Einundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 1. August 1848.
Es war heute gar langweilig in der Sitzung. All das hundert Mal Gehörte widerAdelundOrdenward aufs Breiteste wiederholt und durcheinander gerührt. Das Wahre war nicht neu, und das Neue nicht wahr. In einer Minute kann man das stundenlang Auseinandergezogene aussprechen und niederschreiben: nämlich, des Adels unhaltbar gewordene Vorrechte hören auf; um alles Andere (in Wahrheit Unschädliche und Unerreichbare) hat man sich dagegen nicht zu bekümmern. Auch der Reichscanarienvogel hofirte zwitschernd in schlechtem Witze auf den Adel; G. belehrte uns:vonsei eine Präposition, die den Dativ regiere, also — u.s.w. Mir erschien es ungebührliche Zeittödtung zuzuhören, wenn man bestimmt weiß, wie man stimmen soll und muß; so ging ich denn vor dem Schlusse ohne Gewissensbisse hinweg, um an Euch zu denken und an Euch zu schreiben.
Unterhaltender als die Reden sind die anliegenden Karikaturen, alle sprechend ähnlich, trotz der hieher gehörigen Übertreibungen. 1)Robert Blum, der Herausgeber der Reichstagszeitung, mit Bezug aufeine daselbst befindliche Äußerung. 2) L. (zubenannt das Wiesel, weil er geneigt ist, so rasch wie dies Thierchen auf die Rednerbühne hinaufzuschlüpfen). Diesmal fuhr Gagern aus seiner Höhe mit der glockenbewaffneten Riesenhand so ungeduldig und gewaltig dazwischen, daß sich das Wiesel, wie zu schauen, auf die Flucht begab. — 3)Ruge, der Allesverachtende, mit Hegel’schen Redensarten Genudelte, der Weltenschöpfer und Weltenanschauer, hängt seinem Berufe nach oder krümmt sich unter ihm, in einer noch nie gesehenen Michelangelo’schen Stellung.
Ich schrieb Euch, daß davon die Rede war, eine Deputation nach Berlin zu schicken, um gerechte Klagen zu mildern, Mißverständnisse zu beseitigen u. s. w. Bald aber traten Zweifel hervor; an wen denn eigentlich jene Abgesendeten sich wenden, in welcher Art sie wirken sollten. Vor Allem ward klar, daß nichtzugleichSchlöffel, Nauwerk, Vincke, Lichnowsky u. s. w. konnten vertreten werden; daß gar nicht Alle dasselbe wünschten und bezweckten.
Den 2. August.
Diejenigen preußischen Abgeordneten, welche von jeher der Meinung waren: man müsse den süddeutschen und anderen Angriffen nur Geduld und süße Redensarten entgegensetzen, schreien gewaltig über die Grobheit und aufregende Leidenschaftlichkeit der SchriftGriesheim’s. Nun ja! sie ist grob und leidenschaftlich; aber wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück. Auch streitet Griesheim nur gegen grobe Personen, oder noch weit mehr gegen die Grobheit der Sachen; und daß er in dieser letzten Hinsicht Unrecht habe, ist noch von Keinem behauptet worden. Die Entrüstung der Preußen hat ihnen und ihrem Rechte in wenigen Tagen weiter geholfen, als die weichliche Schafsgeduld, gegen die ich mich seit meiner Ankunft erklärte und worüber ich mich immerdar ärgerte. Die wahre Einheit Deutschlands ist mit der festen Größe Preußens besser gefördert, als wenn ich mich hergebe seinen dummen oder böswilligen Feinden die Hände oder gar den H.— zu küssen.
In der heutigen Sitzung ward über den Adel weiter verhandelt und dann abgestimmt. Fast Alle erklärten sich für die Abschaffung der Adelsvorrechte; die Abschaffung des Adels bis auf Namen, Bezeichnung, Titel, Wappen (nach revolutionairer Weise) ward aber mit einer Stimmenmehrheit von 115 verworfen. Wozu solche polizeiliche, bedeutungslose, unausführbare Vorschriften unter die Grundrechte des deutschen Volkes aufnehmen? Auch der Sturm gegen alle Orden mißlang; wogegen es durchging, jeden nicht mit einem bestimmten Amte verbundenen Titel aufzuheben! Endlich stimmte die Linkedafür: daß jeder Mensch berechtigt sei, sich irgend einen Adelstitel beizulegen; — worüber große Heiterkeit entstand. Man rief: Graf Blum, Baron Canarienvogel u. s. w.
Die angenommenen Sätze lauten: Alle Deutsche sind gleich vor dem Gesetze. Standesprivilegien finden nicht statt. Titel, die nicht mit einem Amte verbunden sind, werden aufgehoben und dürfen nicht wieder eingeführt werden. Die öffentlichen Ämter sind für alle dazu Befähigten gleich zugänglich. Das Waffenrecht und die Wehrpflicht ist für Alle gleich; Stellvertretung bei letzterer findet nicht statt. — Vergeblich machte man darauf aufmerksam, daß man den Proletariern nicht Waffen in die Hände geben solle. Bei der Ausführung wird der Beschluß Übelstände in Menge herbeiführen, oder vielmehr nicht ausgeführt werden.
Die ganze Berathung hatte sehr wenig Erfreuliches. Insbesondere konnte der Präsident mit Worten und Klingeln die Leidenschaft und das Dreinreden der Linken kaum bändigen. Sie hofft, daß in Berlin und Wien ihre Ansichten obsiegen werden. Leicht möglich, wenn die Klubs ungestört ihre revolutionairen Umtriebe fortsetzen dürfen.
Ich holte aus der Lesebibliothek: DerRechtevon der Gräfin Hahn. Sie hat (eine seltene Eigenschaft bei schriftstellernden, meist rückläufigen Frauen)sehr große Fortschritte gemacht, und mir erscheint das Buch wie eine Vorstudie zu der ohne Zweifel vollkommneren Sybille.
Ich habe eine Abneigung gegen breitgetretene, kränkliche Liebesgeschichten, vor denen alle Gesundheit verschwindet oder als das Geringere verächtlich behandelt wird. Mattherziges, faules, unthätiges, unmännliches Gesindel, füttert und päppelt sich mit dem blähenden Kohle hohler Redensarten von unerhörter, ungesehener, überpoetischer Liebe; und wenn man das aufgeputzte, geschminkte, verhätschelte Götzenbild mit dem Zauberstabe ächter Wahrheit und Schönheit berührt, so stürzt es zusammen und es bleibt nichts übrig als ein wenig Unrath.