Wackenroder, Wilhelm Heinrich.

Geb. zu Berlin 1772, gest. daselbst am 13. Februar 1798.Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) an denen Tieck mitgearbeitet, und der jetzt nicht mehr genauer zu bestimmende Antheil, den andrerseits W. am Sternbald gehabt haben dürfte, sind Alles was dieser wunderbare Mensch hinterlassen. Wir haben deshalb seine Briefesämmtlich— mit Weglassung weniger kurzer Stellen — aufgenommen. Wir glauben dies im Sinne Derjenigen gethan zu haben, denen überhaupt der Sinn einwohnt für das Verständniß solch’ „ahnungsvoller prophetischer Natur.“ Auf Tiecks Jugend, auf dessen geistige Entwickelung werfen diese Documente schwärmerischer Jünglings-Freundschaft manch’ helles Licht. Ja, sie scheinen wie die Morgenröthe jener ganzen Epoche der Dichtkunst, welche man höhnisch „die romantische“ benennt, und die man mit Tieck und Eichendorff glücklich begraben wissen wollte. — Lächerlich! So lange Sterne flimmern, Blumen blühn, Vögel singen, Bäche murmeln, Baumblätter säuseln; so lange unerklärliche Sehnsucht jugendliche Herzen nach der Welt der Wunder zieht; so lange wird die romantische Poesie auf Erden walten. Und Wackenroder, der selige Jüngling wird ihr erster, reiner Priester bleiben; Er, von dem Rud. Köpke so treffend sagt: „Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde.“In diesen wenigen Worten liegt das ganze Geheimniß der wahren Poesie.

Geb. zu Berlin 1772, gest. daselbst am 13. Februar 1798.

Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) an denen Tieck mitgearbeitet, und der jetzt nicht mehr genauer zu bestimmende Antheil, den andrerseits W. am Sternbald gehabt haben dürfte, sind Alles was dieser wunderbare Mensch hinterlassen. Wir haben deshalb seine Briefesämmtlich— mit Weglassung weniger kurzer Stellen — aufgenommen. Wir glauben dies im Sinne Derjenigen gethan zu haben, denen überhaupt der Sinn einwohnt für das Verständniß solch’ „ahnungsvoller prophetischer Natur.“ Auf Tiecks Jugend, auf dessen geistige Entwickelung werfen diese Documente schwärmerischer Jünglings-Freundschaft manch’ helles Licht. Ja, sie scheinen wie die Morgenröthe jener ganzen Epoche der Dichtkunst, welche man höhnisch „die romantische“ benennt, und die man mit Tieck und Eichendorff glücklich begraben wissen wollte. — Lächerlich! So lange Sterne flimmern, Blumen blühn, Vögel singen, Bäche murmeln, Baumblätter säuseln; so lange unerklärliche Sehnsucht jugendliche Herzen nach der Welt der Wunder zieht; so lange wird die romantische Poesie auf Erden walten. Und Wackenroder, der selige Jüngling wird ihr erster, reiner Priester bleiben; Er, von dem Rud. Köpke so treffend sagt: „Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde.“

In diesen wenigen Worten liegt das ganze Geheimniß der wahren Poesie.

Berlin, Dienstags. 1792.

O Himmel, lieber Tieck, wie sonderbar kommts mir vor, daß ich hier stehe an meinem Schreibtisch, um an Dich zu schreiben: es ist das erste Mal in meinem Leben. Doch, es kann ja nun einmal nicht anders seyn.

Mein Abschied von Dir war mir herzlich traurig; und die Stelle vor Bernhardis Thür, wo das Schicksal uns von einander riß, wird mir immer fatal bleiben. Aber schreib mir nur oft, und bleib gesund, und schone Deinen Körper und Geist, und arbeite nicht zu viel, und vergiß mich auch nicht: — Das sinddie Bedingungen, unter denen ich Deine Abwesenheit so eben erträglich finden kann. Du weißt, daß jene Ermahnungen aus dem Herzen kommen, und nimmst sie mir daher nicht übel. Daß Du mir noch nicht geschrieben, verdenk’ ich Dir nicht; wenn Du Dich aber fürs künftige an Dein mir mündlich gethanes Versprechen, mirwenigstens alle 14 Tage, wo nicht noch öfter, zu schreiben, erinnern wolltest, und es erfüllen, so würd’s mir gar herzlich lieb seyn. Deinen Brief an Rambach habe ich gelesen, und mich sehr gefreut, daß die Reise Dir so gut bekommen, und Du so vergnügt bist. Bleib dabey. Mein sehnlichster Wunsch würde erfüllt seyn, wenn ich itzt durch irgend einezauberische Gewalt zu Dir hin versetzt würde, und mit Dir des aufblühenden Frühlings in den schönen Feldern Deines Dorfes genießen könnte. Du führst da ein herrliches Leben. Die Abschrift vom 1. Akt der Anna Boleyn hab’ ich auch gesehen. Hast Du noch etwas drin geändert? Den eingeschobenen Auftritt vor Norris Monolog hab’ ich gefunden. Schmohls und Deine Hand wechselt auf eine kuriose Art ab. Einmal hat Schmohl nur ein Paar Worte geschrieben: es ist viel, daßDumehr Geduld hast als er. — Bey Rambach bin ich ein paarmal gewesen. Er gefällt mir sehr. Schon das erstemal war er gleich so aufgeschloßen gegen mich, daß er sich für den Verfasser der eisernen Maske bekannte. Ich verspreche mir viel Vergnügen von seinem Umgange. — Vor ein paar Tagen bin ich auch mit Bernhardi nach dem Gesundbrunnen spaziert. Ich habe mich recht sehr angenehm mit ihm unterhalten. Er scheint sehr gern über Musik zu kritisiren und zu ästhetisiren; das istmeinLieblingsobjekt auch; da haben wir denn so mancherley gesprochen. Ich sagte ihm von manchen Dingen, was ich wußte: es bleibt aber noch immer mein Verlangen, einmal in der praktischen Komposition noch weiter zu kommen, dann würd’ ich weit reichere Quellen des Räsonnements darüber haben; — wennauch nur so weit, daß ich kleine Arien, Duetten, Chöre u. s. w. komponiren könnte, — daß ich Dein Lamm nach meinen Schallmeyen und Flöten auf der Bühne springen lassen könnte. Aber — in diesen 14 Tagen habe ich noch zu wenig Zeit gehabt, an Dein Lamm, noch an etwas ähnliches mit Ernst zu denken. Wollte der Himmel, ich wäre in einer so herrlichen Lage als Du jetzt. — Mit Bernhardi hab’ ich auch einen Satz abgehandelt, den wir auch zuweilen wohl in unserm Gespräch berührt haben, und der mir jetztsehreinleuchtend ist: daß nämlich der Geschmack größtentheils seinen Grund im feinern (schwächern, empfindlichern) Bau und Organisation des Körpers habe. — Von Wißmann hab’ ich Abschied genommen. Daß es ihm sehr lieb seyn würde, wenn Du ihm schreibst, ist natürlich. — Grüße Schmohl. — Schreib mir ja bald und oft: mein 2ter Brief wird wohl nach Halle, nicht nach Bülzig gehen. Mein jetziger ist ziemlich kompendiös und aphoristisch: künftig mehr. Ich weiß, daß wir beyde uns doch immer verstehen, wir mögen uns schreiben, was und wie wir wollen. Nicht wahr? Sonst ist es wirklich eine sonderbare Sache ums Briefschreiben. Der ihn schreibt und der ihn empfängt, können in hundert verschiedenen Stimmungen und Situationen seyn; und wenn beyde dann nicht genau mit einander bekannt sind, und der letztere nicht die erforderliche Laune hat, so sieht er jedes Wort durch eine gefärbte Brille. Doch dies gilt nicht für uns. — Leb wohl, lieber Tieck! und bleib mein Freund! Denn das ist meine höchste Freude, und mein größter Stolz. Daß Du 14 oder 30 Meilen von mir entfernt bist, darf ich mir gar nicht deutlich denken; sonst werd’ ich zu traurig. Suche so viel als möglich vergnügt und zufrieden zu leben. Ich werd’s auch. Schreib mir nur oft und bald. Hörst Du? recht oft! Bleib gesund.

Dein FreundW. H. Wackenroder.

Dein Freund

W. H. Wackenroder.

Sonnabend, Abends, den 5ten May.

Liebster Tieck.

Dein Brief hat mir unaussprechliches Vergnügen gemacht; ja, er hat mich wirklich bis zu Thränen gerührt. Wenn Du weißt, wie weich ich bin, wirst Du mir das glauben. Tieck, ich bin entzückt, daß Du mich so liebst! Werther sagt ganz himmlisch schön, daß er sich selber anbetete, wenn seine Geliebte ihm die Neigung ihres Herzens kund thäte, — und er wiederhohlt sich selbst einmal über das andre die Worte: Lieber Werther, in dem Tone wie sie sie ihm ausgesprochen hat.

O Tieck, ich möchte mich auch selber anbeten, wenn ein Mensch, wie Du, dessen Worte mir Orakel sind, mich so mit dem veredelten Bilde meiner selbst in Rausch und Taumel versetzt. — Und wenn ich ja in Deinen Augen etwas werth bin, wem hab’ ich es anders zu danken, als Dir? Dir verdank’ ich Alles was ich bin, Alles! Was möchte aus mir geworden seyn, wenn ich Dich nie kennen gelernt hätte? O Tieck, lies Dir diese Worte mit Feuer vor, und sey stolz darauf, daß Du einen Menschen auf immer glücklichst machst durch Deine Freundschaft, — so stolz als ich bin, daß Du mich würdigst, mein Freund zu seyn. Bleib es, lieber Tieck, bleib’s; Du weißt, daß ich in alle Ewigkeit Dich über alles lieben werde.

Herzlich freue ich mich, daß Du so schön und angenehm jetzt auf dem Lande lebst. Ueber Deinem ganzen Briefe schwebt ein so sanfter, schöner, heiterer Geist des Frohsinns, den Dir das Ergötzen an den Naturschönheiten eingeflößt hat. Suche ja in dieser Stimmung zu bleiben, und befolge ja doch selber die Regel, die Du Bernhardi giebst, nicht so viel zu sitzen. Möchte übrigens Deine traurige Ahndung seinethalber nicht eintreffen. Er ist so freundschaftlich und wirklich zärtlich gegenmich, als ich es nur immer erwarten kann, und ich werde ihm sehr, sehr gut. Wir sprechen nicht selten von Dir. Gestern bin ich mit ihm im Komödienhause gewesen; wo sich eine Mamsell auf der Harmonika hören ließ. Er hörte das Instrument zum erstenmal und freute sich sehr darüber. Ich hörte es (zum 3tenmal) mit sehr vielem Vergnügen. — Wenn ich in ein Konzert gehe, find’ ich, daß ich immer auf zweyerley Art die Musik genieße. Nur die eine Art des Genußes ist die wahre: sie besteht in der aufmerksamsten Beobachtung der Töne und ihrer Fortschreitung; in der völligen Hingebung der Seele in diesen fortreißenden Strom von Empfindungen; in der Entfernung und Abgezogenheit von jedem störenden Gedanken und von allen fremdartigen sinnlichen Eindrücken. Dieses geizige Einschlürfen der Töne ist mit einer gewissen Anstrengung verbunden, die man nicht allzulange aushält. Eben daher glaub’ ich behaupten zu können, daß man höchstens eine Stunde lang Musik mit Theilnehmung zu empfinden vermöge, und daß daher Konzerte und Opern und Operetten, das Maaß der Natur überschreiten. Die andre Art wie die Musik mich ergötzt, ist gar kein wahrer Genuß derselben, kein passives Aufnehmen des Eindrucks der Töne, sondern eine gewisse Thätigkeit des Geistes, die durch die Musik angeregt und erhalten wird. Dann höre ich nicht mehr die Empfindung, die in dem Stücke herrscht, sondern meine Gedanken und Phantasieen werden gleichsam auf den Wellen des Gesanges entführt, und verlieren sich oft in entfernte Schlupfwinkel. Es ist sonderbar, daß ich, in diese Stimmung versetzt, auch am beßten über Musik als Aesthetiker nachdenken kann, wenn ich Musik höre: es scheint, als rissen sich da von den Empfindungen, die das Tonstück einflößt, allgemeine Ideen los, die sich mir dann schnell und deutlich vor die Seele stellen. — Wie ich bey Schauspielen die Musik zwischen den Akten genieße, habe ich Dir wohl schon sonst gesagt. Die erste Symphonievor dem ersten Akt, höre ich immer mit gespanntem Gefühl und inniger Theilnahme an; aber bey allem folgenden ist mir das unmöglich, und ich sehe die Zwischenmusik nur als eine Leinwand, als ein Tuch an, (dies Bild hab’ ich mir schon immer davon gemacht,) worauf ich mir die Scenen des vergangenen Aktes noch einmal vormale. Wird die Musik alsdann unterbrochen; so ists, als würde mein Gewebe zerrissen, und ich habe nichts, woran ich die Bilder meiner Phantasie anheften kann. Hat jeder dies Gefühl?? Ich möchts gern wissen.

Rambach hat mir einen Theil einer neuen Ausgabe von Sineds (Denis) Liedern geliehen. Die Ausgabe ist in 4to1791 in Wien prächtig gedruckt, (so wie hier Unger druckt) und enthält in 6 Bänden die Uebersetzung Ossians, und die eigenen Gedichte. Ich lese jetzt diese, worunter auch seine Uebersetzungen aller nordischer Gedichte, aus der Edda u. s. w. mit aufgenommen sind. Er scheint zu denen zu gehören, welche gerne die schönen Götter des griechischen Parnaßes mit den schlechten Dichtern, deren heisere Stimme ihre Namen entweiht hat, in Eine Polterkammer werfen, und die alten nordischen Gottheiten aus ihrem langen Schlummer erwecken und auf den Thron der Dichtkunst setzen wollen. Aber dies widerstreitet noch immer meinem Gefühl. Daß die alten Barden und Skalden der Natur treu auf der Spur folgten, und die Empfindung rein und ungeschminkt darstellten, weiß ich. Auch find’ ich in manchen von Denis Uebersetzungen, sanfte, wenigstens sich dem sanften nähernde Stellen, die den Stempel der Natur an sich tragen. Und daß die Eigenthümlichkeit der Bardenlieder, die sie fast alle zu Kriegsliedern macht, worinTapferkeitund Muth im wilden Schlachtengetümmel als die erhabensten Männertugenden gepriesen werden, daß dieses ein Anstoß für den gebildeten Ton unsers Zeitalterssey, fang’ ich auch an, nicht mehr zu glauben. (Denn gern überzeug’ ich mich von Deinem Grundsatz: „ein wahrer Dichter macht alles dichterisch-schön!“) Allein, — wird es ein Gewinn seyn, wenn wir die ausgebildete Mythologie des edelsten, feurigsten, feinsten Volks, das je die Erde trug, mit dem rohen Wuste der Nord. Barbaren vertauschen? Und was ist der Grund? Denis will blos darum Barde und Skalde seyn, weil Odin und Thor u. s. w. sonstvaterländischeGötter waren. Dieser Grund ist mir nur sonderbar. Was will man denn in unsern Zeiten mitdieserVaterlandsliebe? Doch scheint jetzt eine gewisse Mode hierin zu herrschen. Gemeine Schullehrer scheinen wirklich zu glauben, daß sie wer weiß wie große Fortschritte in der Pädagogik gemacht haben, wenn sie ihren 8jährigen Knaben jetzt die Brandenb. Geschichte, als Geschichte desVaterlandsrecht weitläuftig erzählen. Ein Bürger, oder sonst einer, der nicht Gelehrter werden will, braucht doch wahrlich in unsern Zeiten, im Grunde die vaterländische Geschichte so wenig als eine andre; und es würde nach meiner Meynung also zweckmäßiger seyn, wenn man irgend eineinteressanteGeschichte, ohne Rücksicht, ob dieses oder jenes alten oder neuen Volkes? —in unteren Schulen vortrüge. — Wie gesagt, ich glaube man könnte eine ganze Menge Gründe wider die unzeitige Vaterlandsliebe von Denis und seiner Anhänger, vorbringen. Wer noch jetzt die Trümmer der nord. Mythologie zu einem Gebäude zusammensetzen und die Lücken ausfüllen wollte, würde ein schönes Flickwerk zu Stande bringen. Und es ist doch gar nicht zu läugnen, daß bey aller vortrefflichen, großen Simplicität, bey aller der erhabenen und feurigen Phantasie, die die alten nordischen Dichtungen zeigen, dennoch so viel Ungeheures, was ans Lächerliche und Ungereimte gränzt, so viel Schwerfälliges, so viele entsetzlich harte, unschmackhafte Bilder vorkommen, daß man, wenn man beständig sein Auge auf die eingepelztenGötter Skandinaviens heften wollte, allen Sinn für ein sanftes griechisches Profil verlieren würde. Der Unterschied ist wie Nebeldämmerung und Morgenröthe, wie — — nun Du magst Dir selbst Vergleichungen aussinnen.

Heute fand ich in der Allg. Deutschen Bibliothek recensirt: Poetische Versuche vonHamann. Ist denn das der unsrige? Mich dünkt, eine schläfrige Erinnerung sagt mir halblaut ins Ohr, daß er einmal in die Berlin. Zeitung ein Gedicht eingerückt hat. Die mitgetheilte Probe, die ich in dem Journale las, war vom Schlage desGewöhnlichen; zuweilen schien der Reim auch den Sinn, der drein hätte liegen können, geraubt zu haben. Der Recensent urtheilte auch so.

Spillner habe ich nur noch einmal besucht. Er wird wohl diesen Donnerstag abgereiset seyn. — An Piesker schreibe ich, was Du verlangst, (morgen nämlich,) und bitte ihn, mir auf alle Fälle zu antworten, damit, wenn er auch in der kurzen Zeit, die Du noch in Bülzig bleibst, Dich nicht sollte sehen können, ich Dir doch den Grund seines Ausbleibens künftig schreiben kann. — Den Brief an Deine Schwester habe ich abgegeben, und dabey Deine liebe Stube wiedergesehen. Wäre ich Alexander, so würde ichs mit der eben so machen, wie jener mit Pindars Hause. Sie müßte eine ewige Reliquie bleiben, wenn auch ganz Berlin untergienge. Ich werde die Stube nie ohne Rührung, nie ohne von wehmüthigen Erinnerungen gepreßt zu seyn, ansehn. Es ist eine herrliche Stube!

Könnte ich doch bey Dir seyn, und auch mit Deinem allerliebsten Lamme spielen. Die Mutter von Matthison würdemir, wie Dir, eine sehr interessante Bekanntschaft gewesen seyn. — Was Schmohl betrifft, so grüß ihn herzlich. Ich sollte denken, daß Dein Feuer nothwendig durch längern Umgang in sein kühleres Blut übergehen, und ihn immer mehr vom Felde der trockenen Betrachtung abziehen müßte, um ein Jünger Deiner Götinn, der Phantasie, zu werden.

Es ist bald 12 Uhr Nachts. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich merke daß es eine wahre Wonne ist, an Dich zu schreiben. Selig, selig ist der Tag, den ich mit dem Gedanken an Dich beschließe. Er wird mich auch im Schlafe nicht verlassen. Träume Du auch von mir. Denkst Du jetzt an mich? Oder träumst Du von mir? — Eine allerliebste schmelzend-sanfte Elegie von Voß fängt an:

„Denkt mein Mädchen an mich?“

„Denkt mein Mädchen an mich?“

„Denkt mein Mädchen an mich?“

„Denkt mein Mädchen an mich?“

Es ist eine höchst natürliche schöne Empfindung darin. — Jetzt hat es grade 12 geschlagen. Gute Nacht. Tieck, fliege her, und ich drücke den feurigsten Kuß auf Deine Lippen. Gute Nacht, der Himmel sey mit Dir! Gute Nacht!

Den 6ten May, Sonntag, Morgens.

Sieh! ists nicht schön, daß ich mit dem Gedanken an Dich zu Bett gegangen, und mit dem Gedanken an Dich wieder aufgestanden bin? — Du siehst, daß ich prompt im Antworten gewesen bin. Meinen ersten Brief, den Rambach eingeschlossen hat, wirst Du wohl empfangen haben. Ich schrieb ihn grade an demselben Tage, da Du Deinen schriebst, den 1sten May. Du wirst mir nun wohl nicht eher, als aus Halle antworten; aber wenn Du kannst, erfülle meine Wünsche bald. Ich werde mein Versprechen in Ansehung des Schreibens gewissenhaft halten. — Noch eins! Sey so gut und machekünftig keinen Brief an mich mehr frey. Wozu sollst Du meinetwegen unnütze Ausgaben haben? Hörst Du? Du mußt es aber auch gewiß thun. Es bleibt dabey. —

Ja lieber, bester Tieck, wir müssen uns auf Michaelis wiedersehen, ich harre sehnlich auf diese Zeit. O auch mir ist das Andenken an unsre Spaziergänge das heiligste, das ich kenne. Du kannst wohl leicht denken, wie ich mich itzt im Thiergarten befinde, wann ich ihn besuche; jeder Gang, jeder Baum ruft mir Dich zurück; bey jedem Schritte denk ich an Dich und will Deinen Arm in den meinigen nehmen, und fühle, daß mir immer etwas fehlt. Aber dennoch, — oder, was sag ich — vielmehr eben deswegen, werd ich den Thiergarten noch beständiger und häufiger als jeden andern Ort mit Vergnügen besuchen. Die Bäume darin prangen itzt mit dem herrlichsten, frischesten Grün; einem Grün, das man im Sommer in der verdörrten und versengten und bestäubten Farbe des Laubes gar nicht mehr wiedererkennt. — Mitschicken kann ich Dir noch nichts. Ich habe seit Ostern noch so viel fatale und häßliche Abhaltungen gehabt, daß ich kaum meine gemeinen Alltagsverrichtungen habe thun können.

Ein recht ärgerlicher Streich! undichbin Schuld daran. Ich erfahre eben, daß, da die Post heute früh um 9 Uhr abgeht, die Briefe schon gestern Abend um 7 hätten hin gebracht werden müssen. Meine dumme Unwissenheit hat also über meine Gutwilligkeit, Dir gleich zu antworten, den Meister gespielt. Verzeihe mir’s. Der Brief könnte nun erst den Mittwoch abgehn (nach Bülzig), und weil er Dich alsdannvielleichtnicht mehr in Bülzig treffen sollte, so schick’ ich ihn lieber nach Halle.

Den 11ten May, Freitag, Mittags.

Ich vollende jetzt meinen Brief und ärgre mich nochmals, daß meine Bereitwilligkeit mir und Dir nichts geholfen hat. Mein Brief wird Dich nun wohl in Deiner neuen Residenz in Halle begrüssen. An Piesker habe ich gleich geschrieben, und so dringend als möglich: aber die kalte, unbeugsame Seele hat mir nicht einmal geantwortet auf meine rührenden Klagen und Vorwürfe. Gestern Abend bekomm’ ich ganz unerwartet einen Brief von Wißmann.

Abends.

O Freude, o Freude! heut Mittag hab’ ich schon einen zweyten Brief von Dir bekommen; Du kannst gar nicht glauben, wie ich triumphirt habe. Aber ein Ding ist sonderbar. Du hast meinen ersten kleinen Brief — (3 Oktavseiten lang, — es war nichts Merkwürdiges darin) — den ich den Dienstag vor 8 Tagen, als den 1sten May an Rambach zum Einschluß gab, nicht bekommen. Und was noch sonderbarer ist: ich bringe heut nach Tische gleich den Brief an Deine Schwester, und sie sagt mir, sie hätte 2mal an Dich geschrieben, und in Deinen Briefen sagtest Du, daß Du auch nichts von ihr bekommen hättest. Liegt die Ursache von diesen Konfusionen in Einer Ursache? Ist der Herr Fuhrmann in Wittenberg etwa Schuld? — Fast verdenk’ ich es Dir, daß Du nicht unruhig darüber geworden bist, oder nicht deswegen auf mich ein wenig mehr gescholten hast, daß ich, nach Deiner Meynung, noch nicht, wenigstens mit der Feder in der Hand, an Dich gedacht habe. Du weißt indeß nun den ganzen Zusammenhang und den Verlauf der Sachen: und ich werde also wohl in Deinen Augen exculpirt seyn.

Ist es denn wirklich Dein Ernst, lieber Tieck, daß Du mich nicht vergessen kannst? O! er muß es wohl seyn! Eshat mich recht gerührt, daß Du schreibst: „es war rechtunvorsichtigvon uns, daß wir uns die letzte Zeit in Berlin so oft sahen.“ Es hat mich recht gerührt. O Tieck, Tieck, ich habe es geglaubt, daß Du mir gut wärst; aber kaum, kaum hab’ ich es je glauben können, daß Dusozärtlich gegen mich denkst. Und daß Du mir nichts als wahre Empfindung Deines Herzens äußerst, weiß ich. Womit soll ich’s Dir vergelten? Du demüthigst mich. — Ich breche ab.

Wie bist Du denn zu den ausgebreiteten Bekanntschaften in Koswig gekommen? Und, ums Himmels willen, wie ist es möglich, daß Du in einer Gesellschaft so lange hast Karten spielen können? Das ist ja ganz schrecklich. Ich glaub’ ich hätte vor Aerger geweint, wenn ich Dich in eine solche Situation geklemmt gesehen hätte, —Dicham Spieltisch, dem Thron von Affen und Laffen, — Dich! Es ist wahrlich viel? Ich bedaure Dich. — Auch die andre Gesellschaft, die Du in Koswig gehabt hast, muß gar herrlich für Dich gepaßt haben. Aber daß Du Karten spielen mußtest, und in die Nacht hinein, das ist mir noch immer das schauerlichste. Ich kanns gar nicht vergessen. Das Fatum muß nothwendig einen Fehlgriff in der Urne gethan haben, da es das Looß dieses Tages für Dich zog: das fatale Fatum!

Du stiehlst meiner eigenen Werkstätte von Gedanken etwas, wenn Du mir die Bemerkung machst, daß um das Große in den schönen Künsten zu fassen, ein selbst groß und erhaben denkender Geist der Kritiker seyn müsse. Das hab’ ich schon immer gedacht, und, wenn ich nicht irre, Dir auch schon gesagt. Aber das was Du hinzusetzest, kann ich nicht ganz billigen. Ich weiß nicht recht, warum das ErhabeneDicheherzuThränenrühren sollte, als das Empfindsame.Ad vocemEmpfindsam, will ich Dir doch einen Zweifel und eine Bemerkung mittheilen. Ich bin nicht recht mit mir einig, was man eigentlichEmpfindeleynennen solle. Mir scheints am Ende blosaffektirteEmpfindung zu seyn; ich will Dir sagen, warum. Empfindungslose Empfindsamkeitspötter nennen oft etwas Empfindeley, was an sich schöne, feine Empfindsamkeit ist, und nur dann falsche Empfindung oder Empfindeley wird, wenn jemand es affektirt, zu haben. Ich sehe z. B. nicht ein, warum der Vorsatz, nicht aufs Feld gehen zu wollen, weil man da mit jedem Tritt eine Menge kleiner im Sonnenschein spielender Geschöpfe vernichtet, — in gewissen Situationen, auf eine kurze Zeitlang, nicht wahre, ächte Empfindung seyn sollte. Sagt aber jemand, der an der Modesucht krankt, solche Dinge, und sehe ichs ihm an den unnatürlich verdrehten Augen an, daß er gern beliebte Paradoxa hervorbringen will, kurz, erkenn’ ich an ihm die Symptome der Affektation, so würde ich sagen: er empfindelt. Denn an sich sehe ich nicht ein, warum es nicht möglich seyn sollte,bey allen Dingen unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden. Und wenn jemand in eine Stimmung versetzt wird, daß er Empfindungen in seinem Busen fühlt, in welchen er noch keinen Vorgänger gehabt, so muß diese seine Empfindung doch für ihn wahr und richtig seyn. Oder willst Du noch falsche Empfindung und Empfindeley unterscheiden? Ich habe mich verirrt und erwarte Deine Fackel in diesem kleinen dunkeln Labyrinth. — Sey so gut und belehre mich doch über dergleichen Anfragen, Dubia u. s. w., wenn Du Lust hast. —

— — Um noch einmal zu Deiner Materie vom Erhabenen zurükzukehren, so scheinst Du mir da etwas verwechselt zu haben. Daß das Erhabene Dich in eine Art von Wuthd. i. in den höchsten Paroxismus der Begeisterung und Entzückung versetzt, will ich glauben. Aber Thränen kann wohl nur das Rührende entlocken, — und, — (wie wir es mündlich ausgemacht haben) — das Schauerliche, Schreckliche.

Daß Schmohl durchaus kein freiwilliger Diener der Musen werden, nicht auf dem Altar der Grazien opfern will, wundert mich doch. Sein fremdes, frostiges Betragen gegen Deinen vertrauten Freund Shakespear muß Dich wohl natürlich beleidigt haben. Sollte Dein Geschmack denn gar nicht an seiner Denkungsart abfärben, wie an der meinigen?

Bernhardi hab’ ich in dieser Woche einmal, Rambach zweymal nicht zu Hause getroffen. Daher hab’ ich mir von diesem auch noch nicht Deine Anna Boleyn geben lassen können, so gern ichs gethan hätte. Es geschieht aber noch: ich werde sie noch aufmerksam lesen, und soviel ich kann, Dir darüber sagen, wenn auch nur in Kleinigkeiten. — Unter allen den Abhaltungen, die mich an tausend Dingen verhindert haben, nur nicht an Dich zu denken und zu schreiben, habe ich denn doch auch eine höchst angenehme gehabt. Du weißt, oder weißt nicht, daß ich in Sachsen, bey Jena, einenFreundhabe: er ist es wirklich, denn ich schätze ihn sehr, und habe mich überzeugt, daß er zur Freundschaft geschaffen ist. Vor ein paar Jahren lernte ich ihn hier kennen, und seitdem habe ich meinen unterbrochenen Umgang mit ihm durch Briefe fortzusetzen gesucht. Sein Nahme? Er heißt Schuderoff und ist Prediger in Drakendorf und Zöllwitz, 1 Meile von Jena, ein liebenswürdiger junger Mann, dessen jugendlichschöne, feine Gesichtsbildung eine geläuterte Denkungsart und ein edles Herz ankündigt. Er ist zum Besuch hier und kommt bey seiner Rückreisevielleichtdurch Halle. Er ist Kantischer Philosoph, und hat neulich Briefe über die moralischeErziehung herausgegeben, die ich itzt lese und die recht schön sind. Zweymal bin ich mit ihm im Thiergarten gewesen. Das frische Grün ist da ganz zauberisch schön. Die gewölbten Birkenalleen sind das lieblichste Bild des Frühlings. Und weißt Du wohl was ich gestern in der gekreuzten Birkenallee für eine Freude hatte? Du wirsts errathen. Verschwunden war die verdammte Statue ohne Kopf. Ich möchte wissen, welcher gute Genius sie fortgeschleppt, oder in die Tiefen der Erde hinuntergeschleudert hat. Der Gang ist nun noch einmal so schön.

Vom Theater willst Du etwas wissen. Hier ist etwas fragmentarisches, so viel ich Dir geben kann. — Vor einiger Zeit ist ein neues Stück von Jünger: die Geschwister vom Lande, gegeben, das nicht vorzüglich seyn soll. Die Hagestolzen und Axur werden oft wiederholt. Ein gewisser Lißner scheint hier zu bleiben; und ein andrer Schauspieler, Garly, soll auch hier engagirt seyn. Dieser soll eine sehr schöne Bildung haben und viel Anlage besitzen. Diesen Mittwoch ist Emilia Galotti aufgeführt: ein durchreisender Däne, Herr Preisler, hat den Prinzen, und Garly den Marinelli gespielt. Ob es wahr ist, daß Czechtizky und Mattausch noch wegkommen werden, weiß ich nicht. — (N. B.Seit dem Don Juan, der, als Du in Fredersdorf warst, gegeben ward, bin ich nicht im Schauspiel gewesen.)

Dank für das kleine Gedicht von Deinem Freunde Toll. Es ist süß und lieblich, und wird mir sehr werth bleiben. Ich werds, wie Deine Briefe, als ein Kleinod aufbewahren. — Verzeihe nur meiner Armuth, daß ich Dir jetzt unmöglich etwas mitschicken, und meinem Mangel an Zeit, daß ich Dirnicht etwas abschreiben kann. Wolltest Du so gefällig denken, die Länge meines Briefes als einen Ersatz dafür anzunehmen? — Unsre Korrespondenz soll sich nun nicht wieder verwirren. Du bist wohl so gut, und schreibst mir zuerst wieder, wenn ich nicht zu viel verlange. Doch schreib so wenig oder so viel Du Zeit hast; je mehr natürlich, je besser, aber nur bald. Doch beinahe möcht’ ich glauben, mit diesem dringenden: Bald, Deine Delikatesse zu verletzen, weil mir Deine 2 schnell aufeinander folgenden Briefe eine sehr hohe Idee von Deiner reizbaren Briefschreibethätigkeit eingeflößt haben. Ich werde Dir dann gewiß bald antworten. Oder hoff’ ich zu vorschnell, und bin ich unbillig wenn ich von Halle aus, wo Du in mehr Verbindungen und Geschäfte kommst, so oft etwas von Dir zu lesen erwarte? — Aber was schwatz’ ich denn? Du bist mein Freund, und wirst schon wissen, was mir gut und lieb ist. So will ich denn mit festem Muth auf Dich hoffen, und mein Vertrauen allein in Deine Freundschaft setzen.

Den 12ten May Sonnabend Mittags.

Von Denis eigenen Oden, Elegien und Liedern muß ich Dir noch sagen, daß mir manches sehr darin gefallen hat. Am schönsten dünken mich die Gedichte zu seyn, die er Klagen nennt: z. B. über Gellerts Tod, über den Mißbrauch der Dichtkunst u. s. w. Der letztere Gegenstand ist vortrefflich behandelt. Da wirds recht mit lauten dreisten Worten unserer entarteten Dichterrepublik gesagt, daß nur Empfindung, Empfindung der Genius seyn solle, der das Lied beleben könnte, daß Witz ein verzogenes Kind sey, das nur jenseit des Rheins zu Hause gehöre; und mehr dergleichen, was, wie Du weißt, schon lange meine Herzensmeynung gewesen. „Soll Witz, soll Witz im Liede seyn?“ fragt Denis und ich frags mit ihm.

Ich habe nicht länger Zeit, und muß Dir also ein herzliches Lebewohl sagen. Sag mir doch manchmal Deine Meynungen über meine Meynungen, die ich Dir so in meinen Briefen äußre. Schreib mir nur ja bald, recht bald; ich antworte dann gewiß auch bald. Sorge für Deine Gesundheit und grüße Halle. O die liebe Reichard’sche Familie! Wenn ich doch Miekchen auch sehn könnte! Grüße sie herzlich von mir; auch Schmohl; auch die kleinen Mädchen bey Reichards, die ich noch alle bey Namen weiß. Vielleicht versucht meine Muse bald wieder eine Kleinigkeit, ich schicke sie Dir dann. Schreib mir bald und bleib’ mein Freund. —

W. H. Wackenroder.

W. H. Wackenroder.

Montag, den 4ten Juni. Abends.

Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen habe. An meinenverlaßnenFreund Tieck soll ich denken? O ich denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, — aber daß er verlassen sey, — daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das heitere Auge seines Geistes gezogen hat, — daß er in Halle noch nicht vergnügt gewesen ist, — das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; — aber von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du würdet dort Dich zerstreuen, und — wenigstens in den Augen Deiner Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich hineinblicktest, — einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen! Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist jalange hinweg über die Periode in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzenziehen, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte Dich, wache auf Dich! — Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder, alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die göttliche Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der Freundschaftsergebenheit, denn du berauschest mich, und wir machen uns in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen Worte des andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zumlebennothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, — warum verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub legen und trauern, wenn ich wüßte, daßmeineEntfernung Dir so viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln, — ich weiß nicht was ich thun soll,um Dich glücklich zu machen. Du nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben könnte, — ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne. Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! — Aber genug! Tieck laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche Erhitzung in einen kranken Zustand.

Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nichtmehrharmonirt. Ich hatte auchdasnicht erwartet. Er scheint sich eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auchdasmir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst. Wie Menschen sich ändern können! Wenn du zwischen diesen beyden Dir heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich nicht in Ruhe seyn. Aber — ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für Dich aussinnen, und — Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir, wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst Zufriedenheit findest. Nimm deine Kraft zusammen und erhalte Deinen Körper und Geist aufrecht und fest. — Ach! ich schreibe konfuses Zeug! Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.

Dienstag, den 15ten Juni, Abends.

Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, — Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.

Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.

Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen Irrwegen; Du möchtest, — Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen. Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir spreche, ich muß. — Sprich? binichDir denn so nöthig, um Dich von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn soein kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2 Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst? Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören, und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig einschlummern können?

Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich bey allem was Dirheilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, — wie kannst Du etwas anderes als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses, des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden Freuden eines lebenlosen Lebens oder — des Nichtdaseyns selbst kosten kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; — — doch es ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie auf die sie umgebende Welt auchnoch trübsinnige, melancholische Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, — ich möchte doch wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, — ich hätte wohl einmal Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, — ich möchte gern aus Spaß einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ — und tausend andre Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben, alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck, ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich glücklichum Deiner Freunde willen!!

Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell, und zerreiß’ es, — zerreiße das Papier und die Worte, — aber den Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz habe prägen wollen, den präge hinein, — mit brennenden Flammenzügen. Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend durchscheinen sehen. —

Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein.Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck — Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor — langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist — unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! — Tieck, esmußbesser werden mit Dir,bessersag’ ich, — schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, — nein! besser indiesemLeben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? — Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?

Sonnabend, Mittag.

Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie, hat mich etwas frappirt.Sohatte ich sie nicht ganz erwartet. Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seynscheint, hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen. Bedenke genau was Du thust; frage dich selber sorgfältig um Rath, ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus Uebereilung, die Du späterhin bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit dir sprechen muß. Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug bist, alles dies aufzuopfern, um — einem einzigen Menschen zu gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 1½ Jahr alsdannwiedergetrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden. Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun — vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre! — könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! — Nur keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nuretwasweniger Deine Liebe verdienensollte, und Du auch nuretwasvon Deiner heißen Liebe nachgelassen hättest, — — doch, wo gerath’ ich wieder hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn können? Nun —vielleicht! Die Hoffnung soll mich nie verlassen! Möchte sie Dir auch beystehen!

Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich zärtlich, und — verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.


Back to IndexNext