XII.

Deintreuer FreundFriedrich Schlegel.

Dein

treuer Freund

Friedrich Schlegel.

Du wirst in den Zeitungen von mir gelesen haben, was eben so gut oder vielmehr weit besser vor einigen Jahren darin hätte stehen können. Die angegebene Zeit ist ganz falsch; meine Gesinnung kennst Du ja von lange.

Wien, den 12ten May 1813.

Geliebter Freund.

Ich benutze die Abreise des Grafen Finkenstein, um Dir wenigstens mit einigen Worten für Deinen Brief und alles Uebersandte zu danken. Es sind jetzt eben die Tage der bangen Erwartung, zum Theil auch schon der ängstlichen Sorge; man wird so hin und hergerissen von Furcht und Hoffnung,von widerstreitenden Nachrichten, daß man kaum zu sich selber kommt. Recht sammeln kann ich mich nicht; erwarte daher nicht mehr als meinen herzlichen Gruß und Dank. Diesen statte ich Dir ab für alles Eigne und auch für Deine gütige Bemühung und Fürsprache wegen des Heldenbuchs, wofür ich auch der Familie sehr verbunden bin. — Das Minnebuch habe ich mir noch zurückgelegt, für ruhigere und frohere Zeiten. An dem Phantasus aber hatte ich mich schon vielfältig erfreut, sowohl an dem alten als an dem neuen, schon ehe ich das von Dir gesandte Exemplar erhielt, welches erst vor Kurzem in meine Hände gelangte. Ueber Deine neu belebte Thätigkeit habe ich eine große Freude gehabt, und für Deine freundschaftliche Erwähnung Unsrer sage ich Dir herzlichen Dank. Gewiß wird sich auch Wilhelm sehr darüber freuen, sobald er es erfährt. Ich hatte es ihm zwar geschrieben, ob er aber meine Briefe erhalten hat, weiß ich immer noch nicht. Höchst wahrscheinlich kommt er mit den Schweden nach Deutschland; das wirst Du vielleicht früher erfahren als ich.

Mein nächster Wunsch geht nun darauf, daß ich Beyträge von Dir zum Museum erhalten möchte, und zwar je eher je lieber. Nimm nicht übel, daß Du dieß Jahr kein Exemplar erhalten hast. Der Buchhändler hat mich sehr darin beschränkt, ist überhaupt filzig, freilich ist auch die Zeit sehr ungünstig für den Absatz in Deutschland, und auf das hiesige Publikum allein war das Ganze nun einmal nicht berechnet. — Ich hoffe, Du wirst die Hefte von diesem Jahrgange doch gesehn haben, und lege indessen eine Ankündigung bey. — Im Ganzen ist diese Zeitschrift mehr für Prosa als für Poesie bestimmt. Indessen darf ich Dir nicht erst sagen, daß mir von Dir alles willkommen ist. Am liebsten wäre mir der Aufsatz über das Mittelalter. Da Du diesen aber nicht sogleich senden kannst, so gieb indessen eins oder das andre von dem was Du über Shakespeare fertig hast. Dieß hindert ja den Abdruck des ganzenWerkes über Shakespeare nicht, falls dieses für das Museum zu lang ist; es kann dann als Probe und Ankündigung des ganzen Werks dienen. Ich sehe es besonders bey dem hiesigen Publikum deutlich, daß der eigentl. gründliche Unterricht in der Poesie, die erste Erweckung des Sinns dafür durchaus mit dem Shakespeare anfangen muß. Ich erwarte mir daher auch sehr viele gute Wirkung von Deinem Werke.

Warum hast Du denn die Melusine nicht in den Phantasus aufgenommen, oder soll dieß noch in der Folge geschehen? — Daß Fouqué zu viel dichtet, eben darum einiges auch sehr flüchtig, daß er sich wiederhohlt, will ich Dir gerne zugeben, wenn Du das manierirt nennst; aber wenn dieß mitsolcherPoesie verbunden seyn kann, wer ist denn wohl ganz frey von Manier? Ich liebe F. sehr und meine Freude an ihm mag freylich auch durch den vorhergehenden Abscheu an Arnim und all den andern Fratzen noch sehr erhöht worden seyn.

Von Deinem Bruder hab’ ich noch diesen Winter einmal einen recht freundlichen Brief erhalten, nebst ein paar antiquarischen Blättern, die Du im 3ten Heft des Museums wirst gefunden haben.

Daß Du ohne Nachricht von Deiner Schwester bist und außer Verbindung mit ihr, hat mich sehr befremdet. Ich habe seit undenklicher Zeit nichts von ihr gehört. Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.

Czerni hat sich sehr darüber gefreut, daß Du Dich seiner erinnert hast. Seinen Brief wirst Du erhalten haben.

Daß Philipp auch zur Armee gegangen ist und beym Lützowschen Corps steht, ist Dir wohl schon gemeldet worden. Er liebt Dich, wie von seiner Kindheit an, so auch noch jetzt ganz besonders. Meine Frau nimmt den herzlichsten Antheil an Dir. Empfiehl uns den Deinigen; wie würde ichmich freuen, die erwachsene Dorothee wieder zu sehn und die schönen Erinnerungen unsrer Jugend zu erneuen!

Ich habe noch nie eine so lebhafte Sehnsucht empfunden, meine Freunde im nördlichen Deutschland und vor allen Dich wieder zu sehen, als eben jetzt. Freylich sieht es noch trübe aus, auch ist meine eigne Bestimmung noch ganz unentschieden, ob ich wieder für die allgemeine Sache werde thätig sein können, oder was mir sonst vorbehalten ist. Indessen wer weiß was noch geschieht; eine Reise zu Euch ist wenigstens jetzt möglicher und wahrscheinlicher, als sie es in den vorigen Jahren war. Auf den Fall, daß dieser Wunsch sollte erfüllt werden können, melde mich nur bey Burgsdorf an und frage ihn, ob er in diesem Falle mich auf ein acht Tage aufnehmen kann, die ich denn bei Euch zubringen und genießen möchte.

Dein FreundFriedrich Schlegel.

Dein Freund

Friedrich Schlegel.

Wien, den 19ten Juni 1821.

Geliebter Freund!

Eine gute Bekannte und Freundin von meiner Frau, Franzisca Caspers, die sehr lebhaft Deine Bekanntschaft wünscht, giebt mir die erwünschte Veranlassung, Dir mein Andenken freundschaftlich in Erinnerung zu bringen. Wohl habe ich mich gefreut, von manchen Seiten von Dir zu hören, daß Du angenehm und heiter in Dresden lebst. Ich wünsche Dir Glück dazu; mir selbst ist der Muth zu etwas entfernteren Reisen noch nicht wieder gewachsen. So wie ich höre, bist Du auch thätig und im Geiste immerfort mit den alten Kunst-Ideen und Gegenständen Deiner ersten Liebe beschäftigt. Dies hat mich sehr gefreut; fahre nur so fort damit, was Du auchimmer davon zu Tage förderst, es ist immer ein reicher Gewinn für die Welt und eine besondre Erquickung für uns, in glücklicher Erinnerung fröhlicher alter Zeiten. Laß mich ja immer recht bald und wo möglich zuerst wissen, was Dir die guten Tage neues bringen. Ich bin jetzt fast ausschließend und sehr ernstlich mit der Herausgabe meiner sämmtlichen Werke beschäftigt, und habe schon viel dazu gearbeitet, besonders zuerst bedeutende Zusätze zu der Geschichte der Litteratur. Ich denke mich in 1 bis 1½ Jahren durch das Ganze durchzuarbeiten, und dann werde ich den Rest des Lebens ganz der Philosophie widmen, und einigen Gedichten, die ich noch im Sinne habe. — Da ich weiß, daß Du immer freundlichen Antheil an uns zu nehmen gewohnt bist, so füge ich nun noch einige Nachrichten von uns selbst hinzu. Meine Frau ist nun bald seit einem Jahre aus Rom hier zurück gekommen; sie war, da sie kam, sehr übel und krank. Im Wesentlichen wurde sie bald hergestellt, doch hat sie den Winter einige Monate das Zimmer nicht verlassen dürfen, was freilich eben nicht zu wundern ist bei dem Abstande eines Römischen Winters von dem hiesigen.

So habe ich den Winter ziemlich melancholisch verlebt, und bin darüber auch außer Correspondenz mit Aug. W. gerathen, von dem ich daher keine Nachricht habe. Unser Philipp hat eine Judith in Oel gemalt, die sehr gerühmt wird, wie auch einige gute Porträte. Seine große Frescoarbeit aus Dantes Paradiese ist angefangen, aber noch nicht vollendet. — Den ältesten Johannes freuen wir uns sehr gegen den Winter hier zu sehen; denn meine Hoffnung, vielleicht selbst im Herbst einen Besuch in Dresden machen zu können, ist nur sehr schwach.

Grüße meine Schwester, Nichte und das ganze Haus, wenn Du sie siehst; desgl. auch den Freund Schütz. Dieser hat unsre Hoffnung, ihn hier zu sehen, leider bis jetzt nicht erfüllt. Ich interessire mich immer sehr für alle seine Arbeiten,doch bei weitem noch mehr für ihn selbst; in der Philosophie sind wir noch sehr weit aus einander; er lebt so ganz in dem Gewebe von Abstractionen, die mir nichtig scheinen, und in die ich mich nur noch mit Mühe finden kann, da ich sie schon so lange verlassen habe. Dieses war auch der Eindruck, den mir ein großer philosophischer Aufsatz von ihm machte, den mir Collin mitgetheilt hat. Sage ihm das gelegentlich, da mir bis jetzt noch unmöglich war, ihm selbst zu schreiben. Grüße die Deinigen, und behalte mich und meine Frau in freundschaftlichem Andenken.

Dein FreundFried. v. Schlegel.

Dein Freund

Fried. v. Schlegel.

Wien, den 17ten Juni 1823.

Theuerster Freund!

Ich habe Dir den I.-III. Theil der neuen Ausgabe meiner Werke durchMaria Webergeschickt; die Theile IV., V., VI. wirst Du durch dieFamilie Krausehoffentlich richtig erhalten. Die Bände VII. und VIII. ist jetzt die Gräfin L., Schwester des Oesterreichischen Gesandten in Berlin so gütig, für Dich mitzunehmen. Wenn Dich diese Zeilen, wie ich hoffe, in Dresden treffen, so wird sich diese geistreiche Dame sehr freuen, Deine ihr lange erwünschte persönliche Bekanntschaft zu machen. Da sie unsre genaue Freundin und eigentlich unser bester Umgang hier ist, so kann sie Dir, wenn sie Gelegenheit findet, Dich zu sprechen, mehr von mir und von uns und unserm hiesigen Leben erzählen, als ich irgend in einem Briefe im Stande wäre, Dir mitzutheilen.

Du hast mich, geliebter Freund! auf die poetischen Arbeiten von Schütz und einiges andere in Deiner letzten Erinnerungan mich aufmerksam gemacht. Ich muß Dir aber wohl gestehen, daß mir eigentlich das Einzelne solcher Kunstversuche, jetzt etwas fern liegt und mich so sehr noch nicht berührt, bis ich nicht etwas Bedeutendes daraus erfolgen sehe. Sollte aber unsre deutsche tragische Kunst noch zu einer festen Form gelangen und eine wirkliche Kraft werden, so vermuthe ich, daß dieses eher auf dem lyrischen Wege geschehen wird, als auf dem von Euch empfohlenen Shakspearschen historischen, der mir doch nur ein Surrogat des Epischen zu sein scheint, in verunglückter Form. (!) Doch davon ein andermal mehr, wenn ich vielleicht auch noch einmal einen Versuch in einer oder der andern Art mache.

Ich empfehle das wichtige und mühevolle Unternehmen meiner Werke Deiner freundschaftlichen Theilnahme und Mitwirkung. Wie ich meine frühern Schnitzer umgearbeitet habe, das wird wohl nur von wenigen nach seinem ganzen Umfange und vielleicht erst später anerkannt werden.

Sehr freuen aber würde es mich, wenn dazu von Dir einstweilen eine Stimme vernommen und der Ton angegeben würde; in einer Form, wie sie grade Dir angemessen ist, alsleichter, freundschaftlicherBrief, der etwa imMorgenblattoder in einer andern solchen Zeitschrift stehen könnte. Die Theile III.-VI. werden vor der Hand vielleicht am meisten Interesse für Dich haben. Mich würde es doppelt erfreuen, wie mich alles erfreut, was ich irgend von Dir lese; und auch als Zeichen der Erinnerung und Denkmal Deiner unveränderten Freundschaft.

Was Schütz betrifft, so liebe ich ihn persönlich sehr, und ich glaube, es liegt eben auch nur in dem Mangel oderNicht-Ergreifendes entscheidenden Mittelpunkts, daß er bei solcher Erkenntniß aller Ideen nicht zur lichten Klarheit weder im Wissen noch in der Kunst gelangen kann.

Das ist nun eben der Punkt, wo es so vielen fehlt, undüber welchen hinüber zu kommen, nur ein Gott den rechten Muth geben kann.

Laß mich bald einmal wieder etwas von Dir hören, und laß Dir die Erfüllung meines geäußerten Wunsches nochmals empfohlen sein. Von ganzem Herzen

Dein FreundFriedrich Schlegel.

Dein Freund

Friedrich Schlegel.

Wien, den 30ten April 1824.

Ich sende Dir hier, theuerster Freund! durch die Güte des Hrn. v.Krause, den 9ten Band meiner Werke; am 10ten fehlen noch einige Bogen zum Schluß, und somit muß ich dafür noch eine andre Gelegenheit erwarten.

Das Neue in diesem Bande von Gedichten, so wie das Beste unter dem Neuen und Alten wirst Du wohl selbst herausfinden. Und nun wünschte ich wohl endlich auch einmal von Dir ein Lebenszeichen zu erhalten; da ich doch hoffe, daß Dir die früheren acht Bände alle richtig werden zugekommen seyn. Denn daß Du auch in dem gleichen bleyernen Todesschlaf mit befangen wärest, der sich in dem übrigen Deutschland so weit umher erstreckt und alles mehr und mehr mit seinem schweren Flügel deckt; dieß kann ich und will ich nicht glauben, bis Du mir nicht selbst die Nachricht davon mittheilst.

Ich hoffe, daß es Dir und den Deinigen wohl geht. Möllers, die wohl sind, sehen wir zuweilen, so oft es die weite Entfernung der Wohnungen gestattet. Sollte Schütz noch in Dresden seyn, so bitte ich mich ihm bestens zu empfehlen. Ich werde ihm nächstens selbst schreiben, so wie auch meiner Schwester, wenn Du diese etwa sehen solltest.

Philipp denkt uns diesen Sommer mit den Seinigen aus Rom zu besuchen; ich wünschte wohl im Herbst einen kleinen Abstecher mit ihm nach Dresden machen zu können, und werde es gern thun, wenn es irgend ausführbar ist, da ich schon lange sehnlich gewünscht habe, meine Schwester zu besuchen und das geliebte Dresden einmal wieder zu sehen.

Behalte mich indessen in gutem Andenken und laß einmal wieder etwas von Dir hören. Meine Frau empfiehlt sich Dir und den Deinigen mit mir zum freundschaftlichen Andenken. Von ganzem Herzen

Dein FreundFriedr. Schlegel.

Dein Freund

Friedr. Schlegel.

Du hast vielleicht mehrere Bände jetzt erwartet, als Du erhältst. Allein so ganz schnell und leicht als bloße Buchhändler-Spekulation kann ich diese große Arbeit nicht von der Hand schlagen;zehn Bändesind doch übrigens schon eine ganz hübsche Anzahl, um auch für die Nachfolge der andern hinreichend Gewähr zu leisten. Nach dieser kurzen Pause, welche mir jetzt ein Bedürfniß war, soll es nachher desto rascher wieder fortgehen. — Ich schreibe Dir dieß übrigens mehr wegenandrer, wo Du vielleicht Gelegenheit findest, in dem rechten Sinne davon zu sprechen, als für Dich selbst; da ich wohl weiß, daß Dein Interesse und Dein Maaßstab für diesesWerkmeiner Werke ohnehin ein andres ist, als die merkantilische Eil der schnell sich folgenden Bände.

Wien, den 29ten Oktober 1828.

Geliebter Freund!

Jedes Wort der freundschaftlichen Erinnerung, wie ich deren von Zeit zu Zeit mehrere erhielt, hat mich jedesmalherzlich erfreut. Mit besonderm Interesse habe ich auch Deine jetzige schöne Reise in diesem Sommer in Gedanken verfolgt und begleitet und mich besonders gefreut, daß Du längere Zeit in Bonn und so freundschaftlich mit dem Bruder A. W. zusammen lebtest. Vielleicht wirst Du mir, nach Deiner freieren Art, die Dinge zu nehmen, am besten erklären können, wie er eigentlich in diesen seltsamen Zustand, in Beziehung auf mich, gerathen ist, und mir darin als alter Freund Aufschluß geben können. — Ich freue mich außerordentlich darauf, Dich bald wieder zu sehen und mich in Deinem Umgang und Gespräch mannichfach erfrischen und beleben zu können.

Ich stehe im Begriff, mit meiner Nichte Buttlar — aber nur mit ihr ganz allein, da wir uns so eng als möglich einrichten wollen — morgen nach Dresden abzugehen, wie es ihre Angelegenheiten immer wünschenswerth machten, und jetzt fast unumgänglich nothwendig gemacht haben, da so manches durch die persönliche Gegenwart viel besser und leichter abgemacht werden kann.

Für unsre kleine Einrichtung auf einige Wochen oder anderthalb Monathe —en chambre garnieoder wie es sonst am besten seyn wird — zähle ich auf den freundschaftlichen Rath und Beystand Deiner lieben Frau und der trefflichen Dorothea, die ich herzlich zu grüßen, und mich auch der Gräfin F. auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte.

Was Du von meinen neuen Vorlesungen etwa noch nicht kennst oder nicht selbst hast, bringe ich alles für Dich mit.

Bis zum 4ten oder 5ten denke ich wohl gewiß in Dresden zu seyn, da wir uns in Prag nicht aufhalten. Meine Frau, die in so später Jahreszeit freylich nicht mehr so weit reisen kann, empfiehlt sich bestens und erinnert sich oft freundschaftlichst der alten Zeiten und Deiner.

In Hinsicht auf meine Familie ist freylich in Dresdenvieles verändert, und in diesem ersten Aufenthalte meines Jugendlebens Alles ausgestorben[21]und leer. Um so mehr ist es mir werth und köstlich, an Dir und den Deinigen dort alte Freunde zu treffen.

Von ganzem Herzen

Der DeinigeFriedrich v. Schlegel.

Der Deinige

Friedrich v. Schlegel.

Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn.

Jena, den 17ten December 1801.

Werther Freund! ich bin so frey gewesen in dieser Sache etwas eigenmächtig zu handeln, worüber ich Sie zuvörderst um Verzeihung bitten muß. Die Sache erschien mir auf einmal, durch Ihre Zustimmung, als ein wirkliches Geschäft, die ich erst als einen bloßen Einfall behandelte. Da nun ein Geschäft etwas ehrwürdiges ist, so konnte ich es unmöglich in B.’s (Brentano’s?) Hände geben, sondern ich habe Frommann zu Rathe gezogen, der sich auch der Sache ernstlich und treulich angenommen hat. Ihren Brief an die Direktion hat er an einen seiner Correspondenten nach Frankfurt geschickt, der zum Glück ein angesehener Mann, und einer der Theater-Direktoren ist, auch B. kennt ihn als solchen. Dadurch gewinnt es in den Augen der Frankfurter mehr Solidität, als wenn blos B. sich dafür interessirte; B. hat aber zu gleicher Zeit und wie von selber an seine guten Freunde schreiben müssen: „wie er gehört, Herr Tieck wolle das Amt annehmen, und wie er ihnen Glück dazu wünsche und“ —enfinmehr dergleichen, daß es Ihnen vielleicht helfen, aber gewißnicht schaden kann; denn wer weis in welchem Ruf B. in seiner Vaterstadt stehet? Ihren Brief habe ich ihm auch nicht gegeben, sondern schicke ihn Ihnen hiemit zurück, denn erstlich machen Sie ihn darin zum Direktor des Geschäftes, welches er nicht seyn soll, und nicht seyn darf, zweytens hätte er sich durch diesen Brief nach seiner Art berechtiget gefunden, grade zu Goethe zu gehen, um mit diesem sich einairzu geben, das wäre gar nicht zu wünschen gewesen, sondern es hätte Goethe nur aufgebracht, und verdrüßlich gemacht, denn B. ist jetzt fataler als jemals. Frommann war gestern bey Goethe und er hat ihm gesagt (Goethe nemlich zu F.), daß er Ihnen schon alles selbst geschrieben habe. Einen Brief an die Direktion hat er an Frommann nicht gegeben, welches ich eben nicht artig finde. Doch vielleicht erreichen Sie Ihren Zweck auch ohne diesen. Auf Ihren Brief an die Direktion habe ich noch Ihre vollständige Adresse gesetzt; Sie werden nun also von ihr direct Antwort erhalten, oder auch durch Frommann, an B. schreiben Sie nur einen kurzen freundlichen Dankbrief für sein Andenken; ich habe ihn schon von Ihnen gegrüßt, und Sie entschuldigt, daß Sie ihm noch nicht geschrieben; also brauchen Sie ihn in weiter nichts zu meliren. Das ist weit besser.

Von Friedrich habe ich meistens nur verdrüßliche Briefe, nemlich Briefe in denen er verdrüßlich ist; er hat viele häßliche Geschäfte, und was noch schlimmer ist, er konnte sie noch gar nicht besorgen, weil er seinen Koffer nicht hatte, der auf der Post zu Halle stehen geblieben. Nun hat er ihn aber wohl; und nun erwarte ich mit jeden Posttag ängstlich meine Bestimmung von ihm zu erfahren, wenn ich nach Dresden reisen soll? Es kömmt ganz auf Friedrich an, lieber Freund, ich bin ganz reisefertig, und sehne mich sehr von hier fort, wo es mir eben nicht gut geht, besonders seit Friedrich verreist ist; ich wäre so gern bey Ihnen in Dresden! GrüßenSie doch dieErnstrecht sehr von mir und übernehmen Sie meine Entschuldigung wenn sie wegen meiner Zögerung ungeduldig wird. Ich möchte Ihnen gern alles sagen können, welche innige Freude Sie mir mit dem Octavian gemacht, Frommann hat ihn mir vorgelesen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür. Nie habe ich wieder Ihre ganze Liebenswürdigkeit, die Tiefe und die Glorie Ihrer Kunst und Ihrer Liebe so gefühlt! nehmen Sie meine Worte so an, ich möchte wohl, ich könnte es Ihnen besser sagen! Die Lebens-Elemente lese ich auch fleißig und sie öffnen meinen Blick in die Natur, und machen mich für jede Ansicht empfänglich. Ich habe schon so viel Neues daraus gelernt, mehr als ich sagen kann; ich lese sie alle Tage fast, und weiß sie fast auswendig. Das Wasser lese ich immer mit einer recht frohen frommen Empfindung, auch das Licht, es sind rechte Offenbarungen.

Lachen Sie mich nicht damit aus, lieber Tieck, Sie mögen sonst so viel über mich lachen, als Sie wollen.

Was meynen Sie zu den Gedichten, die Friedrich in Vermehrens Almanach hat? ist das nicht entzückend und rührend aus den Minnesängern?

Leben Sie recht wohl, seyn Sie recht glücklich und mögen Ihnen doch Ihre Vorsätze und Wünsche alle erfüllt werden.

Ihre ergebeneD. Veit.

Ihre ergebene

D. Veit.

Viele freundschaftliche Grüße an Ihre liebe Amalia, und die kleine Dorothea küße ich.

Wien, 16ten März 1829.

Ich war einige Zeit unwohl, besonders an den Augen leidend, dies ist die Ursache warum ich Ihr liebes Blatt durchdie Nichte Buttlar noch nicht beantworten konnte. Theurer werther Freund, wie sehr hat Ihr freundliches gefühlvolles Schreiben mich erfreut, mir in der Seele wohlgethan! Ich weiß nicht, wie man sagen kann, daß die theilnehmenden Worte eines Freundes im Schmerze nicht trösten können? ich habe das Gegentheil erfahren, und erst recht gelernt, wie wichtig und heilig das Wort des Menschen ist. — Nehmen Sie meinen innigsten Dank, und auch dafür, daß Sie sich einer schönen frühern Zeit erinnerten, und sie auch mir ins Gedächtniß zurückriefen. Wenn auch ganze Stücke von Zeit, durch das verworrne Leben, uns wie untergehen, so bleiben doch einzelne Punkte lebendig blühend in der Seele schwebend zurück, und überleben alle Zeiten, bleiben in Ewigkeit lebend. — Alles was über die Herausgabe der Schriften des seeligen, und den Druck der Vorlesungen Ihnen mitzutheilen ist, hat unser vortrefflicher Freund Buchholz zu thun übernommen. Ein Wort von Ihnen zur Einleitung derselben, wäre höchst wichtig und tausendmal willkommen! Die einzige Schwierigkeit ist nur wegen des Manuscripts, welches wir wohl gern zuerst hier haben möchten. Verschiedne Verhältnisse machen es wohl wünschenswerth, dieses Manuscript baldmöglichst, auf eine kleine Zeit hier zu haben, und da ohnehin Friedrichs Handschrift, besonders in solchen ersten Entwürfen schwierig zu lesen zu seyn pflegt, und ich schon eine ziemliche Uebung darin habe, weil ich jedesmal seine Arbeiten copirt habe, so will ich mit großem Vergnügen zu Ihrem Gebrauch eine solche Abschrift machen, und sie Ihnen mit der fahrenden Post zurücksenden; auf eben diese Weise würden Sie gütigst das Manuscript unter der Adresse des Herrn von Bucholz herzuschicken die Güte haben. Sollten Sie aber dennoch es vorziehen, das Manuscript sogleich selbst durchzulesen, so würde dies freilich in kurzer Zeit geschehen müssen, und darüber wird Freund Bucholz Ihnen das nähere bestimmen; derselbewird hoffentlich Ihnen auch ein Exemplar seines schönen Aufsatzes aus dem Archiv für Geschichte, Staatenkunde &c. zuschicken, den er zur Erinnerung an unsern theuern Verstorbenen darin hat drucken lassen. — Glauben Sie nicht auch, lieber Tieck, daß eine genaue ausführliche Biographie nicht passen würde für Friedrichs Leben, dessen verschiedene Zeiten und Stufen mehr in einem innern Gang, in einer inneren Entwicklung, als aus äußerlichen Thaten und Schicksalen bestanden? sind alle seine Werke nur Bruchstücke zu nennen, wie vielmehr sein ganzes Leben, in welchem es ihm fast nie vergönnt war, ein vollständiges Gelingen seiner Bestrebungen zu erreichen, und so war auch seine ganze Wirksamkeit immer mehr eine unsichtbare, innerlich fortlebende zu nennen, als daß nach außen hin viel davon gesagt werden könnte, dünkt mich. So wie Sie Novalis Leben in kurzen Umrissen darstellten, das scheint mir das Einzig schickliche; und nur Sie vermögen es mit solcher Zartheit und Leichtigkeit auszuführen; nur besorge ich, daß dies nicht leicht seyn möchte, da noch so gar manche fremde Persönlichkeit dabey verschont bleiben muß; ist es nicht überhaupt jetzt noch zu früh damit? Ihre Ansicht, daß manches in seinen spätesten Meynungen besser gar nicht erörtert werde, theile ich ganz vollkommen, aber nicht so wohl um der Gegner willen — denn diese darf man ja wohl nicht scheuen, wenn von der Wahrheit die Rede ist; — sondern weil eben noch so viel schwankendes, man möchte sagen, unfertiges unklares, in diesen seinen ersten Wahrnehmungen herrscht, so daß man sie in das Reich der Wahrheit noch nicht vollkommen aufgenommen denken muß. Es sind mehr Ahndungen und Träume zu nennen, und diese mögen verschleyert ruhen, da ihm selbst nicht vergönnt ward, und wohl niemand in diesem Erden-Leben, — das Räthsel vollkommen zu lösen. — Was ich von Novalis Schriften gefunden habe, wird Bucholz Ihnen zusenden, eben so einige IhrerBriefe, die sich vorgefunden haben. — Die Nichte Buttlar sagt mir, daß es Ihnen angenehm wäre die Büste von A. W. Schlegel, von Ihrem Bruder verfertigt, zu besitzen; es macht mir ein besonderes Vergnügen Ihnen die Unsrige überlassen zu dürfen, da ich ohnehin wohl Wien in Kurzem verlassen werde. Wenn es Ihnen also recht ist, so will ich diese Büste von einem Sachverständigen einpacken lassen und Ihnen dieselbe durch Fracht-Gelegenheit zusenden. Nun erbitte ich mir aber ein Gegengeschenk von Ihnen, theurer Freund! nämlich ich höre, daß man das Gesicht nach dem Tode abgeformt habe, und die Nichte sagte, es wäre sehr ähnlich ausgefallen. Würden Sie es wohl übernehmen, den Künstler zu bewegen, daß er einen Gyps-Abguß von dieser Form macht, und mir dieselbe dann mit fahrender Post zusenden, oder durch irgend einen gefälligen Reisenden? Wenn etwas dafür zu zahlen wäre, so will ich es sehr gern wieder erstatten. Ich wünsche sein Bildniß vor den Vorlesungen in Kupfer stechen zu lassen, und da könnte dieser Gypsabguß wohl mit dazu benutzt werden.

Sollten Sie mich noch einmal durch einen Brief erfreuen, so schreiben Sie doch auch, welche Plane Sie für den künftigen Sommer haben? ich muß nothwendig recht bald etwas zur Befestigung meiner jetzt sehr wankenden Gesundheit unternehmen, und da wäre es ja vielleicht thunlich, daß ich Ihnen in irgend einem Sommer-Aufenthalt oder Badeort begegnete, was ich sehnlichst wünschen würde; ja, sehr, sehr gern möchte ich Sie noch wiedersehen!

Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.

Die IhrigeDorothea Schlegel.

Die Ihrige

Dorothea Schlegel.

Den Catalog der Büchersammlung werde ich drucken lassen und Ihnen dann gleich einen senden.

Amalien recht herzliche Grüße und meine ganze Theilnahme an dem Verlust ihres Bruders. Welch eine Zeit der zerreißenden Trauer ist uns mit diesem Jahre! Ihren Töchtern alles Liebe.


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