Robert, Ludwig.

Geb. am 16. Dezember 1778 zu Berlin, gestorben am 5. Juli 1832 zu Baden-Baden.Kämpfe der Zeit (1817). — Die Macht der Verhältnisse, bürgerl. Trauerspiel. — Die Tochter Jephta’s, Tragödie. — Cassius und Phantasus, eine dramatische Satyre. — Die Nichtigen. — Die Ueberbildeten. — Die Wachsfiguren in Krähwinkel und manche andere Bühnenscherze. — Der Waldfrevel, eine dramatisirte Dorfgeschichte. — Ein Schicksalstag in Spanien, phantastisch-romantisches Lustspiel — u. s. w.Durch sein ganzes Leben und Streben zog sich eine verbitterte und verbitternde Stimmung, die zuletzt doch nur aus verletzter Eitelkeit hervorging, und seine angeborene Herzensgüte überbietend ihn oft ungerecht machte. Durchdringender Verstand, künstlerischer Fleiß, redliches Wollen, entschiedenes Talent berechtigten ihn gewiß Ansprüche zu hegen, deren Erfüllung ein eigenthümliches Mißgeschick niemals recht gestatten wollte. Seine Briefe sprechen das in jeder Zeile aus. Wir haben den größeren Theil der vorhandenen unbenützt zurücklegen müssen, aus gebieterischen Rücksichten auf den Umfang dieser Sammlung. Doch schon die aufgenommenen genügen, ihn darzustellen wie er war. Schwankend in Groll und Liebe, in Zutrauen und Argwohn, in Lob und Tadel; von jedem Windhauche abhängig in seiner Meinung. Man betrachte nur seine Urtheile über das Königstädter Theater (dem er später leidenschaftlich anhing), über München (wofür er später schwärmte!) und ähnliche, aus momentaner Verstimmung hervorgehende Aeußerungen. Dabei aber doch blieb er edel, redlich, aufopfernder Freundschaft fähig und dankbar jedem Beweise wohlwollenden Antheils. Im persönlichen Verkehr gefällig, mittheilsam, unterhaltend undwitzigwie — nein, doch nichtsowitzig wie sein Bruder Moriz. Wir haben auch einige Zeilen der schönen Frau Friederike eingeschoben, deren Bild Jedem lebendig bleiben wird, welchem es jemals vor Augen getreten ist.Sie entflohen aus dem Kreise ihrer Berliner Freunde, aus Besorgniß vor der Cholera, um beide in Friederikens Heimath dem damals dort epidemischen Typhus zu unterliegen.Daß Ludwig der Bruder Rahel’s Varnhagen von Ense war, ist bekannt.

Geb. am 16. Dezember 1778 zu Berlin, gestorben am 5. Juli 1832 zu Baden-Baden.

Kämpfe der Zeit (1817). — Die Macht der Verhältnisse, bürgerl. Trauerspiel. — Die Tochter Jephta’s, Tragödie. — Cassius und Phantasus, eine dramatische Satyre. — Die Nichtigen. — Die Ueberbildeten. — Die Wachsfiguren in Krähwinkel und manche andere Bühnenscherze. — Der Waldfrevel, eine dramatisirte Dorfgeschichte. — Ein Schicksalstag in Spanien, phantastisch-romantisches Lustspiel — u. s. w.

Durch sein ganzes Leben und Streben zog sich eine verbitterte und verbitternde Stimmung, die zuletzt doch nur aus verletzter Eitelkeit hervorging, und seine angeborene Herzensgüte überbietend ihn oft ungerecht machte. Durchdringender Verstand, künstlerischer Fleiß, redliches Wollen, entschiedenes Talent berechtigten ihn gewiß Ansprüche zu hegen, deren Erfüllung ein eigenthümliches Mißgeschick niemals recht gestatten wollte. Seine Briefe sprechen das in jeder Zeile aus. Wir haben den größeren Theil der vorhandenen unbenützt zurücklegen müssen, aus gebieterischen Rücksichten auf den Umfang dieser Sammlung. Doch schon die aufgenommenen genügen, ihn darzustellen wie er war. Schwankend in Groll und Liebe, in Zutrauen und Argwohn, in Lob und Tadel; von jedem Windhauche abhängig in seiner Meinung. Man betrachte nur seine Urtheile über das Königstädter Theater (dem er später leidenschaftlich anhing), über München (wofür er später schwärmte!) und ähnliche, aus momentaner Verstimmung hervorgehende Aeußerungen. Dabei aber doch blieb er edel, redlich, aufopfernder Freundschaft fähig und dankbar jedem Beweise wohlwollenden Antheils. Im persönlichen Verkehr gefällig, mittheilsam, unterhaltend undwitzigwie — nein, doch nichtsowitzig wie sein Bruder Moriz. Wir haben auch einige Zeilen der schönen Frau Friederike eingeschoben, deren Bild Jedem lebendig bleiben wird, welchem es jemals vor Augen getreten ist.

Sie entflohen aus dem Kreise ihrer Berliner Freunde, aus Besorgniß vor der Cholera, um beide in Friederikens Heimath dem damals dort epidemischen Typhus zu unterliegen.

Daß Ludwig der Bruder Rahel’s Varnhagen von Ense war, ist bekannt.

Berlin, am 30t. Merz 1816.

Sie können nicht glauben, mein verehrtester Freund und Meister, wie viel Freude mir Ihr in jeder Hinsicht werthes Schreiben gemacht hat, und daß mein Vorschlag Eingang bei Ihnen gefunden, und daß Sie die Sache so ernst nehmen und selbst herkommen und den Proben mit beiwohnen wollen; denn Sie in unmittelbarer Verbindung mit unsrer Bühne zu setzen, dahin gieng mein eigentlichstes Bestreben. In meiner Freude lief ich zum Graf Brühl, und theilte ihmdasaus Ihrem Schreiben mit, was ich sollte. Er will zu Allem hilfreich die Hände biethen; und erwartet die von Ihnen versprochene nähere Auseinandersetzung Ihres Planes; von dem er freilich bis jetzt wohl noch weniger verstanden hat, als ich, der ich in Prag wenigstens die Hauptideen angeben hörte, die Sie uns damals von den Shaksp. Brettern mittheilten. — Ich halte es bei dieser Gelegenheit für nöthig, Ihnen den Gr. Brühl ein wenig zu beschreiben, damit Sie sein Anerbieten:die Hände zu Allem willig zu biethen, weder zu hoch, noch zu niedrig anschlagen. Redlicher Wille und eine Ahnung des Bessern — und eine fast gänzliche Urtheilslosigkeit und gutmüthige Charakterschwäche, stehen sich in ihm, nicht sowohl einander gegenüber, als sie sich vielmehr durchaus in einander verliehren und verwischen. Er kann nichts abschlagen undselbst, wann er Nein schon gesagt hat, sagt er noch hinterher: Ja. Aber auch dies lezte Ja wird auf die lange Bank geschoben und vergessen, und von dem weit Unwichtigerem verdrängt. Die Gegenwart ist seine Göttin und so ist das Nächste für ihn das unvermeidlich Nothwendige, und hat der Letzte, der mit ihm spricht recht; und so ist überhaupt mit der Rede bei ihm schneller und sicherer etwas durchzusetzen, als mit der Schrift; und doch imponirt ihm wieder ein wohlgedachtes und wohlgeschriebnes. — Seine zu ängstliche Beschäftigung mit dem Detail des Theaters raubt ihm sowohl den freien Ueber- und Herrscherblick über das Ganze, als auch die Zeit und die Kraft es zu führen und zu leiten. Dabei hat er das beste Wollen (freilich ohne Willen) und ist durchaus frei von Lieblingsvorurtheilen, oder eigensinniger Beschränktheit oder sonst dergleichen ärgerlichen Grundsätzen, worauf sich die Flachheit in der Regel so viel zu Gute thut. — Sie werden leicht einsehen, daß mit einem solchen Manne Alles zu machen ist, wenn man ihn nur gehörig bearbeitet und dazu gehört weiter nichts, als daß man ihn oft und öfter sehn und sprechen muß, denn selbst die Begeistrung für irgend ein Unternehmen kann man ihm ein- und ansprechen, und hat er nur mal angefangen wirklich Hand an ein Ding zu legen, so setzt er es auch mit Eifer durch. — Er ist jetzt in den Händen eines zwar etwas modischen, aber doch argen Philisters, in denen seines ehemaligen Präzeptors Herrn Professor Lewezow — dieser Erz-Schulmeister mag vielleicht wissen, wie die Griechen ihre Schuhe gebunden und wie die Römischen Consularen ihrenPraetextagesäumt haben; aber weder von jener Alten eigentlichstem Leben, noch von unserm heutigen, weder von Welt noch von Bühne, weiß er ein Wort. — Seine Haupttendenz geht dahin, unsre Bühne strikt und sklavisch nach der Weimarischen zu bilden, und das deucht mir ist der eigentliche Tod unterm Eise, und viel gefährlicher, als die Ifflandsche Wassergefahr.Franz Horn unterstützt ihn redlich darin, doch ist der Letztre wohl weniger gefährlich, obgleich vielleicht noch langweiliger; ja dieser wäre sogar zum Guten zu gebrauchen, wenn ihm gebothen würde, was er zu thun und zu lassen habe. Eine einzige Unterredung, ein Hauch von Ihnen würde den Einfluß dieser Leute vernichten, oder — was leicht möglich wäre — sie würden sich geschmeichelt fühlen, mit ihnen verbunden für die bessere Erscheinung der Shaksp. Stücke wirken zu dürfen, oder auch nur ihr weiches und aprobirendes Ja hören zu lassen. Denn Shaksp. ist glücklicherweise eine Autorität und auch Ihr Nahme ist von keinem übeln Klange in Deutschland und Klang und Autorität ist ja Alles bei Leuten, die unfähig sind in das Wesen einzudringen, unfähig sich einem Kunstwerke, ohne vorgefasste Meinung, ganz und gar hinzugeben. — Darum freut es mich so, daß Sie herkommen wollen; denn sind Sie einmal hier und haben den Grafen Brühl und den genialen Schinkel, und allenfalls jene beiden Leute gesprochen, so wird sich Alles leicht und willig fügen und ich würde mir dann mit Stolz sagen, daß ich (wenn auch nur mittelbar) mehr für die deutsche Bühne gethan habe, als wenn ich zehn mittelmäßige Stücke geschrieben hätte. — Lassen Sie mir also sobald als möglich die versprochene Ausarbeitung zukommen, daß ich sie dem Gr. Br. vorlege und er sich in Korrespondenz mit Ihnen setze, welche dann Ihr Hieherkommen unfehlbar zur Folge haben wird. — Die Abhandlung, die das Publikum auf den richtigen Standpunkt stellen soll, ist ein ganz vortrefflicher Gedanke und unendlich nützlicher und heilbringender, als die hinterdreinkommenden Kritiken, die dennoch den ersten Eindruck nie zerstören. Möchte nur Ihr Gesundheitszustand in alle diese schönen Hoffnungen keine Störung bringen. Die unberufne Feder, die sich in den Zeitungen über Dekorationen hat vernehmen lassen ist die des konfusen aberwitzigen, aber witzigen Brentanos, der mir alsSchriftsteller und Dichter höchst zuwider, als litterarischer Hanswurst und lustiger Rath am Hofe des Apolls aber doch gar nicht übel ist. Wahrhaft schmeichelhaft (ich meine damit: wohlthätig und beruhigend für mich) ist der Antheil, den Sie an meinen Bemühungen in der Kunst nehmen, und daß Sie sich noch des bürgerlichen Trauerspiels entsinnen, das ich in Prag Ihnen vorlas. — Mit der Wirkung, die es hier machte, kann ich vollkommen zufrieden seyn; es herrschte eine Stille im Theater, wie man sie hier nur im Ballette kennt, und diese Stille errang sich das Stück nach und nach; da im ersten Akt — auf öffentlich an den Ecken angeschlagne Aufforderungen: eine Sudelei von einem Juden, die man Abends im Theater geben würde, auszupochen — mannigfach gehustet, geschnaubt und gescharrt wurde. — Man gratulirte mir folgenden Tages wegen meines doppelten Triumphs; ich hatte aber bei dem letzteren ein Gefühl, als ob ich mit goldenen Ketten vor dem Wagen des Vespasians einhergieng, als er nach der Zerstörung Jerusalems triumphirte. Ich hätte mich über diese Gemeinheit, die von ein Paar Buben herrühren konnte, trösten können; wenn die Schmach und die Kränkung nicht durch eine Rezension in den hier herauskommenden dramaturgischen Blättern erneuert worden wäre, worin wieder auf den Juden zwar etwas versteckter, aber noch viel beleidigender angespielt wurde. Dieser wahrhafte Rückschritt in wahrhafter Bildung treibt mich von hier fort; ich will als ein fremder in der Fremde leben, da mein Vaterland doch nicht von dieser Welt seyn kann. — Ich gedenke im Laufe des nächsten Mais an den Rhein zu reisen, dort einige Zeit zu weilen, um mich zu einer Reise nach Italien vorzubereiten. Zuvor aber muß ich hier ein größeres Gedicht vollenden, das ich begonnen habe, und wovon ich Ihnen den Plan, da Sie es mir erlauben, mittheilen will. —

(Schluß d. Br. ist verloren.)

(Ohne Datum.)

Sie können nicht glauben, mein verehrtester Freund, mit wie viel Freude ich Ihren lieben Brief empfangen und gelesen habe; und mit wie vieler Freude ich mich jetzt hinsetze ihn zu beantworten; obgleich ich nicht ein Sterbenswort weiß von dem, was ich auf diese leere Seiten noch hinschreiben werde; und darum wird es wohl auch kein Geschriebenes, sondern ein Gesprochenes, ein eigentlicher Brief, ein Freundesbrief werden, und dazu berechtigt mich die Güte, die freundschaftliche Theilnahme an mir, die aus jeder Ihrer Zeilen schaut und spricht und mich ergreift. Und doch muß ich fort von Berl. und werde, wenn Sie nicht vor dem Juni hieherkommen, Sie nicht mehr erwarten können; denn hier bringe ich nun einmal nichts hervor und — sey es auch meine Schuld — ich fühle und weiß es nur allzu deutlich. Sie haben in allem dem vollkommen Recht, was Sie vom Süden sagen, besonders von Oesterreich und Baiern; aber in den Nicht-Katholischen Ländern des Südl. Deutschl. ist es doch anders und ganz besonders in Wirtembergschen. Diese Schwaben scheinen mir die größte Anlage zu haben, die vollendetesten Deutschen zu werden, weil sich in Ihnen eine harmonisch-glückliche Mischung von Hingebung und Reflexion vorfindet. Daß ichs dort nicht positiv, und nach allen Richtungen hin, besser als hier finden werde, weiß ich nur zu gut; aber erstlich einmal kennt man ein fremdes Land nicht so genau als das eigene, man wird nicht so intim mit demselben; und dann wird man auch von seinen Mangelhaftigkeiten und Verwirrungen nicht so tief und schmerzlich ergriffen, als von denen des Geburtslandes. Vorzüglich aber mag ich das dortige Volk lieber, als das Unsre; es steht der Natur näher, es ist unschuldiger, es ist freundlicherund originaler, und nicht so höflich und nicht so grob, als hier. Und mehr als schöne Natur und ein gutes Volk bedarf ich, um daß meine Lust zum produziren erweckt werde, nicht. Was den Ideenaustausch betrifft, so kann ich erstlich nicht einräumen, daß es nicht auch dort bedeutende, undlebendig-bedeutende Männer gäbe; dann aber giebt es ja auch Bücher und Briefwechsel. — Daß uns ein fremder, und sey es der Beste, bei einem vorhabenden Werke Geburtshilfe leisten könne, das werden Sie selbst aus eigener Erfahrung wohl für unthunlich halten. Es sollte wohl nie ein Dritter zwischen den Dichter und die heimlich innere Stimme seiner Muse treten; aber ein Baum beim Sonnenuntergang, das Wort eines Dorfschulzen, oder eines frommen sechszehnjährigen Mädchens kommt Einem oft so unerwartet zu statten und schließt uns so neue Regionen, bei so fern von ihnen liegenden Bemühungen, auf; daß man sich selbst bei solchen Gelegenheiten über die Association der Gedanken keine Rechenschaft zu geben vermag; und so giebt es auch gewisse schlechte Bücher, aus denen man mehr lernt, als aus den guten. Ist aber ein Werk vollendet, oder seiner Vollendung nahe, dann soll man es dem Künstler und dem kritischen Freunde, ja selbst der Alles-wissenden Naseweisheit vorlegen, nicht etwa um zu bessern und zu feilen; aber um für eine künftige Arbeit etwas zu lernen. So habe ich es immer gehalten, und wenn ich auch noch nichts bedeutendes hervorgebracht habe, so darf ich doch zu meiner Rechtfertigung und zu meinem Troste sagen, daß ein Fortschreiten zum Ziele sich in der Reihe meiner Bemühungen darthut. Ueberdies hat Würtemberg noch den Reitz für mich, daß sich dort ein politisches Leben entzündet, und die vergangne große Zeit doch dort noch nachhallt. Daß ich nun, als Dichter, dergleichen Anforderungen an die Gegenwart mache, möchte wohl eben nicht dichterisch seyn; es ist vermuthlich der Reflex jenes politischen Gedichts, was ich unter Händenhabe, das meinem Gemüth dieses Kolorit von Mißmuth giebt, der aber wirklich nur Schein ist, denn eigentlich bin ich doch im Innern heiter und der besten Hoffnung, ja überzeugt von dem Eintritt einer neuen bessern Zeit, wennwirsie auch nicht erleben sollten und worauf doch auch im Grunde nichts ankommt. — Solger habe ich vor mehreren Jahren einige Male gesehen; aber auch nur gesehen; ich weiß gar nichts von ihm. Aber ich fürchte mich vor ihm. Nicht etwa, weil ich nicht griechisch weiß, und die alten Tragiker nur aus den Uebersetzungen und also nur oberflächlich kenne; aber weil ich überhaupt, bey allem meinen Respekt vor ihnen, den Antiquaren gern aus dem Wege gehe. Ihr Studium, das ein ganzes Menschenleben erfordert, bringt es mit sich, daß sie in den Ruinen einer untergegangenen Zeit ein abgeschlossenes, jene Welt beschauendes Einsiedlerleben führen und nicht nur von der heutigen nichts lebendiges wissen, sondern sie auch zurückführen möchten zu jener alten Herrlichkeit, die so schön sie gewesen seyn mag, doch nun einmal verlohren ist und verlohren seyn soll, weil wir uns eine neue Herrlichkeit anerschaffen sollen. Sobald sie also praktisch und faktisch einwirken wollen, so ist ihr Bestreben gewöhnlich ein falsches und todtes, und selbst ihr kritisches Auftreten ein Verkennen der Zeit und ein vornehmes und ärgerliches Entgegentreten gegen dieselbe. Ihre unumgängliche Nothwendigkeit verkenne ich desshalb nicht. Sie sollen den Grund bewahren und schützen und ausbessern, auf dem weiter fortgebaut werden soll; und sie sind das in der Republik der Kunst, was die Kammer der Pairs oder der Grundeigenthümer im Staate ist, welche das hergebrachte und bestehende festhalten soll, damit nicht, wie zur Zeit der Revolution in Frankreich, ins Blaue und aufs Blaue sogenannte Konstitutionen gebaut werden.Ichaber werde im Staate immer zu der Opposition gehören[11], und um derZukunft willen gegen Vergangenheit und Gegenwart auftreten — und eben so fühle ich mich in der Kunst gegen das Antique gestimmt, sobald man es buchstäblich wieder zurückführen will. Machte die Menschheit nur einen mechanischen Kreislauf und wieder einen und noch einen, so wäre es nicht werth, daß man lebte; oder vielmehr man lebte wirklich nicht, so wenig wenigstens als des Müllers Gaul. — Dennoch weiß ich es, daß mir in der Kunst jener feste Boden, jene Kenntnisse des Antiquen fehlen, weil ich sie öfter vermisse; aber, wie überhaupt meine Natur nicht die kräftigste ist, so habe ich die Kraft nicht, sie mir noch im Spätsommer des Lebens anzuarbeiten, welches, wenn ich es thäte, vielleicht noch die geringe Kraft, die ich besitze, zersplittern möchte. Ich muß mich also schon so verbrauchen, wie ich bin; und es mir gefallen lassen, daß der Antiquar, in seiner Konsequenz, es sicha prioribeweist, daß ich kein Künstler seyn kann. Uebrigens bezieht sich Alles, was ich hier von dem Antiquar sagte, durchaus nicht auf Solger, den ich, ich wiederhole es, nicht kenne; ich sprach nur im Allgemeinen, und hatte ich ja in unbestimmten Umrissen irgend ein schwankendes Bild vor der Seele, so war es das des Geh. R. Wolff, nehmlich, wie ich ihm mir als einseitigen philologischen Papst des Heidenthums denke. Solger, als Philosoph, kenne ich noch weniger als den Philologen; indem ich doch wenigstens seine Uebersetzungen des Sophokles gelesen habe; Philosophisches aber durchaus nicht. Eine seiner Aeußerungen in dieser Hinsicht, die mir wieder erzählt wurde, ist meiner Ueberzeugung zuwider. Er soll nehmlich gesagt haben, daß er Fichten in seine Prämissen beistimme; aber aus denselben anders folgere. Das soll er wohl bleiben lassen! Denn sonst wäre Fichte Inkonsequenz nachzuweisen, und dieser hat sich nie ein Denker weniger zu Schulden kommen lassen, als dieser tugendhafte Erforscher der Wahrheit. Griffe er die Prämissen an, so möchte er eben von einer andern Anschauung,wenn auch von einer falschen ausgehen, und dann müßte er auch konsequenterweise auf ganz andre Resultate kommen. Aber die Grundbedingungen, ja selbst das Postulat stehen lassen, und dann andre Wege einschlagen und hier zugeben und dort nicht, ein solches Verfahren möchte, bei Kant wie bei Fichte, wohl einen Mißverstand dieser Herren der Denkkunst zum Grunde haben. Man erwartet über diesen Gegenstand ein Buch von ihm und ich werde mich bemühen, es mit Unbefangenheit und Fleiß zu lesen — Sie würden mich erfreuen, mir ein Wort über den Mann selbst zu sagen, der mir in seinem persönlichen Auftreten, so viel ich mich entsinne, liebenswürdig erschien. —Soarg ist es mit meinem Mißmuthe nicht, daß ich von der Kunst ablassen solle; das hieße von meinem Leben ablassen; und so mir Gott Gesundheit und Kraft und das Glück unabhängiger Muße läßt, will ich schon treu bleiben. Daß ich nun den rechten und höchsten Standpunkt der Kunst nicht ergriffen habe, mag wohl seinen Grund in meiner Individualität haben. Es ist, wenn ich so sagen darf, ein französisches Element in mir, nehmlich: die Furcht und der Abscheu vor Geschmacklosigkeit in der wirklich plebejen Bedeutung des Worts. Bei fremden Werken erfordert es bei mir einen Schluß und ein Versetzen in die Eigenthümlichkeit des Dichters, um bei dergleichen mich des unangenehmen Gefühls zu erwehren oder mich gar daran zu erfreuen; bei eignen Hervorbringungen wird es mir aber unmöglich eine solche Geschmacklosigkeit zu dulden; und so werde ich mich z. B. an Kleists Thuschen wohl erfreuen können, dabei aber immer das Gefühl haben;duhättest es nicht hingeschrieben. MitKäthchenist es ganz ein ander Ding. Käthchen ist eben Käthchen; es liegt so etwas identisches in Rahmen und Person, eine solche innere Nothwendigkeit, daß beide nicht mehr von einander zu trennen sind, und Katharine wäre ein ganz anderes und fremdes Wesen in diesem Stücke.Thusnelda aber ist eine uns bekannte geschichtliche Frau, und obgleich ein Dichter, der das deutsche Familienleben durch sein Werk will durchklingen lassen, mehr Recht hat seine Thusnelda Thuschen zu nennen, als es Schiller gehabt hätte seine Maria, Rikchen, oder seine Elisabeth, Betty rufen zu lassen, so schlägt das Thuschen dennoch nicht recht mit dem Bilde zusammen, das uns die Geschichte (freilich eben nur die Römische und nicht die Deutsche) von der Thusnelda giebt. — Ueberdies aber spielt mir, schon vor einer solchen kritischen Reflexion, meinbon goutden Streich, daß mirKäthchenlieblicher klingt alsThuschen. — Denke ich mir nun aber wieder den lieben Kleist in seiner Eigenthümlichkeit, so ist Alles wieder gut, und ich bin überzeugt, daß ich selbst von dem jungen Bären ein so intimer Freund werde, daß ich ihn mit eiferndem Zorn gegen alle Philisterei, selbst gegen meine eigne vertheidige. So bin ich zum Beispiel ein leidenschaftlicher Verehrer von dem: hetz! hetz! in der Kleistischen Penthesilea, in welchem Bruchstück mir überhaupt die derbe Auffassung des Antiquen unendlich gefällt. Meine zweite Philisterei ist eine abgöttische Anbetung der Form sowohlder, die auf der Oberfläche eines Dichterwerkes, alsder, die sich in seiner innern Konstruktion offenbahrt. — Die Form des Worts und die Form des Plans. Ich lasse mir nicht gern bei der erstern die Feile, und bei der zweiten die Einigkeit einer sich darthuenden Grundidee nehmen. Fehlt eines oder das andere beifremdenWerken, so ist es mir zuwider; oder kann ich es bei Werken anerkannter Meister nicht auffinden, so glaube ich sie nicht zu verstehen — und dies möchte mir bei Shakespeare wohl hin und wieder begegnen. — Desswegen aber bin ich kein Widersacher rein-phantastischer Dichtungen, nur will ich, daß alsdann eben das rein-phantastische, das gesetzlose, als Grundgedanken sich darthun und so wieder Einheit erstrebt werden soll; nur soll diese Ungebundenheit, dieses Dunkel nicht das Prinzip derKunst, nicht die Kunst selbst seyn, denn das führt schnurstraks, wie wir es gesehen haben, zu dem mit Recht verschrieenen Geklingel des Nichts; zu der sogenannten poetischen Poesie. Das ist, meinem besten Wissen nach, mein aufrichtiges Glaubensbekenntniß über die Kunst, obgleich ich mich bescheide (und wahrlich ohne Stolz, und ohne die Bescheidenheit der Lumpen!), daß es eine noch höhere Ansicht gewiß giebt; und die ich denn doch auch zu erreichen hoffe. Doch würde sich auch auf einem höheren Standpunkt meine Individualität nur mehr ausbilden, aber nicht verwandeln, nicht eine andre werden; und, um Ihnen zu zeigen, daß ich mich mit Aufrichtigkeit untersuche und bemüht bin mich kennen zu lernen, um mir Rechenschaft von mir zu geben, so will ich Ihnen mit zwei Worten sagen, worein ich diese meine Eigenthümlichkeit in Hinsicht auf Kunst setze. Wenn das Geheimniß, das schaffende Prinzip eines großen Künstlers nehmlich in der harmonisch-sich-belebenden Mischung von dämonischer Begeisterung und kritischer Reflexion liegt, so daß er zu gleicher Zeit über seinem Stoffe schwebt und zu gleicher Zeit sein Stoff selbstist; wenn nur aus einer solchen harmonischen Individualität ein wahrhaftiges Kunstwerk hervorgehen kann, so klage ich mich an, daß ich mehr reflektire, als begeistert bin; daß ich mehrüber, alsinmeinem Stoffe lebe; daß ich also mehr Talent als Genie habe und, streng genommen, eigentlich mehr Virtuose als Künstler bin. Darüber müßte und sollte ich nun untröstlich seyn und die Kunst längst an den Nagel gehängt haben, wenn ich nicht glaubte, daß, obgleich jedes Jahrhundert (neue Zeitepoche) nur Einen Dichter haben kann, es dennoch auch der Virtuosen bedürfe, so wie ein Baum nicht nur Wurzel und Stamm seyn, sondern auch seine Wipfel in die Breite ausstrecken und Blätter und Blüthen und Früchte tragen soll, des Schattens und des Farbenwechsels und der würzigen Frühlingsdüfte halber. — Was Sie über das Käthchen von Kleist sagen, und die Erfindungdes neuen Schlußes, ist vortrefflich!Soaufgefasst und ausgeführt, würde es zu den vorzüglichsten Dramen gehören. — Es ist unendlich traurig wenn man denkt, was mit diesem gewaltigen Menschen Schönes und Großes für die deutsche Kunst untergegangen ist, was er hervorgebracht, wenn er jenen Moment der schönen Erhebung erlebt hätte. Und kein Mensch gedenkt seiner; und alle Welt spricht von dem untergeordneten Körner, weil er der Glückliche war. Ich lasse diesem edlen und faktisch-begeisterten Menschen, den sich zur That erhob, und so, als Held, über dem Dichter stehet, ich lasse ihm gewiß Gerechtigkeit wiederfahren; ich will ihn selbst loben und preisen und besingen, weil er nun einmal der Repräsentant jener gebildeten Jugend geworden ist, die den Hörsal und die Museen, Kunst und Wissenschaft verließ, um in den Krieg zu ziehen und das Vaterland mit Blut und Leben zu vertheidigen. Aber ist er darum ein Dichter? Eben so gut könnte man die Liedeswerthe That, für das Lied selbst halten! Und wahrlich das thun die Gutmüthig-beschränkten, die, weil sie das Schwert, in Körners Rechten,blutigsehn, nun auch die Lyra in seiner Linkenklingenundsingenhören. — Herr von Burgsdorff, den ich gestern gesprochen habe, will so gütig seyn, diesen Brief mitzunehmen. Er hat Ihnen den Vorschlag gemacht, auf einige Tage mit hieher zu kommen; das wäre vortrefflich gewesen; Sie hätten Devrient noch getroffen, der nun für zwei Monath verreist ist. Ich bitte Sie dringend, mich in den Stand zu setzen, dieweil ich noch hier bin, jene wichtige Angelegenheit des gesammten deutschen Theaters in thätigen Geschäftsgang zu bringen. Ich bleibe wie gesagt bis zu Anfang Junis hier — hier haben Sie die ersten zehn Gedichte meines kleinen politischen Werks. Den Plan zu den beiden letztern habe ich Ihnen in meinem vorigen Briefe bereits mitgetheilt. Nur von der Form des Schlußgedichts noch ein Wort: Es wird die Formen aller übrigen in sich aufnehmen,und im freien Schwunge von der einen in die andre übergehen, und diese Form leuchtet mir so klar ein, daß ich sie für nothwendig halten muß. Sagen Sie mir doch, ob Sie es für recht halten, daß jedes Gedicht seinen Denkspruch hat, oder, ob Sie darin eine Affektation finden? — Ich fürchte, daß Ihnen das didaktische Element, das hin und wieder aus dem Gedicht hervorschaut, zuwider seyn möchte, doch hoffe ich, daß es wenigstens einedeutscheDidaktik und weder eine römische noch französische ist. — Nicht wahr, wenn Sie diese Blätter acht Tage besitzen, so genügt diese Zeit wohl? Ich besitzenur dieses Einereinliche Abschrift. Leben Sie glücklich! und bewahren Sie mir Ihre freundschaftliche Gesinnung.

Mit Achtung und LiebeIhrergebensterLudwig Robert.

Mit Achtung und Liebe

Ihr

ergebenster

Ludwig Robert.

Berlin, den 20t. Jenner 1822.

Endlich, mein verehrtester Freund, endlich will es, nicht die Schicklichkeit, denn die hat es schon längst gewollt, sondern die Menschlichkeit will es, daß ich Ihnen einen schriftlichen Gruß als Lebenszeichen hinüber sende. Wie oft ich es schon in Gedanken that, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, da Sie es wissenmüssen, wie eingenommen ich von Ihnen und wie stolz ich darauf bin, daß Sie mich beachtet haben. Aber das Schreiben wird mir jetzt, wo ich leider Briefe für Geld schreiben muß, mehr als je sauer. Apropos dieser Briefe, so habe ich vorgestern eine Abhandlung über den Pr. v. Homburg dem Morgenbl. geschickt, die achtzehn, eng wie diese, geschriebene Seiten zählt. Das hiesige Theater ist darin tüchtig mitgenommen, daß man das Stück hier nicht giebt, und die dummenUngründe dagegen zu Schanden gemacht; auch der Kabale in Dresden erwähnt das Ganze, aber in dem?-Artikel; so daß Dresden nicht genannt wird, wohl aber Berlin. — An den Kohlhas denke ich ernstlich; auch hat mir Raumer schon eine Quelle angezeigt; ich werde das Buch heute von der Bibliothek erhalten und es heißt:Schöttgen und Kreisig diplomatische Nachlese zur Geschichte v. Obersachsen. Kennen Sie es? — Im Morgenbl. Mth.Xbr.Nr. 295 und 303 stehen zwei Briefe von mir über das zu errichtende Volkstheater in Berlin. Diese Abhandlung scheint Aufmerksamkeit erregt zu haben; denn erstlich hat sie das Wiener Theater-Journal wörtlich abgedruckt und zweitens sind die Unternehmer dieses Theaters hier so aufmerksam drauf geworden, daß sie mich zu einer Konferenz geladen und die Grundsätze, die in jenem Schreiben ausgesprochen sind, als Basis ihrer artistischen Tendenz niedergelegt haben. Außer diesem aber ist noch folgendes Resultat — das Sie, mein verehrtester Freund betrifft — aus dieser Konferenz hervorgegangen. — Ich bin nehmlich ermächtigt, Ihnen im Nahmen der Unternehmer folgende Fragen zu stellen: ob Sie — versteht sich für eine bestimmte, angemessene und jährl. Gratifikation — die Mühe eines korrespondirenden[12]Mitglieds der Direktion übernehmen und der Kunstanstalt fortwährend mit Rath und Vorschlägen an die Hand gehen wollen? — Ob Sie es zu übernehmen wünschen, ein Programm anzufertigen, in welchem die Direktion sowohl ihre ganze Einrichtung als die Tendenz ihres Strebens darlegt, deutlich macht und das Publ. zur Mitwirkung einladet? Endlich ob Sie — versteht sich unter besonderer Honorarbedingung — sich entschließen würden, ein Stück zur Eröffnung dieser Bühne (vermuthlich im Frühjahr 1824)zu schreiben? Ich finde es rathsam — da ich von Karlsruhe wider Erwarten auch nicht eine Sylbe Antwort bekomme — auf diese einträglichen Vorschläge Rücksicht zu nehmen. Ein Mann, wie Sie, kann, meines Erachtens, von dieser neuen Bühne aus, so vortheilhaft auf die Kunst einwirken, daß ich es fast für Ihre Pflicht halte, diesen Vorschlag nicht ganz von der Hand zu weisen und sich je eher je lieber in direkte Korrespondenz mit den Unternehmern, unter denen zwei geistreiche Leute, der Justitzrath Kunowsky und der Banquier Herr Mendelssohn der Aeltere sich befinden, die zu allem Guten und Neuen freudig und thätig die Hand — die volle — biethen. Man ist gesonnen, für die ersten Stücke Preise auszusetzen und überhaupt den Autoren, wie in Frankreich eine Tantième der Einnahme zu bewilligen. Schreiben Sie mir also, ob Sie es erlauben, daß sich die Direktion direkt an Sie wende. — Das Stück zur Eröffnung könnten wir ja zusammen anfertigen, wenn Sie dies für möglich und mich dieser Ehre werth halten. — Immermann hat eine kleine Broschüre:Brief über die falschen Wanderjahre geschrieben. Treu und wahr, kunstverständig und evident-klar. Sie dürfen sich die kleine Schrift nicht entgehen lassen; sie wird Ihnen Freude machen. Ich habe sie sogleich im Morgenbl. lobpreisend angezeigt; dann da die Miserabeln das Miserable ausschreien, so müssen auch die Guten das Gute ausrufen. — In dem obenerwähnten Buche steht über Kohlhaas nichts, was Sie mir nicht schon gesagt hätten; es ist die wörtliche Abschrift aus Petri Hafflitii geschriebene Märkische Chronik. — Nur die Art wie er zu Luther kommt ist dramatisch, ja sogar theatralisch. —Die Verlobtenmachen hier viel Aufsehen und gefallen — bis auf jene, die sich getroffen fühlen — allgemein.Die Reisendenwerden weniger verstanden und ich habe schon oft sagen müssen: Leset es nur noch ein Mal! — Ich werde demnächst ein Wort darüber schreiben. —Sie haben ja überGehe’sStück und noch dazu ins Abendblatt etwas einrücken lassen. Noch bin ich nicht dazu gekommen; aber ich bin sehr begierig es zu lesen. — Varnhagens grüßen Sie herzlich. Empfehlen Sie mich angelegentlichst und freundlichst dem verehrten Kreise Ihrer liebenswerthen Hausgenossen und nehmen Sie meinen wahrhaften Dank für alle erzeugte Ehre und Güte und Liebe. In Hoffnung eines freundlichen Wortes

Ihrmit Liebe und AchtungergebenerL. Robert.

Ihr

mit Liebe und Achtung

ergebener

L. Robert.

Adresse:Herrn M. Th.Robertfür Ludw. RobertinBerlin.T.S.V.P.

Adresse:

Herrn M. Th.Robertfür Ludw. RobertinBerlin.

T.S.V.P.

Ich kann diesen Brief nicht an Sie, verehrtester Freund! abgehen lassen, ohne meine herzlichen Wünsche für Ihr Allerseitiges Wohl und die freundlichsten Grüße selbst beizufügen, an Sie und die ganze theure Familie, die mich mit so viel Liebe und Wohlwollen aufnahm. Die Zeit drängt mich so, daß Sie über meinen Styl lachen werden; deßhalb behalte ich mir vor, meine Ehre bald durch ein anderes Schreiben zu retten. Ich empfehle mich in Ihre fortdauernde Freundschaft und bin

IhreergebensteFriderike Robert.

Ihre

ergebenste

Friderike Robert.

Varnhagens lassen beide vielmals grüßen. Sie ist oft unwohl.

Dresden, 29/8. 1821.

Dürfte ich Sie wohl um den Prinzen von Homburg bitten; ich bedarf ihn, um einige Worte öffentlich darüber zu sagen und schon Morgen sollen Sie ihn wieder zurück erhalten.

Meine undiplomatische Aufführung von gestern Abend thut mir leid, man soll nie in Gesellschaft ein wahrhaftes und tiefes Gefühl äußern, weil eine solche Aeußerung, ihrer Natur gemäß, laut werden muß, welches die Andern, Kalten still macht; und weil heiliger Eifer imponirt, das heißt stumm macht. Stumm-Machen aber ist noch unverzeihlicher als Still-Machen. Kurz ich habe sehr unrecht gehabt ein Gespräch vor fremden Herrn zu führen, das sich höchstens in Ihrer Studierstube geziemt hätte; aber auch Sie haben mich etwas dazu verführt und deßhalb reicht Hohenzollern dem Churfürsten diese Bittschrift ein.

IhrL. Robert.

Ihr

L. Robert.

Berlin, 6ten April 1823.

Hochverehrter Freund!

Daß ich meine Antwort auf Ihr liebevolles Schreiben so lange aufgeschoben habe, daran ist die stets arbeitende und zu nichts kommende Direction des neuen Theaters Schuld. Uebermorgen aber gewiß sende ich den ausführlichen Geschäftsbrief an Sie ab.

Diese Zeilen sollen in den edeln Kreis Ihrer Häuslichkeit ein Talent für die Bühne — Demoiselle Pfeifer[13]aus München — einführen, das ich für ein höchst eminentes halte.Dabei eine südliche lebhafte, für die Kunst begeisterte, unterrichtete und sehr angenehme Persönlichkeit. Möge sie Ihnen sosehrgefallen, daß sie Ermunterndes von Ihnen hört und dadurch auf der Bahn weiter gefördert wird, die sie eingeschlagen hat. Dies mein Wunsch und die Absicht dieses Schreibens. Bald mehr von Ihrem Sie liebenden

Lud. Robert.

Lud. Robert.

Berlin, 8t. April 1823.

Hochverehrter Freund!

Gestern ist eine Mamsel Pfeifer aus München, ein sehr bedeutendes, tragisches Talent, nach Dresden gereist und ich konnte weder ihr noch mir die Genugthuung versagen, sie Ihnen zu empfehlen. Und nun zu unserm Geschäft mit dem Nebentheater: Seit der Zeit, daß ich Ihnen nicht schrieb, habe ich tiefer dort hineingesehen und zu meinem Schrecken eine ganz andere Ansicht von den Leuten undderenUnternehmen bekommen. Das Resultat dieser Ansicht heißt:Es wird eher Alles aus diesem Unternehmen, als eine Kunstanstalt. Der Justizkomissarius Kunowsky ist der einzige der Unternehmer, der noch eines Gedankens fähig ist; aber nicht eines eignen, sondern fremder und ich darf sagen, Alles was er weiß, weiß er von mir. Dabei ist er zersplittert, treibt Astronomie als Steckenpferd, hat hundert Dinge im Kopf, kommt vom Hundertsten ins Tausendste und kann sich keiner Sache einzig und begeistert hingeben, wärend ihm für diesen einzelnen Fall, nicht nur Brettererfahrung, sondern auch die gewöhnlichsten litterarischen Hilfskenntnisse fehlen. Daher ist ihm Bethmann eine Authorität und wie es mitdessenKunstsinn und Urtheil steht wissen Sie. Ohne Gesinnung und Tendenz, ohne Ahnung von Kunst, ja ohne alle praktische Erfahrung, glaubt er ein Bühnenverwaltungsheroszu seyn, weil er abgekuckt hat, wie Iffland sich räusperte; ist aber dabei so weltklug, daß es ihm eigentlich um nichts zu thun ist, als um Geld zu gewinnen, noch mehr aber, um sich am Grafen Brühl zu rächen, der ihm dasconsiliumgegeben hat. Letzteres aber dürfte ihm nicht gelingen, da Brühl schon jetzt mit allen ihm zu Gebothe stehenden Kräften gegen die entstehende Anstalt anwirkt, neue Lustspieler überall werben läßt und schon jetzt für ein neues komisches Repertoir sorgt, woran jene noch nicht denken würden, wenn ich sie nicht dazu aufgefordert und gedrängt hätte. Der Rest der Unternehmer sind Kaufleute, die jene Anstalt, je nach ihren verschiedenen Temperamenten, aus drei Absichten gründen: Die Einen um Geld zu erwerben; die andern aus allgemeiner Eitelkeit und der besondern dem König zu schmeicheln; endlich aber um sich in den Kulissen umher zu treiben und zu ihrem Privatvergnügen sich von den jungen Schauspielerinnen einen Harem zu bilden:ein Hauptmotiv so bedeutende Summen zu wagen!! An eine Idee, an Kunst, an Volksbildung, ja an Lust zu der Sache selbst ist nicht zu denken; dabei will Jeder kommandiren, Niemand versteht etwas, sie kontrekariren sich aus Privatinteressen und ich habe keiner Versammlung beigewohnt, wo ich es hätte dahin bringen können, daß nur 5 Minuten lang von der Tendenz, von dem Repertoir, von den zu engagirenden Personen, kurz von der Sache selbst gesprochen worden wäre. Immer kam man vom Hundertsten ins Tausendste und Nebensachen interessirten am meisten, und die Oper, die sie verbannen sollten und Maschinen und Melodrams und französischeveaudevillessind das gelobte Land, wohin man steuert. Alles dieses dringt ins Publikum, das schon jetzt über die Sache spottet und vom Judentheater spricht: ein Nahme, der (in Berlin) schon ganz allein die Sache muß fallen lassen — deßwegen habe ich mich auch sachte zurückgezogenund den Herrn gesagt, sie mögten sich in direkte Korrespondenz mit Ihnen setzen. Deßhalb rathe ich Ihnen nun vorsichtig mit diesen Kaufleuten zu seyn. — Ob Sie Sich überhaupt mit denselben einlassen wollen, darüber will ich Ihrem Urtheil nicht vorgreifen; aber das rathe ich Ihnen: lassen Sie Sichpraenumerandound gut zahlen. Dafür daß Sie Ihren berühmten Nahmen auf das verlangte Program setzen, müssen Sie Ihnen wenigstens 20 Louisd’or zahlen und für ein Eröffnungsstück, von demichaber, trotz der großen Ehre die Sie mir erweisen (Verzeihen Sie mir!) meine Hand abziehe: wenigstens fünfzig Louisd’or. Sie können um so mehr darauf bestehen, als Sie dieses Gelegenheitsstück keiner andern Bühne verkaufen können. — Ich bitte Sie in diesem Fall jede Schonung, jede Delikatesse diesen reichen Ignoranten gegenüber, außer Augen zu setzen. Wenn Sie fest darauf bestehen, so zahlen sie.Crede Rupperto experto!— Hätte ich nicht eine unbegränzte Liebe zum Theater und hoffte ich nicht, daß doch vielleicht die Authorität Ihres Nahmen diesen Menschen imponiren dürfte, so würde ich sagen: Weisen Sie Alles von der Hand! Das sage ich aber nicht. —

Von dem hiesigen Theater könnte ich Ihnen nur wiederholen, was ich im Morgenblatt darüber vielfältig gesagt habe. Sollten Sie Zeit und Lust haben es zu lesen? Mit Wolff’s Spiel habe ich mich in so fern ausgesöhnt, als er ein ganz anderes Subjekt ist, wie der Goethesche Meisterschüler, der uns vor sieben Jahren von Weimar überkam. Auch dies habe ich ausführlich im Morgenblatte auseinander gesetzt. Meine Frau empfielt sich Ihrem und der Ihrigen Andenken und ich küsse der Gräfin Finkenstein die Hand wie Ihrer Frau Gemahlin und den Fräuleins. Gott segne Sie mit Gesundheit und Kraft!

IhrSie verehrenderLudw. Robert.

Ihr

Sie verehrender

Ludw. Robert.

P.S.Soeben war Herr Teichmann, Theatersekretair, von Paris zurückkommend, bei mir. In seinem Auftrage schreibe ich, daß er Goethen die Verlobten, die dieser noch nicht kannte, hat zukommen lassen; daß der alte Herr sehr erfreut darüber und Sie denguten Tiecknannte.

Sie wollen über Preciosa schreiben. Das ist wichtig!Ihrunbedingtes Lob dieses Stückes kann zu Saamen sehr schlechter Stücke werden. Ich wage daher zu sagen: Sprechen Sie über das Stück nicht, wenn Sie Ihre Liebe zu dem Autor nicht beseitigen können.

Berlin, 12t. April 23.

Verehrtester Freund!

Hier ein Schreiben der neuen Theaterdirection, dasichIhnen zusenden soll und worauf ich erwiedert habe, daß Sie direct antworten werden, weil mir die Leute zu konfus scheinen, um mich mit ihnen einzulassen.

Ihnen aber rathe ich, und wäre ich Ihr Geschäftsführer, so würde ich es mir ausbitten, daß Sie keinen Zug thun, bevor Sie Sich nicht über das Honorarjedes Briefes, den Sie schreiben, geeinigt haben.

Höchst indelikat finde ich die Nicht-Frei-Machung des unmäßig dicken, auf grobes Papier geschriebenen Briefes und feig-geitzig, daß man bei Ihnen nicht wegen des Honorars bestimmt anfrägt.

Was den ästhetischen Inhalt des Briefes betrifft, so werden Sie diesen besser als ich zu beurtheilen wissen.

Mit LiebeIhrL. Robert.

Mit Liebe

Ihr

L. Robert.

Berlin, d. 10. Juni 23.

Sehr recht haben Sie, mein verehrtester Freund: Nicht allein, daß man nicht immer kann, was man will, man will auch meist nicht, was man kann, ja, was mansoll. Das erste ist Schicksal, das zweite negative und das dritte positive Nichtigkeit; man nennt es auch Sünde. Ich will mich nicht ganz freisprechen; aber größtentheils tragen die Umstände die Schuld, daß ich nicht früher nach Dresden kam und noch ein paar glückliche und unterrichtende und befruchtende Monathe mit Ihnen verlebte. Einrichtungen, die meine Vermögensumstände betreffen, mußten und konnten nichtehergenommen werden, als bis sich der politische Himmel wenigstens momentan wieder aufgeklärt hatte. So lange ich unverheirathet war, ließ ich unbesorgt Alles so hingehen, wie es eben wollte, in dem sichern Bewußtseyn, daß mirs für meine Person nie fehlen würde. Jetzt muß für die Zukunft der Besitz fest bestimmt und möglichst gesichert seyn, d. h. flüssig erhalten werden. Das ist nun jetzt — wenn auch mit einigen Opfern — geschehen. Dadurch aber hat mein Reiseplan sich sehr geändert. Wollte ich doch schon jetzt in meinem paradiesischen Baden-Baden zurück seyn und irgend eine liebe Arbeit begonnen haben. Nun aber geht mir der Sommer verlohren und ich muß für Zeitschriften — um die Reisekosten zu erschwingen — Kräfte aufwenden und Zeit, die ich wahrlich zu etwas Besserem gebrauchen könnte. Nach Wienmußich und da der Sommer dort todt ist, so will ich den September dort und den October in München zubringen. In allen Fällen aber gedenke ich, Sie noch ein Weilchen zu sehen, entweder in Dresden oder in Teplitz. — Und auch, wenn ich dann von Ihnen Abschied nehme, wollen wir das schlimme Wort: „Niewiedersehen“ nicht aussprechen; denn meinWeg führt mich ja doch von Zeit zu Zeit zu meiner Vaterstadt und meinen Verwandten und Freunden. Großes Herzeleid aber macht es mir, daß ich die Hoffnung aufgeben muß, Sie in unserm freundlichen und unschuldigen Carlsruhe zu sehen. Ich bin überzeugt, daß Sie Sich in jener milden Luft, wo man vom Winter nicht viel weiß und Sommers in dem erquicklichen Baden lebt, vortrefflich befinden würden; wärend Dresden mit seiner gichterzeugenden Brücke Ihre Krankheit, die ich übrigens für quälend zwar, aber nicht für gefährlich halte, nährt und steigert. Wie gut und wie wohlfeil würden Sie dort, wie freundlich und produzirend würden wir da zusammenleben! Was haben Sie denn in Dresden von Dresden? Die Fremden? Die kommen auch zu uns und ich denke sogar vielseitigere, wahrhaftereFremde, statt deren in Dresden nur nordisch-barbarische Brunnengäste, oder Gallerie-Beseher mit längst bekannter Bildung, oder gar Liederkreusler erscheinen. Glauben Sie mir, es ist eine wahre Geistes- und Seelenkur, eine Gemüthsstärkung, eine Herzerfrischung, den in der Unnatur der Kritik und Theorie versunkenen Norden für einige Zeit total zu vergessen; diesen so sehr theoretisch-kritischen Norden, daß er jetzt, auf dem Kulminationspunkt seiner kritischen Theorie, es herausgerechnet hat, daß es weder Theorie noch Kritik gebe und nun, auch von allem wahrhaft Praktischen und Kräftigen entblößt, sich im reinen Nichts umhertreibt. Ist es denn gar nicht möglich, daß Sie Sich zu dieser Ortsverändrung entschlössen; daß wir, wenn ich zurück bin, darüber korrespondirten? Auch in pekuniärer Hinsicht würden Sie Vortheil, nehmlich Verleger finden, die Sie besser bezahlten. Cotta z. B. der vor einiger Zeit hier in Berlin war, hat mir in dieser Hinsicht viel von Ihnen gesprochen und mir aufgetragen, Sie zu bitten, für ihn und für seine Zeitschriften zu arbeiten. Er biethet sich an Sie vorzugsweise gut zu honoriren und frühere Verhältnissein eine neue Verabredung nicht gleich und unmittelbar einfließen zu lassen. Ich schreibe Ihnen dieses in seinem Auftrag und wahrlich, er ist der Mann — was man auch von ihm sagen möge! — etwas Erhebliches und Fruchtbringendes für Sie zu thun. — Ich setze beiläufig — von größeren Arbeiten und Unternehmungen abstrahirend — hinzu: So sehr mich Ihre Kritiken im Abendblatt erfreut, so sehr sie allgemeine Theilnahme erregt haben, so ist man doch nicht mit dem Organ, das Sie wählen, zufrieden und ich meines Theils glaube sogar das Hemmende heraus zu fühlen, was dieses Süßblatt Ihnen entgegenstellt. Bei dieser Gelegenheit eine Bitte und eine inständige! Sie haben in jener Rezension, wo Sie dem Gehe nur zu viel Ehre anthaten, der Müllnerschen Schuld gedacht und sie kurzweg unter die Mißgeburthen der Zeit gestellt. Seitdem ward Müllner sehr höflich gegen Sie, nannte Sie Meister &c. Ich wußte gleich, daß er seinen Grimm nur verberge; und richtig! jüngst im Litt. Blatt des Morgenblattes sagt er in einer Anmerkung, von seinem beliebten heidnischen Fatum sprechend: es wäre sehr natürlich, daß die dramatischen Schulknaben sich gegen dasselbe erhöhen, aber das wäre zu verwundern, daß ein Ludwig Tieck diesen darin Vorschub leiste und mit in diesen Chor einstimme. Dieses Wort nun zwar nicht — denn Müllners Worte bleiben jetzt ohne Eindruck — aber das allgemeine Aufsehen, welches die Schuld erregt hat, gebiethet, daß Sie die Nichtigkeit dieses Meteors ausführlich und gründlich darthun, besonders weil Sie schon ein Mal wegwerfend, aber zu kurz für eine Erscheinung, die so allgemein geblendet hat, gesprochen haben. Ich fordre Sie im Nahmen der dramatischen Kunst dazu auf, denn ich halte es für nöthig. Ich selbst würde es thun, wenn ich es so eindringlich vermögte als Sie, der ja noch überdies das litterarische Reichssiegel seines Nahmens darunter drücken kann. Auch der Firnißdes undramatischen ja oft ungeschickten Verses muß von dieser Lackirarbeit mit beitzend-kritischem Spiritus weggewischt werden. Lassen Sie Sich weder die Mühe, noch die Fehde davon abhalten; es ist Ihre kritische Pflicht. — Ihren Brief an die Direktion des 2. Theaters habe ich eben abgeschickt. Ich bin ganz Ihrer Meinung; doch könnte Ihnen ja wohl die Lust kommen, einmal etwas recht Drolliges und Populäres für eine solche Bühne zu schreiben, und nicht wollte ich, daß Sie dieses ganz und gar aufgäben. Außer meinen (fleißigen und gewissenhaften) Arbeiten für Zeitschriften und ein paar geringen flüchtigen Musengeschenken habe ich hier nichts gemacht, als eine Modernisirung meiner ersten dramatischen Arbeit:die UeberbildetennachMolière’s précienses ridicules, die ich mit nach Wien nehmen will; denn hier ist französische Drehkunst und Spontinischer Janitscharenlärm das Einzige was kostumirt, dekorirt und illuminirt wird; in den Zwischentagen giebt man französischevaudevillesund aus alter Schaam selten ein altes gutes aber schlecht ja skandalos besetztes Stück. Nun, ich will meiner Frau noch ein Plätzchen zum Schreiben lassen. Gott stärke Ihre Gesundheit!!!!!! Viele Grüße und herzliche den lieben Hausgenossen. In jedem Falle sehe ich Sie noch im Laufe dieses Sommers.

Mit Achtung und Liebe


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