Neunzehnter Brief.

Neunzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 29. Jun. 1848.

Wenn der Mensch scheinbar etwas zu Stande gebracht hat und es betrachtet, so möchte er gern sagen: „und es war gut.“ Wenn man es aber schon unserem Herr Gott verübelt, daß er ein so kühnes Wort ausgesprochen, und läugnet daß seine erschaffene Welt die beste sei; so erheben sich (trotz alles Widerstrebens) gegen Menschenwerk noch schärfere Einreden.

Haben wir mit Aufstellung einer deutschen Centralgewalt wirklich ein erhebliches Ziel erreicht? In gewissem Sinne ist zwar alles Menschlicheprovisorisch; doch setzt man das hoffentlich Dauernde, Definitive, darüber hinauf, und begnügt sich eben mit dem Vorläufigen, als einem Mangelhaften. Es finden manche Leute aber gerade an dem Mangelhaften Gefallen, schon weil sie glauben, damit willkürlich umgehen zu dürfen; und Andere verwechseln es mit dem Vollkommneren, legen die Hände in den Schoß, unbekümmert um das Dauerhaftere, welches sie anfangs bezweckten.

Für lange Zeit wird jenes „Vorläufige“ Deutschland nicht genügen; ja, bevor es sich gestaltenund in wahre Thätigkeit kommen wird, könnte und sollte der Verfassungsentwurf fertig sein, den die hiesige Versammlung vorlegen soll. Das Provisorium, wie es jetzt gefaßt ist, wird aber, sobald es sich in Thätigkeit setzen will, Streit und Zweifel hervorrufen und sich zeigen, daß man nicht satt wird, wenn man, wie die Katze, um den heißen Brei blos herumgeht. Um die Freiheit und Unabhängigkeit des Reichsverwesers zu erhalten, streicht man den Satz: daß er die Beschlüsse der Versammlung verkünden und vollziehen solle. Wenn nun aber die Versammlung, ohne allen Zweifel, Beschlüsse fassen wird, wer soll sie denn verkünden und vollziehen? Muthet man dies dem Reichsverweser zu, so hat er (mit Bezug auf die gepflogenen Verhandlungen) ein doppeltes Recht zu widersprechen, und man müßte (sehr thöricht) eine zweite vollziehende Behörde für jene Beschlüsse erschaffen. Giebt er hingegen nach, so verfehlt man den Zweck, weshalb jener Satz verworfen wurde. Diese Verwirrung ist dann (wie ich vorhergesagt) die nothwendige Folge dessen, daß keiner der Redner, welchen man ein Monopol zu sprechen gab, auf die wichtige Frage von Einreden und Widersprüchen des Reichsverwesers eingehen wollte. Wäre ich zum Worte gekommen, würde ich den wichtigen Punkt von einem aufschiebenden oder schließlichen Veto ans Licht gezogen haben. Die Linke that esnicht, weil sie ein solches Recht läugnet, sobald es nicht ausdrücklich überwiesen wird; und die Rechte fürchtete sich in der Minderzahl zu bleiben. Oder sie hofft, man werde nachträglich das scheinbar Vergessene nachholen können. Ist der Reichsverweser stark, so wird er (ohne Gesetz) seinen Willen durchsetzen; ist er schwach, so wird sich ergeben, daß jene Unbestimmtheit und Zweideutigkeit ihn nicht auf die Füße stellt. Ich wiederhole: diese Eigenschaften des Ausschußentwurfes und das Drechseln an und mit leeren Worten (Vertrauen, voraussetzen und dergl.) mußte dahin führen, wohin wir gekommen sind. — Nun, ich will mich damit trösten, daß die große Mehrzahl Derer, welche das Gesetz annahmen, es auch künftig stützen will und stützen wird. Doch zeigen sich schon Hindernisse auf der, heute zu betretenden Bahn. In einer Nummer der Zeitung, welche die äußerste Linke herausgiebt, sind gestern sehr bittere Sachen wider den Erzherzog Johann, wider den Präsidenten Gagern und den General Radowitz ausgesprochen worden. Der erste sei ein unbedeutender Mann, der in seinem Leben nichts Erhebliches gethan, sich dem Metternich’schen Systeme nie widersetzt habe und noch jetzt den ungerechten Krieg gegen die Italiener befördere. Daran reihen sich Vorwürfe wider alle deutschen Prinzen, unter denen leider kaum einer sei, auf den man wegen seiner ausgezeichneten Persönlichkeit (abgesehen von Geburt und Macht) hinzeigen könnte (digito monstrarier). — Die Einreden wider Gagern’s Grundsätze und seine Unparteilichkeit deuten darauf hin, daß die Linke bei der in diesen Tagen zu erneuernden Präsidentenwahl einen Bewerber aus ihrer Mitte aufstellen und die frühere allgemeine Zustimmung für Gagern nicht mehr im ganzen Umfange stattfinden dürfte. Gegen Radowitz, der sich durch Annahme des Neuen, oder gemäßigte Vertheidigung des Alten, Bahn zu machen strebt, sind die früheren Lebensverhältnisse und verfehlten Zwecke in einem scharfen Sonette vorübergeführt.

Geheimrath C. sagt mir: in Berlin widersprächen Alle der Wahl eines österreichischen Prinzen zum Reichsverweser; sie forderten einen preußischen. Hier habe ich einen solchen Einwand, eine solche Forderung noch nicht gehört. Erlaubt man Candidaten aufzustellen und über ihre Eigenschaften zu sprechen, so wirdeineSitzung auf diesem Moquirstuhle hinreichen, jeden für immer zurückzuschrecken. Und doch hat eine Wahl ohne Vorschlag, Prüfung und Beglaubigung, auch ihre Schattenseiten.

Sehe ich von Frankfurt nach Berlin, so sind die Berathungen auf dem preußischen Reichstage oberflächlicher und schwächer als hier, und die bürgerliche Ordnung wird in dieser freien Stadt viel ernster vertreten, als in der Residenz des Königs von Preußen, wo die Klubs schrankenlos die Empörung hervorrufen, und das neue Ministerium schon in seiner Geburtsstunde chicanirenden Widerstand findet. Bleibt es so farblos und schwach, wie das abgetretene Ministerium (besonders seit der Plünderung des Zeughauses), so wird es auch nicht lange leben und zu den Blutmitteln führen, welche jetzt in Paris furchtbarer, länger und allgemeiner wüthen, als jemals während der Revolution seit 1789. — Über die Weisheit dieses Jahres scheint Hr. Waldeck, der Vorsteher des Verfassungsausschusses, nicht hinausgekommen zu sein, ja nicht einmal zu wissen, was Mirabeau z. B. über das Veto gesagt hat. Siegen seine Ansichten ob, so wird die neue Verfassung nicht länger dauern, als die französische von 1791. Wer jetzt drittehalb Gedanken in trivialen, abgedroschenen Phrasen überlaut und selbstgefällig ausschreit, wird von den Maulaufsperrern für einen großen Staatsmann gehalten. Die angeblich unwiderleglichen, augenscheinlichen, handgreiflichen Lehren jener falschen Propheten, sind ebenso tiefsinnig begründet, als wenn jetzt ein Astronom behaupten wollte, die Sonne laufe in 24 Stunden um die Erde.

Den 29. Junius, 3 Uhr.

Die Kanonen donnern, alle Glocken läuten, überall die größte Aufregung und Theilnahme! Vor einerViertelstunde ist derErzherzog Johannzum Reichsverweser erwählt und unter höchstem, sechs Mal wiederholten, Jubel und Lebehoch proklamirt worden. Er hatte 436 bejahende Stimmen, der Präsident von Gagern 52, von Itzstein 32; des Abstimmens enthielten sich 25. Über den nähern Hergang in größter Eile nur wenige Worte. Der Vorschlag, durch Stimmzettel schweigend abzustimmen, hatte wohl die Absicht, die Stimmen zu zersplittern, mehr Candidaten aufzustellen und keine Rücksicht auf den, sehr beachtenswerthen, Willen der Mehrzahl zu gestatten. Dieser Vorschlag fiel durch, und Jeder nannte bei namentlichem Aufrufe laut den Namen seines Candidaten. Der irrige Gedanke: man müsse ehrenhalber auch einen Preußen auf die Liste bringen (und mit wenigen Stimmen durchfallen lassen), ward glücklich ausgetrieben. Nirgends zeigte sich Eifersucht wider Österreich und die Hoffnung steht fest, Johann werde zu allgemeinem Wohle die Wahl annehmen und nicht die Nothwendigkeit einer zweiten, gefährlicheren Wahl herbeiführen. Des Abstimmens enthielten sich Die, welche keinen unverantwortlichen Reichsverweser wollten. Gagern nannten Etliche seiner tüchtigen Eigenschaften halber, Andere wohl, weil sie keinen Fürsten wollten. Für Itzstein stimmtennicht Alle, aber dochnurLeute von der Linken, z. B. Jordan, Meyer aus Liegnitz,Tschucke aus Meißen, Vogt aus Gießen, Wigard aus Dresden, Schaffrath, Nauwerk, Blum, Simon aus Breslau, Eisenstuck aus Chemnitz und Andere. Ich stimmte natürlich für den Erzherzog: denn seine Wahl beseitigt jede Besorgniß, mit den Regierungen in Streit zu gerathen, zeigt daß die Versammlung (trotz alles Geschreies der äußersten Linken und der Mißgriffe der Rechten) noch nicht die Achtung vor der Vergangenheit und der Stellung eines einflußreichen Fürsten ganz verloren hat. Auch Radowitz und Lichnowsky stimmten für den Erzherzog; Vincke war abwesend.

Der unendlich wichtige Augenblick, die erste große That des ersten deutschen Reichstages in dieser Form, die Nothwendigkeit und die Schwierigkeit erheblicher Veränderungen, die Hoffnung, unser theures, deutsches Vaterland werde feststehen wie ein Fels in Ungewittern und neue, ungekannte Blüthen und Früchte treiben; — dies und so vieles Andere bewegten und erregten mir Kopf und Herz so, daß ich zugleich Thränen der Freude und des Schmerzes vergießen mußte; — und dies waren keine Thränen dummer Sentimentalität oder lächerlicher Schwäche. Heute also wieder einmal:nil desperandum.

Gestern (28.) sah ich ¾ des Weltumseglers wider Willen. Hr. Hassel spielte den Purzel ganz ergötzlich, obwohl Räder ihn noch übertraf. Trotzaller Kunstmittel hatte er sich nicht dicker machen können, als sein Ludwig (Fräulein Q.) von Natur war. Der Witz ist wohl schon alt: es gäbe drei Zonen, die heiße, die kalte und die Amazone. Neu war ein anderer Einfall: als man Purzeln bange machen will, was seine Frau während seiner Abwesenheit daheim wohl thue? sagt er: o das weiß ich, sie läuft (wie jetzt alle Weiber) ins Parlament. Dies fand großen Beifall, und in der That wohnen viele Damen ausdauernd den Sitzungen bei.


Back to IndexNext