Einundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Julius 1848.
Gottlob, heute ist wieder Sonntag, obgleich kein Ruhetag; denn ich habe eben einen Bericht über Tirol und Randglossen zu dem Entwurfe über die Grundrechte des deutschen Volkes niedergeschrieben. Gestern war aber ein schwerer Arbeitstag: Sitzung von 9–3 Uhr, 3–4 Berathung in der vierten Abtheilung (zu welcher ich neu verlooset bin), 6–9 Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses; Summa 10 Stunden Arbeit, davon 6 in heißer, verdorbener Luft. Es ist ein Wunder, daß ich es in meinen alten Tagen aushalte, an jedem Tage bis 12 Stunden in steter Thätigkeit zu sein, — da Jüngere ausspannen, oder sich zu erleichtern wissen. Mit großem Rechte ist deshalb gestern beschlossen worden: wöchentlich nur vier große Sitzungen zu halten, Montags, Dienstags und Donnerstags über das Verfassungswerk, Freitags über andere Gegenstände. Dann würden die Sitzungen der Ausschüsse auf Mittwoch und Sonnabend fallen, und wenigstens Abends einige Ruhe und Erholung möglich sein. Hierdurch verlängert sich aber wahrscheinlich der hiesige Aufenthalt.
In jeder Abtheilung, deren 15 für alle Abgeordnete gebildet sind, ward gestern Einer zu einem Ausschusse gewählt, welcher die Gültigkeit der Wahlen Hecker’s und Peter’s untersuchen soll.Vorder Wahl des Ausschußmitgliedes kam es in Anregung: jeder möge aussprechen, wie er über Hecker denke. Professor L— erhob sich hierauf und sagte in sehr scharfer Weise: Hecker sei ein Hochverräther und verdiene den Tod. Dies Benehmen erregte (wie vorherzusehen war) Widerspruch und stimmte Manchen zur Milde. Ich bemerkte (und ebenso Gleichgesinnte), wir wären gar nicht berufen, vonvorn hereinabzuurtheilen. Der Ausschuß solle ja eben die Thatsachen untersuchen, die Akten lesen und Bericht erstatten; dann erst könne und solle Jeder, aus genügenden Gründen, nach seinem Gewissen entscheiden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Heckernichtaufgenommen (zweifelhafter steht es mit Peter), aber die namentliche Abstimmung verlangt werden, um die Verneinenden bei dem vornehmen und niedrigen Pöbel in Verruf zu bringen.
Im Ausschusse wurden zwei Polen (Graf P. und Prof. C.) über die posener Angelegenheiten befragt. Kommen diese Begeisterten erst in den Trab, dann geht es unaufhaltsam vorwärts, ihre Suade ist unerschöpflich und unversieglich, und mit jeder Minute steigern und erweitern sich Hoffnungen, Plane, Forderungen. Mich ermüdete das Alles gar sehr, daich es meist schon oft gehört hatte, und ich leider wieder bestätigt sah, daß dereinzelnePole wohlVernunftannimmt, daß sie sich aberuntereinander hinaufschrauben, bis sie Unmögliches für möglich halten, durch das Unbegränzte ihrer Ansprüche sich selbst den größten Schaden thun, und für Thatsachen und unläugbare Wahrheit keinen Sinn behalten. Ein Beispiel statt vieler: der polnische Ausschuß behauptet: dasganzeHerzogthum Posen müsse ganz polnisch organisirt werden, die Deutschen würden sich dabei sehr wohl befinden und, mit Ausnahme weniger Beamter, wünschten alle Deutsche unter polnische Herrschaft zu kommen!! — Und das glaubt die Mehrheit jener Eiferer, trotz der unläugbaren Gewißheit, daß die Begeisterung für die Polen sich binnen weniger Wochen in Haß und Bürgerkrieg verkehrte, und bei dem ersten Versuche die Deutschen unter polnische Herrschaft zu stellen, der blutige Streit sich erneuern würde.
Ich halte die Festsetzung der allgemeinenGrundrechteder Deutschen für einen äußerst wichtigen Theil unserer Arbeiten; auch wird er uns wohl mehre Wochen beschäftigen. Die Hauptgefahr dabei ist: daß man geneigt wird, aus Zorn über das frühereZuwenig, jetzt einZuvielzu fordern und zu bewilligen; daß man im Andenken an zu viele Verschiedenheiten innerhalb Deutschlands, jetzt Alles unter ganzallgemeine Regeln bringen möchte, und die Schwierigkeiten und Hindernisse zu gering anschlägt, welche daraus in den so mannigfaltig eingerichteten, gebildeten oder ungebildeten deutschen Staaten entstehen dürften. Ein anderer Irrthum ist der: die Freiheit bedürfe gar keiner gesetzlichen Schranke, und könne (als ein reines, unbedingtes Gut) gar nicht mißbraucht werden. Daher springt man aus Preßzwang in Preßfrechheit, und die löblichen Vereine arten aus in verdammliche Klubs. Nähmen doch deren Mitglieder, sowie die Behörden, Das zu Herzen, was darüber der treffliche Jefferson sagt und, auf meine Anregung, in Spiker’s Zeitung wieder abgedruckt ist. Viele reden von Nordamerika und meinen, wenn sie nothdürftige Kenntniß einiger Formen jenes Freistaates kennen gelernt haben, sie und ihre Städte und Länder wären dann leicht in Republiken umzuwandeln. Wenn eine häßliche, schiefe und bucklige Familie in das Museum geht und den Apollo, den Antinous, die Artemis, die Aphrodite sehr genau, von hinten und von vorn besieht: wird sie denn hiedurch schön, kommt sie verwandelt nach Hause?
Unter Volkssouverainetät verstehen die Maul- und Fausthelden nichts weiter, als daß ihr Belieben das höchste, täglich aufzustellende, abzuändernde, wegzuwerfende Gesetz sei. Daher läugnen sie Schranke und Maß; obwohl das Schrankenlose ganz gestaltlos, das Maßlose ungemäßigt, und das Chaos letztes Ergebniß dieser Richtung ist. In Amerika wird über die Abgeordneten viel raisonnirt und deraisonnirt; aber es fällt Wahlmännern oder Urwählern nicht ein (im Widerspruch mit den Gesetzen) neue Wahlen einzuleiten, weil ein Abgeordneter einmal nicht so gestimmt hat, wie es ihnen behagt. Die sogenannte französische Volkssouverainetät ist der vollkommene Gegensatz der amerikanischen; oder das Volk entschied dort gar nichts, sondern Paris war der leitende Hammel, oder der herrschende Tiger. Was bedeutet die Stürmung der Bastille, der 12. Vendemiaire und Ähnliches, gegen die letzten, Tage langen Schlachten mit ihren Grausamkeiten, Plünderungen, Minen &c. Und doch hatten die Besiegten nichtganzUnrecht. Viele litten bittere Noth in Folge der Ereignisse des Februar, in Allen hatte man thörichte Hoffnungen erregt, Allen hatte man unsinnige Versprechungen gegeben. Leute wie Louis Blanc sind die sündigen und verrückten Urheber der Empörung. — Wie rasch wechseln Dinge und Personen: Lamartine, Rollin, Blanc u. A., wie verschieden! Darin aber Alle gleich, daß sie verbraucht,usé, sind und zur Seite geworfen werden. Welche Warnungen gegen Ehrgeiz und Eitelkeit! Wem man heute eine Lorberkrone aufsetzt, der kann mit Gewißheit darauf rechnen, daß sie ihm bald nachher abgerissen und er angespien wird! Vincke,Camphausen, Sydow u. A. geben selbst in unserem Vaterlande lehrreiche, bittere Beispiele, — Derer nicht zu gedenken, die sich selbst zu Grunde richteten, wie E. und S. Doch überleben die Edelsten jede Ungerechtigkeit ihrer Zeitgenossen, und gehen aus dem Fegefeuer der Geschichte unversehrt hervor. Wäre dies aber auch nicht der Fall, so kann auch der Kleinste und Geringste darüber ins Klare kommen, was zu thun seine Pflicht ist. Also (trotz aller Belästigung) für mich, nicht die Hände in den Schoß zu legen, nicht nach Amerika davonzulaufen, — sondern hoffend muthig auszuharren.
Die heutige Sitzung dauerte nur 4 Stunden; wir haben aber auch fast nichts zu Stande gebracht, da mit (oft beklagter, jedoch noch nicht abgestellter) deutscher Pedanterie eine Zahl von Fragen über die Form des Berathens und Abstimmens, mit ermüdender unnützer Weitläufigkeit, von einer langen Reihe von Rednern behandelt wurde. Und das geschieht unter lauten Behauptungen: das lang geknechtete deutsche Volk erwarte mit Schmerz seine Erlösung und wir dürften keinen Augenblick Zeit verlieren! Endlich ward (ich übergehe das minder Wichtige) entschieden: nach vollendeter Berathung über die Grundrechte, gehe Alles nochmals an den Verfassungsausschuß zur Prüfung und Redaktion. Dann erfolge eine zweite Berathung und Abstimmung über den berichtigtenGesetzentwurf. Die Linke sprach gegen eine zweimalige Berathung, hauptsächlich weil Jeder im Voraus wisse, wie er stimmen wolle, und (wie gesagt) keine Zeit zu verlieren sei. Man entgegnete: wenn Niemand erhebliche neue Gründe vorzubringen habe, werde er schweigen und die zweite Berathung fast nur eine zweite Vorlesung sein. Wenn Neues, Wichtiges hervortrete, sei der Gewinn für die Verbesserung eines so außerordentlich wichtigen Gesetzes größer, als der geringe Verlust an Zeit. Überhaupt wollte man, bei dem Mangel einer zweiten, wiederholt berathenden und beschließenden Kammer, wenigstens ein Analogon, eine Hemmung auffinden gegen das Überstürzen aus sogenannten unfehlbaren Grundsätzen, und das Vernachlässigen des Landschaftlichen und der persönlichen Rechte. Die Eiferer möchten, ungewarnt durch den Vorgang, einen Tag oder eine Nacht des 4. August herbeiführen. Sie vergessen unter Anderem, daß in solch einem Falle die Verwirrung in dem mannigfach gestalteten Deutschland noch größer werden würde, als in dem damals gleichartigeren Frankreich.