Tegel, im Oktober 1826.

I

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe, nebst dem mit Ungeduld erwarteten neuen Heft Ihrer Lebensgeschichte empfangen und danke Ihnen recht herzlich dafür. Es sind allerdings wenige Blätter, sie umfassen einen kurzen, aber inhaltreichen Zeitraum, aber ich habe sie nicht nur mit großem Interesse, sondern mit inniger Teilnahme gelesen.

Sie hatten mir schon einmal gesagt, daß, als ich Sie in Pyrmont kennen lernte, Sie eigentlich schon versprochen waren, nur noch nicht öffentlich. Es fiel mir damals sehr auf. Ich hatte, wie wir uns sahen, keine Ahnung davon. Die Art, wie diese Verbindung sich anknüpfte, hat etwas ganz Eigenes und Sonderbares. – Allein, was man in solchen Fällen auch denken und sagen mag, es scheint allerdings, wie Sie sehr richtig bemerken, ein ewiges Verhängnis im Zusammenhang zu walten, worin niemand dem Schicksal entgehen kann, was ihn für seine höhere Bestimmung entwickeln soll, worauf esdoch eigentlich ankommt. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es nicht denkbar ist, daß die Vorsehung das, was wir Glück und Unglück nennen, einer Berücksichtigung würdige. So trostlos das auf den ersten Blick scheint, so erhebend ist es zugleich, einer höheren Ausbildung wert gehalten zu werden. Es ist in solchen Schicksalen, wie das Ihrige war und sehr früh begann, ein wunderbarer Zusammenhang. Auch wenn man nicht von andern gestoßen und getrieben wird, wenn man nicht einmal sich selbst recht deutlich machen kann, was einen innerlich stößt und treibt, nähert man sich doch einem Ziele, oder zieht eine Fügung über sich heran, von der man beinahe das Gefühl hat, es sei besser, man stieße sie zurück. Wirklich haben Sie auch weniger getan, sich in das Schicksal, das sich für Sie bereitete, zu verwickeln, als Sie nur sich haben aus Liebe zu Ihrer Freundin gehen lassen, und nicht entgegen gearbeitet. Es ist ungemein häufig der Fall, daß Verbindungen ohne alle Neigung, ja selbst gegen die Neigung, aus allerhand Gründen, mit Empfindungen eingegangen werden; die man oft garnicht in sich tadeln kann, die aber doch bei einem solchen Schritt nicht leitende sein sollten. In mir und nach meiner Weise kann ich mir das zwar wenig begreiflich machen. Mir wäre es durchaus unmöglich gewesen, auch nur den Gedanken einer solchen Verbindung zu fassen, wenn ich nicht wirklich die tiefe Überzeugung derEmpfindung gehabt hätte, daß die, mit der ich mich verbände, die einzige sei, mit der ich ein solches Band eingehen könnte. Der Gedanke der Ehe, selbst auf eine recht gute und verträgliche Weise mit gegenseitiger Achtung und Freundschaft geschlossen, aber ohne das tiefe und das ganze Wesen ergreifende Gefühl, das man gewöhnlich Liebe nennt, war mir immer zuwider, und es wäre meiner ganzen Natur entgegen gewesen, sie auf eine solche Weise zu schließen. Es ist zwar wahr, daß die so, wie ich es da von mir sage, geschlossenen Ehen die einzigen sind, in welchen die Empfindungen bis zum Grabe im gleichen Grade, nur in den Modifikationen, welche Jahre und Umstände herbeiführen, dieselben bleiben. Es ist indes doch recht gut, daß diese Art, die Sache anzusehen, nicht die allgemeine ist, da sonst wenig Ehen zustande kommen würden. Auch gelingen so viele Ehen, die anfangs recht gleichgültig geschlossen werden, so daß sich dagegen nicht viel sagen läßt. In Ihrem Fall war es offenbar das Gefühl für Ihre Freundin, das Sie leitete, und das war allerdings ein edles und aus dem Besten und Reinsten im menschlichen Herzen sprießendes. Gerade das aber zeigt sich recht oft, daß die besten, edelsten, aufopferndsten Gefühle gerade die sind, die in unglückliche Schicksale führen. Es ist, als würden durch eine höhere und weise Führung die äußeren Geschicke absichtlich in Zwiespalt mit den inneren Empfindungen gebracht, damitgerade die letzteren einen höheren Wert erlangen, in höherer Reinheit glänzen, und dem, der sie hegt, eben durch Entbehrung und Leiden teurer werden sollten. So wohltätig die Vorsehung waltet, so kommt es ihr nicht immer und durchaus auf das Glück der Menschen an. Sie hat immer höhere Zwecke und wirkt gewiß vorzugsweise auf die innere Empfindung und Gesinnung.

Die Geschichte der geisterartigen Warnung ist sehr sonderbar – sie wurde Ihnen in dem Moment, wie Sie zuerst bestimmt Ihre Zustimmung zu einer Verbindung niederschrieben, die Sie in unendliche Leiden verwickelte. Noch sonderbarer, da sie zugleich eine Todesanzeige Ihrer Mutter war.

Daß Sie wirklich sich haben so rufen hören, ist nicht abzuleugnen. Es ist auch eben so sicher, daß kein sterblicher Mensch Sie gerufen hat in der totalen, abgeschiedenen Einsamkeit, worin Sie die warnende Stimme vernahmen. In sich haben Sie die Stimme gehört, wenn sie gleich Ihr äußeres Gehör zu vernehmen schien, und in Ihnen ist die Stimme erschallt. Es gibt gewiß viele, die das nur als eine Selbsttäuschung erklären würden, die denken, daß der Mensch auf natürlichen Wegen, ohne alle Verknüpfung des Irdischen mit dem Geisterreich, bloß durch die innere Bewegung, die in seinem Gemüt, seiner Einbildung, seinem Blut selbst waltet, so etwas äußerlich zu vernehmen glaubt. Daß es so sein kann, bisweilen so ist, möchte ichnicht leugnen, wohl aber, daß es nicht auch anders sein kann, und bei gewissen Menschen unter gewissen Umständen anders gewesen ist. Sie sagen: Ihrer Seele habe sich in späterer Zeit und nach und nach die Meinung bemächtigt, die Jung-Stilling in seiner Theorie der Geisterkunde (ich habe sie nicht gelesen) aufstelle, daß die uns Vorangegangenen, heller Sehenden, mit Liebe uns Umgebenden, uns oft gern Schützenden, warnend uns erkennbar zu werden suchten, und dies gern, um tiefere Eindrücke zu bewirken, an bedeutende und wichtige Ereignisse knüpften, wo es nur darauf allein ankomme, daß sie sich mit uns in Rapport zu bringen vermöchten, was allein davon abhänge, in welcher Entbundenheit der geistige Zustand von den äußeren Sinnen sich befinde. In diesem entbundenen Zustand, worin sich gewiß niemand eigenwillig bringen kann, glauben Sie vielleicht in jener Stimmung gewesen zu sein, wo Sie über alle gewöhnlichen Rücksichten hinaus Ihre Entschließungen niedergeschrieben haben. Diese Ihre Bemerkungen sind tief gedacht und empfunden. Es gibt unleugbar ein stilles, geheimnisvolles, mit irdischen Sinnen nicht zu fassendes Gebiet, das uns, ohne daß wir es ahnen, umgibt, und warum sollte da nicht auf Augenblicke der Schleier reißen und das vernommen werden können, wozu in diesem Leben keine vernehmbare Spur führt? Sie wurden hier in dem Augenblicke gewarnt, wie Sie einen bis dahin nur Ihnen bekanntenGedanken niederschreiben wollten, einen Federzug tun, der Ihr Leben, in vielfache und unglückselige Verwickelung ziehen sollte, Sie wurden mit der Stimme derer gewarnt, die bald nicht mehr sein sollte, und es wurde, wie Sie bemerken, um sicherer Sie zum Nachdenken zu führen, der Moment bedeutend bezeichnet, da Ihre Mutter gerade in demselben Moment acht Tage nachher starb. Das war offenbar nicht von dieser Welt. Es war eines der Zeichen, die selten, aber doch bisweilen kund werden von dem, was eine im Leben unübersteigbare Kluft von uns trennt. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie dies nicht übergangen haben.

Für heute Adieu, liebste Charlotte. Mit unwandelbarem Anteil und Anhänglichkeit der Ihrige.H.

S

Sie fragen mich, liebe Charlotte, wie ich das meinte, wenn ich sagte, daß die Stimme, die Sie an jenem Novemberabend rief, eigentlichin Ihnenerschallte, da Sie dieselbe doch deutlich hinter sich vernahmen. Recht ordentlich zu erklären ist so etwas eben nicht, ich möchte hierin auch meine Ansicht nicht für die ausgemacht wahre ausgeben, aber ich habe über alles, was man Geister und Geistererscheinungen nennt, einen Glauben, der, wenn ich so sagen darf, den Glauben und Unglauben daran gewissermaßen miteinander vereinigt. Ich glaube, daß Menschensolche Erscheinungen in Tönen und Gesichten und auf jede Weise haben können, und daß dies garnicht Einbildungen einer bloß erhitzten Einbildungskraft, Täuschungen und sozusagen wachende Träume sind. Ich würde es kaum sonderbar finden, wenn mir selbst etwas dieser Art begegnete. Ich halte also diese Erscheinungen für etwas Wirkliches, durch eine überirdische Macht Hervorgebrachtes, nur daß man freilich sehr genau prüfen muß, ob in dem einzelnen Fall die Erscheinung wirklich eine von der gewöhnlichen Ideenverbindung verschiedene und keine bloße Abirrung dieser Ideenverbindung, also bloße Vorstellung der Phantasie war. Dagegen glaube ich nicht, daß solche Töne oder Gesichte ebenso außer demjenigen vorgehen, welcher sie vernimmt, als wie wenn ein leiblicher Mensch ruft oder auftritt. Daher bin ich auch etwas ungläubiger gegen solche Geschichten, wo ein Geräusch von mehreren gehört wird. Sind es nur zwei, so kann die Gleichheit der innern Seelenstimmung wohl gleichzeitige innere Erscheinungen hervorbringen. Für innerlich halte ich also Erscheinungen, von denen nicht wirkliche Beweise des Gegenteils da wären, aber so für innerlich, daß sie im Innern immer auch durch eine überirdische Macht eingeführt und geweckt werden, und daher der Mensch, der sie erfährt, weil ihn das Bewußtsein überirdischer Gegenwart und von nicht aus ihm kommender Einwirkung ergreift, sie notwendig außer sich setzt.Wie viel auch schon über diese Sache gestritten worden ist, so kann man doch nicht ableugnen, daß etwas wirklich Innerliches von dem, dem es begegnet, als durchaus äußerlich betrachtet werden kann, und der höheren überirdischen Macht ist die Hervorbringung einer Erscheinung ebenso möglich, wenn sie in der Tat eine gewissermaßen körperlich äußere, als wenn sie eine idealisch innere ist.

Der Gedanke einer verfolgenden Macht würde mir immer fremd sein. Ich habe mich niemals mit den Vorstellungen vertragen können, die eines solchen, allem Guten feindseligen, am Bösen Gefallen findenden Wesens Dasein annehmen. Im Neuen Testament halte ich die dahin einschlagenden Stellen nur für bildliche, sich an die Vorstellungen des Judentums anschließende Ausdrücke, für das Böse, das der Mensch, auch wenn er gut ist und sich ganz schuldlos glaubt, doch immer in sich zu bekämpfen hat. Es gibt unleugbar Personen, welchen mehr Widerwärtiges als Glückliches begegnet, und auch die sehr Glücklichen haben kürzere oder längere Perioden, wo der Verlauf der Umstände ihnen nicht zusagt, und sie gegen den Strom zu schwimmen genötigt sind. Dies liegt aber, auch wo es garnicht eigene Schuld oder Folge unrichtig berechneter Verfahrungsweise ist, in der natürlichen Verkettung der Umstände, wo das allgemein Notwendige oder Unvermeidliche dem Interesse des einzelnen zuwider ist. Sehr oft, und dies ist mir bei weitem wahrscheinlicher,kann es auch Fügung der mit weiser und immer wohltätiger Strenge heilsam züchtigenden und prüfenden Vorsehung sein; denn die Züchtigung überirdischer und übermenschlicher Weisheit setzt nicht gerade immer Schuld voraus. Es kann in den Wegen und Pfaden der über alle menschliche Vernunft hinausreichenden Einsicht liegen, auch ohne Verschulden, zur bloßen heilsamen Zurückführung auch den ganz Schuldlosen zu züchtigen. Auch ist der Beste, wenn er nur die Selbstprüfung mit gehöriger Strenge anstellt, nicht von Flecken rein, und es können in seinen bewußtlosen Empfindungen solche liegen, die ihn zur Schuld führen würden, wo aber der Schuld durch die heilsam angebrachte Züchtigung vorgebeugt wird. Der Mensch selbst ist zu kurzsichtig und sein Blick zu trübe, dies einzusehen, allein die in der Höhe waltende Macht durchschaut es und weiß es zu lenken und zum Besten zu kehren. Alles dies pflege ich mir zu sagen, oft ohne äußere Veranlassung, allein auch besonders da, wo, wie's auch mir geschieht, das Schicksal den Wünschen entgegenwirkt, und eine Periode der Widerwärtigkeit oder des wahren Unglücks eintritt. Ich werde dann vorsichtiger als sonst im Handeln, und ohne mich im geringsten beugen oder betrüben zu lassen; suche ich durchzusteuern, so gut es gehen will. Wenn ich sage, ohne mich zu betrüben, so meine ich damit nicht, daß mich die einzelnen Unfälle nicht betrüben sollten (was unvermeidlich ist),sondern nur, daß ich ihr Eintreten überhaupt, die Wendung vom Glück zum Gegenteil nicht als etwas Feindseliges, sondern als etwas Natürliches, mit dem Weltgang und der menschlichen Natur eng Verbundenes, oft sogar Heilbringendes nehme. Nach dieser in mir festgewordenen Ansicht kann ich an eine verfolgende oder gar nur neckende Macht nicht glauben. Ich gestehe, daß ich einen solchen Glauben nicht einmal bei andern dulden oder unangefochten lassen könnte. Es ist eine finstere, beengte Vorstellung, die der Güte der Gottheit, der Größe der Natur und der Würde der Menschheit widerspricht. Dagegen hat der Glaube an eine, unter Zuladung und Leitung der höchsten, untergeordnete, schützende Macht etwas Schönes, Beruhigendes und den reinsten und geläutertsten Religionsideen Angemessenes. Ich möchte ihn daher niemand rauben, der durch seine Natur angeregt wird, ihn zu haben und zu hegen. Mir ist er jedoch nicht eigen, und er gehört auf alle Fälle zu denjenigen religiösen Vorstellungen, die nicht allgemein geboten sind, sondern bei denen es auf die individuelle Neigung und Stimmung ankommt.

Es wird mich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Stimmung haben, Ihre Lebenserzählung fortzusetzen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Dauer der Gesinnungen, die Ihnen immer von mir gewidmet bleiben. IhrH.

I

Ihr lieber Brief hat mir große Freude gemacht, weil er in den Inhalt meines letzten eingeht und demselben Gründe und Behauptungen entgegenstellt. Es ist sehr natürlich und begreiflich, daß unsere Ansichten bisweilen auseinander gehen müssen; es liegt das zuerst im Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhältnissen war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat suchen konnte, muß mehr von der Selbständigkeit erwarten und mehr auf sie dringen. Er muß sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglück (von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschäfte und für andere übernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen können) mit mehr Gleichgültigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu können. Indes müssen Sie nie denken, daß dies die Teilnahme an fremdem Unglück schwächt, oder daß es hindert zu begreifen, daß jeder die verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner Eigentümlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir ganz in dem Wunsche überein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zuhaben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung, eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wäre, weil, wie zufrieden und glücklich ich lebe, dies Leben doch immer beschränkt und rätselhaft ist, und das Zerreißen des irdischen Schleiers darin auf einmal Erweiterung und Lösung mit sich führen muß. Ich könnte darum stundenlang mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und dem künftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der Todeserwartung soll mir bleiben, ich würde mich dessen, da sie tief in meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und reiner Anschauung gehangen hat) gegründet ist, sogar gewiß halten, wenn nicht der Mensch, wie stark er sich wähne, sehr vom augenblicklichen Zustande seiner körperlichen Gesundheit und selbst seiner Einbildungskraft abhinge. Ich wähne mich aber nicht einmal stark, sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich würde daher, bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen, und mein Bemühen würde nur sein, mit Besonnenheit den Übergang in einen anderen Zustand, so lange es möglich ist, schrittweise zu verfolgen. Darum würde ich auch für mich einen langsameren Tod nicht für ein Unglück erachten, obgleich ein schneller sowohl für den Sterbenden selbst, als für die Zurückbleibenden Vorzüge hat. Ichtrage mich auch seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, daß ich nicht anders sterben werde, als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkündet. Wie das nun sein wird, will ich erwarten, aber erwünscht wäre mir, wie Ihnen, die Vorandeutung.

Die biblischen Stellen, die Sie anführen, waren mir, als ich sie nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings tröstend, weil sie Hoffnung gewähren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich erbarmt, zählen lassen. Ich muß aber doch, wenn ich meine innere Empfindung erschließe, sagen, daß gerade die von Ihnen angeführten Stellen nicht diejenigen sein würden, bei denen ich Trost suchen würde. Sie gehören in die Reihe der Verheißungen, Hoffnungen, und in dieser Art in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu bearbeiten, daß daraus soviel mögliche innere Besiegung des Unglücks hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüßte sonst nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten und Neuen Testament. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwaltender Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in religiös gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts auszurottende Überzeugung, daß auch die Schicksale, durch welche man selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten für das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen Testament hernach ist ein solches überschwängliches Vorwalten des Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit der Gesinnung zurückgeführt, daß was den Menschen sonst innerlich und äußerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt, vollkommen in Schatten zurücktritt. Dadurch verliert auch das Unglück und jedes Leiden einen Teil seiner drückenden Einwirkung, und es schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden Seite darstellt, und in der überall die aufopfernde Liebe Christi für das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohltätiger Balsam, verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Körper- und Seelenschmerz. Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da erscheint wieder, und doch auch immer mehr tröstend als schreckend, die Allmacht und Allweisheit des Schöpfers und Erhalters der Dinge, die durch die Größe und Erhabenheit der Vorstellung über das einzelne Unglück hinaushebt.Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die, wie ich weiß, Sie lieben und die nie in mir ändern werden, IhrH.

I

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit großem Interesse gelesen und danke Ihnen recht herzlich dafür.

Sie bemerken in Ihrem Briefe, daß vor dem Erscheinen Christi ein Umgang zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Schoß aufgenommen sei, ein näheres Verhältnis zu dem höchsten Wesen erhalten habe. Ich halte dies für ungemein richtig. Zwar möchte ich nicht sagen, was eigentlich von jener engeren und persönlichen Gemeinschaft der Erzväter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei. Diese Erzählungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rücksicht, welches auch ihr Ursprung sein möge, eine so ehrwürdige Heiligkeit, daß man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewiß bleiben kann, was Eigentümlichkeit der Vorstellungs- und Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei so alten Überlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich Jahrhunderte lang mündlich fortgepflanzthaben, ehe sie aufgezeichnet worden sind, läßt sich der wahre Sinn von der äußeren Einkleidung schwer und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und tröstliche und im höchsten Grade heilsame Wahrheit, daß durch das Christentum alle Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohltätigkeit erlangt haben, daß alle innere und äußere Bevorrechtung aufgehört, und jeder ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu nähern vermag. Es ist überhaupt in allem, im Religiösen und Moralischen, der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die Scheidewände, die vorher die Völker wie Gattungen verschiedener Geschöpfe trennten, hinweggeräumt, den Dünkel, als gäbe es eine von der Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der Nächstenpflicht und Nächstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben. Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige, der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich gestehe daher auch, daß ich nicht in die Idee eingehen kann, als wäre oder als könnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre desChristentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frömmigkeit der Gesinnung tritt. Es wäre ein gefährlicher Stolz, sich einer solchen anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht bedarf dessen nicht. Frömmigkeit und Reinheit der Gesinnung und Pflichtmäßigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem höchsten Wesen, wie wir es uns denken müssen, Wohlgefällige. – Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt. Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten werde. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige.H.

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Das neue Jahr hat begonnen, und ich wünsche Ihnen, liebe Charlotte, von ganzem Herzen Glück dazu. Mögen Sie es heiter, sorglos und vor allem in ungestörter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, daß die Erfüllung dieser Wünsche wahrscheinlich ist.

Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch gewissermaßen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da auch der längst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt. Esfängt auch freilich mit jedem Tage gewissermaßen ebenso gut, als mit dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht abzuleugnen, daß das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in sich trägt, das den Bedächtigen und gern Überlegenden in Nachdenken versetzt. Es ist überhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorsätzen zu beginnen, und ich habe oft gefunden, daß es immer seinen Nutzen hat, wenn auch nicht immer alle Vorsätze in Erfüllung gehen oder durchaus dauerhaft sind. Es gibt auch mehr oder minder günstige Jahre, und das beweist sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen, wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorübergehend scheinen, in den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das vielleicht etwas abergläubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz und so sehr. Die Unfälle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr, als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewußtseins liegt, aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine ungünstige, düstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im Äußeren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens ruhig und gleichmütig mit einer gewissen Kälte, als wäre einemGlück und Unglück ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht bloß insofern noch drückender und lastender, daß man es schwerer empfindet, sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr Widerwärtiges. Auf große Dinge mag das, wie ich wohl glauben will, keinen Einfluß haben, aber auf die kleineren, die doch auch überwunden sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.

Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir, wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen verlängert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, daß Ihr Brief den 25. oder nur wenige Tage später in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl, beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige.H.

I

Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen, obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spät, da ich meinen Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgeführt habe, und garnicht nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden. Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser Briefwechsel ist bis dahin gegen Störungen dieser Art gesichert. Es hat mich sehrgefreut zu sehen, daß Ihre Gesundheit wenigstens leidlich ist, und daß die Veränderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe von Kindheit an für die angebliche Schönheit eines Wintertages keinen Sinn gehabt. Die Kälte ist mir insofern gleichgültig, als ich mich ihr nie anders als so verwahrt aussetze, daß sie mir nichts anhaben kann, und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einförmigen Anblick des Schnees durch Gardinen verschließe. In der Stadt ist es mir überhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon erblicke. Es ist da nur die Nacht schön, wo der Mensch und das gewöhnliche Treiben des Gewühls verschwinden und der gestirnte Himmel den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den Genuß der Nacht zu beschränken, habe ich schon sehr früh gehabt. Schon als ganz junger Mensch saß ich, so oft ich die Stadt bewohnen mußte, die Tage über, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer, durchstrich aber fast regelmäßig, sogar im strengen Winter, mehrere Stundenlang des Nachts die einsamen Straßen. Es freut mich ungemein, daß Sie die gleiche Neigung mit mir für den gestirnten Himmel haben. Wem dieser innere Sinn nicht erschlossenist, entbehrt eine sehr große, und eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.

Sie bemerken sehr richtig, daß ein Wintertag doch auch seine Freuden habe. Einförmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild unberührter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weißen Decken an den hohen Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfuß erreicht, sehr schön aus. Ihr Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu. Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wäre, ist es keine unerwünschte Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn die große Natur in ihrem regelmäßig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung an den Tod herbeiführt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthüllung eines neuen, vorher nicht geahnten Zustandes.

Ich muß mich neulich nicht deutlich ausgedrückt haben, wenn Sie, liebe Charlotte, glauben, ich hätte gewissermaßen bestritten, daß die allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen leite. Auch nach meiner festen Überzeugung kann darauf der Mensch mit Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschöpfers und Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen Testaments, hervor und ist nichtnur eine sichere und fest gegründete, sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, über welche kein Zweifel bleibt, und Sie haben gewiß recht, wenn Sie sagen, der Glückliche bedarf den Glauben, um nicht übermütig zu werden, der nicht Glückliche aber als Halt, und der Unglückliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf seine Weise sich diese göttliche Teilnahme und Fürsorge denkt, so sind das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die Hauptsache bleibt immer, daß eine Allweisheit und Allgüte die Ordnung der Dinge regiert, zu der wir gehören, daß unsere kleinsten und größten Schicksale darin mit verwebt sind, daß daher alles, was geschieht, gut und uns, sei es auch schmerzhaft, wohltätig sein muß, endlich daß sein Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Gründen Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von der Pflichtmäßigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit unserer Gesinnung abhängt. Darin können unsere Meinungen nicht voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr früherer Brief enthält, wo Sie anzunehmen schienen, daß die Gottheit gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten Erklärungsarten der von Ihnen erwähntenErscheinungen. In die Ansicht nur könnte ich nie einstimmen, daß die Gottheit sich um einige weniger kümmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst, sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, daß sie ihm anhängen, eine größere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemüts beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden, belohnenden und strafenden Fürsorge läßt sich nicht, weder mit den Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von Auserwählten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese Stellen hängen auch zum Teil mit der jüdischen Idee des auserwählten Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der Auserwählung nicht gerade jenen ausschließenden Sinn, sondern nur den zu haben, daß die Auserwählten diejenigen waren, welche sich durch ihre Herzensreinheit und Frömmigkeit am meisten der Liebe Gottes würdig gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes in den waltenden Fügungen seiner Vorsehung schließen könnte, wohl nicht vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie ist wohl anders zu erklären. Der tröstende Gedanke aber bleibt fort und fort, daß Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nuraus Liebe sendet, um unsere Gesinnungen zu läutern. So, liebe Charlotte, habe ich die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren Ansichten und Überzeugungen vollkommen überein.

S

Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nämlich hier, und so lange und so oft ich hier bin.

Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natürlich jetzt wieder ganz frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im Winter seine schöne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich machen. Man fühlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element, so tief sie ihren Einfluß auszuüben vermag, um den schönsten Teil seiner eigentümlichen Natur bringt. Man sagt gewöhnlich, das Wasser trennt die Länder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bieteteine viel leichter zu durchschneidende Fläche dar als das feste Land, und es ist ein so hübscher Gedanke, daß, wie weit auch die Ufer voneinander entfernt sind, die Welle, die mir die Füße bespült, in kurzer Zeit am gegenüberstehenden Gestade sein kann.

Mit Vergnügen lese ich in Ihrem Briefe, daß Sie mit dem Plan einer kleinen Reise nach Offenbach beschäftigt sind, und bitte Sie, doch ja Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, daß Sie, liebe Charlotte, einmal einer Erholung bedürfen, oder eine solche wenigstens sehr wohltätig auf Sie wirken würde. Ich empfinde recht wohl, daß Sie darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer Beschäftigung überdrüssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so. Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen, sogar mit Vergnügen getrieben haben, so bemächtigt sich ihrer dennoch eine durch die Einförmigkeit bewirkte Ermüdung, und neue, auch nur auf eine kurze Zeit genossene Gegenstände geben den Gedanken und der Empfindung eine neue Spannung, die gewöhnlich auch auf den Körper zurückwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben; es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hübschen Gegend, auch nicht sehr weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah,im Jahre 1788. Ich besuchte die dort als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre später dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris zurückkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und Liebenswürdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel sah. Ein Sohn, wenig älter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr genauer Freundschaft mit mir, ist glücklich verheiratet und in jeder Rücksicht ein trefflicher Mensch. – Ich wünsche von Herzen, daß Sie das Vorhaben ausführen.

I

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, den Sie nach meinem Wunsch am 3. abgeschickt haben, richtig erhalten und danke Ihnen herzlich dafür. Der heitere, zufriedene Ton, der darin von der ersten bis zur letzten Zeile herrscht, hat mir eine ganz besondere Freude gemacht. Es scheint mir aber, als wären Sie schon seit längerer Zeit viel gleichförmiger gestimmt als im Anfang unseres brieflichen Umgangs. Es ist sehr gütig und liebevoll von Ihnen, und gereicht mir zur Freude, daß Sie es dem Einfluß zuschreiben, den Sie mir so willig gestatten. Das Verdienst ist auf Ihrer Seite; Ihre Seele ist so klar und empfänglich wie Ihr Gemüt, und so sind Sie jeder Überzeugungund jeder Wahrheit immer offen. Ich liebe die Heiterkeit ungemein. Es ist nicht gerade die laute, die sich wie genießende Fröhlichkeit ankündigt, sondern die stille, die sich so recht und ganz über die innere Seele ergießt. Ich liebe sie in anderen und mir vorzüglich der größeren Klarheit wegen, die in der Heiterkeit immer die Gedanken haben, und die für mich die erste und unerläßliche Bedingung eines genügenden Daseins im Leben für sich und im Umgange mit anderen ist. Die Wehmut führt auch bisweilen eine und oft noch größere Klarheit mit sich. Man sieht und empfindet die Dinge in ihrer Nacktheit, wenn das Gemüt so tief in sich bewegt ist, daß der Schleier zerreißt, der sie sonst verhüllt. Aber es ist dies, wie ich es nennen möchte, eine schmerzliche Klarheit, die teuer erkauft werden muß, und sie zeigt die Gegenstände auch nur im Augenblicke und vorübergehend, wie man auch augenblicklich in die Tiefe des Himmels schaut, wenn der Blitz die Wolken zerreißt. Davon ist die leichte Klarheit ruhiger Heiterkeit himmelweit verschieden. Diese zeigt die Dinge teils, als gingen sie fremd vor einem vorüber, teils als besitze man Stärke genug, sich nicht von ihnen bewegen zu lassen. Auf beide Weisen geht die Masse der Ereignisse wie ein Schauspiel vorüber, und das ist eigentlich die des Menschen würdigste Art, sie anzusehen, ohne lange bei ihnen zu verweilen oder sich gar in sie zu vertiefen, immer eingedenk, daßes ein ganz anderes und würdigeres geistiges Gebiet gibt, in dem der Mensch wirklich sich heimatlich zu fühlen bestimmt ist. Wenn man das Fremde so nimmt, und dasjenige, was Anteil der Freundschaft und Zuneigung nur in der Tat zur Wirklichkeit macht, die sich auf keine Weise mehr als Schauspiel behandeln läßt, nicht mehr bloß die Phantasie und den Gedanken in Anspruch nimmt, sondern warm und lebendig das Herz ergreift, so behandelt man das Leben vielleicht auf die unter allen zweckmäßigste Art. Es ist mir für die Erhaltung und Fortdauer Ihrer Heiterkeit, liebste Charlotte, sehr lieb, daß Sie sich mit dem Plane Ihrer kleinen Reise beschäftigen. Es würde Ihnen diese Beschäftigung selbst zur Entschädigung dienen, im Fall sich der Ausführung des Projekts etwas entgegenstellte. Ich kann mir aber das nicht denken, da die Sache so ungemein einfach ist. Was Sie mir in Ihrem letzten Briefe über Offenbach sagen, hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich wußte nicht, daß der Isenburger Hof das ehemalige Haus der Frau von Laroche war. Es ist sehr hübsch und sehr natürlich von Ihnen, daß Sie alles lebhaft bei Ihrem Dortsein und Wohnen in dem Hause interessierte, so daß Sie bei allen Details verweilten, da die Schriften der Laroche, wie Sie mir sagen, Ihnen in der Jugend nicht nur großes Vergnügen gewährten, sondern bildend auf Sie wirkten. In gut gearteten Gemütern bewahrt und erhält sich dann eine dankbare Anhänglichkeit. Geradeder Garten, von dem Sie reden, ist das einzige, dessen ich mich deutlich erinnere. Ich sah die Frau von Laroche zum letzten Male darin, als ich im Jahre 1801 mit meiner Frau und Familie aus Paris zurückkam. Es war eine Laube im Garten, in der wir saßen. Sie erinnern mich an das, was Goethe in seiner Biographie, Wahrheit und Dichtung, von der Familie Laroche sagt, wo er bei seiner Rückkehr von Wetzlar nach Frankfurt dort mehrere Tage einkehrte und freundschaftlich aufgenommen war. Sie sind, wie es scheint, nicht ganz zufrieden mit Goethe und der Art, wie er die würdige Frau und die übrigen Familienmitglieder darstellt.

Leben Sie für heute herzlich wohl, und schreiben Sie mir doch den 24. d. M. Mit der herzlichsten und immer unveränderlichen Teilnahme IhrH.

T

Tausend Dank, liebe Charlotte, für Ihren mir sehr erwünscht gewesenen Brief vom 24. v. Mts. Ich habe es immer sehr gern, wenn ich, indem ich einen Brief schreibe, einen zur Beantwortung vor mir habe. Wenn auch unser Briefwechsel selten etwas enthält, worauf eigentlich eine Antwort erforderlich wäre, so ist doch ein Briefwechsel seiner Natur nach immer eine Erwiderung, und man schreibt weniger gern, wenn der Faden für den Augenblick abgerissen ist und vonneuem angeknüpft werden muß. Das begegnet mir nun durch Ihre liebevolle Aufmerksamkeit nie, sondern unsere Briefe wechseln sich regelmäßig ab. Ich bin überzeugt, daß, wenn manche Menschen wüßten, daß wir uns so regelmäßig schreiben, ohne über wissenschaftliche oder Geschäftsgegenstände zu reden, noch uns Tatsachen mitzuteilen, sie gar nicht begreifen würden, was man sich sagen könne, wenn man sich scheinbar nichts zu sagen hat. Recht wenige Menschen haben einen Begriff und einen Sinn für die Mitteilung von Gedanken, Ideen und Empfindungen, wenn es ihnen auch auf keine Art an Verstand, Geist und Regsamkeit für alle Gefühle fehlt, für welche der Mensch empfänglich zu sein pflegt. Es gehört zum Gefallen an solchen Mitteilungen noch mehr, nämlich die Neigung, das, was man selbst denkt und fühlt, gern außerhalb des eigenen Seins im andern zu erblicken. Bei einem Umgange, wie es der zwischen uns beiden ist, ist es nicht eben der Wunsch, etwas in den andern zu verpflanzen, Meinungen in ihm zu begründen, zu befestigen oder zu zerstören, wenigstens fühle ich keinen solchen Hang und solches Bemühen in mir. Aber was ich deutlich fühle, ist ein großes und in der Liebe zu gefaßten Meinungen selbst: gegründetes Verlangen, was ich über Gegenstände inneren Bewußtseins meine und empfinde, mit den Erfahrungen und der Vorstellungsweise anderer zu vergleichen. Es kommt einem nun gewissermaßenin sich gesicherter vor, was man mit dem Vorteilen und dem Denken anderer zusammen hält, und wenn es keinen andern Grund gegenseitiger Mitteilung im Menschengeschlecht gäbe, so wäre schon dies gewiß ein hinlänglicher. Es hat auch gewissermaßen das Schreiben darin einen Vorzug vor dem mündlichen Gespräch. Es vereinigt die Vorzüge des letzteren mir denen des einsamen Nachdenkens, die doch gleichfalls unverkennlich sind. Man hat für alles, was die Mitteilung der Gedanken und Empfindungen betrifft, den andern nicht minder gegenwärtig, als wenn man persönlich beieinander ist, und zu der Sammlung und dem Festhalten der eigenen Gedanken trägt doch unfehlbar das Alleinsein, und selbst, daß man den Faden seiner Gedanken ruhig ausspinnen kann, ehe ein anderer dazwischentritt, bei.

Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, daß es Ihnen lieb war, meinen Brief gerade in den Feiertagen zu erhalten. Es war das meine Absicht. Ich weiß, daß Sie sich in den Festtagen Muße, Ruhe und Erholung erlauben, die Sie, gute Charlotte, so oft ersehnen – und ihrer so selten teilhaftig werden, – ich weiß auch, daß Ihnen das Pfingstfest; besonders lieb ist in seiner geistigen Bedeutung, und nun erkenne ich mit Vergnügen, daß so die Tage in Heiterkeit still an Ihnen vorübergegangen sind, und mein Brief und dessen Beantwortung Ihre zufriedene, heitere Stimmung vermehrt hat. Ich gestehe Ihnen, daß Ihre einfache Zufriedenheit mir stetserfreulich, oft rührend ist. Sie geht aus Ihrem Innern hervor, wodurch sich das Äußere gestaltet. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß die Einrichtung bestimmter Ruhetage, selbst wenn sie garnicht mit religiöser Feier zusammenhinge, eine für jeden, der ein menschenfreundliches, auf alle Klassen der Gesellschaft gerichtetes Gemüt hat, höchst erfreuliche und wirklich erquickende Idee ist. Es gibt nichts so Selbstisches und Herzloses, als wenn Vornehme und Reiche mit Mißfallen, oder wenigstens mit einem gewissen verschmähenden Ekel auf Sonn- und Feiertage zurückblicken. Selbst die Wahl des siebenten Tages ist gewiß die weiseste, welche hätte gefunden werden können. So willkürlich es scheint und bis auf einen Punkt auch sein mag, die Arbeit um einen Tag zu verkürzen oder zu verlängern, so bin ich überzeugt, daß sechs Tage gerade das wahre, den Menschen in ihren physischen Kräften und in ihrem Beharren in einförmiger Beschäftigung angemessene Maß ist. Es liegt noch etwas Humanes auch darin, daß die zur Arbeit dem Menschen behilflichen Tiere diese Ruhe mitgenießen. Die Periode wiederkehrender Ruhe über die Maße zu verlängern, würde ebenso unhuman als töricht sein. Ich habe dies sogar einmal an einem Beispiel in der Erfahrung gesehen. Da ich in der Revolutionszeit einige Jahre in Paris war, so habe ich dort es erlebt, daß man auch diese Einrichtung, sich an die göttliche Einsetzung nicht kehrend, dem trocknen und hölzernen Dezimalsystem untergeordnethatte. Der zehnte Tag erst war es, was wir einen Sonntag nennen, und alle gewöhnliche Betriebsamkeit ging neun Tage lang fort. Wenn dies eigentlich sichtbar viel zu viel war, so wurde von mehreren, so viel es die Polizeigesetze erlaubten, der Sonntag zugleich mitgefeiert, und so entstand wieder zu vieler Müßiggang. So schwankt man immer zwischen zwei Äußersten, wie man sich von dem regelmäßigen und geordneten Mittelwege entfernt.

Wenn dies nun aber bloß nach schon vernunftgemäßen und weltlichen Betrachtungen hiermit der Fall ist, wie anders stellt sich noch die Sache nach den religiösen Beziehungen dar; dadurch wird die Idee, wie der Genuß der Feiertage, zu einer Quelle geistiger Heiterkeit und wahren Trostes. Die großen Feiertage sind überdies mit so merkwürdigen Geschichtsereignissen verbunden, daß sie dadurch eine besondere Heiligkeit erhalten. Es ist gewiß die angemessenste Feier dieser Tage, in der Bibel selbst, in allen vier Evangelisten, die Erzählung derjenigen, auf welche sich das Fest bezieht, zu lesen, wie Sie mir schreiben, daß Sie zu tun pflegen seit vielen Jahren. In den Evangelisten ist namentlich die Übereinstimmung in der Erzählung ebenso merkwürdig als die Art, wie die Erzählung der einzelnen voneinander abweicht. Die Übereinstimmung bürgt für die Treue und Wahrheit, und in ihr liegt das Gepräge des Geistes, in dem alle diese unmittelbarenZeugen, die Christus selbst sahen und begleiteten, schrieben. Allein dieser Geist, ob er gleich ein Geist der Einheit war, der alle beseelte, hinderte doch nicht, daß sich nicht die eigentümliche Echtheit und Schönheit jedes einzelnen Erzählers hätte gehörig entfalten und darstellen können. Wirklich kann man, wenn man gewohnt ist, die vier Evangelisten oft zu lesen, nicht leicht verkennen, von welchem eine Stelle ist, wenn man nur irgendeine solche auswählt, in der sich das Charakteristische einigermaßen zeigen läßt. Es scheint mir auch aus Ihrem letzten Briefe, wie ich schon öfter bemerkt zu haben glaube, daß Sie dem Evangelium Johannis den Vorzug geben. Dieser Ausdruck ist zwar nicht passend, da in diesen Schriften mit Recht alles gleich geachtet werden muß. Allein es ist doch natürlich, daß der eine Erzähler das Herz und die Empfindung auf eine andere Art als der andere anspricht, und alsdann läßt sich auch nach Individualitäten ein Unterschied im Eindruck festsetzen. Ich teile ganz Ihre Meinung hierüber. Es ist gerade im Johannes, wenn man es so nennen darf, etwas vorzüglich Seelenvolles.

In dem, was Sie über das Glück sagen, haben Sie mich doch einmal mißverstanden, wie das ja auch bei den meisten und großen Übereinstimmungen unter uns manchmal nicht anders sein kann. Was ich darüber denke, wende ich übrigens nur für mich an. Ich finde es für mich tröstend und ausreichend. Ich liebe es, auf mirselbst zu stehen, und entbehre lieber, als ich an Hoffnungen hänge, die auch fehlschlagen können. Jeder mag darin seine Weise haben. Mit innigster Teilnahme IhrH.


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