Siebenter Brief.

Siebenter Brief.

Frankfurt a. M., den 7. Junius 1848.

Der Antrag, welchen ich meinem letzten Briefe beilegte, über die Errichtung einer engern Regierungsgewalt, ist von großer Wichtigkeit und bedeutenden Folgen. Deshalb sagen Einige: man hätte ihn gar nicht machen sollen, da die bisherigen Mittel und Formen zu den angestrebten Zwecken hinreichten, die Entwerfung und Annahme einer neuen deutschen Verfassung abzuwarten ist, und die Gewalt der (ohnehin zu anmaßenden) Reichsversammlung dadurch übermäßig erhöht wird. Denn die drei Direktoren verwandeln sich gewiß bald in gehorsame Diener der Versammlung; was in letzter Stelle zum Widerspruch der einzelnen Staaten und zum Verfehlen der bezweckten Einigkeit führt. — Diese Ansichten und Gründe entbehren keineswegs aller Wahrheit; es ist aber bei der jetzigen Stimmung der Versammlung ganz unmöglich, dieselben durchzusetzen, und die Ernennung einer Regierungsbehörde ganz zu vermeiden. Man muß diese, als einen auf wenige Personen zusammengedrängten Bundestag betrachten, und die Wahl auf Männer allgemeinen Vertrauens richten, oder (da dies so häufig wechselt) auf Männer solcherGeistes- und Willensstärke, daß sie sich Ansehen erzwingen. Die Besorgniß, daß sich die zwei andern Direktoren, stets wider den preußischen vereinigen würden, ist bei der jetzigen Lage Österreichs wohl nicht zu befürchten. Eher dürfte Preußen oft in der Minderzahl bleiben, wenn man die Zahl der Direktoren auf fünf erhöhte. — Hoffentlich hält sich die Versammlung in den ihr (obwohl etwas zweideutig) gesetzten Schranken, und lähmt nicht die Wirksamkeit und nothwendige Unabhängigkeit durch stetes Einreden und die sonst so lebhaft getadelte Vielregiererei. Mehr hievon, wenn die Sache in der Versammlung zur Berathung kommt.

Für die schwierige und mit Worten nicht zu lösende Frage: „über die Verhältnisse der Slaven zu den Deutschen in den österreichischen Staaten“, ward heute ein besonderer Ausschuß ernannt, und dabei geltend gemacht, daß die bedrängte österreichische Regierung einer deutschen Unterstützung bedürftig sei und sie verdiene. N. wollte hierauf entwickeln, was sich, besonders hinsichtlich Italiens, gegen die österreichische Regierung sagen lasse, und sprach dabei von ihrerThorheit. Dieser Ausdruck ward von Etlichen, selbst vom Präsidenten gerügt. Anstatt ihn sogleich zurückzunehmen oder höflich zu berichtigen, suchte er seine Angemessenheit zu erweisen; was jedoch zu lebhafterem Widerspruche, besonders seitens mehrer Österreicher führte und seine Sache immer mehr verdarb. — So hat er durch ein der Wahrheit nachtrachtendes, aber zu schroffes, unvermittelndes Verfahren, sich Das zugezogen, was ich ihm vor drei Tagen buchstäblich weissagte.

Bei einem andern Zwischenspiel offenbarte sich wieder einmal die, anderes Böse bezweckende, Abneigung gegen Preußen. Robert Blum (und ähnlich gesinnt zeigen sich mehre sächsische Abgeordnete) behauptet von einem (nicht genannten) Minister gehört zu haben: daß Preußen mehren deutschen Staaten den Rath gegeben, durch landschaftliche Versammlungen, die Wirksamkeit der frankfurter zu vernichten oder sie gewissermaßen zu sprengen. — Wäre ein ähnlicher Rath gegeben, so könnte es nur den Sinn haben, dieallgemeinendeutschen Rechte und die dereinzelnenStaaten in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Nun übergiebt aber ein preußischer Abgeordneter ein amtliches Schreiben unseres (verantwortlichen) Ministers der auswärtigen Angelegenheiten des Hrn. v. Arnim, worin dieserfeierlichläugnet, daß jemals Schreiben in jener Beziehung erlassen worden. — Ueberdies behauptet R. Blum: sein ungenannter Minister (oder, wie jetzt die Sachen stehen, seine Klatscherei) verdiene ebenso viel Glauben. Man hat ihn aber hiemit nicht durchgelassen, sondern darauf gedrungen, daß er Beweise beibringe,damit man sehe, wo das Unrecht stecke, bei Arnim, dem Unbekannten, oder R. Blum.

Den 8. Junius.

Gestern war ein wunderschöner Abend; ich ging um einen Theil der mit Gärten und schönen Anlagen umgebenen Stadt. Blühende Rosen und Sträucher, Bäume noch im frischesten Grün, und eine Himmelspracht und Glut, die nicht glänzender sein konnte. Solche erheiternde und beruhigende Augenblicke thun hier wahrlich noth.

Viele preußische Abgeordnete sagen: Preußen ist überall (besonders in Sachsen und Süddeutschland) so unbeliebt, so verläumdet, so verhaßt, daß man schlechterdings schweigen muß, um das Uebel nicht noch zu erhöhen. Jedes bestimmtere Auftreten, jedes zur Vertheidigung gesprochene Wort hat gefährliche Wirkungen und kann Alles verderben. — Ich habe zeither dieser Schlußfolge widersprochen, mich aber dennoch ihr murrend gefügt. Das muß aber ein Ende nehmen. Täglich wird Preußen angegriffen und verdächtigt, täglich muß man sich von Maulhelden behandeln sehen, als wäre man angesteckt, verpestet, von Gewissensbissen geplagt, und wohl gar noch dankbar für die verdiente, gnädige Strafe. Seit 14 Tagen sitze ich überbescheiden da, wie ein stummer Hund, der nicht bellen kann. Meine Geduld ist zu Ende, und ich werde Gelegenheit suchenundfinden, meinen Mund aufzuthun. Die Champagnerflasche ist nicht flattirt, sonder injuriirt und der Pfropfen muß heraus. Für das Ganze kann daraus nichts Böses folgen; mein Gewissen spricht mich frei, und Zischen und Trommeln soll mich nicht abhalten, nachDr.Luther’s Spruch zu verfahren.

In der heutigen Sitzung wurden Berichte der Ausschüsse vorgetragen über Schleswig-Holstein, Luxemburg und die zu gründende deutsche Flotte. Hierauf Verhandlungen, ob die Reichsversammlung in Frankfurt sicher sei, zu ihrer Sicherung Vorkehrungen zu treffen, Commissionen zu ernennen, oder mit dem hiesigen Magistrate Verhandlungen zu eröffnen. Alle Vorschläge wurden zuletzt abgelehnt, weil die Gefahr nicht erwiesen, Furcht nicht zu zeigen und Verhandlungen mit dem (wohlgesinnten) Magistrate überflüssig, oder der Versammlung nicht würdig seien. Beiläufig kam zur Sprache daß man, nöthigen Falls, die Versammlung nach Erfurt, Nürnberg, Regensburg, Wien verlegen solle.

Nochmals Vorträge über R. Blum’s Anklagen. Er wiederholt, daß das Vorgebrachte, ihm und zwei namhaft gemachten Zeugen von einem Minister gesagt worden. Nachdem Auerswald und Lichnowsky gegen, Schaffrath für ihn gesprochen, nahm die widerwärtige Erörterung (über welche noch Unzählige sprechen wollten) ein unentscheidendes Ende.


Back to IndexNext