Aulestad, 2. Februar 1890.

Liebes Kind, heute muß ich nach Helleberg, Svartum und einen Vortrag halten, zwei Meilen von hier. Aber ich habe nicht besonders gut geschlafen heute nacht vor lauter Zeitungen und Infamie und Lügen. Na, ich werde schon damit fertig; aber daß ich insofern alt geworden bin, daß ich nicht immer einschlafen kann, das ist schlimm.

Der „Olav“ für Grieg ärgert mich. Das liegt so weit ab von meinem Weg, und ich möchte am liebsten für mich selber arbeiten. Was tut Grieg für andere? Aber daß sie gut zu Dir waren, war prächtig.

So, also Du willst Mutter bei Dir haben! Das glaube ich! Hätten wir nur die Mittel dazu! Aber Du kostest uns so viel jetzt, weil Du alles haben sollst, was Du brauchst, daß wir hier zu Hause so sparsam sein müssen, wie wir können. Wir kommen ohnehin nicht aus. Also, wenn wir noch mehr für Dich tun sollen und Dir die Mutter schicken, dann bittest Du um mehr, als wir vermögen.

Ich war so froh über Deinen Brief, was den Gesang betrifft. Das ist der erste Brief in diesem Jahr,der meldet, daß es so geht, wie Du und Mad. Marchesi es wünschen.Der erste.Ich habe mich sehr danach gesehnt. — Aber noch immer nichts darüber, ob Du mit Mademoiselle Breslau verkehrst. — Ich wußte ja freilich, daß derFleißden Ausschlag geben würde, wenn es galt, „Seele“ hineinzulegen. Du erzählst, daß Du mehr als je arbeitest, und daß Mad. Marchesijetztzufrieden ist. Erzähl’ mir ein wenig von der Kopka. Ist sie eine große Sängerin, ist sie wirklich freundlich zu Dir, und was hält sie von Dir? Ich sehe nie so recht klar, wie Du mit den Leuten stehst. Ich sehe Dich nicht mitten unter ihnen. Cavlings werden jetzt wohl bald abreisen;diesind die einzigen, über die Du ordentlich Bescheid gibst;bei denensehe ich Dich. Liebes Kind, schreibe so, daß wir sehen!

Hier bereitet man wieder eine Schlittenpartie vor. Ich kann gar nicht sagen, wie unvergleichlich die Bahn ist! Ich habe sie nie besser gesehen.

Du solltest nur den herrlichen Klebersteinofen sehen, den ich jetzt in meinem Arbeitszimmer habe! Aber ich fürchte, er hat leider keinen guten Zug. Der Ofen vonhier oben ist in die Stube unten umgesetzt worden. — Am nächsten Sonntag spreche ich auf Haug, Sonntag darauf im Gemeindehaus zu Öjer. Ich bin immer auf der Walze;denn jetztmüssendie Ansichten der Linken durchdringen. — Wir sind so froh darüber, daß Du Dich in Deinem Zimmer und mit den zwei Damen und dem Dienstmädchen wohlfühlst. Alles was wir das letzte Mal von Dir hörten, klang so heiter. — Das Haus für Erling und Anna schreitet nicht schnell genug vorwärts; aber von morgen ab kommen mehr Arbeiter. Anna ist sehr lieb, aber tüchtig verzogen. Die Zwei sind ein gutes Gespann, glaube ich, aber ich will sie erst sehen, wenn sie beide müde werden. Er arbeitet nichts heuer, führt bloß das Leben eines Großbauern, die Hände in den Taschen, und kommandiert vom „Oberhof“ die Leute auf dem „untern“. Aber das gibt sich wohl wieder, hoffe ich.

Zurzeit lese ich Carlyle (Carlejl), den großen englischen „Propheten“, der Seele fordert für alles Leben und Materialismus und Snobismus und Affektation und Eigenbrödelei und kirchlichen Dogmenkram haßt. Ich wünschte, Du wärst fürs Lesen, dann würde ich Dir seine Lebensbeschreibung schicken; denn darin steckt der ganze Kerl, weil darin so viel von ihm zitiert wird. Er ist eine Größe durch die Initiative, den Schwung, die er in den Menschen weckt. Aber er ist grenzenlos willkürlich. Dann lese ich von neuem den „Ursprungder Arten“ von Darwin und ein gut Teil Belletristik.

Ich bin heute nicht aufgelegt, wie Du siehst, und ich bin mit meinem Vortrag beschäftigt. Am Dienstag, an Landrichter Mejdells 70. Geburtstag, soll ich die Festrede halten.

Dein Freund Vater.

Liebes Kind, das Zeugnis war ja „brillant“. Wir freuten uns. Auf solch ein Wort habe ich gewartet; ich hoffe, daß Mad. Marchesi die Wahrheit sagt. Denn ich erinnere mich noch, daß sie auch Y. eine große Zukunft prophezeite; ich widersprach und sagte, ein Mensch, der keine Seele habe, würde auch nie eine bekommen, und ich habe recht behalten. Aber der Irrtum war von ihrer Seite ganz natürlich; denn sie hörte einzig auf die Stimme, und die war groß und schön. Ich freue mich über das Zeugnis, denn wenn sie das von Dir glaubt, so setzt sie sicher alle ihre Arbeit daran, Dich vorwärts zu bringen, und dann bürge ich dafür, daß auch Du arbeitest. Ich freue mich auch aus dem Grunde, weil Dir das Bewußtsein, sicheren Boden unter den Füßen zu haben, das Leben leichter macht. Selbstvertrauen gehört dazu, und nicht das des Trotzes, sondern das der Freude.

Mein lieber Schatz, ich bin seit langem nicht so froh gewesen.

Deine Somnambule ist eine Gedankenleserin, die fühlt, was der Mensch, dessen Hand sie hält, denkt. Voilà tout.

Forr ist mit Frau und Töchtern ein paar Tage hier gewesen, und wir haben uns gut unterhalten. — Der Dreck mit „König Midas“ ist doch bloß zu meinem Vorteil ausgeschlagen. Das wußte ich im voraus. „V. G.“ hat keine Seide damit gesponnen.

Meine Sonntagsvorträge hier in der Nachbarschaft nehmen meine Zeit und Gedanken gefangen, und Du mußt ein bißchen darunter leiden, Bergliot. Aber da ich einmal schreibe, möchte ich für die Auskunft über Schlaf und Essen danken, und bitten,jedesmaleine ähnliche zu schicken. Also: schläfst Du gut? Ißt Du gut? Stehst Du Dich gut mit den Leuten des Hauses? Du bist nicht heftig, ungeduldig gegen irgendeinen von ihnen? Diese beiden Fehler sind Deine Lieblingssünden. — Hast Du bei Mademoiselle Breslau öfters die Gräfin Martel („Gyp“) getroffen? Ich sehe, sie war vor Gericht, wegen ungebührlicher Einmischung in die Wahlen (in der Normandie). — Du solltest Dir noch ein oder zwei weitere Zeugnisse verschaffen; wir behalten dies und reichen es zusammen mit dem Gesuch ein, das bald abgehen soll. Es kommen mehrere Stipendien zur Verteilung, so daß wir um mehrere auf einmal nachsuchen. — Wir haben das allerherrlichste Wetter; Sonnenschein und Schlittenbahn Tag aus, Tag ein. Unsre Schlittenpartie (mitfünfzehn Pferden) und großem Ball hinterher auf Rokvam war vorzüglich gelungen; also diese Woche war voller Vergnügungen für die Jugend; dann waren wir ja auch auf Mejdells siebzigstem Geburtstag. Wir fuhren mit drei Pferden bei vorzüglicher Bahn in 1½ Stunden hin. Es waren 130 Menschen. Mejdells waren sehr vergnügt. Anna und Erling schenkten ihnen eine Säule und eine antike Figur. — Heute ist Torp hier gewesen und hat Annas Kardialgie untersucht. Nichts von Belang. Forr und Erling sitzen hinter mir und lesen die Zeitung, also ich habe nicht viel Ruhe. — Brief von Ejnar; er schimpft immer über das eine oder andere, und lebt in großer Geselligkeit, über die er nichts berichtet. Ein sonderbarer Bengel. — Jetzt hat das Haus anderthalb Mannshöhe, und jetzt erst begreifen die Leute, wie gut der Platz gewählt ist. Die Leute, d. h. Smehus und Even, sind wegen Annas Sachen in Vestad gewesen. Als sie zurückkamen, erzählten sie, daß im ganzen Tal kein Hof so schön sei wie Aulestad. Und auf dem ganzen Weg hätten die Bauern gesagt: „Nee, was für Gäule!“ Wennsieso pikfeine Gäule hätten, meinten sie, das wäre famos! Uff, ich sitze hier und kann bloß tratschen, — zu mehr kann ich mich nicht sammeln. Hast Du Dr. Sigurd Ibsens Aufsatzim „Dagblad“ bemerkt? Da kannst Du die Union in all ihrer Häßlichkeit sehen! Ja, an so was hat man seinen Halt! — Und mich verfolgt man, weil ich kein Blatt vor den Mund nehme. Einmal werden die Leute sich schon schämen müssen. — Ach, Du hättest diesen Wintertag sehen sollen, Bergliot!Aber sehen, ohne unter norwegischer Geistesenge, Feigheit und Mißgunst zu leiden.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot in Paris!Wer an das Verhältnis zur Kirche und das Verhältnis zu Schweden (und dem König, denn der König ist Schweden) rührt, der ist ehrlos! Nun soll Sigurd Ibsen auch ehrlos gemacht werden. Ich habe ihn eben willkommen geheißen unter der Zahl der Ehrlosen! Daß sie sich sofort gegen uns wehren müssen durch derartige hämische Versuche, beweist deutlich, wiefalschdas Verhältnis ist, wie in der Wurzel unecht. — Eine große Hilfe war mir das in meinem Kampf um die Forderung, daß eine Vereinigung, die an sich neu unter den Völkern ist, sich auch neue Formen schaffen muß! Unsre Vereinigung ist andern ein Beispiel geworden (Österreich-Ungarn); schafft sie sich eine neue Form in dem Verhältnis zum Ausland, so wird auch das ein Beispiel werden. Der einzig mögliche Versuch, die Vereinigung als solche fortbestehen zu lassen, ist, eine Teilung der auswärtigen Angelegenheiten anzustreben und jedes Land seine eignen führen zu lassen. Damit ist nicht gesagt, daß nicht vieles gemeinsam bleiben kann; aber es muß jedesmal auf freier Übereinkunft beruhen. Zwei Minister des Äußern, jeder verantwortlich für sein Volk.

Ich lese zurzeit Carlyle (Carleil) „Die französische Revolution“. Die schicke ich Dir. Ich hätte eher daran denken sollen, daß Carlyle etwas für Dich sein muß! Daß Du so leselustig bist, ist ein großes Glück für mich. — Ich sitze wie auf Kohlen, weil ich mich fertig machen muß zur Reise. Ich will nämlich heute nach Öjer, d. i. fast drei Meilen, bei der vorzüglichsten Schlittenbahn von der Welt, mildem Wetter und mit der Großstute, die lang und mächtig ausholt, im Zweipferdelängenschritt. Der Wald ist wie fein bepudert, Schneewolken lagern zwischen den Bergen, die Luft daunenstill. — Sie sind rein verzweifelt, alle die „Landesverteidiger“, so oft ich mich rühre. Sie wollen durchaus mit mir „diskutieren“. Ja, das glaube ich, wenn ich ihnen erst Leute verschafft habe, zu denen sie reden können, dann wollen sie auch gern reden! Aber daraus wird nichts. — Frits Hansen muß sich außerdem erst bei mir entschuldigen, bis ich ihn einer Unterredung, geschweige denn einer Diskussion würdige. Ein bißchen Anständigkeit muß man beobachten, selbst mir gegenüber. Ich schreibe gegenwärtig an etwas, das „Ditmar Mejdell“ heißt und Dich amüsieren wird, wenn es fertig ist. Ich bin in der vorzüglichsten Laune, wieder ganz auf der Höhe nach all dem Skandal, der so kläglich ablieffür die Skandalmacher. Mutter hat draußen im Flur einen Saltomortale über „Lord“, den Hund, gemacht, der beiden teuer hätte zu stehen kommen können; aber es blieb beim bloßen Schrecken. Der Köter rannte, hast du nicht gesehen! bis nach Bö und ließ sich später viele Stunden nicht blicken.

Dein Freund Vater.

So sollst Du also schon im März öffentlich singen? Mir wurde ganz bange; denn ich mag euren Dressur-Gesang nicht, und viel anderes wird es wohl nicht, wenn Du nicht selbst wählen darfst. Uff, nun soll ich mich auch damit noch abängstigen! — Aber andererseits beweist es ja, daß Mad. Marchesi Zutrauen zu Dir hat; und kein geringes zu Deiner Zukunft, da sie Dich schon jetzt auftreten läßt.

Hier ist es nur widerlich. Jetzt wollen dieSchwedenmit König Midas Norwegen bereisen; ist es nicht unglaublich, daß auch meine Freunde das richtig finden? Entweder fühle ich anders als andere, oder hier muß eine neue Denkart aufkommen, die jetzt noch nicht die Oberhand hat.

Jetzt will ich mein Drama fertig schreiben (ich habe das andre beiseite gelegt), und sobald ich mir damit ein packendes Bild von unsrer unglaublichen Verantwortungslosigkeit von der Seele geschrieben habe, nehme ich meine Vorträge wieder auf und zeige den Leuten im großen und kleinen, wie unverantwortlich wir gegeneinander handeln.

Wenn man denkt, daß meine sogenannten„Freunde“ gleichzeitig „Freunde“ sind von Chr. Krohg und von mir, von Gunnar Hejberg und von mir! Und wenn ich tausend Jahr alt werde, ich verstehe das nicht, ich will davon nichts wissen. Aber ich werde dreinfahren!

Du tust mir so leid, immer wenn ich daran denke, wie tief Du Dir zu Herzen nimmst, daß Du Cavlings verlierst. Du mußt jemand haben, mit dem Du auch Unsinn treiben kannst; deshalb kann Mad. Sansot Dir nicht das werden, was Dir das liebste ist; aber im übrigen ist sie kernecht durch und durch, Bergliot. Und der Mann! Alles Vornehme, Gebildete, was französischer Geist erreichen kann, verkörpert sich in diesem Manne! Ich kenne wenige Männer auf der Welt, die ich höher schätze. Ja, meine geliebte Bergliot, Du wirst bald lernen, daß solche Menschen wertvoll sind, weil sie selten sind. Ich glaubte an alle Welt, und nun blutet es in mir aus hundert Wunden — der Enttäuschung.

Ich habe nie die Geschmeidigkeit besessen, mich, wie Du, zwischen so vielen Mitschülern bewegen zu können, und mit keinem Freund oder Feind zu werden. Ich gebe zu, das mag das Beste sein; und daß Du das schon kannst, wird Dich gewiß sehr fördern und Dir vieles ersparen. Die allermeisten sind nicht mehr wert, als daß wir Ihnengegenüber die höfliche Umgangsform nicht verletzen. — Ach, Bergliot, ich hätte nie geglaubt, ich würde eines Tages solche Worte niederschreiben. Und ich kann mir nicht helfen, ich fühle starke Ergriffenheit, nun ich es getan habe. — Wenn ich bloß meine Arbeitsstimmung wieder hätte!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, ich habe Deinen Brief noch nicht gelesen, nur davon berichten hören; aber ich hatte auch so viel zu hören, zu lesen und war außerdem gestern weg zu einem Vortrag. Große Freude, daß Peter und Dikka hier gewesen sind, große Freude! Und nun kommen auch Kiellands! Wir sind also jetzt glänzend auf der Höhe hier! Es ist, als hätten wir Paris hier. — Und Du Ärmste lebst in der Millionenstadt viel verlassener als wir hier in unserm Winkel. — Nun habe ich DeinenvortrefflichenBrief gelesen, Bergliot. Deine ganze Natur liegt in diesem Brief. Hast Du die Revolutionsgeschichte von Carlyle,die ich für dich bestellthabe bei Huseby & Co. in Kristiania, nicht erhalten, so schreibe selbst! Dumußtsie lesen. Du mußt das Menschenmeer in Aufruhr sehen und die gewaltige Wogenmasse, wo einer den andern jagt, bis alleseineunendlich wogende Bewegung ist, so daß die, die mitgewälzt werden, ihren eigenen Willen verlieren und nur drängen, weil alles drängt. Und das wird noch einmal kommen, wenn man nicht beizeiten gerecht ist. Darum eifre ich. Niemandweiß Zeit oder Stunde oder von wannen. Hebt es aber an, dann weiß keiner, ob unsre Arbeiter stärker sind als andere, ob nicht auch sie mitgerissen werden und niederreißen. Denn auch hier im Lande ist viel Unrecht. — Grüße Frau Sansot herzlich; jetztwillich mich endlich zu einem Brief an sie aufschwingen. Und Runebergs! Ja, ich weiß, das sindMenschen, sie haben mich verstanden, und sie verschleudern nicht, was sie verstehen. —

Ich habe noch andre Briefe zu schreiben und muß schließen.

Dein Freund Vater B. B.

Liebes, süßes Mädchen Du, Sonntagmorgen, scharfer Wind überm Schnee, das Barometer auf seinem tiefsten Stand, also haben wir Schlimmes zu erwarten; aber im Hause warm; bei offenen Türen unten und oben kommt die Wärme vom Flur zu uns herein und mischt sich mit der Wärme aller Öfen; Karoline geht umher und sieht nach und räumt auf; unten ein Frühstückstisch mit geräuchertem Lachs, kaltem gebratenen Schneehuhn, fünf Sorten Käse, darunter ein neuer „Storthingskäse“, und unter all der Herrlichkeit ein weißes Tischtuch, und blaue Karaffen und Gläser. Karoline und ich sind eben von Tisch aufgestanden, jetzt hören wir Beate und Alexander Kielland im Fremdenzimmer sich rühren; das Haus erzittert unter seinen Schritten. Er ist — ich werde ihm das nie vergessen — hierhergekommen, um demonstrativ seinen Protest gegen die Verfolgungen einzulegen, hat den Mjösen herauf in seinem Breitschlitten wie der Teufel gefroren, wurde in Lillehammer von mir empfangen, fiel mitten in die Geburtstagsgesellschaft bei Lunde, wurde in die Stube geführt,schneebedeckt, sah aus wie Gustav Adolfs Statue an einem Wintertag, so prachtvoll, daß die Leute schrien, und erzählte Geschichten, daß ich mich ganz krank lachte. Du hättest die Verzweiflung der Lillehammerschen Damen sehen sollen, aber lachen mußten sie doch! — Er trank eine Flasche Rotwein, Grog, Schnaps, aß ein Schneehuhn; aber unterhielt uns dabei den ganzen Abend, dampfte unter allgemeinem Gelächter ab und schlief zwei Stunden darauf. Etwas dicker als früher, aber dieselbe unerschütterliche Verachtung für das „Pack“, und voll Gesundheit und Kraft im Kampfe gegen dies Volk. Bei brillanter Bahn und brillantem Wetter hierherauf, ich voran in einem Schmalschlitten mit Kiellands Koffer hintendrauf, sie hinterdrein in einem Breitschlitten, zum Schluß scharfer Trab, alle Flaggen über der Schneelandschaft an den hellen, strahlenden Häusern gehißt, Feststimmung und Freude beim Empfang seitens Karoline, Karen, Mutter, Inga, Dagny, Anna und Erling, großes Diner, wobei er wieder Schneehuhn und Wein für zwei oder drei bekam, und ein Gelächter, daß das Dach dröhnte. Und den ganzen Tag gestern ein Schwatzen und Lachen und Apfelsinen und Possen bis zehn. Wieder neun bis zehn Stunden Schlaf heute, und jetzt höre ich die Lachsalvenunten vom Frühstückstisch her; denn dort sind sie nun, nachdem sie mich begrüßt und meine Glückwünsche entgegengenommen haben, weil Babys Geburtstag ist. „Dieist das Beste, was Du je gemacht hast“, sage ich zu Beate. — „Entschuldige,ichhabe sie gemacht“, antwortet er und zieht, den Arm um Beates Taille, wie ein Gott stolz von dannen, begleitet vom Gelächter aller. Er ist in seiner roten „Amtmannsweste“, falls Du Dich ihrer entsinnst. Und als ich ihn fragte, ob er nicht Storthingsabgeordneter werden wollte, antwortete er: „Du meinst als dekorative Figur?“ — Gestern ist kein Brief von Dir gekommen; vermutlich ist in Jütland Schneesturm; wenn nur nicht auch unser Brief an Dich für einen Tag oder zwei weggeweht ist. — Hedlund hat an mich geschrieben, er halte es nicht länger aus, in Unfrieden mit mir zu leben. Ja, ich renkte es denn wieder ein, soweit ich konnte. Ich habe ja nichts gegen ihn, ich habe ihn sogar gern; aber ich könnte z. B. nicht mehr über das mit ihm reden, was ich glaube. — Beate Kielland — nun, Du weißt ja, wie lieb sie mir ist, und sie ist so warm und entzückend hier bei uns, und dabei so bekümmert um ihrer Zukunft willen. Alexander Kielland arbeitet an einem Roman, in dem ein Bauernbursche vom Lande indie Stadt kommt und es bis zum ersten Mann dort bringt, einfach weil er genau alle Schurkenstreiche und Nichtswürdigkeiten nachmacht, die die anderen machen, und die von der guten Gesellschaft geheiligt sind. Ist das nicht ergötzlich? — Jetzt wird Erlings und Annas Haus gedeckt. In der großen Welt nichts, was mich im Augenblick fesselt, und auch nichts hier in der Heimat. — Ich habe die große Angst, daß Mad. Marchesi kein Verständnis für Dein Naturell hat und Dir eine verkehrte Aufgabe stellt. Du mußt etwas haben, worin Leidenschaft ist und Phantasie oder Schelmerei. Kannst Du ihr das nicht selber sagen? Ein Hurra dem Tag und Dir und mir und allen miteinander.

Dein Freund Vater.

Alexander Kielland sitzt jetzt hier oben; als er hörte, daß das Barometer so gewaltig sinkt, sagte er: „Es wird uns gehen, wie es in der Frithjofsaga heißt: Der Fremde blieb, bis der Frühling kam!“

Heut steht der Wald weiß; denn es schneit die ganze Zeit, und etwas Schöneres als einen weißen Wald hat die Natur nicht. — Der Schnee liegt auch weiß über den Dachsparren des neuen Hauses. Die Maurer setzen jetzt die Schornsteine auf. Alles ist groß dort, z. B. sollen auch vier — sage: vier — Schornsteine hinkommen! Einmal wird das Haus uns allen doch viel Freude machen, obwohl es verdammt viel kostet jetzt.

Wir haben ein Buch hier, die Selbstbiographie eines Dänen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, Aerebo heißt er; das werden wir Dir schicken; Du mußt doch sehen, wie der Ton damals war; wenn man bedenkt, daß wir noch vor anderthalb Jahrhunderten roher waren als jetzt die Bauern. — Also dürfen wir heute nicht zu viel voneinander erwarten, dünkt mich. Wir müßten solche Selbstbiographien mehrere Meilensteine weit in der Zeit zurück haben, dann begriffen wir, wie die Menschen noch heutigen Tags Reißaus nehmen, wenn es gilt, den Arbeiterinnen zu helfen, und mitten im schönsten Frieden Geld sammeln für Kanonen. — Dies ist die Bismarck-Woche gewesen; er ist gestürzt, und vorläufig auch sein Sohn!Jetztsagen alle, wofür ichdereinst meine Prügel bekam, so oft ich es sagte, er sei, nachdem er gewaltsam die Einigung Deutschlands zustande gebracht hatte, im wesentlichen ein Schachspieler, der alle Spiele gewann, darüber aber die Zukunft verlor; denn er war ein Mann des Mittelalters, und die moderne Denkart erschien ihm als eine Ausschweifung. Seine schlimmste Sünde, Rußland großzuziehen, aber Frankreich zu beschneiden, — unheilvoll für ganz Europa — wird von seinem Erben, dem Kaiser, nicht wieder gut gemacht werden. — Ich fürchte, wir stürzen durch den jungen Kaiser in eine ganze Reihe von Fehlgriffen, die die Reaktion zu einer strengeren Tonart beeinflussen, und vielleicht Bismarck oder auf jeden Fall sein System wieder von neuem heraufbeschwören werden. Ja, wir gehen einer schweren Zeit entgegen! Hätte ich nur so einigermaßenunsreZukunft gesichert! — Um unser Volk ist mir nicht bang, nicht im geringsten. Das geht seinen Weg. — Hurra! Bei uns gilt es nur, das Volk zu wecken. Ist es erst wach geworden, so ist mir nicht bang darum. — Grüß’ unsre Freunde! Runebergs und Sansots haben beide ihre Briefe bekommen; aber grüße sie, grüße sie! Gratuliere Hejde zum blauen Band! Möge er erleben, daß es rot wird! — Leb’ wohl!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Du mußt die Sache endlich sehen, wie sie ist, — wenn es eine Niederlage für Dich ist, daß Du nicht bei der Matinee mitsingen darfst. Das ist wohl besonders Madame Lürigs Schuld, die nicht die Fähigkeit hatte, Dich weiterzubringen; aber Schuld trägt wohl auch der Umstand, daß sich in unserer Familie keine Spur von Virtuosität findet, so daß Du also nicht eine ererbte Anlage weiterbilden kannst, sondern mit unendlichem Fleiß und mit Ausdauer Dir Stück für Stück erringen mußt, — schwerer, langsamer als jeder andere. Daß Du die Triller und alles das „hassest“, darin stimme ich mit Dir überein; aber als Ausbildung der Fertigkeit, als Weg zu einer biegsamen Stimme, einem selbstsicheren Gefühl von Überlegenheit über das Technische mußt Du diesen Spießrutenweg gehen, um „fertig“ zu werden. Gibst Du Dich hierin besiegt oder richtiger: wirst Du hier nicht Meister, so wird stets hinter dem, was Du tust,die Angst stecken vor dem, was Du nicht kannst. Überwinde diesen ganzen düstern Spuk! Werde ein unerschrockener Künder des Lichts, desHerzens; räum’ mit allem auf, was Dich verzagt macht; sondern zwinge es, dem Höheren zu dienen!

Nur eines steht noch beängstigend mir vor Augen: daß Du nicht kräftig bist! Du schläfst, Du ißt, Du lebst das geregeltste Leben, und trotzdem ist es, als schwäche Dich etwas? Du arbeitest doch wohl nicht über Deine Kraft, ich meine, ohne die Regeln für gesunde Arbeit zu befolgen? Das sähe Dir auch nicht ähnlich. Gib Obacht auf Dich selbst, lieber Schatz; ergründe, was das ist!

Ich habe jetzt „La bête humaine“ gelesen, und ich bin im Grunde erschrocken, daß auch Du es gelesen hast. Es hat einige so zwecklos unterstrichene liederliche Stellen. Pfui Teufel! Wahrhaftig, Du bist ein tapferes Mädel, daß Du durch den Kot watest, ohne davon beschmutzt zu werden. Tut es Dir nichts, Bergliot? Antworte mir aufrichtig!

Bismarck geht in sein eignes Garn; er hat selbst damals, als er es brauchen konnte, die Alleinherrschaft des Kaisers proklamiert, und er hat selbst bis in den Tod Männer verfolgt, die wagten, eine andre Meinung zu haben als der Kaiser und er. Und nun ist er der erste, der dem Willen des Kaisers entgegenarbeitet, heimlich und öffentlich, und darüber fällt er! — — Entweder wird er binnen kurzem wieder das Heft in Händen haben, oderer behält recht darin, daß es jetzt schief geht. Mit aller Art von Neuerungsideen läßt sich ein Staat nicht leiten, am allerwenigsten einer, der so exponiert liegt wie Deutschland. — Es soll sich nur keiner einbilden, daß hierdurch mehr Freiheit, mehr Licht in die Welt kommt; kein Prinzip des modernen Zeitgeistes hat den Großen gefällt; kein größerer Schachspieler hat den größten seiner Zeit matt gesetzt, keine weitschauende Politik die kurzsichtige; denn mit allen seinen Augenblickssiegen war Bismarck doch nur ein kurzsichtiger Mensch, der nicht die Zukunft aufbaute, sondern nur Sieg auf Sieg gewann im Kleinkram der Gegenwart. Nein — wir werden dasselbe mittelalterliche System haben, nurohne die Siege, ... bis es am Boden liegt. —

Das Haus hat also jetzt einen Schornstein auf dem Dach und eins seiner vier Kreuzdächer ist mit blauen Ziegeln gedeckt. Ferner sind die Fehlböden, die unter den eigentlichen Fußböden liegen, im untersten Stockwerk fast fertig. Die Tischler und Amund (der Maler und Sattler, Du weißt) machen schöne Möbel und verhältnismäßig billig. All mein altes, trocknes Material kommt uns nun gut zustatten.

Geliebter Schatz, Du mußt bei frischen Kräften bleiben. Und Verkehr suchen mit den vielen, dieDich gern haben. Durchaus! Wir haben gedacht, Du könntest diesmal auf dem Landweg nach Hause kommen und einige Tage bei Hegel bleiben. Vielleicht ist dann Mutter dort, so daß Ihr zusammen heimkehrt. Mutter hat unter meinen Papieren folgende Strophe aus alten Tagen gefunden:

Im Walde.

Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;Was immer er sah in den einsamen Stunden,Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.

Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;Was immer er sah in den einsamen Stunden,Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.

Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;Was immer er sah in den einsamen Stunden,Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.

Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;

Was immer er sah in den einsamen Stunden,

Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,

Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.

Ist das nicht schön? Das müßte sich in Musik setzen lassen. — Heuer geht die Schneeschmelze ohne Hast und Schönheit vor sich, recht heimtückisch. Draußen über dem niederen Ackerland liegt er kreideweiß und schwindet hin, hier oben ist er ausgezehrt, wie einer, der die Schwindsucht hat; hektische Flecken da und dort. — Sie fahren Holz mit sechs Pferden den ganzen Tag; es fragt sich, ob wir es ins Haus einbringen heuer wegen des schlechten Schnees. — Dagny und Anna haben sich beide das Haar kurz geschnitten, es steht ihnen ausgezeichnet. Leb’ denn wohl, geliebter Schatz, tausend, tausend Grüße von allen durch

Deinen Freund Vater.

Liebe, Süße Du, wie unterhaltend und klar Du schreibst! Die Briefe allein schon zeigen, daß Du im Wachstumsalter bist. Nicht die Briefe aller zeigen das, selbst wenn sie zwanzig Jahre alt sind; denn es wachsen leider nicht alle. Und es ist etwas wert, daßDuwächst durch Umgang, Arbeit, Bücher; denndasist es, was Dir denGehaltgibt, der später den Gesang füllt und färbt.

Ich muß heute mal mit Dir reden über Mad. Marchesis bornierte Methode, von alleneineArt des Singens zu verlangen. Das ist natürlich verkehrt. Aber eines bedenke:sie hat mehr singen hören, als ihr alle miteinander, und darunter dieAllergrößten; denn die Allergrößten haben zu ihrer Zeit gelebt, und nicht in Eurer. Infolgedessen hat sie (ohne selbst sehr poetisch zu sein) dadurch Musterbeispiele, und als Sängerin ein solches Gedächtnis für die Behandlung jedes einzelnen Stückes, daß Ihr, wenn Ihr ihr folgt, immer der besten Fährte folgt. Aber hier hört ihr Recht auf. Denn nicht allekönnenso singen, wie die Größten; wenn sie ebenso groß sind, haben sie ihre eigenebahnbrechende Art, und wenn sie nicht groß sind, liegt ihreinzigesVerdienst darin,daß sie sie selbst sind; haben sie das nicht, dann können sie sich begraben lassen! Es ist der reine Zufall, wenn jemand dieselbe Natur hat, wie der, der dieselbe Nummer von allen am vollendetsten sang.

Ich habe Garborgs „Bei Mama“ gelesen, das aus unsrer schmutzigen Wäsche zusammengestückelt ist. Ein hysterisches Weibsbild (Tochter eines sinnlichen Faultiers von Mutter) gezeichnet von einem hysterischen Mannsbild, — das soll „das Weib, wie es ist“, sein! Das Buch besteht, wie alle Bücher Garborgs, aus tausend kleinen Geschichten. Er ist kein Dichter, er ist ein Schriftsteller, der einem Menschen mit kritischen Bemerkungen nachgeht, und die genügende Gewandtheit hat, ihnen verschiedenartige Form zu geben; es stimmt uns oft nachdenklich, aber wir sind nie ergriffen. Die hysterische Unruhe, dieses Jagen vom einen ins andre stört; ein Bild wird am besten mit ein paar kräftigen, sicheren Linien gezeichnet; durch diese tausend Strichelchen wird es wieder verwischt. In „König Midas“ heißt es, „daß niemand so lügt, wie die, die herumlaufen und die Wahrheit sagen“. Das paßt ausgezeichnet auf die Art Bücher, dienurin Geruch und Anblick und Zerknülltheit derschmutzigen Wäsche leben;die„Wahrheit“ ist derbe Lüge. Die schmutzige Wäsche muß auch sein; aber nicht als das einzige oder das entscheidende für unsre Anschauung des menschlichen Lebens. Er haßt die „Ideale“, weil sie die Menschen verleiten, an sie zu glauben, und — wenn sie sie nicht erreichen können — mutlos zu werden. Nun ja, das geht gewiß vielen so, besonders so lange die religiöse Verkündigung ist wie sie ist:ein Einziges für alle. Aber als Lebensziel, d. h. als das, was der einzelne erreichenkann, und was die Generation erreichen soll, sind die Ideale nichts anderes, als die Erfahrung unsrer eignen Natur; dadurch werden wir, und mit uns alles, besser; das haben wir gelernt. Ist das manchem zu viel, nun schön, — die kommandieren darum nicht die anderen; es sind niemals die letzten, die kommandieren, sondern die ersten. Diese siegen und ihre Nachkommen siegen nach ihnen; die Stärksten siegen. Wir müssen versuchen, den Schwachen zu helfen, namentlich versuchen, immer mehr Menschen auf die Seite des Sieges herüberzuziehen; aber wir können nichts von den Idealen ablassen, ohne die Richtung des ganzen Menschenzuges zu ändern, den Zielen untreu zu werden, und zu mißachten, was wir bisher aus Erfahrung als das Rettende erkannthaben. Dahin kommt es niemals! Laß uns die Ausnahmen recht sichtbar ans Licht heben in unserm Leben; jedesmal werden sie uns an eine vergessene Schuld erinnern; aber zu Kommandorufen für die ewige Richtung des Zuges dürfen die Schreie derer, die nicht zu folgen vermögen, niemals werden; das wäre der Untergang aller, anstatt der einzelnen. Immer weniger und weniger werden ihrer; aber die Zeit kommt kaum je, daß ihrer nicht, was wir auch tun, leider allzu, allzu viele wären!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Dein Brief mit seiner Entrüstung, weil ich es eine „Niederlage“ genannt hatte, daß Dunichtin der Matinee sangst, hat uns riesig ergötzt, und Dein Mut und Deine Lust freuen uns, — obschon wir natürlich auf einen zweiten, tief niedergeschlagenen, gänzlich zerschmetterten Brief gefaßt sind. Diesmal versicherst Du, Du könntest Dich nie mehr verlieben; wir sind sicher, daß bereits eine neue Verliebtheit im Anzug ist, Deine hundertzwanzigste! Aber mehr als alles andre hat mich gefreut, daß Du ein Buch wie das Zolas in Dich aufnehmen kannst, ohne von ihm anders gepackt zu werden, als das starke Bild packen muß.

Wenn Du von Zolas letztem Buch sagst, es sei die lautere Wirklichkeit, so wie kein anderes Buch, das Du gelesen hast, so beruht dies auf einem Irrtum. Dieser Kniff mit der Eisenbahn, mit ihr zu spektakeln, immer wieder und wieder, bis einem ganz schwindlig wird, ist ein alter Kniff von ihm, und an und für sich um kein Haar anschaulicher, als wenn Maupassant es in wenigen Zeilen gibt.Zola macht so lange fort, bis es zu hysterischen Vorstellungen wird, bis die Lokomotive zur Naturkraft wird im Geiste des Persönlichkeits-Jahrhunderts, zum Dampf-Geist.

Das ist Mystik, sind symbolische Schwindeleien, und nicht Wirklichkeit.AlleWirklichkeit bei Zola wird verzerrt; er kann nicht einfach etwas so lassen, wie es ist; es wird schlimmer und schlimmer. Vergegenwärtige Dir einmal die Bilder und Personen, dann siehst Du es selbst. Und dann weiß er nicht richtig Bescheid über das, was er aus der medizinischen Wissenschaft bringt. So zum Beispiel hier, wenn er einen Menschen zeichnet, der einzig Wollust am Blut hat. Das ist völlig richtig; aber — wenn ich bitten darf — nichtzusammenmit sinnlichem Genuß, nein,an Stelledes sinnlichen Genusses. Wie es hier geschildert ist, wird der Mensch völlig unverständlich. — All der Schmutz, der da ausgegraben wird, all diese Morde und Selbstmorde, und all diese Verruchtheit, ... Du fühlst doch selbst, daß er da Ausnahmen schildert, ungeheuerliche seltene Ausnahmen, und dasLebennennt. Selbst in der Farbengebung, die sonst seine große Stärke ist, schwelgt er nachgerade so toll, daß es mich abstößt. Herrgott, was solch ein Buch für eine ungesunde Lektüre ist, und so verführerischdurch Häufung von ungewöhnlichen, grauenvollen sinnaufreizenden Orgien aller Art!

In dieser Woche will Arnoldson aus Schweden hierher kommen; Kristofer Kristofersen und Frau kommen entweder in dieser oder der nächsten, und Redakteur Holst will auch kommen.

Denke Dir, heute, am 13. April, liegt wieder einviertel Meter hoch Schnee, der Wald großartig unter der Last. Keine Überraschung hätte größer sein können als heute dies Erwachen. — Famoser Brief von Sansot gestern; grüß’ ihn von mir. Ich schreibe bald. Vorläufig nur, daßW. Lange in Berlineine Übersetzung von „Es flaggen ...“ gemacht hat, die ich dem Schweizer zum Lesen anempfehlen kann. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung (im Manuskript) vom „König“ vonFräulein Klingenfeld, München, Bayern, Gabelsbergerstraße 21, die der Schweizer bestimmt geliehen bekommt, wenn er darum schreibt. Mehr weiß ich ihm nicht zu sagen. Die Sansots halten große Stücke auf Dich, und falls ich sie, wie Sansot schreibt, 1891 hier begrüßen dürfte, so wäre das einer meiner glücklichsten Tage auf Aulestad. Für dasselbe Jahr habe ich geplant, mit der ganzen Familie nach Romsdalen zu reisen, und da könnten sie sich uns anschließen. Das würde eine Karawane!Meine geliebte Bergliot, ich habe oft gewünscht, das erstemal, daß Du in Norwegen öffentlich sängest, sollte es in Romsdalen, in Molde sein. Aber das sei in Dein Belieben gestellt. Dann reisten wir von dort nach Nässet, wo ich als Junge herumsprang, und dort versammle ich die Leute und rede zu ihnen. Ein großer Tag soll das werden, wenn das Wetter gut ist. — Wenn doch auch Ejnar mit dabei sein könnte! Die Volksversammlung soll an der Stelle stattfinden, wo der Kerl hingerichtet wurde, über den ich einst schrieb. — Ich kenne keinen schöneren Punkt in Norwegen, als den ganzen Bezirk dort. Ach, soll das eine Fahrt und ein Tag werden! Und den ganzen Weg da hinauf habe ich Freunde, also wir werden sehr vergnügt sein. Und dort uns auf den Fjorddampfern herumtummeln! Die launenvolle Lieblichkeit und ruhige Größe des Romsdalfjords geht über alle Beschreibung. Oh, wie vergnügt wir sein werden! — Ja, nun sag’ ich Dir für heut Adieu. Ich habe verlockende Bücher zu lesen und muß mich auch ein bißchen in meinen großen Stoff hineindenken. Es geht gut, geht uns allen vorzüglich, wir sind alle fröhlich und alle gesund. Hier ist die Stätte, wo gearbeitet wird. — Hast Du „Die französische Revolution“ von Carlyle gelesen? Ich lese den Freiheitskampf der Niederlande von Motley(einem Amerikaner), also über meinen Liebling Wilhelm von Oranien. Ein ganzes Leben lang immer unterliegen und dennoch ausharren, nicht nur selber, sondern auch alle anderen zum Ausharren anfeuern — ja, das ist mein Lebensideal! Das ist größer, als der größte Sieg, denn dazu gehören mehr und größere Eigenschaften als zu einem glänzenden, im Augenblick alle Kräfte anspannenden Sieg. — Und das versteht jeder, der weiß, was ausdauernde Arbeit, treuer Sinn und leuchtender Glaube bedeuten.

Dein Freund Vater.

Mein lieber, süßer Schatz, wie schön ist es jetzt, einen Brief von Dir zu bekommen, weil Deinem Gemüt eine feste Hoffnung aufdämmert; Du wirst sicherer und stärker dadurch. Es ist, als wäre jeder Brief eine Meile näher dem Ziele geschrieben, es ist, als hättest Du jedesmal geloggt und nachgerechnet und die Fahrt für gut befunden. Und die Zeugnisse anderer sagen dasselbe. Wir warten und warten auf Dich wie auf die Frühlingsschwalbe. Möchtest Du nun auch Glück haben zur Lebensfahrt und nicht wie ich Gegenwind das ganze Leben, — obschon er die Flagge so fröhlich wehen läßt.

Jetzt sollst Du aber hören: ein Franzose, Crépieux-Jamin, ist Graphologe (Schriftdeuter), und hat aus Dänemark drei Handschriften zugesandt bekommen: die Mark Twains, der Gräfin Danner und meine. Ich habe den dänischen Übersetzer seines Buchs gebeten, Dir ein Exemplar zu schicken, und da kannst Du selbst sehen, was er über mich sagt nach der Handschrift. Mutter und ich sind ganz platt. Ja, Du wirst ja sehen!

Wir werden Dir Garborgs neues Buch schicken, oder Du kannst es lesen, wenn Du hierher kommst. „König Midas“ besitzen wir nicht. Wir erwarten heute Kristofersen und vielleicht Lunde. Immer noch liegt Schnee in allen Spalten und am Wald; aber der Tag ist schön, der Altan ein Schutzdach gegen frische Brise, und der Bau drüben reift im Verein mit den Bäumen dem Sommer entgegen. Jetzt haben wir unser Haus wieder für uns, die Küche wird renoviert, und es ist still hier. Ein Frühlingstag in Norwegen zwischen den Bergen ist reicher als jeder andere, weil die Seele, die wir ihm entgegenbringen, gewaltiger sich sehnt und mehr erhofft, als dies anderen Völkern in einer andern Natur möglich ist.

Gestern las ich eine schwedische Kritik über mein letztes Buch; ich glaube, ich sende sie Dir. Sie war glänzend. Es heißt dort (nach einem andern schwedischen Kritiker), daß B. B. der am wenigsten blasierte von allen nordischen Schriftstellern ist. Ich glaube selber, daß das wahr ist.

Hier auf dem Hofe laufen fünf bis sechs Ferkel herum, schneeweiß und voller Leben, und ich muß bei ihnen an Dich denken. Ich glaube, Du wärst solch ein Kleines, wenn Du ein Tier wärst. Und dabei noch etwas von einem Vogel, vielleicht einer Schwalbe. Kleines Ferkel und große Schwalbe,eins und das andre, ich muß lachen. — Mutter hat sich in der letzten Zeit herausgemacht, sie ist „rund un woll“, wie sie hier sagen; aber mit dem Gehör ist es zu dumm. Übrigens steht es ihr gut, so als Sibylle dazusitzen und von dem einen und von dem andern ein Wort hier, ein Wort da zu borgen. Wenn es doch bloß wieder besser würde mit ihr! Ich kann und kann die Hoffnung nicht aufgeben. — Ich hatte wirklich Angst, Du könntest nicht mehr leben, nachdem Cavlings abgereist waren; aber Gott sei Dank, Du schreibst, als habest Du die Absicht, auch ferner am Leben zu bleiben. — Ich möchte gern wissen, ob Du einmal „La légende des siècles“ von Victor Hugo auftreiben könntest; eine billige Ausgabe. In diesem Falle möchte ich es haben. Und vergiß nicht, mir den Namen des Bildhauers zu schreiben, so, daß ich ihn lesen kann; Donnerwetter ja, dies ewige Elend mit den Namen! — Brief von Hejde und Frau Hejde; es geht ihnen brillant. — Dagny hat sicher große Begabung für Musik; aber keinen Fleiß, obwohl ich allmählich glaube, wenn sie eine gute Lehrerin hätte, käme der auch. Sie ist ja im ganzen sehr flüchtig; aber so lieb und so begabt! Sie ist jetzt im Alter des Romanlesens und der ewigen Freundschaften. Marie Hansen ist das Höchste auf Erden.Das heißt, vielleicht daß Dagny nun doch anfängt, auch an ihr Kritik zu üben; damit ist siesonstrasch bei der Hand. Anna ist wirklich reizend; so lebhaft und klug; und so wohl wie sie sich bei uns fühlt! — Meine liebe Bergliot, Dank für alle Deine Briefe und für alle guten Nachrichten! Bewahre Dir Deinen Humor, härte Dich ab gegen Kritik und Widrigkeiten, werde stark! Und grüße Deine gute Wirtin! Du wirst wohl auch nächstes Jahr dort wohnen? Hast Du in letzter Zeit Deine Freundin besucht, das Mädchen bei Deinem alten Hausdrachen? Hast Du Gouzien vorgesungen? Bist Du bei Sansots gewesen? Voilà! Leb’ wohl! In Frühling und Arbeit, in schmucken Kleidern und Sonnenschein, in guter Gesellschaft und Vergnügen, bei guter Lektüre und gesunden Gedanken!

Dein Freund Vater.

Liebes Kind, Du mußt das alles selbst entscheiden, Du steckst in Deiner eigenen Haut und in Deinen eigenen Kleidern, Du allein kannst wissen, wie müde Du bist, und was Deiner Gesundheit neben Deinem Gesang, oder vielleicht gerade um dessentwillen nottut.

Du mußtsofortMad. Marchesi sagen, wofür Du Dich entschlossen hast. In jedem Fall: bleib nicht so lange wie gewöhnlich, komm nicht so elend nach Hause, daß Du abreisen mußt, eh Du wieder Bergliot geworden bist. — Möchtest Du bis zum 1. Juni bleiben, dann meine ich, solltest Du schon am 15. Mai bis zum 1. Juni bezahlen. Dann wirst Du ja hören. Aber bezahle lieber voll, als Streit anzufangen. — Entschließest Du Dich, schon am 15. Mai aufzuhören, so vergiß nicht, daß zwischen der Witterung im Norden und in Frankreich ein Unterschied ist, der Dich nicht zu Dummheiten verleiten darf. Du mußt Dich jedenfalls danach anziehen. Den einen Tag ist es hier ganz warm, den andern halber Winterbis Mitte Juni; besonders aber im Mai. Dein Arbeitsplan wäre nichtso schwierig, wie er Dir scheint, wenn nicht diese verteufelten Reisen wären. Aber Paris ist ja ohne Eisenbahnen. Richte Dich für die Reise hierher beizeiten ein. Und verlobe Dich nicht unterwegs! Komm heim und sei Bergliot toute entière et toute seule. — Diese „Köbenhavn“ ist wirklich ein grausiges, ganz grausames Blatt. Ich muß dabei an das Grüne denken, das in den Windeln der Säuglinge liegt. Mich dünkt, daß „K.havn“ überhaupt nicht just das im Norden repräsentiert, was gesund und stark ist; sondern das Überfeinerte und Frivole. — In den Zeitungen und Zeichnungen, die Du aus Paris heimschickst, ist ein ganz andrer Zug. Da wird das Kleine nie groß, das Gleichgültige nie wichtig; wir haben keinen gesunden Maßstab. Octave Feuillets letztes Buch solltest Du aufzutreiben suchen, ebenso Maupassants; ich sehe, man lobt sie beide sehr. Du mußt es billiger kaufen können als für den Ladenpreis. Übrigens kannst Du es auch lassen. — Keines von uns sehnt sich mehr nach dem Sommer als ich. Ich kann nicht arbeiten, es sei denn, es wird besseres Wetter, und am liebsten bei offenen Fenstern. Bringst Du das gute Wetter mit? Hier ist es scheußlich jetzt.

Wir sind ein bißchen in Sorge um Erling, es könnte ihm schaden, daß er so ohne Arbeit in vermögendeVerhältnisse gekommen ist. Besonders Mutter ist besorgt. Aber es kann ja gut gehen, auch wenn er noch nicht weiß, wie er im Sattel sitzen soll. Ich halte mich von ihm zurück; ich habe ja kein einziges Interesse mit ihm gemeinsam; denn bei dem einzigen, das ich haben könnte, dem Betrieb auf dem Hof und dem Bau, fragt er nie um Rat und erzählt nie davon. Er ist vollkommen, er ist Selbstherrscher. Nun, Du wirst ja selber sehen! — Hier ist es öde. Diese Zeit ist schrecklich. Graue Erde, grauer Laubwald, unheimlich finsterer Tannenwald, Schnee auf den Höhen und in den Spalten, kalter Regen, kalte grüne Ansätze hie und da. Nirgends ein Mensch. Die Bücher gleichfalls kalt. Kalte Kritiken in den Zeitungen, unerfreuliche Politik daheim und draußen, Unfruchtbarkeit und Mutlosigkeit der Mittelmäßigkeit überall. Ich langweile mich. Komm Du heim mit Sommer, mit Mut, mit Gesang, mit Zukunft! Dann bin ich in guter Laune, wie einer, der in einen dichterischen Zauberkreis gebannt wird, wo es nichts Graues gibt.

Dein Freund Vater.

Liebes Kind, Dank für Deinen langen Brief! Ja, jetzt ist er gekommen — in wenigen Tagen — voller, voller Sommer, alle Fenster und Türen auf, Sonne über dem Altan, Hähnekrähen und Vogelsang den lieben langen Tag, und Glocken und Hammerschlag und der Klang der Egge an den kleinen Steinen.

Also vermissen wir auf Aulestad jetzt nur noch eines, und das ist unser Pariser Singvogel. Das beherrscht in dem Grade meine Stimmung, daß ich nur mit der größten Überwindung an Dich schreiben kann.Dubist nicht dort, sondern hier. Und die Briefe sterben aus Sehnsucht nach dem Menschen.

Ich habe eben ein Buch bekommen: „Pepitas Hochzeit“ von Heidenstam (einem Schweden), das völlig übereinstimmt mit meinem Aufsatz „Die neue Kunst“. Ich möchte wissen, was z. B. von Garborg übrigbliebe, wenn die poetische Kraft, mit derhiergeschildert wird, ausschlaggebend würde? Da würden nicht viele von diesen Matt in Matt-Kopien bestehen können. — Ich bin durchaus einverstanden, wenn geschrieben wird,daß jeder, was die Kunstform anlangt, seine eigene Art haben dürfe; — seine poetische Fülle, das Wesen und der Reichtum seiner Persönlichkeit seien es, die über den Eindruck entscheiden. Bin ganz einverstanden — nur nicht mit der Leichtfertigkeit. Man darf nicht um den Augenblick die Zukunft verkaufen. Ich verstehe auch die nicht, die, um fröhlich zu sein, absolut Punsch brauchen. Ich antworte immer: ich kann genau so fröhlich sein wie ihr,ohnedaß ich Punsch trinke. Auch verstehe ich nicht, daß nicht zwei Verschiedengeartete fröhlich sein und sich aneinander freuen können, ohne daß sie sich sofort in die Haare geraten müssen. Wird nicht gerade durch die Kraft der Selbstbeherrschung die Freude etwas, das unser Leben bereichert, das Wesen der Persönlichkeit stärkt und die Selbstachtung und die Achtung anderer in eins verwandelt? Gib Dich hin da, wo Dein Herz Heimat und Zukunft gewählt hat; sei fröhlich ohne diese letzte Hingebung überall da, wo Menschen für dasselbe leben wie Du. — Übrigens sind das Dinge, über die man nicht zu streiten braucht, dasBlutentscheidet hier; die Starken (weil sie selbstbeherrschend gewesen sind) erzeugen Starke, die Schwachen (weil sie Schweine gewesen sind) erzeugen Schwache. Und die Welt gehört den Starken.

Hier ist das allerherrlichste Wetter, Du! Aber wirst Du Dich auch hier wohl fühlen können ohne irgendwelche Abwechslung vier Monate im Jahr? Ich hätte an Sansots schreiben sollen; na, ich hol’ es nach. Sag’ ihnen, daß Ernest Tissot mir soeben ein Buch geschickt, das er herausgegeben hat: „Les évolutions de la critique française“. Es ist ausgezeichnet. Die Librairie académique Didier hat es herausgegeben. Das ist der Tissot, über den ich Sansots geschrieben habe, weil er an mich schrieb; er wünschte eine Studie über meine Werke zu schreiben. Ich sagte ihm zu, schien es.

Meine geliebte Bergliot, wir sehnen uns zu hören, was Du beschlossen hast. Du freust Dich selbst so sehr, daß auch wir unsre Freude auf das Wiedersehen aussprechen dürfen.

Dein Freund Vater.

Sonntag, nachdem ich vormittags an Dich geschrieben hatte, fuhren wir zu Amtmann Nielsens. Frits Hansens Kinder sollten den ganzen Tag dort sein. Aber während wir gerade gemütlich bei Nielsens saßen, kamen plötzlich Frits Hansen, Ingeborg Hansen und der Hauslehrer! Sie wußten, daß wir da waren. Ich ging sofort in den Garten, der Amtmann hinterdrein, und nun waren also zwei Parteien, eine im Garten und eine drinnen, Amtmanns völlig verzweifelt. Und nun alle Menschen (und Mutter nicht als letzte) auf Frits Hansen los, der sagte, er wäre einzig gekommen, um es wieder gut zu machen. Aber erst müsse er mich um Entschuldigung bitten. Und so kam er denn heraus in den Garten und machte es sehr nett, indem er immer wieder und wieder versicherte, es seiniemalsseine Meinung gewesen, ich wäre ein weniger ehrenwerter Mann, als irgend einer von ihnen. Und er war überhaupt so überströmend liebenswürdig, daß ich mit Herz, Seele und Sinn mich ergab; und am andern Tag kam er hierher, den Tag darauf waren sie beide hier zu AnnasGeburtstag und gestern wir bei ihnen oben zusammen mit allen Vonhejmsleuten. Es ist ein altes Wort: alte Liebe rostet nicht, und das hat sich wieder auf beiden Seiten bewahrheitet. — Wir sind sehr froh darüber allerseits, sehr, sehr froh.

Kristofer Kristofersen und Frau sind hier; sie sind so sehr gemütlich, besonders er. Schlicht, klar, warm. Sie lassen Dich herzlich grüßen. Sie wollen den Sommer über auf Solhejm wohnen. Überhaupt werden eine Menge prächtige Menschen hier sein im Sommer. Und ich will im Sommer nur Gedichte machen. Jeder Mensch muß zugeben, ich bin so jung an Kraft und Saft, als wäre ich (aufs Haar) knapp über 40. Wenn das so fort geht, dann muß ich ja ein sehr alter Knabe werden. — Denk Dir, heute wollen wir nach Sönstevold, um zu beschließen, daß in Gausdal Telephon gelegt wird! Telephon in Gausdal! Telephon bis in unsern Flur, und da stehen und mit Kristiania sprechen, so wird es enden!

Ob Du heute einen Brief von Mutter bekommst? Jedenfalls ist sie bei Dir mit allen ihren Gedanken. Ich war so erfüllt von der Frage, wann Du nach Hause kommen würdest, und sie nicht minder, daß ich nun voll Betrübnis Deinen Brief ihr zugehen lasse, zugleich mit diesem.

Wir wollen alle hinüber zu Peter Sletterud, deshalb beeile ich mich so. Sie warten alle auf mich. Wenn Du es bloß lesen kannst!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, Du hättest in Norwegen sein sollen und dies Winterauftauen sehen! Es erscheint mir gar nicht anders möglich, als daß in einem Volk, das unter diesen alljährlichen Eindrücken lebt, der Glaube wachsen muß, auch die schlimmsten Hindernisse und Schwierigkeiten müßten weichen vor einem frischen Frühlingswillen in uns selbst. Der Schnee ging den Leuten bis unter die Arme, sobald sie außerhalb der gebahnten Wege gingen; und die Wege vereist, um sich Arme und Beine zu brechen. Entsetzlich kalt manche Tage, ziemlich warm an anderen, niemals gleich, immer unsicher.

Und dann eines Tags ganz unvorhergesehene Wärmegrade; anfangs ein Tröpfeln von den Dächern, Rinnsale auf den Wegen, Ballen unter den Pferdehufen; aber dann Schneestürze von den Dächern, daß die Häuser erbeben, Bäche durch die Gehöfte und Wege, der Schnee geht scheffelweise jeden Tag, Schlamm und EiseinBrei, und alles Wasser schwarz. Wo Du gehst, ein Murmeln von Bächen, Funkeln in der Luft, blauer Dämmer im Schnee und unter den Vögeln eine Lustigkeit — die Hühner kommen heraus, die Hähne krähen, die Schweine laufen wiewahnsinnig; die bisher noch nie draußen gewesen sind, stehen ganz still, die Köpfe aneinander gedrängt und getrauen sich keinen Fuß zu rühren; die Pferde wälzen sich und sausen vorüber in rasendem Trab, und die Menschen mit Hacken, Spaten, Schaufeln, Beilen, um die Wasserströme zu regulieren und ihnen Wege zu graben, daß sie nicht den ganzen Hof mit sich fortfegen. Die Luft so stark, daß einem schwach wird, wenn man zu lang darin bleibt.

Und nun muß ich ein Lied für Dich abschreiben:


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