Siebzigster Brief.
Paris, den 9. October 1848.
Die jetzige französische Regierung hat dafür gestimmt, daß der künftige Präsident durch die Nationalversammlung und nicht durch allgemeine Volkswahl ernannt werde. Sie konnte aber wohl kaum überrascht sein, daß sich die Mehrzahl der Abgeordneten für das letzte Verfahren erklärte, da man ja in unseren Tagen (ohne Rücksicht auf volksthümliche Verhältnisse) das am meisten Demokratische überall für das Beste hält. Merkwürdig, daß man zu gleicher Zeit unbedingte Einheit (unité) der Gewalt verlangt, hiebei vergessend, wie jene Einheit eben dieFormder Despotie, der unbedingten Allmacht ist, mag nun ein Czar, ein Senat oder ein Convent an der Spitze stehen.
Nachdem gestern meine gesandtschaftlichen Arbeiten beendet waren, ging ich den Kays der Seine entlang, zur KircheNotre-Dame. Jene Kays (die in London an der Themse leider fehlen) erhöhen die Schönheit von Paris gar sehr, und tragen gewiß auch zur Gesundheit einiger Stadttheile bei. Die Kirche unserer lieben Frauen ist groß und merkwürdig, steht jedoch den vollkommeneren Bauwerken dieser Art nach, sowohl hinsichtlich der Auffassung und der Verhältnisse des Ganzen, als in Rücksicht auf die Vollkommenheit der einzelnen Theile. — Nun zum Luxemburg.
Im Hofe war große militairische Parade. Die Soldaten lebendig, kühn, furchtbar; die Bewegungen gewandt, doch ohne ängstliche Pedanterie; die Ausführung der Musik gut, die Compositionen gesucht und manierirt. — Der Garten, bekanntlich ein würdiges Seitenstück zu den Tuilerien, eine Wohlthat für diesen Theil der großen Stadt; Gottlob noch gut erhalten. — Die Sammlung von Gemälden neuerer französischer Meister. Ich danke dem Himmel, daß ich nicht verpflichtet bin ein großer Kunstkenner zu sein, oder ihn zu spielen und mit aufgebauschten, schwülstigen, gestempelten Redensarten um mich zuwerfen. Mir istdieseganze Richtung der Kunst widerwärtig; ich halte sie für eine Ausartung die man bekämpfen, und der man nicht (um einzelner Vorzüge und einzelner Ausnahmen willen) schmeicheln und sie verhätscheln soll. Welche Technik! ruft man mir entgegen. Diese sogenannte Technik findet sich aber keineswegs überall; vielmehr sehe ich Nachlässigkeiten unmittelbar neben der Sorgfalt, Verzeichnungen, häßliche Farben, unnatürliche Verkürzungen u. s. w. Wenn der Zeus, oder die Athene des Phidias sich herabließen in den Tuilerien spazieren zu gehen, und sich daneben ein Seiltänzer auf dem Schleppseile sehen ließe, würden die privilegirten Kunstkenner diesen auch vorziehen und ausrufen: welche Technik!! — Die Wahl fast aller Gegenstände zeigt eine krankhafte, unschöne Leidenschaftlichkeit; eine Vorliebe für das Gewaltsame, Übertriebene, Unschöne. Oder, wo große Künstler durch Ermäßigung verschönerten, schlagen diese in einer Art von schlechter Branntweinbegeisterung den umgekehrten Weg ein. So z. B. ein Prometheus in der unnatürlichsten, widrigsten Stellung; Abel, ein lümmelhaftes Ungethüm, im Vergleiche mit dem vielbekrittelten, rührenden Werke von Begasse. Der Hund auf dessen Bilde ist mehr werth, als der ganze französische Skandal. — Fast kein Bild ohne Kranke und Leichen; ja, ohne Zweifel ist die Zahl der Leichen größer, als die der Bilder, undzwar Leichen blau, grün und gelb, der widrigsten Art. Sowie manche ekelhafte Schwelger stinkendes Fleisch und stinkende Fische allen frischen, gesunden Speisen vorziehen, scheinen diese französischen Künstler, Aas und Leichen den schönsten lebendigen Gestalten vorzuziehen und sich daran zu ergötzen. — Daß sie sehr selten religiöse Gegenstände behandeln, mag gut sein, es würde doch nur auf eine Profanation des Heiligen hinauslaufen: ein Christus erinnert sehr an die Schröder-Devrient. Ich könnte noch viel Einzelnes beibringen; dieser Stoßseufzer mag indeß genügen. — Auf dem Rückwege sahen wir noch die Kirche S. Sulpice und daneben einen neuen, reichlich fließenden Springbrunnen. In vier Nischen sitzen über den Wasserfällen: Flechier, Massillon, Fenelon, Bossuet; die letzten ruhig nebeneinander, obwohl sie sich den Rücken zukehren. Das nebenstehende College für Erziehung der Geistlichen, hat wohl Veranlassung zu dieser Ausschmückung des Springbrunnens gegeben.
Die französischen Zeitungen beschäftigen sich viel mit deutschen Angelegenheiten. In der Regel verstehen sie nichts davon, oder nehmen gern alle Lügen auf, die in ihren Kram dienen. Schlimmer, wenn ein Mann wie Ledru-Rollin darüber mit großer Anmaßung dummes Zeug vorbringt. DasJournal des débatshat ihn heute über mehre Punkte zurechtgewiesen und auch die Frage über das deutsche Gesandtschaftswesen berührt und dessen Schwierigkeiten nachgewiesen. Diese zu beseitigen ist lediglich Sache der Deutschen; nicht unnatürlich wenn sie aber auchhierhervortreten und mir meine Bahn erschweren. DasJournal des débatsthut mir indessen die Ehre an zu sagen:la personne de Mr. de Raumer est faite pour sauver bien des difficultés. — Erst störten mancherlei Thorheiten meine Kreise; jetzt die Raschheit mit welcher man von Frankfurt aus alle deutschen Gesandtschaften aufheben möchte. Ich wiederhole zwar: daß mit Anerkenntniß eines Reichsgesandten, neben allen anderen Gesandten, nichts über deren jetzige und künftige Stellung ausgemacht sei und ausgemacht werden solle; man wird dennoch hier scheu und möchte keinen Schritt thun, der von Einzelnen als verletzend könnte ausgelegt und aufgenommen werden. — Das frankfurter Schreiben an Preußen war in der That sehr unzart abgefaßt und konnte nicht:sauver bien des difficultés.
Die jetzigen Machthaber werden, zufolge des obigen Wahlbeschlusses, darauf dringen, daß der provisorische Zustandbaldigstbeendet und ein Präsident erwählt werde. Jene fühlen, sie seien schon im Sinken begriffen und suchen die Entscheidung schwieriger Sachen ihren Nachfolgern zuzuschieben.Auch meine Zwecke werden deshalb langsamer, oder jetzt gar nicht erreicht; und ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne daß eine Macht der Welt im Stande ist, in dieser allgemeinen Bewegung etwas Dauerndes festzustellen, oder festzuhalten. Bastide ist seiner Stellung überdrüssig und sein Nachfolger wird für mich (sofern ich dann noch hier bin) gewiß minder bequem sein.
Den 10. October.
Wenn in Nordamerika (wo die Menschen an strenge Befolgung der Gesetze gewöhnt sind) die in zwei Abstufungen eintretende Wahl des Präsidenten dennoch eine lange und große Aufregung hervorbringt; wie viel mehr wird dies beieiner, ganz allgemeinen Wahl in Frankreich der Fall sein, wo man so unruhig und so geneigt ist, sein persönliches Meinen und Wünschen über die Gesetze hinaufzustellen. Hiezu kommt, daß in Amerika gewöhnlich 2, höchstens 3 Bewerber auftreten und von alten Ansprüchen oder Berechtigungen gar nicht die Rede ist. Lamartine läugnet zwar, gegen die offene Wahrheit, deren Dasein, Bedeutung und Einfluß; wenn jene Präsidenten aber auch sämmtlich zur Seite bleiben, oder zur Seite geworfen werden, so bessern sich die Verhältnisse dadurch keineswegs, sondern die Unbestimmtheit und Ungewißheit wird noch größer.Oder wo ist der Mann auf den ganz Frankreich mit Vertrauen und Ehrfurcht hinblickte, oder hinzublicken genügenden Grund hätte, wie auf einen Washington, Jefferson oder Napoleon. — Cavaignac hat zu wenig gethan um den Leuten auf die Dauer zu imponiren, und was man ihm im Augenblicke der Angst vor der rothen Republik zu Gute rechnete, wird bereits vergessen, oder als übertriebene Härte dargestellt und umgedeutet. Lamoricière steht mit Cavaignac ungefähr auf derselben Stufe; Ledru-Rollin ist ein neuer Abdruck des alten Terrorismus; und Lamartine ein Rhetor, dessen Verwirrung und Schwäche, Andere als Heuchelei bezeichnen. Und doch hat er vielleicht geglaubt mit seiner letzten Rede die Präsidentenwürde zu erobern. Sie Jahre lang zu behaupten, würde ihm so unmöglich werden, als auf die Vendomesäule hinaufspringen und sich auf die Schultern Napoleon’s setzen. Daß übrigens Lamartine keinen Blick für geschichtliche Wahrheit hat, erweiset seine Geschichte der Gironde jedem unbefangenen Kenner. Welch eine Thorheit für einen Staatsmann, das, hier ganz unpassende Wort Cäsars zu wiederholen:jacta est alea!aus dem Regieren vorsätzlich ein dummes Glückswürfelspiel machen, und es durch einseitige, unbedachtsame Beschlüsse darin verwandeln.
Anlagen zur Demokratie, ächte Lebenselementederselben, sehe ich fast nirgends; überall nur demokratischeGelüste, beruhend auf Eitelkeit, Anmaßung und Verachtung alles Gesetzlichen. Wer sich nirgends unterordnen will, sondern Willkür des Einzelnen an die Spitze stellt, der hat das ABC einer rechten Demokratie noch nicht begriffen. Damit daß man Namen verändert, ist für die Sachen noch kein anderes Dasein begründet:rue royaleoderrue de la révolution;théâtre françaisoderde la république! An allen Kirchen, öffentlichen Gebäuden, Ministerwohnungen:liberté, égalité, fraternité; ein gutes, einträgliches Geschäft für Die, welche es anschrieben und dereinst, für Bezahlung aus öffentlichen Kassen, vielleicht wieder auslöschen. Die Republik, sagen Manche, ist nicht improvisirt, nicht aus dem Stegreife hervorgegangen; Frankreich war dafür längst vorbereitet und reif. Dennoch wußte selbst Lamartine, als er in den Februartagen seine großen Reden begann, nicht was er am Schlusse sagen wollte, und nachdem er der Herzogin von Orleans Kußhändchen zugeworfen und Katzenpfötchen gezeigt, machte er linksum und lief einer Dulcinea nach, welche der neue Donquixote Republik nannte. Bis jetzt zeigt und giebt sie keine Erlösung vom Bösen, sondern ist die Scylla, in welche man gerathen ist, um die Charybdis loszuwerden. Der National beweiset: Frankreich sei die einzige Macht, welche hinreichende Quellen besitze, Jahre lang bequem einen großen Krieg zu führen; ich wünsche ihm Kräfte, Mittel und Weisheit, Jahre lang den Frieden zu erhalten, ohne welchen Europas Bildung zu Grunde geht und Barbarei hereinbricht. Trotz unzähliger Erfahrungen, will die eine Partei noch immer nicht glauben, daß dieFormder Verfassung niemals gleichgültig ist; die andere nicht begreifen, daß sie nie entscheidend und allmächtig ist, sondern diePersonenmit gleich großem Gewichte in die Wagschale hineinsteigen.DieselbeForm, aber ein Ludwig XVI. oder Napoleon, welch ein unermeßlicher Unterschied!
Jetzt zur Abwechslung (oder auch nicht zur Abwechslung) wieder eine kleine Portion Paturot. „Eifer und Anstrengung sah man nur in den Parteien, welche mit den Leidenschaften auf der Straße verbündet waren. Die Anderen zweifelten an ihrer eigenen Überlegenheit. Sie sahen eine eingerichtete Gewalt vor sich, und waren geneigt sie zu hassen während ihnen die Kraft entwich, sie zu zerstören. — In Zeiten der Revolutionen erhebt und zerbricht man gar rasch die Götzenbilder. Kein Name, kein Ruf widersteht diesem Gesetze des Augenblicks, keine Größe bleibt unbesiegt. — Der gesunde Menschenverstand ist seltener als man glaubt, und nichts kann ihn ersetzen. — Vergleiche (transactions) mit der Unordnung helfen nicht; sie schieben das Übel hinaus und vermehren dasselbe. — Tausend Beispiele zeigen, was ein ausdauernder Wille vermag. Die offenbarsten Narrheiten, die sinnlosesten Träume haben sich durch Ausdauer einen Weg gebahnt. Jahre lang wiederholten die Sektirer dieselben Irrthümer und Sophismen, veränderten den Ausdruck unendliche Male, und verkleideten sie unter lügenhaften Formeln; und dies reichte hin um die bürgerliche Gesellschaft zu verführen, zu verderben und die Völker in den Abgrund zu stürzen. — Kunststücke, Auskunftsmittel (expédients) haben niemals ein Reich gerettet.“
Den 11. October.
Gewiß hat es Hr. Bastide mit jener ersten Erklärung aufrichtig gemeint, und ich kann sie in der That nicht mißverstanden haben. Doch darf ich Vermuthungen über die etwaigen Gründe neuer Zögerungen nicht unterdrücken. Nämlich: England scheint derofficiellenAnknüpfung diplomatischer Verhältnisse mit der Reichsgewalt weit mehr entgegen zu sein, als Frankreich. Lord N. wiederholte mir gestern alle die alten, meines Erachtens hinreichend widerlegten Einwendungen. Ich nahm mir hierauf (als Privatmann) die Erlaubniß, etwas schärfer aufzutreten und ihm zu sagen: England weiß, wie abgeneigt viele Deutsche seiner Politik sind, wie sie darin nur Eigennutz zu sehen glauben oder vorgeben. Und nun erhebt England unerwartet die meisten Schwierigkeiten und scheint durch sein Beispiel auch auf Frankreich störend einzuwirken. Ist das aber eine großartige Politik, um diplomatischer Kleinigkeiten willen die öffentliche Meinung Deutschlands zu verscherzen? Die Bemerkung: „mit Frankreich könne man eherofficielleVerhältnisse anknüpfen, denn wie es auch seine Verfassung ändere, bleibe doch immer Frankreich übrig“ beweiset gar nichts; denn wie auch Deutschland seine Verfassung ändert, bleibt auch Deutschland übrig. Daß aber die großen Bewegungen in Deutschland auf lange Zeit mit einem leerenNichtsendigen werden, ist ein großer Irrthum. Wer kennt die Zukunft Frankreichs auch nur auf Monate hinaus. Dringen die Franzosen in Italien oder gen Deutschland vor, so bricht der Bund mit England und das englische Ministerium zusammen, und man wird zu spät bereuen, Deutschland vernachlässigt und verletzt zu haben.
L. Bonaparte hat in der Kammer kurz und patzig, oder doch so gesprochen daß es den meisten Zuhörern nicht behagte. Deshalb wollen ihn Mehre zu häufigeren Reden aufreizen, damit erverbraucht sei, ehe ergebraucht sei. An derlei dünnen Fäden hängt die Zukunft Frankreichs; oder es wird doch vermuthet und geglaubt, man könne sie daran aufhängen.
Gestern Abend war es beim General Cavaignac noch überfüllt; trotz der Stürme oder der Ruhe, die ihm bevorstehen. Ich nahm Gelegenheit Hrn. Bastide über die dummen Klatschartikel zu sprechen, welche man in Frankfurt angeblich aus meinen Berichten über ihn zusammengedrechselt hat. Er (einst selbst Journalist) weiß sehr wohl, in welcher Weise Zeitungscorrespondenten hiebei oft verfahren, und mißt mir, Gottlob, nicht die geringste Schuld bei. Ich wiederholte die Hauptsachen die ich nach Frankfurt geschrieben habe, und er bestätigte, dies sei genau seine Meinung und seine Äußerung.
Beim sardinischen Gesandten traf ich gestern Hrn. Baruffi, der sich in Turin gegen mich äußerst freundlich gezeigt hatte. Wir sprachen viel über Italien. Ich nahm mir die Erlaubniß ihm zu sagen: es kommt weniger auf Landesgränzen und Wechsel der Dynastien, als auf eine gute Verfassung und Verwaltung an; aber die Italiener (immerdar uneinig) sind sich selbst die größten Feinde! — Es ergab sich, daß alle meine turiner Freunde und Bekannte, damals die Häupter der liberal Gesinnten (Balbo, Sclopis, Petitti, Villa Marina und Andere) jetzt von Leuten weit revolutionairerer Art überflügelt sind.Tout comme chez nous!
Es hat den Anschein, als werde es mit meinen Geschäften, aus vielen Gründen, sehr langsam, oder garnicht, vorwärts gehen. Preußen wird (mitvollem Rechte) bei den provisorischen Zuständen in Frankfurt, sein Gesandtschaftsrecht als Großmacht nicht ausstreichen lassen; während (wie ich höre) beide Hessen schon darauf verzichteten.
Salbadereienà la Lamartine, Lobpreisungen des Conventsà la Ledru-Rollin, Gebell aus der Ferne oder den Gefängnissenà la Louis BlancundRaspail, sind gewiß widerwärtig und unsinnig; — aber die berliner politischen Ikeleye, die in ihrem Sandwasser Courbetten schneiden und sich dabei selbstgefällig besehen, sind noch erbärmlicher und katzenjämmerlicher. Gott bessere es! — Alle Humanität läuft bei diesen Leuten darauf hinaus: Verbrechen ungestraft zu lassen, ehrliche Leute zum Vortheil des Gesindels zu Grunde zu richten, und Canaillerien aller Art, unter die sinnlose Rubrik:unschuldiger, politischer Verbrechenunterzustecken.