19. Mai 1889.

Liebe Bergliot, ich denke mir, Frau Lürig und Du seid wieder gute Freunde, wenn Du diesen Brief bekommst. Das ist ja zu kindisch im Kern! An Lehrern oder Lehrerinnen soll Deine Zukunft nicht scheitern. Aber wenn es in Deinem Brief aussehen soll, als wollest Dugegen Deine Überzeugung nachgeben, nur um vorwärts zu kommen, so soll der Teufel den Wisch holen. Nein, gib da nach, wo Du unrecht hast, und meinetwegen auch in allerhand Dreck und Blödsinn und sonst was; aber nicht da, wo Du recht hast und es Deine Selbstachtung direkt angeht. MagdiesErbe Deines innern Wesens Dir auch mancherlei zu schaffen machen, so hast Du doch auch Freude davon und seelische Entwicklung. Es ist ja etwas in Dir, das Du lernen mußt zu beherrschen. Und es ist schlimm, daß Du in Deiner nächsten Umgebung Streitigkeiten hast, wo Du Frieden haben solltest. Im Hause nämlich. Es ist auch schlimm, daß Du niemand hast, zu dem Du gehen kannst, und der jetzt für Dich eintreten könnte. Ich habe es Dir schon früher gesagt, und ich sage es Dir wieder,das ist falsch. Wir müssen alle so dastehen, daß wir gegebenenfalls Verteidiger haben. Aber Du verkehrst nicht mit Runebergs, nicht mit Sansots, nicht mit Tschernings, also mit keinem von denen, die Dir in unserm Namen Ratgeber und Beschützer sein könnten.

Dies muß anders werden!Beherzige das!

Übrigens nimmst Du das Ganze zu tragisch. Sie ist ein Dummkopf, — das habe ich ja immer gesagt, und mit einem Dummkopf muß man Nachsicht haben.

Willst Du nach Hause kommen, um Dich vor all dem zu retten, so tue es.

Wir haben Dikka hier gehabt.

Sie war einfach süß. Dann ist Arvesen hier gewesen zum 17. Mai — unvergleichlich! Er wird immer prächtiger. Gute Laune, überlegne Ruhe bei allem Eifer, — prächtig!

Erling machte seine Sache als Preisausteiler und Festordner und Leitervorzüglich.

Wir stehen vor einer Reise nach Lillehammer, wohin wir Keilhau folgen werden; er reist heute mit Dikka und Arvesen.

Der Brief ist faselig. Aber Du verstehst ihn schon. Hier im Hause ist es so unruhig. — Vergiß nie — in was für Dummheiten Du auch hineingerätst,und was Du selbst auch für Dummheiten machst —, stets mußt Du die feste Überzeugung haben: wir glaubendann, daß Du bei Deiner prächtigen Natur einfachunglücklichbist, und wir werden nicht böse, sondern selbst unglücklich seinund Dir helfen nach bestem Vermögen. Denke daran, Bergliot, daß Du niemals etwas tun kannst, aus dem Dir herauszuhelfen wir nicht mit aller Kraft versuchen werden. Habe vor allem und unbedingt in Dir die Sicherheit, die das Bewußtsein gibt, daß Du unerschütterlichtreue Freundean uns hast, in Freud und Leid, in Glück und Schande, in unwandelbarer, ausharrender Liebe. Mutter grüßt und küßt Dich, lieber Schatz, und ebenso

Dein Freund Vater.

Ja, das sieht aus wie flott hingeschrieben; aber Du weißt, es ist guter alter Wein, nur zu hastig eingeschenkt; sie drängen mich.

Liebe, süße Bergliot, Dein Brief vom 16. Mai hat einen Jubelsturm hervorgerufen heute; wir bekamen ihn noch im Bette, oben bei Lundes. Heute, das heißt Montag; wir sind gestern, Sonntag, um 11 Uhr hier angekommen, — so zeitig, daß eine kleine Deputation mit Blumen, die von Balberg aus uns entgegenkommen wollte, zu spät erschien; sie waren mit auf dem Solbakkefest gewesen und wollten ihre Dankbarkeit beweisen.

Tausend Dank für Deinen Brief! Mutter und Dagny sind beim Zahnarzt, und ich habe versprochen, Dir ein paar Worte zu schreiben.

Liebe, süße Bergliot, Du sollst in Licht und Hoffnung leben; Du sollst es gut haben. — Ich habe mich sehr gewundert, daß Du nicht mit bei dem Ausflug der skandinavischen Künstler nach Meudon warst. Ich wundere mich sehr, daß Du nichts über Thommessens schreibst, die lange Zeit in Paris gewesen sind. Am 17. Mai bekamen wir ein Telegramm von ihnen, und Dein Name war nicht mit dabei; also warst Du auch nicht da. Das geht aber doch nicht an, daß Du so ganz außerhalblebst, wenn etwas Derartiges vor sich geht! Hast Du keine skandinavischen Freunde sonst als Cavlings? Hast Du zu niemand Vertrauen? Du bist so exklusiv.

Von Lundes die herzlichsten Grüße! Von allen, allen! Freude darüber, Dich bald wiederzusehen! Wonne darüber, daß es Dir gut geht! Herrliche Sommertage, prächtige Stimmung! Leb wohl!

Dein Freund Vater.

Ich wünsche Dir Glück, Du geliebtes Menschenkind! Alle Fahnen gehißt an dem herrlichsten Sommersonntag! Der Hahn kräht in dem hohen Gras, die Küken, die kleinere Brut, piepsen in neunstimmigem Chor in ihrem prächtigen Gelaß unter der Treppe zum Vorratschuppen, und die größere Brut auf dem Hofe draußen, beide unter der weisen Leitung ihrer Mütter; sechs Schweine singen Baß und Bariton weiter weg im Schweinegehege, Elster und Krähe machen einen Heidenlärm dicht davor; von Bö her Knall auf Knall vom Schützenfest; Erling ist Vereinsvorstand; die Schellen der Pferde ertönen vom Tal unten herauf, zwei Hengste halten oben im Stall die gute Laune aufrecht, sie wiehern um die Wette nach einer Stute, die den letzten Tag dort steht (sie soll unter der Obhut eines Hengstes auf die Weide); Großmutter geht herum und knickst „gratuliere“! Oline ist angekommen und huscht umher, stiller als ein Mäuschen, und räumt auf, Karen hat die Hälfte von Mutters sechs Paar Strümpfen aufgefressen und tut ganz geschwollen vor Scham und Reue,Dagny trappelt im Hemde umher mit staubigen Füßen noch von gestern, Erling streckt seine verbundenen Finger von sich und überlegt, ob er zu Amtmanns fahren und um Marit anhalten soll (Karoline ist gekommen); Petter reist hinter Keilhau her; — und Sonne und Fliegengesumme und Hahnenschrei und Stille und Flaggen — und

Dein Vater,der schreibt.

Liebe Bergliot, wir sind ganz entsetzt, daß Du in dieser Sonnenhitze von Pontius zu Pilatus rennst nach Zeugnissen; im nächsten Brief bist Du wohl gar bei Präsident Carnot und Madame Marchesi gewesen. Vom Champ de Vincennes nach tour d’Eiffel und Mad. Viardot! Und Du behauptest, Du seiest nervös? Das glaube ich; das wird man von weniger! Allein die arme Madame Lürig läßt Du sitzen und sich die Nägel kauen. Und im übrigen heidi — in einem cours triomphal! Hast Du nie Deinen alten Drachen mit oder ihren Hund oder ihr Dienstmädchen? Läufst Du allein umher? Nein, es ist ja wahr, Mad.selle Breslau war ja einmal mit, und ein andermal eine geheimnisvolle englische Dame, und in Vincennes Cavling, jedesmal weranders! Ich hoffte, von Sansots zu hören; aber nicht ein Wort! — Du bist so betriebsam geworden, daß, wenn jemand mir erzählte, Du hättest vor Ambroise Thomas gesungen in Gegenwart des Schahs von Persien, ich es für ganz wahrscheinlich halten würde. Du endigst mal als Operndirektrice; der unternehmendeGeist Deiner Mutter ist in Dir wiedergeboren, und sie hätte eigentlich das Bon marché oder Les grands magasins du Louvre leiten sollen. — Unsre Töchter werden sicher noch mal unsern Jungens die Butter vom Brote nehmen; denn nun glaub’ ich, auch Dagny wird Künstlerin, — entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin, oder beides. Auch sie fängt an, diese nervöse Unverzagtheit an den Tag zu legen, die Du hast. — Ja, im Ernst — ich fange an, auch in Dagny so was zu ahnen. — Mein süßes Mädel, in ein paar Tagen bist Du hier; und ist das Wetter wie jetzt, so kommst Du wie im Schlafe angeschwommen. Gib Dich nicht dazu her, den Leuten an Bord was vorzusingen, so daß wir den ganzen norwegischen Klatsch hören müssen, lang eh Du selber kommst!Mein Rat; aber tuDu, wieDuwillst. Das Piano bereits in Lillehammer; jetzt schaffen wir es hier herauf, daß es dasteht, wenn Du kommst. — Arvesen hat angekündigt, daß ein amerikanischer Freund von Arve hierher kommt und Arve selber. — Ich freue mich nicht auf all den Klimbim. Je älter ich werde, desto weniger. Im übrigen ist die Luft so voll Elektrizität, daß ich kaum arbeiten kann. — Mutter berichtet wohl von Erlings Unfall. Mir imponiert es mächtig, daß er es wagt, sich einem scheu gewordenen Pferd entgegenzuwerfen undes zum Stehen zu bringen. Dazu gehört ein Mut, wie ihn nicht viele haben; und denk Dir, er hatte sich dabei an dem anderen Pferde die Hand so abgeschunden, daß er mit dem roten Fleisch das tolle Tier anpackte, das ihm mit dem Wagen auf einem Rad entgegenkam! Tapferer Bengel! Ja, wenn dies also der letzte Brief ist, ehe Du kommst, — Dank für all Deine Montagsplaudereien, liebe, süße Bergliot! Und mach’ die entsetzliche Hitze dafür verantwortlich, daß Du wieder nichts bekommst als Unsinn.

Dein Freund Vater.

Ich habe nicht von Erling berichtet, weil ich nicht zuhause war und es nicht gesehen — sondern bloß gehört habe und nicht genau weiß, wie es zuging.

Wahltag in Paris; wenn er bloß gut abläuft.

Lieber, lieber Schatz, Du mußt doch nicht immer die wechselnde Laune eines anderen Menschen so tragisch nehmen, wie Du’s bei Madame Marchesi getan hast, oder es so auffassen, als sei nun alles, was ein anderer sagt, auch seine endgültige Meinung. Du mußt von Dir selbst wissen, wie leicht Deine eigne Meinung wechselt nach Deinen eignen Stimmungen, und selbst die stärksten Menschen sind nicht immer so neutral, so selbständig unbeeinflußt, daß ihr Urteil völlig ihr eignes ist. Stell’ Dir vor, Du kommst bei Madame Marchesi an die Reihe nach einer Stimme, die wie ein Meer von Klang ist? Dann hastDuja eine „kleine“ Stimme; stell’ Dir vor, daß dieses Meer oder etwas andres Privates sie geärgert hat, — dannsagtsie Dir, daß Du „eine kleine“ Stimme hast.Das hast Du ganz und gar nicht.Zu den „großen“ gehört sie nicht; aber sie wird (wenn sie nie forciert, nie bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angespannt wird, sondern immer in vollem Wohlklang ist) sich überall groß genug anhören, sei esin der Oper oder im Volkskonzert; ihre intensive Klarheit wird es schon mit weit größeren Stimmen aufnehmen können.

Auch ich, wenn ich die Stimme zum erstenmal hörte und von allem Persönlichen in ihr und in Dir absähe, würde sagen, ganzunbedingtsagen: es ist eine lyrische Stimme, keine dramatische. Kannst Du Dich erinnern, wie ich Dir sagte, Madame Marchesi würde zweifellos den Versuch machen, sie für die feinsten Sachen auszubilden? Und Du würdest deshalb jedenfallszweiJahre bei ihr singen müssen statt einem? — Sei ganz sicher, — an dem Tage, an dem sie Dich frei von der Leber weg hat singen hören oder überhaupt Dich richtig erfaßt hat — wenn auch nur als Persönlichkeit — wird sie ihre Ansicht ändern. Vorläufig ist es ja auch ganz gleichgültig für Dich, was sie über Deinen zukünftigen Beruf denkt. Richte Du Dich ein, wie es Dir nach Deinem eigenen Gefühl am besten erscheint; nimm Unterricht in Plastik usw.

Die Hauptsache ist ja doch, daß Du Dich vervollkommnest in der Gesangskunst, und das kannst Du am leichtesten, am allseitigsten (jedenfalls was das Technische betrifft) als „lyrische“ Sängerin. Dein Temperament, Deine ganze Veranlagung weisen Dich auf den Weg zur Oper; und den betrittstDu, wann Du selbst es willst, — hast Du erst die ganze Kunst, die ganze, ganze Kunst bis ins Feinste und Letzte weg.Und dahin mußt Du kommen!

Selbst das ärgert Dich, daß sie will, Du sollst ganz im kleinen anfangen. Natürlich geschieht das deshalb, um die Fehler in Deiner Stimme zu packen. Es sind Töne da, die Du nicht so frei nimmst wie andre Töne, die Du quetschst; z. B. mit dem „l“, in das Du ein „i“ oder was Ähnliches hineinbringst, ehe Du es nimmst. Übrigens habe ich nie von einem Musiklehrer gehört, dernichtvon seinen Schülern verlangt hätte, sie sollten wieder von vorn anfangen; da ist sicher auch viel Wichtigtuerei mit im Spiel!

Du mußt es bei Dir selbst fühlen, Bergliot, waswir, die Dich hören, wissen: daß in Deiner Stimme etwas ist, das durch seine Klarheit, seinen Ausdruck, seinen Liebreiz bezaubert oder „vertrollt“, wie es auf norwegisch heißt. Und auf dem Ankergrund dieses Bewußtseins sollst Du Deine Arbeit befestigen, daß niemand daran rütteln kann. Du sollst Dich ruhig und sicher rüsten für Deine Fahrt —, wohin sie führt, wird sich schon zeigen. Daß Du aus Deinen ganz besonders schönen Mitteln gemacht hast, was sich daraus machen läßt, darauf kommt es an; denn dadurch hast Du selberSicherheit und wir anderenGewißheit. Wenige müßten sich so glücklich und arbeitsfreudig fühlen wie Du, Bergliot.

Hier ist mannigfarbiger Herbst, schöner denn alle andre Jahreszeit. Von den gemütlichen, warmen Stuben aus sehen wir ihn oder wir genießen ihn auf Spaziergängen. Sonntagmorgen; Mutter just aus dem Bett, Großmutters Geburtstag, alle Flaggen gehißt, Sonnenwetter, aber noch im Morgennebel; oben Dagny und Inga im lustigsten Vogelgezwitscher, Großmutter kommt eben strahlend heraus, ich laufe und küsse sie, und wieder hinein zu Dir, um es Dir zu erzählen. Erling, mit dem ich zusammen gefrühstückt habe, ist mit seinen zwei Hunden unten auf dem Schießstand (eben kommt er heim); Hermann Anker hat ihm seinen feinen Hühnerhund „Lord“ geschenkt. Alles auf dem Hofe eingeherbstet, die Felder herbstgrün, Pferde und Vieh draußen zum Morgengetummel; Dienstag kommt die Herde von der Alm zurück; aller Almsegen ist eingebracht.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, wir haben heute schmerzlich auf die Post gewartet, um zu sehen, ob Du noch ebenso mißmutig seist. Das warst Du also nicht; obwohl ich mich gründlich ärgere, daß Du so schwach bist, — so schwach, daß die Stimme darunter leidet! Was in aller Welt ist denn das nur, Bergliot? Du, die früher ein Hüne war. — Ich glaube, Du mußt Dir ein paar Hanteln anschaffen und Dich auf etwas kräftigere Gymnastik legen. Das stärkt die Muskeln und den Appetit. — Prachtvoll ist es, daß Du zu netten Leuten gekommen bist. Daß Du keinen aufregenden Spektakel hast, meine ich. Ißt Du nun auch gut dort? Liebling, antworte mir hierauf! Die Sache mit den Eiern ist schon recht schön; aber die Mahlzeiten müssen kräftig und appetitlich sein; gelähmte Leute natürlich essen wie Hühner auf der Stange; wenn sie Dich nach ihrem Maßstab messen, dann gnade Dir Gott! — Iß, iß, iß! Schreibe an Jakob Hegel, Klareboderne 4, Copenhague, Danemarc, um Geld. Dort liegen mehrere Tausende zu Deiner Verfügung, liebe Bergliot. Dumußtstark und froh werden. — Zwei Büchersollst Du kaufen, sie selber lesen und sie dann mir schicken (Du kannst sie billig bekommen, wenn Du es klug anstellst, z. B. sie durch einen Agenten, z. B. Fougner, kaufst).Un caractère par Léon Hennique.Und Un amour artificiel par Jules Case.Björn und Jenny sind nun bei Dir gewesen; ich habe bloß Angst, Du kannst Arbeit und Vergnügungen nicht vereinigen, wenn sie Dich tagsüber mit sich schleppen. Jetzt gilt es für Dich, die anderen einzuholen, und so lange mußt Du mit Deinen Kräften haushalten. — Hier ist nichts Neues; ich habe ein Herbstlied geschrieben, das ich Dir bei Gelegenheit schicke; das Wetter war zu herrlich; es lockte mich. Ole Nordrum und die Kühe sind hier; Oles Zimmer ist getäfelt und gemalt und sieht aus wie eine Puppenstube; jetzt wird das von Karen und der Jungfer neben Erlings frisch beworfen und gemalt; die Gesindestube ist getäfelt und gemalt. Ich liefere also die Gebäude in vorzüglichem Zustand ab (ausgenommen die Einrichtung des Viehstalls). Meine Lektüre war ein Buch über den hervorragenden englischen Geist Carlyle (sprich Carleil). Hättest Du Zeit und Lust für dergleichen, so würde ich es Dir schicken; es ist vorzüglich gemacht von einem jungen Bergenser Troye. Dann werde ich Dir dreiExemplare des „Dagblad“ senden; ich habe über den „Bettelsack“ auf Schwedens Rücken geschrieben; das wird Spektakel machen! — Leb’ wohl für heut abend, liebe B. B.! Deine Mutter sendet Dir wohl auch ihr Teil. Ich freue mich über die Wahlen in Frankreich! Oh, wie ich mich freue! Grüß’ Deine Alten!

Dein Freund Vater.

Nein, wie ich gelacht habe über Deine verrückte Alte beim Besuch bei Euch!

Inga Björnson ist das Prachtvollste, was Du Dir denken kannst.

Grüße Cavlings.

Wahltag. Bingespannt!

Liebe Bergliot, nun also der Brief war schon heiterer. Mad. Marchesi hat Dich nicht umgebracht, Deine Stimme ist nicht eingerostet, Du selbst bist nicht in die Seine gesprungen, Paris ist auch nicht untergegangen. Das letztemal sah es recht trübe aus. Es wäre doch sehr nett, wenn es wenigstensetwasgäbe, was fest bestehen bliebe, selbst wenn Deine Laune zum Teufel geht. Aber wenn die ganze Welt aus den Fugen gehen soll, so oft die Marchesi den Mund verzieht, so kann mir die Welt nur leid tun. Wenn Du nur z. B. Dir selber klar würdest, daß Deine Stimme von einem Klang und einer Reinheit erster Klasse ist, so ließe sich ja der Gedanke ertragen, daß sie nicht groß ist oder an augenblicklicher Schwäche leidet. Und wenn es feststände, daß Duseltenedramatische Schwungkraft und Illusion in Dir hast, so wäre es ja wohl möglich, mit der Entscheidung der Frage: wozu? zu warten, bis die Stimme völlig ausgebildet ist. Selbst wenn es etwas länger dauern sollte: die vollständige Ausbildung der Stimme ist das Erste.

Auf Zweierlei bin ich sehr gespannt jetzt: findest Du, daß Du Fortschritte machst, etwas lernst, das Dir ganz besonders vorwärts hilft, Fehler ablegst, Neues aufnimmst, —und ferner auf den Preis! Du mußt Dir doch einmal darüber klar werden, was der Spaß kostet. — Erling und Anna sind gestern abend gekommen, undFreitag, den 11., soll die Hochzeit stattfinden, so gibt es viel zu tun hier; darunter mußt auch Du leiden. Alles soll umgekrempelt werden; wir glaubten, es sollte am 14. sein; also Mutter ist böse und hat keine Zeit zum Schreiben. Anna ist wirklich lieb, so ganz unberührt; sie müßte für eine ganz bedeutende Entwicklung empfänglich sein, und es ist eigentlich eine Sünde, daß das alles nun in der Sorge ums tägliche Brot aufgehen soll, — wenn wir auch das Unsrige dazu tun werden, daß es nicht so wird.

Du wolltest die Frauenzimmer in der Rue Labic (oder wie sie heißt) aufsuchen, nureinFrühstück im Hause, nur ein Zimmer; erkundige Dich! Das Paar meldet seine hohe Ankunft telegraphisch. Sie möchten gern irgendwo in Ternes wohnen; Du hast freie Hand, Vorsehung zu spielen.

Wir haben einen neuen Ochsen aus Telemarken, eins der schönsten Tiere, das man je hier gesehen hat, 130 Kronen, 1½ Jahr alt. Ullmanns Knechthat ihn gebracht. Dann haben wir unsern eignen Ochsen und eine Färse verkauft — ohne daß das den Preis für das Biest aus Telemarken eingebracht hätte. — Mutter, Erling und Anna sitzen und schreiben die Einladungen zur Hochzeit. Bloß Annas Eltern, Fyksens, Pfarrers, Börresens, Even Toft und Kätnerleute von hier. Lundes undMejdells aus Lillehammer und mein Bruder mit Frau aus Xania. Die Neuvermählten fahren Freitag um 5 Uhr von hier nach Lillehammer ins Victoria-Hotel — ha! wie Bergliot schreibt! — Wir haben das allermildeste Wetter. Wir pflügen für nächstes Jahr im voraus und lassen den Stall und den Schweinekofen inwendig bewerfen, ebenso Karens Raum (oben neben Erlings), und eins wird wärmer als das andre. Alle Gebäude instand zur Übergabe außer der Einrichtung des Kuhstalls.

Hier ist ein solcher Wirrwarr, daß das Schreiben gar keinen Sinn hat.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, das Haus ist noch immer voll von Gästen; Peter und Laura, Sigurd und Lina, Frau Mejdell, Frau Lunde und Elisabeth Konow sind alle hier.

Daß Du es entgelten mußt, das kann nicht anders sein. Du mußt einen Ersatz dafür in Erlings und Annas Besuch diese Woche sehen. Morgen abend (Montag) reisen sie von Kristiania ab.

Also am Hochzeitstag war gutes Wetter mitten in der Regenzeit. Gutes Wetter, klarer Himmel für die Flaggen. Am Abend vorher waren Sigurd und Lina gekommen und Peter und Laura und Arvesen; so daß das Haus in Festlichkeit erwachte; und die Flaggen verkündigten es sofort; auch Bö hatte geflaggt.

Um halb eins kamen die Gäste, alle in Wagen mit zwei Pferden, Fyksens und Annas Eltern, Konows, Amtmanns, Börresens, der Landrichter und Lundes. Ohne Verzug ging es zur Trauung. Hier im Arbeitszimmer war alles hergerichtet (das beschreibt Mutter). Die Leute vom Gut waren auch da, und als die beiden treuherzigen,lieben, jungen Menschen sich erhoben und „Ja“ sagten, da brachen wir alle, die ihnen die nächsten sind, in Tränen aus, und ich weine jetzt wieder, während ich das schreibe. Die Handlung war feierlich, nicht ein unwahres Wort dabei. Und der alte Mejdell so rührend, und stellte die Fragen an Erling wie an einen Sohn, mit „Du“ und mit solcher Wärme und Teilnahme! Und Anna war so unglaublich niedlich in ihrem schwarzen Atlaskleid und so freudig und so gerührt. Und das waren wir samt und sonders. Wir waren mit einemmal eine Gemeinschaft.

Keines von uns vergißt den Tag; er hinterließ eine Stimmung, von der wir noch heute zehren. — Aber ich muß Dir noch vom Essen erzählen, es war so angeordnet, daß jede einen Tischherrn hatte (Inga, Elisabeth, Cäcilie Mejdell und Dagny die Kätner), da sagte Ole Dokken, wie er so dasaß, mit einemmal zu seiner Dame, Inga, so daß es alle hörten: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus“, und damit ging er ab und kam kreuzvergnügt und harmlos wieder herein. Seitdem heißt es hier im Hause: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus!“ jedesmal, wenn einer aufs Örtchen muß. Und dann muß ich Dir erzählen, daß das Tintenfaß, das beim Unterschreiben des Kontrakts benutzt wurde undebenso die Feder (eine Goldfeder mit Diamantspitze) meine Jubiläumsgeschenke waren, und wir machten aus, Du und Dagny dürften sie auch benutzen. Und der Brautschleier war Mutter ihrer, und den sollt ihr, Du und Dagny, auch tragen.

Elisabeth, Inga und Dagny machen einen Heidenlärm über mir, ich kann fast nicht schreiben. Nein, ist diese Inga eine Perle! So ein gediegener, verständiger, guter, entzückender Mensch! — Na, ich weiß ja, Du erfährst alles mündlich, also will ich lieber einen langen Spaziergang machen mit Peter und Sigurd, anstatt mit Dir zu schwatzen heute. Mir ist auch so weinselig im Kopf. Dein letzter Brief gab ein Bild davon, daß Du Dich über Deine Fortschritte freust. Erzähl’ etwas von Deinen Klassenkameraden, und wie es dort zugeht. Singt Ihr Euch gegenseitig vor? Wie lange dauert es dann? Ihr müßt also mehrere Stunden hintereinander da sein?

Dein bester Freund, Dein VaterB. B.

Liebe Bergliot, Deinen nächsten Brief mußt Du nach Kristiania richten, denn gleichzeitig mit diesem reisen Deine Mutter und ich dorthin. Ich habe einen so herzlichen Brief von Grieg bekommen, und dann will ich mir die Ausstellung ansehen und „Olaf Trygvason“ hören, und sehen, was in aller Welt Thommessen vorhat, und noch so allerhand andres. Übrigens ist es eine Schande, daß ich meine unterhaltsame Arbeit unterbrechen muß. Deine Erkältung hat mich erschreckt. Zwei Dingeverbieteich Dir, nämlich, Dich zu verloben und Dich zu erkälten. Denn beides ist unmöglich, wenn man es nicht selbst will. Durchaus unmöglich. Das ist auch das erste Mal, daß Du von Erkältung schreibst und eine Sängerin mußlernen, sich nicht zu erkälten, und streng befolgen, was sie durch Erfahrung darüber gelernt hat. Wer von seiner Kehle leben will und doch sich erkältet, dem gehören Prügel. Das istmeineMeinung. Ich bin das ganze Jahr nicht erkältet.

Björns großer Erfolg in Kopenhagen hat unsund alle möglichen Menschenerfreut. Einvoller Triumph! Die da drinnen (in Kristiania) wissen nichts davon, daß wir jetzt kommen. — Wir freuen uns rasend. — Lies nun endlichLetourneauvon Anfang bis Ende. Wenn Du diese Dinge kennst, so kommst Du eher zum Ergebnis der Geschichte als eine Menge Menschen, die Weltgeschichte zum Abiturium studiert haben. Und möchtest Du es lieber auf norwegisch haben, weil es Dir unangenehm ist, es auf französisch zu lesen, so sollst Du es sofort haben. Versprich mir das! Aber wo bleiben die zwei Bücher, dieichDich bat zu kaufen? Bei denen eilt es sehr mit dem Lesen, sieh zu, daß ich sie bekomme, nicht beide auf einmal, aber eins nach dem andern. — Hier oben sind sie dabei, den Bauplatz zu graben, Bauplatz, Bauplatz, Bauplatz! Übrigens hübsch, daß man weiß, da werden sie wohnen! — Sage Erling und Anna, daß sie nicht lange wegbleiben dürfen, lieber ein andermal wieder fort, wenn vielleicht wir auch fort sind. Du mußt ein bißchen von ihnen erzählen; sie kommen wohl nicht dazu, selbst viel zu schreiben. Sag’ Erling, daß wir im Handumdrehen große Ersparnisse machen. Dem Baumeister geben wir 3 Kronen täglich bei eigner Beköstigung, undermacht für uns die Akkorde mit den anderen. Wir streichen eine ganze Menge von dem, was derArchitekt hingeschmiert hat; will man esspäternachholen, so ist immer Gelegenheit dazu. Wir legen Schieferboden in den Kellern anstatt Ziegel, legen keinenZinkboden im Badezimmer, bauen keine Veranda, richten es aber so ein, daß einmal eine gebaut werden kann, wenn es gerade paßt. Und die Fensterrahmen erneuern wir nicht; das kann auch ein andermal geschehen. Wir graben auch keine Abflußrinnen durch die Keller; der Grund ist vorzüglich, und das sind überflüssig angeordnete Dinge. Wir mauern die Keller nicht aus; das wird rasend kostspielig und ist sicher ganz unnötig. Auf diese Weise sparen wir viele tausend Kronen. Und der Baumeister steht dafür ein, daß das Haus auch ohne das gut und schön wird. Das hier mußt Du den „Jungen“ vorlesen und ihnen sagen, daß wir alle Tage von ihnen reden, und sie, sobald sie sich losreißen können, wieder zu Hause haben möchten. — Ich habe mich gefreut, in Deinem letzten Brief einiges von der Klasse und dem Unterricht zu lesen; Du solltest Dich darin üben, mehr derartiges zu sehen und wiederzugeben; es wird Dir selbst Freude machen, es zu können; denn Du hast zweifellos Anlage; aber es gehört Übung dazu. — Es hat mir dieser Tage Spaß gemacht, von der Begegnung zwischen demdeutschen Kaiser und dem russischen zu lesen. In der zierlichsten Form die entschiedenste Werbung und die entschiedenste Ablehnung. Und beide dachten bei jedem Wort, das sie sagten, an Frankreich, obwohl der Name nicht genannt wurde. Wenn Du die Reden gelesen hast, so verstehst Du, was ich meine.

Wir haben einen langen Brief von Ejnar gehabt und haben ihm wieder lange Briefe geschickt und die Zeichnungen vom Haus, hübsch ausgeführt, und einen Deiner Briefe und Sansots letzten Brief und noch allerhand sonst. — Mit Inga und Dagny geht es ausgezeichnet. Diese Inga ist prächtig. Ich habe ihnen zum Frühjahr eine Spritztour nach Kristiania versprochen. Dagny soll wenigstens einmal im Jahre nach Kristiania, ins Theater usw. Wenn wir sie doch nach Paris schicken könnten! Du mußt wirklich Deine alten Leute von uns grüßen; ich freue mich so sehr darüber, daß Du bei guten, gebildeten Menschen bist, die Dich gern haben. Und wie ich mich freue, daß Du so gut schläfst! Mehr als darüber, daß Du arbeitest! — Ist ja wahr, Du mußt Erling erzählen, daß „Han“ ein ausgelernter Dieb geworden ist. Er muß zweifellos aus einer Diebsfamilie stammen. Nicht allein, daß er hier stiehlt, darauf spannt,wenn die anderen gegessen haben und der Tisch unbeaufsichtigt ist, und dann auf den Hinterpfoten herumgeht, mit den Vorderpfoten auf den Tisch, die Teller abschleckt, alles nimmt, was ihm zusagt; sondern er geht auch auf andere Höfe und stiehlt; auf einem Gehöft erwischte er einen Ziegenkäse, auf einem andern fraß er eine Schüssel kalten Brei aus, Frau Börresen stahl er Fleisch, — und so die Runde herum, zum Schrecken der Leute. Das wird noch sein Verhängnis werden, armes Tier. — Erzähle, daß hier jetzt gedroschen ist. Wenig, aber vorzüglich. Der Kleesame ist völlig mißraten; wir haben ihn nicht einmal durch die Maschine gehen lassen. Tausend Grüße von uns allen!

Dein Freund Vater.

Ich schicke kein Buch.

Cavlings. Er ist ja in Kopenhagen, und ich weiß seine Adresse nicht.

Liebe Bergliot, ich habe eine arbeitsreiche Woche hinter mir, es geht nun flott mit der Erzählung. Und mitten in der Arbeit mußte ich mich über Dich freuen, mein keckes Mädel, daß Du es das erstemal, wo Du aufgetreten bist, so gut gemacht hast. Cavling strich Dich natürlich zu sehr heraus; aber es war so gutherzig und warm geschrieben, daß ich es den andern nicht vorlesen konnte, sondern es Keilhau geben mußte. Die Namen der beiden Damen, von denen Du schreibst, daß die eine mit Dir, die andre mit Madame Lürig gesprochen hat, kann ich nicht lesen. Du mußt ein einziges Mal versuchen, deutlich zu schreiben. — Herrgott, Bergliot, Du solltest bloß wissen, was es heißt, etwas Schönes über seine Kinder zu lesen,und dabei sicher zu sein, daß es wahr ist. Das übertrifft alles, was man überhaupt lesen kann. — Nun fängst auch Du an, uns diese Freude zu bereiten. — Propstens sind vor kurzem hier gewesen; die Mädels sind nach Bergen gereist, um unter die Haube gebracht zu werden, und ich habe ihn bös geneckt. — Sonst keine Neuigkeiten von hier, außer daß N. N. vor die Tür gesetzt ist. Siehatte eine Nasenspitze, die trippte gerade ins Essen hinein, und darüber entzweiten sich Karen und sie, und noch hundert andre Dinge kamen dazu, und schließlich wurde sie ganz unmöglich. Wir setzten den Koffer und die Kommode und die Tasche und das Weibsbild und die Trippnase auf einen Langschlitten und fort damit, adieu! — Große Freude im ganzen Hause. Großer Spektakel mit Geschichten über sie, seit sie weg ist. — Ich habe nichts gehört, ob Du jetzt Darwin liest. Ich schickte Dir das über die Vererbung; das solltest Du nach Dir Frau Runeberg lesen lassen; es wird ihr großes Vergnügen machen, und Du könntest gleichzeitig herzlich für den Brief danken. Glaube mir, der war reizend. — Jetzt sind wir des Abends vom Whist zum Boston übergegangen, und weiß Gott, die Mädelchens sind dabei ebenso pfiffig wie wir! — Heute wurde Peters Mutter begraben; der Sarg wurde hier gemacht, und die Pferde gingen von hier, so daß die ganze Gesellschaft von Baklien aus in Schlitten zur Kirche fuhr, alle Dienstboten und Kätner. Und die Mädelchens kamen mit ihren Handschlitten zur Kirche hinauf, und weil der Leichenzug nicht rechtzeitig kam, schlitterten sie den neuen Weg hinunter bis nach Solhejm; und dann saßen sie bei der Leiche auf bisoben und fuhren vor dem ganzen Leichenzug noch einmal hinunter! Keilhau und Erling mit zurück, wo große Gesellschaft war, und sie spielten Whist mit Fedje und Peter (der vielleicht außer Erling der beste Whistspieler in Gausdal ist) und kamen um 7 Uhr heim und waren sehr erbaut von der Fahrt und der Gesellschaft. Aber es sieht so aus, als ob Peters jüngstes Kind (3 Wochen alt) ebenfalls dran glauben muß, also gibt es noch ein Begräbnis. Auch Mathias’ Frau, die Ingeborg, stirbt gewiß bald. Wir haben ihm mit Geld und Essen und Kleidern für die Kinder helfen müssen, obwohl er das größte Anwesen des Gutes, vielleicht des ganzen Kirchspiels hat; es geht rückwärts, wenn die Frau krank liegt. Also, Ihr taugt doch zu etwas, Ihr Frauensleute, selbst wenn ihr uns nicht vorsingt. Ja, Du bist doch unsre einzige herrliche Bergliot, Du! Oh, wie ich Dich lieb habe, ganz gleich, zum Teufel, ob Du eine berühmte Tochter wirst oder nicht.

Grüße Mad. Lürig und Deine alte Dame. Du kannst Geld für die Uhrgeliehenbekommen.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, hast Du den „Professor“ gelesen? — Falls nicht, so schicken wir Dir das Buch, und Du es Ejnar! Dank für alles, was Du mir schickst! Es freut mich erstens an und für sich, und dann, weil es von Dir kommt und zeigt, daß Du selber Anteil nimmst und willst, daß auch wir Anteil nehmen. Ich lese noch immer täglich „Le Temps“. Fertig mit „Le rêve“, nachgemachte, gut nachgemachte Legenden-Poesie, aber unwahrscheinlich. Ja, liebe Bergliot, wenn Du jetzt Sehnsucht hast, so vergiß nicht, daß in ihrer unklaren Arbeitszeit das alle haben, und am meisten diejenigen, die ihrer Arbeit wegen sich abschließen müssen. Die Belohnung kommt später. Sei nicht ungeduldig. Aber sag’ unsalles, was sich Dir in den Weg stellt, zeichne alle Wolken, die Dir dräuen, selbst nur momentan; schon sie abzeichnen zu können, ist der halbe Weg, sie los zu werden.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Dank, tausend Dank für Deinen Brief! Die Stelle über Hanka als Mezzosopran war allerliebst! Sag’ ihr von mir, daß sie einen Mann heiraten muß, der um ein Viertel größer ist, und der die Liebhaberpartien singt, sonst kann sie sich auf keiner Bühne sehen lassen. — Was Du über die Aussprache des Französischen schreibst, ist richtig. — Du mußt auch noch lernen, dasNorwegischeauszusprechen. Wer einen herzlichen Eindruck machen will, muß die Worte genau so sagen, wie wir selbst sie sagen, wenn wir am natürlichsten sind.

Hier zu Hause ist es so gemütlich. Voller Winter, Schnee, Schnee, Schnee; in diesem Augenblick dichter Schneefall bei nebligem Wetter, als wären grauweiße Gardinen vor den Fensterndraußen. Herrlich in der warmen, behaglichen Stube. — Möglich, daß Björn und Peter, vielleicht L. Holst zu Weihnachten herkommen. Denk nur, wenn Du es wärst! Denk nur, wenn Du wieder Schlitten fahren kannst! Wenn Du Deinen Gesangskursus hinter Dir hast (mutmaßlich in anderthalb Jahren), dann kannst Du wohl ein Jahr lang Ferien machen; oder soll’s gleich losgehen? — Ich stimme für Ferienund Allotria ein Jahr lang, damit Du zu Kräften kommst. Aber alles zu seiner Zeit; — Schlittenfahren mußt Du, Mädel, und frische norwegische Winterluft einatmen so bald als möglich; denn das ist das Köstlichste, was wir haben, die Winterluft! Ebenso wie das Land im Schnee das Schönste auf der Welt ist. Aber die Menschen, Du, wie die kalt sind und starr! Genau wie eine nicht durchgearbeitete Stimme, so ist der ganze Mensch. Ich leide Herzensqualen vor Sehnsucht nach Wärme und Glauben an irgend eine Kraft in ihnen. Herzensqualen. Ich warte von Jahr zu Jahr; aber hie und da ein kleines Aufflackern, dann weg, erloschen, trocken, nichts. — Leb’ wohl, liebe Bergliot, leb’ wohl!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, nur ein paar Worte. Dies ist die Parnell-Woche gewesen; alle Zeitungen schreiben, alle Leute reden von nichts als Parnell, den man seit länger als einem Jahr beschuldigt, zusammen mit seinen Freunden heimlich auf seiten derer zu stehen, die die Sache Irlands mit Mord und Raub verteidigen, während er öffentlich sich als der Mann gäbe, der streng auf dem Boden des Gesetzes stünde. Nun liegt die ganze Verleumdung (und die Times, die sie angezettelt hat) im Schmutz! Alles war Lug und Trug!

Diese Woche gehört zu den frohsten, die ich erlebt habe. Ich habe auch in diesen Tagen ausgezeichnet geschrieben, und ich werde ein prächtiges Buch fertig bringen Frühjahr, glaub’ es mir!

Hier ist es noch immer ganz wundervoll! Heute Sonntag sitze ich und lese meinen zweiten Artikel über Norwegen in Harpers Monthly; heute Nachmittag wollen wir zum Propst im Breitschlitten mit zwei Pferden vor. Hurra! — Also nun ist Frau Lürig wieder brav; — ja, ihr Weibervolk! — Wenn Du turnst, hast Du da eiserne Hanteln zum Heben?Du kannst sie kaufen, wo die Av. des Ternes mit dem Faubourg Honoré zusammenstößt.

Carl Keilhau hat angefangen, Bruun zu studieren, um eine Reihe Aufsätze zu schreiben über seine „Bruniana“. Er verdient, daß er einmal unters Schermesser kommt, der alte Zopf! — Hier zu Hause freuen wir uns mächtig über Sverdrup, daß er nun endlich erledigt — und der Verachtung aller Menschen preisgegeben ist.Jetztist „V. G.“ der rechte Ausdruck für das, was fast alle fühlen, sogar manche Oftedöler. Vater Fougner war eines Sonntags hier, und sagte dasselbe. — Arbeit nützt doch etwas.

Von Björn nichts in letzter Zeit. Von Kielland vergnügten Brief. Seine Zeitung geht. Siehst Du, ein paar Zeilen hab’ ich doch zuwege gebracht für mein einzig süßes Mädel!

Dein B. B.

Grüße Cavlings!

Liebe Bergliot, es gefällt mir ungeheuer, daß Du nur den rechten Weg zum Ziele gehen willst, nicht lügen, nicht schmeicheln, nicht feig sein; sondern treu und gehorsam und wahr. Ich glaube zwar nicht, daß Du auf die Dauer die Künstler-Charakterlosigkeit und die Intrigen aushältst; aber ich sehe nichts Schlimmes darin, wenn Du nicht auf die Dauer Opernsängerin wirst. Wenn Du bloß ein tüchtiger Mensch wirst, der seine Sache kann bis zur Meisterschaft, und durch die persönliche Macht Deines Gesanges hinreißt; dann hängt das übrige von Dir ab; dann kriegen sie Dich nicht unter.

Schon wieder ein langer Brief von Ejnar. Sie hatten gerade die Nachricht von Parnells Rechtfertigung erhalten, und da die meisten dort Konservative sind, die die schärfsten Ausdrücke über ihn gebraucht hatten, so erzählt Ejnar, daß er die „Ziegenböcke“ in ihrem eigenen Fett hat braten lassen. Ja, necken kann er. — Hierzulande zurzeit nur Doktor Nansen; — sein Einzug muß großartig gewesen sein.

Der Haß zwischen Norwegern und Schweden wird immer heftiger. Ich darf wohl behaupten,daß die Stimmung jetzt für offenes Entgegenarbeiten gegen die Umwandlung der Union in einen Bund ist. Selbst die Rechte schließt sich bald an. — Wie es mich freut, daß Hejmann endlich etwas zu tun hat. Denn zum Kindermädchen paßt er gewiß. Na ja, im übrigen weiß ich nicht; es wird ihm wohl auch das leid werden! — Einen ähnlichen Frühling hat noch kein Mensch, nicht der allerälteste erlebt. Nachts Regen, Tags Sonnenschein! Wie die Küh’ auf die Alm sind ’zogen, habn’s ’tanzt! Nein, wie schön die Herde geworden ist! Schade, daß Du sie nicht sehen kannst, — nie sehen, wenn sie ausgetrieben wird, nie, wenn sie weidet, nie, wenn sie heimkehrt. Das ist das Schönste von allem, was das Landleben in Norwegen bietet.

Andere haben Dir wohl schon geschrieben, daß Großmutter gekommen ist, und daß kein Mensch die geringste Veränderung an ihr bemerkt; auch derselbe prächtige Humor! — Jetzt solltest Du die Küken sehen in ihrem Stall unter der Treppe des Vorratsschuppens mit Drahtnetz darüber, einem großen Raum, mehrere Ellen lang und anderthalb breit, und an dem einen Ende eine von Björns Hundehütten, frisch rot angestrichen. Jeder steht davor und schwatzt mit den Küken und wirft ihnen Gras hinein oder gibt ihnen Wasser oder Futter. Und vorn aufder Veranda, die nun gestrichen ist, ein Schwalbengezwitscher, Bergliot, und bald wird der würzige Duft vom Klee kommen. Und die herrlichen Sonnenuntergänge über den Bergen über Bleike! Und das Bad wartet auf Dich und ein neuer Hengst, Spellet wie aus dem Gesicht geschnitten, nur breiter. Du sollst selbst von Lillehammer heimkutschieren! Ja, komm nun! Du sollst sehen, die See ist ausnahmsweise einmal artig.

Dein guter Freund Vater.

Hurra dem Frühling auf Aulestad!

Süße Bergliot, ich habe so wenig Zeit; aber ich muß Dir doch sagen, wie sehr uns Dein letzter Brief erfreut hat. Wenn Du gut ißt, gut schläfst, gut singst, ... dann ist Sonnenschein und Festtag. Und dann sind Erling und Anna hier und erzählen von Dir und dem reizenden gichtbrüchigen Manne, bei dem Du wohnst, und wie Du in Deinem Element bist, wenn Du gut gegen ihn sein kannst. Und ich finde es so hübsch, daß Du ständig Deine Herzenswärme übst an denen, die der Hilfe bedürfen. Das Herz muß geübt werden, mindestens ebenso sehr wie der Geist und der Charakter; aber darauf legen die Menschen kein Gewicht. Und als Sängerin singt man mit dem Herzen genau so viel wie mit der Stimme selbst; es muß die Stimme und die Worte durchdrungen haben. Darum muß es auch reich genug sein, um durch Schule, fremde Sprache, Verlegenheit vor der Öffentlichkeit, Nichtaufgelegtsein hindurchzudringen mit der impulsiven Naturmacht der Stimmung.

Wasfür Sachen singst Du? Ist die Marchesi freundlich zu Dir? —An Hegel mußt Du solangeim voraus schreiben, daß Du gerüstet bist, selbst wenn er es ein paar Tage oder so vergißt.

Erling und Anna sind so entzückend, so entzückend, Du, daß ich mich gar nicht satt an ihnen sehen kann. Sie sind so dumm und köstlich und so voll frischen Glaubens an sich selbst und an die Zukunft. Sie machen mir riesigen Spaß. Und obschon Mutter nicht wohl war, ist dies doch der fruchtbarste Aufenthalt gewesen, den wir je in Kristiania gehabt haben. So tätig und mit so viel Erfolg tätig bin ich noch nie gewesen. Und wer glaubt, er könne mich zu Boden werfen, oder könne vorbeigehen an dem, wofür ich mein Leben eingesetzt habe, der hat wieder umlernen müssen.

Ja, zu mehr habe ich nicht Zeit.

Dein Freund Vater.

Sonntag, Mutters Geburtstag.

Mutter hat ausgezeichnet geschlafen und ist heute auf, um alle ihre Geschenke entgegenzunehmen — von den Kindern hier Kleinigkeiten zum Backen und derartiges, und von Jenny ein Paar französische Lederpantoffeln, von Björn eine große tiefe blaue Kruke zum Regenschirm-Hineinsetzen, von Ida Lie einen köstlichen, köstlichen Maiglöckchentopf, von Erika wundervolle Rosen, und es kommt wohl noch mehr; ich beeile mich, zu schreiben, ehe die Besuche hereinbrechen. — Per Stejne hat mir geschrieben, sein Vater Ivar sei gestorben, und der Alte habe gewünscht, nicht Konow sollte die Trauerrede halten, sondern ich. Selbstverständlich fahre ich hin. Am Tage nach meinem Geburtstag reise ich. — Großmutter ist unwohl gewesen, ist aber nun wieder munter. Sonst keine Neuigkeiten von dort. Hier großer Aufstand und Spektakel in der Verteidigungssache, die man in Kristiania auf die hysterische und unnatürliche Art betreibt, die dieser Stadt eigen ist. Du mußt auf das „Dagblad“ abonnieren von Neujahrab, wir werden es besorgen; „V. G.“[1](d. h. eigentlich Vullum) nimmt einmal übers andere Gelegenheit, was ich schreibe, zu verzerren und darüberLügenzu verbreiten. Du mußt also um Neujahr herum in einem liebenswürdigen Brief dafür danken, daß Du das Blatt bekommen hast, und Dir die weitere Zusendung verbitten.

Keine Zeit zum Schreiben. Sie kamen, die Besuche, sehr zeitig. Peters, Lies, Welhavens usw., Störmer usw. usw. Zum Abend werden Julie Nielsen, Rolfsens (aus Bergen) und Peters hier sein, Mutter ein wenig angegriffen von all dem Lärm. Und weil ich sehe, daß es sie mitnimmt, bin ich auch müde. — Björn spielt „Olav Trygvason“ von Grieg; Du sollst es haben (d. h.geborgt), damit Du siehst, was das für eine herrliche, großartige Musik ist.

Jetzt geh’ ich daran, „Mariannes Kaprizen“ mit Björn in der Hauptrolle einzustudieren (leihe Dir ein Heft Alfred de Musset und lies das Stück!). Ich will eben sehen. Ichhoffe, es geht. Auch dieser Theatermonat ist gut gewesen. — Der alte Jahn in Bergen, Mutters Pflegevater, hätte heute goldene Hochzeit feiern können, wenn seine „Catterin“noch lebte. Wir telegraphierten. Es geht ihm so armselig, daß wir ihm helfen müssen. — Du hast wohl gesehen, daß mein Buch jetzt in zweiter Auflage erscheinen soll. Es hat noch immer überall den größten Erfolg. Keins meiner Bücher hat so großen Erfolg gehabt, vielleicht überhaupt keins in unserer neueren Literatur. Erste Auflage 7000, zweite 2000. Was Du über Dich und Deinen Gesang schreibst, ist mir immer das Wichtigste und das Liebste. Daß die anderen über Dich lachen, beweist wohl, daß Du selbst freundlich und fröhlich bist; hast Du geschrieben defendu de touché, dann haben sie auch über Deinen grammatikalischen Fehler gelacht. Aber was halten sie von Deinem Gesang? Hast Du sie darüber reden hören? Hast Du überhaupt Dir selbst einen Maßstab geschaffen nach dem Gesang der anderen? Kannst Duobjektivoder nach dem ruhigeren Urteil anderer Dir eine Meinung darüber bilden, was Dein Gesang in Umfang, Ausdruck, Wirkung jetzt ist? — Leb’ wohl denn, lieber Schatz, laß uns wünschen, daß Mutter bald wieder gesund wird; ich werde schreiben, falls die Besserung anhält, oder etwas Gutes sich ereignet; sofort schreiben.

Dein Freund Vater.

[1]Die Zeitung „Verdens Gang“.

Liebe Bergliot, also Du bist krank? Das geht weiß Gott nicht! Was soll denn das heißen? Werde wieder gesund, hörst Du, raff’ Deinen Willen zusammen und sei vorsichtig! — Mutter ist jetzt wieder ganz wohlauf, aber mager; es geht täglich vorwärts. Was für ein herrliches Wetter! Der Wald überzuckert und glitzernd im Sonnenschein, — unbedingt der schönste Naturanblick, den es gibt. Ein Bild der feinsten, reinsten, lautersten Gefühle des Herzens. — Und „Der Handschuh“ auf der Freien Bühne in Berlin! Folgendes Telegramm bekam ich von der Leitung und deren Freunden (es ist eine Vereinigung, die Neues auf dem deutschen Theater einführen will); sie waren hinterher zu einem Fest versammelt: „Lebhafte, herzliche Aufnahme. Wiederholter, starker Beifall bei offener Szene, vortreffliche Darstellung. Trotz Meinungsverschiedenheiten (über die Tendenz) hielt das Werk alle in seinem Bann. Die versammelten Leiter und Freunde der Freien Bühne grüßen Sie in froher Dankbarkeit.“ Otto Sinding telegraphiert: „Der Handschuh stürmischer Beifall, ausgezeichnetesSpiel.“ Fräulein Klingenfeld, die Übersetzerin: „Der Handschuh großer Erfolg, ausgezeichnete Wirkung.“ — Die Freie Bühne spielt ein Stück nur einmal. Dies ist von allen, die gegeben wurden, das erste, das einen durchschlagenden Erfolg gehabt hat. (Also auch nicht Ibsens, trotz allem Geschreibe, hat das gehabt! Nun kommt die Wahrheit zutage!) Das bedeutet, daß nunmehr verschiedene Bühnen es haben wollen; ein großer Schauspieler, Reicher, hat bereits gesagt, mit dem Riis, den er gespielt hat, würde er durch ganz Deutschland ziehen! Ferner bedeutet das, daß ich meine anderen Stücke folgen lassen kann! Ach, wenn ich das bloß könnte! — Dann wird man einsehen, daß ich zuerst Ibsen den Weg gebahnt habe und daß er ihn jetzt mir gebahnt hat. Wenn es doch glückte! es sah einmal so hoffnungslos aus. — Ich reise für etwa vierzehn Tage durch das Gudbrandsdal und halte politische Vorträge. Ich bin im Grunde nicht sehr erbaut darüber. Aber wen haben wir sonst? — Ich werde Dir Alexander Kiellands Broschüre über die Verteidigungsfrage zusenden lassen. Besseres ist in Norwegen nicht geschrieben worden. Herrgott, ist das ein Aufwaschen! Da stießen sie auf einen alten Groll, der seine Zunge zu brauchen weiß! Ich habe nie etwasÄhnliches in unserm heimischen Kampf gelesen! — Und jetzt wird er dem Journalismus untreu! — Werde wieder gesund und schicke uns gute, lichte, frohe Nachrichten, Du unser Sonnenvogel!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, daß Poesie in einem Gesang ist, das will besagen, daß die Stimme durchleuchtet ist von einer ansprechenden Persönlichkeit; außer dem Ton und dem Wort hören wir die Sehnsucht, das Weh, die Freude, den Feuertrieb einer Seele; die Kunst selbst steht hier im Zusammenklang mit dem Wesen des Menschen vor uns; das ist es, was uns ergreift und hinreißt, die Stärke des Gefühls oder des Willens oder der Phantasie des Menschen und daß sie zum Durchbruch kommen in seinem Gesang. Eine große Stimme, die aber nicht erfüllt ist von diesen Dingen, nützt nichts; und umgekehrt, die größte Stärke der Persönlichkeit nützt nichts, wenn der Gesang nicht für sie ausreicht.

Hat Mad. Marchesi Dir jetzt „Halleluja“ gegeben, so meint sie damit, daß in Deiner Stimme eine Wasserklarheit ist, die einen reinen Sinnwiderspiegelt, eine Innerlichkeit, die sphärische, phantastisch hinblauende Wege geht. Daneben aber müßtest Du ein Gesangsstück voll Leidenschaft und Willen haben und eins voll Schelmerei. Das kommt auch wohl. Hast Du mit ihr über das gesprochen, was Du Dir wünschtest, weil sie getroffen hat, was Dir gefällt? oder hast Du einfachso frei herausgesungen, daß sie einsieht, wo Deine Stärke liegt? Antworte mir hierauf. — Die Dachsparren auf Erlings und Annas Haus sind errichtet; nun liegt das Haus mit ausgebreiteten Flügeln da; sie decken all das schicksalreiche Erbe von Vätern und Müttern her bis zurück zur Kindheit unsres Volkes, ein Erbe, das ausgebrütet werden soll und gehütet unter seinem Schutz — sie decken alles Leid, das da weinen wird, alle Freude, allen Leichtsinn, die da lachen werden, alle Kräfte, die geweckt werden und arbeiten sollen, alle Ausschweifung in Sünde und Gedanken, alle Dummheit, alles edle Streben, alle Befriedigung, alle Reue und grübelnde Verzweiflung. Es wird wohl bald da etwas wachsen, was die Ehre unsres Namens schirmt oder ihn schändet, entweder bloß unsre starken Triebe erbt und nicht zugleich auch unsern Arbeitsmut und unsre Selbstbeherrschung. Von allem ist in unsrer Sippe etwas, und auch in Annas Familie soll es so sein; obendrein stoßen sie schon früher zusammen, sie haben sich schon ehedem gekreuzt. Ich sehe auf die Haussparren wie auf die Rippen in einem Schicksalkörper, dem langen, vielnamigen des Geschlechts. Möge er mehr werden als bloß Fischbrut, möge er etwas ans Licht tragen von dem Vielen, das ich für dies Land gedacht habe, sich kraft dieser Gedankenaufrichten als ein stärkerer Wille, denn die Gegenwart ihn hat, und so ein gesundes Erbteil kundtun! Dies ist der höchste Wunsch für mich selbst, den ich auszudrücken vermag. Und da esunserFamiliensitz ist, so wird das Haus wohl starke Mächte gegen sich haben, abbrennen oder ähnliches; aber wieder auferstehen! schöner und bequemer! Also auch darin muß das Asyl des Geschlechts dem Geschlecht gleichen.

Deine zwei letzten Briefe waren ausgezeichnet; Deine Schilderungen des Gesangs in der Klasse, aller derer, die in der Matinee mitwirken sollen usw., sowie über Dein eignes Verhältnis zu Mad. Marchesi sind so gezeichnet, daß wir alle eine Vorstellung davon haben. — Die Menschenscheu, die Du beschreibst, ist eigentlich nicht das, sondern die Lust und der Drang, viel allein zu sein, und das ist ein Erbe von mir (der es von Vater hat). Aber das Mißtrauen, das ist nicht von mir. Vater hatte es. Du irrst auch darin, daß die meisten Menschen falsch und unwahr seien; es sieht so aus, wenn sie bald diese Meinung haben und bald jene; aber die Sache ist lediglich, daß sie gar keine Meinung haben, sondern von dem ansteckenden Einfluß der Umgebung sich zu allem und jedem verleiten lassen,was nicht gegen die Gewohnheit geht,denn die Gewohnheit ist stärker als alles andere. Aber nun liegt es gerade in der Gewohnheit des Franzosen, Komplimente zu machen, daß es nur so hagelt, und nicht aus Falschheit tun sie das, sondern aus „gutem Ton“ und unter dem Einfluß der Umgebung. — Runebergs Brief habe ich schon beantwortet. Er lobte Deine Stimme und Deinen Vortrag und freute sich an Dir. Nein, Runeberg lügt nicht; zu seinen Fehlern gehört es auch nicht, sich von der Umgebung beeinflussen zu lassen — er ist eine sehr selbständige Natur. — Da fällt mir ein, Du könntest diesen Brief und den Brief über Kiellands dem Ejnar zum Lesen schicken, damit er sich in den Gedankengang und die Zustände hier hineinversetzen kann. Du kannst ihn bitten, sie zurückzuschicken. — Ich hatte keine Lust, ihm zu schreiben, so lange diese monatelangen Verfolgungen anhielten. Jetzt, da sie so vollständig mißglückt sind, ist es mir widerlich, nur daran erinnert zu werden. Aber dadurch kommt er um mancherlei vom Gegenwärtigen, was vielleicht gerade diese zwei Briefe am besten geben. — Wir wissen im Grunde nichts über ihn; er schickt ein paar Betrachtungen und ein bißchen was über allgemein-chinesische Verhältnisse; nie ein Wort über sich selbst, außer z. B., daß er nicht mehrschreiben könne, er müsse in Gesellschaft; oder er sei sehr beschäftigt. Wir kennen weder seinen Umgang, noch seine Beschäftigung in oder außerhalb des Amts, nicht sein Gedankenleben und seinen Gemütszustand, so daß wir eigentlich bloß an ein Porträt schreiben. Und da erstirbt die Lust, Bilder von der Heimat zu geben, wenn wir nicht fühlen, wem wir sie geben. —

Alles hier auf Aulestad ist nach und nach sehr gemütlich geworden. Ich freue mich, daß es der schönste Hof im Gudbrandsdal ist dem Aussehen nach, und da allmählich auch alle Geräte, Tiere und Einrichtungen ebenfalls erstrangig werden, so ist es hier gut sein. Jetzt fehlt nur, der Hof wird wirtschaftlich so gehoben, daß er wie ein Garten ist; er hat alle Vorbedingungen dazu. Dann kann er 60 Milchkühe ernähren, Bö ernährt jetzt auch nicht mehr; wir ziehen heuer 10 Kälber auf, um es (nach dem schlechten Vorjahr) wieder auf über 40 zu bringen, wie es früher war. Bloß noch einige Morgen Land und besseren Dünger, dann ernährt der Hof schon jetzt 50 Milchkühe. Mit einem solchen Hof und dem, was sie an Rente haben, können Erling und Anna selbst gut leben und gut für die neue Familie sorgen. Leb’ wohl, süße Bergliot (und Ejnar!) und denk an

den Freund Vater.

Frohes neues Jahr, Du unser lieblicher Singvogel! Mögest Du lange und weithin zwitschern! Und das Glück haben, die Übung des Herzens im Guten, die Vorbedingung!

Kam Mittwoch den 8. abends nach Hause, — unerwartet — und fand Mutter im Bett, Erling und Anna auf Vestad bei Mählums und alle mehr oder weniger unwohl — entweder noch mitten im Kranksein oder eben darüber weg. Karen ist sehr unwohl; eine Drüsenanschwellung, die gefährlich ist; und Mutter aufs neue angegriffen; heut aber wieder auf und schreibt ein bißchen für mich ab; Großmutter und ich die einzigen auf dem Hofe, die gesund waren (und sind).

Meine Reise ein einziger großer Erfolg von Anfang bis Ende. Peter und die Pferde im höchsten Wohlbefinden, ich frisch wie ein Fisch, überall so gestopft voll von Menschen, als ihre kleinen Stuben mit den anstoßenden Kammern und Dielen nur fassen konnten. Überall ist die Linke im Aufschwung, und „V. G.“s Richtung abgelehnt. Das Volk will reinliche Verhältnisse haben. Es freut mich, daßDu den Grieg-Rummel mitgemacht; aber mir ist dies des Guten viel zu viel, das ist sicher. Na, — hat es Dir Vergnügen gemacht, so ist es gut und schön. — Du mußt uns erzählen, wie Du lebst, Bergliot. Ißt Du gut? Schläfst Du gut? Ist Madame freundlich gegen Dich? Auch das Mädchen? — Es freut mich sehr, daß Du Mademoiselle Breslau und ihre Freunde, die ja auch die Deinen sind, wieder getroffen hast. Andenensolltest Du festhalten. Und dann solltest Du Sansots wieder aufsuchen. Runebergs habe ich ein Buch geschickt. — Daß Du „leichtere“ Sachen mit Mad. Marchesi singen sollst, bedeutet, daß sie glaubt, Du hast esprit und bon sens, und Dir tut nur noch mehr Geschmeidigkeit not. Alle die feinsten Geheimnisse der Kunst liegen in dem leichten Gesang. Was Du innig und leidenschaftlich singen mußt, damit hat es bei Dir keine Gefahr, jedenfalls ist das kein Gegenstand des Studiums in demselben Grad wie der leichte Gesang mit all seinen Anforderungen an technische Vollendung und Stil. Und singst Du so, daß sich Seele darin offenbart, dann gehst Du zu größeren Dingen über. Denn Seele drängt nach mehr Seele, beim Lehrer wie beim Schüler.

Ich bin einigermaßen gespannt auf Erlings und Annas Reise. Sie werden Annas Sachen einpacken,und viele davon sind täglich auf Vestad im Gebrauch gewesen, so daß es wohl sein könnte, es setzt saure Mienen und vielleicht gar Zweifel über die Abrechnung. Selbst schienen sie an so etwas nicht zu denken, und ich wollte nichts im voraus sagen, aber es wird sich schon zeigen. Sie sind beide sehr hitzig; ich hoffe, Mählum ist es nicht. Wahrscheinlich kommen sie heute (Sonntag) abendnichtnach Hause, denn es schneit entsetzlich, und die Schlittenbahn ist zu schlecht für Jakob; aber ich bin sehr gespannt darauf, was sie erzählen. — Die Frau oben auf Lunde liegt im Sterben; über fünfzig an Lungenentzündung in Gausdal. X. Y. und Frau telegraphierten an Torstein Lunde und baten ihn, zu kommen. Er antwortete, seine Frau sei krank. Worauf X. Y.s antworteten: „Dann kommen also wir!“ Dann legte sich auch Lunde, — und X. Y.s kamen! — Ich soll Dich von Lina und Sigurd und den Kindern grüßen. Nein, wie es gemütlich dort ist, und wie artig die Kinder sind und wiehübsch! Die alte Frau, die Mutter des Küsters, liebt Dich und bat mich, Dich zu grüßen. Hast Du ihr Dein Bild geschickt? Liebling, es freute mich so, zu hören, was für Erwartungen sie in Dich setzt. Sie war bei Sigurds als Köchin die Tage, als wir dort waren. — Bei Forr auf Forr in Fron warenwir auch (Castberg und ich); es ist das größte und stattlichste Haus im Tal, und die Menschen dort sind meine besten Freunde. Wir müßten an einem Sommertag hinfahren. Tausend Grüße von allen durch

Deinen Freund Vater.

Liebe Bergliot, diese Woche also ist Hejbergs „König Midas“ gestiegen. Die Wirkung war „außerordentlich“, sagt man, und wir werden nun sehen, ob sie andauert. Ferner, ob die Sache zu guterletzt mir wirklich zum Schaden gereicht.

Ich hätte darüber schreiben sollen; aber ich hab’ es in mich selbst hinuntergeschluckt; so habe ich Dir nichts davon abzugeben.

Wie findest Du das — zu tun, als ob dies kein Angriff auf mich sei; und es damit zu verwechseln, daß ein Dichter eine Figur entlehnt, und hiermit zu verwechseln, daß man eine bekannte Persönlichkeit nimmt und sie beschimpft, indem man ihr Eigenschaften andichtet, die sie nicht hat, und Handlungen, die sie niemals begehen könnte!

Nein, ein konsequentes Leben zu leben, etwas in der Welt zu wollen, es mit Ernst zu wollen, das kostet was! Und hier in Norwegen gewiß mehr als anderswo. Ich könnte Dir manches davon erzählen, liebe Bergliot; meines Erachtens hast Du auch etwas von derselben Art, und das Theaterleben wird deshalb zu schwer für Dich sein; alsoich bin nicht gerade begeistert, daß Du da hineinwillst.

Schatz, wie ich Dich darin wiedererkenne, daß Du nicht „mit Gefühl singen“ kannst, ehe Du zwanzigmal ohne Gefühl gesungen hast. Noch kannst Du nichts aus Dir selbst; sondern erst nach der hartnäckigsten Übung.Mit Mutaufzutreten, das will auch geübt sein, und von Dir mehr als von irgend jemand anders, weil Du so mißtrauisch bist, und alle, die das sind, fühlen sich am leichtesten unsicher.

Nichts über oder von Mademoiselle Breslau und den Leuten? Und Sansots, die so freundlich gegen Dich sind, und Runebergs. Nun schreibe ich bald an ihn und antworte ihm auf seinen langen, prächtigen Brief. Aber es ist gar nicht so einfach, an einen zu schreiben, der seinem Lande Kaiser[2]wie Kunst und Wissenschaft und Industrie schenkt. — Sansot antworte ich auch. Er hat mir einen höchst interessanten Brief geschrieben.

Hier haben wir einen Schneefall gehabt, daß Gott erbarm’! — Kein Wunder, daß der Wald Märchen erzählen kann. Wir gingen in der Dämmerunghinunter ins Nevrådal, der Schnee hatte alle Laubbäume geebnet, daß sie wie ein schneeweißes gestricktes Tuch in Wellen sich weithin breiteten, und hie und da ragten Fichten daraus auf, trutzig, rank, dunkel innen, jung, stark wie ein Hurra; nie hast Du etwas Keckeres und Anmutigeres, etwas Anmutigeres und Keckeres gesehen. — Das Haus schreitet nun rasch vorwärts, wir sind alle oft stundenlang drüben. — Das Heu, das wir gleich nach dem Schnitt einbrachten, fressen die Kühe lieber als alles andere. So daß es geradezu ein Ereignis geworden ist. — Abends ist es immer so gemütlich; wir spielen draußen am Tisch auf der Diele Boston und essen Apfelsinen und lesen und schwatzen. Jetzt erwarten wir Forrs hier und Blekastads. — An den Sonntagen werde ich künftighin immer aus sein und Vorträge halten. — Anna gedeiht so gut unter uns und ist in jeder Hinsicht eine echte „Björnson“ geworden. Und ihr Vater, der anfangs fraglos gegen die Verbindung war, hat uns recht lieb gewonnen. Ja, es erhebt sich eine hohe Mauer von Verleumdung um den Mann in Norwegen, der Er selbst sein will, und versucht, andre dahin zu bringen. — Wenn Du schreibst, mußt Du uns immer, wie jetzt, damit trösten, daß es Dir inbezug auf Essen und Schlafen gut geht unddaß Du Fortschritte bei der Marchesi machst. — Aber ich für mein Teil sehne mich grenzenlos nach dem Tage, da das Unmittelbare und Frische Deiner Natur in Deinem Gesang zum Durchbruch gekommen sein wird, so daß er alle ergreift und fesselt. Dahin muß es kommen,mußes kommen.

Jetzt mußt Du Zeugnisse sammeln, Kind, für das Gesuch um ein Stipendium. Es eilt nicht; aber Du darfst es nicht vergessen. (Doch, es eilt, sehr sogar — dennjetztmuß es geschehen!) Kann nicht auch Dein Freund Gouzien (oder wie er heißt) Dir eins geben?

Dein Freund Vater.

[2]Runeberg, ein berühmter finnischer Bildhauer, modellierte 1889 die Statue Alexanders II. von Rußland. Anm. d. Übers.


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