Neunundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. August 1848.
Daß ich nach Paris gehe, um die Wiedergeburt des deutschen Reiches, Namens des von einem Volksparlamente erwählten Reichsverwesers, der französischen Republik anzumelden, diplomatische Verbindungen anzuknüpfen, deutsche Verhältnisse zu erläutern, deutsche Beschlüsse zu rechtfertigen und (wo möglich) das Auftreten Deutschlands als europäische Großmacht anzubahnen; — das wäre kein Traum!? —
Helfe Gott, daß Alles ohne Dummheiten und Vorwürfe ablaufe. Das heißt, sofern die Dinge mir können zugerechnet werden. Alles Andere steht in höherer Hand.Friedenist das höchste Losungswort, das höchste Ziel, nicht blos meines ganzkleinen untergeordneten Auftrages, sondern aller Derer, die es mit ihrem Vaterlande und der Menschheit gut meinen.
Den 19. August.
Der Erzherzog sagte mir: es sei Schade, daß ich so lange meinen wissenschaftlichen Arbeiten entzogen werde. Hieraus folgte: daßer nichtder Meinung ist, mich auf längere Zeit in Paris festzuhalten; — woran vielleicht Andere für den Fall denken, daß ich auf der dortigen Eisbahn nicht zu Falle komme. Als ein Zeichen (freilich nur sehr geringes) diplomatischer Selbstbeherrschung kann ich anführen, daß ich dem Erzherzoge nicht sagte, was ich sagen wollte: „in meinem Alter bringe man überhaupt nichts mehr zu Stande.“ Er ist nämlich fast meines Alters. — Sonst befand ichhomuncio, mich dem hohen Reichsverweser gegenüber so natürlich und bequem, daß es mir kaum auffiel, als er mich „mein Freund“ nannte. Sein ganzes Wesen ist einfach, verständig, bestimmt, und erinnerte mich lebhaft (auch sein Äußeres) an meinen Vater.
Meine neue hohe Würde bringt mir von Thürstehern und Boten den Titel Hr. Minister, auch wohl Excellenz. Nach einer Märchennacht bin ich wieder Reichstagsabgeordneter, nach einer zweiten, Stadtverordneter, nach einer dritten ein alter Professor den Niemand mehr hören will. Und ist diese Sinecure nicht das beste Theil?
Gestern war ich wieder bei — um mancherlei mit ihm zu besprechen; damit insbesondere Preußisches und Deutsches nicht in Hader gerathe. Die Zusammenkunft in Köln hat nützlich gewirkt; ebenso das kraftvolle Benehmen der Preußen, nach dummem oder sentimentalem Dusel. Stände nur der berliner Landtag nicht so weit hinter der außerhalb desselben vorhandenen, höheren Bildung und Einsicht zurück, gäben nur Hansemann’s husarische Finanzplane und seine Organisationen nach französischer Weise, nicht so viel gerechten Anstoß.
Ich lese, daß in Preußen Viele noch immer zürnen, daß hier ein Reichsverweser erwählt worden. In meinen Briefen hoffe ich dafür hinreichende Gründe angegeben zu haben. Gewiß ist die demokratische Richtung und die Neigung der Versammlung zur Vielregiererei dadurch wesentlich gehemmt oder abgeleitet worden. Man muß derlei Dinge nicht im Allgemeinen,in abstractobetrachten und beurtheilen; sondern mit Rücksicht auf die vorliegenden Verhältnisse, das Mögliche oder Unmögliche, das größere oder kleinere Übel u.s.w. Zudem war es ein Glück, daß ein Mann wie der Erzherzog Johann vorhanden war, für den sich die Stimmen so allgemein vereinigten, daß Die, welche Itzstein vorzogen,sich und ihn lächerlich machten. Ob und wie dereinst eine zweite Wahl heilsam und beifällig zu treffen sei, — sind spätere Sorgen. Jeder Tag hat seine eigene Plage.
Den 20. August.
Herr von Biegeleben lieh mir Martens’ Handbuch für Diplomaten. Die ganze Weisheit läuft aber dergestalt auf Nichtssagen, Phrasendrechseln und Strohdreschen hinaus, daß ich das Buch sogleich zurückgab, in der Hoffnung, die neue Diplomatie, oder vielmehr Staatskunst, gehe auf die Sachen und einen wahren Inhalt hinaus. Zudem habe ich mehr Gesandtschaftsberichte gelesen, als vielleicht irgend ein Mensch in Europa; und lege dies, den vergessenen Formeln gegenüber in die Wagschale. Zuletzt:quel bruit pour une omelette; um einer Sendung willen, die, möglicherweise ganz unterbleibt oder 14 Tage dauert.