Dreiundzwanzigster Brief.

Dreiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Julius 1848.

Noch immer giebt es Leute, die nach Krieg schreien und den unsinnigen Glauben hegen: Freiheit und Ordnung würden am besten während eines Krieges gegründet. Hiezu kommt daß, wenn man Peuker’s Buch lieset und mit einem Berichte des Ausschusses für die Wehrverfassung vergleicht, ohne Zweifel Rußland und Frankreich besser gerüstet sind, als das zerstückte, zwischen beiden eingeklemmte Deutschland. Nur noch ein Jahr Friede, und ich hoffe, trotz aller Wühlereien, werden doch Recht und Ordnung sich wiederfinden; — denn auf die Dauer sind sie ganz unentbehrlich, und je ärger man sie verletzt, desto unausbleiblicher ist der Rückschlag, und wäre er auch so furchtbar und blutig wie in Paris.

Wenn die Unzahl eingegangener, zum Theil ganz unvernünftiger Anträge und Petitionen, hier zur Berathung und Entscheidung kommen müßte, so stürben die jüngsten Abgeordneten vor Beendigung der, meist ganz unnützen, Arbeit. Es ließe sich aus jenen ein Quodlibet ergötzlicher Narrheiten zusammensetzen; fehlte es unter den höchst ernsthaften Geschäften nicht an Humor und Muße.

Ich benutzte die Muße des heutigen Feier- und Bummeltages um mich zu baden, und dann wieder das städelsche Museum zu besuchen. Wäre es meines Amtes, so könnte ich lange Kunstkritiken machen und z. B. zu beweisen suchen, ein dortiger Rafael sei kein Rafael. Das haben jedoch Andere wohl schon gründlicher gethan. In Overbeck’s großem allegorischen Bilde ist die Musik zu kurz gekommen; auch bin ich ein zu großer Verehrer der Frauen, um nicht zu rügen, daß sie ganz aus dem Tempel hinausgetrieben sind. Der große Moreto erinnerte mich an Bilder dieses Meisters in Verona. Das Manierirte und Unschöne so vieler Gemälde stört den Eindruck in jeder zahlreichern Sammlung; wogegen die Ausstellung der Rafaels im berliner Museum einen rein erfreulichen Genuß gewährte, und aus der schweren Luft politischer Werkstätten in reinere Regionen erhob.

Da ich so viel täglich muß deklamiren hören, nahm ich — mehr des ähnlichen Worts, als der inneren Aehnlichkeit halber —, Quintilian’s Deklamationen zur Hand. Erzeugnisse kalten, künstlichen Scharfsinns, ohne tiefere Wahrheit und Begeisterung. Wie viel anziehender und lehrreicher wäre die Sammlung, wenn sie wirkliche Fälle und namhafte Personen, mit scharfer Hinweisung und Erörterung römischer Gesetze enthielte; wenn es ein Pitaval der Wahrheit wäre. Freilich zeigen die Aufgaben eine krankhafte Zeit, aber viel zu unbestimmt und schwankend:einwirklicher Fall im Tacitus giebt mehr Erleuchtung über die damalige Ausartung, als diese ganze Sammlung. Wie konnte ein Mann, der das geistreiche zehnte Buch seiner Institutionen schrieb, sich mit diesen Schulexercitien begnügen?

Den 6. Julius.

Die preußischen Wahlen, „hervorgegangen aus derbreitestenGrundlage“, erweisen, daß derKopfbei ihnen nicht mitgesprochen hat. So übel die Sachen auch standen, als das Wahlgesetz gegeben ward, hätten die Minister doch nicht mit Siebenmeilenstiefeln selbst über das amerikanische hinausschreiten, sondern wenigstens von jedem Wähler fordern sollen:AnsiedelungundSteuerzahlung.

Bei der Aussicht, allzu lange hier zu bleiben, möchten Etliche die Reichsversammlung unterbrechen und etwa im Herbste nach Hause gehen. Eine unvollendete Verfassung ist aber gar keine Verfassung, und für Uebereilungen erhält man vielleicht noch eher eine Lossprechung, als für lange Verschleppungen. Ein sehr zusammengedrängter, rasch handelnder Bundestag an der Spitze, wäre am wenigsten abweichend von dem Früheren; ein solcher Gedanke ist aber seiner Unbeliebtheit halber völlig unausführbar: obgleichich für den, am entgegengesetzten Ende stehenden, Gedankeneines mächtigenKaisers in diesem Augenblicke noch weniger Freunde sehe. Die französischeassemblée constituanteblieb so lange beisammen, daßdaherkeine Wahrscheinlichkeit für unserraschesBeenden zu holen ist. Möge das deutsche Kind nur länger leben als das französische, selbst von den Eltern verläugnete, halb todtgeborne, und dann mit Schmach und Hohn öffentlich ermordete! Ueberhaupt können, nach den Erfahrungen der letzten 60 Jahre, alle Verfassungsfabrikanten keineswegs auf Ruhm und Dank rechnen. Auch läßt man den alten Spruch:in magnis voluisse sat est, nicht gelten; wie er denn freilich kaum halbwahr ist.

Sehe ich nach diesen weitaussehenden und weithingreifenden, weltgeschichtlichen Betrachtungen, auf mich selbst, so bleibt fest stehen, daß ich ausharren muß und nicht übereilt meinen Platz abtreten darf, ohne Rücksicht darauf, ob und was zu Stande kommt, und ob man Dank oder Vorwürfe dafür einernten wird. Man thut eben seine Pflicht!

Wenn ich hier manche Weltverbesserer in ihren gesuchten, abweichenden Trachten, mit aufgedrückten, schiefgerichteten Mützen, in schmuzigem Putze, mit großen Knitteln bewaffnet, breitspurig wie Matrosen, Alles um sich verachtend einhergehen sehe, so werde ich unwillkürlich an die amerikanischen Wilden erinnert, und möchte eine wilde, aller Ordnung und ächten Bildung widersprechende Zeit befürchten. Gewiß ist in all diesen Leuten auch nicht eine Spur von christlicher Demuth, und ebensowenig von der Besonnenheit und dem schönen Maße, der Sophrosyne, der Griechen. — Das äußerliche Gegenstück zu jenen geputzten und zugleich ungewaschenen Helden des Tages, sind die eleganten Damen. Denn ihr Anzug ist von der Natur und Schönheit der Griechen so weit entfernt, wie eine eingeschnürte, schiefhüftige Frau von Lukas Kranach, von der Venus von Melos. Käme aber diese selbst hieher, und hielte Vorlesungen darüber, wie man sich kleiden müsse; es würde selbst auf die Schönsten keinen Eindruck machen, wenn irgend eine Modehändlerin widerspräche.

Hiebei die ganze Paulskirche, damit Ihr Euch in Gedanken herversetzen könnt, wie die 600 Weisen Deutschlands auf der breitesten Grundlage sitzen. — Ferner, meine drei,sehr kleinenBerichte, übersehr wichtigeGegenstände. Auf den Lakonismus im Schreiben und Sprechen sollte man hier große Belohnungen aussetzen!!


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