XI.

W. H. Wackenroder.

W. H. Wackenroder.

Dienstag.

Mein lieber, bester Tieck!

Unsre Briefe haben sich begegnet, und mit ihnen unsre Seelen. Sollte mein etwas dickleibiges Schreiben ja das Unglück gehabt haben geöffnet zu werden? Nun, was thuts! Was wird man gelacht haben über meine gereimte Verzweiflung, die ich Dir geschickt habe!

Es trägt sehr viel zu meinem Vergnügen, ja zu meinem Leben bey, daß ich Dich in Göttingen so glücklich weiß. Möchte sich das nie ändern, so lange Du dort bist, und möchtest du eine eben so schöne Zukunft erwarten und finden, wenn ich Dich in meine Arme wieder aufnehmen werde. Ich freue mich schon darauf, wie Du mir in Erlangen den Shakespeareerklären wirst. Da ich wenig geistvollen Umgang habe, so thue ich itzt auch, so viel ich auf gute Weise kann. Du hast vielleicht schon aus meiner neulichen Anführung aus einem altdeutschen Gedichte, ersehen, womit ich mich jetzt beschäftige. Ich höre beym Prediger Koch, der in der That ein äußerst gelehrter, kenntnißreicher und eifrig thätiger Mann ist, ein Kollegium über die allgemeine Literatur-Geschichte, vornehmlich über die schönen Wissenschaften unter den Deutschen. Da hab’ ich denn manche sehr interessante Bekanntschaft mit altdeutschen Dichtern gemacht und gesehn, daß dies Studium, mit einigem Geist betrieben, sehr viel Anziehendes hat. Ich habe mir auch einige Stücke abgeschrieben und schmeichle mir jetzt öfters mit der (wenn auch kindischen, dochergötzenden) Hoffnung, einmal in dem Winkel mancher Bibliothek, Entdeckungen in diesem Fach zu machen, oder wenigstens es durch kleine Aufklärungen zu erweitern. Schon Sprache, Etymologie und Wortverwandschaften (besonders auch das Wohlklingende der alten Ostfränkischen Sprache) machen das Lesen jener alten Ueberbleibsel interessant. Aber auch davon abstrahirt, findet man viel Genie und poetischen Geist darin. Du wunderst Dich vielleicht, wie ich auf diese Sachen falle; allein Beschäftigung ist jetzt das Beßte für mich, und zu gelehrt werd’ ich wahrlich nicht werden.

Nächst diesem aber hab’ ich noch ein anderes Lieblingsstudium, was ich, wär’ ich an dem Orte wo Du bist, mit ganzer Seele umfassen würde, und das ist die Archäologie. Ich beneide Dich: wie wollte ich die Göttinger Bibliothek nutzen! Besiehst Du etwa auch dies oder jenes große Werk darin über alte Kunst, so gieb mir doch Nachricht davon. — In Erlangen hoff’ ich meinen Lieblingsneigungen aber mit wahrerer Muße nachhängen zu können, als hier.

Ein paar Neuigkeiten. Im 2ten Stück des 110ten Bandes der Allgemeinen deutschen Bibliothek hab’ ich ganz vor Kurzem Rambachs Theseus auf Kr. recensirt gelesen. Man hat ihm nur etwa 1½ Seite gegönnt, und darauf stand weiter nichts, als: daß der Plan schlecht sey, daß man lange nicht so holprige, unmusikalische Verse gesehn, und daß die Schreibart in Prosa höchst affektirt sey. Die beyden letzten Punkte waren mit einigen Beispielen belegt. Wieder eine Bestätigung meines Urtheils. — — Moritz hatte neulich geheirathet. Siede (der abscheuliche Mensch) ist mit Moritz’s Frau davongegangen? aber man hat sie eingeholt, und Siede sitzt im Arrest. — Bey Moritz fällt mir noch eins ein. Sage mir, erkläre mir, wie kommt es, daß er, allem Anschein nach, jetzt einen so sonderbaren Charakter annimmt: schon seit einiger Zeit hab’ ich vonglaubwürdigenLeuten gehört, daß ersich gegen den Grafen Herzb. auf der Akademie mit derkriechendsten Schmeicheleybezeigen soll. Das ist mir doch noch ein wenig unerklärbarer, als daß er Grammatiken schreiben konnte. Erkläre mir, wenn Du kannst, ich bitte Dich recht sehr, diese räthselhafte Erscheinung an Deinem Zwillingsbruder. Das Faktum darfst Du in der That nicht bezweifeln.

Ueber Adalbert und Emma hast Du mein Urtheil. Natürlich wars nur ein flüchtiger Aufsatz, wie Du nun auch sagst. Daß Emma verächtlich wird, scheint Dir also doch auch so fehlerhaft? Nun wir sind ja immer einig. Deine Schwester wußte mir, als ich’s ihr vorlas, zu meinem Vergnügen viele Parallelstellen aus Deinen älteren Gedichten anzuführen. — Ueber Burgsdorfs Stück hab’ ich Deinen Auftrag bestellt. Warum wirft er’s um? — Und warum verläßt Du Deine arme Anna B. im Tode? frag’ ich Dich sehr ernstlich. Es sollte mir sehr leid thun, wenn der Gegenstand das Interesse für Dich verlohren hätte!

Was urtheilst Du von meinen neulichen Bruchstücken einer Theorie des Umgangs? Es liegt mir etwas daran, es zu wissen. Ich könnte noch manche Nachträge dazu machen, weil in der Eil mir nicht alles beygefallen ist, meine Meynung ganz auseinanderzusetzen und sie gegen mehr als Eine Seite für Einwürfe zu sichern. Z. B. daß mein Vorschlag freilich nur das letzte Refugium ist und es auch sein Widriges hat, wenn man sich etwas dumm oder vielmehr zurückhaltend stellt; daß in Gesellschaft mehrerer Menschen von ganz verschiednem Werth man freilich nicht so ganz offen seine Liebe und Neigung dem einen Theil bezeugen kann, wenn man seine Rolle gegen den andern nicht verpfuschen, und das Reizende eines stundenlangen interessanten Umgangs, durch die unangenehmen Folgen erkaufen will, die bey dem nachher immer fortgesetzten Umgang mit jenen andern die Umwandelungdes Charakters und das Bloßgeben seiner wahren Gesinnungen nach sich ziehn. Mir fällt noch ein Beyspiel ein. Wenn ich einmal von Erziehung spreche und mit allem Eifer das Abgeschmackte der gewöhnlichen Erziehung bestreite, behaupte, daß es ein Gift für Kinder ist, wenn man sie im 4ten Jahre schon mit Strenge zur Schule treibt, sie mit Kenntnissen aller Art vollpfropft, und zu Hause will, daß sie die Zeit so vernünftig eintheilen, und mit ihren Sachen so ökonomisch umgehen sollen wie, — ein vielleicht bald 70jähriger Herr Arnoldi bey uns; — wenn ich mich in dergleichen Diskurse mit Lebhaftigkeit (und ohnedem kann ichs nicht) einlasse, — so erzählt mir den Augenblick darauf mein Herr V. daß er auch seit dem 4ten Jahre in die Schule gegangen ist, mit der größten Trockenheit (denn irgend etwas, was er weiß oder denkt, dochwissenist das rechte Wort, das würde ihm unmöglich, — was sag’ ich! ich glaube er würde krank, wenn er es bey sich behielte —), genug ich bin dann, zumal wenn meine Aeltern dabey sind, aufs Maul geschlagen. Ists nun hier nicht hundertmal besser, wenn ich sage: „Ich halte eine gute Erziehung für äußerst schwer und weiß nicht, wie ich sie am Besten einrichten sollte.“ Und was vergebe ich denn da meinen eigenthümlichen Meynungen? Was schiebe ich mir denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit für Grundsätze unter, deren ich mich zu schämen hätte? — Ich weiß durchaus keine andre Methode als die meinige. Daß sie die bequemste ist und ich sie deswegen schätze, darfst Du wahrlich nicht glauben; denn es würde mir oft weit leichter seyn, mich der drückenden Last meiner Gedanken und Empfindungen zu entladen, als sie in mir zu unterdrücken. — Doch ich will erst Deine Einwürfe gegen das was ich schon gesagt habe, hören, ehe ich mehr sage. Du wirst verzeihen, daß ich so weitläuftig in dieser Sache bin: ich wünschte, daß wir uns auch über diesen Punkt einmal einverständigten, unsre gegenseitigen Meynungenmit einander mischten und in Eine Masse kneteten, die künftig alsdann ein Eigenthum von uns beyden würde, wie wir es schon öfters bey andrer Gelegenheit gemacht haben.

Die übertriebene Reizbarkeit meiner Nerven, für die ich keinen Namen habe, und auf die ich in der That nicht stolz seyn darf, ist mir bey jenem Umgange auch sehr zur Last. Jedem andern würde ich Räthsel sprechen, aberDuwirst in meine Seele eindringen, wenn ich Dir sage, daß der bloße Anblick eines Menschen wie — mir im eigentlichen Verstandewehethut, mir Schmerzen macht. Blos ihn ansehen, macht meine Brust so beklemmt, daß ich nicht frey Athem hohlen kann. Ja was mehr ist, ich kann ihn kaum ansehen, ohne in mir die unbehaglichste Empfindung des Widerwillens und der Abneigung zu fühlen; eine Empfindung, die gewiß, öfter wiederholt, einen nachtheiligen Einfluß hat, den Kopf abstumpft und — das Herz verdirbt. Jede Fröhlichkeit, jede Liebe, jede Zuneigung veredelt uns, ist selber Tugend; jedes Gefühl, wovon Haß die Wurzel ist, verschlechtert und erniedrigt uns. Dies sind Grundsätze, von denen ich itzt vollkommen überzeugt bin. Auch verstehe ich itzt ungleich mehr, als sonst, was Du mir einst sagtest: daß der Anblick eines schönen und ausdrucksvollen Gemähldes, ja der Genuß des Schönen in allen schönen Künsten,ganz unmittelbardas Herz veredelt und die Seele erhebt. Ich fühl’ es so deutlich, wenn ich nur Dein Gesicht ansehe, so bin ich gut, aberseinGesicht, das verstimmt ganz und gar die harmonischen Saiten meiner Seele.

Noch eine Probe meiner Reizbarkeit mußte ich neulich erfahren. Des Abends ward bey Tische aus einer neuen Seereise, die rührende Geschichte eines Schiffskapitäns erzählt, der von seinen rebellirenden Leuten auf ein Boot ausgesetzt, und mit der größten Lebensgefahr und unter allaugenblicklicher Furcht vor Hunger zu sterben mit wenigen seiner treuen Gefährten von Otaheiti nach England zurückgekommen war.Dies machte mich so mißmüthig, daß ich gleich zu Bette gieng. Ich hatte eine Empfindung, als wenn mir vor mir selber ekelte, daß ich hier so ruhig und glücklich säße; es war mir, als hätt’ ich Unglück mit Gold erkaufen können, und meinen Körper geißeln und kasteien. Dabey kam ich aber nachher auf die Idee, diese Empfindung in eine Ode zu bringen, und überhaupt, eine ganz eigne Art von Oden einzuführen: Eine Art, die ich lyrische Gedichte κατ’ ἐξοχην nennen würde, und die immer meine Lieblingsgattung gewesen sind. Es sollen treue Gemählde der Empfindung und Leidenschaft seyn, ganz individuell und ganz nach der Natur gemalt. Sie sollen den ächten, wahren Ausbruch der Leidenschaft darstellen, ihren Keim, ihre Quelle andeuten, auf ihre Folgen führen und so dazu dienen, Menschen Menschenherzen kennen zu lehren, Menschen Menschen zu erklären und zu entdecken, und Menschen vor Menschen zu vertheidigen. Sie sollen zeigen, wie der Glückliche und Unglückliche durch das Uebermaaß seiner Empfindung zu Verbrechen geleitet werden kann; sie sollen den kältesten Hörer erwärmen und mit sich fortreißen, daß er am Ende selbst erschrickt, wohin er sich gestürzt sieht, aber eben dadurch aufs Fühlbarste lerne, wie er von empfindenden Menschen urtheilen soll. Einige Oden von Stollberg sind ganz in diesem Charakter. Schillers Oden sind die unerreichbaren Muster dieser Gattung. Sieh dagegen Ramlersche Oden an, und — horazische! Der Leser ist immer außerhalb der Welt des Dichters, und kann nur Kritik des Plans anwenden. Wie anders ist das dort? Man mag nachher freilich auch den Dichter als Dichter betrachten und bewundern, man mag seinen Plan analysiren: allein, was ist dies auch für ein Plan? Kein Plan! es ist der feurige Strom der Leidenschaft, der wie die Lava vom Aetna ströhmt, wo nicht die Frage ist, warum diese Welle auf jene folgt, warum jene größere alle kleineren vor sich verschlingt! wo inder Natur, im Original alles Beweisen der Vollkommenheit des Stücks liegt! Hier muß man ganz zur Person der Ode werden, ganz selbst empfinden, selbst Dichter seyn. Bey Ramler hingegen muß man seinen Scharfsinn anstrengen, um die künstliche und ausstudierte Kombination seiner Ideen und klugen Gedanken zu fassen und zu schätzen. Ich hoffe, Du wirst mich ganz so verstehen, wie ich mich selbst verstehe. — Die Ode, die ich Dir neulich schickte, sollte ein kleiner Versuch in dieser Art seyn. In der, wovon ich Dir vorher sagte, wollte ich die Empfindung eines Menschen schildern, der von dem tausendfachen Elend der Menschheit bey eigener Zufriedenheit so niedergedrückt wird, daß er sich in einsame Wüsten stürzt, und in wahnsinniger Schwärmerey auf die Idee kommt, sich allerley Pönitenzen aufzulegen. Sollte eine solche Ode nicht ein helles Licht auf jene schwärmerischen Eremiten des Mittelalters werfen, und den Weg, wenigstens Einen Weg zeigen, auf welchem die Menschen zu Handlungen kommen, die den meisten so widersinnig und abgeschmackt scheinen, daß sie jene für ganz vernunftlose, fast nicht zur Menschheit gehörende Wesen halten? nicht zeigen, daß es grade das Gefühl ihrer Menschheit war, die sie zu ihren paradoxen Ideen leitete? Ich habe schon mehr dergleichen Entwürfe im Kopf, aber bis itzt, bey tausend Hindernissen und Störungen noch ganz unmöglich Zeit gehabt, einen auszuführen. — Was meine kleinen lyrischen Gedichte überhaupt betrifft, so sind sie alle mehr empfindungs- als gedankenvoll, weil sie mir weit mehr lyrisch auf jene Art, als auf diese scheinen, und diejenigen, (welche die meisten sind,) die ein Ausbruch meiner eigenen individuellen Empfindung waren, werden einen Beitrag zur Geschichte meines Geistes ausmachen.

Als Juristen, wenn ich je einer werden sollte, wird meine Empfindsamkeit mir auch eine wahre Bürde seyn. Ein paar Abende hat mir mein Vater Akten eines kleinen Prozesses gezeigtund sie mich ganz durchlesen lassen. Es ist wahr, zur rechten Darstellung der Hauptumstände des Faktums, zur Beurtheilung desselben, und zur Anwendung der Gesetze darauf, gehört eine gewisse Kritik, die allerdings den Verstand beschäftigt und schärft, wenigstens bey etwas schwierigen Sachen. Und alle Kritik ist, wie ich jetzt ganz wohl einsehe, eine schätzbare und liebenswürdige Thätigkeit des Geistes. Aber abgerechnet, daß sie in der Jurisprudenz oft höchst unsicher ist, daß ihre Freiheit durch positive Gesetze, Gewohnheiten und tausend Kleinigkeiten eingeschränkt wird, und daß es kein sehr tröstlicher Gedanke seyn kann, sich mit seinem guten Gewissen allein zu beruhigen, und gänzlich ungewiß zu seyn, ob man, weil der Mensch nicht allwissend ist, und Prozesse doch ein Ende haben müssen, wirklich nach der Gerechtigkeit entschieden, oder, getäuscht, wer weiß wie viel Menschen unglücklich gemacht habe: — das alles abgerechnet, ist es schon eine mir äußerst widrige Aussicht: daß ich meinen kalten Verstand brauchen soll, wo Herzen gegeneinander stoßen; daß ich das Feuer der Leidenschaft mit Wasser ersticken, — den Knoten des mannigfaltig verschlungenen Interesses so vieler zerhauen, — einen Vorfall, über den ich, wenn ich ihn auf der Bühne dargestellt sähe, von dem innigsten Mitleid durchdrungen, in Thränen zerflöße, einen solchen Vorfall — wie eine Variante einer gemeinen Leseart ansehen, und überlegen, ausrechnen soll, ob er in den Zusammenhang paßt oder nicht. Freilich ist eine Jurisprudenz im Staate nöthig; freilich ist es nöthig, daß der Richter, (ich kann nicht anders sprechen, weil ich durchaus nicht sehe, wie das Gegentheil seyn könnte), daß er menschliche Empfindung verläugnen, und sich zu einem kalt die Handlungen der Menschen abwägenden Wesen über die Menschheit erhöhen muß; freilich! — Nurich! — Und, um wider auf Kritik zurückzukommen, so gestehst Du mir gewiß leicht ein, daßsienicht das edelste Bestreben, und das höchste Verdienst des Menschenseyn kann. Sie besteht immer nur in Vergleichung, Zusammensetzung und Trennung dessen, was schon da ist, im Verwandeln des schon existirenden. NurSchaffenbringt uns der Gottheit näher; und der Künstler, der Dichter,istSchöpfer. Es lebe die Kunst! Sie allein erhebt uns über die Erde, und macht uns unsers Himmels würdig. —

Mein Freund Schuderoff hat unswiedergeschrieben. Die Freude über eine Braut, die ein äußerst liebenswürdiges Mädchen seyn muß, hat ihn in einen ausgelassenen Taumel von Freude versetzt. Er schreibt mit der muthwilligsten Laune. Er will uns mit offenen Armen erwarten, und gar nicht einmal mit 14 Tagen zufrieden seyn. Wir werden göttlich bey ihm leben.

Schreib mir, wenn Du kannst, litterarische und archäologische Neuigkeiten und Alterthümer, — von den Göttinger Gelehrten Etwas u. s. w. Forkels Geschmack thut mir leid. — Bleib gesund. Keinen Augenblick länger Zeit! Grüß Burgsdorf! Schreibe bald.

W. H. Wackenroder.

W. H. Wackenroder.

Im Januar 1793.

Lieber, bester Tieck.

Eben komm’ ich vom Hofjäger zurück, wo ich mit Bernhardi den ganzen Nachmittag im Saal gesessen habe, um beym Kaffee, ich meinen herrlichen Brief von Dir, Er den seinigen und einen Theil des kleinen Trauerspiels zu studieren. Er hat mir eben aufgetragen, Dir zu danken, daß Du ihm heut einen sosehrangenehmen Nachmittag gemacht hast. Auf dem Rückwege war er sehr heiter und laut, und hat mir lauter Stellen aus Axur vorgesungen, die sich ihm unauslöschlich eingeprägt haben, und die ihn außerordentlich entzücken. Ichdanke Dir, daß Du ihm die Freude gemacht, mir einen so kolossalen Brief zu bringen; denn, daichheut Mittag keinen erhielt, kam er mir ganz unerwartet. Es ist sonderbar, daß ich erst heute durch Deine Antworten auf unsre Briefe erfahren habe, daß er wieder hypochondrisch ist; gegen mich hat er sich nichts merken lassen, und ich bin so glücklich gewesen, auch nichts an ihm zu merken, wie ich mich denn bey dergleichen Vorfällen oft leicht täuschen kann. Ich sollte nicht denken, daß er zu viel arbeitete, und Bewegung macht er sich auch gewiß hinlänglich, denn er geht itzt alle Nachmittage zum Hofjäger und trinkt dort Kaffee. Zerstreuungen hat er doch auch sonst genug, sollt’ ich meynen. Er ist nicht mit sich selbst zufrieden, er fühlt Mißbehagen in seiner Lage, wie er mir heut gestand. Unglückseliger Zustand! Welches Mittel vermag etwas gegen dieses Uebel, zumal wenn man es so sorgfältig in seinem Busen verschließt und da veralten läßt, wenn man sich mit der heitern Aussenseite verstellter, erzwungner Fröhlichkeit gegen jede Arzeney, gegen alle zuvorkommende Hülfsleistung waffnet. Aber ich denke, Bernhardi wird bald besser. Deine melancholische Träumerey, mit der Du Dich wohl schon ein Jahr getragen hast, daß Du ihn nicht wiedersehen werdest, ist eine Grille, von der ich durchaus keinen Grund sehe, und wobey Dein Ahndungsgeist ganz zuverläßig Dich betrügt. Ich begreife gar nicht, wie Du Dir solche aus der Luft gegriffene Ideen in den Kopf setzen kannst. — Es freut mich, daß Du Bernhardi so liebst, denn er verdients und liebt Dich außerordentlich. Ja wohl ist er itzt hier mein bester, mein einziger Freund. Wen hab’ ich denn auch sonst? Wen hab’ ich? — O wie glücklich preise ich Dich in Deinem gelehrten Cirkel! Ich kann es Dir bey diesen Umständen kaum verdenken, daß Du mir mit lächelnder Miene schreibst: ich behandelte die Materie über meinen hiesigen Umgang und mein Verhalten dabey wohl zu ernsthaft; daß Du Dich weiter gar nicht über meine, aus den Wundeneines kranken Herzens fliessende Klagen auslässest; und mich mit einem Paar allgemeiner Sätze abfertigest, die eine so unbestimmte Mittelstraße angeben, als nur irgend ein Gemeinplatz eines pflegmatischen Moralisten thun kann. Das ewige: Nicht zu viel und nicht zu wenig! Die allgemeinsten Ausdrücke, die sich erdenken lassen! Die vagesten Begriffe, so unpraktisch, so unbefriedigend! Wie gesagt, man kann es dem Glücklichen nicht verargen, wenn er den Mangelleidenden aus lauter Gutwilligkeit mit einem Trost abspeist, der gar nichts ist; weil — er den Mangel nicht kennt. Er verstehts nicht besser. In dem Fall bist Du. Mein Geschwätz muß Dir freilich fremd und unverständlich vorgekommen seyn; Du mußt freilich glauben, daß die Gedanken, die ich äußere, übertrieben und überspannt sind; daß ich viele Sachen viel zu ernsthaft fasse, sie viel zu unverhältnißmäßig würdige, ihnen einen viel zu großen Einfluß zuschreibe; blos weil Du sie nicht genug kennst und Dich in die Umstände nicht genug hinein denken kannst. Ich kenne das! Aber ich versichere Dich, daß es nicht so ist, als Du wähnst, nicht so seyn kann. Glaube mir auf mein Wort, daß Du keinen Tag lang die Situation halten könntest, die Aufopferungen, den Zwang erdulden könntest, dem ich itzt ausgesetzt bin. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich nach Freiheit lechze. Gott, wie verzeihlich ist es, sie zu mißbrauchen, wenn man so lange gequält ist. In Erlangen soll auch nicht Eine Menschenstimme mich geniren! Und in dieser Rücksicht ist mir der Abschied von Berlin fast noch willkommner, als er mir in anderer schmerzhaft ist. Je länger ich von Dir entfernt gewesen bin, desto mehr hab ich Dich vermißt. Ach Gott, ich fühl es leider so lebhaft, — wär’ ich länger noch von Dir getrennt, so würdest Du einen ganz andern Menschen wiederfinden. Auch nicht Eine halbe Stunde voll Enthusiasmus und Freundschaftsseligkeit, — Himmel sonst berauschte ich mich jeden Tag mit diesen hohen Gefühlen,— auch nicht Eine hab’ ich in Deiner Abwesenheit verlebt, — wenigstens nichtmiteinem andern. Es wäre kein Wunder, wenn ich itzt die Heraldik studierte, — doch nein! Vielleicht schreib ich grade in einer trüben Stunde.

Sey doch nicht bange, daß ich mit der altdeutschen Poesie meinen Geschmack verderbe. Was soll ich anders thun, als mich auf Dinge legen, die meinen Geist mit weniger erhabenen Ideen nähren!Diehelfen mir jetzt nicht; sie lassen mir Deinen Mangel desto deutlicher fühlen. Was hilft es mir itzt, den Shakspeare zu lesen? Was hülf’s mir, ein noch so schönes Gedicht zu schreiben? Ich müßte mich auslachen! Du kennst übrigens sehr wenig von den altdeutschen Litteraten, wenn Du blos die Minnesinger kennst. Ueberhaupt ist sie zu wenig bekannt. Sie enthält sehr viel Gutes, Interessantes und Charakteristisches, und ist für Geschichte der Nation und des Geistes sehr wichtig.

Ich habe mich schon lange gewundert, daß Du mich nicht gefragt hast, was ich von den Franzosen denke. Ich denke ganz mit Dir gleich von ihnen, und stimme von ganzem Herzen in Deinen Enthusiasmus ein, das versichere ich Dich. Aber ich kann mich nicht enthalten, Dir folgendes zu sagen. Ich spreche hier durchaus mit keinem Menschen von den Franzosen; und zwar darum, weil jeder von ihnen spricht, ihre größten Thaten immer mit einem Lächeln erzählt, als wollt’ er sagen: Was die närrischen Leute nicht für Dinge thun! Und wer mit diesem Lächeln davon spricht, dem möcht ich gleich eine Ohrfeige geben. — Auch denk’ ich sehr wenig über die Angelegenheiten nach: — ich weiß selbst nicht, wies kommt. — Auch lese ich die Zeitungen nicht, weil ich nicht Zeit habe, und alles von andern höre. — Endlich würd ich, wenn ich ein Franzose wäre, so stolz ich auf mein Vaterland und meine Nation seyn würde, doch gewiß nicht Soldat werden und den Säbel oder das Gewehr in die Hand nehmen, weil ich meinLeben und meine Gesundheit zu sehr liebe, und zu wenig körperlichen Muth besitze. Ich weiß, daß Du Dich über meine Dreistigkeit, Dir meine krassesten Grundsätze so nakt darzustellen, wundern wirst; daß Du nicht wirst begreifen können, wie man in der That von dieser Sache begeistert seyn kann, ohne auch Muth genug in sich zu fühlen, dabey selbst mitzuwirken; ich weiß, daß ich durch mein offenherziges Geständniß, wenigstens auf ein paar Stunden, Deinen Zorn auf mich lade. Allein bedenke nur: kannst Du von irgend einem Menschen Heldenmuth und Tapferkeit verlangen, die er nicht hat. Ich bin sehr davon zurückgekommen, diese körperlichen Tugenden gering zu achten: aber, —ichhabe sie nicht; und es ist unmöglich, daß Du mir das zur Sünde machen kannst; ich thue Verzicht auf diese Größe. Auch bin ich einmal so eingerichtet, daß die idealische Kunstschönheit der Lieblingsgegenstand meines Geistes ist; ich kann mich unmöglich von lebhaftem Interesse hingerissen fühlen, wenn ich in den Zeitungen lese, daß die Preußen itzt diesen, die Franzosen itzt jenen Ort eingenommen haben, und was dergleichen Partikularia mehr sind; alles ist mir etwas zu fern, — zu wenig sichtbar, geht mir zu langsam, stimmt nicht mit dem idealischen Gange meiner Phantasie, macht mich unruhig, befriedigt mich nicht. Vieles können die ungewaschnen Urtheile bey mir gethan haben. Soviel itzt davon; mündlich mehr. Ich werde nur zu aufrichtig gegen Dich gewesen seyn.

Ich muß nur Deinen Brief nach der Reihe beantworten, daß ich nichts vergesse.

Mein Freund bey Jena heirathet itzt im Januar, und wird mir, hoff’ ich, bald schreiben. Wir werden wohl grade um Ostern, oder ein Paar Tage vor oder nach Ostern, von hier abreisen. Ich muß Dich also ernstlich bitten, daß Du beyguter Zeit hier bist, das heißt, 8, oder über 8 oder 14 Tage vor Ostern. (Ostern ist den 31. März.) In der That, Du mußt über 8 Tage vor Ostern schon hier seyn. Und warum sollte das auch nicht gehen? Durch die Kollegia wirst Du Dich ja nicht abhalten lassen. Wenn Du nur erst hier wärst; und bist Du hier, so werd’ ich gewiß wünschen: wenn wir nur erst fort wären. Wie wird es aber mit unsrer Reise werden? Das liegt mir noch alles zu sehr im Dunkeln. An einem Abend, als ich bey Dir war, entwarfen wir zwar in größter Geschwindigkeit einen sehr artigen Plan, allein ich zweifle itzt beinahe, daß er sich ganz wird ausführen lassen, wie es denn oft den guten und frommen Wünschen, deren uns in Einer Viertelstunde oft 10 aufstoßen, ergeben muß. Fürs erste wird unsre Zeit sehr kurz seyn. Mein lieber Prediger macht mir schon in seinem Briefe ein Gesicht dafür, daß ich nur von 8–14 Tagen spreche; und neulich wollte man mich schon versichern, daß die Kollegia in Erlangen in der Mitte des April angiengen. Indeß mag das nun seyn wie es will, unsre Zeit wird immer sehr kurz seyn. Ueberdies darf man der Jahrszeit so wenig trauen, daß wir von einem Aufenthalt in Wörlitz vielleicht wenig Vergnügen erwarten dürften. Und wie sollten wir uns auch bequem dort aufhalten können, wenn wir, wie es doch seyn wird, mit der Post reisen? An Excursionen von Halle aus will ich gar nicht einmal denken. Das kürzeste und zweckmässigste wäre immer wohl, in Einem Strich nach Jena zu reisen. Und dazu würde ich auch in den ersten Tagen weit eher aufgelegt seyn, als in Wörlitz zu lustwandeln, wozu ich eben nicht Laune haben möchte. — Bei allem dem würde es mir doch herzlich leid thun, wenn Deine Schwester dadurch einer angenehmen kleinen Reise, worauf sie sich gefreut hat, verlustig gehen sollte.Langewenigstens, und an vielen Orten könnten wir uns wenigstens nicht aufhalten.

Vom Theater. Daß ich sehr leicht von einem Extrem aufs andre falle, ist nur zu wahr. Aber bey Menschenhaß und Reue ist das nicht mein Fall, und ist es nie gewesen. Ich schätze die schönen und rührenden Scenen so sehr als sonst, und habe nur eingesehen, daß die komischen Personen, die mir sonst so weise angebracht schienen, ziemlich ungeschickt angebracht sind u. s. w. — Dein Enthusiasmus über die Räuber und über Schiller ist einmal wieder ganz aus meiner Seele gestohlen. — Du begreifst nicht, wie Fleck in einem schlechten Stück schön spielen könne? Du hast Recht; ich habe mich nur falsch ausgedrückt, wie es öfters geht, wenn man seine besonderen Erfahrungen und Beobachtungen einem Abwesenden mittheilt, der alsdann manches undeutlich und unbestimmt findet. In einer schlechten Rolle kann ohnmöglich ein Schauspieler gut spielen. Allein —dochläßt es sich in gewissem Verstande gedenken. Das heißt, gewisse Empfindungsausdrücke, die leicht zu finden und allgemein gebraucht sind, die Ausrufungen, das Ach und das Wehe, die Lücken, die der Dichter läßt, daß sie durch stummes Mienenspiel oder durch schöne Gebehrden ausgefüllt werden sollen, — hier ist der Ort, wo sich der Schauspieler noch immer zeigen kann; hier in einzelnen Stellen, im Ganzen freilich nicht. Und jenes meynte ich auch nur. — Ueber Kaselitzens Spiel in dem Barbier von Sevilla bin ich ganz mit Dir einig; und auch was Du über die Karrikaturen sagst, unterschreibe ich von ganzer Seele. Es ist viel wahres und treffendes darin. — Neulich hab’ ich ein neues Stück: Die falschen Entdeckungen, Lustspiel nach Marivaux in 4 Akten gesehen; ein Stück was äusserst artig ist, und voller Empfindung und Feinheit. Die letztere wird vorzüglich durch das unnachahmliche Spiel der Engst gehoben. Auch Unzelmann spielt vortrefflich drin. Er ist jetzt ganz und gar mein Liebling, und ich halte ihn fast für den vollkommensten Schauspieler vom hiesigen Theater; und fast möchte ich auchdies Fast noch ausstreichen. Er spielt im Ganzen, immer gut, in den verschiedensten Rollen. Bey jenem Stück sah ich noch ein andres neues: Der Richter, Lustspiel in 2 Aufzügen nach Mercier; simpel, aber voller Wahrheit, worin Fleck einen alten Bauern spielt. — Seitdem habe ich die Nina wiedergesehen, und bin von der ausdrucksvollen Musik und von dem Gesange der Unzelmann, worin nichts als ächtes Gefühl ist, beinahe bis zu Thränen gerührt. — Am Mittwoch war zum erstenmal: Ludwig der Springer, Rittertrauerspiel von Hageman (Akteur in Hannover), zum Benefiz für Herdt. — Neulich habe ich die neue Oper von Righini (aus Maynz) gesehen. Die Musik ist in einigen Stellen, besonders in Terzetten, Duetten u. s. w. voll Gedanken und Geist, und wird hier sehr bewundert. Nur sieht mir zuweilen der Italiäner mit seinen sangbaren und einfachen Melodieen, wie sie seyn sollten, die aber nur zu sehr an bekannte und gemeine Lieder-Weisen und Tanzmusik gränzen und etwas zu gewöhnlich sind, durch. Da ich Dir von den Schönheiten nichts zur Probe geben kann, so muß ich so undankbar seyn, Dir eine abgeschmackte Idee des Komponisten mitzutheilen, welche beweist, daß Leute sich in Geniestreichen oft gewaltig täuschen können. Er hat sich vermuthlich auf seine Originalität etwas zu Gute gethan, wenn er das Orakel, das 6 oder 8 Verse sind, beständig indemselbenTone singen läßt. Allein um es noch origineller zu machen, hat er, — kann man sich etwas widersinnigers denken? — hat er diesen Einen stets ausgehaltenen Ton von nichts weiter als von den künstlichsten Bravourpassagien in den hohen Regionen der Violine begleiten lassen. Es ist ein Exempel über alle Exempel von verdorbenem Ausdruck! Trompeten oder andre Blasinstrumente müssen ihm zu gemein gewesen seyn. — Noch von Einem Theaterprodukt muß ich ein paar Worte sagen, und Du solltest wohl nicht den Verfasser rathen: Es ist Bernhardi. Er wird Dir ehestens ein Nachspiel schicken, das er seit Michaelisbeinahe schon, im eigentlichen Verstande,verfertigthat. Du kennst meine Langsamkeit und Selbstkritik im Schreiben; aber gegen ihn bin ich hierin noch sehr zurück. Er hat alle Zeit und Mühe darauf verwandt, und weißt Du, was seine Absicht ist? Was sein Lohn seyn soll? Ein Freybillet in der Komödie. Ich gönne es ihm herzlich. Er hat eine Abschrift neulich an Hagemeister gegeben, weil er es nach einiger Ueberlegung am Ende fürs beste gehalten hat, es durch diesen Weg zu Engel gelangen zu lassen. Er ist sehr ängstlich und oft fürs Auspochen bange gewesen, weil er dem groben Geschmack des Publikums nicht ganz Genüge gethan zu haben glaubt. Indeß will er sich, auch im Fall, daß seinem Kinde etwas Menschliches begegnen sollte, mit dem Gedanken beruhigen, er habe es nicht besser machen können, und wisse nun woran er sey. Wenigstens sagt er das; wenn es auch seine wahre Meynung wohl nicht seyn kann. Denn so ruhig ist nicht leichter einer über das Schicksal seiner Produkte, (als Du,) am mindesten Er, der sich so gern den Schein dieser Gleichmüthigkeit giebt. — Du siehst mich an und frägst nach dem Gehalt des Stücks? Es ist ein artiges kleines Intriguenstück, worin vielBernhardischeFeinheit, aber kein Geniezug ist. Kein Wort steht umsonst da; er hat das Ganze wol ein halbes Dutzend mal, und das Detail wohl noch öfter umgearbeitet, und kein wiederholtes Abschreiben gescheut. Plan, Knoten, Auflösung, Einleitung und die ganze künstliche Baumeister-Arbeit am Stück, ist Lineal und Winkelmaaß, nach richtigen An- und Ueberschlägen, Kalkulen und Entwürfen, ausgearbeitet. Und wirklich haben eine Scene, worin viel Empfindung ist, einige komische Züge und einige Bernhardische Delikatessen mir sehr wohl gefallen und mir ein Interesse für das Stück, besonders für einzelne Scenen abgewonnen. Doch aber glaub’ ich, daß das Publikum, wenn es nicht grade gestimmt ist, etwas ernsthaft zu seyn und Acht zu geben, zuweilen — Langeweilefühlen könnte, — das Berliner Publikum nämlich. Du kannst Dir bey diesen Umständen denken, wie mißlich meine Lage gewesen sey, wenn er mich um mein Urtheil befragte, da ich seine Absicht bey dem Stücke wußte. Ich habe mich so schicklich als möglich zu nehmen gesucht. So viel davon. Nun magst Du selbst urtheilen. Das Launige, Komische hat er, da dies nicht in seinem natürlichen Charakter liegt, mit Mühe, — — aber ich will nichts weiter davon sagen. Genug, — es ist sonderbar, wie auffallend die Manier von der Deinigen, selbst in der hingeworfenen Probe eines Nachspiels, die Du mir in Berlin auf Michaelis vorlasest, ist. Allein es ist dennoch viel Gutes darin, und macht Bernhardi als ein Werk seiner Beharrlichkeit und seiner Kritik, wie ich glaube, Ehre. — — Doch noch Eins, was hieher gehört. Wie kommt’s, daß Du mir gar nichts von dem kleinen Drama schreibst, das Du an Bernhardi geschickt hast? Es gefällt ihm sehr; ich habe es aber noch nicht lesen können, weil er es einem neuen hiesigen Buchhändler, Nauke, zur Probe Deines Styls geliehen hat, welcher, wie er mit ihm verabredet hat, Deinen Abdallah drucken wird, und Dir für Deine 24 Bogen 96 Rthlr. verspricht. Bernhardi hat mir vieles aus seinem Briefe von Dir vorgelesen, so wie ich ihm vieles aus meinem: aus jenem haben wir beyde mit Vergnügen Deine Kühnheit und Dreistigkeit in Autorplanen ersehen. Es ist in der That itzt der beßte Weg, zu einem gemächlichen Leben zu gelangen, daß man drucken lasse.

Varia.Um noch einmal auf meinen jetzigen Hang zur altdeutschen Poesie zurückzukommen, so kann ichs mir sehr wohl denken, daß ich, wenn ich wieder in Deinem Umgang und in Deiner Lieblingsdichter Umgang hinein komme, sie ganz vergesse, und ihr Studium vielleicht mit der Diplomatik und anderen dieses Gelichters in Eine Klasse setze. Aber jetzt häng’ ich daran, weil ich — dem Himmel seys geklagt, — an keinmenschliches Herz hängen kann, das meinen Geist ganz glücklich machte. Den Geschmack und den Gaumen, denk’ ich doch, werd’ ich mir nicht verderben. Wer kann immer so ängstlich wählen, was ihm grade am heilsamsten ist? Man ißt auch einmal harte Speisen. — Die Minnesinger sind, so viel ich sie kenne, freilich einförmig. — Die Beobachtungen für die alte Sprache, und ihre Verwandtschaft mit der andern, sind auch oft interessanter als das poetische Verdienst. Aber dies sucht man doch sehr oft nicht vergeblich. Sehn wir uns, so kann ich Dir manches Schöne aus dem Heldenbuche mittheilen, das ich itzt gelesen habe.

Schmols sonderbares Benehmen bey einem Abentheuer, das er sich selbst, wie ein Don Quixotte fingirt hat, ist so abentheuerlich wie möglich. Ich kann gar nicht fassen, wie ein vernünftiger Mensch, und der schien er mir doch wenigstens vor ein Paar Jahren, so unvernünftige Dinge angeben kann.

Es kränkt mich, daß Du Dich so gewaltsam von Deinem sonstigen Zwillingsbruder Moritz losreissest. Es ist, nach der Parallele, in der ich Dich und ihn sonst betrachtete, und mit Recht, da Du mich selbst darauf geleitet, fastnicht möglich, daß er sich itzt so weit von Dir entfernen sollte. Es ist sehr übereilt, so rasch, — darf ich hier nicht im allereigentlichsten Sinne sagen: von Einem Extrem aufs andre zu fallen? Es kann mir nichts kränkender seyn, als eine solche Beobachtung bestätigt zu sehen.

Du verlangst, daß ich nicht nach Erlangen wegen einer Wohnung schreiben soll? Aber,demohnerachtet, hab ichsdoch, und grade mit dieser Post gethan. Meine Aeltern wollens, der Sicherheit wegen. Indeß, soll das Quartier, nur auf 1 Monat oder höchstens 1 Viertel Jahr gemiethet werden, damit wir im Nothfall ausziehn können; — und, wenns irgend angeht, aus 2 Stuben und 1 Kammer dicht nebeneinander in Einem Hause, bestehn. Ist Dir dies recht? — In der Thatviel, daß Schwieger sich entschließt, heimlich mit Dir nach Erlangen zu gehen. Sag mir, wie ist er jetzt?

Deine gelehrte Gesellschaft ist vortrefflich. Das glaub’ ich, daß so etwas zur Thätigkeit anspornt und zum vergnügten Leben viel beyträgt. — Du gehst ja mit lauter Edelleuten um!

Ich muß bedauern, daß Deine scharfsinnige Hypothese über die Genesis meines kleinen Gedichts, — ein Fehlschuß ist. Die Veranlassung war keine andre, als daß einige Frauen, die ich gekannt und geschätzt hatte, Bekannten von meinen Aeltern, kürzlich hintereinander gestorben waren und traurige Männer hinterlassen hatten. (Die Frau in dem Gedicht soll also nicht ermordet, sondern natürlichen Todes gestorben seyn.) Du wirst hieraus, was in dem Dinge unnatürlich ist, erklären können; denn ich schrieb aus meiner Seele und wollte mich doch in eine fremde versetzen. Was Du vom zu Individuellen dieser lyrischen Poesie sprichst, muß wohl wahr seyn; aber es ist ganz sonderbar, daß ich itzt in diesen Fehler verfalle. Mündlich mehr darüber. Ich weiß noch gar nicht, wie das kommt. Ich soll bey Deiner Poesie nicht denken statt zu empfinden. Sehr gut. Aber thust Du’s nicht auch zuweilen? Ifflands Elise von Valberg hast Du mir mit einem so gleichgültigen Tone getadelt und bekrittelt, als wäre nichts oder wenig Schönes drin. Behüte, daß ich die Kritik verachten sollte! Aber das Gefühl geht doch bey einemsolchenStücke vor, und ich kann mich ärgern, wenn man von hinten anfängt: einzelne Fehler in der Oekonomie des Stücks rügt, ehe man sich von den in die Augen fallenden, vortretenden Schönheiten in der Behandlung der Scenen und Charaktere entzücken läßt. Doch sehr vermuthlich rede ich einmal wieder in die Luft, und treffe Dich nicht, oder habe Dich damals nicht recht gefaßt.

Ramler war in meinen Augen der größeste Dichter, alsich noch keinen andern kannte. Aber auch in Ansehung seiner bin ich wirklich nicht aufs andre Extrem verfallen.

Ich muß gestehen, so ganz habe ich Dich über das Idealisiren noch nicht gefaßt.Mündlichmehr davon. Du wirst mir wieder ächte Begeisterung geben. — Ich muß wohl auf einem falschen Wege gewesen seyn und besonders in die dramatische Poesie einen Eingriff gethan haben. In der That, ich bekenne, ich hatte neulich die Idee, daß dergleichen Stellen wie der Monolog Seyn oder Nichtseyn, u. s. w. die schönsten lyrischen Gedichte geben würden; aber ich sehe itzt so viel ein, daß sie alles Interesse verlieren würden.

Was Du nun wieder für Zeug machst? Deine Anna Boleyn liegen zu lassen. Es wäre mirsehr leid, wenn auf immer. Was hast Du denn wieder dran zu kritteln?

Wie sehr freut es mich, daß Du froh, heiter und leichteren Blutes in Göttingen geworden bist. Wirklich noch vor weniger als einem Jahre hab’ ich das nicht von Dir erwartet. Und wenn Du Dich zurückerinnerst, wirst Du Dir von Dir selber ein Gleiches gestehen müssen. Wie der Mensch, — wie selbst ein Mensch wie Du sich doch ändern kann! — Himmel, ist es wahr, daß Du nicht mehr jener unglückselige melancholische bist, den die Welt anekelt, der Du doch an jenem traurigen Abend warst? Sieh, ich sagte Dir damals schon, es wäre unmöglich, daß Du es immer seyn und bleiben könntest, und Du, mein Lieber, mein beßter Tieck, Du meyntest, daß all’ Dein Frohsinn nur täuschender Ueberzug über schwarzen Mißmuth seyn könne. O Dank dem Himmel, Dank Dir, wenn Du es nicht mehr bist. Wohl mir, wohl! Der Erde ist ein Wesen wiedergegeben, daß mehr als irgend eins, Glückseligkeit verdient! Ein Engel, ein Gott hat Dich gewandelt! Dein Lächeln ist keine Grimasse mehr! Ich darf nicht mehr zittern, wenn Du froh bist, daß in Deinem Herzen tausend Stacheln die Freude zerreissen. Wohl mir, Du wirst auch gegen michkünftig immer so nackt, so wahr erscheinen als Du bist, auch nicht eine Minute lang einen trüben Gedanken ersticken, eine Falte vom Gesicht wegzwingen. Die Welt hat Dich wieder. Dein Freund darf Dich als ein ihm gleiches Geschöpf, nicht als einen fremdartigen der Erde nicht zugehörigen Geist, an seine Brust drücken, und mit Dir, an Deinem Arme alle Seligkeit genießen, die die Phantasie in diesem Leben uns vorzaubert. — Du siehst noch immer mit einem wehmüthigen Lächeln meinen Freundschafts-Enthusiasmus an. So lange dieser Geist in mir athmet, wird er nicht erlöschen, oder ich müßte ein ganz andrer Mensch werden. Ichkannihn nicht unterdrücken. — O wir wollen künftig zusammen wie im Himmel leben!

Schreib’ mir ja bald, wenn Du kommen wirst. Ich erwarte, 14 Tage vor Ostern. Das wäre vortrefflich. —

Dein FreundW. H. Wackenroder.

Dein Freund

W. H. Wackenroder.

Berl., Jan. 93.

Mein liebster Tieck!

In der Hälfte Deines kleinen Briefchens sagst Du mir auf 10 verschiedne Arten, daß ich Dir nicht schriebe und daß ich Dir schreiben solle, belegst mich auch mit dem ehrenvollen Titel eines fleißigen Briefschreibers. Den will ich auch nicht verscherzen. Unsre Briefe haben sich wieder begegnet.

Den Roßtrapp habe ich Deiner Schwester gegeben. InAnsehung dieses und Deiner übrigen Arbeiten fürs Publikum, mögen Rambach und Bernhardi Dir das Weitere schreiben, und diese Autorgeschäfte mit Dir betreiben. Allein, was soll ich zu dem Gedichte selber sagen? Fürs erste, so dünkt mich, daß es immer etwas, wo nichtviel, verdirbt, wenn man viele Sachen so flüchtig und nachläßig arbeitet; und ich wünschte nicht, daß Du hierin Rambachs Nachfolger werden möchtest. Es ist zwar eine blendende Einbildung, daß man dadurch mehr Fertigkeit, mehr Reichthum an Ideen und Wendungen erhalte; allein es ist wenig mehr als Einbildung. Denn man verwöhnt sich durch diese Art zu schreiben gewiß am Ende so sehr, daß man nachher nicht mehr etwas Langsames, Durchdachtes, in allen Theilen so viel als möglich Vollkommenes, zu Stande bringen kann. An hundert Orten bringt man zerstreut sehr artige Gedanken und Bilderchen an, und in allem was man hervorbringt ist ein Etwas, aber nichts Ganzes von Schönheit, und so verliert man die Kraft, die Stärke und die Beharrlichkeit, ein Werk zu schaffen, worin man nach Gewissen jeden einzelnen Theil, bis auf Kleinigkeiten, so ausgefeilt und der Vollkommenheit so nahe zu bringen gesucht hat, daß man das Ganze ein Produkt seiner höchsten und edelsten Anstrengung nennen darf. Und im Grunde sollte jeder Dichter und Künstler doch bey jedem Werke wenigstens den Vorsatz haben, es so zu vollenden, wie es seine Kräfte, in ihrer wirksamsten Thätigkeit, nur immer erlaubten. Ich glaube freilich weniger, daß meine Besorgnisse bei Dir wirklich eintreffen möchten, als ich diese Gedanken für andere (z. B. Rambach) treffend glaube. — Dein Roßtrapp ist gar nicht sonderlich und hat die Ehre, noch ziemlich unter der Emma und Adalbert zu stehen. (Das ist doch freymüthig genug?) Die Erfindung? könnte, dünkt mich, weit besser seyn. Daß ein Mädchen auf einem Pferde über den tiefen Abgrund einmal herübergesetzt hat, weil sie von einem Riesenverfolgt ist, ist eine triviale Fiktion, die — ich auch hätte erfinden können, und die durch die Ausführung in ein noch dürftigeres Licht gestellt wird. Die ganze Erzählung hat gar keine Haltbarkeit, kein Interesse, kein Leben: warum verfolgt der Riese das Hirtenvölkchen? Was will das Geisterwesen eigentlich sagen? Warum schützt das Diadem vor dem Riesen? Warum ziehen die Geister und Alles am Ende von dem Ort weg? Das liegt alles im Nebel. Und dann hast Du wohl in der Mitte den Eingang vergessen: ein Minnesinger kommt in die Harzgegend (der Anfang in Prosa enthält noch die meiste Kraft und Phantasie), beschreibt sich selbst (doch etwas steif, als wenn er dem Landschaftsmaler abgerissene Ideen angäbe), die Gegend, und fängt hierauf zum Zeitvertreib an, sich in Versen, die er, wenn es ihm zu unbequem wird, auch ohne Reim vorlieb nimmt, ein Geschichtchen vorzusingen. Ein kurieuser Minnesinger! Er muß närrische Launen gehabt haben! Ich hätt’ ihn sehen mögen, wie er da in der einsamen Gegend sitzt und sich ein Mährchen singt! — Warum ist nicht das Ganze Ein Ausfluß der Phantasie von Anfang an in Versen? warum läßt Du ihn nicht in einem lyrischen Gemählde die Gegend besingen, in lyrischer Begeisterung die Begebenheiten der Vorzeit ihn als gegenwärtig sehen? Und dann die Verse! Ganz gewiß hast Du das Stück nie laut gelesen, oder Du müßtest es denn in der Absicht gelesen haben, um Dir selber Spaß zu machen; sonst, wenn es Dir wieder etwas Neues seyn sollte, will ich Dir ein kleines Pröbchen zum besten geben:

Die Mädchen:Das GlückMit holdem BlickWohntHier und sonntIm BuchenhainSich im Frühlingsschein.

Die Mädchen:Das GlückMit holdem BlickWohntHier und sonntIm BuchenhainSich im Frühlingsschein.

Die Mädchen:Das GlückMit holdem BlickWohntHier und sonntIm BuchenhainSich im Frühlingsschein.

Die Mädchen:

Das Glück

Mit holdem Blick

Wohnt

Hier und sonnt

Im Buchenhain

Sich im Frühlingsschein.

Und mehr dergleichen Verse, die in der That wahre Knittelverse sind. — Auch Bilder, wie: der Donner stößt sich an den Klippen wund, hast Du wohl nur Spaßes halber hingeschrieben. Du siehst wie beredt ich bin, wenn Du einmal etwas Mittelmäßiges oder Schlechtes hervorbringst.Somachens die kleinen Geister, welche die größern weit zu übersehen glauben, wenn sie im Stande sind in den Bastardgeburten ihres Geistes Fehler zu entdecken, die sie selbst nicht einmal zu machen vermögen. Bey Meisterstücken schweigen sie still, und wissen nicht was sie sagen sollen, weil sie viel zu eingeschränkt sind, die verborgene Quelle der Schönheiten aufzuspüren, und nach Verdienst die Schönheiten zu würdigen. So mach ichs auch!

Neulich hab’ ich das neue Ritterstück: Ludwig der Springer gesehen. Ein dürftigeres, anfängermäßigeres, bedauernswertheres, nüchterneres, faderes, unbedeutenderes, nichtssagenderes, gemeineres, gewöhnlicheres, — (aber ich komme außer Athem!) Stück kenn’ ich gar nicht. So ohne einen Funken, ohne einen Schatten von tragischem Geist, Empfindung, Durchführung von Charakteren und Situationen geschrieben? Es ist so kurz, daß die Hauptpersonen nur grade so viel Zeit haben zu sprechen, als um die Geschichte die zum Grunde liegt, zu erfahren nöthig ist: alles nichts als ein dialogisirtes historisches Compendium. Alles nur Skelett, Thema zur Ausführung. Nicht eine einzige Rolle, nicht eine einzige Scene, wobey das Herz warmen Antheil nähme. Der Plan: wie ein Spinnengewebe. Vorn ein Sancho Pansa, der den Spaßmacher spielt. Wenn die Hauptpersonen den Gang der Handlungen fortführen sollen, werden ein Paar Gefangenwärter, oder dergleichen Gesindel eingeschoben, die uns indeß mit den trivialsten Späßen die Zeit vertreiben. Die Baranius hält im Gericht die Feuerprobe aus und das Ende ist ein Rittergefecht: beydes ist interessanteranzusehen als das ganze Stück zu hören; denn die sehr genau beobachteten, stummen Ceremonien eines heimlichen Gerichts, und der Pomp der Turnierrüstungen verfehlt nie den Eindruck. Von der schönen edlen! Sprache eine Probe: „Da müßt ihr Pferde anspannen lassen, wenn ihr mich von der Stelle bringen wollt,“ spricht Ludwig im höchsten Zorn. Der leibhaftige Fuhrmann, der in der Trunkenheit, den Hut auf einem Ohr, die Hände in die Seite setzt. Doch das ganze Ding verdient nicht, daß ich ein Wort mehr darüber sage.

Bernhardi hat itzt schnell den Entschluß gefaßt sein Nachspiel selbst an Engel zu bringen. Vorher hat ers Hagemeistern gewiesen, der es gelobt hat. — Neulich ist eine neue Operette: die unruhige Nacht, nach Goldoni, Musik von Lasser in München, 2 Tage hintereinander ausgepocht worden.

Aber was heißen alle diese Neuigkeiten gegen die, welche ich Dir itzo vortragen will. Lege Dein Gesicht in Falten, bereite Dich auf einen großen Gedanken vor, und setze Deine Seele in eine gemäße Stimmung. Triumph und Viktoria, 3 mal und 4 mal! mein Glück, mein Heil ist gekommen; ich bin emporgehoben aus dem Staube, und stoße an den Orion mit meinem Scheitel. Nun erst wag’ ich es, Dich brüderlich zu umarmen und mit Dir vereint dem Tempel der Unsterblichkeit zuzufliegen. Fort mit allen Phantasien, die itzt vielleicht wie schwarze Wolken Deinen Kopf durchziehen; sie sind nichts gegen das was Du hören wirst! Gebiete den kleinsten Gedanken Deiner Seele eine feierliche Stille, und laß in dieser erhaben-majestätischen Pause Deine Geistesthätigkeit Dir die goldenen, himmlischen Worte Deine beyden Ohren füllen: Ich bin Schriftsteller, und abermals: ich bin Schriftsteller. — — — Allein ich muß mich wohl von meiner schwindlichten Höhe herablassen und Dir in der Sprache derMenschenin aller Kürze erzählen:Cur, quomodo,quando.(N. B.Alles was Du jetzt hörst sind die tiefsten Geheimnisse, nur für Dich, mich und Bernhardi offen.)

Bernhardi ist zum Mitarbeiter an einer neuen Monathsschrift engagirt, die Rambach und Heydemann (vielleichtauch von Zöllner, Jenisch, Eschenburg und Veit Weber unterstützt) bald herausgeben wollen. Nun bat er mich so dringend und unabläßig, ihm meine Ode an die Zeit, die ich ihm einmal vorgelesen, hier zum Drucke anzuvertrauen, daß ich es ihm in der That nicht abschlagen konnte. Er wollte durchaus die Gründe meines Weigerns wissen, und da fast der Hauptgrund war, daß ich in einer zum Theil doch etwas verdächtigen Gesellschaft, und in einem so ephemeren, verachteten, plebejen Werkchen mich in der Welt nicht zuerst produciren wollte, so mußte ich, da ich ihm diesen Grund nicht gut sagen konnte, ihm keinen Grund zu haben scheinen. Genug, ich mußte ihm, halb gezwungen, die Ode (mit einigen Veränderungen) geben: nur ließ ich mir strenge Verschwiegenheit von ihm versprechen. Nun hat er sie an Rambach und Heydemann vorgelesen, aber in einiger Entfernung, damit sie meine Hand nicht erkennen sollten; sie hat Beyfall gefunden und wird nun wahrscheinlich gedruckt werden. Was das komischeste aber ist, so hat Bernhardi Rambachen im Vertrauen gesteckt, die Ode wäre von seinem Freund Schmiedecke; und freut sich schon im Voraus auf die komische Scene, die dadurch zwischen diesem und Rambach entstehn wird, da ohne Zweifel Schmiedecke, wenn ihm der geschwätzige Rambach die Ode auf den Kopf zusagt, den Unwissenden besser als irgend einer spielen wird. Ob Bernhardi an der Scherzlüge klug gethan hat, und ob Rambach bey seinem Glauben bleiben, oder nicht doch auf mich argwöhnen wird, welches mir nicht lieb wäre, weiß ich nicht. Unter die Ode habe ich den Namen Agathon gesetzt, weil das mein Lieblingsname ist.

Ich habe eine Bitte an Dich. Da Du im vorigen FrühlingeMatthisonsMutter gesprochen hast, so kannst Du mir vielleicht schreiben wo, wann er gebohren, wo er itzt ist, und was Du sonst von seiner Jugendgeschichte und seinen Lebensumständen weißt. Vergiß es nicht in Deinem nächsten Briefe. — Hast Du noch die sibirische Anthologie von Schiller? —

Du willst mich gern den Roßtrapp auf Ostern in Natura sehn lassen? Aber die Jahreszeit, das Wetter und unsre eingeschränkte Zeit! Es ist wohl kaum möglich. Ich muß Verzicht darauf thun. Wir werden unsre Reise so simpel und aufenthaltlos als möglich machen müssen. Auch bitte ich Dich, so viel ich bitten kann, lieber Tieck, daß Du so schnell als möglich, auf dem kürzesten Weg, und so bald als möglich hier bist: und es, wenn auch nur auf ein Paar Tage (damit Du uns nicht wieder in Sorgen setzest) im Voraus bestimmst, wann Du anzukommen gedenkst. Wie dringend wünschte ich Dich 14, oder Dich doch zwischen 8 und 14 Tage vor Ostern (dem letzten März) hier zu sehen! Deine Schwester stimmt ganz in meine Wünsche ein.

Du wirst wohl sehen, lieber Tieck, daß ich bis hieher noch nicht Dein Trauerspiel: der Abschied, gelesen hatte; denn wovon hätte ich Dir sonst zuerst schreiben können, als hiervon? Und wie ist es möglich, daß in Deinen Briefen an mich nichts davon steht? Himmel Du hast mir wieder eine sehr glückliche Stunde gemacht, hast mich ganz hineingezaubert in die Zeiten, da wir noch hier zusammen lebten und zusammen empfanden. O es ist nicht wahr, daß ich die Schönheiten hier nicht bis auf die allerfeinste fühlen sollte! Ich fühl’ es, ich fühl’ es, wie alles aus dem Strohm der Empfindung eines vollen Herzens geschöpft ist. Wovon soll ichanfangen? Es hat mich gerührt, entzückt! Ganz in dem Göthen’schen Geist des Werthers, der Stella, gedichtet! Ganz Gemählde, treustes Gemählde der erhabenen, ätherischen und schwärmerischen Gefühle, die wir so manchesmal in den Stunden der Seligkeit mit einander wechselten. Hast Du bey der Stelle, wo Luise das von ihrem Geliebten komponirte Lied: „Wie war ich doch so wonnereich,“ spielt, an mich gedacht, so dank ich Dir: glücklich fühl’ ich mich, wenn mein Andenken Dich insolchenStunden umschwebt. Wie lautere Natur ist Ramstein! Ich wäre außer mir, wenn ich ihn einmal, Du den Weller, spielen könnte! Wie unnachahmlich die 2 Scenen zwischen Luise und R.! wie wahr der glühende und kochende Ehemann! wie wahr die lenkbare Schwachheit des weiblichen Charakters! Ueberall die feinsten Züge verstreut! Es ist mir nicht möglich, Dich itzt auf Einzelnes aufmerksam zu machen; Du wirst Dir die Stellen hinzudenken, worüber ich so vorzüglich entzückt ward: vielleicht hätte das Ende etwas besser ausgearbeitet seyn können; und noch gewisser wage ich zu behaupten, daßzuweilender Dichter die Personen noch immer mehr von ihrer Empfindung sprechen, als sie, ihrer Empfindung gemäß, sich ausdrücken läßt. Doch der Glanz des Ganzen verschlingt diese Flecken. Wärst Du hier, wir wolltens zusammen lesen, und jeden Augenblick würde ich Dir mein Entzücken zu erkennen geben. Aber so kann ich nichts auszeichnen, es ist zu viel, und ich bin zu voll. O laß doch dieReimereyseyn!Hierist Dein Wirkungskreis, im Feld des Tragischen und der trüben Melancholie. Wie glücklich wär’ ich, wenn ich etwas ähnliches dichten könnte! Diese Gattung würde meine Lieblingsgattung seyn! Ich danke Dir inniglich, mein lieber, mein bester Tieck, für das süße Vergnügen, was Du mir gemacht hast!

Warum bearbeitest Du den „Orest in Ritterzeiten“ nicht? —

Schreib’ mir bald, — schreib’ wann Du kommst.


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