W. H. Wackenroder.
W. H. Wackenroder.
Berlin, den 18ten Juni, Montag Abend.
Da ich versprochen habe, Dir wiederzuschreiben, so kann ich unmöglich Deine Erwartung täuschen. Ich halte solch ein Versprechen, dir gethan, für das kräftigste Mittel, mich zu etwas zu zwingen, wenn das Geschäft an Dich zu denken, das mir das süßeste ist, noch eines Zwanges bedürfte. Aber wahrlich, ich fühle es, ich hätte Dir ganz gewiß, wenigstens ein Paar Zeilen geschrieben, wenn ich auch die zeitraubendsten Abhaltungen gehabt hätte, denn ich weiß es selber gar zu gut, was es heißt, vergeblich warten und seine sicheren Hoffnungen vereitelt sehn. Aber Abhaltungen und Zerstreuungen habe ich jetzt doch bis zum abscheulichsten Ueberdruß. Es ist ein großer Trost, den ich Dir geben kann, daß du frey, nach Deiner eigenen Willkühr, in schöner Unabhängigkeit Deiner Zeit genießen kannst; indeß ich durch Geschäftsgänge, und durch überhäufte Vergnügungen, durch meinen trägen Körper, der eines eisernen Schlafes gewohnt ist, und durch dieinkonvenienten Verhältnisse mit manchen meiner Bekannten beständig nicht nur an Beschäftigungen, sondern auch an selbstgewählten Erholungen und an besserem Umgange gestört werde. Rambach und Bernhardi lieb’ ich sehr. Letzteren kenn’ ich bis jetzt noch besser und bin ihm also auch noch mehr zugethan als jenem. Ich habe mich gewundert neulich, als er mir manchen geheimen Winkel in seinem Inneren aufdeckte und mich mit allerhand sehr feinen Bemerkungen unterhielt, in ihm so viel Aehnlichkeit mit Dir zu finden. Wisse, daß Du ein sehr lieber Gegenstand unsers Gesprächs bist; und werde durch mich überzeugt, daß er Dich innig schätzt, und von den Abenden, da Du mit ihm zusammen gewesen bist, mit einer lebhaften und frohen Erinnerung redet. Ich bin mit ihm seit ein Paar Wochen 2 mal im Theater gewesen, und habe beydemal dicht bey ihm vorn in der Mitte gestanden. Wenn ich so einen Menschen zu meiner Seite habe, von dem ich weiß, daß er alles so tief fühlt als ich, — ich weiß nicht, dann ists mir immer so wohl, und ich finde mich in dem Gewühl der Menge Zuschauer so glücklich, als wäre ich allein auf meiner Stube mit einem Freunde. Stehe ich aber so verlohren und einsam in dem lachenden und witzelnden und albernen Parterre, so ist mir alles so öde und wüst. Bey keinem aber, als bey Dir, ist mir jenes Gefühl so laut und deutlich gewesen: faßte ich Dich unterm Arm, so wars mir so wohl, als wenn ich mich nach einer erschlaffenden Ermattung des Abends in mein Bett warf, oder als wenn ich mich vor Wintersturm und Regen in mein sicheres Stübchen rettete. — Die 2 Stücke die ich sah, waren, — höre hoch auf, denn ich spreche große Worte: — Kabale und Liebe, und Ifflands Elise von Valberg, Schauspiel in 5 Aufzügen. Ist das letztere, das von Kennern für das Meisterwerk des Verfassers erklärt wird, gedruckt, so lies es ja. Es macht einen erhabneren, weniger rührenden Eindruck, alsdie Hagestolzen und hat eine weit,weitlebhaftere, raschere Handlung. Nichts übersteigt das Interesse der Situationen, den originalen Stempel einiger großen Scenen, den Effekt, den kleine Züge hervorbringen, — und nichts übertraf, als ich das Stück sah (es ward zum erstenmale gegeben), das Spiel von Fleck, der Unzelmann, Garly (kennst Du diesen talentvollen Anfänger?) u. s. w. Auch Czechtizky, auch die Baranius spielten gewiß sehr schön; auch Mattausch übertrieb seine Gebehrden wenigstens nicht. Als die unschuldige, unbefangene Elise mit der Fürstinn sprach, als das ungezierte, offene Mädchen Muth bekam, ihr Dinge zu sagen, die ein Kenner der Menschen und des Hofs an dieser Stelle kaum zu denken gewagt hätte, als sie die Fürstinn überzeugte, daß sie völlig rein, vom Fürsten noch nicht befleckt sey, und ihr dagegen ihre Pflicht als Gemahlinn ans Herz legte, und ihre Kälte, ihren anscheinenden Stolz gegen ihn ihr vorhielt; da dacht’ ich an die Scene in Maaß für Maaß, wo auch das schüchterne Mädchen in Gegenwart des Herzoges so enthusiasmirt wird. Das Stück ist höchst vollendet und ausgearbeitet; der Gang höchst natürlich. Und noch eines, was ich noch nicht gesagt habe, setze ich hinzu; die Feinheit und Delikatesse in den Aeußerungen der Personen ist unübertrefflich, unnachahmlich. Beyspiele liefern besonders die Abschiedsscene zwischen Elise und Witting, und die Versöhnungsscene zwischen dem Fürsten und der Fürstinn. — Kabale und Liebe hat auf mich gewirkt wie es soll: stark, entsetzlich stark. Ich freute mich, das Ganze besser zu verstehen, als da ich es vor einigen Jahren las. Ich weiß mich der Zeit noch sehr gut zu erinnern, da ich diese Verse von Göthe: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe! Auch dem halbtrocknen Auge schon, wie öde, todt ist die Welt!“ — gar nicht verstand. Aber, als ich das Gefühl der Liebe, in seinem schönsten Aufblühen, in seiner reinsten, sich selbst nicht kennendenUnschuld, in dem Reiz, wie die edelsten und süßesten Minnedichter es schildern, — als ich es empfand, — da empfand ich auch, was jene Verse sagen wollten. So erweitert sich allmählig der Kreis der Empfindungen, und wo vorher das Herz kalt blieb, treibt es das Blut nun rascher und wärmer durch die Adern. So gings mir ohngefähr bey einigen Stellen in Schillers Stück. Ich habe es nun göttlich gefunden: es gehört mit zu den einzigen Triumphen, die den glorreichen Dichter zum höchsten Gipfel des Ruhms erheben. Wer hat die Empfindung stärker gemahlt, als er, in der Scene, da der Vater die Geliebte des Sohnes seinen Händen entreißen läßt? Diese hat mich am schrecklichsten erschüttert. Und das Ende! Es kann keine heftigere Spannung der Leidenschaften geben! Ich fühlte es, wäre ich in Ferdinands Lage, — wahrlich, Tieck, ich hätte kaum anders gehandelt. Was meynst Du? Fleck, die Unzelmann, Herdt und vornehmlich auch Unzelmann als Kammerdiener, spielten herrlich. Kaselitz hat nur wenig edles und ausdrucksvolles; und die Engst schien in den großen originellen, vielumfassenden Charakter der Brittinn nicht ganz zu passen. Ihr Mund will sich immer nur zu einem leichten Lächeln verziehen; ihr Auge immer unter den schwarzen Augenbrauen mit schalkhaftem Muthwillen hervorblicken, ihre Stimme immer über anmuthige Scherze mit einem sanften Accente dahingleiten: und dieser ihr angebohrner Charakter, wie es scheint, schimmerte immer hervor, wenn sie sich auch Mühe gab, mit ihrem Arm pathetisch zu gestikuliren und mit ihrer Stimme die treffenden Töne wahrer, erhabener Empfindung zu modulieren. Die ächt Schillersche Sprache in dem Stück ist oft der kühnste Schwung der Poesie.
Ich habe Göthens Groß-Cophta gelesen, worin sehr viel artiges ist. Auch habe ich Pfeffels Gedichte durchgelesen, die zwar manche allerliebste, anpassende Fabel enthalten, aberauch einiges, was nicht für meinen Geschmack ist, als: Romanzen auf alte Leisten, vom gewöhnlichen Schlage; gemeine, alberne Erzählungen; kleine Erzählungen, die nakt da stehn ohne Interesse, und man weiß nicht wozu, in eine geringe Anzahl von Versen zusammengepreßt sind; endlich, mehrere fade oder läppische Witzeleien, die für Epigramme verkauft werden. Daß man es sich doch nicht der Mühe verdrießen läßt, sogar solch allgemeines und gemeines Courantgeld, als die Epigramme sind, zu verfälschen! — Uebrigens scheint mir Pfeffel der einzige blinde Dichter zu seyn, der in seinen Werken keine Spur von finstrer Phantasie zeigt, sondern vielmehr durch seine heitere Laune sich und andre aufheitern will. Wie kommt das? Es ist viel!
Wenn Burgsdorff wieder solider geworden ist, so freut michs sehr. Grüß’ ihn herzlich. — Die Geschichte Deiner selbst wird mir immer willkommen seyn, und mir zu einem heiligen Unterpfande unsrer immerwährenden Freundschaft dienen.
Bernhardi denkt, wenn er irgend kann, in den Hundstagsferien nach Halle zu reisen, und freut sich sehr zu Dir. Er hatte schon auf einen Brief von Dir gewartet. Ich habe ihm Deinen gegeben; auch die an Deine liebe Schwester hab’ ich abgegeben. Warum schreibst Du ihr nicht öfter? Versäume ja nicht, lieber Tieck, an sie und Deine Aeltern zu schreiben. Hörst Du? Deine Schwester verräth ein so gutes, sanftes Gefühl, und so viel Liebe und Zärtlichkeit für Dich! —
Dienstag Mittag.
Ueber das Naive hab’ ich noch nicht recht Muße gehabt, nachzusinnen. Es ist ein so schwerer als interessanter Gegenstand. Bernhardi hat jetzt Deine Anna Boleyn. Es gehtihm beynahe so wie mir: es wird ihm schwer, etwas zu tadeln oder Verbesserungen vorzuschlagen.Ichhabe mir alle mögliche Mühe gegeben; aber glaub’s mir, ich finde wahrlich nichts. Den 2ten Akt versteh ich immer besser, und find ihn immer schöner und schöner. Ganz vortrefflich ist’s, daß die Anna am Ende vornehmlich nur ihrem Heinrich zu Gefallen entfliehen will; nur ihm zu Liebe, damit ihre Gegenwart ihn nicht stören soll. Aeußerst feiner, trifftiger, rührender Grund!
Lebe wohl und sorge für Deine Gesundheit und Zufriedenheit. Schreib mir bald, lieber Tieck.
Deinewiger FreundW. H. Wackenroder.
Dein
ewiger Freund
W. H. Wackenroder.
Freitag, den 20ten Juli.
Mein zärtlich geliebter Tieck.
Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen, um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nichtzuunruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und — ich bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es mir auf mein Wort ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.
Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich, daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache recht erkenne.
Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese Diskursion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß, — nun — möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß Du aber die großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, — (Tieck, verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum ich’s mir vergebe zu schreiben? —) nun, das gestehst Du selber ein. Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich. Und o! wie erhaben dünk’ ich mich als ein Glied der Kette, die Dich an diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin. Möchte sie nimmer zerreissen.
Du bestrafst mich mit der größestenBelohnung, wenn Du zu meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch der edelste denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise von Deiner Seitefordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst,Flumina notau. s. w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? — Doch meine selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich fortfahren heißt.
Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, — überlege: sieh auf Dich selbst.Wenndann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre des Lebens zubringen dürfen: — o welche unaussprechlich reizende Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten, in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, — durch nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten Banden gekettet: — so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern:Coetusque vulgares udamque spernimus humum! — Aber ich schweife wieder aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, — soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen Empfindungen sprechen? — daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich nicht überreden, wiedas im Guten so haushälterische Schicksal, das so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage diese Beschwerden, wennDumich so glücklich machst. Und ich nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft geträumt! —
Du wirst es wohl ahnden, daß ich den 2ten Theil des Genius nicht ohne besorgliche Gedanken, und nicht ohne etwas dagegen eingenommen zu seyn, kurz nicht ohne fatale Nebenideen zur Hand genommen habe. Aber daß der Verfasser ein origineller Kopf ist, der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie ein Schauspieler seine Stimme, der das Blut durch alle Adern jagen, der kalte Thränen des Schreckens aus den Augen pressen, der die Seele in ein Meer der entzückendsten Gefühle eintauchen kann, das ist unwidersprechlich. Um seinen Styl zu schildern und zu loben, müßte man selbst schreiben wie er. Um nur der Charakterzeichnungen zu gedenken, die im 2ten Theil so häufig vorkommen, welche Meisterstücke! Ich kenne wenigstens keine höheren Muster. Da sind Ideen gehascht und in Worte gekleidet und hell vor die Seele gestellt, die man gewöhnlich nur in einem Nebel sieht, ohne sie sich selbst deutlich erklären zu können; da sind die feinsten Falten des Herzens aufgedeckt; da ist das ganze Aeußere und Innere des Menschen in ein Gemählde von Worten gebracht, wo alle Züge wahr, bedeutend und treffend, und mit der schönsten Kunst ausgeführt und vereinigt sind. Die Scenen beym Einsiedler sind vortrefflich.
Deine Bücherrekommandationen sind mir natürlich immer sehr willkommen. Den Tasso werde ich mir zu verschaffensuchen. Wie heißt aber eigentlich der Roman von Florian? Estelle? Ich kann’s nicht recht herausbringen.
Im Großkophta hab’ ich freilich auch nicht etwas außerordentliches, so wie man es von dem Verfasser des Werther gewohnt ist, entdeckt. — Der Charakter des Sekretärs ist Dir in Cabale und Liebe zu abscheulich, und mehr als Franz Moor? Mir scheint selbst der letztere weit mehr zu entschuldigen zu seyn; wie wohl immer mehr Scharfsinn, als ich besitze, dazu gehört, um dergleichen seltene Ungeheuer im Drama zu rechtfertigen. Du weißt, daß sie mir leicht mit zu starken Farben gezeichnet sind, und daß ich auf der Bühne eine Person verabscheue, die gar nichts Menschliches an sich hat, und nicht das geringste uns auffordert, uns mit ihr nur einigermaßen auszusöhnen, wenigstens unsern Abscheu in dem Grade zu dämpfen, daß doch das Gefühl des Mitleids und des Bedauerns dabey in unserer Seele noch Platz behält. Und freilich habe ich noch nichts gefunden, was dies bey der genannten Rolle veranlaßte. Ich sprach vor einiger Zeit auch mit Bernhardi davon. Mich dünkt, daß er in der Anhänglichkeit an den Präsidenten, in dem Diensteifer, den so ein teuflischer Diener gegen seinen Patron hat, etwas zu seiner Entschuldigung dienendes wollte entdeckt haben. Aber ich sage kein Wort darüber. Denn ich möchte Bernhardi’n etwas falsches unterschieben, weil ich dergleichen Dinge nicht immer mit dem geschicktesten Handgriff zu fassen weiß.
Elise von Valberg wirst Du noch tausendmal vortrefflicher finden, als ich bis itzt wenigstens im Stande gewesen bin, es zu finden, da ich es nur einmal gesehen habe; und da Du die Schönheiten und Feinheiten dramatischer Plane und Situationen Dir auseinanderzusetzen verstehst. Aber, o Himmel! was ist diesem Meisterstücke für ein Ding gefolgt! Hieronymus Knicker, Operette in 2 Akten von Dittersdorf, ist schon 3mal gegeben, und scheint leider Beyfall zu finden! Nach demwas ich nur von solchen, die nicht Willens waren, dem Dinge ihren hohen Beyfall ganz zu versagen, gehört habe, muß es, was Musik, Geist und Geschmack des Gesanges, u. s. w. betrifft, fast noch unter dem rothen Käppchen stehn. Es hat denn doch bis itzt noch alles sein Ende in dieser Welt erreicht; selbst die verderbliche Dürre, die über 14 Tage gewährt hat, ist nun durch ein Gewitter, wenigstens zum Theil, gebrochen; aber die unsinnige Operettenwuth der Berliner scheint nur mit der Zeit immer mehr Nahrung zu bekommen, und noch nicht den höchsten Grad erreicht zu haben. Ist dieser da, so muß nothwendig eine Revolution erfolgen, sonst werden wir so barbarisch in der Kunst als — die Lappländer. — Fort mit dem Gedanken an diese verdammte Seuche. Ich will Dir etwas besseres erzählen. Und das ist, daß ich neulich Diderots Hausvater und den Traktat über die dramatische Dichtkunst, der das Stück begleitet, gelesen habe. O was ist dieser Diderot für ein verehrungswürdiger Mann! Wie weicht sein Charakter, sein Geschmack, doch so ganz von dem empfindungslosen französischen Geist ab! Was hatErfür Fülle des Herzens, füralteGutherzigkeit, füraltenEdelmuth, (denn nach dem modernen Geschmack scheint das nicht recht zu seyn.) Man sollte ihn, wäre sein Name nicht französisch, für einen Deutschen oder Engländer halten. Erinnere Dich an die herrlichen Grundsätze, Vorschläge und Aeußerungen, die in der Poetik vorkommen. Erinnere Dich jener herrlichen Stellen, die mich vorzüglich entzückt haben, und die so sehr für Dich als für mich schön seyn müssen!
Von Deiner Harzreise schreibst Du mir vielleicht künftig noch etwas. Weißt Du denn schon, daß Bernhardi Dich bald vielleicht besuchen dürfte? Aber rechne noch nicht sicher darauf; denn er hat mir gesagt, daß er noch nicht gewiß wäre, ob es Zeit und Umstände erlaubten. Ich rathe ihm sehr zu. Seine Freundschaft ist mir itzt viel, sehr viel werth. Wir kennen unsitzt genauer als sonst, und sprechen sehr vertraulich, ungleich vertraulicher als sonst. Wenn Du wüßtest, wie sehr er Dich liebt! wie sehr er Deine ganze Gegenliebe verdient! Rambach seh ich seltener. Er ist gewöhnlich, oder doch oft nicht zu Hause, wenn ich ihn besuchen will. —Daß Du auf Michaelis herkommst, ist doch in höchstem Gradewahrscheinlich? — um nicht mit einem: Gewiß, Dir Einwendungen, wider meinen Willen, zu entlocken. Deine Schwester und ich wir trösten uns dadurch über Deine Abwesenheit, wenn ich sie spreche. Soll ich Dich bey Dir selber verklagen? Soll ich Dich nicht auffordern, an Deine liebe gute Schwester und Deine Aeltern öfter und länger zu schreiben? Sie würden sich sehr freuen, wenn Du es thätest. — Dein Bruder ist ein paarmal bey Bernhardi gewesen, der ihn zuerst wegen Deines Gesichts und Gleichheit im Aeußern liebgewonnen hat. — Ich lege einen Brief von Deiner Schwester ein. Ich habe es ganz vergessen, es ihr eher anzubieten.
Liebst Du mich, so antworte mir bald, damit unser Briefwechsel in ordentlichem Schritte geht. Ich für mein Theil werde alles dazu beytragen. — Die Zeit vergeht mir jetzt schneller als jemals, und deswegen werde ich verleitet, fast alle Tage schon an meine Abreise aus Berlin zu denken. Sie wird mich Thränen kosten; und käm’ ich ohne Freund auf eine 56 Meilen entfernte Universität, so würde ich mich gar nicht wohl befinden.
Noch habe ich versäumt, Dir vomPère de Famillezu sagen, daß meine Erwartung hier einmal wieder um ein kleines Haarbreit getäuscht ist. Der natürliche Sohn von Diderot hat mich wegen der vielen schönen Empfindung, die darin herrscht, zu heißen Thränen gerührt, und thut dies bey wiederholtem Lesen gewiß immer. Den Hausvater find’ ich schön, — aber — so innig habe ich nicht Antheil genommen, so lebhaft bin ich lange nicht erschüttert, als bey jenem Stück. Liegtbeim Hausvater die Schönheit mehr im Plan? Vielleicht fühl’ ich sie bey wiederholtem Lesen tiefer. Der Sohn, der Hausvater, und die Geliebte des erstern, sind herrlich gezeichnet. Aber ich muß gestehn, was z. B. die Putzhändlerin in der 1. Scene des 2. Akts thut, was diese ganze Scene wirken soll, oder warum sie nothwendig war, sehe ich noch nicht ganz ein. Belehre mich hierüber etwa einmal, wenn Du willst.
In der Hoffnung, Dich auf Michaelis hier zu sehn und baldige Antwort von Dir zu erhalten, bin ich
DeinWackenroder.
Dein
Wackenroder.
P. S.Bernhardi schreibt künftigen Posttag, ob er noch nach Halle kommt, und schickt Dir kleine Bemerkungen über die Anna Boleyn.
Montags.
Mein liebster Tieck!
Wo bleibt mein Brief, den ich nun wohl bald erwarten dürfte? Wenn zu allen Deinen Fähigkeiten hinzukäme, Ordnung und Pünktlichkeit zu beobachten, so würdest Du ein ganz vollkommnes Wesen seyn, — vielleicht zu vollkommen für diese Welt. Ich freue mich nur über mich selbst, daß ich jene Schreibeträgheit und Nachläßigkeit im Korrespondiren bey mir nicht bemerke; doch ich habe freilich fast lauter angenehme Briefwechsel.
Lebst Du denn vergnügt, gesund? Bernhardi hatte inniglich gewünscht, Dich in den Hundstagsferien zu besuchen, denn er sehnt sich nach Deinem Umgange sehr und wünschte sich mit Dir recht aufzuheitern; aber einfältige Hindernisse sind ihm in die Queer gekommen. Wie schön wär’s nicht gewesen,wenn er zu Dir gekommen wäre; hätt’ ich ihn dann begleiten können! Tieck! hätt’ ich Dich in Halle sehen können! —
Meine Abhaltungen sind durch neue Abhaltungen ersetzt. Der Vater meines Herrn Vetters mit seinem Bruder aus Stockholm, sind itzt auf ein Paar Tage hier; ich sehe mit ihnen dies und das, und gehe hier und dort hin: bald werden sie abreisen, um eine Reise, die zum Theil Geschäfte zum Theil Vergnügen zum Zwecke hat, durch Deutschland vorzunehmen. Von hier reisen sie nach Wien, durch Sachsen. Himmel! was sagst Du, wenn ich sie begleiten könnte, und Dich vielleicht auf einen Augenblick wenigstens im Vorüberreisen, umarmen!
Mein Hauptlehrer, der Assessor Köhler, ist verreist, auch nach Wien; einige andre meiner Lehrer setzen ebenfalls ihre Stunden itzt aus. Ich habe nur 2 Vormittage in der Woche besetzt. Was werde ich in diesen unerwarteten Ferien anfangen? Womit werde ich die Nebenstunden der Erholung ausfüllen, wenn ich nicht einen Freund, einen einzigen, unaussprechlich-geliebten Freund bey mir hätte, oder eine Ferienreise nach Halle unternehmen, mit ihm auf die Felsen klettern, und die Krümmungen der Saale in den wohlgebauten Fluren des Sachsenlandes beschauen dürfte?
Ich habe noch heute an Wißmann geschrieben. Da Bernhardi, Du, keiner seiner Bekannten ihm schreibt, will ich nicht der letzte Hartherzige seyn. Seine Mutter, die ich zuweilen besuche, ist eine geistreiche, gefühlvolle, edle, gütige Frau. Ich bin ihr sehr gut. Sie wünscht mich nach Frankfurth zu ihrem Sohne. Ach! ich wünsche mich am ersten zu Dir! zu Dir, Du Freund meiner heiteren entzückend frohen Stunden, und meiner trüben launenvollen Aprilltage!Wann werd’ ich Dich wiedersehen??— Soll ich Dir einen kleinen Schreck einjagen? Ich kann Dich nicht länger täuschen und mit Vorbereitungen hintergehn. Kehr’ um und lies die Antwort:
Künftigen Montag!—
Höre die Auflösung des Räthsels. Ich bin vor Entzückung ausser mir; ich taumle in der seligsten Hoffnung!
Der Vater meines Herrn Vetters hat mit meinem Vater verabredet, daß ich ihn über — (Höre wie glücklich ich bin,) — über Wörliz, Dessau,Halle!Leipzig, Meissen, bis Dresden begleiten soll. So kurz, so schleunig ward dieser Entschluß gefaßt, daß ich meiner eigenen Ueberzeugung von der Gewißheit nicht traue. Ich sehe Dich — diesen Montag — in Halle! Wer hätte gedacht, daß ich geboren wäre, umsoglücklich zu seyn!
Aber ich eile Dir einige langweilige Betrachtungen vorzupredigen, die ein Paar Tropfen Wassers in das Feuer meiner Entzückung tröpfeln. Es wird nicht angehn, daß wir länger alsEinenTag in Halle bleiben; denn unsre Zeit ist beschränkt. Ferner muß ich dort in Halle einen Besuch für meinen Vater machen. Doch so viel als das gütige Fatum mir Zeit übrig läßt, oder so viel ich Stunden, Minuten und Sekunden von meinen Reisegefährten erbetteln kann, — so lange leb’ ich ganz für Dich. Doch versteht sich nicht das von selbst? — Aber ferner, was Dich zwar nicht betrifft, aber wohl mich und meine Laune: meine Reisegesellschafter sind, in dem engen Raume eines offnen Extrapost-Wagens: — mein Herr Vetter, die beyden Herren von —, und ihr Hofmeister. Dies ist etwas, was vielleicht meine reine, hochgestimmte, volle Freude und Empfindung des Wohlseyns zuweilen etwas dämpfen möchte. Aber fort mit den Ideen! Meine Reise ist vortrefflich; ich bin so froh, Dich zu sehen, daß ich keinen angemessenern Ausdruck für meine Freudigkeit finden kann.
Donnerstag Mittag reisen wir: am Abend sind wir in Potzdam: den folgenden Tag wird die Reise nach Wörliz vollendet; am Sonnabend genieße ich die schöne Natur und Kunst, an einem Orte, denDubetreten hast und mit demDu(das thut mir leid, daß darin unsre Hoffnung fehlschlägt,) michzuerstbekannt machen wolltest. Den Sonntag werden wir wohl nach Dessau gehn, vielleicht uns dort etwas umsehen und dann — nach Halle, zu meinem Tieck! fahren. Doch ist es auch keine absolute Unmöglichkeit, daß wir erst Montag früh hinführen. Im ersten Fall würden wir den Montag, im andern Montag Nachmittag und Dienstag Vormittag in Halle bleiben. So viel kann ich im Voraus sagen. Daß, sobald ich ankomme und es angeht, es sey Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, ich nach der Klausstraße und nach dem Chirurg. Kern frage, ist so gewiß, als ich wünsche, Dich gesund und froh in der Stimmung zu finden, Deinen Freund zu umarmen. Der Montag wird einer meiner goldenen Tage seyn. —
Noch eins! ich bringe Dir ein Paar stumme Freunde mit: 2 Briefe von Deiner Schwester und von Bernhardi.
Aber noch eins! Wenn ich wüßte, daß Du nicht auf Michaelis nach Berlin kommen würdest oder könntest oder wolltest, was doch der Haupttrost Deiner Aeltern u. s. w. ist, so würde ich mich auf ein ganzes Packet Bewegungsgründe gefaßt machen, die aus dem Munde eines Freundes doch wohl einige Autorität haben müßten.
Wen ich außer Dir in Halle sehen möchte? Keinen als Reichardts! Diese Familie liebe und schätze ich innig. — O ich sehe es schon im Geist, wie wir in ihrem romantischen Garten wandeln, und vom Giebichensteiner Felsen herab die Landschaft unter uns liegen sehen! Dann meinen Arm um den Deinen und meinen Mund auf Deine Lippen, — so kenn’ ich nichts höheres! AndemTage wollen wir die Zeit mit unserm süßen Geschwätz so ausfüllen, daß kein Moment ungenutzt bleibt, — so wie in einem wohlgefüllten Raum von Menschen kein Apfel zur Erde kommen kann.
So lebe denn wohl, mein Theuerster! Ich brenne vorheißer Sehnsucht, Dir an den Busen zu fliegen! — Nur! — erwarte mich nicht zu ängstlich zu einer gewissen Stunde, — freue Dich nicht zu sehr auf einen vergänglichen Tag, — hörst Du? — Doch sey, wenn Du von meiner Hand berührt wirst, eben der gütige Freund, der Du in einer Entfernung von 20 Meilen geblieben bist.
Mit entzückungsvoller Hoffnung des Wiedersehns —
DeinFreundW. H. Wackenroder.
Dein
Freund
W. H. Wackenroder.
Dresden, Montag Abends,nach 10 Uhr.
Mein liebster, mein bester Tieck!
O Wehe! da bin ich wieder von Dir gerissen, und muß mich in Gesellschaften herumtreiben, die gegen die Deine so sehr abstechen, wie — die schöne Venus, die ich heute im Antikensaale gesehen habe, gegen den Kerl im Leipziger Garten, der mit dem Schlag 15 sich den Dolch in die Schulter stieß!!
Dresden ist eine köstliche Stadt, aber doch muß ich in dieser Gesellschaft mich hüten, mich nicht zuweilen von unbehaglichen Empfindungen betreffen zu lassen, die das Fremde, Unvertrauliche eines noch ungewohnten Ortes, wo man nicht zu Hause ist, einflößt. Dich am Arm, — so wär’ ich selbst in Kalifornien nicht fremd.
Ich werde nicht die heiligen 7 Tage vergessen, die ich mit Dir verlebt habe! Empfange meinen feurigsten Dank für Deine Freundschaft, mein zärtlich geliebter Tieck!
Sonnabend, als wir Abschied nahmen, war mir natürlichsehr fatal. Wir aßen Mittag in Hubertsburg, wo ein altes und ein neueres Schloß sich gut präsentiren; und Abends in Meißen (10 Meilen von Leipzig). Gestern früh besahen wir hier auf dem Berge den Dom und bestiegen seinen Thurm, der von oben eine göttliche Aussicht hat. Der ganze Berg liegt äußerst malerisch. Der Weg von Meißen bis Dresden (3 Meilen) verdient das Lob, das ihm jeder giebt. Er zieht sich beständig längs den gelben Fluthen der Elbe hinunter und wird immer von grünen Weinbergen begleitet, aus denen tausend kleine weiße Häuser, Thürmchen u. s. w. hervorglänzen. Ich genoß diese Schönheiten in stummer Stille, und hegte allerhand poetische Empfindungen dabey.
Die Aussicht von der Dresdner Brücke ist fast dieselbe, und daher mitten in der Stadt von unschätzbarem Werth. Gestern Abend haben wir die ziemlich schlechte Secondasche Truppe gesehen, wie sie Liebhaber und Nebenbuhler in Einer Person, aufführte. Herr Kordemann (vermuthlich der Berliner) spielte den verkleideten Ritter. Heut früh haben wir die Antikensammlung, die nächst der Kapitolinischen, Vatikanischen und Florentinischen die erste in der Welt ist, und heut Nachmittag die Bildergallerie besehen, doch so, daß ich bey beyden kaum Zeit hatte,einige wenigeder vorzüglichsten Stücke nurflüchtiganzusehn. Gehts irgend an, seh’ ich beydes noch einmal.
Sonntag oder Montag früh reisen wir weg. Dienstag oder Mittwoch sind wir in Berlin. O dann komm doch so bald als möglich!! Bin ich in Berlin, so schreib’ ich Dir gleich. Schreib Du, je ehr je lieber!
Bleib gesund: grüße Burgsdorf, Reichardts, und — die Giebichensteiner Felsen. Lebe wohl Du Theurer: Dein Bild steht mir ewig vor der Seele; und die 7 Tage, besonders den in Wörlitz, vergesse ich nie.
Es wird mir schwer, mich von Dir zu trennen, aber die Zeit will’s! Leb wohl.
EwigDein Dich liebenderW. H. Wackenroder.
Ewig
Dein Dich liebender
W. H. Wackenroder.
In Berlin erzählen wir uns noch viel. Da hörst Du noch alles von Dresden.
Novb. 92, Sonnabend Vormittag.
Mein geliebter Tieck.
Daß Du mir nicht sobald schreiben würdest, habe ich wohl gedacht, ich freue mich nur, daß ich nun höre, daß Du gesund und auf Deiner Reise vergnügt gewesen und jetzt mit Göttingen so zufrieden bist. Ich kannte aber in der That kaum mehr Deine Hand auf dem Kouvert, als ich den Brief bekam; so lange hab’ ich nichts von Dir gesehn. Indeß vermied ich, mit Aengstlichkeit an Dich zu denken; und ich bin nun nur vergnügt, daß ich mir Dich in Göttingen gesund und wohl vorstellen kann. Ich bin gesund gewesen, und habe mancherley Zerstreuungen gehabt. Bernhardi und Rambach, (beiden hab’ ich zu ihrer Freude Deinen Gruß bestellt,) grüßen wieder und hoffen auf Briefe. Bernhardi hab’ ich wenig sehn können bis itzt; aber Mittwochs sind wir mehrmals zusammen in ein Konzert gegangen, wo ich mich abbonnirt habe, haben uns zusammen in einen Winkel gestellt oder gesetzt, und Gutes und Schlechtes nicht nur angehört, sondern auch, wie Du denken kannst, vom Grund des Herzens bewundert, bekritisirt, bedisputirt, belacht und bespottet. Ich glaube, hätten wir unsern Willen, so würde Er gleich ein Baumeister, aus Liebe zurKunst, ich ein Musiker, — wenigstens auf einige Monathe lang. Rambach hat mir neulich Etwas aus seinen Syrakusern vorgelesen. Bernhardi und ich finden, daß er hierin seinem Styl eine Vollendung und seinen Gedanken und Empfindungen eine Würde und Wahrheit gegeben hat, die er bey seinen vorigen Fabrikwaaren, aus leidigem Zwange, verläugnen mußte. Er selbst gesteht, daß er dies mit ungleich mehr Besonnenheit und Ueberlegung geschrieben. Ich habe gesehen, wie viel er vermag.
Es hat mich gefreut, daß Du in Leipzig wieder an mich gedacht hast, aber leid gethan, daß diese Erinnerungen Dich einen Tag trübe gemacht haben. Die Truppe „wobey Herr Kordemann Hauptrollen spielt“ habe ich in Dresden gesehen. (Herr Kordemann machte den Ritter in Liebh. und Nebenb. in Einer Person.) Es ist wahr, daß die Komödianten alle an einer unglücklichen Mittelmäßigkeit oder gar Schlechtheit laboriren. Der Herr Geiling ist im Komischen noch erträglich, aber doch Karrikatur und hat, wie Du anallenwirst bemerkt haben, ein abscheulich häßliches und widriges Gesicht. —N. B.Vorige Woche sind: „Die heimlichen Vermählten,“ die wir in Leipzig mit so vielem Vergnügen sahen, hier aufgeführt — aber — wie Du vielleicht schon zur Ehre und großem Ruhm aller Ohren des Berliner Publikums ahnden wirst, mit großer Gleichgültigkeit aufgenommen. Doch mag das dazu beytragen, daß man hier die Musik nicht mit dem Feuer und der Lebhaftigkeit spielt wie da, (so habe ich gehört, ich habs hier noch nicht sehen können,) vornehmlich aber, daß — Du wirst erschrecken — die Stelle des jungen Menschen, über dessen unnachahmliche Leichtigkeit und Natur und Anmuth in Geberden und Gesang wir uns so freuten, hier von dem steifen, hölzernen Herrn Franz ersetzt wird, der blos — gutsingt. Lippert mag jenem Italiäner in affektirten Armschleuderungen nichts nachgeben. Das artige junge Mädchenwird von der M. Müllern gespielt. Die Wittwe ist die Baranius; die andre die Unzelmann. Er, Unzelmann, der den komischen Alten spielt, soll, wie leicht zu erachten, das Stück hier allein noch heben. Heut ist wieder ein neues kleines Lustspiel von Babo, „die Mahler.“
Deine Gasthofs-Arbeit ist freilich im Ganzen nichts Außerordentliches. Aber ich bin dabey auf die Gedanken gekommen, daß ein Mensch, der poetische Natur durch Uebung und Kritik gereinigt und geläutert und gebildet hat, einer, der eine Anna Boleyn schreiben kann, (wenigstensanfangenkann — verstehst Du?) auch in der kleinsten Armseligkeit, die er hinwirft, nicht durchaus, nicht gänzlich sich so herablassen kann, daß kein Funken von seinem Talent erkennbar seyn sollte. Ich habe immer geglaubt, daß der größte Kopf auch einmal, aus hunderterley möglichen Veranlassungen, das fadeste Zeug schreiben kann; allein ich halte dafür, daß auch in diesem elenden Zeuge,immeretwas ist, wär’s auch nur ein Einziges Wort, das im kleinen ein Miniaturbild seines Genies ist, und daß ihm vielleicht so zu sagen wider Wissen und Willen entschlüpft ist. — Die letzte Strophe Deines Gedichts ist recht schön. In den andern ist Manches, was mir nicht gefällt. Schiefes und Queres und Reimzwang. Aber erkläre doch, die (ganz bekannt seyn mögende, mir aber immer etwas räthselhaft gewesene und gebliebene) Phrase: nach Thränen, Seufzern und dergleichen die Stunden zählen! — Uebrigens muß ich Dir in allem Ernst sagen, daß jedes kleine Geschöpf Deiner Muse, es mag so roh seyn als es will, mich doch immer leichter in den poetischen Humor stimmt, als sonst etwas. Aber überhaupt habe ich gemerkt, wenn ich von Dir nichts höre und sehe, — so feiert meine Muse, ich vergesse sie. Ist’s doch, als wäre Dein Geist ein Theil von ihr, als zöge sie aus ihm nur Nahrung, als wäre sie nichts ohne ihn. Es ist mirgar auffallend, daß, sobald ich was von Dir lese oder, noch besser, mit Dir mündlich in das Feld der Poesie hineinschweife, mein Blut sich erwärmt, und ich meine lebhaftern Empfindungen in Rhythmen daher ströhmen zu lassen versucht werde. Jetzt habe ich wenig Zeit; allein sollte ich etwas dichten, so schick’ ichs Dir. Doch zweifle ich, bald.
Viva vox docet, ist ein Sprüchwort, was mir bey sehr vielen Wissenschaften, bey historischen z. B., wenig Kraft zu haben scheint. Aber daß dieviva voxeines Freundes nöthig ist, um dem Freunde Geist und Frohsinn in die Adern zu gießen, das fühl’ ich. Täglicher Umgang, wie ich ihn habe, erschlafft und verdirbt. Doch es wird anders werden.
Grüße Burgsdorf von Herzen. Was macht sein Carneval, und Karl und Montmorin?
Bernhardi lachte sehr, als ich ihm Dein Urtheil von Heynens Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. — Solltest Du in Göttingen einmal den ProfessorForkel, der eine Geschichte der Musik, eine musikal. kritische Bibliothek u. s. w. geschrieben, und ein vortrefflicher musikalischer Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir von ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia über die Musik itzt liest? Er ist mir ein interessanter Mann.
Ich habe nicht mehr Zeit.Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir soll’s nicht fehlen. Leb’ wohl und vergiß mich nicht.
Wackenroder.
Wackenroder.
Berlin, den 27ten November,Dienstag, Abends. 1792.
Mein innigstgeliebter Tieck!
Es sieht zuweilen wohl so aus, als wenn ich ohne Dich eine Zeitlang so nothdürftig vergnügt leben könnte; aber im Grunde ists doch nicht wahr, und ich betrüge mich selbst, wenn ich mir so viel zutraue. Du kannst versichert seyn, daß ich in dieser Stunde aus wahrem Bedürfniß an Dich schreibe: es ist mir, um diesen Abend noch mit Ehren und guter Manier zu erleben, so nothwendig, als Dir, etwas Theatralisches zu dichten. Wo sind die schönen Zeiten, da ich keinen Nachmittag oder Vormittag ruhig seyn konnte, wenn ich Dich nicht gesehn hatte; da ich an jedem Tage mit Dir 1 oder 2 Stunden zusammen genoß und unsre Seelen sich einander umarmten? Wie oft strichen wir gegen Mittag, wie oft zur Zeit der untergehenden Sonne im Thiergarten herum, den ich nun wohl über einen Monat nicht gesehn habe! Und wenn wir Abschied nahmen, thaten wir es nie, ohne voraus zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen würden. Einst, da ich Dich an einem Sonntag Nachmittag aufsuchen wollte, lief ich die Stadt herum, suchte vorm Komödienhause und 2 mal vor Deiner Thür, kehrte zurück und gieng in meiner Stube eine halbe Stunde auf und nieder und weinte. O wenn Du wüßtest, ja fühlen könntest, wie diese Thränen für Dich voll Wonne waren! — Aber was hilft mir die freundschaftliche Unfreundlichkeit, Dich an diese Vergangenheiten zu erinnern! Ich war gerade in einer so weichen Stimmung.
Und ich merke, daß ich sie nicht sogleich verliere, weil sie mir so süß ist.
An Rambach und Bernhardi hab’ ich Deinen Gruß bestellt:sie freuten sich sehr darüber. Letzterer hat auch Deinen Brief mit großem Vergnügen gelesen: Er, der einzige, dem ich mich jetzt vertraulich mittheilen, und aus dessen Geist ich Nahrung schöpfen kann (denn bey meiner täglichen Gesellschaft muß er gewöhnlich die Fasten observieren). Er ist auch so gebunden als ich und seine Zeit ist eingeschränkt. Arbeiten fürs Seminarium haben ihn gehindert, daß ich ihn seit einiger Zeit in 8 Tagen etwa nur einmal gesehen habe. —
Aber ich will nicht klagen. Was sind das alles auch für Kleinigkeiten gegen die Zukunft, die mich so unendlich belohnen soll?
Was mit dieser Zukunft zusammenhängt, will ich Dir doch zuerst melden. Der Prediger Schuderoff hat neulich an meinen Vater und mich geschrieben, und auf meine Anfrage mir mit heitrer Miene und freundschaftlichem Händedruck geantwortet, daß er uns beyde mit offenen Armen auf Ostern aufnehmen wolle. Oder vielmehrnachOstern, denn in den Festtagen selbst ist er mit Predigten u. s. w. so überhäuft, daß er blos für sein Amt leben kann. Mit inniger Freude hat er uns zugleich bekannt gemacht, und mit der wärmsten Theilnehmung haben wir es angehört, daß er im Januar ein herzlich gutes Mädchen aus der Nachbarschaft heirathen wird. Er hat mir mit der lebhaftesten Freude geschrieben, wie er uns mit seiner Künftigen, und mit den herrlichen Gegenden worin er so glücklich lebt, und mit den benachbarten Städten u. s. w. bekannt machen, und uns wohl gar auf den Weg nach Erlangen bringen wolle. Und es ist ihm sehr lieb, Dich zu sehn und zu sprechen, da ich ihm schon mehrmals von Dir erzählt habe, wie das denn natürlich ist. Er kann auch schon recht artig Deinen Namen schreiben. Seiner Braut hat er auch schon gesagt, daß wir kommen würden. Kurz sein Brief ist so voll Zärtlichkeiten, daß ich meiner Hoffnung nicht ein besseres Fest zu geben weiß, als sie auf künftige Ostern hinzuweisen.Ich denke, wir werden dann sehr glückliche Tage haben. —
Sieh einmal, wie ich immer in die Extreme falle! Mit dem Vergangenen fieng ich an! — Ein Sprung, ein paar Zeilen kostet er und ich in der Zukunft. Soll ich einmal wider meine Natur (contra naturam meam et indolem) mich auf die goldene (vielmehr nur vergoldete) Mittelstraße begeben und von der Gegenwart sprechen? — (Von der ich, im Vorbeygehen sey es gesagt, noch diesen Sommer ein merkwürdiges Gegen-Argument aufgefunden, indem ich in dem Dorfe Falkenberg, 1 Meile von Berlin, im herrschaftlichen Garten, eine hölzerne Brücke mit eigenen Augen gesehen, wo die goldene Mittelstraße sicher ins Wasser führte, und man sich nur den Extremen der Seitenpfosten überlassen mußte, um sein Leben zu fristen. Wer weiß, ob bey der berühmten und berufenen Bittermannischen Hünerstall-Brücke die Excellenz nicht blos darum das Malheur gehabt, weil sie jener elenden Schulregel gefolgt ist? Sie sieht mir indolent genug dazu aus, mit allen Phlegmatikern ein Anhänger dieses gemeinen aber nichts weniger als allgemeinen Gemeinplatzes zu seyn. Und,quae cum ita sint, um, Kürze halber, von dem zweifelhaften: Wer weiß, sogleich zur Gewißheit überzuspringen; weil dem also ist, sag’ ich, so ist handgreiflich, daß die verdammte Mittelstraße auch im Drama den größten Schaden anrichtet. Denn wenn die Excellenz nur ein wenig mehr Genie gehabt hätte, so hätte sie sich an die Extremitäten des Seitengeländers gehalten, hätte sich in ihrem Leben nicht so blamirt, den Rock vor dem honorablen Publiko auswässern zu müssen, und, worauf ich hier besonders ziele, hätte nicht die Sünden der Autoren vermehrt durch Hinzufügung des 1000sten schlechten Tragödienplans zu den bereits vorhandenen 999.) Ich will es einmal thun. (Besuche die vorige Seite, wenn Du wissen willst, worauf dies geht.)
Ich weiß aber nicht, wie ich in diesen Ton falle. Es läßt, als sollte dies eine Probe von meinen künftigen witzigen Schriften seyn, zu denen doch, bild’ ich mir ein, in meiner Seele nie ein Embryo lag. Ich thue Dir vielleicht in dem Augenblicke, da Du dies liest, einen sehr schlechten Gefallen damit. Doch Du mißverstehst mich doch nie, und erkennst, als ein rechtschaffner Botaniker, den Grund und Boden auch aus den seltenenGewächsen(N.B.neulich fand ich in einem alten Musikalienkatalog: „Koncert-Gewächse!!!“), die sich darauf befinden.
Ich wollte von der Gegenwart reden. Dahin gehört, daß ich neulich 2 mal in der Komödie gewesen bin. Zuerst hab’ ich die Räuber gesehen. Fleck strengte sich diesmal sehr an und zeigte sich als ein Genie: vornehmlich in dem ächten Ausdruck der Wuth und in der Natur abgestoßner leidenschaftlicher Interjektionen. Czechtizky, bey dem ein verzerrter Mund, wolfsartig gewiesene Zähne und ein aus dem Hinterhalt hervorglotzendes Auge Universalzeichen für alle Leidenschaften sind, wie er es mit denen, die ihn applaudiren, verabredet zu haben scheint, daß sie es seyn sollen, — verläugnete als Franz, wie man denken kann, sein Charakteristisches weniger als je. Einige Stellen gelangen ihm vielleicht. Aber ich kann nur oberflächlich darüber urtheilen, weil mein Platz mir nicht zuließ, strenge Acht zu geben. Die Herdt als Amalie ist ein Muster zu allem, was zu einem elenden Spiele gehört. Die Räuberscenen werden immer abscheulich, besonders durch Kaselitz, wenn er im Hemde erscheint.Garlyspielte den Kosinsky mit sehr gewählten und schön in einander fließenden Gebehrden, die nur noch etwas zu sehr, wie mich dünkt, den gebildeten Hoff-Acquis verriethen. Franz sah als Grimm wie der niederträchtigste und ruppigste Schuhflicker aus; und Berger verdarb eine andre Räuberrolle.
Das zweytemal das ich in der Komödie war, hab’ ich die erste Wiederholung eines hervorgesuchten alten Stückes: Athelstan, nach dem Engl., Trauerspiel in 5 Akten, gesehn. In langer Zeit ist mir kein so plump anfängermäßiges und seichtes, schwaches Stück vorgekommen, wo jedes Wort, jeder Gedanke von derHeerstraßegenommen ist (nach Deinem artigen Ausdruck); Du wirst es wohl kennen. Aber was mich entschädigte, war Flecks unendlich schönes Spiel. Sein Athelstan brachte mir seinen König Lear sehr lebhaft ins Gedächtniß. Er griff sich sehr an und traf wieder mit den glücklichsten Gebehrden, mit dem wahrsten Accente des Tons, das Heftige, das Ueberströhmende der Leidenschaft. Es ist mir so erfreulich als überraschend gewesen, ihn 2 mal hintereinander in solchen großen Rollen so glänzen zu sehn. Für’s erstemal kann ich Bernhardi als meinen Zeugen anführen. Berger ist mir übrigens nie unausstehlicher gewesen, wie er mir als König Harold gewesen ist. Keiner als Du kann ihm den verdammt singenden und abgleitenden und ruckweise vonpianissimozumfortissimeübergehenden Ton seiner Rede so gut nachahmen. Alles Affektvolle wird durch das Manierirte seiner Sprache verwischt. — Beym Athelstan gebrauchte man zum Füllstein das Milchmädchen oder die beyden Jäger. Ich sah dies kleine Ding, was sich (mit Vorbehalt meiner allemaligen Grundsätze über die Operetten, sey es gesagt) recht artig und nett ausnimmt, zum erstenmale; sah zum erstenmale den Herrn Greibeerstarren, hörte zum erstenmale (mirabile auditu)sein Herz im Leibe knarren. Greibe spielt wirklich sein Komisches mit einer rechtedlen Simplicität. Lippert ist oft gemein. Die Baranius hat einige Arien, die mirsehrwohl gefallen haben; wie ich denn überhaupt von der angenehmen, paßlichen und einfachen Musik viel Vergnügen gehabt habe.
Vielleicht hab’ ichs Dir auch noch nicht einmal geschrieben,daß ich auch vor einiger Zeit den Barbier von Sevilla gesehn habe. In der Musik ist viel schönes; Kaselitz und Unzelmann spielen allerliebst; u.s.w. u.s.w. Du bist doch wohl nachgerade so weit gekommen, meine (unmaaßgeblichen) Urtheile suppliren zu können?
So viel von Theaternachrichten. —
Es wird Dich wohl nicht befremden, wenn ich von Schmohls Briefen weiß. Gütiger Himmel, es ist eine traurige Erfahrung, daß sich Menschen so fürchterlich ändern und so räthselhaft werden! Ich mag kein Wort weiter drüber verlieren. Aber das wünschte ich, dazu beytragen zu können, daß Du Dich beruhigest. Du kannst es Dir ja wohl vorstellen, daß Deine liebe gute Schwester Deine Aeltern und sich selbst mit den natürlichsten Gründen gegen jene mir unbegreiflichen Niederträchtigkeiten besänftiget hat. Gottlob daß Du fort aus Halle bist. Schreiben wirst Du ihm doch gewiß wohl nicht. Ich wünsche von ganzer Seele und bitte Dich inniglich, ihn und seine schlechten Streiche so bald als möglich zu vergessen. Ich mag nichts mehr davon sagen, über diesen unerhörten Vorfall. Ich bitte Dich nur, Dich zu beruhigen, lieber Tieck!
Donnerstag, Abends.
Gestern war ich mit Bernhardi in dem Koncert, wie gewöhnlich des Mittwochs. Weil ich da gewöhnlich sehr aufmerksam bin, so ist es mir besonders auffallend, wiemüdedie Musik mich immer macht: ich fühle es wirklich sehr, wie die Töne, wenn man sie mit ganzer Seele aufnimmt, die Nerven ausdehnen, spannen und erschlaffen.
Bernhardi grüßt Dich herzlich, wird Dir bald antworten und macht sich zu einer recht fleißigen Korrespondenz mit Dir im Winter Hoffnung. Du hast auch an Rambach geschrieben?und an Deine Schwester? Wir wundern uns alle, aber nicht ohne herzliche Freude, über Deine Sorgfalt und Aemsigkeit im Schreiben. Ich höre Du bist so fleißig in G., und lebst vergnügt. Bleib gesund und arbeite nicht zu viel, damit ich Dich auf Ostern wohlauf sehe.
Du glaubst nicht, wie lebhaft ich gestern Abend, am Ende des Konzerts, als ich im Winkel saß, an unsre herrlichen Tage auf der Reise, besonders an den in Wörlitz dachte. Gott was war das für ein Vormittag! Idealischer hab’ ich nie einen erlebt. Erinnerst Du Dich des halben Stündchens, da wir in dem Felsengemache auf den Steinen saßen, und durch die Oeffnung auf den ruhigen Kanal heruntersahn? Wie lachte alles um uns her, wie milde leuchtete die Sonne, und in welch liebliches Blau hatte sich der Himmel gekleidet! Bey allem dem aber bin ich fast überzeugt, daß ich mir diesen Morgen jetzt noch schöner vorstelle, als er in der That war; und ich glaube, daß es mir mit allen meinen vergangenen angenehmen Schicksalen so geht. In der Erinnerung sondert die Phantasie alles Heterogene von selber ab, scheidet alles stillschweigend aus, was nicht in den Hauptcharakter des Bildes gehört und giebt uns für das immer noch mangelhafte individuelle Bild ein Ideal. Noch eigentlicher ist dies das Geschäft der Hoffnung. Ueberhaupt glaub’ ich, daß in der Welt nichts so schön sey, daß man sichs nicht noch schöner vorstellen könnte, und daß also der so gemeine Ausruf bey einer schönen Gegend: man kann sie sich nicht schöner vorstellen, grundfalsch ist. Einen Strauch hingesetzt, wo ein dürrer Fleck, eine Lücke in der Landschaft war; eine hervorstehende Felsmasse, die eine reizende Aussicht verdeckt, weggenommen; und das Ganze gewinnt unter unsrer schöpferischen Hand unendlich. Doch das ist wohl leicht einzusehn.
Neulich hat der Vater von meinem Herrn Vetter geschrieben. Ich kann es ihm nicht verdenken, daß er es etwas übelgenommen hat, wenn ich mich von seiner Gesellschaft so entfernt hielt auf der Reise. Doch, einerley. Sein Sohn wird in Erlangen, vermuthlich mit seinem Vetter, der schon da ist, zusammenziehn. An diesen werde ich schreiben, um mir Quartiere für uns, in Einem Hause zu bestellen. Mich dünkt, Du hast mir auch sonst gesagt, lieber in andern Häusern als in Professorhäusern. — Ich wünsche von ganzer Seele, daß Du mich nicht allzu fade wiederfinden mögest. Ich bin sonst jetzt in der schönsten Schule, es zu werden. Aber noch ein Wort über den Umgang mit meiner täglichen Gesellschaft. Ich kann mich noch immer nicht überzeugen, und werde es auch schwerlich, daß man bey dergleichen Leuten seinen Charakter so ganz offen zeigen, und bey jeder Gelegenheit, wenn auch nicht seine ungewöhnlichern Meynungen mit Indiscretion aufdringen, doch sie ganz rund heraussagen müsse, wenn man dazu veranlaßt würde. Meine Meynung ist: sag’ ich so einem Menschen Einen Satz aus meinem System, äußere ich ihm Eine Behauptung aus meinem eigenthümlichen Vorrath von Grundsätzen, so weiß er das ganze System, sieht gleich, daß ich in die Klasse der Sonderlinge gehöre, und ich komme immer in Kollision mit ihm. Sage ich ihm z. B. der oder jener scheint mir fade, so kommt den Augenblick eine Gelegenheit, wo er mit diesem einerley Meynung ist, mit ihm gleich dumm gesprochen hat. Oder man sieht mich immer als einen Menschen an, der alles besser wissen will (wenn ich auch mit aller Bescheidenheit Paradoxa vortrüge, — und ein Paradoxon ists ja selbst, daß — die Hagestolzen schöner sind als Don Juan); man nimmt wohl zuweilen zu meinem Richter-Ausspruch als zu einem Orakel, seine Zuflucht, aber man hält sich auch hinter dem Rücken über mich auf. Ueberdies traue ich mir nicht zu, diese Rolle beständig und ununterbrochen zu spielen: und eineRolleist wirklich mein eigener Charakter bey Leuten wie jene; — ichbin zuweilen auch menschliche, sinnlicher, lustiger, gewöhnlicher; was kann mehr auffallen als diese Ungleichheit? Man wird sich ruhig zurückziehn und kalt gegen mich seyn, auch wenn ich mich recht herzlich über das schöne Wetter freue, oder über eine lustige Anekdote vertraulich mitlachen will. Mich dünkt (wenn meine Worte meine Gedanken jetzt im Augenblick auch nicht passend und glücklich genug ausgedrückt haben), Du kannst mir in dieser Sache den traurigen Ruhm mehrerer Erfahrung wohl zugestehn! — Wenn ich Dir nur noch Beyspiele geben könnte. — Aber mir wollen keine beyfallen. Genug, ich kann meinen wahren Charakter nicht ganz zur Schau stellen; ich würde ihn selbst dadurch vielleicht verderben und ihm eine falsche Richtung geben. Ich überdecke also seine vielleicht anstößigen Stellen. Nun aber glaube ja nicht, ums Himmelswillen nicht, daß ich mich so erniedrige, meine Hauptgrundsätze zu verläugnen. Nichts in der Welt ist mir gehässiger und würde mich selbst mehr mit Schaamröthe beziehn, als wenn ich’s auf ähnliche Weise wie ein Musiker in Berlin machte, der, um nicht anzustoßen, in jeder Gesellschaft, wenn man ihn nach Alessandri’s Musik fragte, vortrefflich, vortrefflich antwortete, ohne ihn je innerlich leiden zu können. Meine Universalmedicin, mein Arkanum, was ich schon so unendlich oft in so unendlich mannigfaltigen Fällen mit Vortheil angewandt habe, ist — das Schweigen, oder auch, was fast eben so viel ist, eine ganz allgemeine, ganz unbestimmte, ganz unbefriedigende Erklärung, die eigentlich die Antwort mehr von sich ablehnt, als wirklich antwortet. Auch hinter spitzfindige Zweydeutigkeiten versteck’ ich mich nicht gern. Folgt’ ich nicht diesen meinen Regeln, so würde ich (Du kannst wirklich das nicht so ganz einsehen als ich) jeden Moment anstoßen. Langeweile, schlechte Gesellschaft, Geschmacklosigkeit, und wer zählt alle die Gegenstände die bey solchen Herren im Gespräch anzüglich seynkönnen? Du sagst sehr richtig, daß ich mich vor ihnen nicht zu zwingen und zu geniren brauche. Aber was hilfts mir, Streit und mißvergnügte Stunden zu haben?Ichsehe kein ander Mittel, als mich ihnen (hoffentlich weißt Du nun in welcher Hinsicht) etwas zu nähern. — Freilich kann ich nicht läugnen, daß ich mich zuweilen wohl etwas zu weit erniedrige, nur um durch einen Einfallsiezu amusiren undmichvor der Langeweile zu bewahren; allein welche Uebereilung, welche Schwachheit wäre in einer mühseligen Prüfungszeit von 365 Tagen und noch halb 365 Tagen, nicht verzeihlich? Und versichern kann ich auch, daß ich wohl öfter noch, auf der andern Seite, etwas zu sehr in die mir natürliche Hitze komme, wenn ich sehe, daß mangarzu albern spricht und urtheilt. Doch schweig’ ich bald, so gern, so sehr gern ich auch oft meine Leidenschaft ausließe (Du kennst mich). Beide Extreme mußt Dir aber nichtzuübertrieben vorstellen. (Doch, abermals: Du kennst mich; — ich habe ganz aufrichtig geschrieben, wenn auch nicht immer mit den passendsten Worten.) Was meynst Du nun?
Rambach, der mir heut wieder einevortrefflicheStelle aus seinen Syrakusern (Ist: Hiero und seine Familie genannt) vorgelesen hat (Bernhardi, mit mir, haltens für sein vollendetstes Werk), fragte mich heut auch, ob ich nichts für mich schriebe? Ich habe keine lebendige Aufmunterung; die Hälfte meiner Seele ist von mir gerissen! Und meine Zeit wird von oft nicht würdigen Dingen und Zerstreuungen besetzt. Ach! die Jurisprudenz! Wann werde ich mich überwinden können, nur mein Gedächtniß mit der Terminologie, Definition, Distinktion u. s. w. zu bemühen! Was ist das Römische Recht für ein seltsam Gewebe von Worten und Worten und Worten, womit die einfachsten Sachen umsponnen sind! Und was führt ein Richter fürein Amt! Eine Begebenheit, die Herzen zersprengen und Köpfe wahnsinnig machen kann, eine Sache der Leidenschaft, der menschlichen Seele, wie sieht er sie an? Er sucht unter den verschiedenen barbarischen Namen, welche die Römer den Klagen gegeben haben, den aus, der für den Fall paßt; und nun wird das Uhrwerk aufgezogen; es geht seinen Gang und läuft ab. Es ist grade so, als wenn der Knabe, der rechnen lernt, auf seinem schematisch aufgesetzten Einmal Eins oben 4 an der Seite 5 aufsucht, und mit beyden Fingern zusammenfährt, bis er auf 20 trifft. Ehe diese Sache zu Ende ist, sind schon 100 neue eingelaufen: das Räderwerk geht immer und ewig, — jene Menschen trotzen aller menschlichen Empfindung, nähren sich von Blut und Thränen; — o man kann sich das Bild sehr schrecklich machen! — Aber freilich sprech ich wohl etwas einseitig. Ich selbst indeß mag nie Richter, nie ein großer Jurist seyn. — —
Du bist von mir immer das aufrichtigste Urtheil gewohnt gewesen. Dies und nichts mehr mag die Einleitung dazu seyn, daß ich Dir gestehe, in Deinem Adalbert und Emma, das ich heut Abend durchgelesen habe, wenig Vortreffliches gefunden zu haben. Das meiste ist (ich spreche immer von Dir, und in Vergleichung mit dem was Du vermagst) sehr gewöhnlich, und trägt die deutlichsten Spuren der Flüchtigkeit an sich. Warum müssen doch Leute wie Du, so schnell schreiben! Die Züge, die Du an 10 verschiedenen Orten unter 100 weniger schönen hinwirfst, könnten, zusammengestellt, Meisterstücke geben! Wenn doch mehr vollkommene, wenigstens mehr ausgearbeitete Werke erschienen. — Doch dies paßt hier nicht. — Im Ganzen bleib’ ich hartnäckig bey meinen Gedanken, daß das Charakteristische des Ritterkostums im ganzen Geiste nicht so recht dargestellt ist. Aber darüber ein andermal. Dann kommts mir so vor,als wenn nicht die einzelnen Umstände unter Deiner Hand sich Dir dargeboten und sich zu Deinem Zwecke hingeneigt hätten, sondern, als wenn Du sie immer selbst hättest zusammenholen und zum Ziele bringen müssen. Ich meyne, man sieht zu sehr immer das Bedürfniß des Verfassers; es ist alles zu schwach. Auch sind Deine Schilderungen Dir zu häufig entfahren. Ich könnte Dir viel Belege und Beyspiele zeigen, aber das ist zu weitläuftig. Die Schilderung, wie Emma ihren Adalbert nach und nach vergißt, und Friedrich hingegen das Gegentheil, istsehr gut. Aber dadurch daß Emma nachher gleich zwischen Wilhelm, den sie zum erstenmale sieht, und Adalbert, einen ehemaligen wahren Geliebten, dessen Gedächtniß in ihrer Seeleschlummert, gleich eine so grelle Vergleichung anstellt, isthöchst widrig. Die einzige ächt genievolle Stelle, die mir sich aufgedrungen hat, ist die Schilderung von Adalbert’s Hinreiten zur Friedens-Burg, am Ende: diese ist sehr erschütternd. Die Idee in den letzten Versen am Ende ist sehr artig. Die Stelle: Als er am Morgen aufwachte, war Adalbert und sein Versprechen, sein Erster Gedanke: ist ganz aus der menschlichen Seele geschöpft.
Sonnabend. Gestern Abend hab’ ich Deiner Schwester den neuen Theil des Stücks ganz vorgelesen und mich über ihre Urtheilesehrgefreut. Sie stimmten fastdurchaus mit den meinigen überein. Sie sagte sehr richtig bey jener widrigen Stelle: Eine neue heftige Leidenschaftverlischt gänzlich die Erinnerung der alten. In Löwenaus Entschuldigung vor sich selbst sind auch viel wahre und schöne Stellen, nur zerstreut.
Meinen herzlichen Gruß an Deinen Burgsdorf. Wißmann läßt Dich grüßen. Ich freue mich unendlich auf Ostern und auf die Zeit nach Ostern! Ich bestelle Dir noch eineStube und eine Kammer? — Schreib mir bald, mein liebster, einziger Tieck und bleib’ gesund.