Zweiundvierzigster Brief.

Zweiundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 4. August 1848.

Gestern ist der Erzherzog unter ungeheurem Zulaufe des Volkes wieder eingezogen. Diesmal waren denn auch mehre Hundert weiße Mädchen mit Eichenkränzen zur Hand, von Kindern an bis zu sehr breiten Jungfrauen. Nach Berlin ist Johann wohl der eingetretenen Mißstimmung halber nicht gegangen. Heuteerwartet man die Ernennung der übrigen Minister, wo die kleinen Staaten gewiß wieder stärker vertreten werden, als Preußen. Überhaupt muß sich dies selbst geltend machen, und nicht auf den Reichsverweser und die hiesigen preußischen Abgeordneten allzu viel bauen.

Den 5. August.

Bevor ich zu sachlichem Berichte komme, muß ich persönlich tiefe Seufzer ausstoßen, um dadurch mein Gemüth etwas zu erleichtern. Die gestrige sechsstündige Sitzung (in welcher sehr viele Reden über die Todesstrafe abgeschrien wurden und die Linke eine so starke Begleitung übernahm, daß der Präsident sie mit dem Glockenspiele zu übertönen suchte, aber die Glocke zerschlug, sodaß sie nur sehr heisere Töne von sich gab) griff mich so an, daß mir fast die Sinne vergingen. Beim Frühstück klagten Abgeordnete, daß von Tage zu Tage ihr Appetit abnehme. Ich aß, sagte einer, erst drei, dann zwei Portionen; jetzt ist mir eine fast zuwider. Ganz mein Fall.

Hierauf wandte sich (ganz in der Regel) meine Melancholie wider mich selbst und meinen hiesigen Aufenthalt. Ich erschien mir völlig unnütz, ein Tropfen im Meere. Es erschien mir verkehrt, in dieser Einsamkeit auszuharren (denn 500 Menschenin der Paulskirche geben keine Gesellschaft) und meine wenigen Lebenstage für etwas einzusetzen, was viele Andere besser vollbringen könnten. Keineswegs verzweifele ich an der Sache, keineswegs halte ich die großen Aufgaben für gering und unlösbar, keineswegs jammere ich wie ein Trauerweib über Alles, was mich in der Nähe umgiebt und was ich aus der Ferne höre. Ich sehe nurmichan, lege mich auf die Wage und finde mich allzu leicht. Ich sehe mich an und finde, daß ich ineinemTage hier an Seele und Leib um mindestens zwei Tage älter werde, und ganz decrepit (ich brauche ein fremdes Wort für eine üble Sache) zurückkommen, und dann zum Troste keineswegs auf Lorberen ruhen werde, sondern hart liegen auf dem Bewußtsein meiner Entbehrlichkeit und Nichtigkeit.

Auf einem Spaziergange mit einem Abgeordneten, Martens aus Danzig, suchte mich dieser von meiner hiesigen, nützlichen Einwirkung zu überzeugen; dies war aber wohlwollende Höflichkeit und führte nur zu der noch verdrießlicheren Untersuchung, ob meine Verzagtheit wirklich auf rechter Demuth beruhe. — Endlich schnitt die Müdigkeit alle, in der That ganz fruchtlosen Betrachtungen ab; und ein langer Schlaf stellte die Kräfte so weit her, daß ich Euch diese Jeremiade schreiben konnte. Jetzt zu den Sachen!

Der Hauptinhalt der gestrigen Berathung waralso die Abschaffung der Todesstrafe. Viele sprachen dafür, Wenige dagegen; so bringt es die Stimmung des Tages mit sich. Mir scheint die Frage in unseren Tagen (wo nicht mehr, wie sonst, Unzählige, sondern zu Folge der veränderten Gesetze nur sehr Wenige zum Tode verurtheilt werden) ungemein an Wichtigkeit verloren zu haben. Neben der Betrachtung über eine wissenschaftliche Rechtfertigung der Todesstrafe, geht aber (obwohl mehr oder weniger verdeckt) die Neigung her, sich nach jetziger Humanität mehr der Schuldigen als der Unschuldigen anzunehmen, mehr für den Einzelnen als für die bürgerliche Gesellschaft zu sorgen. Ich hatte schon Lust den Vorschlag zu machen: man möge die Todesstrafe abschaffen, dem Verbrecher aber die Wahl freistellen, ob er sich lieber wolle köpfen lassen oder lebenslang in die angeblich philosophisch-humanen, in Wahrheit fürchterlich grausamen, einsamen Gefängnisse einsperren lassen. Diese sind eine Tortur neuer Art; wenigstens schminkte sich die alte nicht mit süßen, sentimentalen Reden, sondern anerkannte ihre Barbarei, — angeblich auch für das Beste der bürgerlichen Gesellschaft. Ihr erlaßt mir die Mittheilung der für und gegen die Todesstrafe aufgezählten Gründe. Nur ein Paar Curiositäten. M. behauptete: in den Vereinigten Staaten erfolge die Hinrichtung nicht öffentlich,weildie Regierung sich derselbenschäme; undein Anderer führte für die Todesstrafe an, daß ohne Christi Kreuzigung das Christenthum nicht in die Welt gekommen wäre!


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