Waagen, Gustav Friedrich.

Geb. zu Hamburg am 11. Februar 1794. — Direktor der Gemälde-Gallerie der königl. Museen; seit 1844 Professor der Kunstgeschichte an der k. Universität Berlin.Ueber die Maler van Eyck (1822.) — Kunstwerke und Künstler in England und Paris, 3 Bde. (1837–39.) — Kunstwerke und Künstler in Deutschland, 2 Bde. (1843–45.)Aus vielen vorhandenen Zuschriften, welche W. an seinen verehrten Freund und Oheim im Laufe langer intimster Verhältnisse gerichtet, haben wir nur einen ausgewählt, und diesen gerade, weil er vom Tode der unvergeßlichen Dorothea handelt, und uns die Menschen und ihr Verhältniß zu einander klar macht. An alle übrigen durften wir uns, ihrer Familien-Beziehungen halber, nicht wagen. Als erwünschten Anhang zu diesem Briefe geben wir eine Einlage des späteren königl. General-Adjutanten und Gesandten in Rom[14], Freiherrn von Willisen. (Nr. 4.) — Zwei höchst bedeutende Schreiben Tieck’s (Nr. 1 und 2) hat dieser schon, als für den Druck bestimmt, in Abschrift seiner Sammlung beigefügt.

Geb. zu Hamburg am 11. Februar 1794. — Direktor der Gemälde-Gallerie der königl. Museen; seit 1844 Professor der Kunstgeschichte an der k. Universität Berlin.

Ueber die Maler van Eyck (1822.) — Kunstwerke und Künstler in England und Paris, 3 Bde. (1837–39.) — Kunstwerke und Künstler in Deutschland, 2 Bde. (1843–45.)

Aus vielen vorhandenen Zuschriften, welche W. an seinen verehrten Freund und Oheim im Laufe langer intimster Verhältnisse gerichtet, haben wir nur einen ausgewählt, und diesen gerade, weil er vom Tode der unvergeßlichen Dorothea handelt, und uns die Menschen und ihr Verhältniß zu einander klar macht. An alle übrigen durften wir uns, ihrer Familien-Beziehungen halber, nicht wagen. Als erwünschten Anhang zu diesem Briefe geben wir eine Einlage des späteren königl. General-Adjutanten und Gesandten in Rom[14], Freiherrn von Willisen. (Nr. 4.) — Zwei höchst bedeutende Schreiben Tieck’s (Nr. 1 und 2) hat dieser schon, als für den Druck bestimmt, in Abschrift seiner Sammlung beigefügt.

Ludwig Tieck an Waagen.

Zibingen, den 4. Febr. 1815.

Mein liebster Gustav!

Immer wieder von neuem erfreut mich Deine Liebe zu mir, und jedes Wort von Deiner Hand thut mir wohl, nur schmerzt es mich zu hart, daß Dein Gesundheitszustand so wenig ist, wie er sein sollte, daß Du schon seit vier Monaten das Zimmer nicht hast verlassen können. Ich hoffe, mit dem Frühjahr soll es Dir besser gehn. Dieser Winter ist ungesund, und ich habe mich auch seit lange nicht wohl befunden, so daß auch meine Arbeiten auf mancherlei Art sind unterbrochen worden. Es thut mir, wie Dir leid, daß Du nicht nach Heidelberg gehen kannst, indessen mußt Du Dir nicht schon vorher Deinen künftigen Aufenthalt in der Phantasie zu sehr verleiden; Breslau hat schöne Denkmäler der Architectur, merkwürdige Alterthümer, herrliche Bibliotheken, in denen sich wahre Seltenheiten, auch treffliche Manuscripte befinden. Das Volk gefällt mir eben so wenig, wie Dir, indessen leben doch viele ausgezeichnete Menschen dort, wovon Dich viele, wie ich hoffe, gut und freundlich aufnehmen werden: was ich Dir dort irgend nützlich sein kann, soll Dir gewiß nicht fehlen, ich will Dir an v. d. Hagen einen Brief schicken, den zweiten Raumer kennst Du durch den Bruder, doch werde ich noch Deinetwegen an ihn schreiben. Du hast doch den Vortheil zum wenigsten, daß Du bei Verwandten im Hause wohnen wirst, wo Du wie ein Sohn und Bruder wirst sein können, und Dich nicht plötzlich in eine fremde ferne Welt hinausgestoßen fühlen, was Einem in den jungen Jahren recht bange thun kann. Vielleicht hast Du in der Zukunft doch noch Gelegenheit zu reisen, vielleicht auch noch auf einer andern Universitätzu studiren. Hüte Dich nur, das ist das Wichtigste, vor der Hypochondrie, lerne Dich ein, jede Stunde des Lebens zu genießen und froh zu sein; der heitre Mensch lernt und denkt in einer Stunde mehr, als der trübe und verstimmte in Wochen. Nur Heiterkeit bringt den wahren, gedeihlichen Fleiß hervor. —

Es ist schön, daß Du so fleißig bist, ich hoffe, Du bist es nicht zu sehr; nur, Liebster, hast Du denn auch gute Ausgaben der Classiker? Denn das ist die Hauptsache, um sie in Deinen Jahren mit Nutzen zu lesen. Vielleicht kann Dir Gustav Alberti damit aushelfen. Theile Dir Deinen Tag etwas ein, und ermüde Dich nicht zu lange über einem und demselben Buch. Lies ja auch Griechische Autoren, Plutarch, wenn Du schon so weit bist, den Thucydides, und neben dem Homer den Sophocles. Tacitus ist erst wahrhaft groß in seinen Annalen und der Geschichte. Was Du mir vom Horaz und Virgil schreibst, begreife ich wohl. Ich habe an mir selbst und an Mitschülern in der Jugend die Erfahrung gemacht, daß diejenigen jungen Leute, die wirklichen Sinn für die Poesie hatten, lange Zeit den Alten keinen Geschmack abgewinnen konnten. Trifft es sich, wie es natürlich geht, daß wir unter den Neuern Lieblinge antreffen, und uns irgend einen großen Dichter der neuern Zeit befreunden, so werden dadurch leicht die größten Schönheiten des Alterthums auf gewisse Weise verdunkelt, so daß uns erst späterhin wieder der Sinn für diese aufgeht. Dazu kommt, daß die einfache, rührende Größe des Alterthums erst recht einleuchtet, wenn wir vieles in uns überwunden, durchlebt, Irrthümer erfahren und abgelegt haben. Warum soll denn auch die Jugend das Interessante, Blendende, Sonderbare nicht vorziehen dürfen? Doch laß Dich, mein Lieber, ja nicht in Deiner Verehrung für den Cervantes irre machen, so ist es nicht gemeint, und ich wünschte nur, Du könntest diesen großen Meister erst Spanischlesen, um ihn noch mehr zu verehren; studire nur recht den Shakspeare und Goethe, und wohin Dich Deine Neigung führt, die bei Deinem wahrhaft poetischen Gemüthe gewiß nichts Abgeschmacktes oder Unedles ergreifen wird. Es kann ja auch sein, daß in Dir selber ein zukünftiger Dichter schläft, und jemehr dies der Fall ist, je bestimmter und einseitiger wirst Du vieles von Dir zurückstoßen und Dir andres gewaltsam aneignen: die Universalität sollen wir in der Jugend, und vielleicht nie, haben; ein frühzeitiges Streben danach erstickt Talent und Urtheil, und viele neuere Schulen, die neben der Sprachgelehrsamkeit auch ästhetisch hierin haben verfahren wollen, sind auf dem allerfalschesten Wege gewesen. Alles, was ich aber hier gesagt habe, kann sich überhaupt kaum auf die Römer beziehn, und ich theile hierüber nur Deine Gefühle, denn genau zu sprechen, haben sie wohl keine Dichtkunst, wie keine Kunst besessen; Herrschen, Reden, Geschichte schreiben, Krieg führen, dies waren ihre Talente. Was sie an Poesie aufzuweisen haben (wenn nicht das Alte, Einheimische untergegangen ist) ist auch nie national geworden, wie bei den Griechen: was ist Plautus und Terenz anders, als Uebertragung und Verderbung griechischer Vorbilder? Wie mögen die Verse der griechischen Lyriker anders ausgesehen haben, als wir sie beim Horaz wieder finden? Da, wo wir ihm auf der Spur sind, sehn wir den Unterschied nur gar zu deutlich. Der originellste Dichter der Römer ist nach meiner Meinung Ovid, nur ist er oft gering und klein; Catull ist mir sehr lieb, und im Horaz seh ich den feinen, edlen Weltmann, mich erheitert die Urbanität seiner Gesinnungen und mich reizt die Eleganz seines Ausdrucks, aber wenn ich an große, an wahre Dichter denke, ist er der Letzte, der mir in’s Gedächtniß kommt. Darum sind auch seine Satyren eigentlich nur das Werk, von dem man als einem recht eigenthümlichensprechen kann. Welchen falschen Einfluß sein lustiger Briefad Pisones, den manars poeticahat nennen wollen, auf die Bildung der neuern Welt gehabt hat, wird Dir wohl noch einmal in Zukunft recht deutlich werden. Kann es eine unglücklichere Aufgabe für einen Poeten geben, als überhaupt die Art des Landbaus beschreiben zu wollen und zu lehren, oder gar wie es Virgil gethan hat? Das sind die Gedichte, die nur entstehn können, wenn ein Volk Luxus genug hat, um auch Dichter haben zu wollen, mißverstandenen Stolz genug, daß sie lehrreich sein, und Verirrung aller Begriffe, Mangel an Kunst und Enthusiasmus, daß sie sich mit gezwungener Künstlichkeit auf etwas beziehen sollen. Wie sieht dagegen das unschuldige, aus dem Gemüth geschriebene, aber freilich auch unpoetische alte Spruchgedicht des Hesiodus aus! Ueberhaupt, Lieber, mache Dich nur mit frischem Muth an die Griechen, und ich bin fest überzeugt, daß sie Dir einleuchten und Dich begeistern werden, ohne daß deshalb Deiner zärtlichen Liebe für die Neuern Eintrag geschieht.

Wie Du den Homer liebst, weiß ich; auswendig muß man ihn wissen, er ist kein Dichter mehr, er ist Natur, Menschheit und Kunst selbst; kannst Du zum Aeschylos und Sophocles gelangen, so studire sie, und auch nachher den Pindar. Euripides ist eine höchst merkwürdige Zerbrechung griechischer Kunstvollendung und mir darum sehr lieb und wahr, weil er mir manche große Erscheinung der Neuern erklären hilft. Gegenüber die großen Prosaiker Herodot, Thucydides und dann Plato, Aristoteles, welche Namen! Der Theocrit wird Dir gewiß zusagen, um so weniger Dir Geßner gefällt. Livius, Tacitus, alle Geschichtschreiber der Römer studire fleißig und die lateinischen Dichter der Sprache, weniger des Inhalts wegen. Die Philologie ist überhaupt eine Wissenschaft, in der sich alles in einem herrlichen Zirkel vereinigt, und selbst das Unbedeutende wichtig wird, weil es erklärt, etwas Wichtigeserhellt, und so durch das ganze Studium Ein Leben geht. — Erhalte Dich nur gesund, halte gute Diät, bewege Dich im Freien, wenn das mildere Wetter eintritt. Will Dich Melankolie überschleichen, so gedenke an den Wechsel aller Dinge, den Untergang der Staaten und Herrscher, und übe Dich, auch das Größte und Ernsteste im komischen Lichte zu sehen. — Vielleicht findet sich im Frühjahr Gelegenheit, daß Du uns besuchst, ich möchte noch mündlich über vielerlei Gegenstände mit Dir sprechen: in Prag warst Du heiter, sei immer so; damals war die Lage der Welt gewiß trostlos und Deine eigene nicht erfreulich zu nennen. —

Ich bin diesen Sommer acht Wochen in Berlin gewesen; die letzten drei Wochen war Martins da, ich habe ihn aber nicht gesehen, ob ich ihm gleich durch andre sagen ließ, wo ich wohnte. Das hat mir von dem jungen Menschen nicht gefallen, gegen den ich doch, wie Du selbst gesehen hast, in Prag so freundschaftlich und hülfreich gewesen bin, wie ich es nur sein konnte. Ich hoffe, Wilhelm soll in seinem neuen Berufe glücklich und zufrieden werden, ich wünsche ihm alles Glück.

Wenn ich glauben soll, daß Dir dieser lange Brief Freude und nicht Verdruß gemacht hat, so antworte mir recht bald. Quäle Dich nur mit Deiner Hand; glaube nur, es hat mich auch in Deinen Jahren viel Mühe gekostet, deutlich zu schreiben. Dich umarmt

DeinFreundLudwig Tieck.

Dein

Freund

Ludwig Tieck.

Ludwig Tieck an Waagen.

Ziebingen, d. 30. März 1815.

Lieber Gustav.

Nimm meinen herzlichsten Glückwunsch an auf dem Wege zu Deiner neuen Bestimmung. Gewiß wirst Du Dir einen neuen Muth zum Leben fassen und immer mehr einsehn lernen, daß unser guter Wille eins und alles ist, was wir bringen können, um zu erlangen, was wir erstreben. Darum wirst Du auch gewiß Deine Aengstlichkeit verlieren und Deine Anlage zur Heiterkeit wird sich immer mehr entwickeln. Du findest ja auch Freunde in dem Orte Deiner Bestimmung, und ich hoffe, daß die Einlagen Dir einigen Nutzen gewähren sollen. Meinst Du, daß ich Dir bei irgend wem sonst noch helfen kann, so brauchst Du mir nur einen Wink darüber zu geben, um mich bereitwillig zu finden. Vergiß ja niemals, daß die Universitäten nicht dazu da sein können, den Gelehrten zu vollenden, sondern nur um dem Studirenden den ganzen Apparat, alles Werkzeug, alle Handhaben zu geben, damit er in Zukunft ein Gelehrter werde. Denn nur zu oft geschieht es, daß ein junger Mann sich abängstigt, wenn er sieht, wie viel ihm fehlt, wie vieles so manche seiner Lehrer schon besitzen. Er übertreibt oft Arbeit und Anstrengung, um denen gleich zu werden. Aber Umsicht soll er gewinnen, sich zurecht finden lernen, Ordnung, Zusammenhang begreifen. Die Köpfe, die schon als Studenten sich als wahre Gelehrte ankündigen und oft die schönsten Hoffnungen erregen, haben nur selten diese Hoffnungen erfüllt. Man stürzt sich auch gar zu leicht auf ein einseitiges Studium, gewinnt hier wirklich Grund und Boden,und hat es in spätern Jahren dann um so schwerer, den Zusammenhang wieder zu finden, den man über einseitiger Anstrengung verfehlen mußte. Alle guten Köpfe müssen doch eigentlich Autodidacten werden, nur nicht zu früh: Die Universität schlägt uns das Gesammte der Wissenschaft wie ein Buch auf, damit wir in so weit uns und die Gelehrsamkeit kennen lernen, zu sehen, wohin wir unsre Wünsche richten möchten; wir ahnden dann, wo noch Dunkelheit, Lücke ist, die wir erhellen oder ausfüllen möchten, sei’s im Einzelnen oder im Ganzen. Schreibe mir doch ja von Zeit zu Zeit, und suche im Griechischen weiter zu kommen.

An Raumer findest Du einen reichen und hellen Kopf; Hagen ist sehr bewandert im Fach des Altdeutschen. Steffens kennst Du; nur, (unter uns gesagt) laß Dich von der Philosophie nicht so reizen, daß sie Dir, wie so vielen jungen Leuten, alle Zeit und Kräfte wegnimmt. Denn des bösen Einflusses nicht zu gedenken, den eine solche Einseitigkeit auf Gesinnung und Charakter meist hat, so vergiß nicht, daß man Philosophie immer studiren kann und in reifern Jahren um so besser, daß man aber nicht so die versäumten Sprachen, die gründliche Geschichte nachholen kann. Doch übe Dich im Denken, weise nichts ab, was Dir Anfangs nicht einleuchten will, sei aber wo möglich eben so wenig polemisch gegen, wie anbetend und bekehrend für Deine Lehrer gestimmt. Logik besonders haben die neuern Philosophen zu sehr vernachlässigt; sie ist die Vorschule. Hast Du Dich geübt, so wird Dein Sinn Dich später schon auf die Philosophie führen, die Dir die rechte ist, oder Du siehst ein, daß Du kein Talent dazu hast. Denker sollen wir alle, aber nicht alle Philosophen sein, so wenig wie Violinspieler. Sprachen, Geschichte, Alterthümer, und wo möglich alles recht im Zusammenhang, das muß Dein Haupt-Augenmerk sein, wenn Du noch die Absicht hast, keines der eigentlichen Brodstudien zu erwählen.

Grüße vorerst Steffens und seine Frau, und Raumers recht herzlich von mir, recht bald sollen sie auch einen Brief erhalten. Sei nur froh und heiter, und erhalte Dich gesund.

DeinDich liebender FreundL. Tieck.

Dein

Dich liebender Freund

L. Tieck.

Waagen an Tieck.

Berlin, den 20ten März 41.

Liebster Onkel.

Ich bin überzeugt, Du wirst es nicht für Mangel an Theilnahme halten, daß ich Dir bisher nicht geschrieben. Jeder hat seine Art zu fühlen, und die meinige ist, daß mir in einem solchen Fall, der die Natur bis in ihre geheimsten Tiefen durchschüttert, jedes, auch das bestgemeinte, das innigste Wort so unbeschreiblich dürftig und arm erscheint, daß ich eine gewisse Scheu habe, es auszusprechen. Und was konnt’ ich vollends einem Manne wie Dir sagen, der dieses vor so vielen andern auf seine Weise durcharbeiten muß! Von der Größe Deines Schmerzes konnt ich mir aus dem, den ich empfand und noch empfinde, eine Vorstellung machen, denn nach dem Tode des seeligen Vaters hat kein Fall mich so erschüttert, als dieser. So muß das Gefühl sein, wenn man eine unendlich geliebte Schwester verliert, denn es ist mit Dorothee mir ein Wesen hingeschieden, was zu meinen geistigen Lebenselementen gehörte und mir durchaus unersetzlich ist. Ich habe ihr Todtenopfer auf meine Weise dadurch begangen, daß ich mir alle die schönen Zeiten, welche ich in Deinem Hause von frühster Kindheit mit ihr erlebt, auf das lebhafteste vergegenwärtigt habe.Ihr ganzes Wesen, die wunderbare Einfachheit, Wahrheit und Schlichtheit, womit sie sich über die tiefsten und zartesten Beziehungen des Lebens aussprach, was ich immer am meisten an ihr bewunderte, ist mir dadurch auf das Erquicklichste vor die Seele getreten. Nach einem solchen Verlust müßen alle Deine Freunde sich enger und inniger an Dich anschließen, und so fühle auch ich denn die reine Liebe, mit der ich Dir von ganzem Herzen zugethan bin, liebster Freund, jetzt doppelt lebhaft. Du bist mir von Kindesbeinen an mit Rath und That immer ein treuer Eckhart gewesen. Es hat mich daher sehr beruhigt, daß Dein Schmerz sich bald in Thränen hat Luft machen können. Sehr gefreut hat es mich aber, daß Du den Blick in die Zukunft richtest, daß Du durch Umziehen und Reisen ein neues Leben beginnen willst. Gewiß die rechte und einzige Weise, um einen solchen Schlag in Deinen Jahren zu verwinden, wie die Faßung dieser Entschlüße dafür bürgt, daß es Dir gelingen wird. Wie unendlich leid thut es mir jetzt, daß die vielen Geschäfte, welche der Regierungswechsel im vorigen Jahre mir zu Wege brachte, mich verhindert haben, den alten, beglückenden Zustand als ein Glied Deiner Familie noch einmal zu genießen! Mit Deinem Herkommen im Laufe dieses Sommers, wird dafür ein Lieblingswunsch von mir in Erfüllung gehen. Dein Aufenthalt in Sanssouci gestaltet sich jetzt sehr behaglich; an dem Dich so sehr verehrenden Willisen wirst Du einen treuen und feinen Vermittler in allen Deinen Beziehungen zum König und auch in allen Dingen einen höchst practischen Beistand haben. Du kannst Dich ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen hingeben, da er einer der wenigen Menschen ist, die durchaus zuverläßig sind. Wie freue ich mich darauf, Dir bei der Schau des Museums alles möglichst bequem zu machen!

In meinen Arbeiten bin ich seit meiner Rückkunft aus Wien viel gestört worden, indeß wird doch der erste Theil meinesReiseberichts, der das Erzgebirge, die Städte in Franken, so wie Nördlingen und Augsburg umfaßt, in diesem Frühjahr bei Brockhaus gedruckt werden können. — Seit vier Wochen leide ich so sehr an einem heftigen Anfall von Hämorrhoiden, daß ich das Zimmer hüten muß und von Schmerzen und schmaler Diät ganz matt bin.

Da außer Dir Schlegel, Schelling, Cornelius und die Grimms diesen Sommer hier sein werden, wird hier ein recht lebhafter geistiger Verkehr stattfinden. Nur den treuen Raumer wirst Du freilich immer sehr vermißen.

Mit der Bitte der herzlichsten Grüße an die Gräfin, womit auch Blandine die ihrigen für Dich und sie vereinigt in treuer Liebe

Ganz DeinGustav Waagen.

Ganz Dein

Gustav Waagen.

Berlin, 20/2. 41.

Verehrtester Herr Hofrath.

Unser gnädigster Herr und geliebtester König denkt schon jetzt oft mit Freuden an die Zeit, die Sie im nächsten Sommer hier zubringen werden. Unter Besonderem, was er davon hofft, sagte er neulich, wolle er Sie veranlassen, auf dem Theater im Neuen Palais, also nur vor einem kleinen eingeladenen Publikum, die Aufführung eines antiken griechischen Trauerspiels ins Werk zu setzen. Wir sprachen natürlich mehr von der Schwierigkeit des Unternehmens und ich sagte dann bald, daß Sie jeden Falls die Aufgabe wenn nicht besser doch für sich selbst angenehmer lösen würden, wenn sie Ihnen jetzt bekannt würde, als wenn dies nur unmittelbar geschähe, worauf ich dann die Erlaubniß erhielt, Ihnen dieses mitzutheilen.Der König hat sich für keines der Stücke entschieden erklärt, nur sagt er, daß er für Oedipus in Theben eine große Vorliebe habe. Die Wahl wird aber Ihrem Ermessen wesentlich überlassen werden und bleiben. Drei große Fragen sind es vornämlich, die sich bei der Lösung der Aufgabe darbieten. Einrichtung des Theaters; die Masken; Behandlung der Chöre. Sie haben gewiß über alle schon sehr positive und begründete Ansichten und die Vorstellung, es erscheinen zu lassen und ins Werk zu richten, wird Sie über Manches noch zu weiterm Nachdenken veranlassen. Wenn wir dann einmal bei solchen Kuriositäten sind, hoffe ich auf eine echte Vorstellung eines Shakespeare’s, ich verspreche mir sehr viel von solcher Vorstellung ohne das störende Beiwesen der äußern Pracht.

Wie sehr ich mich freue, Sie in diesem Sommer eine längere Zeit zu sehen, kann ich Ihnen gar nicht sagen; es ist mir darin eine Hoffnung nahe gerückt, die ich mit um so mehr Schmerz schon ganz aufgegeben hatte, als sie früher zu meinen sehr innig gehegten gehört hatte. Gebe nur Gott, daß Ihre Gesundheit und Kräfte Ihnen die Reise erlauben. Vor dem Aufenthalt hier brauchen Sie sich nicht zu fürchten, denn es soll alles geschehen, um Ihnen alle Bequemlichkeiten, deren Sie bedürfen, zu verschaffen.

Ich bin sehr erfreut, daß dieser Allerhöchste Auftrag mir Gelegenheit giebt, die ungemessene Verehrung auszusprechen, mit der ich bin und immer sein werde

Ihrganz gehorsamster Dienerv. Willisen,Major und Flügel-Adjutant.

Ihr

ganz gehorsamster Diener

v. Willisen,

Major und Flügel-Adjutant.


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