Funfzehnter Brief.

Funfzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.

Die gestrige Sitzung dauerte von 9–½3, die Versammlung im völkerrechtlichen Ausschusse von 6–8; hiezu Lesen, Vorbereitungen, Geschäftsbesuche u.s.w. Es ist ein Wunder, daß man leiblich und geistig diese Anstrengungen aushält. Auch werden Manche schon matt wie die Herbstfliegen, und noch gestern bewunderte ein jüngerer Mann meine 67jährige Rüstigkeit. Dank sei dem Himmel, und daß ich immer der Natur gemäß gelebt habe: nirgends zuviel, oder zuwenig. Denn das letzte taugt auch nicht, und macht alt vor der Zeit.

Die Sitzung begann mit einem Berichte über die böhmischen Verhältnisse, der die argen Uebereilungen zurückwies, denen man sich vorgestern in falscher Begeisterung hingeben wollte. Erst wenn Österreich es verlangt, wird der Bund Mannschaft nach Böhmen senden.

Hierauf Fortsetzung der Berathung über die Bildung einer vollziehenden Gewalt. Es fehlt nicht an halbwahren Vergleichen, schiefen Bildern, rhetorischen Kunststücken und vor Allem anGrobheitengegen Bundesversammlung, Fürsten und einzelne Gegner. — — —Ein anderer Hauptredner der Linken, Herr —, sagte: ihr seid allmächtig! Verkündet: es soll Niemand mehr Zoll bezahlen, und es bezahlt Niemand mehr; sagt den Bauern, ihre Abgaben sollen aufhören, und sie hören auf. Derlei demagogischer Unsinn fand nebenbei seine Widerlegung, als die Rede darauf kam: ob jene Allmacht sich auch bei neuenForderungenzeigen würde? — Lächerlich war es, als er dieGenügsamkeitder Linken rühmte; zur Ordnung rief man ihn, als er sagte: wennhierdie Mehrzahl nicht thut was wir wollen, so haben wirdraußenmächtigere Hülfe u. s. w. — Sehr geschickt rief der Präsident Gagernnichtzur Ordnung, sondern sagte: man lasse den Redner ausreden, denn es ist gut, daß wir erfahren, welche Mittel jene Herren anwenden können und wollen. Den Schreiern folgten nun mehre Redner, welche auf die Sache selbst eingingen, und statt der Phrasen und flacher Rhetorik, ernste und oft witzige Gründe vorlegten. So Auerswald und Beisler. Endlich erwies Vincke sein altes Talent und sprach seine Ansichten mit Kühnheit und Geistesgegenwart aus, ohne sich durch das Ach und Oh seiner Gegner einschüchtern zu lassen.

Wie haben sich die Zeiten geändert! Im vergangenen Jahre, wollte ihn der König nicht sehen, er war im Verrufe bei allen Schwachköpfen, er sollte seiner Stelle entsetzt werden; und jetzt vertheidigt erKönige und Fürsten wider maßlose Angriffe! Ging und geht es mir aber nicht ebenso? — Wiederum erblickt man hinter allem Lobe der Demokratie, die Hinneigung zur Diktatur und zum Terrorismus.

Im Ausschusse führte ich und der Hamburger Herr Heckscher einen lebhaften Streit gegen das Ansinnen: der Berichterstatter in einer Sache solle Thatsachen, Gründe, Gegengründe u. s. w. u. s. w. buchstäblich niederschreiben und vorlesen. Es war auf ein Corrigiren wie der Quintanerexercitia abgesehen, würde unsäglich viel Mühe und Zeit kosten, ein unerträgliches, schriftliches Verfahren, an die Stelle mündlicher rascher Verhandlungen setzen und folgerecht auch ein Ablesen der Reden herbeiführen. — Beim Abstimmen fiel, in Folge unseres nachdrücklichen Widerspruchs, die, allweise sich anstellende, Pedanterie zu Boden.

Nachdem alle diese Kelche geleert waren, ging ich mit einem gescheiten Baier Hrn. Gombart, spazieren bis Bockenheim und hatte neue Veranlassung die Anmuth der Umgegend, die Schönheit der Gärten und die Mannigfaltigkeit der Landhäuser zu bewundern.

Ich freue mich über M—s muthige Äußerungen. Er hat ganz Recht, daß so große Umgestaltungen in der Weltgeschichte nicht ohne Wehen und Verlust abgehen können. Wenn man den Muth nicht verliert, nicht verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, so wird man im kleineren, wie im größeren Kreise nützlich wirken und zur Erhaltung oder Wiedergeburt nach Kräften beitragen. Das bloße Lamentiren (wie —) hilft zu gar nichts, auch üben gewöhnlich persönliche Vortheile, oder Nachtheile einen großen Einfluß. Bevor man sich nicht über diese Rücksichten erhoben hat, kann man gar nicht unbefangen einwirken.

Die Linke ist in B. so schwach, wie hier; wenn man nach ächter Erkenntniß und Politik fragt. Allein Vorurtheil, Fanatismus und Ehrgeiz überflügeln oft in ihrer gewaltsamen Bewegung, alle Wahrheit und Einsicht.Gut, daß Sydow und Bauernichtausgetreten sind. — Schutz des Volkes ist ein wohlklingendes, verständiges Wort; wenn aber der, Gesetze übertretende, Pöbel sich Volk nennt, soll man nicht schwatzen und liebäugeln; sondern mit Muth und Kraft entgegentreten und handeln.


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