Zwanzigster Brief.

Zwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Junius 1848.

Die Linke hat in den letzten Tagen so viel Fehler begangen als zuvor die Rechte. Erstens nämlich, erscheint sie diesmal in ihren Abstimmungen uneinig und gespalten. Zweitens, mißfällt allgemein die Verwerfung desganzenGesetzentwurfes über die vollziehende Gewalt. Selbst die Galerie ist mit dem bloßen Verneinen unzufrieden und will sich mit keinemda capolanger Berathungen langweilen. Drittens, die Abstimmung für Itzstein zeigt die Schwäche dieser Partei in der Versammlung. Und dies um so mehr, da etwa eine Hälfte unpraktisch und hölzern an sogenannten Principien festhielt,unbekümmert, daß aus der Wahl jenes Mannes unausbleiblich der größte Zwiespalt hervorgegangen wäre. Die zweite Hälftewünschtdagegen einen solchen Zwiespalt; er ist ihr Lebenselement. Beide Hälften sind in Irrthum und Unrecht, und das: „ich wähle nicht, ich will keinen Unverantwortlichen,“ — machte nicht (wie Manche wohl erwarteten) einen tiefen, erhabenen Eindruck, sondern ward, in verschiedenen Tonarten und Betonungen ausgesprochen, fast lächerlich.

Gott gebe nur, daß zwischen der neuen Centralgewalt und den einzelnen Regierungen kein Zwiespalt entstehe, jene weder zu mächtig noch zu ohnmächtig werde und eine festere Verfassung bald zu Stande komme. Mag auch das Ergebniß langer hiesiger Berathungen noch so viel gerechten Einwendungen unterliegen, es hat doch, Gottlob, nicht den furchtbaren, blutigen Boden, wie das französischepouvoir exécutif, welches vor der Hand die Republik wieder zur Seite geworfen hat. Hoffentlich wird man in Berlin Cavaignac’s Maßregeln gegen Wühler und Klubisten nicht unberücksichtigt lassen, und zu ihnen nichtnach, sondernvordem Blutvergießen gerechte und heilsame Zuflucht nehmen.

Gagern ist wieder mit 399 Stimmen zum Präsidenten, Soiron mit 359 Stimmen zum Vicepräsidenten erwählt worden. Für die erste Stelle hatte der bekannte Simon 68, für die zweite Blum 104 Stimmen.

Als man (so höre ich) den Prof. V. darauf aufmerksam machte, daß das Bestreben der Linken durch die Anarchie hindurch zur Despotie führe, soll er geantwortet haben: und glaubt ihr denn, daß ich nicht Lust habe ein Despot zu sein? — Das paßt für alle über das Gesetz hinauswirkende, angebliche Helden der Freiheit.

Den 1. Julius.

Eine dreistündige Sitzung im völkerrechtlichen Ausschuß, die Abends bis 9 Uhr dauerte und von Posen und Tirol handelte, machte mich (da kaltes Regenwetter hinzutrat) körperlich todtmüde, und die Nachrichten aus Paris, sowie derInhaltEures und Waagen’s Brief vom 27. und 29. vermehrten meinen geistigen Kummer. Dort, in einer Zeit angeblich höchster Brüderlichkeit, Scenen wie sie seit Marius und Sylla kaum in der Weltgeschichte vorgekommen sind; im raschesten Wechsel, nach lautem Preisen der Freiheit und Gleichheit, die einzige Rettung durch militairischen Despotismus; die Nothwendigkeit langer Leiden, furchtbaren Hasses, schrecklicher Armuth, und der blutige Ausgang noch kein Zeugniß, keine Bürgschaft für zurückgekehrte Gesundheit. — Dann in Berlin: Regierung, Reichstag, Magistrat, Stadtverordnete, Bürger, Arbeiter, täglich dem Abgrunde näher kommend, muthlos mit Aufrührern capitulirend und liebäugelnd; Schwatzen und Schwadroniren ohne Ordnung, Zusammenhang, Fortschritt; kein ausgezeichnetes Talent, kein großer Charakter; das neue Ministerium ohne Vertrauen bei Andern oder zu sich selbst, von Hause als krank (bald als todeswürdig) bezeichnet; der König übermäßig zurücktretend, das Volk vom Königsthume immer mehr entwöhnend; Berlin entvölkert, verarmt, papierne Geldpflaster auf die Wunden legend; — und dabei noch immer eitelem Hochmuthe hingegeben, während man es von allen Seiten verächtlich behandelt!!

Muth und Unmuth wechseln ab, wie Tag und Nacht. Wenn ich mich durch die größten Anstrengungen geistiger und leiblicher Art bis zur Ohnmacht herabgedient habe, werfe ich mich auf den Boden des Vaterlandes nieder, und wenn ich auch nicht aufstehe wie ein Antäus, dann doch mitderKraft, des Tages Last wieder zu tragen und mir, im Gefühle, daß ichRechtthue, muthig zu sagen:Vorwärts!

Heute beginnen die Verhandlungen über die Volksrechte. Ich hoffe, hier soll im Ganzen Heilsames beschlossen werden; so scharf, jaübereilt, auch wohlManches in die noch bestehenden Verhältnisse eingreifen wird. — Alle Regierungen haben in die Wahl des Erzherzogs Johann gewilligt und ihn davon durch den Bundestag eiligst benachrichtigt. Er wird gewiß die Stelle annehmen; seine erste große Noth aber bei Ernennung der Minister finden, wo jede Partei Männer ihrer Farbe an die Spitze stellen und um jeden Preis durchbringen möchte. — Republikaner und Kriegslustige stören hier, wie in Berlin, und treiben zu Kriegen, ohne irgend Kriegsmittel und Kriegskenntniß zu besitzen. General Peuker hat hierüber eine sehr lehrreiche Schrift herausgegeben, welche nur zu deutlich erweiset, wie sehr schlecht wir gegen die (besser vorbereiteten) östlichen und westlichen Feinde gerüstet sind; wie man ein stehendes Heer, Übung, Kenntniß u. s. w. nicht entbehren kann und mit bloßen eilig zusammengebrachten, undisciplinirten Milizen und Freischaaren kein wohlgeordnetes russisches oder französisches Heer besiegen kann.


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