Sechzigster Brief.

Sechzigster Brief.

Paris, den 12. September 1848.

Ich habe schon angezeigt: daß die gegen Annahme des Schreibens Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers ausgesprochenen Schwierigkeiten so gut wie gehoben waren, als die Nachricht von Verwerfung des dänischen Waffenstillstandes, der gelungenen Unterhandlung eine neue, durchaus ungünstige Wendung gab. Die hiesige Regierung sah darin eine verletzendeGeringschätzungihrer Protestation, welche ihr um so unangenehmer ward, weil sie aus vielen Gründen abgeneigt und verhindert war, sich in die dänischen Angelegenheiten zu mischen. Sie wird es aber gewiß nicht unterlassen, so weit Ehre und Verträge sie dazu zwingen.

Hiezu kommt, daß man hier ganz allgemein die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund als ein gegen Dänemark begangenes Unrecht und den Krieg (wenigstens indieserBeziehung) als ungerecht betrachtet.

Auf Hrn. Minister Bastide’s ausgedrückten Wunsch: die Annahme des erzherzoglichen Schreibens wenigstens so lange auszusetzen, bis man aus Frankfurt neue Nachrichten erhalte, hätte ich eine bestimmte, schroffe Forderung aussprechen können, allein ich mußte voraussetzen, daß 1) hieraus (bei der augenblicklichen sehr großen Aufregung und Unzufriedenheit) sogleich ein völliges Abbrechen aller Unterhandlungen und auch wohl meine Abreise folgen würde. Einen solchen Ausgang hielt ich aber für so unangenehm und gefährlich, daß ich ihn ohne dieallerbestimmtestenBefehle herbeizuführen für pflichtwidrig erachtete; 2) lebte ich der Hoffnung, daß man in Frankfurt (bei dem Widerspruche aller Mächte) einen vermittelnden Ausweg auffinden werde und auffinden müsse, — wo dann die hiesige Unterhandlung auf die frühere Stelle zurückkehren und vielleicht zum Ziele geführt werden wird.

Überhaupt aber darf man nicht glauben, daß Lamartine’s in der Paulskirche viel bewunderte Worte von „Brüderlichkeit und Nationalität“ auch das unbedingte Glaubensbekenntniß der jetzigen Machthaber in Frankreich sind. Sie betrachten den Stand und Gang der europäischen Angelegenheiten keineswegs allein nach bloßen Gefühlen und abstrakten Grundsätzen; sie halten hingegen fest an den einfachen Lehren des gesunden Menschenverstandes, sind weit mehr Praktiker als Theoretiker, unterscheiden das Mögliche vom Unmöglichen, das Nützliche vom Schädlichen, nennen Lamartine’s geflügelte Worte eine sehr unbequeme Erbschaft, und legen gar kein Gewicht auf die Akklamationen in der Paulskirche, sobald ebendaselbst der dänische Waffenstillstand verworfen wird. Diejenigen also, welche für diese Verwerfung gestimmt haben, legten dadurch der von ihnen gewünschten Einigung Frankreichs und Deutschlands das größte Hinderniß in den Weg, und geben leider nur zuviel Gelegenheit zu einer höchst gefährlichen Annäherung Rußlands an Frankreich.

Den 13. September.

Gestern Abend aß ich beim —, wo von mehren Personen sehr harte Urtheile über Lamartine ausgesprochen wurden. Man läugnete nicht nur seine Fähigkeit, ein Staatsmann zu sein, sondern auch seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Ja, Einer behauptete: — — — Wie soll da der Geschichtschreiber die Wahrheit entdecken? Uebrigens haben während der provisorischen Regierung sich gewiß Viele eigennützig gezeigt. Daß der jetzige Zustand in Frankreich der einer freien, demokratischen Republik sei, wird Niemand behaupten; daß aber die Regierung mehr Muth und Kraft besitze, als irgend eine in Deutschland, hat keinen Zweifel. Auch zügelt die allgemeine Überzeugung von der Nothwendigkeit die Ordnung streng aufrecht zu erhalten, alle Parteien, und stellt um des höchsten allgemeinen Zweckes willen, die besonderen in den Hintergrund. Diese besonderen Ansichten und Grundsätze (z. B. Legitimität, Kriegsehre u. dergl.) werden ferner nicht von großen Persönlichkeiten gestützt und getragen: Heinrich V und die Bonapartiden sind an sich unbedeutende Leute, und mit bloßen Erinnerungen an Andere regiert man heut zu Tage kein Land. Die Herzogin von Orleans genießt großer Achtung, ist aber eine Fremde, ihre Kinder sind zu jung, und Allen fehlt die eiserne Faust, mit welcher afrikanischeGenerale die pariser Empörer erdrücken. Deren Sieg (man kann es nicht oft genug wiederholen, um sich mit dem Gegenwärtigen zu versöhnen, oder noch zu verständigen), deren Sieg hätte die bürgerliche Gesellschaft, Sicherheit und Eigenthum ganz vernichtet. Und in Deutschland würden diese Gräuel nur zu viel Anklang und Wiederhall gefunden haben!

Überall jedoch wird sich in Europa ergeben, daß in diesem Augenblicke neben einer ganz unbeschränkten Presse und unbeschränkten Klubs, keine Regierung bestehen kann. Wußte dies doch Jefferson selbst für Amerika; wenigstens ist das französische und deutsche Klubwesen des letzten Jahres dort gar nicht vorhanden. Wo eine wohlgeregelte Verfassung und Regierung besteht, wird das Klubwesen freiwillig (oder durch Gewalt) ein Ende nehmen. Die Einrichtungen für Staat, Landschaft, Städte und plattes Land können und sollen hinreichen, Jeden in eine angemessene, wahrhaft nützliche Thätigkeit zu setzen. Was daneben geht, oder darüber hinausgeht, ist fast immer vom Uebel.

Ich komme so eben von einem Sicilianer, A— den ich in Italien kennen lernte, und der mir sein Werk über sicilische Geschichte zusandte. Er ist im Auftrage der sicilianischen Regierung hier, um französischen Beistand in Anspruch zu nehmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß die Freiheit durch eigene Kraft gewonnen werden müsse. — Ehesich die Sicilianer (erwiderte er) unter das neapolitanische Joch beugen, lassen sie sich sämmtlich todtschlagen. — Dies ist das alte Elend, fügte ich hinzu, italienische Uneinigkeit, trotz aller sonstigen Verschiedenheit an Polen erinnernd. — Der Haß gegen Neapel ist wohl begründet. — Gewiß, aber doch ein trennendes Unglück, obgleich ich an die Möglichkeit und den Nutzen einer centralisirten Einheit für Italien nicht glaube. Solch eine Einheit würde das Schönste in Italien ertödten; es bedarf, gleichwie Deutschland, der Mannigfaltigkeit und einer föderativen Einheit. Fremde Einmischung ändert blos die Herren, bringt aber keine Unabhängigkeit. Hüten Sie sich Franzosen oder Engländer herbeizurufen: nur was Sie selbst zu Stande bringen, wird Dauer gewinnen und gern von Europa anerkannt werden.

Sind wir Deutschen nicht in einer ähnlichen Lage wie die Italiener? Streiten wir nicht mit Stammgenossen in Dänemark und Holland? Schimpfen nicht die Deutschen, welche laut auf Deutschlands Einigkeit dringen, am lebhaftesten auf Preußen?


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