Zehnter Brief.

Zehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Junius 1848,Nachmittags 5 Uhr.

Die Krawalls, welche alle Länder durchziehen und auch uns wie Gewitterwolken umringen, haben gestern Abend in Offenbach eingeschlagen. Hessische Soldaten verlangen Urlaub, und gehen (als er ihnen abgeschlagen wird) eigenmächtig davon. Nach ihrer Rückkehr werden sie, ganz von Rechts wegen, eingesperrt. Nicht blos ihre Kameraden, sondern auch andere Leute suchen sie mit Gewalt zu befreien. Man ist gezwungen nachzugeben; doch war die Zügellosigkeit oder die Übereilung der Art, daß geschossen ward und Etliche leichtere oder schwerere Wunden davontrugen. Gestorben ist noch Keiner; das Ereigniß wird man aber ohne Zweifel ausbeuten zur Erhöhung der Leidenschaften und als Vorübung zu größeren gesetzwidrigen Unternehmungen. Hat man doch Hecker zum Abgeordneten gewählt und es stehen uns hier Scenen bevor, denen ähnlich, welche in Berlin über die Barricadenhelden eintraten.

Die, man möchte sagen unmoralisch angetrunkene, Dummheit billigt leider jetzt Alles unbesehens, was gewisse Leute in einer bekannten Richtung vorbringen. Hr. B. erzählte: solchen Volksschwadronören werde stets ein lautes Bravo zugerufen, und wenn man frage: was hat er gesagt? erhalte man zur Antwort: wir haben nichts gehört.

Bei jener Auflösung aller kriegerischen Zucht, bei der Vernachlässigung aller deutschen Kriegsvorbereitungen (welche General Peuker nächstens öffentlich darlegen wird), schreien die Maulhelden nach Krieg. Gestern sagte mir Hr. v. —: Wirmüsseneinen Krieg mit Rußland haben. — Warum? — Wirmüsseneinen Krieg mit Rußland haben. — Geben Sie mir gefälligst Ihre Gründe an. — Wirmüsseneinen Krieg mit Rußland haben. — Weiter war aus dem MannekeinWort herauszubringen. — Krieg führen und Fasanen verspeisen, scheint ihnen gleich leicht und erfreulich zu sein. Solche horntolle Leute mag es beim Anfange des 30jährigen Krieges auch gegeben haben. Und doch waren damals mehr Gründe zu Gegensätzen und Gewalt vorhanden.Absit omen!!

Den 13. Junius.

Die Hitze erlaubte gestern nicht, Landvergnügungen in der Ferne aufzusuchen; deshalb ging ich mit L. in das, selbst am zweiten Pfingsttage nicht gefüllte, kühle Theater. Da es keine Zuschüsse erhält und jetzt wenig besucht ist, wird es Bankerott machen oder zu Herabsetzungen der Gehalte schreiten müssen. Wir sahen zuvörderst Wallensteins Lager gut in Scene gesetzt und ganz gut gespielt, so der Wachtmeister Hr. Reger, die Marketenderin Dem. Lindner, der Kapuziner Hr. Hassel. Eine ausgezeichnet schöne Stimme und natürliche Sprechweise hatte der wallonische Kürassier Hr. Breuer. Ich wundere mich jedesmal wieder, daß Schiller dies, von allen seinen anderen so abweichende, gelungene Werk zu Stande gebracht hat, im Wallenstein selbst aber keine Spur dieser einwirkenden Lebensverhältnisse hervortritt. Für unsere Zeit sollte dies Lager Lehre geben; denn wenn man noch länger die Freiheit auf dem Wege des Aufstandes sucht, und die Heereszucht befeindet oder untergräbt, wird die Tyrannei der Kriegsfürsten und Soldaten, sowie die Sklaverei der Bürger und Bauern nicht ausbleiben. — Dem Lager folgte die Schulstube, nach dem Französischen, mit vielen Anspielungen auf die jetzige Zeit, oft gut und treffend. Das Ganze sehr ergötzlich und zum Lachen.

Heute Vormittag besuchte ich zunächst den polnischen Grafen P., der mich verfehlt hatte. Er gehört zu den thätigsten Beförderern der Herstellung Polens, und ich habe mein Möglichstes gethan, ihn, indreistündigemlebhaften Gespräche, von unausführbaren Phantasien zurückzubringen und auf den Standpunkt des praktischen Staatsmannes zu stellen. Er blieb lange dabei: die polnische Nation verlange, daß das ganze Herzogthum Posen lediglich von Polen regiert, und die Deutschen ihrer Botmäßigkeit unterworfen würden. Die alte Landesgränze entscheide, und auf eine eingedrungene, oder eingeschmuggelte deutsche Bevölkerung (meist Beamte) komme es gar nicht an. Die deutschen Abgeordneten Posens möge man nicht zulassen, sondern (wenigstens provisorisch) ausschließen, und die Angelegenheiten des Herzogthums durch drei hier erwählte Polenfreunde ordnen lassen. — Ich erinnerte zunächst an meine für Polen günstige Schrift, und dass ich nicht die Sünden seiner Bewohner, die wesentlich zur Theilung beigetragen, aufzählen wolle. Von 1756 bis 1763 habe Polen den Feinden Preußens allen Vorschub geleistet, sei nichts gewesen als eine russische Landschaft, und 1772 habe sich Friedrich II. gegen eine Wiederholung dieser Übelstände und Feindseligkeiten schützen wollen. Wenn (fuhr ich fort) Ihre Anträge im Ausschusse zur Berathung kommen, werde ich dagegen stimmen, als Freund der Deutschenundder Polen. Um einigeHunderttausend Deutsche unter polnische Gewalt zu bringen, verscherzen sie leichtsinnig und muthwillig die Theilnahme von Millionen; sie trachten verkehrterweise sich einen Bestandtheil anzueignen, der ihnen immer feindlich bleiben und ihre Entwickelung hemmen wird. Auf die alte Landesgränze kommt jetzt (wo überall undübertriebendie Nationalitäten hervorgerufen werden) gar nichts an, und die deutsche Bevölkerung ist da und muß anerkannt werden, und wäre sie auch vom Himmel ins Herzogthum Posen hineingeregnet. Sie hoffen auf den Beistand der hiesigen Linken; sie blamirt sich, wird unfolgerecht und richtet ihren eigenen Boden zu Grunde, wenn sie die Deutschen, um der Polen willen, feige oder fanatisch preisgiebt. Ordnen Sie das rein polnische Posen und Galizien; streiten Sie nicht um ein Paar Dörfer oder Quadratmeilen, hemmen Sie nicht durch Umtriebe aller Art die Entwickelung Deutschlands und Preußens, drängen Sie nicht zu einem Kriege, für den man keineswegs genügend gerüstet ist; lassen Sie uns Zeit, uns zu ordnen und zu stärken; wirken Sie durch Mäßigung, daß eine jetzt nicht mehr vorhandene Theilnahme für Polen zurückkehrt, und man (wie früher) die Gefahr wieder ins Auge faßt, welche von Rußland droht. Überwerfen Sie sich nicht ohne Noth mit den Regierungen und den Völkern Preußens und Österreichs, halten Sie nicht frankfurter Deklamationen für allmächtig; hoffen Sie nicht zu viel von der unsichern Regierung Frankreichs, das zuerst an sich, und nur beiläufig (wie einst Napoleon) an Polen denkt.

Meine aufrichtigen Worte (ich sprach im Eifer fließender Französisch, als wenn bloßecaquetageverlangt wird) schienen einigen Eindruck zu machen. — Auf dem Wege, den Sie betreten, schloß ich, wird Polen nicht hergestellt, vielleicht aber Deutschland zu Grunde gerichtet und getheilt.

Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses gewirkt. Nun so hätte ichdenTag nicht verloren und meine Diäten verdient. —

Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen, das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen einlaufen.

Den 14. Junius.

L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. — Welch ein Wechsel der Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll, selbst mittelmäßige Leute,groß. Und jetzt: kein Vertrauen, keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.

Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen, sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. — Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, — und sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor, wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und obgleich wir noch lange nicht beimKaiserschnittsind, fühlen wir die Wehen schon allzustark.


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