Erster Brief.

Erster Brief.

Berlin, im März 1848.

Aus den Zeitungen werdet Ihr vollständige Kunde von den furchtbaren Ereignissen dieser Tage bekommen. Ich will nur einige allgemeine Andeutungen geben, meist mich aber an Das haltenwas ich selbst sah, und was sich (Eurer Theilnahme bin ich gewiß) aufmich selbstbezieht.

Schon vor den pariser und den sich daran reihenden deutschen Ereignissen hatte sich hier die Mißstimmung sehr gesteigert, und Viele hegten die Überzeugung: „die Regierung könne mit den bisher wirksamen Personen und in der bisherigen Weise und Richtung, unmöglich mehr lange geführt werden. Die Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten, die kirchliche (unter dem Namen neuer größerer Freiheit geübte) Willkür, die endlose Beaufsichtigungder Schulen und Universitäten, die Anstellung einseitiger, die Entlassung würdiger Männer u. s. w. u. s. w. regten täglich mehr auf, und die Berufung des Landtages ward täglich lauter und dringender gefordert. „Die Ausschüsse (das ergab sich immer deutlicher) konnten und sollten ihn nicht ersetzen. Wenn sich die Stadt (in Bezug auf Das, was der König bei Entlassung der Ausschüsse sagte) dankend ausspreche, so könne man (dies hoffte ich) Wünsche und Bitten am besten daran anreihen. Ich entwarf zu diesem Zwecke folgende Erklärung:

„Die königliche Bewilligung einer regelmäßigen Wiederkehr, oder Wiederberufung des allgemeinen Landtages, und die Bestätigung der sehr wichtigen Vorschläge zur Vervollkommnung des preußischen Staatsrechtes, ist ein höchst folgenreiches, beglückendes Ereigniß; — ein Ereigniß, welches finstere Besorgnisse verscheucht, Hoffnungen erfüllt, oder ihre Erfüllung bestimmt in Aussicht stellt, und die Einigkeit zwischen Herrscher und Volk (ohne welche jeder Staat zu Grunde geht) aufs Neue bekräftigt.„Deshalb erlaube ich mir den Antrag: daß die Stadtbehörden Seiner königlichen Majestät durch eine Schrift, oder Botschaft, den innigen Dank darlegen, zu welchem uns gleichmäßig Kopf und Herz antreiben, und dabei nochmals mit Nachdruck aussprechen mögen: Berlin, die Hauptstadt des Reiches, werdein Unglück und Gefahr, (wie in Zeiten des Glücks und der Ruhe) mit unwandelbarer Treue und dem Aufwande aller Kräfte ihre ehrenvollen Pflichten erfüllen, von der Bahn des gesetzlichen Rechtes niemals abweichen, und die persönliche Anhänglichkeit an Seine Majestät den König und das königliche Haus, (ohne welche dem Staatsrechte einer Monarchie die höchste Verklärung fehlt) wie ein Heiligthum festhalten und bewahren.Berlin, den 6. März 1848, Abends.v. Raumer.“

„Die königliche Bewilligung einer regelmäßigen Wiederkehr, oder Wiederberufung des allgemeinen Landtages, und die Bestätigung der sehr wichtigen Vorschläge zur Vervollkommnung des preußischen Staatsrechtes, ist ein höchst folgenreiches, beglückendes Ereigniß; — ein Ereigniß, welches finstere Besorgnisse verscheucht, Hoffnungen erfüllt, oder ihre Erfüllung bestimmt in Aussicht stellt, und die Einigkeit zwischen Herrscher und Volk (ohne welche jeder Staat zu Grunde geht) aufs Neue bekräftigt.

„Deshalb erlaube ich mir den Antrag: daß die Stadtbehörden Seiner königlichen Majestät durch eine Schrift, oder Botschaft, den innigen Dank darlegen, zu welchem uns gleichmäßig Kopf und Herz antreiben, und dabei nochmals mit Nachdruck aussprechen mögen: Berlin, die Hauptstadt des Reiches, werdein Unglück und Gefahr, (wie in Zeiten des Glücks und der Ruhe) mit unwandelbarer Treue und dem Aufwande aller Kräfte ihre ehrenvollen Pflichten erfüllen, von der Bahn des gesetzlichen Rechtes niemals abweichen, und die persönliche Anhänglichkeit an Seine Majestät den König und das königliche Haus, (ohne welche dem Staatsrechte einer Monarchie die höchste Verklärung fehlt) wie ein Heiligthum festhalten und bewahren.

Berlin, den 6. März 1848, Abends.

v. Raumer.“

Diese Erklärung hatte ich dem Vorsteher der Stadtverordneten bereits zum Vortrage übergeben, als ich mich überzeugte: die Mißstimmung über das angeblich Ungenügende der Bewilligungen sei bereits so gestiegen, daß der Antrag, Dank auszusprechen, nur Vorwürfe gegen den König hervorrufen würde. Ich nahm deshalb jenen Antrag zurück, schrieb jedoch dem — (mit Bezug auf frühere Gespräche): es sei zu befürchten, daß die Versammlung der Stadtverordneten zumächtigwerde; aber noch ungleich gefährlicher, wenn sie (sehr wahrscheinlich)ohnmächtig werde, und die Entscheidung in schlechtere Hände gerathe.

Die immer dringender werdenden Verhältnisse veranlaßten mich, (nach Abhaltung der ersten Versammlung in den Zelten) Folgendes an — zu schreiben:

„Den Vorschlag, heute in der Stadtverordnetenversammlung ein Dankschreiben an Se. Maj. den König zu beschließen, hat man aufgeben müssen, um nicht Widersprüche und unangenehme Erörterungen hervorzurufen. Nach Dem was sich hier und in andern Städten der Monarchie vorbereitet und in dem ganzen übrigen Deutschland bereits geschehen ist, hat es gar keinen Zweifel, daß eine ganze Reihe von Forderungen an die Stadtverordneten gelangen, und zu einer (vielleicht einstimmigen) Bitte umeiligeBerufung des vereinigten Landtages führen wird. Dies ist dermildesteAusweg um jene Forderungen in den Wegbesonnener, gesetzlicherBerathung zu leiten.„Wenn Se. Maj. der König sich hierüber auseigenerMacht ausspricht und dem Magistrate und den Stadtverordneten eine beim Anfange der Sitzung zu eröffnende Kabinetsordre zuschickt, so wird ihm unermeßlicher Dank zu Theil, es wird die Begeisterung im Innern und gegen das Ausland aufs Höchste steigen; er ist — wie es sein soll — derLeit-undPolarsternfürAlle. Geschieht dasUnvermeidlicheauch nur um einige Stunden zu spät, so verwandelt sich der glänzende Sieg in eine unglückselige Niederlage, und ganz andere Personenwerden die Lorberen für sich in Anspruch nehmen. Möchten nicht kleine, förmliche, die Wichtigkeit des Augenblicks verkennende Seelen, durch unentschlossenen Rath, Alles den Händen des Königs entschlüpfen lassen.„Verzeihen Sie, wenn ich mich in dieser ungewöhnlichen und vielleicht ungebührlichen Weise ausspreche; meine Liebe zu König und Vaterland und meine Kenntniß vaterländischer Angelegenheiten, verbot mir da zu schweigen, wo Kopf und Herz zu reden befehlen.Berlin, den 9. März 1848, Morgens 7 Uhr.“

„Den Vorschlag, heute in der Stadtverordnetenversammlung ein Dankschreiben an Se. Maj. den König zu beschließen, hat man aufgeben müssen, um nicht Widersprüche und unangenehme Erörterungen hervorzurufen. Nach Dem was sich hier und in andern Städten der Monarchie vorbereitet und in dem ganzen übrigen Deutschland bereits geschehen ist, hat es gar keinen Zweifel, daß eine ganze Reihe von Forderungen an die Stadtverordneten gelangen, und zu einer (vielleicht einstimmigen) Bitte umeiligeBerufung des vereinigten Landtages führen wird. Dies ist dermildesteAusweg um jene Forderungen in den Wegbesonnener, gesetzlicherBerathung zu leiten.

„Wenn Se. Maj. der König sich hierüber auseigenerMacht ausspricht und dem Magistrate und den Stadtverordneten eine beim Anfange der Sitzung zu eröffnende Kabinetsordre zuschickt, so wird ihm unermeßlicher Dank zu Theil, es wird die Begeisterung im Innern und gegen das Ausland aufs Höchste steigen; er ist — wie es sein soll — derLeit-undPolarsternfürAlle. Geschieht dasUnvermeidlicheauch nur um einige Stunden zu spät, so verwandelt sich der glänzende Sieg in eine unglückselige Niederlage, und ganz andere Personenwerden die Lorberen für sich in Anspruch nehmen. Möchten nicht kleine, förmliche, die Wichtigkeit des Augenblicks verkennende Seelen, durch unentschlossenen Rath, Alles den Händen des Königs entschlüpfen lassen.

„Verzeihen Sie, wenn ich mich in dieser ungewöhnlichen und vielleicht ungebührlichen Weise ausspreche; meine Liebe zu König und Vaterland und meine Kenntniß vaterländischer Angelegenheiten, verbot mir da zu schweigen, wo Kopf und Herz zu reden befehlen.

Berlin, den 9. März 1848, Morgens 7 Uhr.“

An demselben Tage um 4 Uhr begann die Sitzung der Stadtverordneten, über welche die Zeitungshalle am genauesten Bericht erstattet. Die überlauten Zuhörer hatten ohne Zweifel die Absicht: die Stadtverordneten zu zwingen,alleihre Forderungenauf der Stelleanzunehmen und zu den ihrigen zu machen. Dies Bestreben ward jedoch mit größtem Rechte vereitelt, und auch ich sprach (wie ihr in der Zeitungshalle lesen könnt) für gründliche und ruhige Berathung. Diese fand den 10. von 3–11 Uhr statt, und die Deputation, zu der ich gehörte, vereinigte sich endlich für die bekannt gewordene Eingabe. Sie ward den 11. in der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig angenommen. So weit ich sehen konnte blieben nur die HH. N. und B.verneinend sitzen, weil siemehr, und minderhöflich, fordern wollten. Die Zuhörer, einer bekannten Gattung, waren ebenfalls unzufrieden, und erhoben ein so gränzenloses, unanständiges Geschrei, daß die Sitzung leider mußte aufgehoben werden. Meine Furcht, die Stadtverordnetenversammlung dürfte zuohnmächtigwerden, war nur zu sehr gerechtfertigt.

Des Königs Antwort auf die Eingabe lautete zwar beruhigend, aber bei täglich, ja stündlich steigender Aufregung keineswegs zufriedenstellend.

Über dieersteVersammlung in den Zelten erhielt ich einen umständlichen, anonymen Bericht; wenige Tage später kam der Verfasser zu mir, klagend daß die zweite Versammlung sich ungebührlich in falscher Richtung bewegt, und großentheils aus anderen Personen bestanden habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam: wie schwer es sei solcher Bewegungen Meister zu bleiben, wie verantwortlich sie hervorzurufen.

Die Minister verloren die kostbarste Zeit, und behandelten das Eiligste in den Formen der alten Geschäftsführung, während aus ganz Deutschland, ja aus Wien Nachrichten von raschern Fortschritten einliefen. Preußen, Berlin müsse sich an die Spitze stellen und die Vorwürfe von Schläfrigkeit und Nichtigkeit widerlegen; — dies war die Ansicht Unzähliger. Planmäßig leiteten aber geschickt vertheilte,laute Demagogen das Ganze und bezweckten leider, daß die Aufregung sich zur Widersetzlichkeit steigere. Andererseits begingen die Kriegsführer Mißgriffe, und die unbedeutenden Unruhen des Montags, nahmen den bösesten Charakter an, als die ungebührlich gereizten und verhöhnten Soldaten, Dienstags an der Brüderstraße, ohne Ansehen der Person Gewalt übten. Man erließ zur Beruhigung eine Bekanntmachung, daß Militair- und Civilpersonen die Sache untersuchen und Schuldige bestrafen sollten. Magistrat und Stadtverordnete schrieben das Nöthige vor zur Bildung unbewaffneter Schutzcommissionen. Als ich in meinem Bezirke zur Vollziehung dieses Beschlusses aufforderte, schrien Mehre: ich wolle (ein alter Thor) Bürger verführen sich verstümmeln und erschießen zu lassen. — Ich rief: wer Muth hat folge mir; so schlossen sich endlich Viele meiner Führung an.

Donnerstag und Freitag (15., 16.) ward die Ruhe in der Stadt erhalten, womit aber viele Begeisterte und viele Böswillige gleich unzufrieden waren. Es verbreitete sich die sichere Kunde: man wolle Sonnabend um 2 Uhr dem Könige eine Bittschrift überreichen; viele Tausende wollten mitziehen zum Schlosse. Mit Bestimmtheit ließ sich voraussehen, daß dies nicht ohne Unordnung, ja Gefahr geschehen dürfte. Deshalb eilte ich Sonnabend frühzum — stellte ihm die üble Lage der Dinge vor, und daß es schlechterdings nothwendig sei, daß bis Mittag 12 Uhr beruhigende, unabweisliche und unausbleibliche Bewilligungen bekannt gemacht würden. — fand dies zweckmäßig und versprach sogleich zum Könige zu fahren und ihm das Nöthige vorzustellen.

Mit einigen Stadträthen und Stadtverordneten (wir fanden uns auf der Straße zusammen) ging ich zum Polizeipräsidenten, zum Kommandanten (wo wir den Minister Bodelschwingh fanden), deren wohlwollende Sorge und Theilnahme, ohne entscheidende Versprechungen nichts helfen konnte. Deshalb ward von den zusammeneilenden Stadtverordneten beschlossen, unverzüglich und gemeinsam mit dem Magistrate, eine Deputation an den König abzusenden. Ich ward mit zu derselben gewählt, und wir fanden im Vorzimmer die mit Orden überdeckten Stützen des Staates, gegen welche wir (einige der Eil halber in Überröcken) sehr gering und unanständig aussahen. Vorgelassen, ward dem Könige die volle, ungeschminkte Wahrheit, mit solcher Kraft und Rührung gesagt, daß Viele sich der Thränen nicht enthalten konnten.

Man bat um Preßfreiheit. — Ist schon bewilligt. — Um Berufung des Landtags. — Desgleichen. — UmVeränderung der Grundsätze über Wahlen und Abstimmungen. — Antwort, günstig, jedoch so bedingt, daß kein bestimmtes Ergebniß hervorging. — Gleichstellung aller Religionsbekenntnisse, ohne staatliche Bevorzugung. — Antwort: ich bin der größte Freund der Religionsduldung; die Leute dürfen sich ja nur aussprechen. — Zwischen E. M. und dem Volke stehen Räthe, welche das Vertrauen des Volkes nicht besitzen. — Antwort: diese Männer meinen es redlich mit dem Volke und der Krone.

Ich hatte mich aus vielen Gründen schweigend im Hintergrunde gehalten, sagte aber, als ich sah daß man zu keinem inhaltsreichen Ergebniß kam: wenn ich S. M. nicht mißverstanden, wollten Sie die von der Stadt Berlin vorgetragenen Wünsche, dem Landtage zur Berathung vorlegen und nach Empfange eines Gutachtens entscheiden. — Auf diesen Antrag ging der König indeß nicht einfach ein, weil ja zu prüfen sei: ob die Wünsche sich zu solch einer Vorlegung eigneten.

Der König sprach nach seiner Weise noch viel, verständig, gemüthlich; hierauf von seiner Macht, seinem Rechte, seinem göttlichen Berufe. — Sagen Sie laut, rief er, daß ich so wahr mir Gott helfe, Alles thun will was zum Wohle meines Volkes gereicht, daß ich aber niemals auch nur einen Fingerbreit von meinen Grundsätzen abweichen werde, daß mich keine Macht der Welt jemals dazu vermögen wird. — — —

Mir vergingen, im hinteren Gliede stehend, von der unbeschreiblichen Gemüthsbewegung fast die Sinne, ich hörte nur, was der König über die Heilsamkeit der Mäßigung und allmäliger Entwickelung sagte, als er auf mich zu ging, mit der Hand auf meine Schulter schlug, und die meine ergreifend und schüttelnd, sagte: dies ist ein alter Professor der Geschichte; er wird bezeugen ob ich Recht habe. Das konnte ich, in Bezug auf seine zuletzt gesprochenen Worte, aus vollem Herzen; auch war mir jener Handschlag ein Zeichen, daß der Zorn des Königs über die akademische Rede ganz verschwunden, und er von meinem rechtlichen Benehmen in der Stadtverordnetenversammlung überzeugt sei. — Alle diese Betrachtungen kamen jedoch erst hintennach; in jenem schweren Augenblicke konnte Niemand an seine eigene unbedeutende Person denken.

Wir stellten endlich das Mildeste und Wesentlichste aus allen Reden des Königs zusammen, sodaß Bewilligungen, Versprechungen und Hoffnungen jeden Gemäßigten befriedigen konnten. Auch that diese von uns vorläufig auf dem Schloßplatze ausgesprochene Verkündigung die beste Wirkung, und die Berathung auf dem kölnischen Rathhause endete mit einem Vivat auf den König, dem selbst die, sonst zu Unruhe und Widerspruch nur zu geneigten Zuhörer, beistimmten. Ich habe bei dieser Gelegenheit auch gesprochen, aber in solcher Aufregung, daß mein Gedächtniß mir den Inhalt nicht vergegenwärtigt, und ich die Zeitungshalle darüber nachlesen muß. Voller Freuden vertheilten wir uns in der Stadt, das Erlangte zu allgemeiner Beruhigung mitzutheilen. Als ich heimkehrend über den Schloßplatz ging, hatte der König vom Balkone gesprochen, die Hüte in der Luft, Hurrahrufen, überall (so schien es) der glücklichste Ausgang. — Kaum aber hatte ich diese Kunde für — dem — mitgetheilt, kaum war ich zu Hause angelangt, als die furchtbare Botschaft von neuem Schießen und Einhauen anlangte. Sogleich legte ich meine Binde als Schutzbeamter um, und forderte mir bekannte, wohlgesinnte Bürger auf mir zu folgen, aber sie warfen mich buchstäblich in einen Laden und beschworen mich mein Leben nicht nutzlos aufzuopfern; es sei ganz unmöglich den Sturm zu beschwören. Gleichzeitig allgemeines Geschrei von Verrath und Errichtung unzähliger Barricaden.

Ueber die Gründe und den Hergang des neuen Angriffs auf dem Schloßplatze lauten die Aussagen, selbst der Augenzeugen, so verschieden, daß schon jetzt kaum die volle Wahrheit aufzufinden ist. Ich will nur das mir Wahrscheinliche zusammenstellen.

1) Die Generale, Officiere u. s. w. hielten es für eine Schmach, sich vor Leuten, welche Forderungen in gesetzwidriger Weise geltend machen wollten, zurückzuziehen und ihnen nachzugeben. —

2) Die gemeinen Soldaten waren durch Spott und Hohn aufs Höchste gereizt.

3) Manche Soldaten und Führer hielten das Vivatgeschrei für einpereatund fürchteten die Bestürmung des Schlosses.

4) Den revolutionairen Unruhstiftern war ein friedlicher Ausgang durchaus ungelegen; sie thaten alles Mögliche, Unzufriedenheit mit dem Bewilligten hervorzurufen, und bezweckten einen großen, gewaltigen Aufstand.

5) Zu lange glaubte man auf dem Schlosse: man habe nur mit wenigem Pöbel zu thun, den einige Schüsse verscheuchen würden.

Als der König später umherritt und vor dem kölnischen Rathhause still hielt, eilten die Stadtverordneten hinab, und seiner wohlwollenden Anrede folgte ein lautes, ununterbrochenes Hurrah des unzähligen Volkes.

Der an fünf Stunden dauernde Leichenzug ging mit höchster Ordnung und ohne die geringste Störung vor sich. König und Königin sahen vom Balkone herab; alle Hüte beim Vorbeigehen abgenommen, — und doch welche bittere Stellung für jene!

Der Prinz von Preußen ist der allgemeine Sündenbock und Blitzableiter — — — obwohl ganz unschuldig an dem ihm zur Last Gelegten. Es offenbart sich in vielen Gegenden Deutschlands der künstlich berechnete Plan, alle Thronfolger verhaßt zu machen.

Der Oberbürgermeister Krausnick ward auf eine Weise gezwungen, sein Amt niederzulegen, die nach Form und Inhalt gesetzwidrig ist. Insbesondere hatte er gar keinen Theil an Dem, was man ihm vorzugsweise zur Last legt. Er ward des eisernen Bärensprung Nachfolger, weil man seine Verträglichkeit und vermittelnde Milde laut pries; dieselben Eigenschaften unterliegen, bei veränderten Verhältnissen, jetzt dem bittersten Tadel.

„Am schuldigsten (so lauten die zahlreichsten und heftigsten Urtheile) sind die abgegangenen Minister. Hätten sie irgend Scharfsinn und Voraussicht besessen, hätten sie muthig und einstimmig dem Könige Vorstellungen gemacht, hätten sie nicht das Abgestorbene gehätschelt und gepflegt; wir wären in milderem Wege vorwärts gekommen. Die alte, überkluge Bureaukratie hat einen Stoß bekommen, von dem sie sich nicht erholen kann; und die jüngeren Männer werden und sollen sich, minder gefesselt denn zuvor, Bahn machen und einen besseren Wirkungskreis gewinnen.“ — So die Urtheile!

Große Stürme stehen uns noch bevor; geistige Ruhe wird sobald nicht wiederkehren und ein großer Theil des Vermögens geht verloren: wenn wir aberzuletzt doch ein wahres Staatsrecht gewinnen, den niederen Klassen (nicht das Unmögliche, was Louis Blanc verspricht) aber doch einige Hülfe zu Theil wird; wenn Deutschland, neu begeistert, mächtiger nach Ost und West aufzutreten fähig wird; — so ist Leiden und Verlust nur gering, im Verhältnisse zu dem Gewinn. Also:nil desperandum!

An — — — —

— März 1848.

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,Die mich verstehen und der Welt Geschicke?Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;Cassandra unserer Zeit, Dein heilig GlühenGeopfert ward es unter Spott und Hohne!Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühenZu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,Die mich verstehen und der Welt Geschicke?Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;Cassandra unserer Zeit, Dein heilig GlühenGeopfert ward es unter Spott und Hohne!Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühenZu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,Die mich verstehen und der Welt Geschicke?Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;Cassandra unserer Zeit, Dein heilig GlühenGeopfert ward es unter Spott und Hohne!Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühenZu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,

Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!

Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,

Die mich verstehen und der Welt Geschicke?

Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,

Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,

Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,

Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!

So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;

Cassandra unserer Zeit, Dein heilig Glühen

Geopfert ward es unter Spott und Hohne!

Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,

Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühen

Zu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Den 14. Mai.

Heute werde ich 67 Jahre alt, und bin nun so bejahrt wie der Vater, als er starb. Vor drei Monaten war mein Haus so gut bestellt, daß ich ruhigdahinfahren konnte; es ist nicht meine Schuld, daß es jetzt ganz anders steht. Ein Glück, daß Frau und Kinder darüber ruhiger und gefaßter sind, als viele Andere, die mit Seufzen und Wehklagen nicht das Geringste ändern können und sich und ihren Umgebungen nur das Leben sauer machen.

Heute schreibe ich meinen Mitbürgern, daß ich das Amt eines Stadtverordneten niederlege und nicht wieder gewählt sein will. Dafür sprechen viele — unerfreuliche — Gründe. Alter, Übermaß der Geschäfte, falsche Richtung der Verwaltung, welche die Stadt bankerott und die Besitzlosen zu Herren macht, Unmöglichkeit ohne Gewalt aus der Anarchie zur Ordnung zurückzukehren u. s. w. Wenn man mich endlich bei den Wahlen für die Reichstage als verbraucht (usé) betrachtet hat, und meine gemäßigten Grundsätze feige und ungenügend nennt, so will ich auch andern und jüngeren Kräften überlassen, mit größerer Weisheit den städtischen Augiasstall auszumisten.

Die Frage über die Rückkehr des Prinzen von Preußen hat zu zwei sehr unruhigen Nächten Veranlassung gegeben; die Unruhstifter wünschten die Gelegenheit zu benutzen, in die Republik hineinzuspringen. Siegt das Ministerium, so ist dies ein großer Gewinn; eine Niederlage wäre eingroßes Unglück.

Die Zeiten, wo Politik oder Theologie allein herrschen, sind allemal unglücklich; alles Andere wird vergessen und mit der ächten menschlichen Bildung geht es rückwärts. Auch die Studenten vernachlässigen ihre Wissenschaft und wollen Dinge anordnen und beherrschen, die sie nicht verstehen und die gar nicht ihres Amtes sind. Als ich vorgestern nachsehen wollte, ob ich wohl Zuhörer fände, hieß es: Heute sei keine Zeit, Vorlesungen zu hören; die Studenten rathschlagten über den Prinzen von Preußen und die Entlassung des Ministeriums!!!

Ich weiß noch nicht, welche literarische Arbeit ich vorzugsweise unternehmen und ob ich etwas niederschreiben soll. Die Zeit des französischen Terrorismus und Direktoriums erschreckt mich, oder widert mich an. — Vielleicht am besten, ich schreibe gar nichts mehr; dann mag das Büchlein, welches ich anonym und unter dem TitelSpreuausgehen ließ, für eine Art von Testament gelten. Es würde mir wahrscheinlich einiges Lob und noch mehr Tadel verschaffen, wenn unsere Zeit Zeit hätte, sich um kleine Bücher zu bekümmern.

Bis etwa 14 Tage nach dem 18. März war überall (auch bei den Stadtverordneten) fast nur die Rede von den unsterblichen Barricadenhelden, die ihres Gleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht hätten, gegen welche Leonidas und seine 300 Spartaner nur jämmerliche Stümper wären, denen man in Marmor und Erz ewige Denkmale errichten müsse u. s. w. Seit 4–6 Wochen nimmt keiner mehr das Wort Barricade und Barricadenheld in den Mund, der 18. März wird zumnoli me tangere; und in vertrauteren Gesprächen wünscht man die Helden, und die polnischen, französischen und deutschen Anordner der „glorreichen“ Nacht, zum Teufel. So ändern sich die Zeiten; und es ist für ein Glück zu achten, wenn die höchlich erzürnten Bürger nicht die Proletarier nächstens (wie in Rouen) niederschießen müssen um Ordnung herzustellen. Sehr natürlich fordern die vergötterten Helden den Lohn ihrer Heldenthaten.Wir, sagen sie, haben euch die Freiheit erkämpft, währendihrfurchtsam hinter dem Ofen saßet u. s. w. — Und neben der Faulheit und dem Übermuthe, geht wahre, furchtbare Noth her, entstehend aus dem Stillstande des Verkehrs und der Fabriken. Früher haben die Fabrikherrn meist das Billigste verweigert; jetzt werden sie zum Unbilligsten gezwungen — und dadurch bankerott.

Ich fand soeben bei einem Gange durch die Stadt, Mauern und Pumpen mit Anschlägen gegen den Prinzen von Preußen bedeckt und bestimmte Zeugnisse daß Bürger, Proletarier und Klubs fraternisiren; während Die, welche sichguteBürger nennen, nichts thun, die Hände in den Schoß legen und abwarten,ob durch sogenannte Volksversammlungen in den Zelten, das Ministerium gestürzt, oder ganz ohnmächtig wird! Es fällt den Verblendeten nicht ein, welchem Schicksale Berlin entgegengeht, das nur vom Hofe, Soldaten, Beamten und einigen Fremden lebte. Man braucht nicht melancholisch, oder hypochondrisch zu sein, um auf den Gedanken zu kommen: in den breiten Straßen könnte dereinst Gras wachsen.

Neben dem jetzt unentbehrlichen stehenden Heere, ist die Bürgerwehr entstanden, welche durch unzählige Übungen und stete Wachtdienste Zeit, und also Erwerb und Geld verliert. Die an sich heilsame Einrichtung strebt nicht der amerikanischen nach, sondern man ergötzt sich bereits im Nachäffen mancher Bocksbeuteleien der europäischen Soldaten. Bei den Stadtverordneten kam eine heftige Klage zur Sprache, daß Soldaten die (ganz unnütze) Wache bei Montbijou besetzt hätten, wodurch die Freiheit in Gefahr gerathe (!!), und die gehorsame Behörde unterstützte das lächerliche Gesuch; während gleichzeitig berichtet wurde: 10 zur Wache berufene Bürger hätten sämmtlich geantwortet: sie würden nicht kommen, denn sie hätten etwas Besseres zu thun, als dort Maulaffen feil zu bieten. — So die Disciplin und die sogenannten Volksansichten. Jeder Haufen von Tagedieben nennt sich Volk, und die lieben Bürger fürchten sich vor den Barricadenhelden!

Den 17. Mai.

Die Stadt ist wieder mehre Tage in Aufregung gewesen, welche das Ministerium wohl hätte vermeiden können. Doch ist es beim Reden geblieben und bei Maueranschlägen. Zuletzt gewannen Gottlobdie Besserendie Oberhand, und bis zur Eröffnung des Landtages werden die Böswilligen wenigstens nichtsdurchsetzen. Charakteristisch daß dieWahlmännerzweimal eine Mehrheit für den Republikaner B. erstritten, und dieBürgerihn bei der Stadtverordnetenwahl unter bittern Vorwürfen haben durchfallen lassen. — Ebenso merkwürdig daß Arbeiter, denen Mitglieder des (fast terroristischen) politischen Klubs vorgestellt hatten, sie möchtenfaulsein umlängerbeschäftigt zu werden, die Schändlichkeit des Rathschlags einsahen, in die Versammlung drangen und die Verführer (wie Einige behaupten) selbst mit Schlägen bedienten. All jener Gefahren würden wir gewiß Herr; daß Frankreich aber den edlen, friedliebenden Circourt abruft und Arago hersendet, der seines Terrorismus halber aus Lyon verjagt ward, daß man im Marsfelde die Bildsäule Deutschlands aufstellt, ist eine nur zu bestimmte Hinweisung auf Krieg und Zerrüttung unseres unglücklichen Vaterlandes. — Durch Mittel der ärgsten Art wirken die polnischen Edelleute überall zur angeblichen Herstellung ihres Vaterlandes. Beharren sie aufdiesenWegen, so istnach 30 Jahren (wie Galizien zeigt) keiner mehr von ihnen übrig; haben sich doch schon im Posenschen die polnischen Führer zu den Preußen retten müssen, um nicht von ihren eigenen Landsleuten erschlagen zu werden.

Den 20. Mai.

Gestern war die Wahl des Abgeordneten für Frankfurt. Die Radikalen stellten den Vierfrager Jacobi mir gegenüber. Als die Wahlzettel verlesen wurden und es hieß: Geh. Rath v. Raumer, oder Professor v. Raumer, oder Friedrich v. Raumer, so erklärte ein Stimmzähler diese Zettel für nichtig; denn es gebe mehre Geh. Räthe, Professoren und Friedriche v. Raumer. Dennoch erhielt Jacobi nicht die Mehrheit; bei der zweiten Abstimmung waren etliche auf meine Seite getreten, und ich ward als Erwählter verkündigt. Jacobi dagegen ward nun zum Stellvertreter erwählt, und die Versammlung aufgehoben.Nachherhaben einige Eiferer erklärt: sie protestirten, meine Wahl sei nichtig. Und ich erklärte: erst wenn meine Wahl unbedingt für gesetzmäßig erklärt werde, würde ich nach Frankfurt gehen, keineswegs aber mich der Gefahr aussetzen, durch irgend einen Spruch, mit Spott und Hohn zurückgeschickt zu werden. — Ich wollte michnichtwieder zum Stadtverordneten wählen lassen. Daaber meine Mitbürger (die sich stets aufs Allerfreundlichste gegen mich benahmen) es dringend wünschten und von 219 Stimmen 205 für mich fielen (während mehreRadikalein anderen Bezirkendurchgefallensind), habe ich, um den Schein feigen Rückzugs in schweren Zeiten abzuwälzen, die Wahl zunächst für ein Jahr angenommen. Helfe Gott weiter!

Den 21. Mai.

In dem Augenblicke, wo ich gestern die Bestätigung meiner, als unantastbar bezeichneten Wahl für Frankfurt erhielt, bekam ich die Nachricht daß ich auch in Quedlinburg und im Ascherlebischen Kreise für den berliner Reichstag sei gewählt worden. Nach ernsten Überlegungen habe ich mich für Frankfurt entschieden und reise heute nach Dessau, dann über Köln nach Frankfurt.


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