte mit Ihnen zu wechseln. Stets hegte ich seitdem denWunsch, Ihnen einmal wieder nahe zu kommen, oder Ihnen doch die ungemeine Achtung und Verehrung, die ich gegen Sie hege, durch irgend etwas bezeigen zu können. Um dem lezteren Verlangen endlich zu genügen, wage ich es Ihnen beyfolgende Kleinigkeit zu senden. Der Inhalt gehört freilich größtentheils den engen Schulwänden an, keinesweges den freyen Lusträumen, in welchen die Poesie sich bewegt. Nur der darin lebhaft ausgesprochene Wunsch, daß die deutsche Poesie und Litteratur den höheren Bildungsanstalten künftig nicht so fern bleiben möge als bisher, mag es einigermaßen entschuldigen, wenn das Schriftchen den Weg zu demjenigen Dichter sucht, zu dem sich sein Verfasser mehr als zu irgend einem der lebenden hingezogen fühlt.
Mit dem Gefühle inniger Verehrung
Dr.Loebell.
Dr.Loebell.
Leipzig, den 24. August 1822.
Verehrtester Herr und Freund!
Das Conversations-Blatt und Ihr Versprechen einen Aufsatz für dasselbe einzusenden haben Sie wahrscheinlich mit einander vergessen, und obschon ich kaum hoffe, Sie durch eine erneuerte Bitte zur Erfüllung jenes Versprechens zu bewegen: so kann ich es mir doch nicht versagen, Sie einmal zu erinnern, da es mir das Vergnügen verschafft, Ihnen schreiben zu können. Und weil ich denn einmal im Erinnern bin: so nehmen Sie es mir nicht übel, wenn auch ich Sie an die Einlösung der großen Schuldbriefe, die Sie an Mit- und Nachwelt ausgestellt haben, mahne. Denn jeder sollte es thun, der Sinn für das Große in der Litteratur hat. Was andere sich vorzüglich auslesen mögen, weiß ich nicht: mir würde das Werk über Shakespear über Alles gehen, daich glaube, daß, wenn es von Ihnen ungeschrieben bleibt, Jahrhunderte vergehen werden, ehe alles dazu Erforderliche sich wieder auf diese Weise in eines Menschen Geist vereinigt. Und außer dem, was wir Reales daraus lernten — wenn irgend etwas unsere matt gewordene Kritik wieder erfrischen kann: so wäre es ein Werk wie dieses. Dazu kommt, daß Sie, als ein Überreicher, mit Ihren Schätzen so wenig haushalten, daß die armen Gesellen, die umher stehen, gierig nach den Brosamen haschen, die von Ihrem Tische fallen. So hat Franz Horn neulich im Conversationsblatt, als Probe herauszugebender Vorlesungen über Shakespear einen Aufsatz über Macbeth abdrucken lassen, dessen Hauptgedanken, freilich auf seine Weise dargestellt, er Ihnen zu danken hat; dabey unterläßt er aber natürlich nicht, ausdrücklich zu versichern, daß er ihm gehöre. Ohne Zweifel wird er noch manches andere erhorcht haben und sich damit auf dieselbe Weise schmücken. Wollen Sie dulden, daß ein Theil Ihres Besitzthums auf solche Art verzettelt wird? daß Ihr Gold in zusammengeflickte Gewänder eingewebt werde? Erheben Sie sich doch in Ihrer Kraft und machen Sie solche Gesellen schamroth! Bringen Sie doch Niemanden mehr zu der Klage jenes Schäfers bey Lessing, der die Frösche nur hörte, weil die Nachtigall schwieg.
Sollte ich in einen Ton gefallen seyn, der mir, Ihnen gegenüber, nicht ganz ziemt — verzeihen Sie es der Sache. Ein Schüler ist seinem Meister nie ganz fremd, und wie viel ich in meiner Bildung Ihnen zu verdanken habe, kann ich mit Worten kaum ausdrücken. Leben Sie wohl.
IhrergebensterLoebell.
Ihr
ergebenster
Loebell.
Berlin, den 9ten Mai 1828.
Theurer Freund, schon lange habe ich einige Zeilen an Sie gelangen lassen wollen, um mich wenigstens des Nichtschreibens wegen bei Ihnen zu entschuldigen, da ich aber von Tage zu Tage hoffte, mehr schreiben zu können, so ist es unterblieben. Wenn Sie mein langes Stillschweigen nur nicht als eine Vernachläßigung gedeutet haben, die ich mir nicht verzeihen würde. An dem Tage nach Raumers Abreise zu Ihnen wurde ich krank, das Übel gestaltete sich zur Gelbsucht, die mich an drei Wochen zu einer gänzlichen Unthätigkeit zwang. Als es besser ward, sah ich mit Schrecken, wie sich die Arbeit nun gehäuft hatte, denn die ersten drei Bände der Weltgeschichte sollten zur Messe fertig seyn, und es war noch so viel daran zu thun. Dazu die Stunden, die Nothwendigkeit einiger Erholung und Bewegung; es war in der That nicht möglich zu einem Briefe zu kommen, so ungern ich es mir auch versagte, Ihnen für den Ihrigen und für die Vorrede zu danken. Was ich bei jener Krankheit am meisten bedaure, ist, daß sie mich zwingen wird, meine kurzen Ferien hier zum Gebrauche eines Mineralwassers zu verwenden, und somit die Hoffnung, Sie in diesem Sommer auf einige Tage zu genießen, sehr schwach ist. Übrigens höre ich, Sie wollen nach Baden gehen, und da würde die Zeit wol nicht einmal zugetroffen haben. Schreiben Sie mir doch aber lieber genau, wann Sie fortreisen und wann Sie zurückzukommen gedenken.
Mich über Ihre Vorrede so auszusprechen, wie ich es gern möchte und sollte, wird mir schwer. Aber kaum kann es anders seyn bei einem Werk, welches so manche eigne Gedanken bestätigt, aber auch erst zur Klarheit bringt, dann so viel Neues aufschießen läßt, und so viel zu denken giebt. DieMitte zwischen der in unserm eignen Gemüthe liegenden Basis zu einem solchen Gedankenwerk, und diesem uns von einem andern Geiste dargereichten Werke selbst, ist eine unendliche, und wir müssen tief in unser eignes Selbst schauen und steigen, um sie recht zu erkennen und festzuhalten, und doch ist sie die nothwendige Bedingung zu einem activen, praktischen Verständniß, welches ich im möglichst prägnanten Sinne meine. Gegen Ihre Darstellung scheint mir Alles, was bisher über das Verhältniß Göthes zu alter Poesie und Litteratur gesagt ist, oberflächlich, und dieses Gefühl erstreckt sich denn bald auf die ganze Litteratur. Mit dieser Leuchte muß man überall Schätze graben. Man kannte bisher, meine ich, nur den Gegensatz zwischen dem schmiegsamen Talente, sich die Form und den Gegenstand anzubilden ohne schöpferische Originalität, und der formlos ringenden Kraft, welcher sich dann in der Durchdringung von Stoff und Form aufhebt und lös’t, aber dieser von Ihnen aufgestellte Gegensatz zwischenderForm, die in kunstvoller Vollendung von dem Geiste gebohren und durchweht ist, und derjenigen, welche vaterländisch, im höchsten Sinn, sich gestaltet und wirkt, ist neu, und hier ist ein Ton angeschlagen, der unsere ganze Kenntniß, das ganze Studium der Poesie durchbeben muß, und zu überraschenden Resultaten führen wird. Wie in der, soll ich sagen dialogischen oder dramatischen Form die ganz verschiedenen Anfangs- und Anknüpfungspuncte zu demselben Ziele oder derselben Mitte führen, ist trefflich. Der freilich sehr schwierige Punct von dem Übergange in das Reflectirende, Sentimentale, Weiche, wo die Poesie zugleich Sünde und Glaube, zugleich Abfall und Ringen nach dem verlohrenen Urquell ist, ist am wenigsten klar gemacht, und ich weiß nicht, ob ich Sie ohne ein ehemaliges Gespräch über den Euripides recht verstanden hätte. Dieser Punct ist aber für Ihre Theorie oder System, wenn ich es so nennen darf, vonder höchsten Wichtigkeit, und ich ahnde in ihm den eigentlichen Schlüssel dazu. Denn aufzuschließen ist hier noch manches; Klarheit und Verständniß haben verschiedene Grade. Nun aber kann ich mich auf meine Weise der trüben Betrachtung nicht enthalten, daß diese trefflichen Gespräche und Reden die gebührende Anerkennung nicht finden werden. Nicht ohne wahren Schmerz habe ich Hegels Recension von Solgers Nachlaß, die doch nichts als ein plumper und hämischer Angriff auf Sie ist, gelesen. Müllner und Consorten, das ganze schlechte Volk, wird sich eines solchen Alliirten freuen. Ich weiß wol, daß das Wahre, Herrliche durchdringen wird und die Oberhand behalten, aber ich möchte so gern erleben, daß das Gebührende geschieht, und wenn ich mich nach recht vielen sympathisirenden Herzen sehne, gewährt mir die Appellation an die Nachwelt wenig Befriedigung. Sie wundern sich keine ordentlichen Recensionen Ihrer Werke in den Litt. Zeitungen zu lesen. Kennen Sie denn die Tactik dieser Blätter nicht, was man nicht aufkommen sehn möchte, gar nicht zu besprechen, auch nicht einmal tadelnd? Zulezt finde ich in meinem Unmuthe darüber Trost und Beruhigung in der ungetrübten Heiterkeit mit der Sie, unberührt von aller der Leidenschaftlichkeit und Gleichgültigkeit, Ihren Gegenstand behandeln für eine kleine Gemeinde von Verehrern und eine noch kleinere von Verstehenden. Fahren Sie nur so fort, und beschämen Sie Ihre Gegner recht bald durch die Erfüllung alles von Ihnen Verheißenem.
Wenn indeß diese Ihre neueste Arbeit über Göthe weniger Leser findet, als sonst der Fall gewesen seyn würde, so sind Sie selbst nicht ganz ohne Schuld. Wer sucht dergleichen hier, wo bloß eine Vorrede zum Lenz angekündigt ist? Warum geben Sie nicht gleich etwas mehr, oder auch nur dieses, als ein abgesondertes Schriftchen, vielleicht unter dem Titel: Fragmente über Göthe? Auf jeden Fall sollten Siees bei Reimer bewirken, daß er die Vorrede unter was auch für einem Titel abgesondert giebt, damit die Leute sie nur lesen. Und eben so sollte es Max mit der Vorrede zur Felsenburg machen. Käufer würden sie genug finden, die Bücher selbst halten die Meisten für eine ihnen uninteressante Zugabe.
An Ihrer Anzeige von der Erscheinung der sämmtlichen Werke habe ich, Ihrem Auftrage gemäß, Einiges, nicht ohne die Scheu mit Mühe zu überwinden, geändert. Nur finden Sie meine Redaction in der gedruckten Anzeige nicht ganz wieder, denn Reimer hat sich einige ganz willkührliche Änderungen erlaubt.
Meine Bitte wegen des jungen Componisten haben Sie vergessen. Ich erlaube mir, sie Ihnen nochmals in Erinnerung zu bringen.
Die Weltgeschichte wird mir noch viele Zeit kosten. Dann soll ein Compendium der Allg. Geschichte für den historischen Unterricht auf Schulen kommen: erst dann kann ich an die Geschichte von Frankreich für die von Perthes veranstaltete Sammlung geben. Alles dieß nöthigt mich, meine Kräfte zu concentriren, nur für diese Zwecke zu leben, zu excerpiren, zu arbeiten, und vorläufig wenigstens alle Nebenarbeiten für Journäle bei Seite zu legen. Darum kann ich auch an keine Recension von Wolfgang Menzel denken; ich bin noch nicht einmal dazu gekommen, das Buch zu lesen.
Hierin ein Catalog und eine Rechnung. Ich habe für Sie nun zusammen 7 Thlr. 17 Sgr. ausgelegt. Davon gehn 1 Thlr. 11 Sgr. Ihre Auslagen ab, bleiben 6 Thlr. 6 Sgr. Diese habe ich auf Sie angewiesen.
Nun leben Sie wohl, und schreiben Sie mir in jedem Falle noch vor Ihrer Reise, und die Zeitbestimmung über dieselbe. Empfehlen Sie mich den Ihrigen, und behalten Sie lieb
Ihren FreundLoebell.
Ihren Freund
Loebell.
Berlin, den 22ten März 1829.
Wenn ich Ihnen, theuerster Freund, jetzt, nach einer so langen Unterbrechung unseres Briefwechsels, über Alles, was ich sonst wol zu berühren pflegte, schreiben wollte, könnte ein kleines Buch zusammenkommen, und dazu würde, wenn dergleichen überhaupt thunlich wäre, jetzt, wo ich in wenigen Tagen Berlin zu verlassen denke, mir mehr als je alle Muße gebrechen. Daß diese Unterbrechung des Briefwechsels nicht meine Schuld ist, darf ich Ihnen nicht sagen. Abrechnen zwar wollte ich gewiß nicht mit Ihnen, ich fühle zu gut, was Sie mir bedeuten, und was ich Ihnen bedeuten kann. Und Ihr gedruckter Brief, der mich höchlich gefreut, aber auch tief beschämt hat, wäre schon eine ganze Reihe geschriebener werth. Aber mir ist so zu Muthe, als könnte man wol ohne Antwort zu erwarten, an das Publicum schreiben, oder auch an die Freunde insgesammt, die mit uns fühlen, und uns verstehen, nicht aber an eine bestimmte Person, weil durch dieses Bewußtseyn der Brief viel von dem Charakter der vertraulichen Unterredung verliehrt, und in das Allgemeine hinüberschweift, zumal in unserem Verhältniß, da ich weit mehr Sie zu fragen habe, als Ihnen zu sagen. Wenigstens ist es sehr schwer, die rechte Stimmung und Form zu finden, wenn man sich niedersetzt, um zu monologisiren, ohne es doch wieder recht und ganz thun zu dürfen. Dieß wird mich bey Ihnen, wo nicht rechtfertigen, doch entschuldigen, wenn ich mich von Ihrem Beispiel habe anstecken lassen. Eben darum habe ich sehnlich, ja wahrhaft sehnlich, in der vollen Bedeutung des oft gemißbrauchten Worts, gewünscht, Sie vor meiner Reise nach Bonn noch zu besuchen, und jene Freude und jenen Genuß, welche mir der Aufenthalt bei Ihnen immer gewährt hat, ein Malwieder recht zu empfinden. Es war aber unmöglich, die Abwickelung so mancher Verhältnisse und die sehr schwierige Fortschaffung vieler Sachen zu Stande zu bringen und doch noch Zeit zu einer solchen Excursion zu behalten. Aber was mich im vorigen Jahre betrübt hat, erfreut und tröstet mich jetzt, die Hoffnung, Sie recht bald an den schönen Ufern des Rheins zu sehen. Und ich bitte jetzt schon, wenn Sie wieder nach Baden gehen, und nicht so weit hinunter kommen, wie das letzte Mal, mich doch ja nicht zu vergessen, und mich zu benachrichtigen, wo wir uns, wenn ich Ihnen nach dem Oberrhein zu ein Stück entgegen komme, sehen und sprechen können.
Über die Veränderung meiner Lage brauche ich Ihnen nichts zu sagen, da Sie ja den außerordentlichen Unterschied der Stellung, des Wirkungskreises, der Muße, so gut wie ich beurtheilen können. Wol ist dieß bei so weit vorgeschrittenem Alter ein unverhofftes Glück zu nennen, eine von jenen Begebenheiten im Leben, wo man recht stumpf und gefühllos seyn muß, um den Finger Gottes nicht zu erkennen und anzubeten. Wenn ich mich dieses Glücks und Berufs nur auch recht würdig werde zeigen können!
Obschon ich Ihnen aus großem Zeitmangel von Litteratur und Kunst gar nichts habe schreiben wollen, kann ich doch nicht übergehen, was in diesem Augenblicke meine Seele besonders erfüllt, eine Passionsmusik von Sebastian Bach, von der wir hier bei einer ganz außerordentlichen und unerwarteten Theilnahme des Publicums in kurzer Zeit zwei Aufführungen erlebt haben. Ich halte es für ein wahres Ereigniß, daß mir dieses Werk im Scheiden von Berlin zu hören noch gegönnt war, denn ich rechne sein Anhören zu jenen Genüssen, von denen Sie ein Mal bei Gelegenheit des Lear sagen: daß uns als Menschen gegönnt ist, ein solches Kunstwerk zu genießen, ist schon etwas Großes. Eine neue, mir bisher unbekannteKunstwelt ist mir hier aufgegangen. Wenn Sie, bester Freund, doch dieß mit uns hätten erleben können! Ich dachte Ihrer dabei so oft. Es ist mit der übermäßigen Strenge Sebastians, wie mit der Atrocität Shakspeares. Der große Haufe der sogenannten Kenner, die mit ihrem Urtheile immer höher stehen wollen als solche Meister, vor denen sie nur in Demuth sich beugen sollten, spricht von solcher Herbigkeit, und weiß doch nicht, wovon er spricht. Streng ist Sebastian allerdings und ernst, aber so, daß selbst bei allem dem ungeheuren Ernste dieses Stoffes, bei dem tiefen Schmerze, den Klagen, Jammer, Reue, Buße, die Heiterkeit und Freude des Daseyns auf das wunderbarste durchbrechen, ja unmittelbar daraus hervorblühen. Ich muß es Ihnen sagen, ich glaube hier den Tonsetzer gefunden zu haben, nach dem ich lange suchte, den nämlich, der mit Shakespeare zu vergleichen ist. Ja, er scheint mir gradezu der dramatischste aller Componisten zu seyn. Er, der große Meister in der vollkommensten Durchbildung und Ausführung musikalischer Gedanken, hat sich überall, wo die Personen redend eingeführt werden, alles solches Schmuckes enthalten, um nur Alles in seiner Eigenthümlichkeit in der kraftvollsten und körnigsten Kürze hinzustellen. Einige Mal erscheint der unwillkührliche Schrei der innersten Empfindung, der unaufhaltsame Durchbruch des gepreßten Herzens mit allem Eindrucke der Natur selbst in den Tönen, und doch ist auch dieses Kunst und Besonnenheit. Neben dem dramatischen Elemente tritt nicht nur das lyrische, sondern auch das epische hervor. Das 26te und 27te Capitel des Matthäus werden vorgetragen; der Evangelist erzählt, was aber die Personen zu sagen haben, tragen sie selbst vor. Und dazwischen Choräle und Chöre religiöser Empfindungen und Gefühle einer gläubigen Gemeine, welche den Begebenheiten zuschaut, und bald Schmerz, bald Zorn, bald Bewußtseyn der Sündenschuld, durch welche alles dieses hervorgebracht wird, mit der größtenMannigfaltigkeit darlegt. Und dieß gleichsam prophetische Element einer Christengemeine und Kirche ist mit der realen Begebenheit auf eine so wunderbare Weise verschmolzen, und in dieser Einheit des Kunstwerks zeigt sich eine solche Großheit und Tiefe, daß es mit Worten nicht zu beschreiben ist. 1729 ist diese Musik in Leipzig, wol zum ersten Mal, aufgeführt worden, ob seitdem je wieder, ist sehr die Frage. So jagt der Mensch nach dem Neuen und Bunten, und läßt das Große und Herrliche verachtet und vergessen liegen.
Wenn Sie mir einige Zeilen an Schlegel in Bonn senden wollten, was mir aus mehreren Gründensehr liebwäre, so würde Ihr Brief mich bis zum2ten Aprilin Potsdam treffen, unter der Adr. der Postdirectorin Faber, Burgstraße No. 32.
Graf York trägt mir viele Grüße an Sie auf. Ich bitte Sie, mich Ihrer werthen Familie so wie der Gräfin Finkenstein angelegentlichst zu empfehlen. Leben Sie wohl und behalten Sie auch in größerer Ferne wie bisher lieb
Ihren FreundLoebell.
Ihren Freund
Loebell.
Bonn, den 23ten October 1834.
Theuerster Freund!
Vorgestern bin ich hier angekommen, und habe es wieder bewährt gefunden, daß das Reisen auf dem Schnellwagen Tag und Nacht mich nicht angreift, sondern eher einen wohlthätigen Einfluß auf mein körperliches Befinden ausübt. Möge doch auch Sie dieser Brief wieder ganz hergestellt und gestärkt antreffen! Ich konnte es mir lange nicht aus demSinne schlagen, wie ich Sie verlassen, welche Schmerzen Sie auszustehen hatten, und nur die Überzeugung, daß der Anfall, bei aller seiner Heftigkeit, doch nur ein vorübergehender gewesen, ließ allmälig die schönen und heitern Bilder der Tage unseres Zusammenseyns in meiner Seele wieder auftauchen, und meine Gedanken darin die reichste Nahrung finden, wenn das Geschwätz um mich her nicht gar zu störend war. Wie soll ich Ihnen denn für alles das, was Sie mir während dieses Aufenthalts in Ihrem Hause mit der edelsten Gastfreundschaft leiblich und geistig in so vollem Maße gewährten, meinen Dank genugsam ausdrücken! Freilich habe ich Ihnen für etwas noch Höheres und Größeres zu danken, für Ihre Liebe und Freundschaft, die im edelsten Sinne des Worts uneigennützig zu nennen ist, weil Sie so sehr viel, viel mehr geben als empfangen. Das Beste, was ich meinerseits in die Wage zu legen habe, um sie zu verdienen, ist meine Liebe für Ihre künstlerischen Erzeugnisse so wie für die Kunst überhaupt, eine Liebe, mit der ich mir bewußt bin, es recht ernst und wahrhaft zu meinen. Und weil in diesem Ernst und dieser Wahrhaftigkeit eine so große und reiche Fülle des Genußes liegt, ist es mir so räthselhaft, daß die allermeisten Menschen, die sich überhaupt darum bekümmern, es auf eine so vorübergehende, leichtsinnige und mattherzige Weise thun, daß sie nichts fühlen, weder von den Geburtswehen des Ringens nach Verständniß, noch von der reinen Freude des Gefundenhabens und dem Genuße, der aus diesem Durchdrungenseyn des Kunstwerks vom Verständniß entspringt. Zuweilen ist es mir, als ob mich von den meisten Menschen nichts so sehr trennte als dieses; nicht ihre Mißverständnisse, denn ich fühle, wie sehr auch ich diesen unterworfen bin, sondern ihr Mangel an diesem Ernste, da ihnen die Kunst wenig mehr ist, als eine ziemlich gleichgültige Zuthat zum Leben, gut genug, ein paar müßige Stunden etwas leidlicher hinzubringen, als in ihrer gewöhnlichen langen Weile. Und diejenigen, die in unseren Tagen über die Kunstphilosophie grübeln? Soll man denn nicht schließen dürfen, daß auch sie zu den Kunstgenüßen den heiligen Ernst, der die Weihe macht, gar nicht mitbringen, weil sie so Verkehrtes herausgrübeln?
Ich war gestern bei Schlegel, um ihm das von Fr. v. Buttlar Mitgegebene selbst zu überbringen. Er hatte Ihre Vogelscheuche gelesen, und war voll von Entzücken über die herrlichen Späße und Einfälle. Weniger wollten ihm die Elfenscenen behagen, ja auch im Camoens setzt er den Scherz über den Ernst. Da er über alle diese Dinge ausführlicher war, als je, so wollte ich es versuchen, mit ihm ein Mal in eine Erörterung einzugehen, aber was er sagte — soll ich sagen, es lag mir auf einem fremden Boden, oder es kam mir gering vor? Fast wie ein Kritiker aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Und doch findet er es so herrlich, daß Sie von dem wiederauferstandenen Nicolai reden. Hier ist aber auch ein Stückchen von dem seligen Manne. Der Theil von Schlegel, welcher einst mit Horaz, Boileau und anderen Helden der Correctheit seinen Spott getrieben, ist verraucht und verflogen, der übrig gebliebene hat es immer heimlich und halb unbewußt mit ihnen gehalten, und nun kommen diese Geister in seinem Alter über ihn und rächen sich für die ihnen früher angethane Schmach, indem sie sich seiner ganz bemeistern, und er, wiederum unbewußt, ihnen huldigen muß, obschon die Form eine etwas andere ist. Aber sind nicht die Principien ganz ähnlich denen jener Schule, wenn man um ein Urtheil über ein Kunstwerk zu rechtfertigen, nichts vorzubringen weiß, als einzelne Flecken, Unrichtigkeiten, Verstöße gegen Costüme u. s. w.? Wo die Streitpuncte so sehr in der äußern Schale liegen, verlohnt es sich nicht der Mühe, über diese lange zu rechten.
Ich habe hier so viele zu erledigende Acten in Prüfungs-Angelegenheiten vorgefunden, und werde den Tag über von Studenten, die darüber beschieden seyn wollen, so überlaufen, daß ich noch nicht absehe, wann ich zur ordentlichen Arbeit kommen werde. Meine Vorlesungen werde ich erst in der künftigen Woche anfangen, und ich sehe voraus, daß ich dieß Mal vor leeren Bänken reden werde. Es ist ein bittres Gefühl, seine Anstrengungen unbelohnt zu sehen. Es heißt freilich: „Such’ er den redlichen Gewinn!“ Wie aber wenn es keinen redlichen giebt? Wenn sich die Menge nur zu den trocknen Verkündern der Brodevangelien drängt, oder zu hohlredenden Charlatans?
Leben Sie wohl, theurer Freund, und erfüllen Sie Ihr Versprechen, mir eigenhändig zu schreiben. Erst dann will ich an Ihre völlige Wiederherstellung glauben und mich daran erfreuen. Der Gräfin meine besten Grüße und vielen Dank für alles treufreundlich Erwiesene. Sie verzeihn nur auch meine häufige Polemik gegen manchen Liebling unter den Meinungen und gegen einen Liebling unter den Menschen. Nochmals leben Sie wohl! Mit herzlicher Liebe
IhrFreundLoebell.
Ihr
Freund
Loebell.
Bonn, den 29ten December 1836.
Sie haben das Wort, welches Sie mir in Darmstadt gegeben, nicht gelös’t, theuerster Freund, den schleunigen Gruß, den ich Ihnen gleich nach meiner Rückkehr gesandt, mit keiner Sylbe erwiedert. Nun werden Sie doch hoffentlich durch mein Buch (von dem Sie durch den Verleger in meinem Namen zwei Exemplare, das zweite für Fr. v. Lüttichau, erhalten haben werden) zu einem Briefe gebracht, und zwar zu einem recht ausführlichen, denn ichbrauche Ihnen doch wol nicht erst zu sagen, daß mir diese Töne in die Welt wie in eine Wüste geschickt erscheinen würden, wenn ich nicht erführe, wie sie bei Ihnen anschlagen. Vergessen Sie auch nicht, mir ein Wort über die Sprache zu sagen, denn das verstehen doch ja nur Sie allein, und ich möchte so gern wissen, ob ich mich täusche, wenn ich eine Sprache zu reden glaube, d. h. eine, die nicht wie Übersetzung aus einem fremden Idiom klingt. Denken Sie auch, ob Sie nicht vielleicht Lust haben, die Bitte, die ich Ihnen in Heidelberg in Betreff dieser Schrift vorgetragen, zu erfüllen.
Zürnen möchte ich Ihnen, daß Sie mir dort nicht ein Mal mitgetheilt haben, daß Sie in diesem Herbst zwei Arbeiten in die Welt geschickt, daher mir Ihre Gespenstergeschichte nur durch einen Zufall in die Hände gekommen ist. Sind Sie zufrieden, wenn sich Ihren Lesern die Haare empor sträuben, so kann ich Ihnen das von mir sagen. Es ist so gar nichts Willkürliches, nichts Gemachtes, es ist ein Stück jenes wunderbaren, räthselhaften Grauens selbst, welches aus der Tiefe der Natur in unsere Seele hineinspielt. Und dann wieder dieser milde, versöhnende Schluß, da sind Sie so ganz und gar. Fragen möchte ich nur, warum dieser äußerste Trumpf des Materiellen, daß das Gespenst dem Unglücklichen die Brustknochen mechanisch zerdrückt? Offenbar soll es völlig aus dem Gebiete des Innerlichen herausgespielt werden. Aber ich kann den Grund nicht finden, warum es hier nicht an dieser Gränze stehn bleibt, da doch die letzte Lösung des Fluches an der Natur und Art des Stoffes keinen Zweifel übrig läßt.
Die Wunderlichkeiten haben mich ungemein ergötzt, und wenn Sie ein Mann wären, von dem man eine ordentliche Antwort erwarten könnte, so würde ich Sie fragen, ob ich etwas Fremdes und allzu Künstliches in Sie hineininterpretire, wenn ich annehme, daß daspunctum saliensin der ironischen Betrachtung steckt: diese vornehmen, fein gebildeten, hochverständigen Leute laßen sich doch von einer schlauen Betrügerin nicht anders täuschen, als die Sammlerin durch ihre erträumte Kennerschaft, und der arglose Theologe durch den Abenteurer.
Ich freute mich außerordentlich zu hören, daß es mit Ihrer Gesundheit gut geht, und hoffentlich ist sie so geblieben. Meine gewöhnlichen Leiden sind in diesem Winter bis jetzt noch milder als sonst geblieben, dagegen hat mich ein heftiger mit Fieber verbundener Katarrh 3 Wochen fast zu aller Arbeit unfähig gemacht, was mir in meinem litterarischen Arbeitsdrange doppelt schlimm bekam. Auch fehlt es nicht an andrer häuslicher Trübsal. Ein junges Mädchen, von meiner Frau erzogen, als unsre Pflegetochter zu betrachten, leidet seit 4 Monaten an einem bedenklichen Husten; meine Frau lebt nur für ihre Pflege, und es ist dadurch in meinem Hause Alles auf den Kopf gestellt. — Wie geht es denn Ihrer Frau? Fr. v. Lüttichau hat ihrer mit keiner Sylbe erwähnt.
Herzliche Grüße an alle Ihrigen und an die verehrte Gräfin! Der Himmel geleite Sie alle glücklich in das Neue Jahr. — Von ganzem Herzen
IhrtreuesterLoebell.
Ihr
treuester
Loebell.
Bonn, den 18ten October 1837.
Zürnen Sie mir nicht, mein bester, theuerster Freund, wenn ich Ihnen erst heute Nachricht von mir gebe, und Ihnen nochmals meinen Dank für alle mir erwiesene Liebe, den ich mehr zu empfinden als mit Worten auszudrücken weiß, abstatte. Theils der Wunsch, Ihnen etwas Gewisses über den Bestimmungsort unserer Kranken, über den wir erst seit einigen Tagen ganzins Klare gekommen sind, zu sagen, theils körperliche Plagen, mit denen ich schon einige Tage nach meiner Heimkehr wieder heimgesucht wurde, sind der Grund der mir selbst sehr unangenehmen Verzögerung.
Meine Rückreise hat mir im Ganzen einen großen, Mühe und Aufenthalt mehr als lohnenden, Genuß gewährt. Welch eine Stadt ist dieses Nürnberg, welch ein Genuß, nur durch die Straßen zu gehen, und die reizende, wunderbare Mannigfaltigkeit der zierlichen Häuser zu betrachten! Der Eindruck ist unauslöschlich für das Leben, der Erweiterung kunstgeschichtlicher Anschauungen ganz zu geschweigen. In letzterer Hinsicht war mir auch Bamberg sehr merkwürdig, die Thürme seiner Kathedrale lassen einen merkwürdigen Blick in die Bildung, vielleicht in die Denk- und Anschauungsweise der salischen Zeit thun. Ist nicht diese Architectur eine in sich geschlossnere, mehr bei einem bestimmten Ziele angelangte als die gothische in ihrer vollen Entwickelung? Und entspricht diesem nicht der ganze politische und sociale Zustand unter den ersten Saliern, wo das ganze Mittelalter einem freilich beschränktern Schlußpuncte, als die berauschenden Blüthen der beiden folgenden Jahrhunderte verhießen, nahe schien, während aus den gewaltsamen Kämpfen derselben gar keiner hervorging?
Würzburg habe ich nicht gesehen, sondern bin bloß in der Nacht durchgeeilt, und in Pommersfelden hatte ich, dem immer besondere Fehlschläge aufgespart sind, ein eignes Mißgeschick. Einen ganzen Tag hatte ich für diese Fahrt auf fast halsbrechenden Wegen bestimmt, und einen besondern Wagen dazu genommen. Da war der alte zufällig anwesende Graf einige Tage vorher schwer erkrankt, und jeder Zutritt zur Bildergallerie versagt.
Als ich am 1t. d. M., am elften Tage, nachdem ich Ihr gastliches Haus verlassen, wieder zu dem meinigen gelangte, fand ich einen Gast, eine in Wesel wohnende Jugendfreundinmeiner Frau, bereit Louisen nach Hières zu begleiten. Indeß hatten sich aber gegen die ganze Reise wegen der sich im südlichen Frankreich ausbreitenden Cholera Zweifel erhoben, und da der Zustand der Leidenden sich zugleich etwas gebessert hatte, und bei weitem nicht mehr die Besorgnisse einflößte wie früher, wurde nach langem Berathen und Schwanken beschlossen, sie zwar in jedem Falle das hiesige für Brustleidende perfide Clima für diesen Winter mit einem zusagendern vertauschen zu lassen, dazu aber nicht die fernen Ufer der Provence sondern einen möglichst nahen Aufenthaltsort zu bestimmen. Dazu wurde nach dem Rathe mehrerer Erfahrner Wiesbaden als der passendste Ort ausersehen. Dahin wird sie morgen abgehen, und gebe der Himmel seinen Segen!
Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich die Kataloge des von Fürth nach Nürnberg übergesiedelten Antiquar Herdegen auch in Rücksicht auf Ihre Bedürfnisse und Neigungen durchgesehen, aber nichts entdeckt habe, was Sie interessiren könnte. — Die 7 ersten Bände der neuesten Ausgabe der sogenannt Beckerschen Weltgeschichte gehen morgen mit Buchhändlergelegenheit an Sie ab. Es wird mir lieb seyn, von Ihnen den richtigen Empfang zu erfahren.
Der Gräfin, Dorotheen und Agnes die besten und herzlichsten Grüße. Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen Gesundheit und Stimmung nicht versagen, alle die schönen besprochenen Pläne zu meiner und so vieler Andern Freude, Genuß und Erhebung auszuführen! Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht, mich recht bald mit ausführlichen Nachrichten zu bedenken.
Ihr treuester FreundLoebell.
Ihr treuester Freund
Loebell.
Bonn, den 10ten September 1838.
Wie sehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, mein theuerster Freund, daß ich einen Brief von Ihnen im April geschrieben erst im September beantworte. Wirklich aber erinnere ich mich keiner Zeit in meinem Leben, in der ich wie im Verlaufe dieses Sommers so bedrängt war, daß mir auch zum Briefschreiben nicht ein Stündchen Muße blieb, daß ich einem Freunde wie Sie ein Lebenszeichen zu geben, den Anfang der Ferien erwarten mußte. Prinzenprivatissima über Gegenstände, die ich wenig bearbeitet hatte, und die daher viele Vorbereitung erforderten, und quälende, Fähigkeit und Stimmung raubende Körperleiden, hatten über alle meine Zeit so disponirt, daß mir auch zu litterarischen Arbeiten nichts übrig blieb. Es ist indeß diesmal noch eine dritte Störung hinzugekommen, deren Grund Sie gewiß nicht errathen würden — ein Hausbau. Sie sehen aus diesem für mich in mehr als einer Hinsicht kühn zu nennenden Unternehmen wenigstens, daß es mir bei aller meiner wahrlich nicht selbst verschuldeter Verstimmung doch noch nicht an allem Lebensmuth gebricht. Was mich zu dem Ihnen ohne Zweifel seltsam erscheinenden Entschluß, dessen Bedenklichkeiten und Schattenseiten ich mir nicht verhehlt habe, hauptsächlich gebracht hat, ist das aus der großen geistigen Einsamkeit, in der ich hier lebe, entspringende Gefühl der Nothwendigkeit, es mir innerhalb der Gränzen, auf die ich angewiesen bin, so bequem und ansprechend zu machen, wie möglich. Bonn behält indeß auch für den Freundlosen etwas sehr Anziehendes, seine Natur, und es ist Jedem, der hier leben soll, dringend zu rathen, sich so viel als möglich in die Mitte derselben zu versetzen. Das sehen Leute sehr verschiedner Art seit Jahren auch so gut ein, daß wenn es so fortgeht, nach einiger Zeit dieStadt selbst fast ganz dem Gewerbe überlassen seyn wird. Vor dem Coblenzer Thore sind die Bauplätze außerordentlich hoch im Preise und fast gar nicht mehr zu haben, auch ist es dort schon zu geräuschvoll geworden. Ich habe mir daher ein Plätzchen an der Poppelsdorfer Allee ganz nah am Thore mit der Aussicht auf das Siebengebirge ausgesucht, dicht neben einem Hause, welches Walter vor einem Jahre gekauft hat und bewohnt, und bin mit meinem Bau so weit vorgeschritten, daß ich vor der Mitte des nächsten Monats unter Dach zu seyn hoffe.
Dieses, Erschöpfung der Kasse und die Nothwendigkeit, die Ferien nach einem unthätigen Sommer einigermaßen für die Production zu benutzen, haben mich gezwungen, alle Pläne zu Herbstreisen für diesmal aufzugeben. Auch Sie werde ich daher nicht sehen, obschon es mich keine geringe Überwindung gekostet hat, Ihrer freundlichen Einladung nicht zu folgen.
Die fehlenden 7 Bände Weltgeschichte werden Sie nächstens erhalten, ich warte nur noch auf den letzten, der noch nicht eingegangen ist. Meinen besten Dank für den Moncada (ich weiß nicht, wie mir Mendoza in die Feder gekommen ist) sowie für die 3 göthischen Bände. Den 3ten, der dazwischen fehlte, habe ich seitdem auf einer Auction als einzelnen Band erhalten, und somit nun diese Himburgschen Bände vollständig, die man so lange nicht wird entbehren können, bis endlich ein mal Göthen das Recht wird wiederfahren seyn, welches man so manchem gegen ihn ganz unbedeutenden Autor schon gewährt hat, Arbeiten, die in mehrfacher Gestalt schon vorhanden sind, zugleich auch in der frühern wieder abzudrucken. Wie merkwürdig sind doch diese früheren Gestalten, besonders Erwin und Elmire! Vergleicht man beide, wird man so recht inne, wie die Vornehmheit, das falsche Ideal, Göthe in seiner zweiten Periode zuweilen ganz von seinem wahren undnatürlichen Boden verdrängt hat. Welche einfache Kraft, welche Naturstärke ist in der freilich gar zu leicht und fast roh skizzirten Scene zwischen Elmire und der Mutter! Das durfte nicht bleiben, es mußte das Ganze zu einer iphigenisirenden Idylle werden. Aber wer bekümmert sich in unsern Tagen um die Geschichte eines Dichters und um die Stufen seiner Entwickelung, selbst wenn sie als ein Spiegel der Nationalentwicklung überaus lehrreich sind! Diejenigen, die sich für die Feinen halten, construiren ihn philosophisch, und sind dann in ihrer Dummheit überglücklich, wenn sie statt der Juno die trübe Wolke ihrer eignen dunstigen und wässrigen Abstractionen umarmen. Ach unsre Litteratur, unsre Litteratur! Ich sehe mich vergebens nach einem ähnlichen Zustande um. Da ist mir, der ich sonst dergleichen weder sehe noch lese, zufällig ein Buch in die Hände gefallen — — — — Unser Freund Raumer pflegt zu sagen: solches Zeug vergeht schnell, das Gute bleibt. Aber das ist es ja nicht, daß unverständige und schlechte Bücher geschrieben werden. Allerdings ist das überall geschehen, wo die Litteratur einige Ausbreitung gewonnen hatte. Aber daß solche Urtheile, die eben so viele Gemeinheit der Gesinnung oder gradezu Niederträchtigkeit verrathen, als Plattheit und Unwissenheit, höchstens für etwas excentrisch, aber doch zugleich für geistreich, angenehm und witzig gelten; daß alle diese Buben selbst von Leuten, denen ihr religiöser und politischer Aberwitz sonst zuwider ist, als eine Art von Salz unserer Litteratur angesehen werden — daß die Meisten sie ansehen, wie etwa die Altgesinnten die Schlegelsche Schule vor vierzig Jahren, ein bischen quer und wild, aber doch ausbündig genial — das ist das Heillose, woran ich ohne Zorn nicht denken kann. Ihr Balzac — ich habe die empfohlnen Romane nun gelesen, aber — verzeihen Sie mir, und verzeihe mir besonders Agnes — er ist auch Einer von denen, die ein hübsches Talent von Grund aus verderben, weil ihnendas Schöne und das über Natur und Wahrheit hinausgehende leider identisch sind. — Wann erquicke ich mich dagegen — um all das Zeug zu vergessen — wieder einmal an einem neuen Werke von Ihnen? Sind die beiden Novellen, die Sie mir vor einem Jahre vorlasen, jetzt abgedruckt? ich habe die diesmaligen Taschenbücher noch nicht gelesen.
Leben Sie wohl, grüßen Sie die Gräfin und Ihre Töchter herzlichst, lassen Sie bald von sich hören, und behalten Sie lieb Ihren treuesten
Loebell.
Loebell.
Bonn, den 15t. Mai 1840.
Verzeihung, mein theuerster Freund, daß ich es seit gestern vor acht Tagen, wo ich zurückgekehrt bin, aufgeschoben habe, Ihnen zu schreiben. Theils aber fand ich so manches schnell abzumachende Geschäft vor, und theils hatte mein Unwohlseyn während mehrerer Tage einen solchen Grad erreicht, daß ich auch zum Briefschreiben untauglich war. Nun wird es allmählich wieder besser, ich befinde mich etwa wieder auf der Dresdner Linie, nachdem mein das Mediciniren sonst so scheuender Arzt sich zum Eingreifen entschlossen hat; bis ich mich aber wieder zur Höhe des vergangenen Jahres emporschwingen werde, wird wol noch einige Zeit vergehen. Den Muth lasse ich darum nicht sinken. Daß Sie überzeugt sind, meine Dankbarkeit sey nicht kälter, weil sie etwas später bezeigt wird, weiß ich. Dankbar habe ich Ihnen gewiß wiederum für Vieles, Leibliches wie Geistiges zu seyn. Alles körperliche Leiden kann das Gefühl, durch diese Reise, durch die Aufnahme und Liebe meiner Freunde, vor allen der Ihrigen, erfrischt und gestärkt zu seyn, nicht unterdrücken und schwächen. Warum können solche Silberblicke des Daseyns nicht länger dauern, warum sich nicht über das ganze Leben erstrecken?Wären sie es aber alsdann noch, wenn sie nicht durch andere Perioden des Schattens, der gemeinen Reizlosigkeit erst zu Silberblicken würden? Vor welchem Räthsel stehen wir doch wieder mit dieser ganz gemeinen Betrachtung! Wenn wir uns den edelsten und feinsten Genuß nur vermittelst des Wechsels mit seinem Gegentheil hervorrufen können, was ist alsdann jene künftige ungestörte Seligkeit, von der wir träumen, und warum sehnen wir uns nach ihr? Haben wir denn überhaupt nur ein Organ, sie zu empfinden?
Ich habe an der Abhandlung, von der ich Ihnen ein Stück mitgetheilt, wieder zu schreiben angefangen, und finde den Stoff, den ich noch zu bewältigen habe, so überreich, daß ich nur mit großer Mühe so zusammendränge, wie ich es muß, wenn ich die Gränzen einer kleinen Abhandlung nicht überschreiten will. Es will mich verlocken, sie in dieser Form liegen zu lassen, und in einer umfassendern wieder aufzunehmen; aber es könnte mir dabei noch übler gehen, als bei dem Gregor, da umfassendere Ansprüche neue, sehr ausgebreitete Studien erfordern würden. Auch werden Sie mir zugeben, daß bei dieser Arbeit weit mehr auf die Idee ankommt, als auf die Ausführung.
Vergeben Sie, daß ich am Morgen der Abreise in der Eil vergaß, die heraufgetragenen Bücher dem Aufwärter zum Wiederherunterbringen zu geben. Sie müssen sich alle auf dem Tische bei einander gefunden haben.
Den Brief von meiner Frau, der nach meiner Abreise eintraf, werden Sie wol schon zurückzusenden die Güte gehabt haben.
Leben Sie wohl, und vergessen Sie nicht der Gräfin und Ihren Töchtern die herzlichsten Grüße zu bestellen. Lassen Sie auch ja bald ein mal was von sich hören, etwas Besonderes nämlich für
Ihren treuesten FreundLoebell.
Ihren treuesten Freund
Loebell.
Bonn, den 1ten März 1841.
Welch ein Unglück hat Sie in Ihrem Alter noch treffen müssen, mein geliebter Freund! Hätte die Vorsehung nicht diesen bittern Kelch an Ihnen vorübergehen lassen können[6]! Aber was können wir armen, schwachen Geschöpfe anders, als uns stumm dem unterwerfen, was uns hienieden unbegreiflich bleibt? Was soll ich Ihnen sagen? Von der Trefflichkeit der selig Dahingeschiedenen reden? Das hieße in Ihren Wunden wühlen. Oder könnte ich Tröstung an Den richten wollen, der das Vergängliche grade in seiner Vergänglichkeit so wunderbar zu verklären gewußt hat? Diese Zeilen können also nichts wollen, als Ihnen ein ausdrückliches Zeugniß geben von meiner tiefen Erschütterung, an der Sie freilich auch ohne sie nicht gezweifelt haben würden. Das Bild Ihrer theuren von Kummer erfüllten Züge kommt mir nicht aus der Seele, ich betrachte es in meinem Innern mit der größesten Theilnahme und Wehmuth. Möge der Himmel Ihnen Stärkung senden und Sie Ihren Freunden noch lange erhalten!
Mit der treuesten und innigsten Freundschaft
IhrLoebell.
Ihr
Loebell.
Empfehlen Sie mich doch recht herzlich der Gräfin.
Bonn, 28ten November 1846.
Mein theurer, geliebter Freund!
Mit der größten Theilnahme habe ich erfahren, daß Sie wieder ein mal recht krank waren, und heißen Dank zum Himmel gesandt, daß Sie uns noch ein mal erhalten sind.— Vor einigen Monaten hat mir Schack in Frankfurt triumphirend einen Brief von Ihnen gezeigt, und da hoffe ich denn die Weltgeschichte, die Sie durch den Verleger erhalten haben werden und die Kleinigkeit die ich hier beilege, werden der gleichen Gunst für Ihren alten Freund werth seyn. Die Worte über Schlegel habe ich fast mehr in Rücksicht auf Sie als auf ihn dem Druck übergeben, und da hörte ich doch gar zu gern durch Zeilen von Ihrer eigenen lieben Hand, was Sie dazu sagen. Erfüllen Sie also diese Bitte, wenn ich auch in Bezug auf die beiden gedruckten Briefe heute ganz kurz seyn zu dürfen glaube, und nichts hinzusetze, als daß ich noch ganz erfüllt bin von den alten Gefühlen für Sie, und mit den innigsten Wünschen für Ihr Wohlergehen wie immer bleibe in Liebe und Anhänglichkeit