Achtzehnter Brief.

Achtzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Junius 1848.

Ich freue mich jetzt auf den Sonntag, wie ein schwer belasteter Tagelöhner, und danke dem Himmel, daß der Vorschlag, auch an diesem Tage Sitzung zu halten, verworfen ward. Gestern dauerte diese von 9–3 Uhr, hierauf Ausschuß von 6–8, endlich im Weidenbusche (nach eiligem Abendbrote) Berathung von ½9–10 Uhr, Summa 9½ Stunde Berathungen, und in den kurzen Zwischenzeiten die Pflicht gar vielerlei zu lesen und zu hören.

Von der gestrigen Sitzung berichtete ich schon; im Ausschusse wurden deutsche und wälsche Abgeordnete Tirols, sowie Österreicher, gehört (davon künftig); zur Versammlung im Weidenbusch mußte ich diesmal, meiner Pflicht halber, hingehen. Ich setzte nämlich (gleich den Meisten) voraus: Hr. von Gagern werde seinenuntrennlichenVorschlagungetrenntzur Abstimmung bringen; das heißt: a) Wahl einesFürsten, b) durch dieVersammlung. Denn wenn das letzte mit Stimmenmehrheit angenommen, das erste aber verworfen würde, so hätte man sich auf einen Weg verlocken lassen, den sehr Viele gar nicht betreten wollen. Nun will aber Hr.v. Gagern über seinen, spät eingebrachten Vorschlag, gar nicht abstimmen lassen; sodaß seine Rede nur die Wirkung haben dürfte, Manchen für die Wahl durch die Versammlung zu stimmen, ohne jene erste wichtige Hälfte irgend zu berücksichtigen. Hiedurch ward es doppelt nothwendig, sich über die bevorstehende Fragestellung zu einigen und den Forderungen der Linken, die des Centrums und der Rechten gegenüber zu stellen. Dies ist geschehen; der Ausfall der Abstimmung aber noch gar nicht mit Sicherheit vorherzusehen. Der Ausschuß hat seine frühern Vorschläge wesentlich verändert, und Viele hoffen auf ihre Annahme (weil sie die Theilnahme der Regierungen nicht ganz ausschließen), während die Linke die Entscheidung allein in die Hand der Versammlung legen, und die völlige Auflösung des Bundestages sogleich beschließen will. In so weit als dessen früherer Wirkungskreis durch die neuen Gesetze aufgehoben wird, nimmt er gewiß ein Ende; es ist aber gar viel nachzuweisen, zu überweisen, Rechnung abzulegen u. s. w.; auch wird der künftige Präsident, oder Reichsverweser und seine Minister immer Personen bedürfen, durch welche er sich mit den einzelnen Staaten in Verbindung setzt und auf sie wirkt. Jeden Falls ist dies nur möglich, wenn der unbekannteEine(der Vorschlag 3 an die Spitze zu stellen wird schwerlich durchgehen) wirklich das allgemeine Vertrauen genießt, wenn er zur Weisheit, Mäßigung gesellt, und die Einigkeit Deutschlands mehr ist als ein leeres Wort. Übel blieb es, daß man sich immer inabstractoüber dieEinsund dieDreistritt, über diese unbenannten Zahlen und bloßenQuantitäten; während noch mehr auf dieQualitätenankommt, und jene Zahlen erst durch scharfe Benennung und Bezeichnung die rechte Bedeutung und das rechte Gewicht erlangen können. Aber selbst durch diese Bezeichnung der Person und ihres Wirkungskreises sind die Schwierigkeiten nicht gehoben, welche sich Jahrhunderte lang durch die deutsche Geschichte hindurchziehen, über das Verhältniß der Kaisergewalt zur Fürstengewalt, und des Reiches zu den einzelnen Staaten. Daseine deutscheHeer z. B., welches mehr oder weniger vom Reichsstatthalter abhängen soll, wird immerzu gleicher Zeitein preußisches, österreichisches u. s. w. bleiben; und ein Befehl von Frankfurt aus schwerlich überall raschen Gehorsam finden, sofern er nicht mit Dem übereinstimmt, was man in Wien, Berlin, München u. s. w. will. Hättehierdie Versammlung (ihre Befugniß überschreitend) sich noch mehr Kriege auf den Hals geladen; soll der Ungehorsam für Hochverrath an Deutschland gelten? So hat schon der einseitige Beschluß, Schleswig in den deutschen Bund aufzunehmen, die übelsten Folgen gehabt; und man war unfolgerecht drauf und dran, in thörichter Begeisterung ganz Posen umgekehrt den Polen zu opfern. Doch, ich will nicht blos verneinen; manmußauf dieser Bahn mit Hindernissen vorwärts, man kann das unglückliche Provisorische jetzt nicht mehr ganz vermeiden, man wird durch Feststellung der Volksrechte einenlöblichenGrund zu einerneuen,wichtigenEntwickelung legen. Welche Anarchie, oder Despotie uns auch noch bevorstehen mag; gewissegroßeWahrheiten und Grundsätze lassen sich (wenn sie einmal mächtig in die Weltgeschichte eingetreten sind), auf die Dauer nicht wieder ausrotten. Von solchenpolitischenGrundsätzen war beim Sinken des römischen Reiches nicht die Rede, und dogmatische Spitzfindigkeiten konnten ihren Mangel nicht ersetzen. Darum fehlt es der Behauptung an zureichenden und nothwendigen Gründen und Beweisen: wir gingen unausbleiblich einer byzantischen Auflösung entgegen. Geschieht es dennoch, so ist es Schuld der Einzelnen und der Völker; die natürlichen Verhältnisse stellen eine solche Krankheitsgeschichte und einen solchen Tod noch nicht alsunausweichlichvor Augen.

Den 26. Junius.

Gestern waren zwei Versammlungen der Rechten und des Centrums im Sarazin’schen Hause und imWeidenbusche, um sich über den hinsichtlich der vollziehenden Gewalt einzuschlagenden Weg zu berathen. Dort fast lauter Preußen, hier Abgeordnete aus allen Theilen Deutschlands. Besonders in der letzten zeigte sich wieder ein großer Mangel an parlamentarischer Zucht, und wie die angeblich Gleichgesinnten eben nicht gleich gesinnt sind, es sei aus Mangel an Muth oder an Einsicht. Während sich die Linke und das linke Centrum klüglich zueinemZwecke geeinigt haben und kleinere Verschiedenheiten fallen ließen, fanden sich in dieser Beziehungin unseren Versammlungen die größten Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten. Ich gebe Beispiele: Man muß bei der Mangelhaftigkeit der bisherigen Beschlüsse und der vorgelegten Fragstellung, neue zweckmäßige Anträge machen (Tellkampf). — Man muß an den bisher vertheidigten Grundsätzen für wesentliche Theilnahme der Regierungen bei Ernennung der vollziehenden Gewalt festhalten, und sich selbst um so weniger aufgeben, da Herr von Gagern für die alleinige Wahl durch die Versammlung, keine neuen Gründe beigebracht hat, und eine solche auch keineswegs überall in Deutschland Beifall finden würde (Radowitz, Vincke). — Es genügt zu sagen: die Versammlung wählt, unterVoraussetzungder Beistimmung aller Regierungen (Beckerath). — Sie wählt imVertrauenauf eine solche Beistimmung (Duncker). —Hrn. von Gagern’s Rede hat so viel Eindruck gemacht, daß es vergeblich ist, sich für eine Theilnahme der Regierungen auszusprechen. Man muß ein Princip aufgeben um der guten Sache willen, um eine große Mehrzahl für den zu fassenden Beschluß zu erhalten, und dadurch eine willige Anerkenntniß und kräftige Wirksamkeit für die neu zu schaffende Gewalt herbeizuführen (Saucken, Simson) u. s. w. u. s. w.

Ich that auch einmal (ausnahmsweise) den Mund auf, und mag im Wesentlichen Folgendes gesagt haben: Herr Tellkampf’s Antrag dürfte an sich der beste sein, da er aber den gefaßten Beschlüssen widerspricht, würde er gewiß, nach fruchtlosem Streite, verworfen werden. Doch kann ich nicht unbemerkt lassen, daß die Art und Weise, wie man die Redner gewisser Parteien wählen ließ undalleinihnen das Wort verstattete, ganz unparlamentarisch ist, und gutentheils die jetzige üble Lage herbeigeführt hat. (Siehe was ich hierüber bereits früher schrieb.) — Die Besserungsvorschläge der Herren Beckerath und Duncker sind ganz ungenügend und bloße Worte. Denn die äußerste Linke wird sehr gernvoraussetzenoder dasVertrauen haben, daß die Regierungen sich ihren Vorschlägen und Wahlenunterwerfen. Jene Fassung läßt den Regierungen gar keinRechtder Bestätigung oder Verwerfung. Früher schlug derAusschußvor, die Regierungen sollten bezeichnen oderwählen, und die Versammlung bestätigen. Will man jetzt dieReihenfolge umkehren, so muß den Regierungen das Bestätigungsrecht bleiben. Will man sich (lang vertheidigte Ansichten aufgebend) den Vorschlägen des Hrn. von Gagern unterwerfen; nun so muß man sie wenigstens nicht halbiren, und sich dadurch eine vollständige Niederlage zuziehen. Will man die Wahlalleinder Versammlung zugestehen, so soll vorher und als Ausgleichung, Gagern’s zweiter Vorschlag von den Gegnern ebenfalls angenommen werden: nämlich, daß die Wahl auf einenFürstenund nicht auf einenPrivatmannfallen müsse. Praktisch mögen die Formen unbedeutend sein: denn Versammlung und Regierungen können unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Mann wählen oder vorschlagen, der nicht der allgemeinsten Achtung genösse. Wie aber, wenn dieser (etwa der Erzherzog Johann), der lästigen Bedingungen halber, ablehnte; wenn dies ein Zweiter, ein Dritter thäte, so könnte (beim Mangel aller gesetzlich regelnden Bestimmungen) Hr. Blum oder Hr. Zitz zum Reichsverweser erwählt werden. Man sagt: um ein gutes Ziel zu erreichen, muß man das Geringere, ein Princip, aufgeben. Ist dies falsch, so versteht es sich von selbst, daß eigensinnige Aufrechthaltung desselben nichts taugt; ist es aber richtig, so kann dessen Vertheidigung der guten Sache nichts schaden. Nur eine schlechte Sacheverträgt sich nicht mit einem wahren Grundsatze. Auch handelt es sich gar nicht um einen einzelnen Fall, um eine einzelne, sogenannte gute Sache, sondern um einen folgereichen, allgemeinen Grundsatz. Eine starke Minderzahl für denselben wirkt heilsamer, als eine durch schwächliche Nachgiebigkeit erkaufte große Mehrzahl, hinter welcher sich Irrthümer und die künftigen bösen Folgen nur zu leicht verbergen. Geben wir zu: daßeine Kammerüberall ausreiche, daß sieallmächtigsei, daß neben ihr in Deutschlandgar keine gesetzlicheGewalt mehr bestehe, daßalleRegierungen sich ihrunbedingtunterwerfen müssen; so ist es unnütz und thöricht, über irgend einen einzelnen Punkt noch mit der Linken zu streiten. Sie hat obgesiegt, und wird unsausallen unhaltbar gewordenen Stellungen vertreiben.

So ungefähr mein Stoßseufzer. Ich verließ, des Lärmens müde, die Versammlung im Weidenbusche vor dem Schlusse; hoffe jedoch, die größere Zahl wird sich dafür geeinigt haben: die Wahlmüsseauf einen Fürsten fallen und die Bestätigung der Regierungen eingeholt werden. Darohne mag der Reichsverweser viel befehlen, aber er wird wenig Gehorsam finden, und seiner Stellung bald überdrüssig werden. Man hätte die Zeit der weitläufigen Verhandlungen über ein kurzes Provisorium lieber auf die eilige Entwerfung der Verfassung wenden, und wo möglich ein Definitivum zu Stande bringen sollen.

Es mag wahr sein, daß die Regierungen lieber bestätigen, als vorschlagen, um dadurch bevorstehenden Vorwürfen leichter zu entgehen; ja manche sagen: wählt nach den Wünschen der Linken, um diese zu beruhigen. Wird denn aber der Erwählte nebst seinen Gehülfen wirklich in Ruhe verbleiben? Wird nicht der Lärm, nebst den Uebergriffen, in höherem Wirkungskreise noch weit gefährlicher? Und zeigen nicht abschreckende Erfahrungen, daß erwählte Parteihäupter schnell Anhang und Einfluß verlieren, und denen Platz machen müssen, die sie wild überbieten? Uebergeben Einzelne nicht schon jetzt der Versammlung Vorschläge, alle Fürsten wegzujagen; das heißt, einen unabsehlichen, entsetzlichen Bürgerkrieg zu beginnen? Bei dem Systeme, überall feige Concessionen, Zugeständnisse zu machen, wird es auchdahinkommen, und bei einer Volksversammlung in Höchst haben Einzelne gestern gesagt: wenn die Reichsversammlung in der Paulskirche heute nicht so stimme, wie man es fordere, werde sie gar nicht mehr stimmen. Einem hierüber Erschrockenen und Furchtsamen entgegnete ich: es sei noch gar nicht davon die Rede, auf curulischen Stühlen zu sterben, sondern etwa Eindringende hinauszuwerfen und sie ledergar zu prügeln. Dazu seien 600unverletzlicheReichstagsabgeordnete stark genug; — die höchst entschlossene, muthige Bürgerschaft Frankfurts ungerechnet. So, um Muth zu machen!

Ich komme aus der Vormittagssitzung (9–2 Uhr), welche recht deutlich zeigte, wie üble Folgen scheinbar unbestrittene, aber verkehrte Beschlüsse haben. Die Art, wie man Vielen das Wort versagte, und nur einer willkürlichen Zahl von Parteimännern das Recht zu sprechen gab,schienübermäßige Weitläufigkeiten abzuschneiden und rasch zum Ziele zu führen. Aber esschiennur so; und es traten seitdem allmälig alle die Uebelstände ein, welche ich vielen Abgeordneten — vergebens — weissagte, und die ich in meinem Schreiben an den Präsidenten wenigstens zum Theil bezeichnete. Viele Punkte wurden nämlich gar nicht oder einseitig erörtert, und nachdem man darüber zur Besinnung kam, wuchsen Einwendungen hervor, welche (seitdem man sich einmal auf einen falschen Weg begeben hatte) keine gute Statt finden konnten. Heute kamen also (gegen meinen Rath) von einigen Gliedern der rechten Seite Verbesserungsvorschläge (Amendements) zum Vorschein, denen die Linke, wie vorherzusehen, mit der Einrede entgegentrat: daß dies, zufolge der Geschäftsordnung, nach dem Schlusse der Berathung, nicht mehr erlaubt sei. Man erwiderte: ein solcher Schluß sei noch nicht vorhanden, und nacheinerAbweichung von der Geschäftsordnung sei esnatürlich und nothwendig, derenmehrezu gestatten. Meine Behauptung: die Linke werde, wenn man sich auf diesen Boden begebe, Stimmen gewinnen und obsiegen, bestätigte sich so sehr, daß selbst Radowitz und Vincke ihren Einwendungen beistimmten!!! So die Einigkeit und Weisheit der Antirevolutionairen!! — Hiezu kam der innere Mangel der Verbesserungsvorschläge selbst. So schlugen Hr. Bassermann und von Auerswald vor: „Die provisorische Centralgewalt wird einemnicht regierendenMitgliede eines deutschen Regentenhauses als Reichsverweser übertragen. Die Nationalversammlung wählt denselben imVertrauenauf die Zustimmung der deutschen Regierungen.“ Hiegegen konnte man (selbst vom Centrum aus) fragen: warum sollen alleregierendenFürsten ausgeschlossen werden? Man konnte (wie ich schon oben) behaupten: die Redensart von Vertrauen sei inhaltslos und führe zu gar nichts. Der Mangel an Entschlossenheit und Sicherheit hinsichtlich der Ansichten und Zwecke offenbarte sich überdies von Neuem, als Hr. Bassermann den Vorschlagzurücknahm, Hr. von Auerswald aber daran festhielt. So blieben nicht einmal die Urheber des Antrags eines und desselben Sinnes! Nun trat aber, nach ertheilter Erlaubniß, auch die Linke mit neuen Behauptungen und Anträgen hervor: „man habe keinen Grund, den Regierungen zu vertrauen,man müsse alle Fürsten bestimmt von der Wahl ausschließen u. s. w.“ So ward denn die fünfstündige Schlacht verloren, und in der auf heute Nachmittag 5 Uhr anberaumten Sitzung werden höchst wahrscheinlich alle Vorschläge der Rechten zurückgenommen, um wenigstens dieneuenBatterien der Linken zu entwaffnen.

Den 27. Junius.

Das war ein Jammer! Hr. Heckscher hatte zu dem Verbesserungsvorschlage des Hrn. v. Auerswald einen anderen gestellt, des Inhalts: „Die provisorische Centralgewalt wird einem Reichsverweser übertragen, welchen die Nationalversammlung imVertrauenauf die Zustimmung der deutschen Regierungen wählt.“ Man widersprach nun von der Linken dem Anbringen jedes neuen Vorschlags, und insbesondere den letzten Worten desselben. Mir schien es überhaupt unnöthig über diese nichtssagende Formel großen Streit zu erheben; wenn man die Hauptsachen (Vorschlags-, Ernennungs- oder Bestätigungsrecht der Regierungen) aufgab. Hr. Heckscher weigerte sich seinen Vorschlag zurückzunehmen (wonach man, der Billigkeit gemäß, auch der Linken das Recht einräumen mußte neue Vorschläge zu machen), und sagte bei dieser Gelegenheit und in Bezug auf eine Thatsache: die Galerie zolle den Vorschlägen derLinken schon Beifall, bevor der Inhalt derselben bekannt geworden. Die Linke sah hierin eine Verdächtigung, oder Beleidigung und verlangte daß der Vorsitzende, v. Soiron, den Redner zur Ordnung verweise. Als Soiron diese Forderung nicht begründet fand, erhob sich auf der Linken und den Galerien ein solcher Lärm, daß die Sitzung erst unterbrochen, dann aufgehoben werden mußte. Ich habe das Meer brausen, ich habe Ochsen brüllen hören, ich habe mich entsetzt vor dem Chore, das Löwen und Tiger in den Surreygardens im Wettgesange anstimmten; aber dies Alles ward weit überboten von dem Schreien und Wüthen der Linken und der Galerien, — zum Beweise der neuen Einigkeit Deutschlands!!

Mochte Heckscher und der Präsident Unrecht haben, so gab es doch ruhige, gesetzliche Mittel dasselbe abzustellen; jenes bestiale Verfahren läßt sich in gar keiner Weise rechtfertigen, und macht (bei Allen die nicht näher unterscheiden) die Versammlung verächtlich.

Ich tadele mich bisweilen, daß ich mich nicht hervordränge und mitspreche. Es reden aber ohnehin schon zu Viele, und wie wenig man damit ausrichtet, habe ich ja vorgestern selbst erfahren, wo meinewarnendenWorte, selbst unter Gleichgesinnten, gar keine Wirkung hatten, und man den ganzdummen Angriffsplan annahm, welcher nothwendig zur Niederlage führen mußte. — Im Weidenbusche machte ich aufmerksam auf gefährliche Zweideutigkeiten, die Ernennung der Feldherrn und den Oberbefehl über alle Heere betreffend. Man nahm, als sei es unwichtig, darauf keine Rücksicht, hat aber bis 2 Uhr in der Nacht geredet über Worte und Redensarten wie:voraussetzen,Vertrauen habenu. dgl. mehr. Jetzt, nach der Niederlage, wundern sich Viele, daß das geschehen ist, was man ohne Weissagungsgabe vorhersehen konnte. Bei der Weise, wie man täglich, ja stündlich, Boden verloren, oder aufgegeben hat, wird höchst wahrscheinlich alle wirksame Theilnahme der Regierungen bei der Wahl des Reichsverwesers ausgeschlossen: siemüssenvorschlagen bis die Versammlung beistimmt, oder deren Wahl bestätigen, — oder sie werdengar nichtgefragt. Das mag, hinsichtlich des letzten Ergebnisses, für dieseneinzelnenFall wenig bedeuten (denn die Mehrzahl der Versammlung wird übereinstimmend mit den Wünschen der Regierungen wählen); aber dieAllmachtder Versammlung zur Regel und zum Gesetz erhoben, kann (der Form nach) zu den großen Übeln führen, die in ähnlichen Verhältnissen fast nie ausgeblieben sind. Alle diese Betrachtungen und Klagen sind jedoch jetzt völlig unnütz. Wie die Sachen stehen und liegen, kommtes nicht mehr darauf an, sich auf völlig unhaltbar gewordenem Boden unnütz abzumühen.

Nochmals von der Gagernschen Katzenmusik. Sobald die Wachen und die Bürgerwehr Nachricht von dem Vorhaben erhielten, besetzten sie eiligst die Straße von beiden Seiten, rückten in voller Breite derselben und in geschlossenen Reihen vor, und nun gabs Prügel, blutige Köpfe und Verhaftungen, mehr als die ganze berliner Bürgerwehr jemals ausgetheilt oder zu Stande gebracht hat. Die Katzen sollen sich seitdem als heiser haben melden und entschuldigen lassen.

Erst heute habe ich eine freie Stunde gefunden, das hiesige Museum zu besuchen, und mich an seinen Schätzen zu erfreuen. Darunter manche alte Bekannte, Huß, Ezelin u. s. w. Wie unendlich verschieden die Auffassung des Schönen bei den Griechen war, lehrt jeder Blick auf die Werke ihrer Bildnerei. Die Form steht ihnen höher, als das, was wir wohl Bedeutung nennen. Je älter ich werde, desto mehr erbaue ich mich (trotz aller Splitterrichter) an der Form; und werde gleichgültiger gegen die angeblich tiefsinnigere Bedeutung; wenn sie nicht (wie bei Michel Angelo) durch die Erhabenheit, oder (wie bei Raphael) durch die Schönheit getragen und verklärt wird. So viel man auch überdie mediceische Venus kritisiren mag, ihre Formen sind die reinsten.

Man muß, wie es heißt, die Revolution acceptiren, sich den neuen Verhältnissen anschließen, unter verschiedenen Übeln das kleinere wählen, und erforschen in welcher Richtung etwas Gutes erreichbar bleibt. In anderen Worten: man kann für kein Heer kämpfen, oder ihm vertrauen, sobald alle Disciplin aufhört, sobald es sich in bloße Tirailleurs auflöset, welcheenfans perdussind. Es paßt das Wort: wie Schafe gehn, gehn wir zerstreut, und es hilft nicht sich haupt- und willenlos von Wölfen fressen lassen. Was die sogenannte Rechte, nach wochenlangem Schwadroniren, ihren Gegnern gegenüberstellt, und in die Reihe der zu beantwortenden Fragen hat aufnehmen lassen, ist beispiellos unbestimmt, nicht kalt, nicht warm, oder (unter den unläugbar vorliegenden Verhältnissen) ganz unmöglich. Schon deshalb wird sie hinsichtlich aller Hauptpunkte in der Minderzahl bleiben, es werden Viele gegen diese Halbheiten stimmen, und sich dahin stellen müssen, wo der Boden unter den Füßen nicht völlig untergraben ist. Ja, es läßt sich (wenn nur Frevel außerhalb der Versammlung vermieden werden) eher etwas ausrichten mit Leuten die da wissen, was sie wollen, als mit solchen die hunderterlei, also eigentlich nichts wollen und deshalb auch nichts zu Standebringen. Ich sehe immer mehr ein wie Recht ich hatte, mich keiner Partei, keinem sogenannten Programm zu verschreiben; werde aber dem gewöhnlichen Vorwurfe nicht entgehen: ich sei schwankend, charakter- und willenlos, abtrünnig an der guten Sache u. s. w. u. s. w. Gewiß aber werden vieleehrenwertheMänner denken und handeln, wie ich heute denken und in den nächsten Tagen handeln muß.

—’s Gedanke,ichhätte nach Amerika gehen und mir dort (als ein beliebter Mann) ein bequemes, sorgenfreies Leben bereiten sollen, — versetzt mich in lebhaften Zorn! Wie, ich soll mein Vaterland, dem ich mit Leib und Seele angehöre, dem ich so viel verdanke, wie ein feiger, egoistischer Schuft, in dem Augenblicke verlassen, wo es an schwerer Krankheit daniederliegt? Ich soll mir schändlich einreden, ich könne irgendwo ein bequemes, sorgenfreies Leben führen, während meine Mitbürger furchtbar leiden? Der Kelch ist auchmirbereitet, und ich will einen Theil davon austrinken ohne Zagen. Ich überschätze meine Wirksamkeit gewiß nicht, sei sie aber auch so gewichtlos wie Spreu, so will ich lieber in Folge übergroßer Anstrengungen niedersinken und sterben, als erbärmlicherweise nur an mich denkend ein unwürdiges, und darum mit Recht unglückliches, Leben führen.

Den 28. Junius.

Obgleich Ihr von der gestrigen wichtigen Sitzung (sie dauerte von 9 bis ½6 Uhr) in den Zeitungen umständliche Berichte lesen werdet, will ich doch (nach meiner Weise) auch davon erzählen und Randglossen beifügen. Alle schämten sich des gestrigen Herganges, Gagern ermahnte zum Frieden und selbst R. Blum erklärte sich mit Verstand und Nachdruck gegen das Benehmen, hauptsächlich seiner Partei. Und wenn man das Gestrige nicht ungeschehen machen könne, solle man doch eine Wiederholung ähnlicher Scenen vermeiden. So fehlte es dann zwar nicht an Geschrei; aber es kam doch nicht zum Äußersten, und man rückte in den Hauptsachen wesentlich vorwärts. In der Voraussetzung: man werde nochmals in lange Erörterungen über die Besserungsvorschläge gerathen, hatte auch ich um das Wort gebeten; gottlob zogen endlich alle Parteien ihre Neuheiten zurück; darunter einen, aus der Linken hervorgehenden Vorschlag: man solle (unter Zuziehung und Anhörung von Hofleuten) Lebensbeschreibungen aller deutschen Prinzen entwerfen lassen!

Der von Dahlmann entworfene und dann geänderte Bericht des Ausschusses, über die zu errichtende vollziehende Gewalt, schien hauptsächlich den Zweck zu haben, durch Zweideutigkeit und Unbestimmtheit der Ausdrücke, alle Abgeordneten und alleParteien zu befriedigen; aber eben deshalb befriedigte er keine: täglich verlor er Anhänger, und ward endlich von den Urhebern selbst großentheils aufgegeben und zur Seite geworfen.

Zuerst kam, aus mehren Gründen, Vincke’s Vorschlag zur Abstimmung: „die Nationalversammlung beschließt, vorbehaltlich des Einverständnisses mit den deutschen Regierungen, daß eine vollziehende Regierungsgewalt &c. — bestellt werde. Der Reichsverweser soll von den deutschen Regierungen ernannt werden“ &c. —Fürdiesen Antrag stimmten 31, dagegen 577. Die nächste Frage war: soll der Reichsverweser (dieser Name ward später statt des Präsidenten angenommen) die Beschlüsse der Nationalversammlung verkündigen und vollziehen. Ja 261; Nein 277.

Hier offenbarte sich wieder die Unvollständigkeit der Berathung und Fassung. Wenn man dem Reichsverweser jenes Recht, jenes Geschäft nicht zuweiset, wer soll es denn übernehmen? Zwar hieß es: man sagtNein, damit er nicht ein bloßer Beamter der Versammlung werde. — Aber dann hätte man ihm vielmehr die Befugniß zu Einreden, man hätte ihm irgend eine Art von aufschiebendem Veto zugestehen sollen. Diesesnoli me tangerewagte aber Keiner ernstlich zu berühren. Diese Kohle wollte Keiner aus dem Feuer holen.

Die übrigen Punkte, den Geschäftskreis der vollziehenden Gewalt betreffend, wurden durch Aufstehen mit großer Stimmenmehrheit entschieden. Großer Streit erhob sich dagegen, hinsichtlich folgender Fassung: „über Krieg und Frieden, und über Verträge mit auswärtigen Mächten, beschließt der Reichsverweser imEinverständniß mit der Nationalversammlung.“ — Nein 143; Ja 408. — Ich stimmte mit der Mehrzahl, denn was für einen festen, wohlbegründeten König paßt, paßt nicht für einen noch unbekannten, auf ein Paar Monate zu erwählenden Reichsverweser.

„Soll das Oberhaupt der vollziehenden Gewalt Präsident heißen?“ Ja 171; Nein 355. Ich stimmte mit der Mehrheit für Reichsverweser, weil mir das fremde Wort und der republikanische Hintergrund mißfiel.

Nun die Hauptfrage: „der Reichsverweser wird von der Nationalversammlung gewählt.“ — Nein 135; Ja 403. Als diese Entscheidung bekannt ward, entstand ein ungeheurer Jubel. Ich stimmte mit der Mehrzahl, scheinbarnichtfolgerecht; allein es war ernstlich zu bedenken:

1) Daß (wie die tägliche Erfahrung zeigte) diegroßeGefahr obwaltete, daß, bei auch nur geringer Verzögerung der Wahl, die Versammlung sich zugroßen Übereilungen, besonders hinsichtlich der fremden Mächte, werde fortreißen lassen.

2) Daß indiesemAugenblicke die Entscheidung der Wahl noch in den Händen dergemäßigtenMehrzahl ist; ein günstiger Umstand, der nach kurzer Frist vielleicht nicht mehr obwaltet.

3) Die Regierungen kämen in noch üblere Lage, wenn die Versammlung (schon um ihre Macht oder ihren Eigensinn zu zeigen) deren Vorschläge verwürfe, oder doch, wie bestimmt verlangt wird, einer sehr bittern, vielleicht skandalösen Kritik unterwürfe; wogegen die Versammlung durch eine schlechte Wahl sich an den Pranger stellen und allen Credit verlieren würde.

4) Lautete der Gegenvorschlag im Wesentlichen also: Es wird von den deutschen Regierungen ein Reichsverweserbezeichnet, und von der Versammlunggenehmigt. — Dieser Vorschlag ist aber nur ein halber, unbestimmt, ungenügend, nicht zum Ziele führend. Was heißt z. B.bezeichnen? Ich kann Jemandem zehn Gerichte bezeichnen zum Essen, hundert Bücher vorschlagen zum Lesen; wenn er nun aber sagt: ich danke. Wie wenn die Versammlungnichtgenehmigt. Solch schnöden Abweisungen vorzubeugen, erklärte sich selbst Gagern für die Wahl durch die Versammlung. Wie die Sachen nun einmalwirklichstehen, würde hier jeder von den Regierungen ausgehende, durch dengehaßtenBundestag vermittelte Vorschlag, mit Mißtrauen und Widerwillen aufgenommen werden; er würde wahrscheinlich zu einem (vielleichtgesuchten) Bruche führen; während man (le meilleur l’ennemi du bien) so im Frieden über die nächsten gefährlichen Monate hinwegkommen dürfte.

Ich komme soeben aus der Sitzung und eile Euch zu melden, daß heute die Abstimmung über die vollziehende Gewalt &c. zu Ende gebracht ward. Was in der Anlage nicht ausgestrichen, oder geändert ist, ward angenommen. Ihr werdet Euch hoffentlich herausfinden, nächstens einen neuen, reinlichen Abdruck. Über den Hergang im Einzelnen, in Eil noch Folgendes: beiNo.11: „der Reichsverweser ist unverantwortlich“ erhob sich Streit, wobei die Rechte mehr unanständigen Lärm erhob als die Linke. Der Satz ward mit 373 gegen 175 Stimmen angenommen. Ich stimmtedafür, weil dieMinisterverantwortlich sind, und beiden, dem Reichsverweser und den Ministern, nicht dieselbe Stellung zu geben ist.

No.18: wonach der Bundestag ein Ende nimmt, mit 510 Stimmen bejaht, und nur mit 35 verneint. Ich stimmte mit Ja: denn die gesetzgebende und richterliche Gewalt hat er nicht mehr, und die vollziehende wird ihm ja nun auch genommen. Dagegen weiset der nächste Absatz darauf hin, in welcher Weiseer wieder kann ins Leben gerufen werden. Die Abstimmung zeigt, wie verhaßt die alte Einrichtung ist, und wie unmöglich es war sie in der alten Form zu erhalten. Auch entstand ein großer Jubel als das Ergebniß dieser Abstimmung verkündigt ward. Jetzt folgte die Abstimmung über denganzenEntwurf: 450 dafür, 100 dagegen. Die Verneinenden gehören zur Hälfte etwa der äußersten Rechten, zur Hälfte der äußersten Linken. Jene wollen die ausdrückliche Beistimmung der Regierungen, diese die Verantwortlichkeit des Reichsverwesers. — Was sollte nun aber wohl werden, wenn dieNeinüberwogen und man das Neuwerk begonnen hätte? — Lichnowsky, Schmerling, Venedey gehörten zu den Bejahenden; Vincke, Ruge, Jordan, Blum, Nauwerk, Itzstein, Uhland zu den Verneinenden. Jene wollen die Souverainetät der Staaten, diese die des Volkes erhalten wissen. Die abstrakten Grundsätze stehen ihnen höher als das praktisch Rathsame. Morgen erfolgt die Wahl des Reichsverwesers. Bis jetzt hat der Erzherzog Johann weit die meisten Vermuthungen für sich. Es fragt sich aber ob er es annimmt. Ich kann nicht glauben, daß Preußen irgend widersprechen würde.


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