Dritter Brief.
Frankfurt a. M., den 30. Mai 1848.
Gegen Abend nahm ich eine Droschke und fuhr durch Sachsenhausen bis jenseit des nächsten Dorfes, durch zierliche Lustgärten, fleißig bebaute Gemüsegärten und reiche Felder. Alles fruchtbar, anmuthig, an die erfurtsche Gartencultur erinnernd, und wenn nicht erhaben oder hochpoetisch, doch reizend, und den Geist in so heitere Stimmung versetzend, daß man die Reichstagssorgen auf eine Zeit lang vergißt.
In der gestrigen Sitzung ergab sich was ich vorhergesehen: Abgeordnete von Luxemburg und Triest widersprachen dem, Euch mitgetheilten Beschlusse, welcher die Macht des Reichstages, auf Kosten der örtlichen Verhältnisse und Verfassungen, zu weit auszudehnen schien. Dies gab Veranlassung zu der Bemerkung, daß der Ausschuß für Entwerfung der Verfassung so übermäßig beschäftigt sei, daß manihm Gegenstände, wie die erwähnten, nicht zuweisen möge. Deshalb beschloß man einen besondern Ausschuß für völkerrechtliche und sogenannte internationale Fragen und Aufgaben zu erwählen. Dies geschieht in der Weise, daß jede der funfzehn Abtheilungen, in welche alle Mitglieder des Reichstages verlooset werden, ein Ausschußmitglied erwählt. Die dritte Abtheilung, zu welcher ich verlooset bin, deren Mitglieder mir aber zeither persönlich ganz unbekannt waren, erzeigte mir unerwartet die Ehre, mich mit einer sehr großen Stimmenmehrheit zu erwählen. Meine verspätete Ankunft in Fr. schloß mich von allen bereits früher erwählten Ausschüssen aus und minderte die Arbeitslast wenigstens Nachmittags; jener völkerrechtliche Ausschuß ist aber fast der bedenklichste und eine Art vonnoli me tangere: denn Schleswig, Polen, Böhmen, Luxemburg, Limburg, Südtirol, Triest u. s. w. dürften daselbst zur Sprache kommen; ohne daß wir Macht haben, die Sprache in That zu verwandeln, ja, ohne die wahre Lage der Verhältnisse hinreichend genau zu kennen.
Hierauf folgte in der gestrigen Sitzung die Berathung über einen neuen (den zweiten) Entwurf einer Geschäftsordnung, und es ließ sich (zu meinem und vieler Andern Schrecken) so an, als werde über unzählige Einzelheiten eine endlose, unnütze Rederei eintreten. Gottlob, daß die Mehrheit dieses zeitvergeudende Uebel dadurch abschnitt, daß sie die, von einer Commission genau geprüfte, Ordnung kurzweg im Ganzen annahm und Berathungen über Einzelnes nur dann zulassen wollte, wenn wenigstens 50 Mitglieder es verlangten. Ich wunderte mich, daß — sich zuerst zum Sprechen gemeldet hatte. Ihr kennt seine Redeweise. Sie machte um so weniger Eindruck, da man Vieles gar nicht verstand, und was ich verstand, bezog sich vorzugsweise auf Allgemeinheiten über die Größe und Schwierigkeiten unserer Aufgabe, wovon sich bei jeder einzelnen Sache etwas sagen ließ, ohne zur Sache zu gehören. Die einzige hervortretende Forderung: „Nichts durch Ausschüsse vorbereiten zu lassen, sondern Alles von Anfang bis Ende allein in der vollen Versammlung zu berathen“; war so unpassend und unpraktisch, daß sie zu Boden fiel, und bei der Mittagstafel in der Mainlust Mehre bemerkten, daß — Rede ihren Erwartungen gar nicht entsprochen habe. — Ich nahm mir dasad notam, schrieb es mir hinter die Ohren, dachte an Splitter und Balken, und zupfte mich an meiner eigenen Nase.
Ungeachtet dieser Fingerzeige sammelt sich der Redestoff, und ich werde mich über kurz oder lang der Gefahr aussetzen, mir die Finger zu verbrennen. Insbesondere wegen der ganz unbegründeten Anklagen oder Verläumdungen, welche unsinnige Eifereraus Süddeutschland über Preußen aussprechen. Wir kennen unsere Fehler besser als sie; aber wer hat denn nicht gefehlt und gesündigt? Viel Gerede von Deutschlands Macht und Einigkeit, während kaumeineMillion,sechzehnMillionen hochmüthig abweiset! Da soll kein preußischer Landtag berufen werden, bevor die frankfurter Versammlung Alles ins Reine und Feine gebracht hat. Dann soll Preußen seinen Handel, ohne Ersatz und Dank, für Schleswig opfern; oder um der Polen willen Rußland bekriegen u. s. w.
Nachdem ich Häring gestern zur Eisenbahn begleitet hatte, hörte ich den ersten Akt des Don Juan.
Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich Euch wohl umständlicher über die Aufführung einen Bericht erstatten, wie das Haus, die Erleuchtung, die Dekorationen, die Bänke beschaffen sind, wie jeder Herr und jede Dame gesungen und gespielt hat u. s. w. Ich konnte diesmal andere Nebengedanken nicht beseitigen. Diese Musik Mozart’s, unsterblich und in stets blühender Jugendkraft, wird die Jahrhunderte siegreich, entzückend und beglückend durchschreiten; — und dagegen das Werk unseres Reichstages (wenn anders eins wirklich zu Stande kommt)! welchen Schmähungen wird es unterliegen, nach wie kurzer Lebensdauer wird es hinsterben, wer wird dann all der Redner und der Redennoch gedenken? Wo bleiben die Barricadenhelden, im Vergleiche zu den Helden der Wissenschaft und Kunst!
Bald aber ging mein Melancholisiren noch viel weiter! Wo sind denn die Meisterwerke griechischer Tonkünstler? Wo die Athene des Phidias, die Aphrodite des Praxiteles, die Trauerspiele des Sophokles und Euripides, die Gemälde des Apelles, die Bücher des Livius und Tacitus? Es giebt auf Erden keine Dauer, selbst nicht für das Würdige, keine Bürgschaft für diese Dauer!Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.Ich sah Deutschland in sich zerfallen, und während es von Herstellung des immerdar haltungslosen Polen träumt, eine Beute, getheilt zwischen östlichen und westlichen Feinden. Man wird dereinst streiten über die Lage Frankfurts, wie über die Trojas und Vejis, man wird, eine Hand aus dem Schutte hervorsuchend, streiten, ob sie zur Bildsäule Karl’s des Großen oder Goethe’s gehörte; man wird in Buchbinderpappdeckeln, sowie jetzt Bruchstücke des Livius oder der Nibelungen, so vielleicht ein Stücklein der Ouverture des Don Juan entdecken! Nicht Franzosen, nicht Russen, sondern Gott weiß, welches erdgeborne Volk wird dann den deutschen Boden beherrschen, und gegen Schicksale, wie sie Aegypter, Griechen und Römer erfuhren, schützt politisches Gerede, diese falsche Magie, in keiner Weise! Ich ward glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte ich meine Jeremiade wohl noch viel länger ausgesponnen; und doch muß der längsten Nacht, auch die Tag- und Nachtgleiche, und der längste Tag folgen. Darum nach meinem Wahl- und Trostspruche:nil desperandumund zur heutigen Sitzung des Reichstages.