Sechster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Junius 1848.
So lange ich hier in Thätigkeit bin, hege ich keinen Zweifel darüber, daß ich hiezu noch tauglich und befähigt sei. Sobald ich aber zum Nichtsthun zurückkehre, scheint es mir verkehrt, nicht etwa selbst anmaßend eine Rolle spielen zu wollen, sondern Rollen auf mir und rings um mich spielen zu lassen. Doch muß ich mich mit demsustineabfinden lassen, bis etwa Hr. Agathon seinabstinedurchsetzt.
In der heutigen Sitzung ward (bei den dringenden Gefahren Deutschlands) beschlossen, einen Ausschuß für die Kriegs- und Wehrverfassung zu bilden, in welchen unter Anderen Teichert und Stavenhagen erwählt sind. Hierauf lange Verhandlungen über Böhmen und Mähren, wobei ein Abgeordneter Jeiteles aus Olmütz sagte: er wünsche, daß das Jahr so fruchtbar sei an Getreide und Kartoffeln — wie an Reden. Allerdings werden mit diesen, und mit Erklärungen und Proklamationen der Versammlung, die großen Gegensätze und Zwistigkeiten der Tschechen und Deutschen nicht ausgeglichen werden. Hofft man indessen davon Trost und Hülfe, so mag man sie (vorsichtig gefaßt) immerhin ergehenlassen. Weit heftigerer und ungebührlicher Streit und Lärm erhob sich über die Frage: ob die erwählten Abgeordneten für den deutschen Theil Polens sollten zugelassen werden. Die Linke, welche gern Händel für die Deutschen in Schleswig suchte, will (die Polen unverantwortlich und inconsequent mehr begünstigend) jene Abgeordneten ausschließen. Endlich wurden sie vorläufig zugelassen, die staats- oder völkerrechtliche Frage aber an den Ausschuß verwiesen, wo ich darüber mitsprechen und entscheiden muß. Gewiß ist bei dieser Thätigkeit und Mühe mehr Zusammenhang und Erfolg, als bei der Rederei in den verschiedenen Quasiklubs. Doch mag dies als Ableiter dienen, sonst würden sich noch Mehre in der Hauptversammlung vordrängen. Man sollte, da die Redelustigen jede ihrer Reden doch wohl auf 5 Thlr. Werth schätzen, diese Summe (etwa für die deutsche Flotte) abfordern, um diese flott zu machen oder den Andrang zu vermindern. — Merkwürdig, daß bei jener Polenfrage die Ansicht der Funfziger von der Linken als maßgebend hervorgehoben wurde, während kein Redner der Aufnahme Posens in den deutschen Bund durch die Bundesversammlung erwähnte.
Es war im Hirschgraben wieder, in meiner Abwesenheit, davon die Rede gewesen, daß ich einProgrammfür die Gesellschaft entwerfe. Bei meiner Abneigung gegen bindende Glaubensbekenntnisse undgegen den Schein, als wolle ich mich der äußersten Rechten unbedingt anschließen, lehnte ich den Antrag ab. Ebenso den Vorschlag Lichnowsky’s: drei Männer (darunter ich) sollten zwei verschiedene Gesellschaften sogleich besuchen und bis morgen entscheiden, ob und welcher man beitreten, oder ob man fernerhin im Hirschgraben weiter beisammen bleiben wolle. Eine solche Diktatur dreier Männer, ohne Rückfrage und nähere, nochmalige Berathung, würde sich gewiß keiner langen und allgemeinen Beistimmung erfreut haben. Lichnowsky’s Weissagung: die Gesellschaft im Hirschgarten werde sich auflösen, hat indeß guten Grund. Denn die Leute wollen lieber Alles durcheinander durchplaudern, und die politische Weisheit gleichzeitig mit Wein, Bier, Punsch, Beafsteaks, Cotelettes, Kartoffeln und Cigarren hinunterschlucken. Mir ist (nachdem ich des Tages Last getragen) solch Pandämonium für Leib und Seele unbequem, wo Kellnergeschrei und Teller- und Gläsergeklapper, die Janitscharenmusik zu der eingebildeten demosthenischen Weisheit bildet.
Die Gesellschaft im Hirschgraben (um nochmals darauf zurückzukommen) gilt, obwohl mit Unrecht, für die äußerste Rechte, zu welcher sich die Meisten so wenig bekennen wollen, als zur äußersten Linken. Deshalb wird sie sterben, und jeder Gemäßigte sich anderwärts anschließen, wenn er überhaupt das Bedürfniß fühlt sich einzupferchen. Lichnowsky ist nicht ohne Geist und Rednertalent, aber viel zu ungeduldig und leidenschaftlich. Wäre Arnim kein Graf, so würde man seine Vorzüge mehr anerkennen. W. ist bereits verbraucht, weil er sich vordrängte; v. S. hatte kein Talent zu präsidiren und die Leute in Thätigkeit zu versetzen. — Allerdings wird die einigere, jedes Mittel anwendende äußerste Linke, sich länger halten, als die äußerste Rechte; wenn aber kein Krieg und kein einschüchternder Krawal eintritt, bleibt sie gewiß in der Minderzahl. Gestern machte — den Vorschlag, den Herzog von Limburg (d. h. den König der Niederlande) sofort über sein Benehmen gegen dies Land, gleichsam studentenmäßig zu coramiren und zu so vielen Händeln, noch eine Maulhelden-querelle d’Allemandanzufangen. Bei der Abstimmung erhob sich jedoch (die Versammlung ist bereits gewitzigt) außer — nurEinerfür den Aberwitz.
Den 6. Junius.
Gestern Nachmittag erhielt ich zu großer Freude Euern den dritten Nachmittags zur Post gegebenen Brief. Wäre nur der Zustand Berlins erfreulicher. So lange man jeden Unruhstifter gewähren läßt, anstatt ihnen muthig entgegenzutreten und sie zu bestrafen, oder kurzweg auszuprügeln, werden die Verhältnisse nicht besser werden. Hoffentlich wächst den Stadtverordneten der Muth, und die akademischen Behörden schicken Die unerbittlich fort, welche die Gesetze übertreten.
Ich bin in einem Lebensalter, wo man eben nichts mehr zu hoffen und zu fürchten hat, und werde also über alles Das, was von Außen mir widerfährt, Haltung und Gemüthsruhe nicht verlieren; aber ebensowenig mich feige auf die Flucht legen. Ich werde mich nicht vordrängen und überschätzen, aber ebensowenig schweigen, oder Halbheiten auskramen, oder mich verblüffen lassen, wo es darauf ankommtrücksichtslos die Wahrheit zu sagen. Das ist, mit Verschmähung aller Heuchelei und Künstelei und Superklugheit, mein unbedingter Grundsatz gewesen, das ganze Leben hindurch. Und ich bin, vermöge desselben, auch besser hindurchgekommen, obenauf geblieben und selbst von Gegnern mehr geehrt worden, als wenn ich mich auf eine Art Diplomatik gelegt hätte, die meiner Natur zuwider ist.
Von Balan lieh ich mir ein Buch vom Grafen de la Garde über die Frivolitäten des wiener Congresses, geschrieben mit dem Glanze oberflächlicher Hofschranzerei und plattirter Nichtigkeit. Es thut eine furchtbare Wirkung, wenn man gleichzeitig an die jetzigen Zustände Wiens denkt.