Schmidt, Friedr. Wilh. Valentin.

Geb. zu Berlin am 16. Sept. 1787, gestorb. daselbst am 15. Oktober 1831.Seit 1813 Professor am Cölnischen Gymnasium, 1821 außerordentlicher Professor der Litteratur an der Universität, von 1829 Custos an der königl. Bibliothek, fand er bei letzterer keinen sichern Halt, trotz seiner Verdienste als gelehrter Forscher, die sich vorzüglich in dem Werke: Beiträge zur Geschichte der romantischen Poesie (1818) documentiren. Was er in seinen Schriften über Bojardo,Calderon&c. geleistet, ist bekannt und anerkannt. Das völlige sich Versenken und Aufgehn in des Letzteren ächt-spanischen Katholizismus, hatte auch den unbedingten Verehrer dieses großen Poeten katholisch gemacht. Doch weil in jener Epoche solche Richtung von Oben höchst übel vermerkt wurde, hatte ihm sein Minister kund gethan, daß er als Convertit den Platz an der Bibliothek verscherzen würde. Schmidt war ein sanfter, ängstlicher, bald verzagender Mensch. Energische Opposition lag ihm fern. Er fügte sich schüchtern der Drohung (die doch schwerlich in Erfüllung gegangen wäre), und stellte sich zufrieden mitinneremUebertritt. Der damalige katholische Pfarrer Fischer, ein ehrwürdiger, milder, verständiger Priester (in Frankenstein i. Schles. als Stadtpfarrer gestorben, und heute noch lebend im treuen AndenkenallerKonfessionen) tröstete ihn, und versprach ihm: er solle dennoch in geweiheter Erde ruhen. An dieser Zuversicht labte sich des treuen Valentin’s gläubige Seele. Da brach die Cholera aus; er fiel, eines der ersten, gewaltsamsten Opfer. Und im wilden Drange jener unruhigen Tage konnte das ihm gegebene Versprechen nicht erfüllt werden. Er liegt auf dem allgemeinen Cholera-Friedhofe und ist als Protestant begraben worden.Seine Freunde haben wohl darüber gelächelt, doch mit Thränen im Auge.

Geb. zu Berlin am 16. Sept. 1787, gestorb. daselbst am 15. Oktober 1831.

Seit 1813 Professor am Cölnischen Gymnasium, 1821 außerordentlicher Professor der Litteratur an der Universität, von 1829 Custos an der königl. Bibliothek, fand er bei letzterer keinen sichern Halt, trotz seiner Verdienste als gelehrter Forscher, die sich vorzüglich in dem Werke: Beiträge zur Geschichte der romantischen Poesie (1818) documentiren. Was er in seinen Schriften über Bojardo,Calderon&c. geleistet, ist bekannt und anerkannt. Das völlige sich Versenken und Aufgehn in des Letzteren ächt-spanischen Katholizismus, hatte auch den unbedingten Verehrer dieses großen Poeten katholisch gemacht. Doch weil in jener Epoche solche Richtung von Oben höchst übel vermerkt wurde, hatte ihm sein Minister kund gethan, daß er als Convertit den Platz an der Bibliothek verscherzen würde. Schmidt war ein sanfter, ängstlicher, bald verzagender Mensch. Energische Opposition lag ihm fern. Er fügte sich schüchtern der Drohung (die doch schwerlich in Erfüllung gegangen wäre), und stellte sich zufrieden mitinneremUebertritt. Der damalige katholische Pfarrer Fischer, ein ehrwürdiger, milder, verständiger Priester (in Frankenstein i. Schles. als Stadtpfarrer gestorben, und heute noch lebend im treuen AndenkenallerKonfessionen) tröstete ihn, und versprach ihm: er solle dennoch in geweiheter Erde ruhen. An dieser Zuversicht labte sich des treuen Valentin’s gläubige Seele. Da brach die Cholera aus; er fiel, eines der ersten, gewaltsamsten Opfer. Und im wilden Drange jener unruhigen Tage konnte das ihm gegebene Versprechen nicht erfüllt werden. Er liegt auf dem allgemeinen Cholera-Friedhofe und ist als Protestant begraben worden.

Seine Freunde haben wohl darüber gelächelt, doch mit Thränen im Auge.

Berlin, 20. Julius 18.

Da die Hoffnung Sie, Hochverehrter Gönner und Freund, in Berlin zu sehen bis jetzt leider nicht erfüllt ist, so ergreife ich diese Gelegenheit, Ihnen durch meinen Collegen, den Prof. Giesebrecht, ein Exemplar der Beiträge zu übersenden. Mögen sie Ihrer Beachtung nicht ganz unwürdig erscheinen!

Könnte ich nicht durch Ihre gütige Vermittlung ein Exemplar der Nächte des Stroparola erhalten von einer Ausgabevor1604? Die französische Uebersetzung hat mir Brentano gegeben.

Indem ich mich aufs neue Ihrer Gewogenheit und Ihrem Andenken empfehle, verbleibe ich

Ihr gehorsamsterF. W. V. SchmidtProfessor[24].

Ihr gehorsamster

F. W. V. Schmidt

Professor[24].

Berlin, 19. Nov. 18.

Hiebei erhalten Sie, hochgeehrter Gönner und Freund, ein Exemplar des Fortunatus. Mögen Sie es mit Geneigtheit empfangen, und mit Nachsicht beurtheilen! Wie ganz anders sollte einzelnes ausgefallen sein, wenn ich so glücklich wäre bei schwierigen, mir dunkeln oder verdorbenen Stellen einen Kenner, wie Sie, in der Nähe zu haben, mit dem ich mich hätte besprechen, von dem ich Rath und Hülfe hätte erhalten können. So weit man sein eigenes Werk beurtheilen kann, so glaube ich den Geist, welcher hinter den Zeilen lebt,verstanden und vielleicht wieder gegeben zu haben. Und das scheint mir das erste Erforderniß einer Uebersetzung, welche nicht für die gelehrten Kenner des Originals, sondern für deutsche Leser bestimmt ist. Aber freilich ist es bei weitem nicht das einzige; namentlich sind die kurzen gewichtigen Worte des englischen von Decker so wunderbar zusammen gepreßt, daß gar manches in den ernsthaften Theilen hat ausfallen müssen, weil unsere schleppenden Endungen auf e leider im Verse immer mit zählen. Das ist bei dem überreichen Ausdruck des jungen englischen Dichters vielleicht für uns Deutsche kein Nachtheil, aber freilich giebt die Uebersetzung dann immer kein ganz getreues Abbild des Originals. Bei den Wortspielen muß man sich so helfen, wie man kann, und leichte Ungezwungenheit, welche allein komische Wirkung machen kann, scheint mir hier die Hauptsache. —

Was meine Arbeit über Calderon betrifft, so haben Sie mir davon ein so hohes Ideal in Ihrem Brief aufgestellt, daß ich davor erschrocken bin, indem ich meine Kräfte gegen die Aufgabe maß. Wenn ich Ihnen den Titel des Buches schreibe, glaube ich ungefähr anzugeben, was ich glaube mit Gründlichkeit und Sicherheit leisten zu können. „Geist aus 200 (oder wie viel ich auftreiben kann) Schauspielen des Calderon d. L. B. mit Untersuchungen über Zeitfolge, Quellen, Nachahmungen, das Geschichtliche, Lesearten, Anspielungen u. d.“ In drei bis vier Bändchen möchte ich nun zuerst die Deutschen mit dem ganzen Reichthum des Spaniers, (der durch seine rührende Anhänglichkeit an das Haus Oestreich und die Deutschen sich so gern selbst uns anschließt) bekannt machen. Und dies Werk soll so wenig eine Uebersetzung des ganzen überflüssig machen, daß vielmehr dadurch das Bedürfniß derselben hoffentlich recht fühlbar wird. Denn ich gestehe Ihnen offen, daß mir scheint, wir werden die besten Stücke Calderons, aus seinem Mannesalter, wo Form und Stoffsich innig durchdrungen haben, nimmermehr so vollendet als es möglich in unserer Sprache lesen, wenn wir von den bogenlangen Assonanzen und steilen Reimen bei der Uebersetzung nicht abstehen. Der Deutsche hat nun einmal immer nur Einen Reim, wo der Spanier zehn hat. Das kann kein Gott ändern. Die ewig wieder kehrenden Endungen aufeben,oben, undiebenverglichen mit der Fülle, Glätte und Anspruchslosigkeit des spanischen bilden in der That einen größern Abstand, als wenn jemand diese unnatürliche Fessel abwerfend, nunmehr die Mittel hat sich genau in allen wesentlichen Stücken dem Original anzuschließen, oder lieber dies aus sich heraus zu gebären. Mir scheinen die bewundernswürdigen Stücke von Schlegel und Gries vielmehr Kunststücke als Kunstwerke. Eine Freundin von mir (von welcher Ostern der Bojardo in hundert Bildern bearbeitet erscheint) wird einige der besten Dramen zugleich mit meiner Schrift, so wieder gegeben, drucken lassen, doch dies beiläufig. Mein erster Band soll die eigentlichen Intriguen-Stücke enthalten, der zweite die sogenannten heroischen, worunter die geschichtlichen, der dritte die mythologischen Festspiele, der vierte und stärkste die geistlichen, nebst den wichtigsten Autos. Und das nach der Zeitfolge, so weit ich sie herausbringen kann. Für 36 Stücke hat die Ausgabe des Vera-Tassis (Apontes hat eine wunderliche Verwirrung angerichtet, und sich wahrscheinlich nur nach dem augenblicklichen Bedürfniß des Buchhändlers bestimmt) das Datum der ersten Erscheinung. Für etwa eben so viel der andern sind geschichtliche Andeutungen, oder Anspielungen auf frühere Stücke (was Cald. sehr liebt) vorhanden, welche durch eine gesunde combinatorische Kritik ungezwungen die Folge angeben. Dann tragen die Dramen des späteren Alters unverkennbare Spuren von Mattigkeit, Unlust an dergl. Arbeiten und Manier, wobei als BrennpunktFieras afemina amorangenommen werden muß, in welchemTag und Jahr der Abfassung selbst angegeben ist. — Zuerst wird bei jedem Drama der Inhalt angegeben, oder, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, die Lebenspunkte. Und das in einem Styl, welcher dem jedesmaligen Ton des Drama angemessen ist. Dies ist theils für die nothwendig und erfreulich, welche das so seltene Original nicht haben, theils aber wird es auch für andere nicht unangenehm sein, einen Faden zu haben, sich durch die labyrinthischen Gänge durchzufinden. Außerdem sieht und weist vielleicht auch der, welcher sichex professolange mit dem Dichter beschäftigt hat, auf manches hin, was der gewöhnliche Leser übersieht, oder gering achtet, und sich dadurch Kenntniß und Genuß verkümmert. Ohne das würde auch schwerlich ein Buchhändler in Europa sich zu dem Verlag unter irgend einer Bedingung verstehen, selbst wenn ich auch lateinisch oder französisch es abfassen wollte. Dann folgen hinter jedem Stück die Bemerkungen. In einem Anhang das Leben des Calderon nach Vera Tassis, in einem zweiten die Vergleichung der Ausgaben, in einem dritten Conjecturen und Lesearten, und Druckfehler (die letzteren im Apontes verbessert aus Vera-Tassis) in der einfachen Form wie dieCastigationeszu griechischen und römischen Schriftstellern sonst gemacht und gedruckt wurden (namentlich die von Falkenburg zum Homerus).

Die drei Bände, welche Sie mir übersandt haben, sind mir äußerst willkommen gewesen, und ich kann Ihnen mit keinen Worten ausdrücken, wie verpflichtet ich mich Ihnen hierfür, für das Verzeichniß, und für Ihr gütiges Anerbieten fühle. Den Katalog habe ich sogleich durch den hiesigen Bibliothekar und wunderlichen Spanier Liaño nach Spanien befördert, und gebeten die Stücke welche dort etwa einzeln zum Verkauf zu haben wären mir zu übersenden. Wenn Sie aber nach Wien oder München schreiben, würden Sie die Verpflichtungen, welche ich Ihnen habe, noch vermehren, wennSie wegen dieser Dramen nachfragten. Durch eine der hiesigen Buchhandlungen läßt sich der Transport vielleicht besorgen. Denn ich traue Liaños Commissionarien in Spanien nicht Neigung und Kenntniß genug zu, um sich lebhaft dort für die Sache zu bekümmern. (Wir glauben eine nun folgende, lange Stelle dieses Briefes, die ein Verzeichniß von wichtigen Büchertiteln enthält, und nur dem Gelehrten vom Fache Interesse gewähren könnte, unterdrücken zu sollen.)

Wie lieb wäre es mir, wenn ich öfter Ihrer belehrenden und ermunternden Unterhaltung genießen könnte. Erhalten Sie mir Ihre Gewogenheit und Liebe.

Der IhrigeF. W. V. SchmidtFischerstraße 22.

Der Ihrige

F. W. V. Schmidt

Fischerstraße 22.

Auf die Anzeige in der Literatur-Zeitung habe ich mir sogleich angeschafft:De poeseos dramaticae genere hispanico, praesertim de Petro Calderone de la Barca. Scr. Heiberg. Hafniae 1817.Es hat mir Leid gethan, daß der so viele Liebe für den span. Dichter zeigt, ein ganz unbrauchbares Buch darüber geschrieben hat. Denn für denKennerist esganzüberflüssig, er lernt auch nicht Ein Wort daraus. Für den Nicht-Kenner unverständlich.

Berlin, 22. Febr. 19.

Abermals, mein hochgeehrter Gönner und Freund, muß ich mit Beschämung an Sie schreiben, denn noch immer bleibe ich tief in Ihrer Schuld. Schieben Sie dies aber ja nicht auf die einigen Gelehrten eigene Fahrläßigkeit bei Benutzung von fremden Büchern; ich habe in der That in den letzten zwei Monaten so viel unerwartete Geschäfte bekommen, daß ich kaum weiß, wenn ich darauf zurück sehe, wie ich bei meinen drückenden Amtsgeschäften habe durchkommen können.Ich habe nämlich auf höhere Aufmunterung gestützt mich bei der hiesigen Universität als Docent für die neuere Literatur, Geschichte der Poesie und dergl. gemeldet, und neben unzähligen Gängen und Weitläuftigkeiten (welche mir indeß durch Solgers, Wilkens und Böckhs gütiges Benehmen erleichtert sind) zwei lange Abhandlungen anfertigen, und Reden halten müssen, die Eine lateinischde Petri Alfonsi libro inedito, qui inscriptus est Disciplina Clericalis, die andere deutsch, über Calderon, worin ich mir erlaubt habe Ihrer zu erwähnen. Diese letztere wird jetzt gedruckt, und ich werde sie Ihnen in wenig Wochen zugleich mit Ihren 3 Theilen Calderon übersenden, mit einem längeren Brief. Möge Ihnen dies als Grund der Verzögerung genügen. Es liegt mir doch so am Herzen, die Stücke durchzuarbeiten, und Sie erhalten sie auf jeden Fall vor Ostern wieder.

Hiebei erhalten Sie mit Dank IhrenIndice generalzurück. Ich habe einen Auszug der zweifelhaften Stücke des Calderon gemacht, und lege Ihnen hier eine Abschrift davon bei. Wenn Sie nun sich deshalb nach Wien meinetwegen und des Calderon wegen wenden wollten, so würde vielleicht kein Zeitpunkt günstiger sein, als der jetzige. Denn es wird jetzt in Wien durch die Gnade des Ministers Altenstein eine Abschrift des griechischen Codex der sieben weisen Meister auf der dortigen Bibliothek für mich gemacht (Aus Paris habe ich schon den Anfang der griechischen 7 Meister und derDisciplina clericalisvom Ministerium erhalten); es würden also die dortigen Bibliothekare so weniger Bedenken tragen einem Mann dergleichen anzuvertrauen, der Ihr Vorwort und das Zutrauen des Ministeriums besitzt. Vielleicht ließe sich der Transport dann auch auf gesandtschaftlichem Wege (denn so werden mir die Abschriften übermacht) besorgen.

Aber auch den Dunlop kann ich Ihnen leider in diesem Augenblick nicht schicken. Ich will nämlich (N. B.wenn ich Zuhörer gewinnen kann) Ostern Geschichte der neueren Litteraturauf der Universität lesen, nach eignen Diktaten. Ich muß die Collegia dazu vorher ziemlich ausarbeiten, da ich Anfänger im Collegium-Lesen bin, und da ist der Dunlop ein unentbehrliches Noth- und Hülfsbuch. Indeß hoffe ich doch recht bald Ihnen damit dienen zu können, denn ich habe auf der hiesigen Königl. Bibliothek um dessen Anschaffung dringend gebeten, und hoffe mit Erfolg. Sobald er nun hier angelangt ist, erhalten Sie mein Exemplar zum Gebrauch, denn alsdann bin ich zu dem Exemplar der Bibliothek der nächste.

Vielleicht kennen Sie die neue Uebersetzung der 1001 Nacht von Scott noch nicht, deren 6ter Theil von Galland, Cardonne und dem letzten Franzosen (der Name fällt mir nicht ein) nicht gekannte Stücke enthält. In dieser Voraussetzung übersende ich Ihnen diesen, um doch nicht ganz leer zu erscheinen. Bald meine Vorlesung über Calderon und Ihre 3 Bände zurück. Werden Sie nächstens ganz gesund, und erhalten mir Ihre Zuneigung und Freundschaft, die mir so werth ist.

In großer Eil.

IhrF. W. V. Schmidt,Fischerstraße 22.

Ihr

F. W. V. Schmidt,

Fischerstraße 22.

Viele Empfehlungen an Ihre werthen Angehörigen.


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