Neunter Brief.

Neunter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Junius 1848.

Ich muß noch einmal klagend auf die namentliche Abstimmung am neunten zurückkommen. Die Frage war: sollen die Friedensschlüsse zwischen Deutschland und Dänemark dem verfassenden Reichstage zurBestätigungvorgelegt werden? Die eine Partei sagteJa!weil dadurch die deutsche Ehre besser gewahrt und die Macht der Versammlungerhöhtwird. — Die zweite Partei entgegnete:Nein!weil jenes Geschäft gar nicht zum Wirkungskreise der Versammlung gehört, und sie dadurch denselben ungebührlich, eigenmächtig und gefährlich erweitern würde. Wenn unsere Gegner ferner sagen, daß die Sache selbst hiedurch gewinnen werde, so wollen wir nicht den Satz umkehren und sagen, daß ihr dadurch geschadet werde; wohl aber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die diplomatischen Verhandlungen hiedurch weitläufiger und erschwert werden; ja zu besorgen ist, daß das englische Ministerium (insbesondere der entschlossene Vermittler Lord Palmerston) nicht geneigt sein dürfte, sich in Frankfurt anmaßlich beurtheilen zu lassen und gleichsam auf den Moquirstuhl zu setzen. Ohnehin werden die befreundeten Mächte, vor allen Preußen, von selbst Das durchzusetzen suchen, was der Reichstag wünscht und bezweckt. — So in aller Kürze die Gründe und Gegengründe.

Sehr gescheit verlangte die Linke den namentlichen Aufruf; denn sie harrte muthig aus, während Viele der sogenannten Wohlgesinnten das Mittagsessen vorzogen und davongingen! Ferner (eine höchst jammervolle Erscheinung) stimmten beim Aufstehen nur etwa 70 höchstens 100 für Ja! während sich diese Zahl (und hierauf hatte die Linke gerechnet) beim namentlichen Aufrufe bis zu 200 erhöhte!! So die Wirkung erbärmlicher Furcht, und des Wunsches sich bei den unwissenden und aufgeregten Massen beliebt zu machen!

So schwierig auch die Lage Preußens erscheint, ist doch die Österreichs viel verwickelter und schwieriger. Allerdings macht uns schon der kleine polnischeBestandtheil viel Noth; wie soll aber Österreich seine Völkermusterkarte in einem Augenblicke beisammen erhalten, wo man bis zur Übertreibung auf Sonderung der Völkerstämme dringt. Die wiener Anarchie wird ein Ende nehmen, denn das Deutsche findet sich wieder zum Deutschen und verständigt sich. Wie aber den Haß der slavischen Stämme gegen Deutsche und Ungarn aussöhnen? Wie Böhmen und Mähren bei gemischter Bevölkerung behandeln und sondern? Ist es räthlich und möglich ein großes Slavenreich zu bilden und dem russischen entgegenzustellen? Oder wird dies Alles verschlingen? Reichen besondere Verfassungen und eigenthümliche Einrichtungen aus, um die Aufgeregten zu beruhigen, welcheeineallgemeine Verfassung für unmöglich und unklug halten? Könnten drei österreichische Prinzen, Könige der Ungarn, Slaven und Deutschen, und doch eine Art von Mittelpunkt für Alle gefunden werden! — So drängen sich unzählige Fragen, deren Beantwortung aus der Ferne und auch wohl in der Nähe unendlich schwer ist, und deren Lösung Niemand vorhersehen kann. Gewiß wird die alte Mischung nicht fortdauern, oder nicht herzustellen sein.

Muthigere Österreicher erklären sich günstiger über Hergang, Zusammenhang und Zukunft. Österreich, sagen sie, war ein Conglomerat von Staaten, hauptsächlich zusammengehalten durch ein Netz von Beamten und Soldaten. Nurdiesenannten sichÖsterreicher; alle andern Personen nannten und fühlten sich dagegen nach ihrem Geburtslande, als Böhmen, Mähren u. s. w. Dies Gefühl, diese Richtung ward verstärkt, weil die österreichische Regierung (abweichend von Preußen) auch die geistige Bildung und Entwickelung hemmte und verknechtete. Nur innerhalb der Nationalitäten verstattete man eine etwas größere Freiheit, schon weil weniger Personen böhmisch, ungarisch u. s. w. lasen, als deutsch. Gutentheils daher der Eifer für jene volksthümliche Literaturen, und eine steigende Begeisterung für nationales Abschließen. Man darf sich nicht wundern, daß nach so lang getragenen, endlich gebrochenen Fesseln, das richtige Maß überschritten wird, und man über Weg und Ziel nicht im Klaren ist. Allmälig bessern sich diese Verhältnisse, den einzelnen Völkerstämmen wird und muß man einen großen Theil der Selbstregierung überlassen; dann kehren alle ihre Blicke wieder auf den alten Mittelpunkt, und Österreich wird (gereinigt von alten und neuen Hemmnissen und Irrthümern) sich mächtiger erheben, denn zuvor. Daß sich alle Slaven an Rußland anschließen würden, ist nicht zu befürchten, und die große Überzahl der Bewohner Galiziens ist mehr österreichisch, als polnisch gesinnt. Ein österreichischer Offizier fragte einen Haufen bewaffneter galizischer Landleute: was habt ihr vor? —Wir wollen die Polen todt schlagen. — Ihr seid ja selbst Polen. — Nein, die Edelleute sind Polen; wir sind österreichische Bauern. So die galizischen Vorübungen zur Herstellung der sogenannten polnischen Republik.

Den 12. Junius.

Nachdem ich bei einem langen Jammer- und Jeremiadenduett mit — willig die zweite Stimme gesungen, bin ich ihm wegen seiner bloßenVerneinungenzu Leibe gegangen. Niemand läugne die Krankheit; es handele sich aber für den angestellten Arzt nicht blos davon, gleichgültig oder verzweifelnd zu sagen: du mußt sterben! sondern Heilmittel aufzusuchen und anzuwenden. Der jüngste Tag sei doch noch nicht vor der Thür, und die Kinder und Kindeskinder würden dereinst mit großem Rechte die Väter und Großväter tadeln können, wenn diese nichts zum Vorschein gebracht, als ein endloses, fruchtloses, langweiliges OJe und OWeh! Hat man nicht 1813 sich auch aus einer dunkeln Nacht wieder zum Tage emporgearbeitet? Und kann man die Übel nicht vertilgen, so kann man sie doch mindern, oder mit der Beruhigung untergehen, seine Pflicht nach Kräften erfüllt zu haben.

Daß die Polen einen Krieg mit Rußland wünschen, ist natürlich genug; wie ihn aberungerüsteteDeutschejetztbetreiben können, ist völlig unbegreiflich. Auch wissen sie dafür nicht den geringsten vernünftigen Grund anzugeben. Denn daß dereinst (bei wichtigeren Veranlassungen und in günstigerem Augenblicke) möglicherweise ein Krieg eintreten könne, ist kein vernünftiger Grund für einen jetzt unvernünftigen Beschluß. Erst bin ich Deutscher und Preuße, — und nicht polnischer Edelmann.


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