Schlegel, Friedrich.

Geb. am 10. März 1772 zu Hannover, gestorben am 12. Januar 1829 zu Dresden.Lucinde, Roman (1799.) — Alarkos, Trauerspiel (1802.) — Florentin. — Gedichte (1809.) — Ueber die Sprache und Weisheit der Inder (1808.) — Geschichte der alten und neuen Litteratur, 2 Bde. (1815.) — U. a. m. — Sämmtl. Werke, 12 Bde. (1822 und später).Wie zwei Brüder nach gemeinsam begonnenem, weltstürmendem Auftreten in Wissenschaft und Poesie, Beide in die Mysterien altindischer Weisheit sich vertiefend, und darin wandelnd, an ganz entgegengesetzten Ausgängen anlangend, einander fremd werden konnten — ja mußten, das wird aus diesen, an einen gemeinschaftlichen Vertrauten ihrer schönen Jugend gerichteten Briefe recht klar. Der ältere August Wilhelm, den Friedrich einen „Pedanten“ schilt, klagt über Friedrichs Verirrung, wie er es nennt, in religiösen und philosophischen Dingen, und daß der Bruder ihm völlig unverständlich geworden sei.Tieck stand zwischen ihnen. In der durch den Lauf der Jahre oftmals entschlummerten, niemals erstorbenen Anhänglichkeit für diesen Zeugen erster schäumender Jugendkraft, finden sie sich denn wohl wieder, gleichsam auf neutralem Boden. Der Jüngere schied zuerst. —Wir lassen seinen Briefen zwei Zuschriften der ihn überlebenden Gattin folgen; die zweite, so mild-versöhnliche, als schönstes Denkmal für den Verstorbenen, und für die ihn Ueberlebende!

Geb. am 10. März 1772 zu Hannover, gestorben am 12. Januar 1829 zu Dresden.

Lucinde, Roman (1799.) — Alarkos, Trauerspiel (1802.) — Florentin. — Gedichte (1809.) — Ueber die Sprache und Weisheit der Inder (1808.) — Geschichte der alten und neuen Litteratur, 2 Bde. (1815.) — U. a. m. — Sämmtl. Werke, 12 Bde. (1822 und später).

Wie zwei Brüder nach gemeinsam begonnenem, weltstürmendem Auftreten in Wissenschaft und Poesie, Beide in die Mysterien altindischer Weisheit sich vertiefend, und darin wandelnd, an ganz entgegengesetzten Ausgängen anlangend, einander fremd werden konnten — ja mußten, das wird aus diesen, an einen gemeinschaftlichen Vertrauten ihrer schönen Jugend gerichteten Briefe recht klar. Der ältere August Wilhelm, den Friedrich einen „Pedanten“ schilt, klagt über Friedrichs Verirrung, wie er es nennt, in religiösen und philosophischen Dingen, und daß der Bruder ihm völlig unverständlich geworden sei.

Tieck stand zwischen ihnen. In der durch den Lauf der Jahre oftmals entschlummerten, niemals erstorbenen Anhänglichkeit für diesen Zeugen erster schäumender Jugendkraft, finden sie sich denn wohl wieder, gleichsam auf neutralem Boden. Der Jüngere schied zuerst. —

Wir lassen seinen Briefen zwei Zuschriften der ihn überlebenden Gattin folgen; die zweite, so mild-versöhnliche, als schönstes Denkmal für den Verstorbenen, und für die ihn Ueberlebende!

(Ohne Datum.)

Ich sehe mit Ungeduld denBriefen über Shak.entgegen. Wenn es mir möglich ist, so frage ich heute noch selbst danach bey Ihnen vor. — Haben Sie Reichardt schon gesehen, der hier ist? — Ich habe ihm schon gesagt, daß Sie uns einen Beytrag versprochen haben, welches ihm natürlich sehr angenehm war. Wenn Sie ihn indessen sehn sollten: so wäre es recht gut, wenn Sie ihm als Herausgeber des Lyc. noch ein paar Worte darüber sagten.

Wenn Sie doch Ihren Beytragselbstbringen könnten! Des Morgens bin ich immer zu Haus. Den weiten Weg zu Ihnen scheue ich gar nicht. Aber bey mir bleibt man viel sichrerallein, und so sehe ich Sie doch wenigstens jetzt am liebsten, ungeachtet ich auch Ihren häuslichen Cirkel, in dem ich Sie mich immer vorläufig einzuschreiben bitte, wenn ich auch jetzt nicht so oft da seyn kann, als ich wünschte, sehr liebenswürdig finde. Mein Interesse an Ihnen oder an der Poesie ist zu ernst. So etwas zerstreut sich gleich, wenn mehrere da sind. Ich bin in solchen Angelegenheiten sehr für die Zweysprach.

Ich lese jetzt Ihren Lovell zum zweytenmahl. — Mein Bruder läßt Sie herzlich grüßen, und hat große Freude an Ihren Werken und an den Nachrichten, die ich ihm von Ihnen habe geben können.

Empfehlen Sie mich Ihrer Schwester.

IhrFr. Schlegel.

Ihr

Fr. Schlegel.

Das unterhaltende Büchelchen erfolgt mit vielem Danke zurück.

Wollen Sie wohl die Güte haben mirRichters Dornenstückezu leihen, und mirWackenroders Logisaufzuschreiben?

Dresden, den 27. Jul. 98.

Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, liebster Freund, bis ich Ihnen einigen Bericht über eine spanische Lectüre hier geben könnte. Bis jetzt ist aber noch nichts geschehn, weil ich dumm genug gewesen bin, mich in die Dummheit der Engländer recht sehr vertiefen zu lassen. Ich habe die Arbeitendes Malone &c. über die Aechtheit und Chronologie der Sh.schen Dramen durchgearbeitet, und wenigstens gelernt, wie wenig daraus zu lernen ist. Desto mehr finde ich in Sh.’s erotischen Gedichten (die ich in der Andersonschen Sammlung Engl. Dichter recht nett gedruckt beysammen fand) und in den sogenannten unächten Schauspielen zu lernen. Durch beyde ist mir ein ganz neues Licht über Sh. aufgegangen; und beyde haben mich auch beyläufig[20]entzückt. Die ersten mehr auf eine subjektive Weise; d. h. ich bin dadurch gleichsam verliebt in Sh. geworden, und ich weiß mir fast nichts, was ich so ganz nach meinem innersten Gemüthliebenswürdigfinde als Adonis und die Sonnette. Das Interesse an den Dramen ist objektiver, sie mögen nun von S. seyn oder nicht. Ich habe eine große Vorliebe für den Aeschylus jeder Art, sollte sie auch noch so Gothisch und Barbarisch seyn. In dieser Hinsicht hat Locrin sehr großen Reiz für mich, wegen desKothurns, und die grelle Lustigkeit dazwischen ist sehr grandios. — Ich halte es indessen für im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sie alle von Sh. sind, die meisten noch älter als die erotischen Gedichte. — Ich habe denn doch die Engl. Bestien excerpirt, da ich sie einmal gelesen hatte, und wenn Sie die Reedsche Ausgabe von 93 und Malone’s Essais über die Chron. noch nicht gelesen oder gehabt haben, kann ich Ihnen einige interessante Fakta mittheilen, wenn ich zurückkomme.

Wenn Sie nur vorher mit Ihrem Aufsatze über den Cervantes fertig würden! Sie glauben nicht, wie sehr ich es wünsche, Sie auch einmal über die Poesie poetisiren zu hören, und im Athenäum nicht bloß über Sie, sondern auchSie selbst zu lesen. Ich setze Ihnen das Ende des August als letzten Termin. Sind Sie dann nicht fertig, so schreibe ich Ihnendruckendeinen Brief über die spanischen Angelegenheiten, an die ich nun unverzüglich gehn will. Glauben Sie aber, daß Ihrem Geiste jede kritische Geburth nur durch die Zange entrissen werden kann, so geben Sie mir nur einen Wink, und Sie sollen unverzüglich eineepistola critica de novellis hisp.von mir erhalten und wir können dann nach Belieben mit der Correspondenz fortfahren. —

Geben Sie nur bald Nachricht von sich und empfehlen Sie mich den Ihrigen. Ihre Schwester Alberti sah ich zweymal; zuerst vor Empfang des Briefs, wo sie, jedoch in aller Zärtlichkeit etwas ungeduldig war; dann nachher als die Sonne wieder schien.

Ich umarme Sie herzlich. Ganz der

IhrigeFriedrich Schlegel.

Ihrige

Friedrich Schlegel.

Das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß Sie von wegen der Volksmährchen zwey Freunde haben, die Sie nicht kennen:Novalisund der Philosoph und PhysikerSchelling, von dem ich Ihnen sagte.

Das Stück von Lope auf das Sujet von Romeo hatnichtdiesen Titel. Welchen es hat, sagen die Canaillen nicht. — DiePuritanerinwollte mir im Anfang weniger zusagen, sie ist etwas schwer. Nun gefällt sie mir ganz vorzüglich. —

Jena, den 22ten Aug. 1800.

Es kommt sehr erwünscht, daß ich grade zu gelegener Zeit Deine Adresse erhalte, da ich eben einen Brief von Deinem Bruder für Dich habe, der an Wilhelm eingeschlossen war.

Dein Brief und Deine Sammlung hat mir große Freude gemacht. Die Sonette habe ich sogleich einigemal gelesen; sie gefallen mir sehr, auch bin ich zufrieden damit, daß das an mich sich durch die Dunkelheit und Sonderbarkeit so auszeichnet, in welcher Rücksicht mir nur noch das auf Sophie einen ähnlichen Eindruck gemacht hat.

Die Correctur werde ich gut und treulich besorgen; so auch das Exemplar an Hardenberg, der jetzt nicht in Berlin sein wird.

Ich habe noch manche Gedichte gemacht, aber fertig ist der 2te Theil noch nicht. Uebrigens habe ich mich nun auch zum Doctor machen lassen und lese den Winter Idealismus, wozu sich schon 60 gemeldet haben. Vielleicht kommt Schelling und was ihm anhängt, auch zurück, und so würde es Idealismus und Realismus genug geben, welches uns doch weiter nicht sehr kümmert, außer daß ich wünsche, Wilhelm wäre endlich ganz rein von diesen Händeln.

Du siehst ihn gewiß den Winter in Berlin; jetzt aber wird er noch einige Zeit wegbleiben.

Auch der junge Angebranntene ist da gewesen, um sich als Abgebrannten darzustellen. Er fiel mit einem unendlichen und unleidlichen Zutrauen über uns her, wurde aber dadurch der Veit und bald auch mir so fatal, daß ich ihn anfing mit einer gelinden Dosis Wahrheit zu behandeln, worauf er sich schleunig entfernte.

Daß ihm Deine Züchtigung richtig zu Händen gekommen, habe ich alle Sorge getragen, weil ich gerne aus der ersten Hand zusehen wollte, wie er es nähme. Er hat es so genommen, daß ich hätte wünschen können, die Medicin wäre noch kräftiger gewesen: über die Sache selbst zwar hat er sich mit der gemeinen Lebensart geäußert, kurz darauf aber war seine Meinung von Dir sehr geändert, er findet nun vieles anDir auszusetzen, und unter anderm auch, daß der Zerbino langweilig sei.

Ritter ist fast der einzige, mit dem wir umgehn. Wir sehn ihn jetzt fast täglich, er hat sich für den Umgang seit Kurzem zum Erstaunen entwickelt, und sein Umgang macht mir so viel Freude, als der Umgang mit einem Sterblichen nur immer kann.

Lebe wohl und dichte fleißig. Grüße Deine Frau und Tochter. — Den Winter komme ich nicht nach Berlin, aber Ostern sehn wir uns ja wohl auf irgend eine Weise.

Friedrich S.

Friedrich S.

Noch eins, und zwar etwas wichtiges.Idelerläßt den D. Q. von mir wieder fordern. Ich habe geglaubt, Du hättest ihm denselben etwa in Berlin wieder gegeben, oder doch ein Wort mit ihm deswegen gesprochen. Ich bitte Dich daher, wenn Du den D. Q. an Ideler gegeben, sogleich eine Zeile desfalls zu schreiben.

Die Oper muß fertig gedruckt sein, doch habe ich den Titel noch nicht zur Correctur gehabt. Ganz rein von Fehlern mag sie wohl nicht sein. Bei dem Journal will ich mir aber alle Mühe geben. Wenn du Jacobi siehst, so sage ihm in Gedanken von mir: — Der mag mich — —!

Jena, den 5ten Novemb. 1801.

Geliebter Freund!

Du mußt mir verzeihn, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich war sehr beschäftigt und oft auch gestört durch die Kränklichkeit der Veit, die mich oft sehr unmuthig gemacht hat. Dennoch freue ich mich sehr in der Hoffnung,Dich bald zu sehn. Wir haben viel mit einander zu sprechen, und wollen dann recht viel zusammen sein.

Heute nur das Nöthigste von Geschäften. Die Geschichte der Gothischen Könige kann (Lücke) nicht finden, wie er Dir wohl wird geschrieben haben. Die Charakteristiken hast Du nun. Sowohl denAeschylusals dieguerres civileskannst Du leicht in Dresden haben, daher halte ich’s für besser, sie lieber selbst mitzubringen.

In diesen Tagen war Karl Hardenberg bei mir auf der Durchreise nach Meiningen, wo er etwa 4 Wochen bleiben wird. Er war nur eine Stunde bei mir, indessen habe ich doch gleich die Zeit benutzt, um über die Herausgabe von Novalis Schriften das Nöthige mit ihm zu reden. Er war alles sehr zufrieden, wie Du es eingerichtet hast, und wie ich es ihm vorschlug. Die Biographie, die er zu machen Lust hat, soll für sich bestehn, und also darfst Du darauf nicht warten. Ich wünschte nun herzlich, daß Du den Druck gleich anfangen ließest, da eben keine große Vorrede nöthig ist, und diese immer noch nachher gedruckt werden kann: denn es ist doch am besten, wir machen sie, wenn wir zusammen sind, gemeinschaftlich.

Ich dächte nun, Du nähmest in den ersten Theil, was fertig ist vom Ofterdingen, auch das Fragment zum 2ten Theil, ferner einen Bericht von dem, was er Dir mündlich über die Fortsetzung gesagt, und wenn so viel Raum ist, etwa noch den Lehrling zu Sais.

Den zweiten Theil können dann dieHymnen an die Nacht, diegeistlichen Lieder, und die Fragmente, die ich aus seinen Papieren wählen werde ausfüllen. Zu diesen denke ich das Beste und Wichtigste aus denBlühenstaub, Glauben und LiebeundEuropazu nehmen. Da alle diese drei Aufsätze in ihrer Ganzheit und individuellen Beziehung nur irre leiten würden über den Charakter desSchriftstellers; da die Hymnen über die Nacht hingegen am schönsten und leichtesten im Ganzen erklären, so halte ich auch ihren unveränderten Abdruck für nothwendig.

Karl geht sehr ein in diese Idee, auch hat Novalis selbst noch in der letzten Zeit immer einen ganz besondern Werth in die Vollendung dieser Arbeit gelegt. Der Papiere sind so viele, daß Karl sie mir nicht schicken kann; ich werde also diesen Winter auf 8–14 Tage hingehen, um an Ort und Stelle zu sehen, wie viel und auf welche Weise sich daraus nehmen läßt. Was Du mir in Rücksicht der Bedingungen von Unger &c. schreibst, ist gut. 25 Exemplare müßten wir dem Bruder wohl wenigstens geben.

Hast Du nicht ausdrücklich so viele bei U. bedungen, so müßten die übrigen von uns nachgekauft werden. Ueber die Anerbietung, die Du mir in dieser Rücksicht machst, bin ich etwas erstaunt, besonders über die Veranlassung derselben.

Ich habe Wilhelm gelegentlich zu verstehn gegeben, wie weit entfernt Du in dieser Angelegenheit von aller eigennützigen Absicht seist. Er behauptet aber, nie ein Mißtrauen der Art und gegen Dich gehabt noch geäußert zu haben. Freilich weiß er immer nicht recht, was er sagt, oder schreibt, wenn er einmal in Hitze ist. Was die Sache selbst betrifft, so kann ich Dein Anerbieten keineswegs unbedingt annehmen, sondern höchstens nur in Rücksicht der Zeit und Reisen, die es mir wohl diesen Winter kosten wird, eingehen, daß wir zu gleichen Theilen gehn; worüber Du denn Ungern Deine Disposition geben magst. Ob er mir es giebt oder abrechnet, ist mir im Grunde ziemlich eins, und mag von ihm selber abhängen.

Vielleicht geh ich in diesen Tagen auf ein paar Wochen nach Berlin und dann könnte ich die Correctur selbst besorgen; sonst dächte ich, übertrügst Du sie Wilhelmen, weil er sie doch gewiß sehr genau besorgen wird.

Ich freue mich, daß gerade wir das Unternehmen gemeinschaftlich besorgen und sehe es als einen guten Anfang an für künftige Projecte. Es freut mich von Herzen, daß Du Lust hast, etwas in Gemeinschaft mit mir zu unternehmen; alles nähere darüber mündlich; ich habe alles schon ausgedacht.

Wilhelm ist in diesen Tagen wieder nach Berlin gegangen. Ich habe ihn ziemlich oft gesehn, einigemal recht interessant mit ihm gesprochen, doch nimmt seine Pedanterie sehr zu, und er wird immer breiter und härter. Wir berührten die Familienverhältnisse nicht, aber er hat wohl dafür gesorgt, daß ich sie ein paarmal empfunden habe. Unter anderm hat W. mich einmal auf eine solche Weise beleidigt, die es mir unmöglich macht, ferner an dem Almanach Antheil zu nehmen, so leid es mir der Sache selbst und auch Deinetwegen ist.

Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich vorigen Winter ein Gedicht, derwelke Kranzgemacht habe, und wer mich und meine Verhältnisse kennt, der wird allenfalls errathen können, daß es sich auf Auguste bezieht und an eine Freundin von mir gerichtet ist (welches aber das Gedicht selbst nichts angeht). Damals hat er nicht nur zwei Seiten voll Lobes über Sylbenmaß und Stil des Gedichtes an mich darüber geschrieben, sondern auch in den stärksten Ausdrücken davon geschrieben, wie es ihnrühre, und wie es ihm lieb und werth sei. — Viermal wenigstens habe ichs ihm in einer umständlichen Specification von allem, was ich zum Almanach geben wolle, ausdrücklich mit genannt, und jedesmal hat er es mit den größten Beifallsbezeugungen auf’s lebhafteste acceptirt, bis er mir’s jetzt vor Kurzem, da der Almanach fast fertig war, zurückgeschickt mit einem albernen, verächtlichen Geschwätz von Persönlichkeit, innerer Religion, und daß ich nicht würde mit einem zerrissenen Herzen rechten wollen. Du kennst michgenug, um zu wissen, ob mir viel daran gelegen sein kann, ein solches Gedicht von mir gedruckt zu sehn oder nicht; aber Du mußt auch fühlen, welche unausstehlichepersönlicheBeleidigung grade beidiesem Gedichtin der Zurückgabe liegt. Ich war lange in Verlegenheit, was ich thun sollte; endlich beschloß ich, gar nicht zu antworten, denn thät ich es einmal, so hätte es schwerlich anders geschehen können, als auf eine Weise, die völlig jedes Verhältniß zwischen uns unmöglich gemacht hätte. Um aber nicht ähnliche Gefahr zu laufen (— vor der ich bei der größten Behutsamkeit nicht sicher sein würde, da die Gedichte, die man zu einem Almanach geben kann, mehr oder weniger ins Subjective spielen, und da Karoline alles dazu zu machen weiß, was auch noch so wenig dahin gehört) — und auch weil jenes Betragen W.’s so unwürdig, und besonders seiner gewohnten Pünktlichkeit als Herausgeber so entgegengesetzt ist, daß ich berechtigt bin, vorauszusetzen, Karoline sei die Urheberin jener Beleidigung; und ich nun unmöglich an einem Werke Theil nehmen kann, dessen unsichtbare Herausgeberin eine Person ist, die sich in jeder Rücksicht infam gegen mich betragen hat; so muß es bei jenem Entschluß bleiben, und ich wünsche nur, daß — was doch früher oder später geschehen muß — ich darüber mit W. nicht auf eine Art zur Sprache kommen mag, die jede fernere Gemeinschaft zwischen uns unmöglich macht. Schreibst Du ihm also darüber, so thu es auf die gelindeste Art.

Dein Bruder ist seit einiger Zeit in Weimar, und auch dann und wann hier, wo ich ihn einigemal gesehn, wenn gleich nicht viel, weil er bei W.’s logirt und da sehr fest gehalten wird.

Die Art, wie er über seine Kunst spricht, mißfällt mir nicht; doch scheint mir’s, daß ihm ein Umgang mit Dir auf längere Zeit sehr nöthig wäre. Er ist sich im Wesentlichen gar nicht klar, und leidet im weniger Wesentlichen (was dochauf das Wesentliche bald wesentlichen Einfluß hat) sehr an Halbheit, Unkenntniß und falschen Vorstellungen. Er muß aber recht lange mit Dir beisammen sein und Du mußt es gelinde angehn lassen. Uebrigens weiß ich freilich nicht viel von ihm; vor einigen Wochen kam er einmal sehr freundschaftlich und wollte mich auch für Dich zeichnen; seit er aber jetzt wieder hier ist, ist nicht weiter die Rede davon gewesen, und ich weiß weiter nichts, als daß er Schelling statt dessen zeichnet.

Ja überhaupt, muß ich Dir sagen, ist sein Benehmen dieses letztemal so gegen mich, daß es mich in Verlegenheit setzt, und wenn Dein Bruder unhöflich gegen mich ist, so nehme ichs ihm nicht übel, weil ichs schon voraussetze; aber ich darf auch wohl voraussetzen, daß eine neue Klätscherei aus der alten wohlbekannten Kutte daran Schuld ist.

Herzliche Grüße von der Veit an Dich, und von uns beiden an Deine Frau. Es soll uns recht freuen, Euch in Dresden vergnügt und gut eingerichtet zu sehn. Auf die kleine Dorothea freue ich mich sehr, sowie auf die kleine Auguste.

Ich wollte Dir heute noch weit mehr schreiben, über den göttlichen H. Dümmling u. s. w.

Aber die Veit ist eben gar nicht wohl. Lebe also recht wohl.

Friedrich.

Friedrich.

Die Romanze rechne ich zu den göttlichsten und vollendetsten Werken, die Du gemacht hast. Die andern Gedichte im Almanach — der Zornige, Sanftmüthige, Einsamkeit — sind nur Anklänge aus einerneuenRegion Deiner Poesie, von der ich bald größere Studien zu sehn wünsche. Grüße meine Schwester herzlich, wenn Du sie siehst, und sag’ ihr, daß ich sehnlich auf Nachricht von ihr warte.

Leipzig, Sonnabends den 22ten Mai 1802.

Wir haben noch oft mit herzlicher Liebe an Dich gedacht, und Dir in Gedanken ein herzliches Lebewohl und baldiges Wiedersehn zugesandt. Ich werde Dir weitläuftig schreiben, sobald ich einen Augenblick Ruhe finde; das wird aber vielleicht erst in Mainz sein.

Heute nur einige Worte über alles, was Du zu wissen verlangst. Du erhältst hierD. Mongez(?) und 12 Louisd. und die deutschen Bücher wirst Du auch sogleich erhalten durchReimer. DerMeisterundSternbaldder dabei sein wird, ist für Charlotte; schicke ihn ja sogleich nach Pillniz.

Nicolovius war nicht hier. Cotta konnte ich lange nicht finden, und da ich ihn fand, war es auch eben kein großer Fund. Ich sah in der ersten Viertelstunde, daß esabsolut nichtsmit ihm sei für unsere Zwecke; er hat die Tramontane völlig dadurch verloren, daß ein paar hundert Exemplare vom Almanach remittirt worden sind. Das ist auch gewiß der einzige Grund seines abgeschmackten Betragens gegen Dich seither. Ich habe mit Wilmanns etwas ganz leidlich gemacht, nämlich dieEuropabei ihm angebracht; aber so lange ich noch auf andre rechnen konnte, glaubte ich ihn für Dich nicht wählen zu müssen, weil die Operette so enorm schlecht gegangen, daß man ihn gewiß sehr übel disponirt fände.

Reimer habe ich Deine Idee gesagt, er ist bereit, die Könige des Graals zu übernehmen, zu den bewußten Bedingungen; aber Vorschuß würde er erst zu Michaelis geben können.

Ueberlege Dirs, ich hielte es für sehr gut, Du nähmest es an. Es ist der honetteste Mann unter dem ganzen Volke. Ich setze nämlich alsdann voraus, daß Du auf einem andernWege zu Gelde kommst. Könnten Dir die Verwandten Deiner Frau nicht helfen?

Ich habe gethan, was ich konnte, aber länger darf ich selbst nun durchaus nicht hierbleiben. —Mahlmannschien in so fern in der günstigsten Disposition, weil er zu fühlen scheint, daß er bei dem Handel vorigen Winter etwas versehen hat, und es sehr gern wieder gut machen möchte; er hat unstreitig große Lust, mit Dir in Verbindung zu stehn. Ich dachte ihn eigentlich dahin zu bringen, daß er Dir geradezu 40 Louisd. schickte, als die schönste Art, die Verbindung mit Dir anzuknüpfen — aber dazu hat er wohl nicht Genie genug. In drei Wochen kommt er nach Dresden, wo nicht, so schreibt er Dir gewiß, und ich zweifle auch gar nicht, daß Du ihn wirst brauchen können.

Wilhelmist da, bleibt 4–6 Tage und kommt dann zu Dir; ich habe daher ihm alle Deine Interessen mitgetheilt, und er wird gewiß, wenn sich ihm noch eine Gelegenheit zeigen sollte, sie auf’s beste nützen. Am Ende geht es auch mit Wilmans; gestern suchte ich ihn vergeblich.

Noch will ich Dir wenigstens melden, daß Frommann, der Dir, wie ich höre, nicht so viel Geld geschickt, als Du wolltest, Steffens bestimmt versprochen hat, Dir mehr zu schicken. Reimer harrt nun sehnlichst auf den 2ten Theil des Novalis. — Karl H. war hier, der Lehrling ist noch nicht gefunden.

Steffens ist in großer Eil abgereist, weil einige Freiberger nach ihm gefragt haben. Er erwartet mich in Weißenfels. Meine eignen Angelegenheiten sind recht gut gegangen, auch die buchhändlerischen leidlich. Die Margarethe und was ich sonst etwa zu Paris übersetzen lassen, hat Mahlmann genommen. Zu so etwas hat das Volk freilich Lust. Herzliche Grüße an Deine Frau, an Marie und den Bildhauer, auch an Buri, alle Freunde. —

Der Bildhauer soll mir eine Addresse an David schicken.Er kann sie, wenn er es gleich thut, an die GebrüderMappeszuMainzdurch Ernst schicken; aber später an Wilmanns zu Frankfurt am Main. Treibe ihn, daß er es thut.

Wie leid thut es mir, daß Du nicht mehr Geld mit diesem Briefe erhältst!

Friedrich Schlegel.

Friedrich Schlegel.

Paris, den 13ten Septemb. 1802.

Herzlich geliebter Freund, wie viele Briefe würdest Du schon von uns erhalten haben, wenn wir Dir jedesmal geschrieben hätten, da wir mit Liebe und Sehnsucht an Euch dachten. Ich fühle es recht tief, wie Du mir fehlst, fühle es unter den Zerstreuungen, Beschäftigungen, Sorgen und Neuigkeiten immer gleich. Es hat aber mehr die Wirkung daß ich täglich mit dem gleichen Ernste darauf sinne, wie wir eine Lage gewinnen könnten, daß wir uns nachher nie zu trennen brauchten, als daß es mir möglich wäre, Klagen zu führen, die bei einer so bestimmten und deutlichen Sehnsucht keinen Trost gewähren.

Ich werde Dir daher auch heute nur recht trocken Nachricht von mir geben; ich wollte Dir schon vorlängst einen Brief über die Gemählde schreiben. Aber Du findest das alles aufs ausführlichste in derEuropa; Du wirst das erste Stück davon zu Neujahr gewiß in Händen haben; es ist fast ganz an Dich gerichtet wenigstens in Gedanken. Die Kataloge sollst Du mit Gelegenheit haben, und in meinem nächsten Briefe auch Nachricht von den altdeutschen und provenzalischen Manuscripten.

Lieber Freund, es sind ungeheure Quellen und Hülfsmittel hier; ein Reichthum von orientalischen Manuscripten,über den selbst die erstaunen, die von Benares kommen. 1800 Persische Manuscripte und fast eben so viel Sanskrit. Ich habe große Lust beides zu lernen — aber freilich müßte man eigentlich eine Regierung dafür interessiren können. Ich will sehen was ich vermag. Ich fühle mich unglaublich nach dem Orientalischen gezogen. Was machen Deine Nordischen Studien? — Ich überzeuge mich immer mehr, daß derNordenund derOrientin jeder Weise, in moralischer und historischer Rücksicht die guten Elemente der Erde sind — daß einst alles Orient und Norden werden muß; und ich hoffe unsre Bestrebungen sollen sich von diesen beiden Seiten her begegnen und ergänzen; so daß auch in unsrem Thun und Werden dieselbe Einheit und Freundschaft ist wie in unseren Herzen.

An Sorge und Verdruß hat es uns bis jetzt auch hier nicht gefehlt. Den letzten haben uns die Verwandten meiner Frau und besonders Henriette in reichlichem Maaße gewährt, die sich ganz ohne Rückhalt öffentlich als unsre Feindin beträgt.

Meine Aussichten und Absichten sind folgende. Für das nächste macht man mir Hoffnung zu einer Stelle, die mich durchaus nicht hindern würde. Mein hauptsächlicher Wunsch ist, die Regierung zu bewegen, daß Siehiereine Deutsche Akademie, ein Deutsches Nat.-Institut errichte; es wird dazu wohl gut sein, daß ich ein philosophisches Werk französisch schreibe. Ich habe schon einen kleinen Versuch gemacht und führe es vielleicht noch diesen Winter aus. Vielleicht kann mir auch das Persische und Indische ein Mittel an die Hand geben, eine Zeitlang zu subsistiren und die Regierung zu etwas ordentlichem zu bringen. — Es wird schon gehn vor der Hand, wenn gleich nicht ohne Noth; und ich habe doch mehr als eine Hoffnung, daß wir bald werden ungetrennt zusammen leben können. Alles dieß darfniemandvon den deutschen Freunden wissen, außer Charlotte. Grüße Sieherzlich. Theile ihr aus diesem Briefe mit, und frage Sie ob SiezweiBriefe von mir erhalten hat?

Mahlmann hat meine alte Idee, Lessings philosophische Schriften zu ediren, angenommen. Es macht mir eigentlich große Freude, dem Volke diese Possen spielen zu können: Ich bitte Dich aber, es ja nicht weiter auszubreiten, sonst möchte die alte Verlagshandlung versuchen uns zuvorzukommen.

Meine Frau grüßt Dich herzlich. Es ist ein Brief von ihr an Malchen unterwegs, der aber wohl später ankommen wird als dieser. Wir grüßen Marien herzlich. Was macht Dorothea?

Friedr. Schl.

Friedr. Schl.

Wärest Du hier, wir hätten uns schon todt gelacht über die Franzosen. An sich ist aber der Unterschied wahrlich gar nicht so groß, als man ihn denkt. David ist der greulichste Schmierer, den man denken kann. —

Freund ich mahne nicht wegen des Novalis. Aber Du weißt mit welcher Sehnsucht ich ihm entgegen sehen muß. Ist der Oktavian fertig? Bücher schickst Du an Wilmans in Frankfurt am Mayn.

Noch eins— woran mirsehrliegt. Gieb mir etwas zur Europa; etwas in Prosaüber den Nordenund dasAltdeutsche, oder dieRomanzen, wenn Du sie gemacht hast oder was Du willst.

(Verkehrt unter dem Datum): Daß Du mir etwas zur Europa gebest, daran liegt mir sehr viel. Du schickst es dann bloß an Wilmans.

Paris, den 10ten Novemb. 1802.

Vortrefflicher Freund!

Hier schickt Dir meine Frau die Kataloge der Gemälde, die Du gewünscht hast. Das was Du nun hier liesest, war im ganzen Sommer 1802 zu sehen, unddieseKataloge findest Du bei der ausführlichen Beschreibung im 1sten Stück der Europa zum Grunde gelegt. Von dem, was wir nun in der Folge noch Neues sehen, sollst Du stets ausführliche Nachricht haben. Gestern habe ich die Nachricht erhalten, daß der 2te Theil des Novalis wirklich da ist und habe eine unbeschreibliche Freude darüber. Ich rechne es Dir als ein großes Verdienst an, daß Du Dich die übrigen vielen Geschäfte nicht hast von der Erfüllung dieser Pflicht abhalten lassen. Sehr begierig bin ich nun zu sehen, wie Du die Fragmente wirst gewählt und geordnet haben.

Könntest Du mir nicht einmal ohne zu großen Zeitverlust etwas für die Europa geben? Etwas über die Dresdner Gallerie, oder wenn Du die Nordischen Romanzen gedichtet hättest, und Ihr nicht etwa wieder einen Almanach gebt; vielleicht auch etwas über die Nordische Mythologie.

Lieber Freund, ich glaube, Du solltest auf gelinde Nebenarbeiten denken, da Dir Deine großen jetzt so viel schwieriger werden; das möchte Dich im Fluß erhalten, wenn Du z. B. ein oder ein paar von Shakspeares Stücken der ersten Epoche übersetztest — besonders denPeriklesund etwa den Vicar von Wakefield. Ja ich glaube, es könnte Dir selbst auch in sofern vortheilhaft sein, daß Du auch in Deinem dramatischen Styl noch etwas altdeutscher würdest.

Wir denken und dichten immer an und mit Dir. Herzliche Grüße an die Deinigen. Uns geht es leidlich. Im Persischen bin ich schon ziemlich weit, und ganz erstaunt, daßes in dem Grade nicht dem Deutschen ähnlich, sondern wirklich durchaus das Deutsche selbst ist, beides wirklich nur eine Sprache, aber jene eben so arabisirt, als unserelatinisirtund dadurch von einander getrennt. Die großen mythischen Dichter fange ich nun bald an, vielleicht finde ich’s da eben so, als in der Sprache. Deutsche Manuscripte sind auf der National-Bibliothek nicht, außer der Manessischen Sammlung; vom Vatikan haben sie keine dergleichen mitgenommen. — Auf den andern Bibliotheken konnte ich noch nicht nachsehen. Bist Du bei Burgsdorf, so grüße ihn von mir. Daß Du mir gar nicht schreibst, ist sehr traurig. Ich denke immer noch, es soll mir hier oder wenigstens durch hier gelingen und gut gehen; jetzt ist das nicht der Fall, weil ich von Dir getrennt bin. Ich fühle es immer einsamer.

Die besten Grüße an Marien. Wäre sie doch hier.

Friedrich.

Friedrich.

So eben hör’ ich, daß Reichardt hier ist, wir haben ihn aber nicht gesehn.

Diesen Brief erhältst Du durchWerner, das ist einer der trefflichsten Männer, die es giebt.

Paris, den 15ten Sept. 1803.

Den Wunsch, einen Brief von Dir zu lesen, geliebter Freund, muß ich, wie es scheint, wohl aufgeben, indessen kann ich doch der Gewohnheit nicht widerstehen, wieder einmal an Dich zu schreiben, und Dir Nachricht von mir zu geben. Mir geht es gut; doch ist damit mehr das Nützliche als das Angenehme gemeint. So frohe Tage leben wir hier nicht, wie in Dresden; aber gelernt habe ich in dem Jahre so viel, daß ich’s zeitlebens nicht bereuen könnte, hier gewesenzu sein. Anfangs hat mich die Kunst und die Persische Sprache am meisten beschäftigt. Allein jetzt ist alles dies vom Sanskrit verdrängt. Hier ist eigentlich die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen Geistes;alles, alles stammt aus Indien ohne Ausnahme. Ich habe über vieles eine ganz andre Ansicht und Einsicht bekommen, seit ich aus dieser Quelle schöpfen kann. Was wir Poesie nennen ist verhältnißmäßig späteren Ursprungs, und ganz bestimmt die Poesie der Helden und Fürsten, der zweiten Indischen Kaste; die einfachere und tiefere Poesie der Braminen ist nie nach Europa gekommen. Aelter aber als die Poesie ist die Religion und die Oekonomie, wenn man es so nennen darf; Ackerbau und Ehe, beide aber ganz als gottesdienstliche, durchaus unnütze und bloß symbolische Handlungen, die früheste Art der noch körperlichen Gebete.

Das Persische ist dem Deutschen so verwandt, daß man beides fast für eine Sprache ansehn kann; nur ist die eine so arabisirt, als die andre latinisirt. Sogar der Gang der Poesie und Litteratur bei beiden Nationen ist zum Erstaunen ähnlich; in der ältesten Epoche eine Masse von alten mythischen Nationalgedichten; auch in der Sprache ganz einheimisch; und dann eine romantische Zeit, wo das Arabische so durchaus angenommen aber auch mehr geformt wird, wie in unsrer Schwäbisch oder Französisch. Ich denke, Du wirst von beiden bald viel von mir zu lesen bekommen; zum Theil auch in der Europa. Um so mehr möchte ich Dich von neuem auffordern, an derselben Antheil zu nehmen. Am liebsten hätte ich die Fortsetzung Deiner Briefe über Shakespear. Oder, wenn Du daraus durchaus ein besonderes Werk machen willst, so wär’ es wohl gut, wenn Du einmal etwas über Deine Nordischen und altdeutschen Studien gäbest, zur Vorbereitung des Heldenbuchs Percival, Titurel und was Du sonst vorhast. Wie steht es mit Deinem Plan hierüber,auch mit dem über das Nibelungenlied? Ich habe mich mit dem letzten hier von neuem sehr beschäftigt (wie denn für das Altdeutsche und Isländische hier weit mehr Hülfsmittel sind, als ich irgendwo in Deutschland beisammen gefunden), und möchte ich Dich fragen, ob ein von mir besorgter Abdruck desselben Deine Bearbeitung, die Du vor hast, stören könnte? Meine Absicht ist, es gar nicht zu verändern, gar nicht umzubilden; sondern nur grade so viel zu retouchiren, daß es verständlich ist. — Wenn Du esergänzenwillst, wie Deine Absicht war, so dürfte das dahin führen, alle die zerstreuten Glieder der Nordischen Dichtung wieder zu verbinden, was Du so bald nicht vollenden wirst, und dann wirst Du sehr abweichen müssen von dem Nibelungenliede, so wie es jetzt ist. Mir däucht aber, dieses Gedicht muß so ganz Grundlage und Eckstein unsrer Poesie werden, daß außer Deiner Bearbeitung und meinem bloß retouchirten Abdruck auch wohl noch eine ganz kritische Edition existiren sollte in der ältern Orthographie, mit Berichtigung der Lesart und Erklärung der unveränderten alten Sprache allein bestätigt (?).

Laß mich über diesen Punkt bald Antwort wissen, und wenn es möglich, erfülle meinen Wunsch in Rücksicht der Europa. Daß Du Deine Gedichte in derselben nicht abdrucken lassen wollen, begreife ich nicht recht, besonders unlieb war mir’s auch deswegen, weil ich keine Abschrift derselben genommen. Was hast Du sonst gemacht? Ich weiß nichts mehr von Dir. Meine Frau ist beschäftigt mit einem Auszug oder vielmehr Uebersetzung des alten Romans vom Zauberer Merlin. Dieser ist eine wahre Fundgrube von Erfindung und Witz. Ueberhaupt leben wir gut, was an uns liegt, die Sorge und den Verdruß abgerechnet; worunter die größte Bekümmerniß die ist, daß meine Freunde mich so bald vergessen und verlassen haben.

Lebe wohl und grüße die Deinigen.

DeinFr. Schlegel.

Dein

Fr. Schlegel.

Ich habe seit langer Zeit die Geschichte desJosaphatspanisch für Dich, auch den Fortunatus französisch. Ist Dir damit gedient?

Paris, den 25ten Sept.

Ich nutze die Gelegenheit, daßWerneraus Freiberg nun ein Packet für uns mitnehmen wird, um Dir noch einmal zu schreiben, oder vielmehr nur einige Worte zu meinem vorigen Briefe vom 15ten Sept. hinzuzufügen.

Ich möchte Dich recht bestimmt bitten um einen Beitrag zu meinem Journal, der gewissermaßen meine Nachricht von den hiesigen Gemälden ergänzen würde und das wäre ein Aufsatz über die Dresdner Gallerie. Könntest Du Dich dazu wohl entschließen? — Ich würde ihn dann zum 2ten Stück wünschen d. h. das Manuscript im Januar zu liefern. Hast Du nordische Romanzen gemacht, und gebet Ihr keinen Almanach, so erbitte ich mir diese gleichfalls. Ich sehe dem Octavianus, dem 2ten Theil des Novalis, vor allem aber einem Briefe von Dir mit herzlichster Sehnsucht entgegen. Was macht Ihr und wie geht es Euch Allen? Ist Schütz wieder in Dresden gewesen?

Daß Du mit Mahlmann eins geworden, ist mir sehr lieb. Nimm Dich nur in Acht, Deine Poesie nicht zu sehr zu zersplittern durch solche Unternehmung wie das Marionettentheater.

Wir lesen hier Deine Gedichte recht andächtig. Ich bin immer noch der Meinung, daß der Zerbino mit einigen andern Deiner witzigen Dramen verbunden werde, die sich viel mehr verschlingen sollten.

Einige von Deinen frühern oder weniger ausgeführten Gedichten müßtest Du vielleicht nun noch einmal neu machen,so daß sich das neue zu dem alten verhielt, wie Dein Octavian zu den alten Legenden, versteht sich soungefähr. Ich rechne dahin besonders das (unleserlich) Mährchen und Karl von Berneck, in dem gewiß ein sehr guter Fond ist. Die alten Geschichten und romantischen Dichtungen, welche Du nicht so entfalten kannst oder willst, wie Genoveva und Octavian, würden sich gegenseitig heben, wenn sie in einem Dekameron, Gartenwochen oder dergleichen zu einem Kranz geordnet wären. Darüber wollen wir das nächstemal recht viel mit einander reden. Ich umarme Dich von Herzensgrund.

Friedrich.

Friedrich.

Köln, den 26ten August 1807.

Herzlich geliebter Freund, schon lange sehne ich mich danach, einmal Nachrichten von Dir zu hören. Du schriebst mir zwar vor einem Jahre, da Du an uns vorbei reistest, einige Zeilen; aber es war gar zu wenig. Dir zu antworten, hinderte mich die weite Entfernung, da ich bald darauf wieder in Frankreich war. Auch würde ich nichts andres haben schreiben können, als Klagen darüber, daß Du so nah an mir vorbei reisen konntest, ohne mich zu sehen.

Was treibst Du,und was hast Du fertig gearbeitet von Deinen ehemaligen Arbeiten? Es hat sich nun ein Andrer über dasNibelungen-Liedgemacht; wie ist seine Arbeit beschaffen? Man darf sich wohl nicht viel Gutes davon versprechen. — Hat Italien denn gar keine Frucht in Deinem Geiste zur Reife gebracht, Dich gar nicht angeregt, und wirst Du nicht auf irgend eine Weise uns etwas davon mittheilen? Dieses möchte ich vor allen wissen, sodann aber auch wie RomDir selbst gefallen, wie es auf Deine Denkart gewirkt, endlich ob der katholische Gottesdienst dort Dich befriedigt, und wie das Künstler- und gesellige Leben in Rom beschaffen ist. — Später oder früher werde ich doch auch einmal hin wandern müssen, und so wäre es mir nützlich, davon zu hören. —

Von mir wirst Du bald wenigstens ein kleines Werk über Indien lesen. Manches andre ist theils ganz theils halb fertig; denn ich war im Grunde immer fleißig. Aber wann es erscheinen wird, weiß ich nicht, da die Zeiten so ungünstig sind. — Die Niobe von Schütz habe ich gelesen; wie ist es aber möglich, daß dieser sonst so lebensvolle und jugendliche Geist sich auch in diese zwerghafte Frostsprache hat einklemmen lassen, die ich dem Hrn. Heinrich Voß allein vom Himmel bescheert glaubte! Es ist recht traurig, daß so einer nach dem andern zu Grabe geht. Man hört fast keinen männlich-fröhlichen deutschen Ton mehr.

Einige Lieder von mir im Dichter-Garten wirst Du gelesen haben; ich empfehle Dir besondersGebetundFriede. Nöthiger wäre es aber, daß wir uns wieder sähen. Wir gedenken Deiner sehr oft, öfters wohl als Du an uns. —

Meine Frau ist so, wie ich ziemlich wohl; nur leid ist es uns oft, wie es die Umstände so mit sich gebracht haben, daß der Philipp nicht mehr bei uns ist. Siehst Du ihn zufälligerweise in Berlin, so erinnere Dich unser. Er kann Dir mehr von uns erzählen, als ich Dir zu schreiben vermöchte. — Ist DirLotharu.? zu Gesichte gekommen? Es hat viel Freunde gefunden, es ist so lieblich und kindlich, daß es wohl nicht anders konnte; aber doch ist man auch dagegen, so wie gegen alles, was ich je gethan und gemacht, sehr undankbar. Es ist freilich nicht unser Werk, sondern ganz nur das alte; desto freier kann ichs rühmen, und ich lese es in der That mit mehr Vergnügen als 10 oder 12 der neuesten Spanischen oder Griechischen Drämchen. Der frische jugendliche Geist derPoesie, der Dich zuerst einst so schön berührte, hat uns zu schnell wieder verlassen. Doch ich hoffe, er soll wiederkehren!

Hieher kannst Du mir immer schreiben, ohne weitere Addresse als meinen Nahmen; auch wenn ich nicht hier bin, ist doch immer jemand hier, der sich der Briefe annimmt. Bist Du bei Burgsdorf oder siehst Du ihn, so empfiehl mich ihm. Ich habe immer eine sehr gute Meinung von ihm gehabt. —

Was macht Dorotheechen? Ist sie sehr groß geworden? —

Dein FreundFriedrich Schlegel.

Dein Freund

Friedrich Schlegel.

Viele Grüße von uns an Deine liebe Frau hätte ich bald vergessen, so wie an alle, die sich meiner noch im Guten erinnern.

Der Herr Schleiermacher giebt in allerlei Darstellungen einen kleinen Messias nach dem andern von sich. Aber man sieht dem vernünftigen Püppchen das Professorkind gar zu sehr an der Nase an. Es herrscht in seinen Schriften was man hier zu Lande ein calvinisches Feuer nennt, nehmlich ein solches, das nicht recht brennen will.

Dresden, den 30ten Mai 1808.

Geliebter Freund!

Seit einiger Zeit schon bin ich hier, wo wir uns vor sechs Jahren so oft sahen und uns wohl nicht auf so lange zu trennen glaubten! Ich erwarte jeden Tag Wilhelmen, der mit der Staël von Wien hier durch kommt. Die Freude des Wiedersehens würde für mich vollkommen sein, wenn ich auch Dich hier gefunden hätte, oder noch fände. Ist es Dir möglich, sokomme noch hieher. Ich bleibe noch einige Wochen gewiß hier, und wenn Du es mir gleich meldest, so würde ich auch die Abreise gern noch so weit es möglich wäre auf die Hoffnung Deiner Ankunft verschieben. Ich bitte Dich also darum, als den erwünschtesten Beweiß der Freundschaft, den Du mir jetzt geben kannst. Denn ich kann für dießmal wenigstens nach Berlin und Deiner Gegend hin meinen Weg nicht nehmen.

Vieles hat sich seit diesen sechs Jahren um uns und in uns verändert. Nur meine Liebe zu Dir ist dieselbe geblieben. So wirst Du es wenigstens finden, wenn Du selbst kommen willst, wovon Du Dich durch nichts solltest abhalten oder stören lassen. Meine Frau hegt die gleiche Gesinnung für Dich und unsre treuen Wünsche haben Dich stets begleitet. Laß mich bald von Dir hören, oder besser noch Dich selbst sehen.


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