Zweiundzwanzigster Brief.

Zweiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 4. Julius 1848.

Der Ausschuß war gestern nicht so langweilig, wie ich voraussetzte. Abgeordnete aus dem deutschen Theile Posens ergingen sich nicht in Phantasien und Unmöglichkeiten, sondern hielten fest an Thatsachen und widerlegten ausgesprochene Zweifel durch Beweise. So ist über allen Zweifel hinaus erwiesen: daß die Deutschen sich um keinen Preis unter die Herrschaft der Polen stellen lassen, und lieber den Krieg auf ihre eigene Hand von Neuem beginnen. Wollte man jenes unfolgerecht und schwach bewilligen, anordnen; das Bewilligte käme gewiß nicht zur Vollziehung; und auf dem Wege übertriebener Forderungen, würden die Hoffnungen der Polen — wie schon so oft — scheitern. Sie sind tapfer, begeistert für ihr Vaterland, ermangeln aber aller Haltung, Einigkeit und politischer Klugheit, und ziehen Diejenigen welche ihnen nützen wollen oft mit ins Verderben. Die Ordnung, der Gehorsam und Zusammenhang, welcher den Russen mag aufgezwungen sein, giebt diesen eine solche Übermacht, daß Aufstände sie schwerlich aus Polen verdrängen werden. Oder wenn es geschähe, würde dies Land (ohne Umgestaltung desNationalcharakters) schwerlich Festigkeit und Einigkeit gewinnen. Doch wozu weissagen, was immer ein dummes Geschäft ist; sofern die Ausleger nicht von vornherein entschlossen sind, Das zu finden, was ihnen behagt.

Von dem Ausschusse ging ich (dringend aufgefordert) in eine Gesellschaft wohlgesinnter Männer im Hirschgraben, welche sich untereinander vortrugen, was sie in der Hauptversammlung vortragen wollen. Es mag löblich sein, daß Mancher sich so vorbereitet, aber mir erscheinen alle Vorbeschlüsse und Weisungen bedenklich, sofern sie die Unabhängigkeit mindern und fertige Abstimmungen schon in die Sitzung mitbringen, anstatt daß diese erst das Ergebniß der beendigten Berathung sein sollen. Ich könnte mich allerdings daselbst breit machen, und oft das Wort ergreifen; müßte aber befürchten, daß man mir dann, (wie manchem „Vielgeschrei“ unter den Abgeordneten) ein neues hohes Reichsamt übertrüge. So hat man den Einen zum Reichsgeschäftsordnungsbewahrer erhoben, weil er fast jeden Tag von der Geschäftsordnung spricht; einen Zweiten zum Reichsantragsteller; einen Dritten (sit venia verbo) zum Reichszweifel—! Das sind dieentremetsoderhors d’oeuvres, unseres sehr ernsten Gastmahls.

Heute kommt der erste Absatz des Gesetzentwurfes über die Grundrechte zur Berathung. UnzähligeRedner haben sich bereits angemeldet, und wir werden sehr viele unnütze Worte hören müssen. Indessen ist die jetzige Fassung allerdings ungenügend. Es heißt: „jeder Deutsche hat das allgemeine deutscheStaatsbürgerrecht.“ — Nun giebt es ja aber unzählige Deutsche außerhalb Deutschlands (in Siebenbürgen, Nordamerika u. s. w.) die es nicht haben und nicht haben können; während Franzosen, Polen, Böhmen, Slaven, die innerhalb Deutschlands angesiedelt sind, mit Recht die Zulassung verlangen werden. Der Thurm läßt sich nicht von oben bauen. Die wahren Stufen in Deutschland sind: Familie, Gemeine, einzelner deutscher Staat, deutsches Reich. Selbstständige Familienglieder sollen in eine Gemeine treten (nicht wie Schutzverwandte ganz daneben vegetiren, und doch schwadroniren); der Gemeinebürger hat Anspruch auf das Bürgerrecht des einzelnen deutschen Staates, und diesem soll auch das Reichsbürgerrecht gewährt werden. Nicht aber dürfen Reichsbürger, ohne Ansiedlung und Heimat, in Deutschland umher vagabondiren, und sich dann wie Heuschrecken da niederlassen, wo sie für sich reichen Fraß zu finden glauben. — Ebensowenig ist das Verhältniß des 3. Paragraphen zum zweiten klar; wie ich auch in den von mir entworfenen, von Schubert (nach einigen kleinen Zusätzen) angenommenen Vorschlägen, bemerkt habe. Man könnte über den Gesetzentwurf ein dickes Buch schreiben; hier durfte ich nur Einzelnes herausgreifen undkurzberühren, — sonst lieset es kein Mensch.Dixi et salvavi animam!

Die heutige Sitzung giebt Veranlassung eine schrecklich lange Berathung über die Grundrechte befürchten zu müssen; denn wir sind über die ersten zwei Absätze nicht hinausgekommen. Auch kostete eine sehr unnütze Frage (oder Interpellation) Blum’s leider viele Zeit. Da es lange vorher weltkundig war, man werde wohl den Erzherzog Johann zum Reichsverweser erwählen, hatten die Bundestagsgesandten (auf den Grund ihrer Berichte) die willige Zustimmung aller ihrer Regierungen erhalten, undnachder Wahl dies freudig dem Erzherzoge gemeldet, um ihm alle, nach dieser Seite hin, etwa obwaltende Zweifel zu benehmen. Dies natürliche, verständige, abkürzende Verfahren, stellten Blum und Consorten, als eine verrätherische heimliche Verabredung dar, als einen furchtbaren, allgemeines Mißtrauen erweckenden Eingriff der Fürsten in die Rechte der Reichsversammlung, als eine Quelle der allgemeinsten Unzufriedenheit im Volke u. s. w. — Noch nie hat Blum auf unhaltbarerem Boden gestanden und so schlecht gesprochen; auch ward er vom Bundespräsidenten von Schmerling gehörig zurecht gewiesen. Alle Anstrengungen seiner Freunde blieben umsonst (Einige entsagten sogar der Rede, was, ich glaube,noch nie geschehen); und anstatt die Bundesgesandten zurechtzuweisen und zur Verantwortung zu ziehen, ging man ganz einfach zur Tagesordnung über. — Lächerlich war es, daß ein Schreiben der nach Wien eilenden Abgeordneten, den über die Wahl Johann’s allgemein ausbrechenden Jubel (insbesondere zu Nürnberg und Fürth) begeistert verkündete; während Blum seine Schornsteinmalereien auftischte!

Am Anfange der Sitzung mußte ich Namens des völkerrechtlichen Ausschusses drei (sehr kurze, gewiß nicht zu lange) Berichte vorlesen, oder vielmehr mit größter Anstrengung herschreien: über Istrien, Trient und Roveredo, und den österreichisch-italienischen Krieg. Ich hoffe ein gedrucktes Exemplar beilegen zu können. So hätte ich mich einmal pflichtmäßig hören lassen, und (ein sehr seltener Fall) durch den zweiten Bericht zwei entgegengesetzte Parteien so befriedigt, daß sie mein Benehmen billigen und sich bei mir bedankten. Mit dem dritten wird es nicht so gehen, und — (von seinen kosmopolitischen Grillen ausgehend) wahrscheinlich heftig gegen Österreich Partei nehmen. Indeß schienen die Meisten mit meinen Anträgen einverstanden zu sein, wie denn auch der ganze Ausschuß, Inhalt und Fassung billigte.


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