Achtundsechzigster Brief.

Achtundsechzigster Brief.

Paris, den 28. September 1848.

Bei Cavaignac, Trouvé, Lamoricière ist Abends ein Gedränge, daß man sich nicht rühren kann; bei Thiers waren gestern vier bis sechs Herren! So wechselt Gunst und Andrang nach Maßgabe von Macht und Einfluß. O der Eitelkeiten!

Den 29. September.

Wenn Sie (und ähnlicher Weise mehre Zeitungen) bemerken und rügen, daß die Erklärung im Moniteur über die Annahme des Schreibens des Reichsverwesers nicht genügend und entsprechend sei, so bin ichganz damiteinverstanden, und Annahme wie Bekanntmachung sind zwischen Hrn. Bastide und mir umständlich besprochen worden. Ich habe Das, was Sieschonendrügen,hierviel nachdrücklicher gelten zu machen versucht. Wenn ich hierüber nicht zu meiner Rechtfertigung Genaueres schrieb, so hatte dies mehre Gründe. — Als ich hier ankam, war Hr. Bastide durch gewisse Vorübungen und Vorbereitungen des Hrn. — (auf die ich nicht wieder zurückkommen mag) so gereizt, daß schon ein Schreiben entworfen war, welches den Brief des Erzherzogs und meine Annahme ganz ablehnen sollte.Mein erstes Auftreten wirkte so beruhigend, daß es bei Seite gelegt wurde. Alle Hindernisse waren allmälig beseitigt, als man in Frankfurt den Waffenstillstand verwarf. Die Actien des Reichstages und der Reichsgewalt sanken hierdurch dergestalt, daß Hr. Minister Bastide erklärte: er wolle mit einem Ministerium Dahlmann oder Hermann gar nichts zu thun haben. Ich darf ohne Eitelkeit und Hochmuth behaupten, daß in diesem Augenblicke, wo irgend ein Zeichen des Zutrauens der französischen Regierung so erwünscht war, meine dringende Vorstellungen bei dem (gegen mich persönlich so außerordentlich freundlichen) Hrn. Minister Bastide es bewirkten, daß die Annahme des Schreibens nicht ganz ins Unbestimmte hinaus verschoben ward. Jede schärfere, bruskirende Forderung über die Art der Annahme und Bekanntmachung hätte in jener Zeit derkläglichen frankfurterAnarchie nicht zu günstigeren Ergebnissen, sondern zu den unangenehmsten schriftlichen Erklärungen geführt.

Selbst dasMündlichemochte ich (res scripta manet) nicht niederschreiben und lieber unausbleiblichen Vorwürfen entgegengehen, als mit Wahrungmeiner PersonmeinVaterlandeiner strengen und leider gerechten Censur unterwerfen.Chi va piano, va sano.Ich habe den bittern Kelch einer schwierigen, diplomatischen Stellung bis auf die Hefen geleert, aber niemals die Hoffnung eines endlichen glücklichen Ausganges ganz aufgegeben. Der Vorwurf: ich habe mich schwach oder charakterlos benommen, ist für den entfernteren Beobachter sonatürlich, daß ich mich darübergar nichtbeschweren kann. Vorstehende Andeutungen und Zeugnisse des Hrn. Ministers Bastide, sowie aller vom Gange der Dinge hier unterrichteten Gesandten, würden die Überzeugung hervorrufen, daß ich mich nicht anders benehmen und (trotz des besten Willens und der reiflichsten Überlegung) in höchst ungünstigen Verhältnissen nicht mehr und nichts schneller erreichen konnte.

Zu Dem, was ich am 21. d. M. über dieitalienischen Angelegenheitenschrieb, füge ich noch Folgendes hinzu: — In einer gestrigen Audienz klagte Hr. Minister Bastide sehr, daß die erneute Blokade Venedigs den Gang der Unterhandlungen erschwere, die Aussicht auf den nothwendigen Frieden vermindere und den Österreichern zuletzt keine bessere Bedingungen verschaffe, als sie ohnedies erhalten würden. Hr. Bastide wünscht, daß die Reichsgewalt diese Ansichten theile und unterstütze. Hr. von Thom hat dies in seinem gestrigen Berichte ebenfalls gethan, gegen Hrn. Bastide aber bemerkt, daß die Blokade wahrscheinlichmit Rechtdeshalb erneut sei, weil von Ankona aus Schiffe mit Mannschaft und Kriegsmitteln in Venedig eingelaufen seien.

Hr. Bastide wünscht Beschleunigung der Vermittlung, stellt eine etwaige Gränzveränderung ganz in den Hintergrund, bezeugt aufs Feierlichste, bei einem Kriege würde kein Theil gewinnen, sondern Alleverlieren, verspricht alles Mögliche für Erhaltung des Friedens zu thun, klagt aber daß sich immer wieder neue und große Schwierigkeiten erzeugten.

Frankreich wünsche ernstlich, daß Österreich groß und mächtig bleibe, an der unteren Donau schützend auftrete und eine innige Annäherung und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich stattfinde.

Die Verzögerung der italienischen Vermittlung und die Schwierigkeit, welche Deutschlands Theilnahme findet, scheintweit mehrvonEnglandals vonFrankreichauszugehen.

Den 30. September.

Es ist merkwürdig, wie die Beschlüsse der hiesigen Nationalversammlung in Weisheit und Thorheit abwechseln, z. B. Verwerfen der steigenden Auflagen und Assignaten, Bewilligung von Ausfuhrprämien, eine Kammer statt zweier u. s. w. Lamartine hat in seiner breiten EmpfehlungeinerKammer zuletzt nichts gesagt, als: Die Gefahren des Augenblicks machten die Diktatur oder Despotie nothwendig. Mit Recht hat Odilon-Barrot dies hervorgehoben, aber mit Unrecht hinzugefügt: verfassungsgebende Verfassungenmüßten nureineKammer haben. Die englische Reformbill ward z. B. von beiden Häusern des Parlaments berathen und beschlossen, und in Frankfurt und Berlin geht es mangelhaft zu, weil die ermäßigende erste oder zweite Kammer fehlt. — Da die Wahl des zukünftigen Präsidenten der französischen Republik den allgemeinen Wahlen zugewiesen wird, hiebei aber aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit oder anderen Gründen Hunderttausende ausblieben, so wird das Ergebniß doppelt ungewiß, und ist als eine Art von Glücksspiel zu bezeichnen. Cavaignac’s dreimonatliche Herrschaft dauert Vielen schon zu lange, die da herrschen, oder Herrscher erschaffen wollen.

Den 1. October.

Deutsche Zeitungen klagen fortwährend: daß ich hier nicht mehr ausgerichtet und Frankreich sich nicht zuvorkommender benommen hätte. Die Anklagenden vergessen, daß vorzugsweise die äußerste Linke in Frankfurt den Franzosen ihre Freundschaft anbot; diese Linke aber beim General Cavaignac gerade so beliebt ist, wie die rothen Republikaner, welche er im Junius todtschießen ließ. Ferner standen den frankfurter höflichenRedensartenfeindlicheThatengegenüber; sehr natürlich also, daß die Franzosen sich durch jene nicht bestechen ließen.

Den 2. October.

Gestern fuhr ich nach St.-Cloud zu einem großen Feste. Das Schloß war geöffnet, und wir zogen mit Unzähligen durch die prächtigen, aber mit Gemälden und Zierathen überladenen Zimmer. Auch hätte ich mir nicht die Gemälde von Rubens über die Verheirathung Heinrich’s IV. mit der unangenehmen Marie von Medici (welche im Louvre hängen), als Gobelintapeten, noch einmal und immerdar vor die Augen bringen lassen. Die Springbrunnen belebten den Garten, und unzählige Menschen warteten auf den Augenblick, wo der größere Wasserfall mit vielen kleineren Springbrunnen in Thätigkeit gesetzt würde. Da kam plötzlich vom Himmel herab ein so starker Wasserfall, daß Alle die lang und sorgfältig verwahrten Plätze verließen und Schutz suchten. Doch nahm der Regen bald ein Ende, sodaß man das heitere Schauspiel ungestört ansehen konnte. Unzählige Buden bildeten einen großen Jahrmarkt; dazu Schießübungen, Glücksspiele, Schaukeln aller Art, Anstalten sich wiegen zu lassen, Marktschreier u. s. w. — hinreichende Mittel und Bestandtheile zu einem Volksfeste. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber die Franzosen scheinen mir ernster und kälter, oder doch stiller als sonst bei Volksfesten, in den Straßen, in Omnibus- und Eisenbahnwagen. An Gründen des Ernstes und vorsichtigen Schweigens fehlt es freilichauch nicht, und wenn man gezwungen ist, viel an seine eigenen Verhältnisse zu denken, ist man ein schlechter Gesellschafter.

In dieser unsichern, bewegten Zeit hilft aber das Nachdenken oft zu gar nichts: so denke ich nach, ob, wann, wie lange ich hier, oder in Frankfurt bleiben, wenn eher ich wieder in den berliner Hafen einlaufen werde? Nun ist es zwar möglich, zur Verwirklichung des Einen oder des Andern wesentlich beizutragen: wenn sich aber die gegenseitigen Gründe ungefähr das Gleichgewicht halten, kommt man zu keinem Beschlusse, und wartet bis das Übergewicht von Außen herbeigeführt wird. Man möchte sich bisweilen mit dem Fanatismus der Muhamedaner beruhigen, oder die Vorherbestimmung Calvin’s schon aus Bequemlichkeit annehmen.

Seit 20 Jahren werden Berichte über die peinliche Rechtspflege in Frankreich bekannt gemacht. Die längeren Erfahrungen erlauben schon eher Schlüsse aus gewissen Thatsachen zu ziehen. Ich theile zunächst einige der letzteren mit. Von 100 Verbrechen sind etwa 27 gegen Personen, 73 gegen das Eigenthum gerichtet. Die Zahl der Verbrechen hat seit 20 Jahren, im Verhältniß zur Volksmenge,nichtzugenommen; wohl aber habeneinzelneVerbrechen (betrügerische Bankrotte, Falschmünzerei) zugenommen, während andere sich minderten. Die Zahl der Vergehen (délits) ist mehr gestiegen, als die der Verbrechen. Es scheint, als ob die Zahl der Rückfälligen (récidivistes) zunähme, was Folge der Art der Gefängnisse, oder genauerer Voruntersuchungen sein kann. — Landschaft und Sitten haben den größten Einfluß auf die Verbrechen, so von 100 im Departement der Seine 89 gegen das Eigenthum, in Korsika 81 gegen die Personen. Auf dem platten Lande finden keineswegs weniger Verbrechen statt, als in den Städten; auch sind sie öfter von der schwersten Art und gegen Personen gerichtet. Man soll also (sagt ein Berichterstatter) Unschuld und Tugend nicht vorzugsweise auf dem Lande suchen. Von 100 Angeklagten konnten, im Jahr 1846, 52 weder lesen, noch schreiben; also ist die Zahl der nicht unterrichteten Verbrecher verhältnißmäßig viel größer. Seitdem mehre, allzuharte Strafen gemildert sind, finden weniger Lossprechungen statt, denn zuvor.

Den 3. October.

Wenn man täglich Dasselbe sieht, hört und lieset, so ist es sehr natürlich, daß man auch Dasselbe schreibt. Dies unaufhörliche, unvermeidliche Andrängen derselben Gegenstände, Ereignisse und Urtheile hat seine große, eigenthümliche Bedeutung: es ergiebt sich daraus, was die Zeit beherrscht, was man wünscht, oder fürchtet, was mit Vorliebe behandelt, was unbilligund einseitig zurückgesetzt wird. Die sittliche und politische Cholera hat ihre Zeit, wie die körperliche: Niemand soll deshalb ganz verzweifeln oder nutzlos flüchten, sondern der Gefahr muthig entgegengehen, auf Heilmittel sinnen und sie anwenden. Der schrecklichste Wahnsinn ist: die Krankheit für Gesundheit zu halten, mit ihr zu hätscheln, das Gift mit Wohlgefallen zu erzeugen und zu verbreiten. Der Schrecken über die frankfurter Gräuel hat die Frechheit der äußersten Linken nicht vermindert, und ein Frevler und Tollhäusler, wie Struve, wird von ihr zum Märtyrer gestempelt werden. Selbstaufopferung allein giebt aber keinen Anspruch auf ächtes Märtyrerthum; sie ist eine doppelte Sünde, wenn sie für eine schlechte unedle Sache frech gewagt wird.

In Berlin beschließt ein Klub: die frankfurter Meuterer hätten sich ums Vaterland verdient gemacht, und ein Mann, dem Verbrechen halber das Bürgerrecht genommen worden, der Jahre lang im Zuchthause saß, der ehemalige weggejagte Mädchenlehrer und verdorbene Conditor Karbe, wird vom Pöbel im Triumphe umhergeführt als Vertheidiger der höchsten Freiheit. Und dies geschieht in einer Stadt, welche sich rühmt, an der Spitze der geistigen Bildung zu stehen, und die besten Schulanstalten zu haben! Die Geschichte Berlins im Jahre 1848, das gerühmte Feuerwerk, ist in die dunkelste Nacht gesunken, und die Gräuel des alten Roms sind großartig und furchtbar im Vergleiche mit der Feigheit, Nichtigkeit, Albernheit und Misère, welche leider nur zu Viele an vielen Orten zeigen oder dulden. Auch meine Collegen, die Stadtverordneten, möchte man mit Siebenschläfern vergleichen, die nur von Zeit zu Zeit taktlos aufseufzen.

Wenn man dies Alles sieht und fühlt, darf man Frankreich (wie manche Deutsche es noch immer thun) nicht allein und vorzugsweise anklagen. Es fällt der hiesigen Regierung nicht ein, mit den frankfurter Meuterern zu liebäugeln, oder Struve und seine Rotte irgend zu beschützen. Sie hat sich hinsichtlich der diplomatischen Beziehungen zur Reichsgewalt nicht übereilen wollen, ist aber friedlicher gegen Deutschland gesinnt, als irgend eine französische Regierung seit dem Kardinal Richelieu. Ihr Sturz würde wahrscheinlich schlimmere und gefährlichere Verhältnisse zu unserm Vaterlande herbeiführen; — und doch, wer kann für ihre Dauer einstehen!

Man spricht und schreibt jetzt so viel davon, daß keine Regierung sich über verschiedene Völker erstrecken solle; auch hat dies den guten Sinn, daß jede Regierung den Eigenthümlichkeiten jedes einzelnen Volkes solle angepaßt werden, und die Vernachlässigung dieses Grundsatzes, Unzufriedenheit und Aufruhr erzeuge. Andererseits haben sich Regierungen thatsächlich (und zuletzt auch aus natürlichen und zureichenden Gründen) über verschiedene Völker erstreckt, von den Assyrern, Medern und Persern, bis auf England und Österreich. In der That wird aber der Grundsatz über die vereinzelte Unabhängigkeit der Völker von den heutigen Weltverbesserern einem andern untergeordnet:demder Übereinstimmung hinsichtlich gewisser Ansichten. Daher erklären Ruge und Consorten (oder Complicen) jede Vaterlandsliebe für Thorheit; das politische Glaubensbekenntniß trennt oder einigt jetzt so, wie das theologische im 17. Jahrhunderte, und Stammgenossen richten sich in wahnsinnigem Bürgerkriege zu Grunde, statt in Liebe und Treue auch in bösen Tagen miteinander auszuhalten. Deutschland, dessen wahre Staatsweisheit verlangt, sich mit der Schweiz, Holland, Schweden und Dänemark zu einem großen germanischen Bunde zu einigen, ist mit Allen (die Schuld theilt sich) in Händel gerathen, und es wird sehr viel Zeit und Mühe kosten, die wahrhaft natürlichen Verhältnisse herzustellen. Unterdessen werden die einzelnen Regierungen immer schwächer, nirgends ein Fürst von so überlegener Größe daß er für die Monarchie begeistern könnte, nirgends bei den Demokraten Achtung vor den Gesetzen, republikanische Träumereien, ohne republikanische Selbstbeherrschung und Aufopferung!

— — Wir sind aus der weinigen Gährung in die saure, ja in die faulige gerathen. Freilich ist das in Deutschland schon öfters vorgekommen (Bauernkrieg, Thomas Münzer, Bockold, Dreißigjähriger Krieg), und ich will deshalb nicht verzweifeln. Um sich aber dazu Glück zu wünschen, dazu gehört ein starker Glaube, — oder Aberglaube. Ob die Krankheit nach Ausscheidung des Giftstoffes (mag er von Metternich dem Fürsten, oder Metternich dem Aufrührer herstammen) zu verstärkter Gesundheit, zu langem, langem Siechthume, oder zum Tode führen wird, das liegt nicht mehr in der Hand des Einzelnen, — er sei König oder Demagog.

Den 4. October.

Gestern Abend beim General Cavaignac, unzählige Officiere, wenig schwarze Civilisten, noch weniger Damen; beim sardinischen Gesandten Brignole das Umgekehrte. Dieser Mann macht das angenehmste Haus, während sein König in Gefahr schwebt, auf dreifache Weise gestürzt zu werden, durch Feinde, Verbündete oder Freunde: Österreicher, Franzosen, eigene Unterthanen. Die Lösung der italienischen Frage zieht sich unglücklicherweise sehr in die Länge, wobei Palmerston (der sich jetzt auf dem Lande erholt) nicht ohne Schuld sein soll. — Ebenso zögert Preußen in unentschlossener Weise mit Ernennung zweier Männer für die provisorische Regierung in Holstein, und unterdessen begehen Dänen und Holsteiner neue Thorheiten. — Ich endlich, bin ich nicht auch in die verkehrte Welt gerathen? In den Stunden, wo ich sonst ruhig arbeitete, mache ich Besuche bei Gesandten und Nichtgesandten; Abends, wo ich sonst schon des Zubettegehens gedachte, fahre ich zierlich geputzt in die famosen Soireen; statt mich meines eigenen wohlgeordneten Hauses zu erfreuen, besehe ich Wohnungen nicht für mich, sondern für meinen künftigen, unbekannten Nachfolger; der ich am liebsten zu Hause Hausmannskost aß, muß täglich zum Restaurateur laufen und aus seiner Garküchenkarte mir mühsam meine Nahrung heraussuchen; der ich mir sonst die entferntere Bekanntschaft französischer Romane wünschte, studire sie jetzt eifrig — hauptsächlich um unbekannte neue Worte zu lernen. — Man möchte rufen:Beatus ille qui procul!Aber wo ist man denn fern von den Sorgen der Zeit, und am Ende einer Laufbahn, wo ich wissenschaftlich nichts mehr zu Stande bringen kann, darf ich es für ein Glück, oder doch für eine Schickung halten, in diese Bahn geworfen zu sein. Doch werde ich gewiß nicht lange darauf verharren, sondern bald wieder Nr. 67, Kochstraße, unterkriechen.

In unseren Tagen, wo auch das scheinbar Geheimste nach wenigen Tagen, ja Stunden zur Öffentlichkeit kommt, ist den Gesandten der meiste Stoff ihrer Berichte genommen. Seine eigene Meinung aber als gewichtig aussprechen zu wollen, läuft gegen die Gesetze der Wahrheit und der Bescheidenheit. Bisweilen fühlt man jedoch das Bedürfnis nicht sowohl einer amtlichen Berichterstattung, als einer vertraulichen Besprechung und Herzensergießung.

Der Beschluß, daß in Frankreich nureineKammer gebildet werden solle, macht eine gemäßigte und ermäßigte republikanische Regierung fast unmöglich. Die Kammer wird wahrscheinlich allmächtig oder ohnmächtig, und in beiden Fällen tritt Tyrannei abwechselnd mit Anarchie ein, welche beide sich am liebsten nach Außen hin Luft machen. Als die athenische Volksversammlung den Rath, die römische den Senat beseitigte, ging es mit republikanischen Formen und republikanischer Freiheit zu Ende. Dasselbe geschah in England während des 17. Jahrhunderts, nach Beseitigung des Königs und des Oberhauses. DieAssemblée constituante, législativeund der Convent verfehlen das vorgesteckte Ziel, 30 amerikanische Staaten halten fest an zwei Kammern und Berlin und Frankfurt haben so viele entgegengesetzte Beispiele noch nicht widerlegt.

Zwei Hauptbewerber, L. Bonaparte und Henri V., hält man hier für persönlich ungeschickt, Frankreich zu regieren. Die Hauptstütze des Letzten ist der Begriff erblicher Legitimität, welcher Vielen einGräuel oder doch nicht die Mode des Tages ist. Der Erste beruft sich auf einen Namen, von dessen Gutem oder Bösem, man weiß noch nicht was, auf ihn übergegangen ist. Könnte Einer oder der Andere die Theorien und Praktiken, auf welche sie sich beziehen, geltend machen, in wie ganzentgegengesetzteRichtungen würde dadurch Frankreich geschleudert. Wie gefährlich ist die Unsicherheit, nicht zu wissen, wer durch das allgemeine Wahlrecht mehr oder weniger, kürzer oder länger Herr von Frankreich — oder doch auf dieTagesordnunggesetzt wird. Ja wohl auf dieTagesordnung: denn ein Wahlsieg mit nur relativer Stimmenmehrheit verbürgt keine Dauer!

Uns Deutschen aber thut Ordnung und Einigkeit mehr Noth als je; denn bei aller Friedensliebe der einzelnen Regierungen könnten die obwaltenden Mißverständnisse vielfacher Art leicht und unerwartet zu einem großen Kriege führen. Daher:si vis pacem, para bellum, — jedoch so wohlfeil als möglich. Die Franzosen sind jetzt weit besser gerüstet als die Deutschen und gegen das Ausland immereinig. Würde das jetzt in Deutschland der Fall sein und nicht vielmehr zu dem fremden Kriege sich ein nichtswürdiger Bürgerkrieg gesellen, wie im 17. Jahrhunderte?

Die Reichsgewalt kann und muß mit steigender Gefahr doppelten Muth zeigen und sich von Denennicht einschüchtern lassen, welche frech auf der Bahn der frankfurter Meuterer beharren.


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