Siebenundsechzigster Brief.
Paris, den 25. September 1848.
Obwohl ich gesonnen bin, Euch vorzugsweise über hiesige Verhältnisse Bericht zu erstatten, beherrscht mich Tag und Nacht die Sorge über die deutschen Angelegenheiten. Der alte Ruhm, oder das alte Eigenlob, von deutscher Bildung und Mäßigung, geht in dem angeblich ruhmvollsten aller Jahre, 1848, verloren. Dagegen ist 1648 vorzuziehen: denn in diesem Jahre kamen die Deutschen wieder zu Verstande; in jenem scheinen sie ihn verloren zu haben. Solche Gräuel, wie sie derAnfangdes neuen Bürgerkrieges in Frankfurt zeigt, sind erst in derspäterenZeit des Dreißigjährigen Krieges vorgekommen, und die neuen Freiheitsproklamationen Struve’s beginnen mit der Einziehung des Vermögens Aller, die ihm nicht feige und knechtisch gehorchen wollen. Paris ist nicht mehr allein das große Babel: die deutsche, überall emporwachsende Brut stellt sich schon in der Wiege ihm gleich, oder wuchert darüber hinaus. —Als gute Folge der frankfurter (von den Anarchistenübereiltherbeigeführten) Ereignisse betrachte ich den daselbst gesteigerten Muth, sie zu bekämpfen, und eine Art Versöhnung zwischen den Freunden der Einheit und der Mannigfaltigkeit Deutschlands. Die Actien Frankfurts, welche hier äußerst gesunken waren, steigen durch den bewiesenen, bisher siegreichen Ernst. Gott gebe, daß die in Mittel- und Süddeutschland aufgestellte Heeresmacht fernerhin Frieden und Ordnung erhalte.
Diegrößte Gefahrist in Berlin! Wenn die neuesten Versuche mißlingen, die Klubs und den Wahnsinn der Versammlung zu zügeln, so wird (wenigstens vor der Hand) die Monarchie zu Grabe getragen. Führt umgekehrt ein Sieg zu alten Mißbräuchen zurück, so bleibt ein zweiter 18. März nicht lange aus. Scylla und Charybdis, durch welche nur ein sehr geschickter Steuermann hindurchzusegeln fähig wäre. Wo ist ein großer Charakter, ein Mann von Muth und Kraft, an den man glaubt, der mit sich fortreißt? — und die noch vorhanden sind, sucht und will man nicht. Welche Männer, welche Einigkeit, welcher Lohn, welche Auferstehung im Jahre 1813; — und jetzt! Erst die volle Kenntniß der vorhandenen Übel und Gefahren läßt die Mittel zu Kampf und Heilung auffinden und anwenden. Wer zuletzt nur mit Seufzen und Händeringen abschließt, ist ein gutes Klageweib, aber kein Arzt. Wäre ich in Frankfurt geblieben, würde ich meinen (wenn gleich homöopathisch kleinen) Antheil zu der Erkenntniß und den Heilmitteln abzuliefern versucht haben. Von hier aus käme Alles zu spät, und ich besitze Selbsterkenntniß und Bescheidenheit genug, mich auf den nächsten Kreis der Pflichten zu beschränken, welche der Himmel mirhierauferlegt hat, und die nicht unbedeutend sind.
Hr. Ledru-Rollin (terroristisches Mitglied desgouvernement provisoire) hatbei, oder vielmehrnacheinem Gastmahl eine Rede gehalten, welche, wenn man sie von großen, Bravos hervorrufenden Redensarten entkleidet, als anzustrebenden Inhalt der Zukunft hinstellt: Steuern in stets wachsendem Verhältnisse, Papiergeld, Propaganda und allgemeinen Krieg!! Diesem Vertheidiger des Convents und seiner Maßregeln ruft dasJournal de débatszu:Ce que le Roi Frédéric-Guillaume a voulu faire pour le moyen âge, Mr. Ledru-Rollin voudrait le faire pour la convention. On sait comme la chose a reussi au delà du Rhin!Bastiat, der Verfasser des geistreichen Büchleins wider die Hochschutzzöllner, hat die Frage: was ist der Staat? ähnlicherweise behandelt. Hiebei zählt er auf, was man jetzt vom Staate fordere, nämlich: Organisation der Arbeit und der Arbeiter, Ausrottung der Eigenliebe, Unterdrückung der Anmaßung und Tyrannei des Kapitals, Versuche über Mist und Eier, Gründung von Musterwirthschaften, Gründung harmonischer Werkstätten, Kolonisirung von Afrika, Ammen für neugeborne, Erziehung der anderen Kinder, Unterstützung für das Alter, Wegschicken der städtischen Bewohner auf das platte Land, Feststellung des Gewinnes von jedem Gewerbe, zinsfreie Darlehen an Alle welche sie verlangen, Befreiung von Italien, Polen und Ungarn, Erziehung und Vervollkommnung der Reitpferde, Begünstigung der Kunst, Bildung von Sängerinnen und Tänzerinnen, Handelsverbote, Handelsflotten, Entdeckung der Wahrheit. Der Staat soll die Seelen der Bürger aufklären, entwickeln, vergrößern, stärken, vergeistigen und heiligen!
Meine Herren! ruft der trübselig aussehende Staat, ein wenig Geduld:Uno a la volta, per carità!u. s. w. u. s. w.
Alle jene Forderungen (und wohl noch mehr) sind wirklich aufgestellt worden. Sie bezeichnen die babylonische Verwirrung und Unwissenheit heutiger Staatsweisen, und müßteneinen alten Professor des Staatsrechtes in Verzweiflung bringen, hätte er nicht gerade Ferien und wären nicht die Studenten schon mit Siebenmeilenstiefeln über ihn hinwegspaziert. Dagegen sagt die Allgemeine Zeitung: Ich lebte hier inthatenloser Verzweiflung und wickele mir (da ich den Minotaurus nicht finden könne) den Faden um die Finger! — Meinethalben!
Ich mache Euch nochmals auf Jerome Paturot von Reybaud aufmerksam: es ist ein geistreiches, witziges, unterhaltendes Werk, aus dem man die hiesigen Zustände, Bestrebungen, Eitelkeiten, Thorheiten u. s. w. sehr gut kennen lernt.
Den 26. September.
Zweifelhaft liegt noch immer die italienische Frage. So wiederholte heute —: man habe keinen europäischen Congreß bezweckt und besorge, daß wenn Deutschland neben Österreich noch besonders vertreten werde, insbesondere Rußland laute Einrede erheben dürfte. Ich erwiderte: Deutschland sei bei den vorliegenden Fragen näher interessirt, als irgend eine europäische Macht, und wenn Österreich, Neapel und Sardinien nicht widersprächen, so schiene noch weniger Grund vorhanden zu sein, daß England und Frankreich Besorgnisse zeigten. Der Kaiser von Rußland habe seine feste mächtige Stellung in Europa; England und Frankreich wüßten sehr wohl, was er wolle und bezwecke, und seine Wünsche und Forderungen würden gewiß nicht unberücksichtigt bleiben. Die deutsche Centralgewalt hingegen sei eine neue, deren Macht, Werth und Einfluß noch keineswegs überallrichtig gewürdigt und anerkannt werde. Das Beiseitesetzen derselben erscheine also nicht (wie bei Rußland) als eine bloße, fast gleichgültige Förmlichkeit, sondern als eine bedeutungsvolle Thatsache. Überdies sei die Stimmung von Deutschland hinsichtlich dieser Angelegenheitso, daß man sich leicht sehr verletzt fühlen dürfte, und es erscheine nicht rathsam dieFormals Entschuldigung voranzustellen, wo es sich um einenInhalthandele. Die Besorgniß endlich, daß man einen Störefried zum Congreß senden werde, habe nach Herstellung eines gemäßigten Ministeriums keine Bedeutung mehr u. s. w.
Ich hoffe, die gründliche frankfurter Darlegung der Verhältnisse in dem hier eingegangenen und mitgetheilten Schreiben wird endlich eine günstige Entscheidung herbeiführen. — bemerkte jedoch: es sei weder eine leichte noch erfreuliche Aufgabe, Schwierigkeiten lösen und Parteien versöhnen zu lassen, welche täglich schroffer entgegentreten. Nachrichten aus Turin zu Folge wären die Italiener gereizter als je (plus montés) und die Aussicht, daß Österreich in dem ruhigen Besitze der Lombardei bleiben könne, habe sich in den letzten 14 Tagen wiederum vermindert. Die Sieger hätten nicht verstanden die Gemüther zu gewinnen, Auswanderungen dauerten fort und auch das Landvolk werde unruhig und den Österreichern abgeneigt u. s. w. — Diese läugnenihrerseits die Wahrheit dieser Anklagen und behaupten: sie beruhen auf leidenschaftlichen Berichten entflohener Aufrührer u. s. w.
Mittags.
Gestern Abend war ich bei dem Präfekten der Seine, Hrn. Trouvé-Chauvel. Das neue Gebäude der Mairie und die Wohnung des Präfekten ist höchst prachtvoll und sehenswerth. Die Erleuchtung glänzend, alle Säle und Stuben überfüllt von Nationalgardisten, unter denen einige schwarze Würmer einzeln und mühsam umherkrochen, oder sich durchwanden. Von Gesprächen oder Erfrischungen also natürlich nicht die Rede. Die Luft (obgleich einige Fenster geöffnet waren und die Zimmer sehr hoch sind) doch überhitzt und kaum athembar. — Hr. Trouvé stand an der Thür und war genöthigt, unzählige freundliche Bücklinge zu machen, und unzählige Hände aller Art zu drücken. Seine Frau (Leidens- und Freudensgefährtin) saß neben ihm allein, wie auf der Sellette. Macht das nun glücklich, ist das Geselligkeit? Geselligkeit der höchsten, ausgebildetsten, pariser Art? Ich kann mir wohl denken daß hungrige Proletarier, welche dies sehen, oder davon hören, Lust bekommen drein zu schlagen und zu plündern!
So lange Cavaignac und Bastide an der Spitze stehen, hat Deutschland von Frankreich nichts zu fürchten, unsere Wühler haben nichts zu hoffen. Daher verwandelt sich ihr früheres Lob der hiesigen Regierung bereits in bitteren Tadel, und sollten sie einst mich und meine Bestrebungen bemerken, werde auch ich ihren Schmähungen nicht entgehen.
Die eine finanzielle Hauptthorheit: „L’impôt progressif“, ist gestern, Gott Lob! in der Nationalversammlung mit 644 Stimmen gegen 96 durchgefallen. Möge es mit dem Vorschlage nur einer Kammer ebenso gehen. — Wie in Deutschland, ist man auch hier über die frankfurter Gräuel empört, und äußert sich bitter über die Unthätigkeit der dasigen Bürgerwehr. In Bezug auf Struve’s neue Schilderhebung heißt es heute in der „Presse“:Si l’Allemagne serait demain une république; tous ces chefs sans talens et sans idées, s’entretueraient, les uns les autres; ou pour échapper à la guerre civile, ils déclareraient la guerre extérieure à l’Europe entière. La plupart des Démocrates unitaires ne savent ce qu’ils veulent ni où ils tendent etc.
Den 27. September.
Endlich ist er mir nach mehrfachem vergeblichen Bemühen gelungen, den sehr beschäftigten und überlaufenen Hrn. Minister Bastide zu sprechen, und zwar
1) über die deutschen Schutzlager;
2) über die gesandtschaftlichen Verbindungen zwischen Frankreich und der deutschen Reichsgewalt;
3) über die italienischen Angelegenheiten.
Obwohl Hr. Bastide die hierauf bezüglichen Schreiben aus Frankfurt kannte, und ich ihm Ähnliches wie dem — bereits gesagt hatte, nahm ich mir die Erlaubniß noch Folgendes hinzuzufügen:
Zu 1) Die Reichsgewalt hat zum Schutze der Ordnung und des Eigenthums den von der französischen Regierung bei ähnlichen Gefahren betretenen Weg ebenfalls eingeschlagen. Da nun Hr. Minister Bastide mir früher selbst sagte: „er halte es für ein Verbrechen, Aufrührer in einem fremden Staate mit Heeresmacht zu unterstützen oder auch nur durch eine Propaganda zu fördern“ — so zweifle ich nicht, daß er in diesem Augenblicke wird bestimmte Befehle ergehen lassen, daß aus Frankreich keine Mannschaft den Aufrührern zugewiesen und keine Kriegsmittel ihnen eingehändigt werden.
Zu 2) Die Annahme des erzherzoglichen Schreibens und die sehr freundliche Art, mit welcher der Hr. Minister mich behandelt, ist allerdings ein erwünschter Anfang zur Anknüpfung diplomatischer Verhältnisse; — aber es ist doch nur einAnfang. Nachdem die Gründe der ersten Zögerung sämmtlich beseitigt sind, und in Frankfurt ein gemäßigtes und kräftiges Ministerium neu gebildet und befestigt ist; nachdem dessen ernste Maßregeln die Einigkeit mit den einzelnen Staaten verstärkt und das Vertrauenerhöht haben; nachdem die Nothwendigkeit einer Reichsgewalt ins hellste Licht gesetzt und ihre heilsame Wirksamkeit erwiesen ist; — möchte kein irgend haltbarer Grund vorhanden sein, auf jenem diplomatischen Wege nichtweitervorzuschreiten und einige Gesandte in Frankfurt und Paris anzustellen oder zu accreditiren. Sobald die französische Regierung die Thatsache anerkennt, daß eine Reichsgewalt gegründet und ein Reichsverweser erwählt ist, so muß sie folgerecht auch auf Das eingehen, was damit unzertrennlich verbunden ist oder daraus entspringt. Wenn Gesandte kleiner deutscher Staaten von Neuem in Paris accreditirt werden und ihre Geschäfte (nach dem technischen Ausdrucke)officiellführen, so erscheint es auf die Dauer unpassend, daß ein Beauftragter der Reichsgewalt jenen nachsteht und nur inofficiöserWeise gehört wird. Ich erlaube mir daher die Bitte: daß der Hr. Minister gütigst angebe, in welcher Weise diese Zweifel und Mißverständnisse am bestenbaldzu lösen sind.
Zu 3) Nach Wiederholung des bereits Geschriebenen und Gesagten, fügte ich hinzu: Seitens der Österreicher wird laut behauptet, daß ohne französische und englische Einmischung der italienische Friede längst würde geschlossen sein, und jedes Hinausschieben der Verhandlungen die Kriegsleiden, die Ausgaben, die Störungen des Verkehres u. s. w. verlängere und erhöhe. Deutschland hat das größte Interesse an einer baldigen Herstellung des Friedens, und seine Theilnahme kann und wird den edeln Zweck nur befördern. Wenn beide oder alle kriegführenden Staaten (Österreich, Sardinien, Neapel) dies einsehen und anerkennen; wie kommt England und Frankreich dazu mehr Besorgnisse zu hegen und gewissermaßen ein Monopol in diesen Angelegenheiten zu verlangen? Deutschland wünscht sehnlichst, immerdar mit Frankreich in den freundschaftlichsten Verhältnissen zu leben; es macht weder anmaßende, noch unbillige, noch unnatürliche Forderungen, es wünscht nur Zeichen wechselseitiger Anerkennung und gegenseitigen Vertrauens. Durch williges Eingehen in die heute besprochenen drei Punkte, legt Frankreich mühelos ein moralisches Gewicht in die Wagschale Deutschlands, und dies wird dankbar die gezeigte Freundschaft anerkennen und die für Frankreich günstige Stimmung verdoppeln. Ein entgegengesetztes Verfahren wird undmußauf dieselbenachtheiligwirken u. s. w.
Auf diese und ähnliche Vorstellungen antwortete Hr. Minister Bastide:
Zu 1) Er freue sich sehr über die Kraft und den Muth, welchen die Reichsregierung in der letzten Zeit entwickelt habe, billige die Aufstellung der Schutzlager und sehe darin durchaus nichts, wasseitens der französischer Republik Besorgnisse erregen könnte.
Zu 2) Er sei bereit, bei den jetzigen Verhältnissen einen französischen Gesandten förmlich in Frankfurt zu accreditiren und seitens der Reichsgewalt in Paris accreditiren zu lassen. In so weit, als jedoch die deutsche Reichsverfassung noch nicht inallenTheilen festgestellt und angenommen sei, geschehe dies natürlich ohne Präjudiz für künftige, vielleichtanders gestalteteVerhältnisse.
Zu 3) Er habe seinerseits jetzt (nach dem Obsiegen der Gemäßigten) gar nichts dagegen, daß ein deutscher Abgeordneter an den Verhandlungen über Italien Theil nehme. Da jedoch von Preußen ein ähnliches Gesuch gestellt worden, und Frankreich durchaus mit England in Übereinstimmung handeln wolle, so werde man eine gleichlautende, und wie er hoffe,genügendeAntwort ertheilen. Es hat für mich keinen Zweifel, daß lediglich der in Frankfurt gezeigte Muth und die Festhaltung an den früher aufgestellten Grundsätzen die hiesige Regierung günstiger stimmte, und jedes heftigere Auftreten meinerseits früher keinen Erfolg, sondern nur ungünstige Antworten (mit Bezug auf die Verwerfung des Waffenstillstandes von Malmoe) würde herbeigeführt haben.