Dieser Brief eines jungen Kavallerie-Offiziers, den wir aus mehrfachen Gründen, ohne Bezeichnung seines Regimentes und dessen Standquartieres geben, verdient wohl zunächst um des Schreibers, wie um Tiecks Willen öffentlich bekannt zu werden.Dann aber kann es, denken wir, auch gar nicht schaden, wenn solch’ psychologisch-wichtiges Bekenntniß einer gewissen Klasse vornehmthuender Personen, die über Verächtlichkeit der Roman-Lektüre, Alles in einen Topf werfend, naserümpfend dociren, unter ihre verehrlichen Nasen gerieben wird. Sie mögen daraus lernen, daß auch aus „Romanen“ gar viel zu lernen ist.... vorausgesetzt, daß Einer lernen will, undkann!
Dieser Brief eines jungen Kavallerie-Offiziers, den wir aus mehrfachen Gründen, ohne Bezeichnung seines Regimentes und dessen Standquartieres geben, verdient wohl zunächst um des Schreibers, wie um Tiecks Willen öffentlich bekannt zu werden.
Dann aber kann es, denken wir, auch gar nicht schaden, wenn solch’ psychologisch-wichtiges Bekenntniß einer gewissen Klasse vornehmthuender Personen, die über Verächtlichkeit der Roman-Lektüre, Alles in einen Topf werfend, naserümpfend dociren, unter ihre verehrlichen Nasen gerieben wird. Sie mögen daraus lernen, daß auch aus „Romanen“ gar viel zu lernen ist.... vorausgesetzt, daß Einer lernen will, undkann!
... den 19ten Oktober 1831.
Verehrter Herr Hofrath.
Sie werden gütigst verzeihen, daß ein Unbekannter es wagt Ihnen einige Momente Ihrer kostbaren Zeit zu rauben und Sie mit diesem Schreiben zu belästigen, allein ich kann nicht anders, mein innerstes Gefühl treibt mich dazu. So eben nämlich lege ich das Buch aus der Hand, das mir in der letzten Zeit steter Begleiter gewesen und mir einen unendlichen Genuß verschaffend, mich so ergriffen hatte, daß ich die Stunden, die ich seiner Lectüre widmete, als die Hauptaugenblicke des Tages betrachtete. Gern riß ich mich von aller Gesellschaft los, zog mich auf mein Zimmer zurück, um ungestört dem William Lovell in den Verschlingungen seines wunderbaren Schicksales zu folgen. Haben Sie den größten, innigsten Dank, verehrtester Herr Hofrath, daß dieser Schatz nicht Manuscript blieb, sondern von Ihnen auf so schöne Weise an das Licht gestellt, die Gelegenheit darbot, daß jeder fühlende Mensch nicht allein hohen Genuß, sondern auch die tiefste Belehrung daraus zu ziehen vermochte. Welches Gefühl muß es gewesen sein, Schöpfer dieser Welt zu werden, denn anders als eine Welt, ein ganzes Universum, kann ich William Lovel, dieses Meisterstück, nicht nennen. Welchen Genuß muß es Ihnen gewährt haben, einen Stein des herrlichen Gebäudes in den andern zu fügen, bis es endlich sowohl zur staunenden Bewunderung Aller, als auch gewiß zur innigen Freude des Meisters in seiner hohen Vollendung dastand. Sollte mir der gütige Gott je die Freude schenken, Verfasser eines Werkes zu sein, das nur in einigen Punkten entfernt wagen dürfte, sich diesem an die Seite zu stellen, ich glaube, mir würde der Zweck meines Lebens großentheils erfüllt zu sein scheinen. Sie lächeln vielleicht, verehrtester Herr Hofrath, und meinen, daß ich etwas lovelisire, allein, was ich bisjetzt gesagt, mußte ich sagen, um meinen Gefühlen über den gehabten Genuß etwas freien Lauf zu lassen. Gehe ich aber zu einer näheren Definition über, was mich eigentlich so tief ergriffen, so ist es dies, daß Lovel’s sowohl, wie seiner Freunde Leben mir in mannigfacher Beziehung der Schlüssel zu meinem eignen geworden und ich Vieles nun in voller Klarheit sehe, was mir vordem düster, verhüllt und unentwirrbar erschien. Ganze Stellen, ja ganze Briefe sind geschrieben, als wenn ich Ihnen offenherzige Bekenntnisse gemacht, die Sie hernach dem Papier anvertraut hätten. Ich stehe jetzt im 24sten Jahre und kann nicht läugnen, daß grade wie Sie, verehrter Herr Hofrath, Lovel schildern, ich in manchen Punkten fühlte und noch fühle. Dies stete Treiben und Drängen nach etwas Ungewissem, noch nie Erhörtem, Wunderbarem bewegte so oft meine Brust und übergab mich tausend räthselhaften Gefühlen. Die Ueberzeugung, wie ich gedacht, habe noch nie ein Anderer gedacht, ich sei ein ganz besonderes, befähigtes Individuum, mir könne Niemand nachempfinden und nachfühlen, verfolgte mich überall. Ohnerachtet ich schon theilweise durch Erfahrung dahin kam, zugewahren, daß viele Gedanken, die ich als eine mir nur ausschließlich zuertheilte Gabe betrachtete, doch auch schon in den Köpfen anderer Leute gewesen und nur mein Mangel an Menschenkenntniß mich dies nicht habe erkennen lassen, ohnerachtet ich mich mit dem Schwunge meiner himmelanstrebenden Gedanken alle Augenblicke ganz niedrig und dicht an der Erde kriechend entdeckte, ohnerachtet aller dieser Bemerkungen konnte ich mich doch eines gewissen Gefühles von Hochmuth nicht erwehren, indem ich andere Menschen mit mir verglich. Hierin wurde ich noch mehr dadurch bestärkt, daß zuweilen, wenn ich Ansichten über Gegenstände aussprach, die Leute mich nicht begreifen konnten und das fast für verrückt erklärten, was doch nur das natürliche Resultat meiner innersten Ideenfolgewar. Dies betrübte mich aber sehr, namentlich bei jungen Leuten meines Alters, wo ich mich anschließen wollte und immer mißverstanden, nie einen eigentlichen Freund fand und gefunden habe. Ich dachte öfters an die Worte eines Dichters:
Ich kanns der Welt nicht nennenWas meine Sehnsucht hegt.Sie würde doch verkennenWas niemals sie bewegt.Drum berg’ ich meine ThränenUnd laß sie Niemand sehn,Sie soll’n mich glücklich wähnenWeil sie mich nicht verstehn.
Ich kanns der Welt nicht nennenWas meine Sehnsucht hegt.Sie würde doch verkennenWas niemals sie bewegt.Drum berg’ ich meine ThränenUnd laß sie Niemand sehn,Sie soll’n mich glücklich wähnenWeil sie mich nicht verstehn.
Ich kanns der Welt nicht nennenWas meine Sehnsucht hegt.Sie würde doch verkennenWas niemals sie bewegt.Drum berg’ ich meine ThränenUnd laß sie Niemand sehn,Sie soll’n mich glücklich wähnenWeil sie mich nicht verstehn.
Ich kanns der Welt nicht nennen
Was meine Sehnsucht hegt.
Sie würde doch verkennen
Was niemals sie bewegt.
Drum berg’ ich meine Thränen
Und laß sie Niemand sehn,
Sie soll’n mich glücklich wähnen
Weil sie mich nicht verstehn.
Deßhalb ergriff ich auch die Rolle eines sogenannten amüsanten Menschen, zog über mein ganzes Wesen eine gewisse schimmernde Lustigkeit, tanzte leicht auf der Oberfläche des Lebens dahin und war Allen angenehm, indem ich Niemand in die Nothwendigkeit versetzte, viel oder tief zu denken, und zuweilen den Leuten das Zwergfell angenehm erschütterte, aber innerlich blieb Unruhe und Zweifel und Balders verwegner Drang den Vorhang, der uns ja überall dicht umgiebt, den Vorhang einer neuen uns geahnten Geisterwelt zu lüften. Wie schön ist der Charakter von Balder durchgeführt, wie wahr dieses dem jungen Menschen so eigne Anstemmen und Anspringen gegen die uns umgebende beengende Körperwelt, es ist wirklich zu schön. Doch ich hatte mir vorgenommen ganz ruhig zu bleiben, indem ich dies schriebe, aber wenn nun das Gelesene mir wieder vor die Seele tritt, mit dieser umfassenden Menschenkenntniß, dieser in der tiefsten Brust geschöpften Wahrheit, so erhebt sich mein Enthusiasmus immer von Neuem. Ich fahre in der Schilderung meines eignen Ichs fort, aber bloß um Ihnen, allverehrter Herr Hofrath, zu zeigen, wie mich Lovell in den innersten Fibern meines Wesens berühren und erschüttern mußte. Durch diesesSinnen und Grübeln in stillen Stunden, wenn das Gelächter und Geräusch um mich her verhallt war, kam ich auf den gefährlichen Weg, welchen Sie Andrea Casino wandeln lassen, nämlich den, mit Menschen spielen zu wollen. Da ich von Kindheit an einen überwiegenden Hang zur Bühne hatte, auch da wo ich in Liebhabertheatern auftrat, nicht ohne einigen Beifall spielte, so fand ich den abgenutzten, aber doch wahren Vergleich des Menschenlebens mit einem großen Drama, ganz vortrefflich und beschloß meine Rolle rechtcon amorezu spielen. Dann ging ich hin, beobachtete die Menschen, lauerte ihnen ihre Schwächen ab, was ja oft so leicht ist, wußte sie zu gewinnen, sprach mit diesem über die ernsthaftesten, heiligsten Gegenstände, mit jenem im Augenblicke darauf über die frivolsten mit gleichem Feuer und gleicher Lebendigkeit, und fand mich dann der dunkelnde Abend in meiner Behausung, so dachte ich oft: was für ein Mensch bist du! wie hast du dein Wesen in der Gewalt! mit welcher Leichtigkeit springst du von einem Pol deines Seins zum andern! wie leicht kannst du dich in jede Rolle werfen! Ich verblendeter, eitler Thor, ich glaubte nun die wahre Lebensphilosophie gefunden zu haben, und bedachte nicht, daß während mir die Menschen als Spielbälle erschienen, ich vielleicht der in der Hand von hundert anderen war. Sonderbar erschien ich mir nie als Heuchler, denn in eine Rolle mit rechtem Eifer hineingegangen, währte es nicht lange, daß ich fühlte, was ich nur zu spielen beabsichtigte. Doch, verehrtester Herr Hofrath, wäre dies so fortgegangen ohne alle Gegenwirkung, ich befände mich jetzt schon da, wohin Andrea Casino in seinem 80sten Lebensjahre gelangt. Aber dies Gegengewicht war auch bei mir, worauf Sie im Lovel immer so überaus rührend und heilig hinweisen, die Erinnerung aus der Kindheit. Von einer frommen verständigen Mutter erzogen, war mir der Glaube an einen allgütigen, allliebenden Schöpfer so festeingewurzelt, und hoffe ich zu Gott, wird es auch immer bleiben, daß wenn mich meine gute Mutter recht ernst und liebevoll darauf zurückführte, es nie seine große Wirkung verfehlte, und ich Tage und Monden hindurch jedes Forschen in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängte. Dann erschien mir das Leben so unendlich einfach, alle Verhältnisse so leicht, trat mir aber wieder der Zweifel näher, dann thürmten sich Berge hinter mir, Berge vor mir und Beklommenheit, Angst, unendliche Angst zogen von Neuem in mein Herz. In diesem Zustande befand ich mich wieder in der letzten Zeit; ein älterer Kamerad der theilweise meine Gemüthsstimmung zu ahnden schien, schlug mir vor den Lovel zu lesen, ich las, ich las wieder immer von Neuem und — doch Herr Hofrath Ihnen wird aus meinem Schreiben klar geworden sein, wie er mich ergreifen mußte. Ich habe Predigten, Erbauungsbücher mit vieler Aufmerksamkeit gelesen, aber ganze Compendien über die Religion und ihre Theorieen konnten mir nicht soviel wahrhaften Nutzen bringen, wie Lovel es gethan. Zwar hat meine Eitelkeit den furchtbarsten Stoß erlitten, zwar liegt das ganze Gebäude meiner innern Selbstgefälligkeit, meines geistigen Anschauungsvermögens, meiner noch nie gedachten Gedanken, in Schutt und Trümmern, denn ich, der ich glaubte ein Original zu sein, finde mich in einem Buche wieder, daß verfaßt wurde, ehe ich das Licht der Welt erblickt hatte; von der isolirten Höhe, wohin mich mein irrer Wahn geführt, steige ich herab und sehe, daß ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin. Alle meine wunderbaren Gedanken, mein Forschen, Grübeln, alles ist schon einmal dagewesen und ich ausgezeichnetes Original bin nichts als eine schlechte Kopie, denn halten Sie mich nicht für anmaßend genug, verehrter Herr Hofrath, mich etwa Loveln oder einem der andern Erscheinungen in diesem Buche an die Seite stellen zu wollen; nein so hoch stehe ich gar nicht, nur in einigen Zügen gleicheich ihnen und die dienen dazu, mich tief bis in das innerste Gemüth zu beschämen. O so aus seinem Himmel, seiner selbstgeschaffnen Welt der Einbildung und Selbstgefallsamkeit herausgestürzt zu werden ist hart, sehr hart, doch tröstet mich der Gedanke, daß es wenigstens durch Ihre, durch die Meisterhand des Genies geschah. Wie wahr sagen Sie vom Enthusiasmus, daß er nicht ein regelloses, zerstörendes Feuer, sondern eine durch den Verstand geläuterte, sanft erwärmende Flamme sein müsse. Nun ist mir auch klar geworden, was mich in Ihren Werken, Ihren Novellen anzog, eben dieser durch den Verstand gebändigte Enthusiasmus oder besser gesagt, diese durch den Verstand geregelte und gedämpfte Poesie und Phantasie. Doch ich fange an abzuschweifen und, allverehrter Herr Hofrath, Sie könnten auf den Gedanken kommen, daß ich einer jener Menschen bin, die, sobald sie mit einer ausgezeichneten Persönlichkeit, einem berühmten Schriftsteller in Berührung kommen, rasch alle ihre Verstandeskräfte zu concentriren suchen, sie künstlich zusammenschrauben, um nur auch recht geistreich in der Nähe dieser großen Geister zu erscheinen. Ich habe diese Bemerkung schon öfter im Leben gemacht, und hat es mich immer sehr unangenehm berührt, wenn die Menschen und namentlich Frauen in ganz gleichgültigen Aeußerungen ausgezeichneter Persönlichkeiten, immer einen tiefen Sinn zu finden suchten, um eben nur auch recht tief und gehaltvoll antworten zu können, und dann gewöhnlich irgend ein verschrobenes Gewächs geistiger Affektation zu Tage förderten. Nein Herr Hofrath, vor Ihrem umfassenden Geiste will ich nichts, gar nichts sein, mein Stolz ist durch William Lovel dahin geschwunden, und ich denke nur, zu welcher vollendeten Lebensanschauung Sie jetzt im späteren Alter gelangt sein müssen, da William Lovel als Produkt Ihrer jüngeren Jahre schon so ganz den Stempel der Vollendung trug. Doch zu lange habe ich Ihre Geduld ermüdet, verehrterHerr Hofrath, ich hoffe aber Sie werden die Absicht dieses Schreibens nicht verkennen, dem innige, tief gefühlte Dankbarkeit zum Grunde liegt. Eine ältere Dame, der ich davon sprach, daß ich Ihnen schreiben müßte, sagte: wer wird denn einen ganz fremden Menschen soau faitvon seinen Gefühlen setzen? sein sie nicht zu offenherzig; der Schriftsteller ist, wenn er schreibt, ein Anderer, als im gewöhnlichen Leben. Doch ich habe mich nicht abschrecken lassen, ich bin überzeugt, Sie nehmen den Zoll meines Dankes, den ich Ihnen mit aller Offenheit einer jugendlichen Brust darbringe, freundlich und nachsichtig auf und verzeihen mir meine Kühnheit, die die Veranlassung wurde, daß Sie sich einige Augenblicke mit einer so unbedeutenden Persönlichkeit wie der meinigen beschäftigen mußten.
Mit der allerausgezeichnetesten Hochachtungvon Y.....,Lieutenant im .......... Regiment.
Mit der allerausgezeichnetesten Hochachtung
von Y.....,
Lieutenant im .......... Regiment.