Achtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 13. Julius 1848.
Der Himmel hellte sich gestern gegen Abend auf, sodaß die Erleuchtung der Stadt nicht durch Regen gestört ward. In den Hauptstraßen war kaum ein Haus unerleuchtet; sehr wenige Fenster zeigten nur 2–4 Lichter oder Lampen, viele 6–8, noch mehr 12 Lichter, oder ununterbrochene Reihen. Die Wache, einige Kirchen, Brunnen und Thore, der Römer und einzelne Privathäuser glänzten in heiterer Pracht. Hiezu ein solch Gedränge der Menschen, als wäre man in Paris, oder London. Auch hatte die ganze Nachbarschaft ihren Beitrag geliefert, und alle Gasthöfe waren so überfüllt, daß die unzähligen Fremden kaum ein Unterkommen fanden. Allgemeine Heiterkeit und Zufriedenheit, welche auchich theilte. Und doch erschien mir Alles wie ein Traum, und ich konnte mir den Hergang und die lange Stufenfolge der Ereignisse, kaum im Gedächtnisse, bis zu dem letzten Augenblicke vergegenwärtigen: — von dem ersten Gedanken eines deutschen Volksreichstags, bis zur Einführung eines, durch denselben erwählten, Reichsverwesers. Selbst den Kühnern, schien jener Gedanke, dem bestehenden Bundestageder Fürsten gegenüber, für unausführbar; und nun hat gestern der Reichsverweser der letzten Sitzung des Bundestages beigewohnt, und der österreichische Bundestagsdirektorialgesandte Herr v. Schmerling, hat das vom Volksreichstage ausgesprochene Todesurtheil, er hat diesen Wechsel (auf Selbstvernichtung ausgestellt) — bestens acceptirt, und alle Mitglieder sind ohne Sang und Klang, und Leichenfeier ruhig nach Hause gegangen, um als eine Art von Departementsräthe beim Reichsverweser und dessen Ministerium wieder zu erstehen, oder fort zu vegetiren. — Und das Alles wäre kein Traum? Nicht wunderbarer und unglaublicher, als die meisten Träume?
Welche Stufen des Schauspiels in dieser politischen Laterna magica! Unbeschränkter Absolutismus, zum letzten Male angebetet von der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin; bis zu dem Götzendienste mit Hecker und Struve!Das Unterste zu oberst gekehrt in wenig Wochen, und alles Mittlere so betäubt und verblüfft, daß nur Wenige den Versuch wagen, sich wieder auf ihre eigenen Beine zu stellen.
Erst: keine Centralgewalt; dann eine Centralgewalt gebildet ausdreivon den Regierungen ernannten Häuptern; —einHaupt von ihnen ernannt, vorgeschlagen oder bezeichnet. —Nichtvon ihnen ernannt, vorgeschlagen, oder bezeichnet. — Erwählt im Vertrauen, oder der Voraussetzung ihrer Zustimmung, ihres Beifalls.Nichtsvon Vertrauen, Voraussetzungen, Zustimmung, oder Beifall; sondern völlig unabhängige Wahl durch den Volksreichstag! — Nach solchem Aufgeben aller irgend festen Stellungen, oder nach dem Herausjagen aus denselben, nach solchen Niederlagen der Regierungen, der einzelnen Staaten, des alten Monarchismus; die unerwartete siegreiche Wahl eines Reichsverwesers aus dem alten Kaiserhause, und daneben Hrn. v. Itzstein fast nur als Bajazzo genannt, oder aufgenommen.
Oft erschienen die Berathungen langsam und langweilig; spätere Zeiten (wo die Dinge sich perspektivisch zusammendrängen) werden finden, daß wir imSturme vorgeschrittensind. Wiederum haben wir noch nicht einmal den Anfang des Endes erreicht: denn die Sphinx giebt unerschöpflich neue Räthsel auf, undeinÖdipus reicht nichthin sie alle zu lösen. Wenn der Landtag in Berlin doch wenigstens hiebei zu Hülfe käme; sein babylonisches Kauderwelsch stört und verwirrt aber nur die hiesigen Lösungsversuche, und arbeitet Denen in die Hände, welche Preußen mediatisiren, und ihm seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft rauben möchten.
In den letzten Wochen haben sich allerdings die Verhältnisse in mancher Beziehung gebessert, und die Macht der Anarchisten hat abgenommen; aber sie ist noch keineswegs gebrochen, und eine große, unthätige Masse wird von einer kleinern, aber thätig bewegten, leicht überflügelt. Wo stände Preußen, wenn die Machthaber ihre Zeit verstanden und nicht jeden günstigen Zeitpunkt versäumt hätten; ganz Deutschland würde sie anbeten, während jetzt wohlgesinnte Preußen sich fast freuenmüssen, daß ein Erzherzog von Österreich an die Spitze ihres großen, deutschen Vaterlandes gestellt ist!! — Welch ein unseliges Zögern bis zum 18. März! Und gleich nachher der Traum, wie aus Tausend und einer Nacht, von einem glanzreichen deutschen Königthume. Dann, nachdem man darüber ungerecht und grausam geschmäht, eine matte Erläuterung, — — —; — endlich seitdem tiefe Stille, kein Wort des Muthes, der Theilnahme, der Begeisterung; — —; König undKönigthum leider immer mehr sich zurückziehend; Freude an unbedeutenden Kleinigkeiten als Hülfsmitteln für eine rückläufige Bewegung, Zorn ohne Wirkung über das Unvermeidliche! Besser als diese stete Qual, im Ardennerwalde (wie es euch gefällt) ein phantastisch-poetisches Leben führen.
Man schilt hier: daß der Graf Brandenburg in Breslau nur von der Einigkeit Preußens und Österreichs sprach, Deutschland aber gar nicht nannte, und Reichstag und Reichstagsabgeordnete (diese Geburtshelfer des Reichsverwesers) gleichsam als nicht vorhanden betrachtete. Der Erzherzog berichtigte auf der Stelle diesen Mangel. Man schilt, daß kein preußischer Prinz sich, etwa nach Halle, bemühte, um den Erzherzog zu begrüßen; während alle andere deutsche Fürsten sich überboten, im Bezeigen ihrer Theilnahme, ihrer Zustimmung und ihrer Hoffnungen. War es in Potsdam Lässigkeit, Versäumniß des rechten Augenblicks, üble Laune, Vorsatz oder was sonst? Während — —, werden die hiesigen preußischen Abgeordneten bitter getadelt, daß sie (von Allen verlassen, ringsum mit Recht oder Unrecht angegriffen) das Preußenthum nicht auf ihren schwachen Schultern zum Himmel emporhoben!
In der heutigen Sitzung ward verhandelt vonAnsiedlung, Bürgerrecht, Zünften, Handelsfreiheit, Armenpflege u. s. w., — verständig und unverständig, lehrreich und trivial, in bunter Abwechslung.
Den 14. Julius.
Daß die Aufführung des Cäsar im Ganzen gelungen, freut mich sehr; ein Glück, wenn Kunst und Wissenschaft einmal aus dem Meere politischen Raisonnirens und Deraisonnirens auftaucht.
Wenn in der hiesigen Reichsversammlung täglich 10, wöchentlich 40 reden, so käme die Reihe zu sprechen binnen etwa 4 Monaten nur einmal an jeden Einzelnen. Ich habe also trotz des Scheins der Faulheit bereits bis zum November mein Pensum abgethan, mit einer Rede und drei Berichtserstattungen. In der That ist aber die Arbeit in den Ausschüssen nützlicher, als das viele Gerede in der Hauptversammlung. Eitelkeit treibt hier sehr Viele auf die Rednerbühne, und die Stichwörter von Volksrechten, Volkssouverainetät, Fürstenknechtschaft, Revolutionsboden u. s. w., werden, zur Langenweile der Vernünftigen, und zur theilnehmenden Bewunderung der Galerien, noch immer armsdick hervorgesprudelt. Ein Begeisterter, welcher, sowie er die Rednerbühne besteigt, Arm, Hand und Zeigefinger, so steif und weit als irgend möglich, gegen die Versammlung ausstreckt, hat dafür die Würde einesReichsobermeilenzeigeraufsehers erhalten. — Da man aus den ersten Perioden in der Regel ganz richtig auf die Länge und Langeweile einer Rede schließen kann, so weiß man in der Regel, wenn es Zeit ist das Frühstück zu sich zu nehmen.