Achter Brief.

Achter Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Junius 1848.

Ihr glaubt nicht, welche Anzahl von Anträgen und Gesuchen bei der Versammlung eingehen! Alles, vom Größten und Wichtigsten, bis zum Kleinsten und Unbedeutendsten, wird zur Sprache gebracht; die Abgeordneten hätten damit bis zum jüngsten Tage zu thun und würden dennoch nicht fertig! Indessen dient dies andererseits dazu, auf unsere Hauptaufgabe hinzuweisen, und die Thätigkeit des Verfassungsausschusses zu erhöhen. Die (deutsche) Breite, welche man mit Recht unseren alten Behörden zum Vorwurf machte, thut sich jedoch auch hier schon kund, und hindert regelmäßige schnelle Fortschritte. Wenige haben das Talent gut den Vorsitz zu führen; oder wer dasselbe geltend machen will, verletzt die breitspurigen Redner, oder Kohlmacher. Für die Klubs und die Rederei spät Abends, wird von Manchen noch fleißig geworben; während Andere allmälig den Geschmack und den Glauben daran verlieren. Man bedenke, Sitzung 5–6 Stunden, Ausschuß 2–3 Stunden, Lesen der Drucksachen eine Stunde;und nun soll nach 9–10 Stunden ernster Anstrengung und Berathung, ein abgeklatschtesDa Capoangeblich nützen, belehren, erfreuen.Credat Judaeus Apella.Mir genügt Abends das Gespräch mit wenigen Personen, und dann um 10 Uhr zu Bett. Deshalb entschuldigte ich mich gegen B., bei Herrn B. einer Gesellschaft von Herren und Damen beizuwohnen, welche um die Zeit beginnt wo ich mich zu Hause nicht festlich ankleide, sondern bequem auskleide, und welche um die Zeit am lebhaftesten ist, wo ich am festesten schlafe. —Ecce signum, den alten Mann! Und wenn er auch das Alles noch mitmachenkönnte, sowiller es aus Gründen nicht, dieihmvollkommen genügend erscheinen.

Gestern Abend ward ich im Schwane nochmals dringend aufgefordert, Preußen wie einnoli me tangerezu betrachten und zu behandeln. Nun, ich will den wohlgemeinten, wiederholten Rath nicht unberücksichtigt lassen, Niemand angreifen, Niemand verletzen, von den zu Gebote stehenden Kriegsmitteln wenig Gebrauch machen; obgleich dies heißt: mit halbem Winde segeln und mit Hemmschuhen fahren.

Das Liebäugeln der Franzosen mit Deutschland erinnert an dasTimeo Danaos dona ferentes, und die republikanisch-polnische Partei würde Deutschlandopfern, angeblich um Polen herzustellen. Diese Freundschaftsversicherungen aus Norden und Süden, erinnern 1848, an das Jahr 1648 wo Deutschland so heruntergekommen war, daß es sich seiner eigenen Zerstückelung fast freute. Nur noch ein Jahr europäischer Friede, dann wird (ich hoffe es) der gesunde Menschenverstand der Deutschen obenauf bleiben. Krieg zerstört alle unsere hiesigen, ja alle guten Bestrebungen, und führt nicht (wie Einige und die Eifrigsten leider wähnen) zu republikanischer Freiheit, sondern durch Anarchie hindurch zur Despotie, oder — zur entsetzlichen Theilung Deutschlands! — Unter so vielen, fieberhaft aufregenden Sorgen, habe ich die erste, große Freude darüber gehabt, daß der berliner Reichstag, Camphausen’s Rede über den Prinzen von Preußen so theilnehmend und beifällig aufgenommen. Auch die edle Prinzessin erblickt endlich an ihrem einsamen Strande, die tröstende Morgenröthe. — — — — Könnte man sich wundern daß hochgestellte Personen, wenn sie derlei Erscheinungen erleben, zu Menschenhaß aufgeregt, oder doch gegen Lob und Tadel gleichgültig würden?

Wie ich, in den Augen gewisser Leute, binnen Jahresfrist aus einem ultra-liberalen Rebellen, ein knechtischer Royalist geworden bin; so wird man mir vorwerfen aus einem Polenfreunde (siehe meineSchrift über den Untergang Polens und meine geschichtlichen Beiträge) ein Polenfeind geworden zu sein.

Ich höre mit Schrecken, daß Jemand einen Plan entworfen, wie die Paulskirche im Winter am besten zu heizen sei; doch hoffe ich es soll nur ein Schreckschuß sein, um auf die Nothwendigkeit raschen Fortschritts hinzuweisen. Mehre Abgeordnete lassen ihre Frauen nachkommen; gut für jene, während die Frauen viel allein sein werden.

Den 10. Junius.

Gestern war eine sehr wichtige und anziehende Sitzung, welche nur durch die eigensinnige Forderung der Linken, über eine Frage durch namentlichen Aufruf abzustimmen, einen höchst langen und langweiligen Anhang bekam. Sie dauerte von 9–4 Uhr, und betraf die schleswig-holsteinische Angelegenheit. J. und B. sprachen in revolutionair-heftiger Weise, z. B. es komme auf geschichtliche und bestehende Rechte gar nicht an;manhabe sich (d. h. die 50 und das Vorparlament)Rechte genommen: was denn freilich die Rechtsfrage zur Seite wirft, und sich ganz auf den Boden der Macht und Gewalt hinstellt; welche praktisch geltend zu machen, es uns aber eben an genügenden Mitteln fehlt. G. hatte freilich ein Universalmittel in der Tasche, oder sprach es vielmehr mit erstaunlichem Glauben an seine Wirksamkeit lautaus: „die Versammlung möge beschließen, es solle sich niemals eine fremde Macht in die deutschen Angelegenheiten mischen!!!“ — Die Versammlung war aber doch zu praktisch, auf einen solchen unpraktischen und nutzlosen Antrag einzugehen. Ebensowenig wirkte seine angebliche Entdeckung, daß auch die Jütländer zum deutschen Stamme gehörten. — Dahlmann sprach gemäßigt; Waitz sehr verständig, besonders gegen jene Revolutionaire; Heckscher aus Hamburg scharfsinnig und muthig; mehre Schleswiger rhetorisirend um dadurch die, gewöhnlich bei schwachen Constitutionen durchschlagende, Wirkung hervorzubringen.

Endlich habe auch ich meine Jungfernrede (maiden speech) haltenmüssen! Da ich sie, nach meiner Weise vorher weder auswendig gelernt, noch niedergeschrieben hatte, so bleibt der anliegende stenographische Bericht (trotz seiner Mängel) die beste Quelle. Weil die Zeit beschränkt war, und so viele Redner herzudrängten, so habe ich kaum die Hälfte von Dem gesagt, was ich eigentlich sagen wollte, und dem „höre bald auf,“ Folge geleistet. Ich will, trotz der Bravos am Schlusse, nicht sagen daß meine Rede allgemeinenBeifallgefunden; die mitgetheilten Thatsachen erweckten aber allgemeinesInteresse, und selbst Anführer der Linken bezeugten, ich hätte gesprochen mit Anstand und ohne zu verletzen. Vielleicht mißbilligen eher einige Mitglieder der äußersten Rechten, daß ich rücksichtslos Wahrheiten ausgesprochen, die sie lieber verheimlichten. Mir behagt aber weder der tölpelhafte Enthusiasmus der äußersten Linken, noch die rückhaltende Diplomatik mancher ihrer Gegner. Ich gehe, ungestört durch Beifall oder Mißfallen, den Gang, welchen ich für den rechten halte. Ich hoffe Ihr seid bereit mitzugehen.


Back to IndexNext