DeinFreundW. H. W.
Dein
Freund
W. H. W.
Berlin, Febr. 1793.
Mein liebster, bester Tieck!
Länger kann ichs kaum aushalten. Grade 3 bis höchstens 4 Wochen sinds noch hin, daß Du hier seyn wirst und Du schreibst mir noch nicht, wann Du kommen wirst; lebst lustig und vergnügt in Göttingen oder in Kassel, wohin Du, wie Deine Schwester sagt, hast reisen wollen; indeß ich hier in einer Quaal lebe, von der Du keine Idee hast. Alles verläßt mich, ich bin in der ärgerlichsten Ungewißheit, da ich am ersten etwas Bestimmtes über manche Umstände bey meiner künftigen Lage erfahren möchte. Keine Briefe von Dir; keine von meinem Prediger; keine aus Erlangen. Und die Zeit ist vor der Thür.
Von Dienstag zu Sonnabend und von Sonnabend zu Dienstag hab’ ich gewartet; heut ist wieder Sonnabend und noch kein Brief. Ich bin immer noch glücklich genug, mir einzubilden, daß Dich nichts anders als Nachläßigkeit oder Vergnügen, keinesweges aber Krankheit abgehalten hat. Mein Prediger hat nun endlich geschrieben. Die Hochzeit ist vorbey; er lebt äußerst glücklich in seiner neuen Verbindung und erwartet uns mit offenen Armen nach Ostern.
Ich bitte Dich um unsrer heiligen Freundschaft willen, schreib’ mir doch nur mit ein paar Zeilen, ob Du nicht 14 oder spätestens 8 Tage vor Ostern hier seyn kannst. Je länger ich in meiner unglücklichen Lage hier eingezwängt bin, desto ungeduldiger und mißmüthiger macht sie mich, und bringt mich zuweilen zur Verzweiflung. Ich schleppe manche Tage wie ein Esel hin. Mein aufschwellender Geist schrumpft ein, seine Flügel sind gelähmt, seine Schnellkraft erschlafft. Ich fühle nichts deutlicher als das: An Verstand und Herz bist Du schwächer, Du bist schlechter geworden; dies nagende Geständniß bringt mir jeder Pulsschlag. Aber ich schwör’ es Dir bey den Seligkeiten, die ich je in den erhabensten Stunden von Deinen Lippen geküßt und aus Deinem Auge getrunken habe, ich schwöre es Dir: noch fühl’ ich Kraft genug in mir, sobald nur ein paarmal die Sonne über uns an Einem Orte auf- und untergegangen ist, so schwing’ ich mich wieder ganz zu Dir hinauf, so hat der Zauberdruck Deiner Hand und der Zauberblick Deines Auges und der Zauberton Deiner Stimme mich wieder mit entzückender Begeisterung durchdrungen, undCoetusque vulgares et udam sperno humum fugiente pennâ. —
Hätt’ ich Zeit so wollt’ ich Dir noch allerhand erzählen: wie ich mich im Theater über Betrug durch Aberglauben geärgert, und über Axur abermals gefreut habe; wie, zum Erstaunen der vernünftigen Welt, Bernhardi’s Julius von Tarent auf unserer Bühne gegeben ist, und wie mich die unübertreffliche originelle Diktion dieses Stücks entzückt hat; wie ich neulich, bey Czechtizky’s Tellheim, auch keinen Funken der feinen Empfindung in dem Charakter gefühlt, sondern eine ganz andre Rolle zu sehen geglaubt habe; vornehmlich aber, wie ich von Reichards Erwin und Elmire im Konzert neulich bezaubert bin, wo jede, jede Arie, den innigsten Ausdruck, jeder Ton Liebe oder erhabne Empfindung, oderromantische Schwärmerey athmet. Aber noch eins: ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mir nicht erfreulicher seyn konnte: mit einem jungen Architekten, Gilly, den Bernhardi kennt. Aber jede Schilderung ist zu schwach! Das ist ein Künstler!! So ein verzehrender Enthusiasmus für alte griechische Simplicität! — Ich habe einige sehr glückliche Stunden ästhetischer Unterhaltung mit ihm gehabt. Ein göttlicher Mensch.
Und nun beschwöre ich Dich noch einmal, mein ewiggeliebter Tieck, schreib mir, tröste mich bald. O Tieck! wollen wir in Erlangen nicht glücklich wie im Elysium leben?Wir müssen!!Meine ganze Seele erhitzt sich jeden Augenblick itzt bey dem Bilde dieses zukünftigen Himmels. Aber schreib mir den Tag, wenn Du kommst; komm doch so bald als möglich — was hindern KollegiaDich? —Den ersten Posttag nach Ostern, werden, müssen wir vermuthlich reisen; undOsternist31. März.
Schreib mir doch an demselben Tage, da Du diesen Brief bekommst, wenns irgend angeht: — nur das Nöthige, nur ein paar Zeilen.
Ich hoffe und wünsche, daß Du gesund und vergnügt bist.
Ewig Dein Freund.W. H. Wackenroder.
Ewig Dein Freund.
W. H. Wackenroder.
Sonnabends,den 2ten März 1793.
Mein bester Tieck.
Gottlob, daß ich doch einmal wieder ein paar Zeilen von Dir am Montag erhielt. So wenig es war, so machte esmich doch ganz außerordentlich froh. Du bist nach Kassel gereist; deswegen schrieb ich Dir nicht am Dienstag; nun wirst Du wohl zurück seyn. Deinen Abdallah kann ich erst in den folgenden Tagen lesen; ich habe ihn Deiner Schwester geliehen gehabt.
Seit vorigen Ostern hab ich Dich nie so vermißt, hab ich nie so ungeduldig den herzerhebenden Umgang mit Dir zurückgewünscht, als in diesen letzten Monaten. Zuweilen habe ich indeß, ich muß es gestehen, einige sehr vergnügte Stunden; allein ich kann es mir nicht verbergen, daß ich bey Dir ein ganz anderes, höheres Vergnügen empfinden würde.
Von Erlangen hab ich Antwort; wir haben eine Wohnung von 2 Stuben und 1 Kammer neben einander, bey einem Schneider. Sie soll sehr gut seyn und in guter Gegend liegen. Die Gegend um Erlangen, im Anspachschen und Baireuthschen &c. &c. wird sehr gerühmt; Erlangen selbst, nicht von allen. Der Himmel gebe, daß Du Dich dort glücklich finden mögest. Nur wirst Du den Umgang mit so vielen interessanten Köpfen, wie in Göttingen, dort leider wohl vermissen. — Aber ich kann Dir unmöglich mehr schreiben, Du mußt Alles übrige mündlich von mir hören.
Ich wiederhohle meine dringenden Bitten, uns bald zu schreiben, wenn Du kannst, und — in ein Paar Wochen zu kommen.Hiermußt Du dann vornehmlich für Deine liebe Schwester leben. Ich mache wenig oder gar keine Ansprüche auf Dich, weil ich dann — (welche herrliche Aussicht) so lange genieße. — Alles übrige mündlich. Komm nur in 14 Tagen. Ja?
Mit zärtlicher Sehnsucht sieht Deiner Ankunft entgegen
DeinDich ewig liebender FreundW. H. Wackenroder.
Dein
Dich ewig liebender Freund
W. H. Wackenroder.
Dienstag, d. 5ten März 1793.
Lieber, bester Tieck.
Gestern (Montag den 4ten März) hab’ ich am Mittag Deinen Brief bekommen. Deine Schwester läßt Dich herzlich wieder grüßen. Sie befindet sich itzt recht gesund, und wünscht nichts inniger als Dich bald hier zu umarmen.
Den Abdallah habe ich gelesen. Wenn Du Dich erinnerst, so hast Du mir ihn im vorigen Winter schon einmal des Abends in meiner Stube vorgelesen. Da er also schon vor einem Jahre geschrieben, dieser erste Theil nämlich, so paßt das nicht, was Du sagst, er trüge die deutlichen Spuren Deiner alten Laune. Schon damals habe ich Dir meinen Beyfall wegen des Stücks geschenkt, und ich wiederhohle dies itzt noch zuversichtlicher. Ueber den Plan des Ganzen kann man noch nicht urtheilen, weil bis itzt erst ein Theil des geheimnißvollen Gewebes von natürlichen Begebenheiten und von dazwischentretenden Zaubermächten vor Augen liegt. Ueber die Komposition der Erzählung, die Anordnung der Kapitel und der einzelnen Haupttheile in denselben, wünschte ich urtheilen zu können; allein ich verstehe es nicht recht, weil ich noch nicht viel darüber nachgedacht habe; es ist aber eine wichtige, sehr wichtige Sache, welche von tausend Romanschreibern, die nur von schönem blühenden Styl gehört haben, und diesen oft in nichts als in Witzeleien und unächte Blümchen setzen, vernachlässigt werden mag. So weiß ich z. B. nicht, ob die isolirte Charakteristik des Sultans, die den Anfang macht, da an ihrem rechten Orte steht u. s. w. Uebrigens sind in dieser wie in den übrigen Charakterschilderungen viele wahre, treffende Naturzüge. —Die Phantasie, die das Ganze durchströhmt, istfeurig, groß und erhaben, und vermischt sich oft so innig mit derVernunft, daß man sie nicht davon scheiden kann.
Deine Schwester hat aber gegen mich schon sehr richtig geäußert, die Dir so gewöhnliche und so leichte Bildersprache wäre zu sehr verschwendet. In der That, läßt sich wohl ein vollkommenes, ein schönes Gedicht erwarten, wenn der Dichter jedes Bild, das seine üppige Einbildungskraft im Schreiben ihm darreicht, ergreift, und weil er in diesem Augenblicke der poetischen Begeisterung es deutlich faßt, es so hinwirft, wie es sich ihm darbietet, ohne die Verbindung, in die es gesetzt wird, ohne den Plan des Ganzen vor Augen zu haben? Gesetzt auch, daß alle Bilder die Kritik aushielten, (und ist dies beym Abdallah und vielen Deiner übrigen Arbeiten der Fall?) so wäre dies nicht weniger als ein Beweis für ihre Rechtmäßigkeit an diesem Orte. Wahrlich, eine Schreibart, wo der von Empfindungen, von Visionen der Phantasie überfließende Dichter von einem Bilde zum anderen überspringt, und eins in das andere hineinzieht, ist nicht viel besser als ein Styl, worin epigrammatische Laune herrschen soll, wo eine Witzeley die andre, ein Wortspiel das andre jagt. Doch dies gilt keineswegs ganz von Deinem Abdallah. Allein daß man zuweilen seinen Verstand anstrengen muß, um die, — ich kann esdochnicht anders nennen, alswitzigenallegorischen Bilderchen, die hintereinander von ganz heterogener Art ausgesäet sind, zu fassen, und wenn man mit dem Einen fertig ist, gleich sich wieder in eine andre Welt von Bildern, in eine andre Metaphernsprache zu werfen, die den Schlüssel zum folgenden Bilde giebt, das scheint mir unläugbar. Deinem erhitzten Geiste mag diese Fülle sehr natürlich gewesen seyn; aber schön ist sie darum nicht. — Dagegen könnte ich Dir auch viele der vortrefflichen Stellen zeigen, wenn ich Dich hier hätte. So aber muß ich nur beym Allgemeinen bleiben. — Die philosophischen Hypothesen des Omar sind meisterhaftdargestellt, und haben mich ganz in jenen wunderbaren und überirdischen Abend zurückgezaubert. Aber (und das wird wohl unsre beyderseitige Meynung seyn) zerrüttet wird der Geist, für Freuden der Erde und angenehme Eindrücke verstimmt, selbst für Freundschaft und Liebe verdorben, zu ewigem Mismuth, zu trauriger Unthätigkeit verdammt, wenn er sich diesen wunderbar fürchterlichen Träumereien überläßt, und sie nicht wenigstens im Gespräche mit dem Freunde des Herzens, im Mondschein, verbannt, daß sie am Morgen mit der milden Sonnenhelle aus seinem Busen verscheucht werden und ihm als nichts mehr, als was sie sind, erscheinen, — als Traum. Die Einsamkeit, die zu weit tröstlicheren, Herz erhebenderen Gedanken und Phantasien inspiriren kann, und der Tag, der unsere Thätigkeit des Geistes für uns und unsere Neben-Menschen fordert, — bleibe von diesem verzehrenden Gifte frey, das unsere Seele vor der Auflösung des Körpers verwesen läßt. Aber, o wehe! diese felsenfeste Wahrheit ist Dir ja leider nur zu bekannt, — und der Himmel wird meinen sehnlichsten Wunsch erhören, — nicht vergebens bekannt. — Wir wollen froh mit einander leben, Tieck; — froh, aber weise; froh, und nicht in eitler Melancholie vergraben. Nicht wahr? — O ja, o ja! und der Frohsinn, der weisere Frohsinn wird allmählig in Deine Natur, in Dein Wesen übergehen! — Du bist noch immer der Alte, mein lieber bester Tieck! Auch ich bin, wie ich war! Wollte Gott, daß Du’s nur hierin nicht mehr wärst. — Aber still davon, still!
Es bleibt dabey, Dein Drama: der Abschied, ist schön, sehr schön. Bernhardi hat sich nie der von Dir erwähnten List bedient, es für sein Werk auszugeben. — Aber es bleibt auch dabey: Dein Roßtrapp ist schlecht, und ich habe ihm, glaub’ ich, ebennichtUnrecht gethan. Wie Burgsdorf ihn demAdalbert und Alladdin vorziehen kann, ist mir durchaus ein unerklärbares Räthsel! Und daß Du ihn mehrmals geändert hast, würd’ ich denn doch auch gegen jeden andern abgeschworen haben, wenn Du mirs nicht sagtest. DerSachenitzt zu geschweigen, so sind Einkleidung, Verse, Styl, Bilder, Wohlklang so, daß sie mich beleidigen. Du und Burgsdorff, ihr versteht euch auf erhabene große Gefühle, dramatischen Genius &c. tausendmal besser als ich. Ich hingegen behaupte dreist, daß ich über Versbau, Wohlklang, Rhythmus, Ausfeilung der Perioden, Ausbildung der Metaphern, Feinheiten der Sprache, und was dergleichenkleineSächelchen mehr sind, ungleich treffender urtheilen kann als ihr beyde.
Die Hinrichtung des Königs von Frankreich hat ganz Berlin von der Sache der Franzosen zurückgeschreckt; aber mich gerade nicht. Ueber ihre Sache denke ich wie sonst. Ob sie die rechten Mittel dazu anwenden, verstehe ich nicht zu beurtheilen, weil ich von dem Historischen sehr wenig weiß.
Wie Rambach mit Heidemann so vertraut seyn kann, weiß ich selber nicht, kanns Dir also auch nicht erklären. —
Du schreibst mirnie, wann Du kommst. Du setzst wohl wieder voraus: zu rechter Zeit??
Du mußt in 14 Tagen hier seyn.Wir werden Mittwoch nach Ostern reisen müssen, dann bist Du 14 Tage etwa in Berlin. Darin muß Deine Schwester Dich mehr als sonst wir genießen. Sorge für Deine Gesundheit; lebe wohl mein liebster, bester Tieck.
DeinW. H. Wackenroder.
Dein
W. H. Wackenroder.