Zweiundfunfzigster Brief.
Paris, den 26. August 1848.
Überlege ich, was mir seit meiner Abreise von Berlin eigentlich Freude gemacht hat, so ist es an Euch Briefe schreiben und von Euch Briefe empfangen. Da liegt denn aber die Frage nahe: ob man das nicht daheim bequemer haben könne? Wenn mir die Eitelkeit nicht auf die Füße hilft (weil mir das Organ dazu fehlt), so hänge ich mir den vorwurfsdichten Mantel der Pflichterfüllung um, und wende die Worte der — an, welche mir schreibt: „ich kannmir denken, daß Sie sich nur durch geistige Anstrengung aufrecht erhalten, und daß Sie es thun, freut mich“ u. s. w.
Jetzt ists vier Uhr. Was habe ich gethan? Besuche machen wollen, aber die Leute verfehlt; Besuche angenommen, etwas in einem Romane von Mery gelesen, und Überröcke von weitem angesehen, aber noch keinen gekauft. Muß ich nun nicht wie Kaiser Titus sagen: diesen Tag habe ich verloren? — Heute Abend kommt indessen vielleicht noch das Beste: ich soll bei Lamartine durch Willisen eingeführt werden! Lamartine wird allgemein betrachtet, wie ein politisch todter Mann. Besser freilich, als, wie le Blanc und Caussidière, durch die härtesten Anklagen noch länger dem Publikum zur Schau ausgestellt bleiben.
Im Jahre 1830 las ich Inschriften für die Helden des Julius, welche die ältere Linie der Bourboniden verjagten; heute für die Helden des Februar, welche die damals eingesetzten Orleaniden stürzten! Die da Helden des Junius werden wollten, sind hingegen erschossen, oder geschlossen aus Frankreich hinweggeführt. In St.-Cloud der alte Hof, Direktorium, Brumaire, Napoleon, Charles X., Louis Philipp u. s. w. Fast gehen mir die Gedanken aus, indem ich dies Alles durchdenken will! — Wende ich mich von Weltgeschicken zu meinem eigenen Schicksale, so erscheint mir das letzte Lebensjahr wie ein offenbares und doch unerklärtes Räthsel. Ich habe die Fäden nicht verflochten, nicht gelöset, sondern nur daran herumgespielt, oder mit mir spielen lassen.
Verhehlen darf ich nicht, daß Nachrichten, welche mir nur allzu glaublich erscheinen, michsehrbefürchten lassen: die Hoffnungen, welche man hinsichtlich meines hiesigen Empfanges erregte (und die auch wohl meine Absendung beschleunigten), dürftenviel zu günstigund zurosenfarbengewesen sein. Gewiß werden die persönlichen Formen, nach französischer Sitte, sehr höflich ausfallen; es scheint aber, Frankreich ist gesonnen, seine Verhältnisse zu Deutschland erst inUebereinstimmung mit den übrigen Mächten aussprechen und feststellen zu wollen. Drängte man auf eine schnellere Entscheidung, so will man (wie ich höre) Zweifel erheben über Umfang und Gränzen des deutschen Reiches, über die Art, wie ältere Verträge mit den neuen deutschen Einrichtungen in Übereinstimmung zu bringen seien u. s. w.
Ich füge noch zwei Worte über hier umlaufende Ansichten hinzu. Manche sagen: „die frankfurter Versammlung, oder doch die Centralgewalt, geht darauf aus, ganz Deutschland für Österreich zu gewinnen und in Bewegung zu setzen. Zu einer solchen Richtung kann Preußen nie die Hand bieten, weshalb es zweifelhaft bleibt, ob Frankfurt übermächtig oder ohnmächtig wird.“ — Andere sprechen: „beiÖsterreich, Preußen, Baiern kann man sich etwas Bestimmtes denken; was man sich aber bei einer deutschen Centralgewalt denken könne oder solle — ist und bleibt unbegreiflich. Obgleich nun aber Frankfurt in der Luft schwebt, wie ein Chateau d’Espagne, greift es doch händelsüchtig nach allen Seiten über die rechten Gränzen hinaus und erregt Besorgnisse fremder Mächte, statt in stiller Bewegung für die heimatliche Entwickelung zu sorgen.“
Den 27. August.
Soirée bei Lamartine ½10–½11. Stereotyp ebenso, wie ich deren so viele besucht habe. Eine große Zahl Menschen, unter denen sich nur wenige kennen, Sitze fast nur für die Damen, Stehplätze zu 2–3 Fuß. Lamartine war freundlich und angenehm; Zeit und Sorgen haben ihn jedoch sehr altern lassen. Melancholisch machte die hier, mehr als irgendwo, immer wiederkehrende Betrachtung der schnellen Abnutzung und Vergänglichkeit alles Menschlichen. Denn ziemlich laut sprach man die Bemerkung aus: der Besuch des Salons sei unbedeutend im Vergleiche zu Dem, was er vor einigen Monaten gewesen! Das Sprichwort: „man wende sich zur aufgehenden Sonne,“ ist alt und wahr; hier aber wenden sich die Gesichter unzählige Male hin und her, nach jeder neu angesteckten Lampe oder Laterne.Denen, die da anstecken, folgen schnell Diejenigen, welche auslöschen oder zerschlagen. — Wäre ich hier nur erst angezündet, — an Auslöschen und Zurückziehen denke ich jetzt schon selbst. — Ich ward gestern einigen Herren (keiner Dame, dazu bin ich zu alt) vorgestellt, z. B. einem Legitimisten, einem alten Diplomaten, der mir erzählte: ich habe unterHardenberg, Noten an ihn erlassen u. s. w. Er verwechselte Hardenberg mit Haugwitz, und mich mit dem alten Onkel. Ich ließ ihn aber, ohne Berichtigung, bei seinem wohlgemeinten Glauben. Die Namen einiger anderen Herren wurden nicht deutlich vorgesprochen, und so will ich sie nicht nachsprechen, um ähnliche Verwirrungen zu vermeiden.
Mittags.
So eben komme ich von der ersten Audienz bei dem Minister Bastide zurück. Man hatte ihn mir als einen rechtlichen, aber finstern und schweigsamen Mann beschrieben; er war aber sehr offen, zutraulich, mittheilend, höflich. So hoffe ich denn, die Dinge werden in eine gute Bahn kommen, sobald die Frankfurter nur nicht im irrigen Glauben an ihreAllmacht, Alles bruskiren wollen, anstatt die Zeit walten zu lassen. Formelle Schwierigkeiten lassen sich heben, sobald man über die Sachen selbst einig ist. Die Thürsteherexcellenz wird hinter der Thür stehen müssen, und der lange Gesandtentitel sich vor der Hand, — oder vielmehr für mich auf immer —, in Friedrich v. Raumer verwandeln. Wo dieser Name nicht hilft — nun u.s.w. — — — Herr Bastide empfing mich übrigens in demselben Zimmer, wo ich früher Guizot gesprochen hatte.Sic transit gloria mundi.
Von allen Seiten höre ich, daß der Kampf im Junius dringend nöthig gewesen und das Land vor den größten Übeln geschützt habe. Des Langredens sei man, auch in den Kammern überdrüssig, freue sich der Kürze Cavaignac’s, der durch bestimmtes Handeln täglich an Ansehen gewinne. Doch sind sehr viele Wahlen für landschaftliche Behörden in antirepublikanischem Sinne ausgefallen und über die Lebensdauer der Republik äußert man sich überhaupt sehr skeptisch und skoptisch.
Abends.
— — Noch einige Worte über die erste Unterhaltung mit Hrn. Minister Bastide. Sie war wesentlich vertraulicher Art und eben dadurch belehrender, als wenn wir uns in den alten, strengen Formen der Diplomatie bewegt, oder vielmehr nicht bewegt hätten.
Hr. Bastide sagte im Wesentlichen: wir freuen uns über die neue Entwickelung in Deutschland, wir wünschen enge, für immer dauernde, freundliche Verbindungen; wir werden uns nie in die inneren Angelegenheiten des Nachbarlandes einmischen; wir überlassen ihm, seine Verfassung und Verwaltung nach Belieben einzurichten. — Da indessen die europäischen Staaten über ihr Verhältniß zu der neuen Centralgewalt noch zu keiner gleichartigen Ansicht gekommen, und wir durch mancherlei freundschaftliche Verträge mit den einzelnen deutschen Staaten seit Jahrhunderten verpflichtet und gebunden sind, so wünschen wir ein letztes, entscheidendes Wort erst dann auszusprechen, wenn wir hierüber nähere Kunde eingezogen und uns in den Stand gesetzt haben, desto unbefangener und bestimmter unsere theilnehmenden Ansichten an den Tag zu legen.
Hr. Bastide bemerkte ferner: das an ihn gerichtete Schreiben veranlasse einige Bedenken, über welche sichschriftlichzu verbreiten vielleicht Beiden unangenehm sein dürfte. Besser also, es in diesem Augenblicke zur Seite zu lassen und zunächst sichmündlichzu verständigen. Den eigentlichen Anstoß mochte der Ausdruck:l’empire germaniquegeben, welcher eine vollständige, augenblickliche Anerkennung in sich zu schließen schien.
Hr. Bastide las hierauf das Schreiben Sr. kais. Hoheit, des Reichsverwesers, fand es wohl abgefaßt und übernahm, dasselbe dem Hrn. General Cavaignac vorzulegen, mir aber so schnell als möglich dessen Entscheidung mitzutheilen. Als sich das Gespräch auf Schleswig wandte, bemerkte Hr. Bastide: Frankreich würde sich am liebsten von dem unglücklichen Streite fern gehalten haben. Eine dänische Aufforderung, die Bürgschaft von 1720 zu vertreten, habe sich aber, Ehren halber, nicht geradehin ablehnen lassen. Weitere Untersuchungen hierüber ständen offen; vor Allem aber müsse man suchen, aus Gründen der Gegenwart, den Kriegbaldmöglichstzu beenden. Über die polnische Sache sagte Hr. Bastide nur wenige, keine erhebliche Theilnahme zeigende Worte; sowie er auch ein näheres Eingehen in die italienischen Angelegenheiten den nächsten Tagen vorbehielt.
Endlich erwähnte Hr. Bastide, zwar nicht als einen innerlich gewichtigen, aber dochunzeitigenundunangenehmenUmstand, daß in Deutschland Manche davon sprächen: Elsaß und Lothringen wieder zu nehmen. — Ich will nicht durch Niederschreiben meiner hierauf ausgesprochenen Bemerkungen lästig fallen. Die Äußerung: daß sich zahlreiche Versammlungen leicht zu weit fortreißen ließen, und dies noch jetzt in Paris der Fall sei, gab mir Gelegenheit, auch für Frankfurt einige Rücksicht zu verlangen.
Der Gesammteindruck des ganzen Gesprächs war durchaus angenehm. In der Hauptsache:Friede und Freundschaft, zeigte sich die vollkommenste Übereinstimmung mit Frankreich, und die Beseitigung einiger unausbleiblicher Zweifel ward in nahe Aussicht gestellt; habe doch die französische Republik auchMonate lang, ohne officielle Gesandte, ihre Geschäfte nur durch in officiösen Verhältnissen stehende Personen führen lassen. In Bezug auf meine Person drückte sich Hr. Bastide weit schmeichelhafter aus, als ich es verdiene.
Den 28. August.
In Frankfurt drückte das Übermaß der Arbeiten; hier wird die Faullenzerei und vielleicht die leere Geselligkeit lästig werden.