Einundfunfzigster Brief.

Einundfunfzigster Brief.

Paris, den 24. August 1848.

Gestern früh 9½ Uhr fuhr ich aus Brüssel ab, war Abends 8½ in Paris, und saß 9½ in den Euch bekannten Zimmern im Hôtel d’Hollande. Willisen wohnt ebendaselbst, und O—s Bedenken: daß meineFeindees übel auslegen würden, wenn ich mit einem preußischen Abgeordneten in demselben Hause wohne, wies ich muthig zurück. Ein Zufall habe dies herbeigeführt und es sei besser Einigkeit als Zwiespalt zwischen Deutschland und Preußen vorauszusetzen.

Nach glaubwürdigen Nachrichten hat man sich hier weder amtlich noch in geselligen Verhältnissen viel über die Stellung Deutschlands zu Italien geäußert, dagegen herrscht eine allgemeine Aufregung hinsichtlich des dänischen Krieges. Man tadelt das Benehmen der frankfurter Versammlung und behauptet, sie habe den Dänen, wenigstens in gewissen Punkten, Unrecht gethan. — — —

Dem ersten Anblick nach, ist Paris noch das alte; bei genauerer Betrachtung sieht und hört man jedoch, wie sehr Verkehr und Geldumlauf und Vertrauen abgenommen haben. So sind im Palais Royalviele Läden geschlossen, die Zahl der Eßgäste bei Hallevant sank auf ein Fünftel, die Preise der Miethen sind gefallen und viele Wohnungen stehen leer. So leiden wir nicht allein, und wohl nicht am meisten. Von mehren Seiten behauptet man: die Republik habe eigentlich fast gar keine Anhänger und befinde sich im Belagerungszustande. Cavaignac übt eine Macht wie seit Ludwig XIV sie kein König üben konnte, und auch keiner der bourbonidischen Thronbewerber im Fall seiner Herstellung üben dürfte; wie auszuüben man in Berlin hinsichtlich der Presse, der Klubs und des Straßenunfugs nicht den Muth hat.

Im Vergleiche mit Paris erscheint mir Frankfurt wie eine Heimat: es ist mir unbequem, mein kleinstes Thun oder Lassen geprüft und wohl mißliebig beurtheilt zu sehen; ich fühle, wie ich mich hüten muß, die seit so vielen Jahren gewahrtevölligeFreiheit und Unabhängigkeit meiner Person, nicht preiszugeben. Das Wirken im Sinne eines Andern, würde mir in meinen alten Tagen am wenigsten zusagen. So lange alsomeineÜberzeugung mit der desAndernstimmt,andiamo; sonst links um, und ausgespannt. Indessen nicht aus Faulheit, oder übler Laune halber, sondern nur, wenn Charakter, Pflicht und Gewissen es gebieten.

Den 25. August.

Auf allen großen Plätzen sind Freiheitsbäume errichtet. Das heißt, man fand eine abgeschälte Fichtenstange (dies kahlste und trockenste aller Sinnbilder) doch zu unpassend, undpflanztedeshalb wirkliche Bäume. Aber diese langen, dünnen, fast zweig- und blattlosen, bereits zum Theil vertrockneten, lombardischen Pappeln, gewähren einen erbärmlichen Anblick. Im Frühjahr wird kaum eine am Leben bleiben, und so ist man fast gezwungen, an die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit der neuen Freiheit zu denken.


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