Neunundfunfzigster Brief.
Paris, den 10. September 1848.
Ihr Schreiben über dieAbdankungdes gesammten Reichsministerii erhalte ich in dem Augenblicke, wo alle gegen den Zweck meiner Sendung erhobenen Schwierigkeiten so gut wie beseitigt waren. Ich muß darin (so weit meine Kenntniß reicht) nicht blos einen Wechsel der Personen, sondern auch des Systems und der künftigen Handlungsweise erblicken. Da ich nun der Überzeugung lebe, daß die frankfurter Beschlüsse über den Waffenstillstand mit Dänemark die innere Einigkeit Deutschlands leider stören und die unangenehmsten Verwickelungen mit denübrigen europäischen Staaten herbeiführen, so kann und will ich in dieser Richtung nicht mitwirken, sondern lege hiemit das mir anvertraute Amt in die Hände Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers nieder. Ich werde jedoch (wie sich von selbst versteht) bis auf weitere Befehle in Paris verweilen, obgleich, bei der großen Unzufriedenheit der hiesigen Regierung über jene Beschlüsse, für jetzt wenig odernichtswird zu Stande gebracht werden. Erst nach Rücknahme derselben kann von der so sehr gewünschten Verständigung und Einigung zwischen Frankreich und Deutschland wieder die Rede sein.
Den 11. September.
Gestern Nachmittag fuhr ich mit W. und dem wieder hergestellten B. zum Hippodrome. Reiterkünste auf schönen Pferden, Wettrennen von Affen auf kleinen Ponys, Wettrennen von vier Amazonen mit glänzender Kühnheit, Schule meisterhaft geritten vom alten Frankoni. Dies hatte ich ähnlicher Weise schon gesehen. Zum Schluß aber kam der Sonnenwagen,le char du soleil. Der Nacht folgend, stürzte eine Schar schöner, mannigfach gekleideter Mädchen auf muthigen Rossen in die Rennbahn, als Horen, Auroren, oder wie man sie sonst bezeichnen will. Hierauf der Sonnenwagen, hoch in der Mitte Apollon mit einem Fuße auf der sich drehenden Erdkugel stehend, die Arme ausgebreitet, auf den Seiten des Wagens andere Mädchen in den schönsten Stellungen, endlich hinter den Schultern Apollons zwei Mädchen wagerecht in der Luft schwebend, freundlich mit ihren Schleiern spielend und sich bewegend. Das Ganze wahrhaft zauberisch, wie ein Wunder aus der alten Fabelwelt in größter Schnelligkeit vorüberstürmend. Unerklärlich und noch ein Geheimniß ist es, wie dieses freie Schweben, diese Schönheit und Kühnheit möglich wird, ohne daß man einen Stützpunkt sieht, der doch ohne Zweifel da sein muß. — Nur ein Gedankenschatten fiel in diese Zauberwelt: was wird aus diesen schönen, heiteren, vorüberschwebenden Nymphen und Horen — wenn das Alter sie beschleicht? — Andere Freuden und Sorgen auf dem großen Mittagsmahle bei Lord N. General Changarnier, welcher neben mir saß (Alle in bürgerlicher Tracht), ist Befehlshaber der pariser Nationalgarde und gilt für einen der besten französischen Generale. Ich unterhielt mich mit ihm meist über Algier und Afrika. Nachdem die Beduinen besiegt sind, fehlt nur Holz und Wasser, um das Land emporzubringen. Trotz der Nähe bleiben neue Ansiedlungen kostspielig, auch ist das Klima für Europäer nicht günstig. Doch stehen wesentliche Fortschritte in Aussicht.
General Lamoricière, der jetzige Kriegsminister,erzählte von der großen Gefahr in den Junitagen, von der Furchtbarkeit des Kampfes, und daß an 250,000 Gewehre auf beiden Theilen in Bewegung gewesen wären!
Als ich Hrn. Bastide erzählte, was ich nach Frankfurt berichtet habe, billigte er, daß ich seine Mißbilligung über die gefaßten Beschlüsse ausgesprochen, und fügte in Bezug auf meine persönliche Stellung hinzu: ich bin bereit, Ihnen schriftlich zu bezeugen, daß wir mit Ihrem Benehmen durchaus zufrieden sind, daß kein Anderer mehr, ja nicht einmal so viel wie Sie ausgerichtet haben würde. Denn Sie haben unser Vertrauen gewonnen, und wir werden gewiß für die Sache und Sie thun was irgend möglich ist und in England vor den frankfurter Beschlüssen geschah u. s. w.