Sechsundzwanzigster Brief.

Sechsundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. Julius 1848.

Gestern Nachmittag machte ich einen langen Spaziergang, nach einer mir noch ganz unbekannten Gegend. Auch hier fand ich eine Überzahl schöner Landhäuser, reich geschmückter Gärten, großer gesunder Bäume; dann fruchtbare, wohlangebaute Felder. Alles vereinte sich zum angenehmsten, heitersten Eindruck; obgleich mit der begonnenen Roggenernte und dem Verschwinden der Rosenblüthe sich der Spätsommer bereits ankündigt. Weiter und weiter gehend, kam ich unerwartet zu einem Orte, von dem man mir gesagt: er sei zu entfernt, als daß man ihn zu Fuße erreichen könne. Jeder erreicht ihn indeß zu Fuße, zu Pferde, zu Wagen; ja, selbst dann, wenner zu Hause bleibt. Auch mir wird daselbst bald eine freie Wohnung angewiesen werden. DerFriedhofgehört zu den anmuthigern in Deutschland, obwohl er keine Kunstdenkmale zeigt. An der einen langen Seite des, mit Mauern umschlossenen Gartens läuft ein Bogengang, an dessen hinterer Wand die Namen der Familien und ihrer Begräbnisse verzeichnet sind. Im Freien stehen einzelne kleine Denksteine gleichsam in der Einsamkeit; an anderer Stelle drängen sich die weißen, mit Namen bezeichneten Kreuze. Diese hölzernen Kreuze verlängern das Andenken, wenigstens auf einige Zeit. Bald aber ergreift der Tod auch sie; etwas später die steinernen Denkmale; bis man dereinst an ausgegrabene Schädel die Vermuthung knüpft: hier sei ein Friedhof — oder ein Schlachtfeld gewesen! Beides zeugt für dasselbe, für die Hinfälligkeit und Veränderlichkeit alles Irdischen!

Es steht geschrieben: ihre Werke folgen ihnen nach. Heißt das: sie sind vorgeübt für ein neu beginnendes höheres Dasein, und kommen deshalb in eine höhere Klasse? Oder muß ein Schriftsteller den Spruch so deuten: seine gedruckten Werke werden sogleich, oder bald nachher auch begraben? Unzählige Blumen und Kränze bezeugten die herzliche Theilnahme der Überlebenden: aber die Blumen vertrocknen und die spätern Geschlechter wissen nichts mehrvon früherer Liebe, Theilnahme, Schmerzen, Hoffnungen. — Mit ernsten, wehmüthigen Gedanken wanderte ich durch Seitenwege, über Felder und Gärten zurück, und ging (so schnell wechseln Handlungen und Stimmungen) ins Schauspiel.

Oberon war plötzlich heiser geworden, deshalb gab man Stadt und Land; nicht von der Birch-Pfeiffer, sondern ein wiener Stück, mit der dortigen Gutmüthigkeit, Heiterkeit und lustigen Witzen ausgestattet. Daß das Land den sittlichern Gegensatz zur verbildeten Stadt bietet, versteht sich von selbst. Der verschmähte Bruder Ochsenhändler fällt in die Kreise seines vornehm gewordenen Bruders nieder und verursacht Jammer und Noth, bis er diesen zuletzt aus der Noth rettet. Des Vornehmen kränkliche Tochter ist auf dem Lande bei ihrem Oheime leiblich und geistig gesund geworden; des Ochsenhändlers Tochter in der Stadt eitel und herzlos — und wie die Gegensätze weiter lauten. Keiner spielte schlecht; der Ochsenhändler (Hr. Merk) und ein, seinen Herrn (wegen der ihm bekannten Herkunft desselben) beherrschender, hochmüthiger, faul geldgieriger Bedienter (Hr. Hassel) zeichneten sich aus, sodaß ich mich sehr gut amusirte und Gottlob (Staat und Kirche vergessend) von Herzen lachte!

In der heutigen Sitzung ward ein Schreiben der nach Wien gesandten Abgeordneten verlesen, worinsie Bericht erstatten, mit welcher Theilnahme, mit welchem Jubel man sie, ihrer Botschaft halber, in allen Orten (besonders in Regensburg, Linz und Wien) empfangen habe, wie sie dem Erzherzog Johann vorgestellt worden, was er geantwortet u. s. w. Auch in der Paulskirche erhob sich theilnehmender Beifallsruf; nur die Linke blieb schweigend sitzen. Sehr überraschte die Nachricht, der Erzherzog werde bereits morgen hier anlangen, sodaß die großen Festlichkeiten, welche Frankfurt bezweckte, gutentheils wohl unterbleiben müssen.

Hierauf begann eine stundenlange, ganz unnütze Rederei über Zeitungsnachrichten, den in Holstein abgeschlossenen Waffenstillstand betreffend. Einige Redner der Linken spielten hiebei Grobheiten gegen den König von Dänemark und die Dänen aus, oder verläumdeten die Preußen. Das allgemein bezeigte Mißfallen und der Ruf zur Ordnung können Leute nicht einschüchtern, deren liebste Nahrung eben die Unordnung ist. Brachte doch V. den Aberwitz vor: die Preußen föchten in Holstein verrätherisch Kriegfürden König von Dänemark undgegenDeutschland! Das Ende war der Beschluß: zur Tagesordnung überzugehen; das hieß: nachdem man die Zeit und den Tag verloren hatte, nicht zur Tagesordnung, sondern nach Hause zu gehen!

Den 11. Julius.

Gestern Abend drei Stunden lang im Ausschusse; diesmal zwar nichtmitden Polen, aber dochüberdie Polen. Gemüthliche Schwäche, sentimentale Theilnahme, Rechtsgefühl sind weit häufigere Eigenschaften, als politischer Verstand und staatsmännische Weisheit. So kamen bei den gestrigen Erörterungen sonderbare Ansichten zu Tage, z. B. im Staatsrechte gebe es keine Verjährung, Abgezwungenes (etwa durch nachtheilige Friedensschlüsse) werde nie ein rechtlicher Besitz, sondern der rückfordernde Anspruch dauere bis in Ewigkeit; die von König F. W. III. den Polen freiwillig versprochene Erhaltung ihrerNationalität, schließe die Errichtung einer selbstständigen polnischen Herrschaft in sich; eben so sei das WortOrganisationjetzt zu verstehen, und überlasse die posener Deutschen den Polen! Ansichten so einseitiger, wunderlicher Art werden jedoch in der hiesigen Versammlung schwerlich jemals das Übergewicht gewinnen.

Der heutige Tag ist kalt, dunkel und regnerisch, also sehr ungünstig zum Empfange des Erzherzogs im Freien. Doch brachte man schon gestern Abend ganze Fuhren von grünen Bäumen und Zweigen herbei, und befestigte Fahnen und Kränze an den Häusern.

Die Commission, welche dafür ernannt war, machteüber den Empfang des Erzherzogs in seiner Wohnung, Einführung in die Reichsversammlung, Anrede des Präsidenten u. s. w. verständige Vorschläge, deren einfache Annahme, ohne Erörterung, man erwartete. Dennoch eilte Hr. Simon aus Trier auf die Rednerbühne und behauptete: Niemand solle den Erzherzog empfangen, er solle zuuns, den Vornehmern, kommen. Und Hr. Wesendonk aus Düsseldorf verlangte, daß des Präsidenten zu sprechende Worte vorher mitgetheilt und durchcorrigirt würden. Beide Anträge fanden aberfast gar keineUnterstützung; selbst die Galerie hatte Gefühl für Schicklichkeit und Anstand — —

Funfzig erloosete Mitglieder der Reichsversammlung werden den Reichsverweser empfangen. Fahnen, Kränze, mit Eichenlaub geschmückte Hüte, Soldaten, Bürgerwehr, Zünfte, Alles in höchstem Prunke, am Thore eine geschmackvolle Ehrenpforte, Volk auf und ab wogend, alle Fenster voll, meist von Frauen und Mädchen.

7 Uhr.So eben habe ich den Erzherzog und den ganzen Zug, von einem guten Straßenplatz auf der Zeile gesehen. Er hat den gutmüthigen Ausdruck des österreichischen Hauses, und der Empfang war so freundlich, die Theilnahme so groß und allgemein, als man zu seinem und des Vaterlandes Wohle nur wünschen kann. Nach einigen Tagen(so höre ich) und nach Errichtung der Ministerien will er Frankfurt verlassen, in Wien den Reichstag eröffnen und bald zurückkehren. Niemand kennt die Zukunft; doch muß ich es (wie ich wohl schon früher schrieb) für einen großen Gewinn halten, daß ein Mann gewählt ward, der in der Reichsversammlung eine so entscheidende Stimmenmehrheit hatte, und für den sich alle Regierungen aufrichtig erklären. Die Anarchisten sind dadurch sehr in ihren Planen gestört worden. Mögen sie nur in Berlin nicht die Oberhand wieder gewinnen. Die letzten Sitzungen des Landtages zeigen weder Inhalt, noch Haltung, noch Würde, und der beginnende Zank zwischen der zeither allzuzahmen Stadtbehörde, und der allzu anmaßenden Bürgerwehr, giebt schlechte Aussichten. Mit Recht weiset Sydow den hochmüthigen Brief einiger Wahlmänner muthvoll zurück. Eben so Schreckenstein die Einmischung einzelner Abgeordneten in die Kriegsverwaltung. Mögen ihn nur seine Kollegen nicht im Stich lassen.


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