Neunundsechzigster Brief.
Paris, den 5. October 1848.
— — — Persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ist mir zeitlebens das Wünschenswertheste und Erfreulichste gewesen, und nun sollte ich mir im Alter die Eitelkeiten dieses glänzenden Gesandten-Elends dummerweise selbst umhängen, Sklaverei der Freiheit vorziehen, mit allen Menschen verkehren, nur nicht mit meinen Freunden, statt in deutscher Zunge zu reden, in fremder radebrechen, wachen, wenn ich schlafen möchte, Steine des Sisyphus wälzen, tantalisch Wasser schöpfen, mich über Dinge belehren und zurechtweisen lassen, die ich zuletzt besser verstehe, nichts mehr lesen als Zeitungen, keine Geschäfte betreiben, als die des letzten Tages, oder der letzten Stunde u. s. w. u. s. w.
Ich bin hieher gegangen, weil ich es für Pflicht hielt, das unerwartet Dargebotene nicht zurückweisen, weil ich hoffte, meinem Vaterlande in diesem Augenblicke nützlich zu werden. Einmal Kohlen aus dem Feuer holen; — gut! — Immer Stroh dreschen! — Nein! Ich kenne die steten Klagelieder der Gesandten aus zahllosen Depeschen; ich will in diesem Chore keine obligate Stimme übernehmen. Ich werde aber auch nicht davonlaufen, bevor das angefangene Stück ausgespielt hat. — Schon einmal wollte ich (ich denke mit Ehren) davongehen, und so hoffe ich, wird sich ein zweites Mal der rechte Augenblick ergreifen lassen. — Das Alles unter uns: denn ich möchte nicht, daß daraus eine Klatschgeschichte, von thörichtem Hochmuthe oder falscher Demuth zusammengedrechselt würde.
Den 6. October.
Ganz Deutschland muß künftig dem Auslande gegenüber in einer andern und kräftigern Weise vertreten werden. Nur scheinbar verlieren die einzelnen kleinen Staaten; auf dem politischen Boden waren ihre Gesandten bloße Nullen, gebraucht zum Klatschen und Nacherzählen. Wer sich aber einmal an dieses angeblich wichtige, in Wahrheit nichtige Leben gewöhnt hat, kann darohne nicht leben, findet die Arbeit ächter Geschäftsmänner langweilig und bildet sich ein, derlei persönliche Ansichten und Wünsche hätten sachlichen, festen Boden. Pfiffiger sind die fremden Minister auswärtiger Angelegenheiten: sie vertheidigen derlei diplomatischen Krimskrams und Tand, stellen sich auf den sogenannten Rechtsboden der Gegenwart, preisen die (von Napoleon umgehangene) Theatersouverainetät jedes deutschen kleinen Fürsten, wünschen die fortdauernde Zerstückelung Deutschlands, ohne den Werth derrechtenMannigfaltigkeit zu begreifen, und fürchten über Alles, daß ein Volk von 45 Millionen Menschen einmal einstimmig denken und handeln könne.
Den 7. October.
Ich fragte einen französischen Abgeordneten: glauben Sie denn, daß Frankreich durcheineKammer und einen vom Volke erwählten Präsidenten kann regiert werden? — Antwort: Nein! — Wird nicht die Kammer, oder der Präsident, allmächtig oder ohnmächtig werden? — Antwort: Ja! — Wie kommt es aber, daß sich nun so große Stimmenmehrheit für jene Einrichtung ausgesprochen hat? — Weil von 900 Abgeordneten wenigstens 700 ganz und gar nichts von der Sache verstehen.
Soeben ist erschienen: „Jerome Paturot à la recherche de la meilleure des républiques par Reybaud“, gleich der (schon von mir erwähnten) ersten Hälfte, ein anziehendes, lehrreiches, vortreffliches Buch, das man ins Deutsche übersetzen und verbreiten sollte. Alle französischen (und deutschen) Irrthümer, Thorheiten, Lächerlichkeiten, Verbrechen desletztenJahres sind so geistreich und schlagend entwickelt und dargestellt, wie die derfrüherenJahre, in jener ersten Hälfte. Ich gebe einige kleine Proben. — „Die Erfinder neuer Thorheiten (sagt der Verfasser) haben einen so überschwänglichen Glauben, daß sie kein Mißlingen stört, daß sie außerhalb ihrer Meinungen nichts anerkennen, und Alles, was entgegentritt, rücksichtslos verdammen. — Meinungen sind meist Gewohnheiten, man nimmt sie an, ohne nähere Prüfung. — — Die Organisation der Arbeit ist (mit anderen Worten) die Organisation der Sorglosigkeit und Faulheit. — Es ist leicht, das Volk durch unzählige, wohlklingende Redensarten über seine Leiden aufzubringen und in den Gemüthern Zorn und Galle anzuhäufen. Es ist leicht, in der Ungleichheit menschlicher Verhältnisse einen Text zu finden für stete Deklamationen, und Grundlagen zu einem furchtbaren Aufruhr gegen Reichthum und Größe. Alles dies ist leicht, besonders für kräftige und leidenschaftliche Schriftsteller: — schwer aber ist es (wie man jetzt sieht), die aufgeregten Wogen zu beruhigen und die tiefen Wunden zu heilen. — Das viel besprochene Recht auf Arbeit ist eine Thorheit, oder eine Lüge. — Sonst fiel es Niemand ein, Arbeit und Almosen zu vermischen und zu verwechseln, Almosen mit dem Scheine einer (nutzlosen) Arbeit zu bedecken. Es ist ein furchtbares Spiel, auf den Grund eines bloßen Traumes, das gesammte Wesen der Arbeit, ihre natürlicheBewegung, ihren Werth für die Menge in Unordnung zu bringen. — Es ist eine schwere Verantwortlichkeit, das Daseiende umzustürzen, Gewohnheiten zu erschüttern und Gefühle zu beunruhigen, lediglich in der Aussicht auf gewisse Combinationen, welche weder Bestandtheile der Ordnung, noch Bürgschaft der Dauer in sich schließen. — In den meisten Klubs war Alles höchst mittelmäßig: kein Talent, keine Idee; Ungeheuerlichkeiten ohne Ende, Aermlichkeiten in Ueberzahl. Alle Gemeinplätze, welche seit einem halben Jahrhunderte die Bücher füllten, fanden jetzt ihre Stelle auf der Rednerbühne. Statt der Einfachheit und des gesunden Verstandes lauter Sophismen, leere Übertreibungen. Weder Natur, noch wahre Begeisterung, sondern ein Gemisch von Trivialitäten und Aufgeblasenheiten.“ — So viel Paturot für heute, vielleicht ein andermal noch einige Proben.
Die wichtigste Frage des Tages ist die, über die Wahl und Stellung des künftigen Präsidenten der französischen Republik. Eine Partei will gar keinen, irgend unabhängigen Präsidenten; denn das führe nur zu Gegensätzen, Streitigkeiten, Siegen oder Niederlagen. Die allein souveraine Nationalversammlung ernenne nach Belieben einen Bureauchef, mit allerhand Ministern oder Räthen. Sie entlasseAlle, sobald sie ihr nicht mehr behagten! Nur auf diesem Wege herrsche zwischen der Versammlung und ihrenBeamten immerdar die größte Einigkeit, es zeige sich eine stets unbestrittene Allmacht. — Offenbar ist dies ein System des Despotismus und einer aller Haltung und Festigkeit ermangelnden Beweglichkeit. Folgerecht müßten alsdann auch die Wähler jeden Tag die Nationalversammlung umgestalten dürfen. — Die zweite Partei will den Präsidenten durch die Nationalversammlung wählen lassen; denn diese habe hiezu ein unläugbares Recht und die größte Geschicklichkeit. Nur auf diesem Wege würde Einigkeit zwischen der Nationalversammlung und dem Präsidenten möglich sein. — Die Nationalversammlung (wendet man ein) hat zu einer solchen Wahl kein Recht, und der Präsident wird von ihr allzu abhängig. Aus einer geringen Mehrheit hervorgegangen, fehlt ihm ohnehin das nöthige Ansehen; oder wenn eine andere Ansicht die Oberhand gewinnt, müßte er und die Minderzahl eigentlich herrschen. — Der Präsident (sagt die dritte Partei) muß durch das ganze Volk gewählt werden; dann sind Alle zufrieden, und er hat (der Nationalversammlung gegenüber) die nöthige Macht und Unabhängigkeit. Auf diesem Wege ist jede Wahl unantastbar, erfreut sich allgemeinen Beifalls, und erhebt den geehrtesten und beliebtesten Mann. — Für diese Ansicht hat Lamartine eine lange Rede gehalten, die man sehr bewundert; während ich darin nur ein verirrtes Hin- und Herreden finde, und einenneuen Beweis, daß Lamartine gar kein Staatsmann ersten Ranges ist. — Er sagt z. B.: er wolle alle wissenschaftlichen und geschichtlichen Gründe und Betrachtungen bei Seite setzen; was mir als ein sehr thörichtes Verfahren erscheint. — Die Beliebtheit (popularité) spricht er weiter, ist die ganze Macht (le pouvoir tout entier); und doch hat er selbst erfahren, daß sie bei ihm nicht hingereicht hat, drei Monate zu regieren, da war ihm bereits alle Macht entschlüpft. Bei einer Wahl des Präsidenten durch das Volk werde wenigstenser,oderdie Nationalversammlung beliebt, und nicht beide gleichzeitig verbraucht sein. — (In diesem Gegensatze könnte man vielmehr eine Gefahr oder einen kläglichen Trost sehen.) — Es sei thöricht und lächerlich, zu glauben und zu fürchten, daß es einem ältern oder jüngern Bourboniden, oder einem Bonapartiden eingefallen sei, oder einfallen werde, nach Einfluß, Gewalt und Herstellung zu streben. Der einfache, gesunde Menschenverstand erkläre dies für unmöglich. — Es ist unbegreiflich, wie man gegen die Natur der Dinge und unzählige Thatsachen derlei leere Rederei anmaßlich hinstellen oder bewundern, und obenein wenige Zeilen später sogleich hinzusetzen kann: „wir befinden uns (in Beziehung auf die aus dem Stegreife erschaffene Republik) in der peinlichsten, traurigsten, gefährlichsten Lage. Die ersten Tage, die ersten Monate der Begeisterung, der Hoffnung, des Beifalls, der allgemeinen Zustimmung, haben sich in einem großen Theile Frankreichs verwandelt in Zweifel, Mißtrauen, Unglauben und Abfall von der Republik. — Aber der neue Präsident wird sein das Haupt, der Vermittler, der Anordner republikanischer Institutionen; er wird beschützen dein Eigenthum, deine Familie, deine Kinder! Wiederum hat er zwar keinen Antheil an der Souverainetät, aber er wird sich täglich stärken und erfrischen in der einzigen Quelle der wahren Macht, dem Gewissen der Bürger. Der Würfel ist gefallen! Ueberlassen wir etwas der Vorsehung! Möge sie das Volk aufklären. Was aber auch geschehe; es wird schön sein in der Geschichte, daß wir die Republik gedacht, ausgesprochen, in vier Monaten entworfen haben; dieselbe Republik der Begeisterung, der Mäßigung, der Brüderlichkeit, des Friedens, des Schutzes für Geselligkeit, Eigenthum, Religion, Familie; — diese Republik Washington’s!!“ — — Solch verwirrtes, thörichtes Wischi-Waschi gilt für Beredtsamkeit und Staatsweisheit!!!
Den 8. October.
Nur eins weiß man über die Zukunft Frankreichs mit Gewißheit, nämlich, daß sie völlig unbekannt und ungewiß ist. Denn wenn auch die Nationalversammlung höchst wahrscheinlich für die Wahl eines Präsidenten durch das ganze Volk (ohne Abstufung) entscheiden wird, so steht doch gar nicht fest, wer die Mehrheit der Stimmen erhalten, und ob man sich dieser (vielleicht nur geringen) Mehrheit ruhig unterwerfen wird. Viele Legitimisten haben nichts gegen L. Bonaparte: denn er müsse erst völlig abgethan und verbraucht sein, bevor ihr Bewerber mit sicherem Erfolge an die Reihe komme. — Eine angenehme Aussicht auf mannigfaltige Umwälzungen!! — Die Hoffnung: man könne durch irgend eine förmliche Bestimmung der Verfassungsurkunde alle Wünsche unterwerfen und vereinigen, alle Ansprüche beseitigen, alle Leidenschaften bändigen, — ist durchaus täuschend. Nach so vielem Wechsel von Regierungsformen und regierenden Personen hält man jede neue Veränderung für leicht und erlaubt; ehe etwas Wurzel gefaßt hat, wird es ausgerissen und weggeworfen. Die Forderung: daß zwischen der Nationalversammlung und dem Präsidenten steter Friede sein soll, lautet gar schön, wird aber den ewigen Frieden nicht so mühelos herbeiführen, wie Lamartine und ähnliche Phantasten sich einbilden. Wer da, in der etwa ausbrechenden Fehde obsiegen wird, hängt zuletzt (wie die Erfahrung gezeigt hat) weit weniger von buchstäblichen Vorschriften und ängstlichen Auslegungen, als von den Personen ab, von ihrem Muthe und ihrer Kraft. Das beweisen z. B. der18. Fructidor und der 18. Brumaire. — Wenn man die ganze Verfassungsurkunde ins Feuer wirft, so kommt gar nichts mehr darauf an, was in einem einzelnen Absatze steht. — Doch genug für heute von den Krankheiten Frankreichs. Stände es nur daheim besser! Ist es nicht ein Jammer, daß die Reichsminister der preußischen Regierung sagen und sagen müssen, sie möchten Preßfreiheit und Klubs zügeln, und daß sie dennoch nicht den Muth und die Geschicklichkeit haben, es zu thun! — — — —