Siebenundzwanzigster Brief.

Siebenundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Julius 1848.

Heute, so ist die Voraussetzung, wird der Erzherzog in der Reichsversammlung erscheinen. Der Andrang nach Eintrittskarten ist so groß, daß man sie für hohen Geldpreis, oder Frauengunst, hätte los werden können. Ich habe die meine, wie zeither immer, den lieben Töchtern meiner Frau Wirthin überlassen.

Man bezeichnet diesen Tag, als höchst wichtig für die weitere Entwickelung und Geschichte Deutschlands. Wer hätte vor Jahr und Tag vorausgesagt: daß einso erwählterReichstag, einen österreichischen Erzherzog erwählen und jede Regierung dankbar einwilligen würde! Die Wahl, die Form jenes Reichstags zeigt eine Erhöhung der Volksgewalt und eine Minderung der fürstlichen Macht, wie sie in der deutschen Geschichte so groß und rasch noch nicht vorgekommen. Jahrhunderte lang kämpften die Fürsten gegen den Kaiser, um die Landeshoheit zu erobern; jetzt bewegt sich der Streit (nach Beseitigung des Kaisers) zwischen Fürsten und Volk mit augenscheinlichem Übergewichte des Letzten;so lange es sich nicht zur Anarchie verlocken läßt, woraus die Fürstengewalt wieder auferstehen würde.Wenn gleich der hiesige Reichstag noch keine Geld- und Kriegsmacht besitzt, dann doch eine große moralische Kraft und eine sehr hohe Meinung von sich selbst. Die letzte kann (Feigeren gegenüber) zum Siege, oder (Gewandteren gegenüber) zum Sturze führen. Die Fürsten sind (schon ihrer Persönlichkeit wegen) jetzt meist unbedeutend; vereinzelt werden sie keinen Boden gewinnen. Wie aber, wenn der Reichstag (und dazu ist er sehr geneigt) für die angepriesene Einheit Deutschlands zu viel thäte, zu viel von hier aus vorschriebe, auf örtliche und landschaftliche Ansichten und Wünsche keine Rücksicht nähme und das Allgemeine über alle noch lebendigen Besonderheiten hinaufstellte? Dann könnte, ja würde sich Fehde erheben, zwischen den ihr eigenthümliches Dasein vertheidigenden, deutschen Volksstämmen und dem (nach französischer Weise) centralisirenden Reichstage, und Reichsoberhaupt und Fürsten würden die eine, oder die andere Richtung mit vertreten müssen. Die Gironde war außer Stande, Frankreich in einen Bundesstaat zu zerfällen; Gedanke und Gewohnheit der unbedingten Einheit war zu tief gewurzelt und der Wille von Paris zu vorherrschend, als daß man in Erneuerung landschaftlichen Lebens nicht mehr Verlust, als Gewinn gesehen hätte. Verfehlen Reichstag und Reichsverweser das rechte Maß ihrer, meist vom guten Willen der einzelnen Staaten abhängigen,Einwirkung; so könnte in Deutschland das Umgekehrte eintreten. Die Art, wie verläumdungssüchtige Schreier hier nur zu oft Preußen behandeln, schwächt selbst bei dessen Abgeordneten die Begeisterung für die, blos dem Namen nach vorhandene Einheit und Einigkeit Deutschlands, und erweckt den Zweifel: ob sie sich nicht bei dem alten, abgeschlossenen Preußenthum besser befunden hätten und auch künftig befinden würden? Wären unsere heimischen Zustände nicht so beklagenswerth, zeigte sich im Landtage mehr Geist und Charakter, hätten die Machthaber nur etwas von dem einfach verständigen Regierungstalente Friedrich’s II. — —, so — aber!!! Man könne, trübe gestimmt, ausrufen:quos Deus vult perdere, dementat!

Dem Einzelnen ist einunvermeidlichesLebensziel gesetzt; alle Weisheit und Tugend, alle Mäßigung und Besonnenheit, können es niemals abwenden. SolchnothwendigerTod ist Völkern nicht vorbestimmt; sie sind unsterblich, wenn sie das Rechte wollen und vollbringen. Ja, sie können aus Todesgefahren (wie 1813) verjüngt hervorgehen; sie büßen aber schnell die hergestellte Jugendkraft wieder ein, wenn sie dieselbe nicht üben, oder mißbrauchen.

Sollten denn die Deutschen weniger Kraft besitzen von ihren politischen und geselligen Krankheitenwieder zu erstehen, wie die Franzosen? Sind die unseren etzt wirklich so groß, wie die französischen? Freilich, wenn man sich zu den eigenen Krankheiten, die fremden thöricht einimpft, oder sie für Gesundheitsmittel hält; — dann ist die Herstellung und Heilung doppelt schwer. Communismus, Socialismus, Organisation der Arbeit, oder wie die Quacksalbereien politischer Tollhäusler sonst heißen, sind jedoch durch pariser Blut wohl auch für Deutschland fortgeschwemmt worden, und eine heilige Scheu eingetreten sich aus Louis Blanc’s Sudelapotheke Arznei gegen die Leiden der Menschheit zu holen. Der völlig mißlungene Versuch wird mit doppelter Bestimmtheit auf die rechte Bahn hinweisen.

Gestern begegnete ich — in Gesellschaft eines limburger Abgeordneten, der seine Ansicht über die Angelegenheiten dieser Landschaft für einleuchtend und unläugbar erklärte, den Widerspruch der niederländischen Regierung nirgends berücksichtigen wollte und, mit Zurücksetzung aller völkerrechtlichen Formen, vom Reichstage einen augenblicklichen Beschluß verlangte, der Deutschland in einen Krieg mit Holland (wie mit Dänemark) verwickeln müßte. Nachdem ich ohne Erfolg höfliche Gründe ausgesprochen hatte und der Unfehlbare immer schärfer auftrat, ließ ich meinen Gedanken und meiner Zunge auch freiern Lauf,habe aber den Beifall des Eiferers gewiß nicht gewonnen; — worauf es indeß auch gar nicht abgesehen war. Gegen derlei bergab stürzende Männer, wird der Reichsverweser und sein Ministerium doch als nützlicher Hemmschuh wirken.

Die heutige Sitzung begann mit einem Berichte Heckscher’s (eines der an den Reichsverweser geschickten Abgeordneten) über die Hinreise, Aufnahme in Wien und die Rückreise. Er war höchst anziehend und erfreulich. Ihr müßt ihn in den Zeitungen, oder den stenographischen Berichten lesen, die ich an S. schicke. Überall dieselbe Theilnahme für Deutschlands Wohl und Einigkeit, Jubel über die Wahl des Erzherzogs, nirgends eine Spur rückläufiger Bestrebungen, überall Sinken, oder Verschwinden der anarchischen Richtung, selbst in Breslau Vorherrschen, in Leipzig voller Sieg der Gemäßigten. Thut endlich auch Berlin seine Pflicht, so kann man sein Haupt ohne Scham wieder erheben; und nach den Thorheiten der Absolutisten und Anarchisten, auf Gründung von Maß und Ordnung hoffen.

Nach Anhörung des Heckscherschen Berichtes holten die 50 erlooseten Abgeordneten den Reichsverweser in seiner Wohnung ab. Der Präsident v. Gagern redete ihn in kurzer zweckmäßiger Weise an und das Gesetz über die Centralgewalt ward verlesen. Der Reichsverweser antwortete mit starker, fester Stimme,versprach das Gesetz zu halten und alle Kräfte seinem neuen Berufe zu weihen; auch habe ihn der Kaiser (sobald nur der Reichstag in Wien eröffnet worden) von allen weitern Pflichten entbunden. Der Rede folgte lauter, anhaltender, allgemeiner Beifall. Ob sich indeß Einige von der Linken ausgeschlossen haben, konnte ich nicht sehen. Gewiß waren mache ihrer Plätze leer, und so drängten denn die Damen in den, für die Abgeordneten bestimmten Raum und saßen in mancher Gegend mit diesen vermischt, — Folge ihrer Unwiderstehlichkeit, — — —. Der Erzherzog war in einfacher, schwarzer, bürgerlicher Kleidung, hat die Figur meines Vaters; auch erinnert sein Gesicht an diesen, wenn auch dessen Aehnlichkeit mit dem Vicekönige Rainer mir noch auffallender erschien.

Euren Brief vom 10. habe ich heute früh erhalten, und trotz des erhabenen Ernstes des heutigen Tages, mich an den mitgesandten berliner Witzen ergötzt. Wozu Witze? sagte mir ein Abgeordneter; allerdings, antwortete ich, ist ein Groschenbrot nöthiger und nützlicher. Ein anderer Abgeordneter hatte sein Schnupftuch vergessen, holte einen Haufen Papiere aus der Tasche und sagte: so muß ich mich in lauter Amendements schneuzen! — Für die meisten, der kürzeste Weg sie ihrer Bestimmung zuzuführen.

Daß S. abwarten und Berlin nicht verlassenwill, muß ich billigen; soll aber das Briefschreiben eingestellt werden, bis es Rosen und Lilien regnet, oder der Himmel voll Geigen hängt; so kann man alles Briefpapier einstampfen und für die Straßenliteratur umarbeiten.


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